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BISCHOFSSYNODE XII. ORDENTLICHE GENERALVERSAMMLUNG
DAS WORT GOTTES
INSTRUMENTUM LABORIS Vatikanstadt
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
I. Eine erwartete und gut aufgenommene Ankündigung II. Das Instrumentum laboris und sein Gebrauch VORWORT: Geschichtlicher Verlauf Eine gute Zeit voller Früchte
ERSTER TEIL
DAS GEHEIMNIS GOTTES, DER ZU UNS SPRICHT ERSTES KAPITEL A. Gott, der zu uns spricht. Die Identität des Wortes Gottes B. Im Zentrum, das Geheimnis Christi und der Kirche ZWEITES KAPITEL
A. Die Bibel als inspiriertes Wort Gottes und ihre Wahrheit .
Die Fragen Die Heilige Schrift, inspiriertes Wort Gottes . Tradition, Schrift und Lehramt Altes und Neues Testament, eine einzige Heilsökonomie . Pastorale Auswirkungen B. Wie die Bibel entsprechend dem Glauben der Kirche auszulegen ist DRITTES KAPITEL Die Haltung, die vom Hörer des Wortes gefordert wird
DAS WORT GOTTES IM LEBEN DER KIRCHE
VIERTES KAPITEL Das Wort Gottes belebt die Kirche
Pastorale Auswirkungen
FÜNFTES KAPITEL Das Wort Gottes in den vielfältigen Diensten der Kirche
DAS WORT GOTTES IN DER SENDUNG DER KIRCHE
Die Sendung der Kirche SECHSTES KAPITEL Für einen «Weiten Zugang zur Heiligen Schrift» (DV 22) SIEBTES KAPITEL Das Wort Gottes im Dienst und in der Bildung des Volkes Gottes ACHTES KAPITEL Das Wort Gottes, Gnade der Gemeinschaft . Das Wort Gottes als ökumenisches Band
Das Wort Gottes, Quelle des Dialogs zwischen Christen und Juden
Der interreligiöse Dialog
Das Wort Gottes, Sauerteig der modernen Kulturen
Das Wort Gottes und die Geschichte der Menschen
Das Wort Gottes in seiner in Vollendung ist Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch. Der ewig existierende Sohn ist das Wort, das immer bei Gott ist, weil es selber Gott ist: «Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott» (Joh 1, 1). Das Wort offenbart das Geheimnis des Einen und Dreieinen Gottes. Das Wort, von Ewigkeit her von Gott in der Liebe des Heiligen Geistes gesprochen, bezeichnet den Dialog, beschreibt die Gemeinschaft, führt ein in die Tiefen des seligen Lebens der Dreifaltigkeit. In Jesus Christus, dem ewigen Wort hat Gott uns vor der Erschaffung der Welt erwählt, und dazu bestimmt, seine Kinder zu werden (vgl. Eph 1, 4-5). Während der Geist noch über den Wassern schwebte und Finsternis die Urflut bedeckte (vgl. Gen 1, 2), entschied Gott, den Himmel und die Erde durch das Wort zu schaffen, durch das alles geworden ist (vgl. Joh 1, 3). Deshalb finden sich auch in der Schöpfung Spuren des Wortes: «Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, / vom Werk seiner Hände kündet das Firmament» (Ps 18, 2). Das Meisterwerk der Schöpfung ist der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26-27), und in der Lage, sowohl in einen Dialog mit dem Schöpfer einzutreten, als auch in der Schöpfung das Siegel des Schöpfers, des schaffenden Wortes, wahrzunehmen, und durch den Geist in Gemeinschaft mit dem zu leben, der ist (vgl. Ex 3, 14), mit dem lebendigen und wahren Gott (vgl. Jer 10, 10). Diese Freundschaft wurde durch die Sünde der Stammeltern unterbrochen (vgl. Gen 3, 1-24), welche auch den Zugang zu Gott durch die Schöpfung verdunkelte. Aber Gott, der gnädig und barmherzig ist (vgl. 2 Chr 30, 9), verließ in seiner Güte den Menschen nicht. Unter allen Völkern wählte er sich ein Volk aus (vgl. Gen 22, 18) und sprach zu ihm Jahrhunderte langdurch ausgewählte Männer, die Patriarchen und die Propheten, um jene Hoffnung lebendig zu erhalten, welche auch in den dramatischen Ereignissen der Heilsgeschichte Trost gewährte. Ihre inspirierten Worte sind in den Büchern des Alten Testamentes gesammelt. Sie haben die Erwartung der Ankunft des Messias, des Sohnes Davids, des Sprosses aus der Wurzel Jesse (vgl. Hes 11, 1) wach gehalten (vgl. Mt 22, 42). Als dann in der Fülle der Zeit (vgl. Gal 4, 4) Gott den Menschen das Geheimnis seines Lebens offenbaren wollte, das seit Generationen und Jahrhunderten verborgen war (vgl. Kol 1, 26), wurde der Eingeborene Sohn Gottes Fleisch, «das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt» (Joh 1, 14). In allem uns gleich, außer der Sünde (vgl. Hebr 2, 17; 4, 15), musste das Wort Gottes sich auf menschliche Weise ausdrücken, durch Worte und Zeichen, wie sie im Neuen Testament, besonders in den Evangelien, berichtet werden. Es handelt sich um eine Sprache, welche in allem derjenigen der Menschen ähnlich ist, aber keinen Irrtum enthält. In der Schwachheit der menschlichen Natur Jesu Christi entdeckt der Gläubige mit den Augen des Glaubens den Glanz seiner Herrlichkeit, der «Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit» (Joh 1, 14). Mit Hilfe der Worte der Heiligen Schrift ist der Christ in ähnlicher Weise eingeladen, das Wort Gottes zu entdecken, den Glanz der Heilsbotschaft Christi, der Bild Gottes ist (vgl. 2 Kor 4, 4). Es geht hier um einen anspruchsvollen, geduldigen und dauerhaften Prozess, welcher ein geschichtliches und kritisches (auch diachronisches) Studium und die Anwendung einer Vielzahl von wissenschaftlichen und literarischen Methoden (die auf das synchrone Verstehen ausgerichtet sind) voraussetzt, wie sie auch bei der Erforschung anderer Schriften der Menschen angewandt werden. Erleuchtet vom Heiligen Geist, der Gabe des Auferstandenen, und unter der Führung des Lehramtes erforschen die Gläubigen die Schriften und nähern sich ihrer vollen Bedeutung, indem sie dem Wort Gottes, der Person des Herrn Jesus, demjenigen begegnen, der Worte des Ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6, 68). Daher kann das Thema der XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche christologisch verstanden werden: Jesus Christus im Leben und in der Sendung der Kirche. Der christologische Zugang ist notwendigerweise mit einem pneumatologischen Zugang verbunden. Beide zusammen führen zur Entdeckung der trinitarischen Dimension der Offenbarung. Einerseits sichert diese Lesart die Einheit der Offenbarung, insofern der Herr Jesus, das Wort Gottes, alle Worte und Zeichen verbindet, die von den inspirierten Autoren in der Heiligen Schrift wiedergegeben und von der Tradition treu bewahrt werden. Das gilt nicht nur im Hinblick auf das Neue Testament, welches das Geheimnis des Todes, der Auferstehung und der Gegenwart des Herrn Jesus inmitten seiner Kirche d.h. inmitten der Gemeinschaft seiner Jünger, die dazu berufen sind, die heiligen Geheimnisse zu feiern, erzählt und verkündet. Sie, die der Gnade gestatten, die Sünde zu vernichten (vgl. Röm 6, 6), versuchen, sich ihrem Meister gleich zu gestalten, damit in jedem von ihnen Christus leben kann (vgl. Gal 2, 20). Eine ähnliche Lesart gilt auch für das Alte Testament, das – dem Wort Jesu entsprechend – für ihn Zeugnis ablegt (vgl. Joh 5, 39; Lk 24, 27). Auf der anderen Seite erlaubt es die christologische Lesung der Schrift, zusammen mit der pneumatologischen, vom Buchstaben zum Geist, von den Worten zum Wort Gottes aufzusteigen, Es kommt nicht selten vor, dass die Worte ihre eigentliche Bedeutung verbergen, und zwar auf Grund der literarischen Gattung, der Kultur der inspirierten Autoren, ihrer Art und Weise, die Welt und ihre Gesetze zu verstehen. Deshalb ist es erforderlich, in der Vielzahl der Worte die Einheit des Wortes Gottes wieder zu entdecken, die nach diesem unerlässlichen aber anstrengenden Weg mit unerwarteter Klarheit leuchtet, welche bei weitem die Mühe der Suche übersteigt. Diese doppelte und komplementäre Zugehensweise zum Wort Gottes ist im Instrumentum laboris enthalten, das der kommenden Synodenversammlung als Arbeitsdokument dient. Es ist das Ergebnis der Antworten auf die Lineamenta, und damit ein Dokument, das die Überlegungen der Synoden der Katholischen Ostkirchen sui iuris, der Bischofskonferenzen, der Dikasterien der Römischen Kurie, der Vereinigung der Generalobern, aber auch von Einzelpersonen enthält, welche ihren Beitrag zum Nachdenken der Kirche über dieses wichtige Thema leisten wollten. Dieses Nachdenken wurde vom Heiligen Vater Benedikt XVI., dem universalen Hirten der Kirche, geleitet, der sich in zahlreichen Ansprachen zum Thema der Synodenversammlung geäußert und sich unter anderem gewünscht hat, dass die Kirche sich durch die Wiederentdeckung des Wortes Gottes, das immer aktuell ist und nie veraltet, erneuert und einen neuen Frühling erlebt. Auf diese Weise könnte sie in der Welt von heute, die nach Gott und seinem Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hungert, mit neuer Dynamik ihre Sendung der Evangelisierung und der Förderung des Menschen erfüllen. Der Text des Instrumentum laboris enthält ein Mosaik, in dem im Hinblick auf die verbreitete Kenntnis der Bedeutung des Wortes Gottes für das Leben und die Sendung der Kirche die positiven Aspekte überwiegen. Es wird zugleich auch auf Aspekte hingewiesen, die verbessert oder neu zu Bewusstsein gebracht werden müssten. Dies gilt besonders im Hinblick auf einen verbesserten Zugang zur Schrift und ihr stärker kirchlich geprägtes Verständnis. Beides kann nur zu einem größeren apostolischen und pastoralen Eifer in der Verkündigung der Guten Nachricht an die Nahen und die Fernen sowie der Belebung der irdischen Realitäten führen, um so zum Aufbau einer gerechteren und friedlicheren Welt beizutragen. Es ist zu hoffen, dass das Instrumentum laboris, das vom XI. Ordentlichen Rat des Generalsekretariates der Bischofssynode mit Hilfe einiger Experten erarbeitet wurde, für das Nachdenken in der Synode ein brauchbares Dokument darstellt. Es kann die Synodenväter auf dem aufsteigenden und absteigenden Weg der Wiederentdeckung des Wortes Gottes, d.h. bei der Wiederentdeckung des Gottmenschen Jesus Christus, leiten. Dies geschieht in besonderer Weise bei den liturgischen Feiern, die ihren Höhepunkt in der Eucharistie haben, in welcher das Wort seine wunderbare Wirksamkeit zeigt. Denn tatsächlich verwandeln auf Grund des ausdrücklichen Willens Jesu Christi «Tut dies zu meinem Gedächtnis» (Lk 22, 19), die Worte, welche der Priester in persona Christi capitis spricht: «Nehmt, das ist mein Leib» (Mk 14, 22), «das ist mein Blut» (Mk 14, 24) durch das Wirken des Heiligen Geistes, der vom Vater geschenkt wird, das Brot in den Leib und den Wein in das Blut des auferstandenen Herrn. Die Kirche schöpft aus dieser ewigen Quelle der Gnade und der Liebe ihre Lebenskraft und den Schwung für ihre Sendung in der Welt von heute, deren Bewohner eingeladen sind, in der Person Jesu Christi das Wort Gottes zu entdecken, das für jeden Einzelnen und für die ganze Menschheit «der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14, 6) ist.
+ Nikola Eterović
Vatikan, am Pfingstfest 2008
«Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist» (1 Joh 1, 1-4).
I. Eine erwartete und gut aufgenommene Ankündigung Zwölfte Ordentliche Generalversammlung der Synode Die nächste, XII. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die vom 5. bis 26. Oktober 2008 stattfinden wird, hat das Thema Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche. Dieses Thema, das Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. am 6. Oktober 2006 ausgewählt hat, ist von Seiten der Bischöfe und des Volkes Gottes mit breiter Zustimmung aufgenommen worden. Um der gezielten Vorarbeit eine Orientierung zu geben, wurden die Lineamenta in der Absicht vorbereitet, im Licht des II. Vatikanischen Konzils über die Erfahrung des Wortes Gottes nachzudenken, welche die Kirche in der Verschiedenheit der Traditionen und der Riten macht, und dabei auch auf die Glaubensmotivation Bezug zu nehmen sowie eine differenzierte Reflexion über die verschiedenen Aspekte der Begegnung mit dem Wort Gottes anzuregen. Auf die Lineamenta und den entsprechenden Fragebogen sind von Seiten der Katholischen Ostkirchen sui iuris, der Bischofskonferenzen, der Dikasterien der Römischen Kurie und der Vereinigung der Generalobern Antworten eingegangen. Hinzu kommen Anmerkungen von Seiten einzelner Bischöfe, Priester, Ordensleute, Theologen und Laien. Es kann festgestellt werden, dass die Beteiligung von Seiten der Teilkirchen aller Kontinente umfassend und sorgfältig war und davon Zeugnis ablegt, dass das Wort Gottes sich wirklich in der ganzen Welt verbreitet. Die verschiedenen Stellungnahmen sind gesammelt und in diesem Instrumentumlaboris entsprechend zusammengefasst worden. II. Das Instrumentum laboris und sein Gebrauch Bezugspunkte In Gemeinschaft mit der ganzen Tradition der Kirche, besonders mit dem II. Vatikanischen Konzil, genauer gesagt mit der Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung Dei Verbum (DV), in Übereinstimmung mit den anderen Konzilsdokumenten, besonders mit der dogmatischen Konstitution über die Heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium (SC) und über die Kirche Lumen gentium (LG), und der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (GS)[1] wird das gehorsame Hören auf das Wort Gottes hervorgehoben. In Zusammenhang mit dem Thema der Synode stehen die beiden Texte der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche und Das jüdische Volk und seine Heiligen Schriften in der christlichen Bibel. Hinzu kommen mit ihrem je eigenen Gewicht der Katechismus der Katholischen Kirche und das Kompendium desselben sowie das Allgemeine Direktorium für die Katechese. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Aussagen des Lehramtes der PäpstePius XII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. über das Wort Gottes. Gleiches gilt für die Dokumente der Dikasterien der Römischen Kurie in diesen vierzig Jahren nach dem Konzil. Darüber hinaus gibt es auch in den Teilkirchen und den kontinentalen, regionalen und nationalen kirchlichen Organen Texte über das Wort Gottes. Die Synode hat darüber hinaus zwei weitere Bezugspunkte. Der erste ergibt sich aus der vorausgehenden Synode über die Eucharistie, mit welcher sich das Wort Gottes verbindet und den einen Tisch des Brotes des Lebens bildet (vgl. DV 21). Daneben gibt es ein anderes wichtiges Ereignis, das die Synode in ihren Arbeiten anregt: es handelt sich um das Jahr des Apostels Paulus, in lebendiger Erinnerung an den Apostel, der Zeuge des Wortes Gottes sowie sein beispielhafter Verkünder war und ein dauerhafter Lehrer der Kirche ist.
Gemeinsame Erwartungen In den Beiträgen der Bischöfe lassen sich viele gemeinsame Punkte feststellen, welche die Erwartungen an die Synode zum Ausdruck bringen. Unter den gemeinsamen Hinweisen sind hervorzuheben: - die Notwendigkeit, dem Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche den ersten Platz zu geben; zugleich werden der Mut und die Kreativität einer den Erfordernissen der Zeit (Kultur, aktueller Lebenskontext, Kommunikation) angepassten Pädagogik der Kommunikation hervorgehoben; - die Einladung anzuerkennen, dass Jesus Christus das Wort Gottes ist; dies erfordert eine Lektüre der ganzen Bibel, die in ihrem Geheimnis wahrgenommen werden soll, was besonders in der Feier der Liturgie und hier vor allem in der sonntäglichen Eucharistiefeier geschieht; - die Überzeugung, dass der Heilige Geist zum vollständigen Verständnis des Wortes Gottes führt, indem er uns die Einsicht verleiht und die Schriftlesung in der Kirche beseelt, in der lebendigen Tradition der Verkündigung und der Liebe, so dass das Hören auf das Wort Gottes und jede Lektüre der Bibel die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche und eine Haltung der Gemeinschaft und des Dienstes voraussetzen; - die Überzeugung, dass die Bibel, trotz aller Schwierigkeiten ihres Verständnisses, besonders im Hinblick auf das Alte Testament, die Offenbarung des Wortes Gottes ist; - das tiefe Verlangen der Gläubigen, das Wort Gottes zu hören, auf das mit entsprechenden pastoralen Initiativen geantwortet wird; zugleich wird das dringende Bedürfnis spürbar, Indifferenz, Unkenntnis und Verwirrung über die Wahrheit des Glaubens im Hinblick auf das Wort Gottes, sowie eine ungenügende Vorbereitung und den Mangel an entsprechenden biblischen Hilfsmitteln zu überwinden; - die Notwendigkeit einer biblischen Pastoral, aber auch einer biblischen Durchdringung der ganzen Pastoral, welche die Unterweisung in der vollen Wahrheit des Glaubens umfasst; - die notwendige Gemeinschaft im Glauben und in der Praxis des Wortes Gottes; zugleich wird gefordert, dass die einzelnen Teilkirchen für sich die Aufgabe übernehmen, das Wort im Zusammenhang mit ihrer besonderen Situation anzunehmen; - die verschiedenen Zugehensweisen zur Bibel in der lateinischen und in der orientalischen Tradition; dabei wird hervorgehoben, dass diese entsprechend bekannt gemacht und als Reichtum begriffen werden sollen; - die Kompetenz und die Verantwortung der Hirten im Hinblick auf die Verkündigung des Wortes Gottes, welche ihre ständige Weiterbildung voraussetzt; - die Dringlichkeit, dass die Laien nicht nur passives Subjekt sind, sondern sowohl Hörer des Wortes Gottes, als auch dessen entsprechend vorbereitete Verkünder und dabei von der Gemeinschaft unterstützt werden; - die Gewissheit, dass Gott sein Heilswort an jeden Menschen richtet, angefangen mit [von] den Ärmsten, und dass er daher will, dass sein Wort in der Sendung der Kirche vorkommt, d.h. dass sie allen Völkern als Gute Nachricht der Befreiung, des Trostes und des Heiles bekannt gemacht wird, und zwar im Dialog innerhalb der Kirchen und christlichen Gemeinschaften und mit den anderen Religionen, und darüber hinaus mit den anderen Kulturen, wobei die Samen der Wahrheit nicht übersehen werden dürfen, die von Gottes Vorsehung in sie hineingesenkt wurden.
Das Ziel der Synode Erstrangiges Ziel der Synode ist es, sich dem Thema des Wortes zu widmen, in dem «der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1, 15; 1 Tim 1, 17) aus überströmender Liebe die Menschen anredet wie Freunde (vgl. Ex 33, 11; Joh 15, 14-15) und mit ihnen verkehrt (vgl. Bar 3, 38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen» (DV 2). Das erfordert das Hören auf das Wort des Herrn, das in Übereinstimmung mit dem konkreten Leben der Menschen unserer Zeit steht und die Liebe zu ihm. Das Wort Gottes stellt einen Ruf dar, schafft Gemeinschaft, überträgt eine Sendung, damit das, was der Einzelne empfangen hat, zur Gabe für die Anderen wird. Es handelt sich daher um eine außerordentlich pastorale und missionarische Zielsetzung: die lehrmäßigen Gründe zu vertiefen und sich von ihnen erleuchten zu lassen bedeutet, die Praxis der Begegnung mit dem Wort Gottes, das in den verschiedenen Zusammenhängen Quelle des Lebens ist, zu erweitern und zu stärken und auf diese Weise, durch angemessene und begehbare Wege Gott hören und mit Ihm sprechen zu können. a. Konkret gehört es zu den Zielen der Synode, dazu beizutragen, jene fundamentalen Aspekte der Wahrheit über die Offenbarung wie: Wort Gottes, Glauben, Tradition, Bibel, Lehramt zu klären, welche einen echten und wirksamen Weg des Glaubens begründen und verbürgen; die tiefe Liebe zur Heiligen Schrift anzuregen, damit «der Zugang zur Heiligen Schrift für die an Christus Glaubenden weit offen steht» (vgl. DV 22), und dabei die Einheit zwischen dem Brot des Wortes und dem Leib Christi hervorzuheben, um das Leben der Christen wahrhaft zu nähren.[2] Darüber hinaus ist es erforderlich, die untrennbare Verbindung zwischen Wort Gottes und Liturgie in Erinnerung zu rufen; überall die Übung der Lectio Divina zu fördern, die entsprechend an die verschiedenen Umstände anzupassen ist; der Welt der Armen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zu schenken. Diese Synode setzt es sich also zum Ziel, zu einem hermeneutisch richtigen Umgang mit der Bibel beizutragen, und auf diese Weise den notwendigen Prozess der Evangelisierung und der Inkulturation entsprechend auszurichten; es ist ihre Absicht, den ökumenischen Dialog, der eng mit dem Hören auf das Wort Gottes verbunden ist, zu ermutigen; sie will den jüdisch-christlichen Dialog und in einem weiteren Sinn den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern. b. Es ist ein Wunsch vieler Bischöfe, dass der abschließende Beitrag der Synode nicht nur informativen Charakter haben, sondern das Leben berühren und aktives Mittun hervorrufen soll, damit das Wort Gottes durch eine wesensgemäße und den Menschen verständliche Sprache lebendig, kraftvoll, wirksam (vgl. Hebr 4, 12) erscheint. In dieser Hinsicht ist es angemessen, daran zu erinnern, dass die Begriffe Bibel, Heilige Schrift, Heiliges Buch, die gleiche Bedeutung haben, und aus dem Zusammenhang zu erschließen ist, wann der Begriff „Wort Gottes“ den Sinn von „Heilige Schrift“ hat.
VORWORT
„Die Zeichen der Zeit“. Vier Jahrzehntenach dem Konzil «Damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird»
Eine gute Zeit voller Früchte In der Gemeinschaft der Christen hat das Wort Gottes viele positive Ergebnisse hervorgebracht. Auf einer objektiven und allgemeinen Ebene treten folgende Aspekte hervor: - die tief greifende biblische Erneuerung im Bereich der Liturgie und der Katechese und noch deutlicher im Bereich der Theologie und Exegese; - die beginnende, aber fruchtbare Praxis der Lectio Divina, die in verschiedenen Formen durchgeführt wird; - die Verbreitung des Heiligen Buches durch das Bibelapostolat und der Schwung von Gemeinschaften, kirchlichen Gruppen und Bewegungen; - die ständig wachsende Zahl von Lektoren und Dienern des Wortes Gottes; - die steigende Verfügbarkeit von Mitteln und Arbeitshilfen aus dem Bereich der heutigen Kommunikation; - das Interesse für die Bibel im kulturellen Bereich.
Unsicherheiten und Fragen Andere Aspekte jedoch bleiben immer noch offen und problematisch. Wiederum auf einer objektiven Ebene der Lektüre der Daten verbleibend, können fast überall in den Teilkirchen die folgenden Mängel festgestellt werden: - Dei Verbum ist als Text wenig bekannt; - es wird eine größere Vertrautheit mit der Bibel festgestellt, zugleich aber auch eine nicht hinreichende Kenntnis des gesamten Glaubensgutes, zu dem die Bibel gehört; - im Hinblick auf das Alte Testament gibt es verbreitete Schwierigkeiten des Verständnisses und der Aufnahme, die zu einem verkürzten Gebrauch führen können; - der liturgische Zugang zum Wort Gottes in der Messe lässt oft zu wünschen übrig; - eine delikate und schmerzhafte Verwicklung betrifft das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft im Hinblick auf die Interpretation der Welt und des menschlichen Lebens; - jedenfalls bleibt eine gewisse Distanz der Gläubigen zur Bibel; es kann nicht davon die Rede sein, dass ihr Gebrauch zur allgemeinen Erfahrung gehört; - es wird an die Notwendigkeit erinnert, das enge Band nicht aus dem Auge zu verlieren, das zwischen der moralischen Lehre und der Heiligen Schrift in ihrer Fülle, besonders in Bezug auf die Zehn Geboten und das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, sowie die Bergpredigt und die Lehre des Apostels Paulus im Hinblick auf das Leben im Geist, besteht; - schließlich ist auf eine doppelte Armut hinzuweisen, welche sowohl die konkreten Mittel zur Verbreitung der Bibel als auch häufig die Formen der Kommunikation betrifft, welche häufig unzureichend sind.
Eine verschiedenartige und herausfordernde Glaubensbedingung Wenn man in diesem Gesamt von Licht und Schatten einen Blick auf die Bedingungen des Glaubens wirft, ergeben sich aus den Beiträgen der Bischöfe wichtige Anregungen zum Nachdenken, die auf drei Ebenen zusammengefasst werden können: auf der personalen, gemeinschaftlichen und sozialen Ebene. a. Auf der Ebene der Personen. Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass zu viele Gläubige aus verschiedenen Gründen zögern, die Bibel zu öffnen, besonders auf Grund des Eindrucks, dass sie ein schwer verständliches Buch sei. Auf Grund einer mangelhaften Kenntnis der Lehre verwirklicht sich bei vielen Gläubigen das intensive Bedürfnis, das Wort Gottes zu hören, eher im Bereich der Erfahrung von Emotion und nicht der Überzeugung. Dieser Bruch zwischen der Wahrheit des Glaubens und der Erfahrung des Lebens wird vor allem in der liturgischen Begegnung mit dem Wort Gottes deutlich. Hinzu kommt eine gewisse Trennung zwischen den Wissenschaftlern, den Hirten und den einfachen Menschen in den christlichen Gemeinden. In zweiter Linie gilt es zu beachten, dass von vielen der direkte Kontakt mit der Schrift in einer sehr anfänglichen Art und Weise gelebt wird. In dieser Hinsicht geben die Bewegungen ein besonderes Zeugnis, während die Ordensleute eine motivierende Rolle spielen. b. Auf gemeinschaftlicher Ebene. Es darf nicht vergessen werden, dass die Tatsache, dass das Wort Gottes in aller Welt begeisterte Hörer findet, entscheidende Unterschiede innerhalb der Kirche nicht ausschließt. Man könnte sagen, dass in den erst kürzlich entstandenen Ortskirchen oder in den Kirchen, die in einer Minderheitensituation leben, der Gebrauch der Bibel unter den Gläubigen weiter verbreitet ist, als anderswo. Je nach Kontext gibt es darüber hinaus verschiedene Zugehensweisen, so dass man von einem unterschiedlichen Zugang zur Bibel in Europa, in Afrika, in Asien, in Amerika, in Ozeanien sprechen kann. Darüber hinaus gibt es die sich unterscheidenden und ergänzenden Zugehensweisen zum Wort Gottes in der lateinischen und orientalischen Kirche und im Verhältnis zu den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. c. Auf sozialer Ebene. Der sich schnell ausbreitende Prozess der Globalisierung betrifft auch die Kirche. Drei Faktoren, welche in den Antworten oft hervorgehoben werden, stellen dabei den Kontext für die Begegnung mit der Heiligen Schrift dar: - die Säkularisierung, welche eine Lebensbedingung schafft, die besonders unter den jungen Generationen leicht in den konsumistischen Säkularismus, den Relativismus und die religiöse Indifferenz abgleiten kann; - der religiöse und kulturelle Pluralismus der gnostische und esoterische Formen der Auslegung der Heiligen Schrift sowie innerhalb der Katholischen Kirche unabhängige religiöse Gruppen entstehen lässt. Im Hinblick auf den Gebrauch der Bibel entstehen darüber hinaus nicht leichte Herausforderungen und schmerzhafte Konflikte, besonders für die Minderheiten in einem nichtchristlichen Umfeld; - der tief empfundene Wunsch, das Wort Gottes als Befreiung der Person aus unmenschlichen Bedingungen und als konkreten Trost für die Armen und die Leidenden zu verkünden. Im Zusammenhang mit der neuen Evangelisierung muss sich die Weitergabe des Glaubens mit einer tiefen Entdeckung des Wortes Gottes verbinden. Es ist wünschenswert, dass das Wort Gottes als Stütze des Glaubens der Kirche durch die Jahrhunderte dargestellt wird.
Die Struktur des Instrumentum laboris Die Struktur umfasst drei Teile: der erste Teil stellt entsprechend dem Glauben der Kirche die Identität des Wortes Gottes dar; der zweite Teil betrachtet das Wort Gottes im Leben der Kirche; der dritte Teil reflektiert das Wort Gottes in der Sendung der Kirche. Jeder Teil ist in Kapitel gegliedert, welche die Lektüre erleichtern sollen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Synode das Geheimnis des Wortes Gottes, Sein großes Geschenk, betrachten und vorlegen und dafür Dank sagen will.
DAS GEHEIMNIS GOTTES, DER ZU UNS SPRICHT
«Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat» (Hebr 1, 1-2). Die Beiträge der Bischöfe heben einige der Themen der Theologie hervor, denen im Hinblick auf die die Pastoral besondere Relevanz zukommt. Dazu gehören z.B. die Identität des Wortes Gottes; das Geheimnis Christi und der Kirche als Zentrum des Wortes Gottes; die Bibel als inspiriertes Wort und ihre Wahrheit; die Interpretation der Bibel entsprechend dem Glauben der Kirche; die richtige Haltung beim Hören des Wortes Gottes.
ERSTES KAPITEL
A. Gott, der zu uns spricht. Die Identität des Wortes Gottes «Gott spricht die Menschen an wie Freunde» (DV 2) Dei Verbum schlägt eine dialogische Theologie der Offenbarung vor. In diesem Dialog sind drei Aspekte eng miteinander verbunden: die Weite der Bedeutung, welche in der göttlichen Offenbarung dem Begriff „Wort Gottes“ zukommt; das Geheimnis Christi als voller und perfekter Ausdruck des Wortes Gottes; das Geheimnis der Kirche, Sakrament des Wortes Gottes.
Das Wort Gottes als mehrstimmiger Gesang Das Wort Gottes ist wie ein mehrstimmiger Gesang, denn Gott spricht es während einer langen Geschichte durch verschiedene Verkünder in verschiedenen Formen und in verschiedener Weise aus (vgl. Hebr 1, 1). Es gibt allerdings eine Hierarchie der Bedeutungen und der Funktionen. a. Das Wort Gottes hat seine Heimat in der Trinität; von ihr geht es aus, von ihr wird es erhalten, zu ihr kehrt es zurück. Es ist ein beständiges Zeugnis der Liebe des Vaters, des Heilswerkes des Sohnes, des fruchtbaren Wirkens des Heiligen Geistes. Im Licht der Offenbarung ist das Wort das ewige Wort Gottes, die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, der Sohn des Vaters, das Fundament der innertrinitarischen Kommunikation und der Mitteilung nach außen: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist» (Joh 1, 1-3; vgl. Kol 1, 16). b. Deshalb kündet die geschaffene Welt die Herrlichkeit Gottes (vgl. Ps 19, 1). Zum Beginn der Zeit hat Gott durch sein Wort den Kosmos geschaffen (vgl. Gen 1, 1), und dabei der Schöpfung das Siegel seiner Weisheit eingeprägt, weshalb seine Stimme aus allem spricht (vgl. Sir 46, 17; Ps 68, 34). In besonderer Weise aber ist die menschliche Person, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26), unverletzliches Zeichen und wissender Interpret seines Wortes. Denn durch das Wort Gottes erhält der Mensch die Fähigkeit, mit Ihm und seiner Schöpfung in einen Dialog zu treten. Auf diese Weise hat Gott die ganze Schöpfung, und in primis den Menschen, dazu befähigt, jederzeit «Zeugnis von sich» (DV 3) zu geben. Auf Grund der Tatsache, dass «durch ihn (Christus) und auf ihn hin geschaffen wurde [...und] in ihm alles Bestand hat» (Kol 1, 16-17), finden sich «die „Saatkörner des Wortes“ (AG 11, 15) und die „Strahlen der Wahrheit, die alle Menschen erleuchtet“ (NA 2) [...] in den Personen und in den religiösen Traditionen der Menschheit».[3] c. «Das Wort ist Fleisch geworden» (Joh 1, 14): Jesus Christus ist das letzte und definitive Wort Gottes, seine Person, seine Sendung, seine Geschichte, sind dem Plan des Vaters entsprechend eng miteinander verbunden. Dieser Plan läuft auf Ostern zu und wird vollendet, wenn Jesus dem Vater das Reich übergibt (vgl. 1 Kor 15, 24). Er ist das Evangelium Gottes für jeden Menschen (vgl. Mk 1, 1). d. Im Hinblick auf das Wort Gottes, das der fleischgewordene Sohn ist, hat der Vater in früheren Zeiten durch die Propheten gesprochen (vgl. Hebr 1, 1). Die Apostel setzen in der Kraft des Geistes die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums fort. Auf diese Weise wird das Wort Gottes in der Verkündigung der Propheten und der Apostel durch menschliche Worte zum Ausdruck gebracht. e. Die Heilige Schrift, in welcher durch göttliche Eingebung die offenbarten Inhalte festgehalten werden, bezeugt in authentischer Weise, dass sie wirklich Wort Gottes ist (vgl. DV 24), ganz auf Christus ausgerichtet. Denn «gerade sie (die Schriften) legen Zeugnis über mich ab» (Joh 5, 39). Durch das Charisma der Inspiration haben die Bücher der Heiligen Schrift eine Kraft des direkten und konkreten Appells, den andere menschliche Texte oder Handlungen nicht haben. f. Das Wort Gottes bleibt aber nicht auf die Schrift beschränkt. Auch, wenn die Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist (vgl. DV 4), wird das offenbarte Wort in der Geschichte der Kirche weiterhin verkündet und gehört. Die Kirche verpflichtet sich, es der ganzen Welt zu verkünden, um ihrem Bedürfnis nach Heil zu entsprechen. So setzt das Wort seinen Lauf in der lebendigen Predigt fort, welche die verschiedenen Formen der Evangelisierung umfasst, unter denen die Verkündigung und die Katechese, die liturgische Feier und der Dienst der Liebe hervortreten. In der Kraft des Heiligen Geistes ist die Predigt, im vorher erwähnten Sinn, von lebendigen Menschen leibhaftig weitergegebenes Wort Gottes. g. Wie die Frucht zur Wurzel, so gehören auch die dogmatischen und moralischen Wahrheiten des Glaubens der Kirche zum Bereich des Wortes Gottes. In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass die gläubige Verkündigung der Offenbarung Gottes selbst ein Ereignis mit Offenbarungscharakter ist und wirklich als Wort Gottes in der Kirche bezeichnet werden kann. Pastorale Auswirkungen Hier wird an die vielen pastoralen Auswirkungen erinnert, die in vielen Antworten aus den Teilkirchen erwähnt werden. - Dem Wort Gottes werden all die Qualitäten zugeschrieben, die zu einer echten interpersonalen Kommunikation gehören, welche von der Bibel häufig als Dialog des Bundes bezeichnet wird, in dem Gott und der Mensch als Glieder der gleichen Familie miteinander sprechen. - In dieser Perspektive kann die christliche Religion nicht in enger Weise als „Religion des Buches“ bezeichnet werden, denn das inspirierte Buch gehört in lebendiger Weise zum Ganzen der Offenbarung.[4] - Die geschaffene Welt ist Ausdruck des Wortes Gottes und das Leben und die Geschichte der Menschen enthalten es wie im Keim. Vor diesem Hintergrund stellen sich heute bedeutende Fragen im Hinblick auf das Naturrecht, den Ursprung der Welt, die Ökologie-Frage, an welche die Beiträge der Bischöfe erinnern. - Es ist sicher angemessen, den schönen Begriff der „Heilsgeschichte“ (historia salutis) wieder aufzugreifen, welcher den Kirchenvätern so teuer war, und der traditionell als „heilige Geschichte“ gebraucht wird. Es kommt darauf an, all das begreifen zu wollen, was die „Religion des fleischgewordenen Wortes“ bedeutet, d.h. des Wortes Gottes, das nicht in abstrakten und statischen Formeln kristallisiert ist, sondern eine dynamische Geschichte hat, zu der, wie es eindeutig aus der Bibel hervorgeht, Personen und Ereignisse, Worte und Taten, Entwicklungen und Spannungen gehören. Die historia salutis ist im Hinblick auf ihre Gründungsphase abgeschlossen, setzt aber ihre Wirksamkeit in dieser Zeit der Kirche fort. - Die Gesamtheit des Wortes Gottes wird durch all die Akte sichergestellt, welche es zum Ausdruck bringen, je nach der Rolle, die dem Einzelnen zukommt. Hier drängt sich kraftvoll die Tatsache ins Bewusstsein, dass die Heilige Schrift die lebendige Umwelt der Kirche ist. Auf der anderen Seite ist es erforderlich, dass alle Bereiche des Dienstes am Wort Gottes in wechselseitiger und harmonischer Interaktion stehen. Unter diesen Zeichen kommt der Verkündigung, der Katechese, der Liturgie und der Diakonie eine grundlegende Rolle zu. - Es wird die Aufgabe der Hirten sein, den Gläubigen dabei zu helfen, diese harmonische Sicht des Wortes zu entwickeln, und dabei irrige, einschränkende oder ambivalente Formen des Verständnisses zu vermeiden. Sie sollen in die Lage versetzt werden, aufmerksame Hörer des Wortes zu werden, wo immer sie es vernehmen, und auch an den einfachsten Worten der Bibel Geschmack zu finden.
B. Im Zentrum, das Geheimnis Christi und der Kirche «In dieser Endzeit aber hat Gott zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1, 2)
Das Geheimnis Christi im Herzen des Wortes Gottes Größtenteils nehmen die Christendie zentrale Rolle wahr, welche der Person Jesu Christi in der Offenbarung Gottes zukommt. Aber nicht immer gelingt es ihnen, die Gründe dieser Bedeutung zu verstehen, oder zu begreifen, in welchem Sinn Jesus das Herz des Wortes Gottes ist. Daher fällt es ihnen auch oft schwer, die Bibel im christlichen Sinn zu lesen. Davon sprechen fast alle Antworten der befragten Organismen, die dabei von der doppelten Sorge bewegt sind, einerseits die Missverständnisse einer oberflächlichen oder fragmentarischen Lektüre der Schrift zu vermeiden, andererseits aber vor allem einen sicheren Weg anzuzeigen, um in das Reich Gottes zu gelangen und das ewige Leben zu gewinnen. Denn «das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast» (Joh 17, 3). Diese grundlegende Beziehung zwischen dem Wort Gottes und dem Geheimnis Christi stellt sich in der Offenbarung als Verkündigung und in der Geschichte der Kirche als unerschöpfliche Vertiefung dar. Im Hinblick auf diese Beziehung sollen hier nur einige wesentliche theologische Bezüge mit klaren pastoralen Auswirkungen benannt werden. - Im Licht von Dei Verbum ist daran zu erinnern, dass Gott einen ganz und gar ungeschuldeten Plan in die Tat umgesetzt hat: «Er hat seinen Sohn [...] gesandt, damit er unter den Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Joh 1, 1-18). Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, [...] „redet die Worte Gottes“ (Joh 3, 34) und vollendet das Heilswerk, dessen Durchführung der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5, 36; 17, 4)» (DV 4). Auf diese Weise nimmt Jesus in seinem irdischen und nun in seinem himmlischen Leben das ganze Ziel, den Sinn, die Geschichte und das Projekt des Wortes Gottes auf und verwirklicht es, denn, wie der Hl. Irenäus sagt: Christus «hat uns jede Neuheit gebracht, indem er sich uns selber brachte».[5] - Der Plan Gottes sieht eine Geschichte der Offenbarung vor. So sagt der Verfasser des Hebräerbriefes: «Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1, 1-2). Das bedeutet, dass in Jesus Christus das Wort Gottes jene Bedeutung gewinnt, die er seiner Sendung gegeben hat: es hat das Ziel, die Menschen in das Reich Gottes zu führen (vgl. Mt 13, 1-9); es bringt sich in seinen Worten und Werken zum Ausdruck; es zeigt seine Kraft in den Wundern; es hat die Aufgabe, die Sendung der Jünger zu beseelen, sie in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Sorge um die Armen zu unterstützen; es offenbart seine volle Wahrheit im Ostergeheimnis, in Erwartung der vollkommenen Offenlegung; und jetzt leitet es das Leben der Kirche in der Zeit. - Es trifft aber auch zu, dass das Wort Jesu – wie er selber gesagt hat – gemäß der Schrift verstanden werden muss (vgl. Lk 24, 44-49), d.h. im Kontext der Geschichte des Volkes Gottes des Alten Testamentes, das ihn als Messias erwartete, und heute im Kontext der Geschichte der christlichen Gemeinschaft, die ihn in der Predigt verkündet, ihn in der Bibel betrachtet, seine Freundschaft und seine Führung erfährt. Der Hl. Bernhard sagt, dass auf der Ebene der Fleischwerdung des Wortes Christus das Zentrum der ganzen Schrift ist. Das Wort Gottes, das im ersten Bund schon hörbar war, ist in Christus sichtbar geworden.[6] - Es darf nicht vergessen werden, dass «alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen» ist (Kol 1, 16). Jesus kommt eine zentrale Stellung im Kosmos zu, er ist der König des Universums, derjenige, welcher der ganzen Realität ihren letzten Sinn verleiht. Wenn das Wort Gottes wie ein mehrstimmiger Gesang ist, dann ist Christus in seinem umfassenden Geheimnis der Schlüssel zu seiner Interpretation unter der Führung des Heiligen Geistes. «Das Wort Gottes, das am Anfang bei Gott war, ist in seiner Fülle nicht eine Vielzahl von Worten, sondern ein einziges Wort, das eine große Zahl von Ideen umfasst, von denen jede ein Teil des Wortes in seiner Ganzheit ist. [...] Und wenn Christus sich auf die „Schriften“ bezieht, die von ihm Zeugnis ablegen, stellen die Bücher der Schrift für ihn eine einzige Schriftrolle dar, denn alles, was über ihn geschrieben wurde, ist in einer Ganzheit zusammengefasst».[7]
Das Geheimnis der Kirche im Herzen des Wortes Gottes Die Kirche, deren Geheimnis darin besteht, der Leib Jesu zu sein, findet im Wort Gottes die Verkündigung ihrer Identität, die Gnade zu ihrer Bekehrung, den Auftrag zu ihrer Sendung, die Quelle für ihr prophetisches Amt und den Grund ihrer Hoffnung. Sie wird zuinnerst durch den Dialog mit ihrem Bräutigam aufgebaut und befähigt, Adressantin und bevorzugte Zeugin des liebevollen und heilenden Wortes Gottes zu sein. Die wahre Frucht des Hörens auf das Wort Gottes besteht darin, immer mehr Teil dieses „Geheimnisses“ zu werden, das die Kirche aufbaut. Daher ist die beständige Begegnung mit dem Wort die Ursache ihrer Erneuerung und Quelle «eines neuen geistlichen Frühlings».[8] Auf der anderen Seite wird das lebendige Bewusstsein, zur Kirche, dem Leib Christi zu gehören, in den Maß wirksam, in dem es gelingt, die verschiedenen Beziehungen zum Wort Gottes in entsprechender Weise zum Ausdruck zu bringen: das Wort, das zu verkünden ist, das Wort, das betrachtet und studiert werden soll, das Wort, das zum Gebet und gefeiert, das Wort, das gelebt und verbreitet wird. Deshalb ist das Wort Gottes in der Kirche kein totes Kapital, sondern wird oberste Regel des Glaubens und Kraft zum Leben, es schreitet unter dem Beistand des Heiligen Geistes fort und wächst durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die persönliche Erfahrung des geistlichen Lebens und die Predigt der Bischöfe (vgl. DV 8; 21). Dies bezeugen in besonderer Weise die Heiligen, die aus der Kraft des Wortes gelebt haben.[9] Es ist selbstverständlich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, das göttliche Wort an alle Menschen weiter zu geben. Die Geschichte bezeugt, dass dies geschehen ist und auch heute geschieht, nach vielen Jahrhunderten, unter vielen Schwierigkeiten, aber auch mit lebendiger Fruchtbarkeit. Die Anfangsworte von Dei Verbum sind Gegenstand beständigen Nachdenkens und treuer Ausführung: «Gottes Wort voll Ehrfurcht hörend und voll Zuversicht verkündigend» (DV 1). Sie fassen das Wesen der Kirche in seiner doppelten Dimension des Hörens und der Verkündigung des Wortes Gottes zusammen. Es besteht kein Zweifel: dem Wort Gottes kommt der erste Platz zu. Nur durch das Wort können wir die Kirche verstehen. Sie definiert sich als hörende Kirche. Und in dem Maß, in dem sie hört, kann sie auch eine Kirche sein, die verkündet. So sagt der Heilige Vater Benedikt XVI.: «die Kirche erhält ihr Leben nicht aus sich selbst, sondern vom Evangelium, und sie hört nicht auf, sich auf ihrem Pilgerweg am Evangelium zu orientieren».[10]
Pastorale Auswirkungen Die Gemeinschaft der Christen wird durch das Wort Gottes ins Leben gerufen und erneuert, um das Antlitz Christi erkennen zu können. Klar und unwiderruflich sagt der Hl. Hieronymus: «Ignoratio enim Scripturarum, ignoratio Christi est»[11] (Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht). Hier werden einige der pastoralen Dringlichkeiten aufgelistet, wie sie in den Antworten auf die Lineamenta benannt werden: - organische Wege des Nachdenkens über das Verhältnis Jesu zur Heiligen Schrift und darüber zu entwickeln, wie er sie liest und wie sie hilft, ihn zu verstehen; - auf einfache Art die christlichen Kriterien der Schriftlesung darstellen, um auf diese Weise auch einen Zugang zu den schwierigen Stellen des Alten Testaments zu ermöglichen; - den Gläubigen zu helfen, unter Führung des Lehramtes, die Kirche als lebendigen und beständigen Ort der Verkündigung des Wortes Gottes zu erkennen; - jene Christen zu unterweisen, die von sich sagen, dass sie die Bibel nicht lesen, weil sie es bevorzugen, eine direkte und persönliche Beziehung zu Jesus aufzubauen; - Dank der Gegenwart Jesu, des auferstandenen und in den Sakramenten gegenwärtigen Herrn, wird die Liturgie als erstrangiger Ort der Begegnung mit dem Wort Gottes betrachtet; - schließlich darf im Hinblick auf die katechetische Kommunikation
nicht vergessen werden, dass besonders die Evangelien als Texte auszuwählen
sind, dass sie aber zugleich in Verbindung mit den anderen Büchern des Alten und
Neuen Testamentes und den Dokumenten des Lehramtesder Kirche gelesen werden müssen. ZWEITES KAPITEL A. Die Bibel als inspiriertes Wort Gottes und ihre Wahrheit «Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst» (DV 21)
Die Fragen Eines der von den Bischöfen am stärksten empfundenen Probleme ist das Verhältnis der Heiligen Schrift zum Wort Gottes, besonders ihre Inspiration und ihre Wahrheit. Es sind dabei drei Frageebenen zu unterscheiden: - einige Fragen betreffen die Natur der Bibel: was ist unter Inspiration oder unter Kanon zu verstehen, welche Art der Wahrheit findet sich in der Schrift und wie ist ihre Geschichtlichkeit zu verstehen; - andere Fragen betreffen das Verhältnis der Schrift zur Tradition und zum Lehramt; - wieder andere Fragen berühren die schwierigen Seiten der Bibel, besonders des Alten Testamentes. Auf diese Fragestellung wird im Zusammenhang mit dem Wort Gottes in der Katechese eingegangen.
Die Heilige Schrift, inspiriertes Wort Gottes Viele Antworten auf die Lineamenta enthalten Fragen im Hinblick auf die Art und Weise, in der den Gläubigen das Charisma der Inspiration und der Wahrheit der Schriften erklärt werden kann. In diesem Zusammenhang ist es zunächst einmal erforderlich, den Zusammenhang zwischen Bibel und Wort Gottes festzustellen; das Wirken des Heiligen Geistes zu klären; einige Dinge im Hinblick auf die Identität der Bibel näher zu erläuten. a. Es ist davon auszugehen, dass zwischen Bibel und Wort Gottes eine Beziehung der Unterscheidung und der Gemeinsamkeit besteht. Es ist die Bibel selbst, die davon Zeugnis ablegt, dass Wort Gottes und Schrift nicht im materiellen Sinn in eins fallen. Das Wort Gottes ist eine lebendige, wirksame Wirklichkeit (vgl. Hebr 4, 12-13), ewig (vgl. Jes 40, 8), «allmächtig» (Weish 18, 15), schöpferisch (vgl. Gen 1, 3ff.) und Begründer der Geschichte. Für das Neue Testament ist dieses Wort der Sohn Gottes selbst, der Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 1ff.; Hebr 1, 2). Die Schrift ihrerseits ist Bezeugung dieser Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, sie erleuchtet sie und gibt ihr sichere Orientierung. Das Wort Gottes geht also über das Buch hinaus, und erreicht den Menschen auch über den Weg der lebendigen Tradition, der Kirche. Das bedingt die Überwindung einer subjektiven und geschlossenen Interpretation der Schrift, denn sie ist innerhalb eines weiteren, letztlich unabschließbaren Prozesses des Wortes Gottes zu lesen, wie es die Tatsache unterstreicht, dass das Wort in immer neuen und anderen Zeiten das Leben der Generationen nährt. Die Gemeinschaft der Christen ist also gleichzeitig Subjekt der Weitergabe des Wortes Gottes und vorrangiger Ort, um den tiefen Sinn der Heiligen Schrift, die Glaubensentwicklung und damit auch die Entwicklung des Dogmas zu erfassen. Auf Grund dieser Vorrangstellung hat die Kirche von Anfang an die biblischen Bücher in besonderer Weise verehrt, und hat als Regel oder Kanon des Glaubens an die göttliche Offenbarung eine sichere und definitive Liste zusammengestellt: 73 Bücher, davon 46 im Alten Testament und 27 im Neuen Testament.[12] b. Der Geist schafft dem geschriebenen Wort Raum und stellt das Buch in den weiteren Zusammenhang des Geheimnisses der Menschwerdung und der Kirche. Dank des Geistes ist daher das Wort Gottes liturgische und prophetische Realität, es ist Verkündigung (kerygma) bevor es zum Buch wird, es ist das Zeugnis des Heiligen Geistes für die Gegenwart Christi. c. Zusammenfassend kann gesagt werden: - dass es das Charisma der Inspiration erlaubt, zu sagen, Gott sei der Autor der Bibel, ohne dabei den Menschen selbst als wirklichen Autor auszuschließen. Denn im Unterschied zum Diktat hebt die Inspiration die persönliche Freiheit und die Fähigkeiten des Schriftstellers nicht auf, sondern erleuchtet und inspiriert sie; - obwohl die Heilige Schrift in allen ihren Teilen inspiriert ist, bezieht sich ihre Irrtumslosigkeit nur auf «die Wahrheit [...], die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte» (DV 11); - Dank des Charismas der Inspiration bestimmt der Heilige Geist die biblischen Bücher als Wort Gottes und vertraut sie der Kirche an, damit sie im Gehorsam des Glaubens angenommen werden; - der Kanon stellt in seiner Vollständigkeit und organischen Einheit ein Kriterium der Interpretation des Heiligen Buches dar; - da die Bibel Wort Gottes in menschlicher Sprache ist, erfolgt ihre Interpretation in Übereinstimmung mit literarischen, philosophischen und theologischen Kriterien, immer unter der einenden Kraft des Glaubens und unter Führung des Lehramtes.[13]
Tradition, Schrift und Lehramt Das II. Vatikanische Konzil unterstreicht die Einheit des Ursprungs und die vielen Verbindungen zwischen Tradition und Schrift, welche von der Kirche «mit gleicher Liebe und Achtung» (DV 9) angenommen werden. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass das Wort Gottes, das in Christus Evangelium oder Gute Nachricht geworden ist (vgl. Röm 1, 16) und als solches der apostolischen Verkündigung anvertraut wurde, seinen Lauf fortsetzt und zwar: - vor allem im Fluss der lebendigen Tradition, die in all dem zum Ausdruck kommt, «was sie [die Kirche] selber ist, alles, was sie glaubt» (DV 8), wie z.B. im Kult, in der Lehre, in der Liebe, der Heiligkeit, dem Martyrium; - durch die Heilige Schrift, welche in dieser lebendigen Tradition durch die Inspiration des Heiligen Geistes gerade in der Unwandelbarkeit des Geschriebenen jene konstitutiven und ursprünglichen Elemente bewahrt. «Diese Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist (vgl. 1 Joh 3, 2)» (DV 7). Schließlich ist es Aufgabe des Lehramtes der Kirche, das nicht über dem Wort Gottes steht, «das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären», indem sie es «voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt» (DV 10). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine wirkliche Lesung der Schrift als Wort Gottes nur in Ecclesia, entsprechend ihrer Lehre, erfolgen kann.
Altes und Neues Testament, eine einzige Heilsökonomie Ein drängendes Problem unter den Katholiken betrifft die Kenntnis des Alten Testamentes als Wort Gottes und in besonderer Weise seine Beziehung zum Geheimnis Christi und der Kirche. Nicht zuletzt auf Grund ungelöster exegetischer Schwierigkeiten kommt es nicht selten zu einem gewissen Widerstand angesichts der Seiten des Alten Testamentes, die unverständlich erscheinen, und die oft einer eigenwilligen Auswahl zum Opfer fallen bzw. zurückgewiesen werden. Dem Glauben der Kirche entsprechend ist das Alte Testament als Teil der einen christlichen Bibel aufzufassen, als entscheidender Bestandteil der Offenbarung und damit des Wortes Gottes. Aus all dem ergibt sich das dringende Bedürfnis nach einer Bildung im Hinblick auf die christliche Lektüre des Alten Testamentes, welche die Beziehung, die die beiden Testamente verbindet und die bleibenden Werte des Alten Testamentes anerkennt (vgl. DV 15-16).[14] Diesbezüglich kommt uns die liturgische Praxis zu Hilfe, in welcher der Heilige Text des Alten Testamentes als wesentlicher Bestandteil für ein volles Verständnis des Neuen Testamentes verkündet wird, so wie es Jesus selbst in der Emmausepisode bezeugt hat, in der er «ausgehend von Mose und allen Propheten darlegte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht» (Lk 24, 27). Entsprechend sagt auch der Hl. Augustinus: «Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet»[15] (Das Neue Testament ist im Alten verborgen und das Alte wird im Neuen Testament offenbart). So sagt auch der Hl. Gregor der Große: «Das, was das Alte Testament versprochen hat, ist im Neuen sichtbar geworden; was jenes verborgen ankündigt, wird in diesem offen als erfüllt verkündet. Deshalb ist das Alte Testament Prophetie des Neuen; und das Neue Testament der beste Kommentar des Alten».[16] Diese Lehre hat zahlreiche und lebenswichtige praktische Auswirkungen.
Pastorale Auswirkungen Es wird immer mehr bewusst wahrgenommen, dass eine oberflächliche Lektüre der Bibel nicht ausreicht. Es ist festzustellen, dass verschiedene Bibelgruppen, die mit Begeisterung zur Entdeckung des Heiligen Buches aufbrechen, sich nach und nach auflösen, weil der gute Boden fehlt, d.h. weil das Wort Gottes nicht in seinem Gnadengeheimnis wahrgenommen wird, wie es Jesus im Gleichnis vom Sämann sagt (vgl. Mt 13, 20-21). In dieser Hinsicht werden hier einige Auswirkungen benannt: a. Auf Grund der Tatsache, dass die Schrift eng mit der Kirche verbunden ist, kommt dieser im Zugang zur Schrift in ihrer grundlegenden Eigenheit eine wichtige Rolle zu. Diese Eigenart wird zugleich zum Kriterium für das rechte Verständnis der Tradition, denn sowohl die Liturgie als auch die Katechese nähren sich von der Bibel. Wie schon gesagt wurde, haben die Bücher der Heiligen Schrift eine Kraft des direkten und konkreten Appells, der anderen kirchlichen Texten oder Maßnahmen nicht zukommt. b. Sodann ist die Unterscheidung zwischen der konstitutiven apostolischen Tradition und den kirchlichen Traditionen in ihren praktischen Folgen zu bedenken. Während nämlich die erste auf die Apostel zurückgeht und das übermittelt, was diese von Jesus und vom Heiligen Geist gehört haben, sind die kirchlichen Traditionen im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden und stellen Formen der Anpassung der «großen Tradition»[17] dar. Darüber hinaus darf der entscheidende Beitrag nicht übersehen werden, den die Kirche durch die kanonische Anerkennung der Schriften, deren Authentizität sie garantiert, und die sie gegenüber der Verbreitung nicht authentischer und apokrypher Büchern abgrenzt, geleistet hat. Die heute verbreitete gnostische Interpretation im Hinblick auf die Wahrheit der Ursprünge des Christentums machen es erforderlich, zur erklären, was der Kanon der Heiligen Bücher ist und wie er entstanden ist. Aus dem gleichen Grund werden auch Orientierungen für die Übersetzung und Verbreitung der Schrift gegeben und die unerlässliche Anerkennung vonseiten der Kirche gerechtfertigt. Der Vergleich zwischen Schrift, Tradition und den Zeichen des Wortes Gottes in der geschaffenen Welt ist wieder aufzunehmen, und zwar besonders im Hinblick auf den Menschen und seine Geschichte, denn jedes Geschöpf ist Wort Gottes, denn es verkündet Gott.[18] c. Wenn das Lehramt Orientierungen gibt oder Entscheidungen verkündet, ist es nicht seine Absicht, die persönliche Schriftlesung zu beschränken. Es will einen sicheren Bezugsrahmen bieten, innerhalb dessen die Lesung erfolgt. Leider sind die Lehren des Magisteriums und der Wert, welcher den verschiedenen Ebenen der Erklärung zukommt, nicht immer gut bekannt und akzeptiert. Während der Synode sollen Dei Verbum und die nachfolgenden päpstlichen Dokumente wieder entdeckt werden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen verschiedene Hinweise zum Verständnis und zum Gebrauch des Wortes Gottes in der Bibel, die in Ansprachen des Heiligen Vaters Benedikt XVI. enthalten sind. d. Im Zusammenhang mit der lebendigen Tradition und daher als zuverlässiger Dienst am Wort Gottes, ist auch das Mittel des Katechismus zu betrachten, angefangen vom ersten Glaubensbekenntnis, Kern jedes Katechismus, bis hin zu den verschiedenen Erklärungen, die während der Jahrhunderte der Kirchengeschichte entstanden sind. Den jüngsten Ausdruck finden sie im Katechismus der Katholischen Kirche und den entsprechenden Katechismen der Ortskirchen. e. An dieser Stelle ist es erforderlich, eine grundlegende Unterscheidung in Erinnerung zu rufen, die vielfältige Auswirkungen auf die pastorale Praxis hat: die Begegnung mit der Schrift findet einerseits im Zusammenhang mit dem Handeln der Kirche statt, etwa in der Liturgie oder der Katechese, wo die Bibel sich in einen Kontext des öffentlichen Gottesdienstes eingliedert. Andererseits gibt es auch die unmittelbare Begegnung, wie etwa die Lectio Divina, die Bibelkurse, die Bibelgruppen. Aufgrund einer gewissen Entfernung des Volkes Gottes vom direkten und persönlichen Gebrauch der Schrift ist diese Zugehensweise heute zu fördern. f. Was das Alte Testament betrifft, so ist es als eine Etappe in der Entwicklung des Glaubens und des Verständnisses Gottes aufzufassen. Sein bildlicher Charakter und seine Beziehung zur wissenschaftlichen und geschichtlichen Mentalität unserer Zeit müssen geklärt werden. Gleichzeitig ist hervorzuheben, dass viele Stellen des Alten Testamentes eine einzigartige geistliche, weisheitliche und kulturelle Kraft haben, eine reiche Katechese über die Wirklichkeit des Menschen erlauben und die Etappen des Glaubensweges eines Volkes darstellen. Die Kenntnis und die Lesung der Evangelien schließt nicht aus, dass die Vertiefung des Alten Testamentes der Lektüre und dem Verständnis des Neuen Testamentes eine immer größere Tiefe geben kann. g. Schließlich ist es in einer sehr konkreten pastoralen Sichtweise angebracht, einige Beobachtungen wiederzugeben, die dabei helfen, die Beziehung der Gläubigen zur Lehre des Glaubens besser zu verstehen. Im Allgemeinen unterscheiden die Gläubigen die Bibel von anderen religiösen Texten und betrachten sie als wichtiger für ihr Glaubensleben. In der Praxis aber bevorzugen nicht wenige geistliche Texte, Botschaften und erbauliche Schriften, die einfacher zu verstehen sind oder aber verschiedene Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit. Man könnte sagen, dass das Volk dem Wort Gottes auf praktische Weise begegnet, dass es das Wort lebt, ohne genauer den Ursprung und die Beweggründe zu kennen. Dies ist gleichzeitig eine positive und eine zerbrechliche Situation. Man muss es verstehen, zu den Leuten zu reden, und ihre Art der Auffassung in Betracht ziehen. Es ist eine notwendige Aufgabe des pastoralen Dienstes, den Gläubigen dabei zu helfen, zu verstehen, was die Bibel ist, warum es sie gibt, was sie dem Glauben zu geben hat, wie man sie gebraucht.
B. Wie die Bibel entsprechend dem Glauben der Kirche auszulegen ist «Lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll» (Hebr 4, 12)
Das hermeneutische Problem in pastoraler Perspektive Das hermeneutische Problem, innerhalb dessen es um die Umsetzung des Wortes Gottes und zugleich um die Inkulturation geht,[19] ist eine delikate und wichtige Fragestellung. Denn Gott legt dem Menschen nicht einfach eine mehr oder weniger interessante Information rein menschlicher oder wissenschaftlicher Art vor, sondern er teilt ihm sein Wort der Wahrheit und des Heiles mit, und das erfordert von Seiten des Hörers ein lebendiges, verantwortliches und zeitbezogenes Verständnis. Dies macht eine doppelte Bewegung erforderlich: einerseits ist der wirkliche Sinn des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, so wie der Herr es durch die heiligen Verfasser mitteilt, zu erfassen; andererseits bringt dies mit sich, dass das Wort auch demjenigen etwas zu sagen hat, der es heute hört.
Hören auf die Erfahrung Aus den Antworten der Bischöfe geht hervor, dass die Auslegung des Wortes, ungeachtet gegenläufiger Beobachtungen, durchaus möglich ist. Viele Christen beschäftigen sich gemeinschaftlich oder allein mit dem Wort Gottes in der Absicht, das, was Gott sagt, zu verstehen, und seinem Wort aufmerksam zu gehorchen. Diese Bereitschaft aus dem Glauben ist für die Kirche eine wertvolle Möglichkeit, zu einem richtigen Verständnis und einer entsprechenden Umsetzung des Heiligen Textes zu befähigen. Heute ist diese Gelegenheit (kairòs) in gewisser Weise noch stärker gegeben, denn es entwickelt sich eine neue Gegenüberstellung zwischen dem Wort Gottes und den Humanwissenschaften, besonders im Bereich der philosophischen, wissenschaftlichen und geschichtlichen Forschung. Aus diesem Kontakt zwischen dem Wort und der Kultur geht ein großer Reichtum hervor im Hinblick auf die Wahrheit über Gott, den Menschen und die Dinge und die damit verbundenen Werte. Die Vernunft befragt also den Glauben und wird von ihm in einen Zusammenarbeit hineinbezogen, wenn es um die Wahrheit und das Leben geht, die der Offenbarung Gottes und den Erwartungen der Menschheit entsprechen. Es fehlt aber auch nicht an Gefahren, die eine eigensinnige und verkürzte Interpretation mit sich bringt, wie sie vor allem durch den Fundamentalismus bedingt ist. Auf der einen Seite drückt sich hier das Bedürfnis aus, dem Text treu zu bleiben, auf der anderen Seite missversteht man die eigene Natur der Texte, was zu schweren Fehlern und unnötigen Konflikten führt.[20] Es gibt daneben auch die so genannte ideologische Bibellesung, die einem engen geistlichen, sozialen oder politischen oder einfach einem menschlichen Vorverständnis folgt, ohne den Beitrag des Glaubens (vgl. 2 Petr 1, 19-20; 3, 16). Dies führt bis hin zu einer Entgegensetzung oder Trennung der Schriftform, wie sie vor allem in der Bibel bezeugt wird und den lebendigen Formen der Verkündigung und der Lebenserfahrung der Gläubigen. Im Allgemeinen ist eine geringe oder ungenaue Kenntnis der hermeneutischen Regeln zur Auslegung des Wortes festzustellen.
Der Sinn des Wortes Gottes und der Weg, um ihn zu finden Im Licht des II. Vatikanischen Konzils und des nachfolgenden Lehramtes[21] scheinen heute im Hinblick auf eine entsprechende pastorale Vermittlung einige Aspekte der besonderen Beachtung und des Nachdenkens bedürftig: die Bibel, Buch Gottes und des Menschen, ist auf eine Art und Weise zu lesen, welche den historisch-literarischen und den theologisch-spirituellen oder einfach den geistlichen Sinn in rechter Weise vereint.[22] Diesbezüglich gibt die schon erwähnte Note der Päpstlichen Bibelkommission diese Definition: «In der Regel lässt sich der geistliche Sinn in der Perspektive des christlichen Glaubens als der Sinn definieren, den die biblischen Texte ausdrücken, wenn sie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes im Kontext des österlichen Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen Lebens gelesen werden. Diesen Kontext gibt es tatsächlich. Das Neue Testament erkennt darin die Erfüllung der Schriften. So ist es natürlich, die Schriften im Lichte dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen Geiste ist».[23] Das bedeutet, dass die historisch-kritische Methode, entsprechend durch andere Zugangsweisen ergänzt, für eine korrekte Exegese erforderlich ist.[24] Um aber den ganzen Sinn der Schrift erreichen ist können, sind jene theologischen Kriterien anzuwenden, die von Dei Verbum erwähnt werden: «auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift zu achten, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens» (DV 12).[25] Diesbezüglich wird heute die Notwendigkeit eines vertieften theologischen und pastoralen Nachdenkens empfunden, um unsere Gemeinschaften auf ein richtiges und fruchtbares Verstehen hin zu bilden. So sagt Papst Benedikt XVI.: «Mir liegt sehr daran, dass die Theologen die Schrift auch so lieben und lesen lernen, wie das Konzil es wollte nach Dei Verbum: dass sie die innere Einheit der Schrift sehen, wozu heute die „Kanonische Exegese“ ja hilft (die freilich immer noch in schüchternen Ansätzen ist) und dann eine geistliche Lesung der Schrift üben, die nicht äußere Erbaulichkeit ist, sondern das innere Eintreten in die Präsenz des Wortes. Da etwas zu tun, dazu beizutragen, dass neben und mit und in der historisch-kritischen Exegese wirklich Einführung in die lebendige Schrift als heutiges Wort Gottes geschieht, erscheint mir eine sehr wichtige Aufgabe».[26]
Pastorale Auswirkungen Das Volk Gottes ist daraufhin zu erziehen, den großen Horizont des Wortes Gottes zu entdecken, um zu verhindern, dass die Schriftlesung als etwas Kompliziertes empfunden wird. Es gilt die Wahrheit, dass die wichtigsten Dinge in der Bibel diejenigen sind, die am direktesten mit der Existenz verbunden sind, wie etwa das Leben Jesu. Es sei hier an einige wichtige Punkte im Hinblick auf die rechte Auslegung des heiligen Buches erinnert. a. Vor allem darf nicht vergessen werden, dass das Wort Gottes immer dann ausgelegt wird, wenn sich die Kirche versammelt, um die heiligen Geheimnisse zu feiern. Diesbezüglich erinnert die Einleitung des Lektionars, das in der Eucharistiefeier verwendet wird, daran: «Nach dem Willen Christi zeichnet sich das neue Volk Gottes durch die Verschiedenheit seiner Glieder aus. Darum haben die einzelnen auch in Bezug auf das Wort Gottes verschiedene Aufgaben und Dienste. Das Wort Gottes zu hören und zu bedenken ist Aufgabe aller Gläubigen, das Wort Gottes auszulegen ist allein Sache jener, die auf Grund der Weihe am Lehramt teilhaben oder auf Grund einer Beauftragung den Dienst der Verkündigung ausüben. So führt die Kirche alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt, in Lehre, Leben und Gottesdienst durch die Zeiten weiter und übermittelt es allen Geschlechtern. Im Gang der Jahrhunderte strebt sie ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Wort erfüllt».[27] b. Es muss folgendes festgehalten werden: «Der geistliche Sinn darf nicht mit subjektiven Interpretationen verwechselt werden, die aus Einbildungskraft oder intellektueller Spekulation stammen». Der geistliche Sinn ist das Ergebnis der Beziehung zwischen «drei Ebenen der Wirklichkeit: dem biblischen Text (in seinem Literalsinn), dem Ostergeheimnis und den Umständen des Lebens im Geist».[28] Es ist in jedem Fall angebracht, vom biblischen Text auszugehen, der auch für die pastorale Tätigkeit unersetzlicher vorrangiger Bezugspunkt ist. c. In Anerkennung der Tatsache, dass die Note der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche allgemein nicht über den Kreis der Fachleute hinaus bekannt geworden ist, ist es eine Pflicht, den gläubigen Lesern dabei zu helfen, die elementaren Regeln des Zugangs zum biblischen Text zu kennen. Entsprechende Hilfsmittel sind von großer Nützlichkeit. d. In dieser Perspektive gilt es auch, die außerordentliche Exegese der Kirchenväter[29] und die seit dem Mittelalter bekannten „vier Sinne der Schrift“, die ihren Wert nicht verloren haben, zu beachten, recht zu verstehen und wieder zu entdecken. Die verschiedenen Wirkungen und Traditionen, welche die Bibel im Leben des Volkes Gottes, in den Heiligen, in den geistlichen Lehrern und den Zeugen hervorgebracht hat, dürfen ebenfalls nicht übersehen werden. Auch der Beitrag der theologischen und der Humanwissenschaften und die Wirkungsgeschichte besonders in der Kunst sind zu berücksichtigen, denn sie können ein fruchtbares Zeugnis des geistlichen Verständnisses der Schrift sein. Da heute die Bibel auch von Nichtglaubenden gelesen wird, die ihren anthropologischen Wert hervorheben, kann eine rechte Interpretation dieses Aspektes bereichernd sein. Die Heilige Schrift muss in Gemeinschaft mit der Kirche aller Orten und Zeiten gelesen werden, in Gemeinschaft mit den großen Zeugen des Wortes, angefangen von den Vätern bis zu den Heiligen und dem heutigen Lehramt.[30] e. Es ist hervorzuheben, dass der Synode die Aufgabe gestellt wurde, nicht nur die klassischen Probleme der Bibel zu behandeln, sondern auch die aktuellen Fragestellungen etwa der Bioethik oder der Inkulturation zu ihr in Beziehung zu setzen. Dies kann in einer Weise ausgedrückt werden, welche in den Bibelgruppen häufig verwandt wird: „Wie gelangt man vom Leben zum Text und vom Text zu Leben“ oder aber „Wie kann die Bibel vom Leben her und das Leben von der Bibel her gelesen werden?“ f. Aus dem Blickwinkel der Kommunikation des Glaubens ist auch auf ein neues Problem der Bibelhermeneutik hinzuweisen. Es betrifft nicht nur das Verständnis der biblischen Sprache, sondern auch die Kenntnis der heutigen Kultur, die immer weniger an das gesprochene oder geschriebene Wort gebunden ist und sich mehr in Richtung auf eine elektronische Kultur entwickelt. Daher kann die traditionelle Verkündigung des Wortes den Hörern, die von den neuen Informationstechniken überschwemmt werden, langweilig erscheinen.
DRITTES KAPITEL
Die Haltung, die vom Hörer des Wortes gefordert wird «Höre, mein Volk» (Ps 50, 7) Aus den Antworten der Bischöfe auf die Lineamenta ergibt sich die Notwendigkeit, im Volk Gottes eine betende, persönliche und gemeinschaftliche Beziehung zum Wort Gottes zu pflegen, welche eine Antwort des Glaubens hervorruft und nährt.
Ein wirksames Wort Das Wort Gottes ist Ereignis und hat als Subjekte sowohl Gott, der verkündet, als auch den Einzelnen oder die Gemeinschaft, an die es gerichtet ist. Gott spricht, aber ohne das Hören des Gläubigen ist das Wort zwar gesagt aber noch nicht aufgenommen. Daher kann man sagen, dass die biblische Offenbarung die Begegnung zwischen Gott und dem Volk in der Erfahrung des einen Wortes ist, und dass beide das Wort entstehen lassen. Der Glaube, den das Wort hervorruft, wirkt. Der Brief an die Hebräer (4, 12-13) spricht genauso wie Jes 55, 9-11 und viele andere Texte von der unfehlbaren Wirksamkeit des Wortes Gottes. Wie ist diese Wirksamkeit zu verstehen? Diese Frage wird umso dringlicher, wenn man eine Tatsache in Rechnung stellt, die von vielen Bischöfen in ihren Beiträgen hervorgehoben wird, nämlich, dass einige neu getaufte Christen der Lesung der Heiligen Schrift eine quasi magische Bedeutung geben, ohne einen persönlichen, verantwortlichen Einsatz. Wie das Gleichnis vom Sämann (vgl. Mk 4, 1-20) bestätigt, entfaltet das Wort Gottes seine Wirksamkeit, wenn die Schwierigkeiten überwunden und die Bedingungen geschaffen werden, damit der Same des Wortes Frucht tragen kann. Im Hinblick auf die dem Wort Gottes eigene Wirksamkeit ist ein anderer Text des Evangeliums erhellend, in dem das Bild des Samens gebraucht wird, der sterben muss, um Frucht bringen zu können: Christus spricht von der Notwendigkeit seines Todes, um den Heilsplan zu erfüllen. Das Kreuz ist in direkter Weise Kraft und Weisheit Gottes; das Evangelium, schreibt der Hl. Paulus an die Christen in Korinth, ist «das Wort vom Kreuz» (1 Kor 1, 18). Die Wirksamkeit des Wortes steht daher mit dem Kreuz in Zusammenhang. Wort und Kreuz sind zwei Gegebenheiten, die auf der gleichen Ebene liegen. Ihre Kraft hängt ganz und gar von der Dynamik der Liebe Gottes ab, die sie durchdringt: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab» (Joh 3, 16; vgl. Röm 5, 8). Derjenige, der an die Liebe Gottes glaubt, findet auch die Frucht des Wortes, das sie verkündet. Dann offenbart sich die Kraft des Wortes, es verwirklicht sich, wird wahrhaft persönlich.
Der Gläubige: derjenige, der das Wort Gottes im Glauben hört «Dem offenbarenden Gott ist der Gehorsam des Glaubens zu leisten». Ihm, der sich gibt, indem er sich mittelt, «überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit» (DV 5), indem er ihn hört. Der Mensch, der auch kraft der inneren Struktur seiner Persönlichkeit Hörer des Wortes ist, empfängt von Gott die Gnade, im Glauben zu antworten. Dies erfordert von Seiten der Gemeinschaft und jedes einzelnen Gläubigen eine Haltung der vollen Zustimmung gegenüber dem Angebot einer totalen Gemeinschaft mit Gott und ein Sich-seinem-Willen-anvertrauen (vgl. DV 2). Diese Haltung des gemeinschaftlichen Glaubens kommt in jeder Begegnung mit dem Wort Gottes zum Ausdruck, in der lebendigen Predigt genauso wie in der Lesung der Bibel. Nicht zufällig wendet Dei Verbum auf das Heilige Buch das an, was allgemein vom Wort Gottes gesagt wird: «Gott redet die Menschen an wie Freunde [...], um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen» (DV 2). «In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf» (DV 21). Die Offenbarung ist jene Gemeinschaft der Liebe, welche die Schrift oft im Begriff des Bundes zum Ausdruck bringt. Zusammenfassend gesagt geht es um eine Haltung des Gebetes, um ein «Gespräch zwischen Gott und Mensch; denn „ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen“[31]» (DV 25). Das Wort Gottes verwandelt das Leben derer, die sich ihm mit Glauben nähern. Das Wort Gottes kommt nie an ein Ende, es ist jeden Tag neu. Damit dies geschieht, ist ein hörender Glaube erforderlich. Die Schrift bezeugt immer wieder, dass das Hören Israel zum Volk Gottes werden lässt: «wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein» (Ex 19, 5; vgl. Jer 11, 4). Das Hören schafft Zugehörigkeit, eine Verbindung, es lässt in den Bund eintreten. Im Neuen Testament richtet sich das Hören auf die Person Jesu, des Sohnes Gottes: «Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören» (Mt 17, 5 parr.). Der Gläubige ist einer, der hört. Wer hört, bekennt die Gegenwart dessen, der spricht und will mit ihm in Kontakt kommen; wer hört, schafft in sich einen Raum der Einwohnung für den Anderen; wer hört, stellt sich vertrauensvoll vor den, der spricht. Deshalb fordern die Evangelien die Gabe der Unterscheidung im Hinblick auf das, was man hört (vgl. Mk 4, 24) und wie man hört (vgl. Lk 8, 18): denn wir sind auch das, was wir hören! Das anthropologische Modell, das die Bibel vor Augen stellen will, ist daher das eines Menschen, der fähig ist zu hören, der ein hörendes Herz hat (vgl. 1 Kön 3, 9). Da es sich bei diesem Hören nicht um ein reines Vernehmen biblischer Worte handelt, sondern um die geistgewirkte Erkenntnis des Wortes Gottes, erfordert es den Glauben und muss im Heiligen Geist erfolgen.
Maria, Modell der Aufnahme des Wortes Gottes für den Glaubenden In der Heilsgeschichte begegnen uns große Figuren der Hörer und Verkünder des Wortes Gottes: Abraham, Mose, die Propheten, die Heligen Petrus und Paulus, die anderen Apostel, die Evangelisten. Sie hören gläubig das Wort des Herrn und schaffen dem Reich Gottes Raum, indem sie es verkünden. In dieser Hinsicht nimmt die Jungfrau Maria, welche die Begegnung mit dem Wort Gottes, das Jesus selbst ist, in unvergleichlicher Weise gelebt hat, eine zentrale Stellung ein. Daher ist sie ein von der Vorsehung gewolltes Modell alles Hörens und aller Verkündigung. Im Rahmen der intensiven Erfahrung mit den Schriften in dem Volk, zu dem sie gehörte, wird Maria von Nazareth, beginnend mit der Verkündigung bis hin zum Kreuz oder besser gesagt bis Pfingsten in eine Vertrautheit mit dem Wort Gottes hinein, zur Vertrautheit mit dem Wort Gottes erzogen, das sie im Glauben aufnimmt, betrachtet, verinnerlicht und in intensiver Weise lebt (vgl. Lk 1, 38; 2, 19.51; Apg 17, 11). In der Kraft ihres einmal gesprochenen und nie zurückgenommenen „Ja“ zum Wort Gottes versteht sie es, ihre Umgebung wahrzunehmen und den Notwendigkeiten des Alltags zu begegnen, in dem Bewusstsein, dass das, was sie von ihrem Sohn empfängt, eine Gabe für alle ist: im Dienst an Elisabeth, in Kanaan und unter dem Kreuz (vgl. Lk 1, 39; Joh 2, 1-12; 19, 25-27). Deshalb kann auf sie angewandt werden, was Jesus in ihrer Gegenwart sagt: «Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln» (Lk 8, 21). «Zuinnerst vom Wort Gottes durchdrungen, kann sie Mutter des fleischgewordenen Wortes werden».[32] Besondere Beachtung verdient die Art und Weise, in der sie das Wort Gottes hört. Im Evangelium heißt es: «Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach» (Lk 2, 19). Das bedeutet, dass sie die Schriften hörte und kannte, und sie in ihrem Herzen in einer Art innerem Wachstumsprozess betrachtete, in dem die Intelligenz nicht vom Herzen getrennt wird. Maria suchte den geistlichen Sinn der Schrift zu verstehen und fand ihn, indem sie die Schrift in Verbindung setzte (symballousa) mit den Worten und dem Leben Jesu und den Ereignissen, die sie im Lauf ihrer persönlichen Geschichte entdeckte. Maria ist unser Modell, wenn es darum geht, das Wort im Glauben anzunehmen, und wenn es darum geht, das Wort zu betrachten. Es reicht ihr nicht, es aufzunehmen, sie verweilt bei ihm. Sie besitzt es nicht nur, sondern sie weiß es zugleich auch wertzuschätzen. Sie stimmt ihm zu und sie bringt es zur Entfaltung. So wird Maria für uns zum Symbol für den Glauben der einfachen Menschen und den der Kirchenlehrer, die danach suchen, abwägen und festlegen, wie das Evangelium zu bekennen ist. Als sie die Gute Nachricht erhält, zeigt sich Maria als Idealtyp des Glaubensgehorsams und wird zur lebendigen Ikone der Kirche im Dienst am Wort. So sagt Isaak von Stella: «Das, was in den göttlich inspirierten Schriften allgemein über die reine Mutter Kirche gesagt wird, gilt im Besonderen für die Jungfrau und Mutter Maria. [...] Im umfassenden Sinn ist die Kirche das Erbe des Herrn, im engeren Sinn Maria, im besonderen Sinn jede gläubige Seele. Christus lebt neun Monate im Schoß Mariens wie in einem Tabernakel, im Tabernakel des Glaubens der Kirche lebt er bis ans Ende der Welt, in der Erkenntnis und in der Liebe der gläubigen Seelen in alle Ewigkeit».[33] Maria lehrt, nicht fremde Beobachter des Wortes des Lebens zu sein, sich das „Hier bin ich“ der Propheten (vgl. Jes 6, 8) zu Eigen zu machen und sich vom Heiligen Geist führen zu lassen, der in uns wohnt. Sie preist den Herrn, denn sie hat in ihrem Leben die Barmherzigkeit Gottes gefunden, die sie selig werden lässt, weil «sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ» (Lk 1, 45). So sagt der Hl. Ambrosius, dass jeder gläubige Christ das Wort Gottes empfängt und gebiert. Dem Fleisch nach gibt es nur eine Mutter Christi; dem Glauben nach aber ist Christus die Frucht aller.[34]
Pastorale Auswirkungen Die pastoralen Auswirkungen des Glaubens an das Wort Gottes sind beachtlich. a. Man kann die Bibel ohne Glauben lesen, aber ohne Glauben kann man das Wort Gottes nicht hören. Eine Bibelgruppe hat dann ihren Wert, wenn sie den Glauben bildet, während sie die Bibel liest und das christliche Leben den Anweisungen angleicht, welche die Bibel gibt und die schwierigen Momente des Lebens mit dem Glauben erleuchtet. b. Man muss in positiver und ermutigender Weise zum Menschen von heute sprechen und dabei vielfältige Hinweise geben, wie man sich einem Text, der geistlichen Lesung, dem Gebet und dem Teilen des Wortes nähern kann. Es geht vor allem darum, sich dem Wort zu nähern, nicht nur als einen Fundus von biblischen und pastoralen Bezügen, sondern als Quelle lebendigen Wassers, in der freudigen Überraschung, den Herrn im Kontext des eigenen Lebens zu hören. Es geht darum, den hermeneutischen Zirkel zu schließen: zu glauben, um zu verstehen, zu verstehen, um zu glauben; der Glaube sucht das Verständnis, das Verständnis öffnet sich dem Glauben. Die Erzählung von Emmaus ist ein beispielhaftes Modell der Begegnung des Gläubigen mit dem fleischgewordenen Wort selbst (vgl. Lk 24, 13-35). c. «Höre, Israel», «Shemà Israel» ist das vorrangige Gebot des Volkes Gottes (Dtn6, 4). «Höre» ist auch das erste Wort der Regel des Hl. Benedikt. Gott lädt den Gläubigen ein, mit den Ohren des Herzens zu hören. Das Herz ist in der Bibel nicht nur der Sitz des Gefühls und der Emotionen, sondern das tiefste Zentrum der Person, wo die Entscheidungen gefällt werden. Deshalb ist die Stille, die sich jenseits der Worte entfaltet, notwendig. Der Heilige Geist, der sich in Stille mit unserem Geist vereint, lehrt uns, das Wort Gottes anzunehmen und zu verstehen (vgl. Röm 8, 26-27). d. Es geht darum zu hören wie Maria und mit Maria, der Mutter und Erzieherin des Wortes Gottes. Es gibt die einfache und universale Form des betenden Hörens des Wortes in den Geheimnissen des Rosenkranzes. Johannes Paul II. hat seinen biblischen Reichtum unterstrichen, und ihn als «Kompendium des Evangeliums» bezeichnet, in dem die Ankündigung des Geheimnisses «Gott zu Wort kommen lässt», und es ermöglicht, «gemeinsam mit Maria Christus zu betrachten».[35] Darüber hinaus soll die ganze Kirche nach dem Beispiel der Jungfrau Maria, Tempel des Geistes, in einem stillen, demütigen und verborgenen Leben dazu erzogen werden, diese enge Beziehung zwischen Wort und Schweigen, Wort und Geist Gottes zu bezeugen. Das Hören des Wortes Gottes im Glauben wird dann im Gläubigen zum Verständnis, zur Betrachtung, zur Gemeinschaft, zum Teilen, zur Wirklichkeit: hier sind die Umrisse der Lectio Divina als bevorzugtem Weg des gläubigen Zugangs zu Bibel zu erkennen. e. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Haltung des Glaubens das Wort Gottes in all seinen Zeichen und Sprachen betrifft. Es handelt sich um einen Glauben, der durch das in einer Erzählung oder einen Lehrsatz enthaltene Wort eine Mitteilung der Wahrheit erhält; einen Glauben, der das Wort Gottes als herausragende Anregung zu einer wirksamen Bekehrung betrachtet, als Licht zur Beantwortung vieler Fragen des Gläubigen, als Führer zu einer weisheitlichen Beurteilung der Wirklichkeit, als Anregung, das Wort zur Tat werden zu lassen (vgl. Lk 8, 21) und es nicht nur zu hören oder zu sagen, und schließlich als unerschöpfliche Quelle des Trostes und der Hoffnung. Daraus ergibt sich die Aufgabe, im Leben der Gläubigen den Primat des Wortes Gottes anzuerkennen und sicherzustellen, indem es so angenommen wird, wie die Kirche es verkündet, versteht, erklärt, lebt. f. Schließlich sollen den vielen Menschen, die nicht lesen können, entsprechende Dienste für die Vermittlung des in entsprechende Sprachen übersetzen Wortes zur Verfügung gestellt werden.
DAS WORT GOTTES IM LEBEN DER KIRCHE
«So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe» (Jes 55, 9-11).
VIERTES KAPITEL
Das Wort Gottes belebt die Kirche «Der Brief, den Gott den Menschen gesandt hat»[36] Eines der ersten und stärksten Zeichen dafür, dass der Heilige Geist beginnt, das Leben eines Volkes zu bereichern, ist die Liebe zum Wort Gottes in der Schrift und der Wunsch, es besser kennen zu lernen. Dies geschieht, weil das Wort der Schrift ein Wort ist, das Gott wie einen Brief in den konkreten Umständen des Lebens an jeden persönlich richtet. Es hat eine außerordentliche Unmittelbarkeit und die Kraft, ins Zentrum des menschlichen Wesens vorzudringen. Denn - die Kirche geht aus dem Wort Gottes hervor und lebt vom Wort; - das Wort Gottes erhält die Kirche in ihrer Geschichte; - das Wort Gottes durchdringt und belebt in der Kraft des Heiligen Geistes das ganze Leben der Kirche.
Die Kirche geht aus dem Wort Gottes hervor und lebt vom Wort In der Apostelgeschichte ist zu lesen, dass Paulus und Barnabas nach ihrer Ankunft in Antiochien «die Gemeinde zusammenriefen und alles berichteten, was Gott mit ihnen zusammen getan und dass er den Heiden die Tür zum Glauben geöffnet hatte» (Apg 14, 27). Die Synode ist der Ort, an dem man sicher die «Zeichen und Wunder» des Wortes Gottes hören kann, so wie es in Antiochien und in der Versammlung von Jerusalem beim Bericht von Barnabas und Paulus geschehen ist (vgl. Apg 15, 12). Denn in allen Teilkirchen werden vielfältige Erfahrungen mit dem Wort Gottes gemacht: in der Eucharistie, in der gemeinschaftlichen und persönlichen Lectio Divina, in Tagen der Bibel, bei Bibelkursen, in Evangeliumsgruppen oder Gruppen, die gemeinsam auf das Wort Gottes hören, im biblischen Weg einer Diözese, in den Exerzitien, bei Wallfahrten ins Heilige Land, in Wortgottesdiensten, in musikalischen Ausdrucksformen, in der bildenden Kunst, in der Literatur und im Kino. Aus den Antworten auf die Lineamenta ergeben sich verschiedene Feststellungen: - Nach dem II. Vatikanischen Konzil wird das Wort Gottes vor allem im Zusammenhang mit der Eucharistie vermehrt gelesen. In vielen Kirchen erhält die Bibel einen bevorzugten Platz, und wird, wie es in den orientalischen Kirchen geschieht, in sichtbarer Weise neben oder auf dem Altar ausgestellt. - Dahinter steht ein entsprechendes Bemühen von Seiten der Kirche, damit das ganze Volk einen Zugang zur Heiligen Schrift erhält. Bischofskonferenzen, Diözesen, Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Vereinigungen und Bewegungen haben auf eine im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten neue Weise den großen Weg des Wortes Gottes beschritten. - Der Wunsch, zum Verkosten des Wortes Gottes hingeführt zu werden, überwiegt für manche vor anderen Aspekten des pastoralen Dienstes. Er ist immer ein grundlegendes Bedürfnis auch der zerstreutesten Menschen, die gegenüber dem Jesus der Evangelien sensibel sind. - Dies lässt nicht übersehen, dass der Grad der Vertrautheit mit dem Wort Gottes unterschiedlich ist. In der Welt des alten Christentums findet sich die Bibel mehr als zu anderen Zeiten in den Häusern, wird aber deshalb nicht immer auch gelesen. Statistische Erhebungen in einem Teil der Welt stellen fest, dass der entschiedene Gebrauch der Bibel noch deutlich wachsen kann. Zugleich muss das Bewusstsein der grundlegenden und entscheidenden Rolle des Wortes Gottes für ein Leben aus dem Glauben noch reifen. - Aus anderen geografischen Gebieten kommen andere Ergebnisse. Hier ist das Problem häufig der Mangel an Mitteln, besonders an Übersetzungen. Es ist erbaulich, an die Erfahrungen zu erinnern, welche diese oft armen Schwestern und Brüder im Kontakt mit dem Wort Gottes machen. Es soll hier als deutlicher Hinweis genügen, was in der Note der Päpstlichen Bibelkommission steht: «Man darf sich freuen, die Bibel in den Händen der Armen, der einfachen Leute zu sehen, die zu ihrer Auslegung und Aktualisierung in geistlicher und existentieller Hinsicht ein helleres Licht bereitstellen können, als was eine selbstgerechte Wissenschaft zu seiner Erklärung beizutragen vermag».[37] - Ein Paradox wird deutlich: dem Hunger nach dem Wort Gottes entspricht von Seiten der Hirten der Kirche nicht immer eine angemessene Predigt. Dies mag Gründe in der mangelnden Vorbereitung in den Seminaren oder aber im Mangel an pastoraler Erfahrung haben.
Das Wort Gottes erhält die Kirche in ihrer Geschichte Es ist eine beständige Tatsache im Leben des Volkes Gottes, dass es seine Kraft aus dem Wort bezieht, das nicht statisch ist, sondern ein Wort das läuft (vgl. 2 Thess 3, 1) und wie ein fruchtbarer Regen vom Himmel strömt (vgl. Jes 55, 10-11). Dies geschieht, seit die Propheten zum Volk sprachen, Jesus zu den Jüngern und zur Menge, die Apostel zu den ersten Gemeinschaften, und es geschieht bis in unsere Tage. Man kann mit Recht sagen, dass der Dienst am Wort Gottes die verschiedenen Epochen der biblischen Welt und später der Geschichte der Kirche kennzeichnet. So steht in den Zeiten der Väter die Schrift im Zentrum als Quelle, aus der Theologie, Spiritualität und pastorale Orientierung zu schöpfen sind. Die Väter sind die unüberbietbaren Meister dieser geistlichen Schriftlesung, welche, wenn sie echt ist, nicht vom Buchstaben, d.h. vom korrekten historischen Sinn absieht, sondern die Fähigkeit darstellt, den Buchstaben im Geist zu lesen. Im Mittelalter ist die Heilige Schrift die Grundlage des theologischen Nachdenkens; um ihr wirklich recht begegnen zu können, erarbeitet man die Lehre von den vier Schriftsinnen (Literal-, allegorischer, tropologischer und anagogischer Sinn).[38]In der Antike stellt die Lectio Divina die mönchische Form des Gebetes dar; das Wort Gottes ist außerdem Quelle der Inspiration für die Künstler; es wird dem Volk in vielfältigen Formen der Predigt und der Volksfrömmigkeit vermittelt. In der Neuzeit regen das Auftreten des kritischen Geistes, der wissenschaftliche Fortschritt, die Trennung zwischen den Christen und das daraus folgende ökumenische Bemühen nicht ohne Schwierigkeiten und Widerstände dazu an, einen methodisch korrekteren Zugang und zugleich ein besseres Verständnis des Geheimnisses der Schrift im Sinn der Tradition zu fördern. Derzeit entwickelt sich auf der Grundlage der Zentralität des Wortes Gottes ein Projekt der Erneuerung, das vom II. Vatikanischen Konzil bis zur gegenwärtigen Synode reicht. Vor dem Hintergrund der großen Tradition entwickelt sich jede Teilkirche in der Zeit mit eigenem Charakter und in eigener Weise. Wie uns die Geschichte lehrt, ist es dabei möglich, wechselseitige Verbindungen, Einflüsse und Anleihen festzustellen. Des ungeachtet ist ein doppelter Hinweis erforderlich: auf der einen Seite ist festzustellen, dass das Wort Gottes sich ausbreitet und die Teilkirchen der fünf Kontinente evangelisiert: es senkt sich mehr und mehr in ihnen ein und wird die belebende Seele des Glaubens vieler Völker, ein grundlegender Faktor der Gemeinschaft und Quelle der Inspiration für die Umwandlung der Kulturen und der Gesellschaft; auf der anderen Seite scheint aber die biblische Pastoral aus geschichtlichen Gründen, die mit der Situation der Evangelisierung, aber auch mit echten Glaubensproblemen in den verschiedenen Kontexten oder aber mit ökonomischem Mangel zu tun haben, zu leiden.
Das Wort Gottes durchdringt und belebt in der Kraft des Heiligen Geistes das ganze Leben der Kirche Es besteht eine Verbindung zwischen dem Gebrauch der Bibel, der Auffassung von Kirche und der pastoralen Praxis. Die rechte Beziehung entsteht, wenn der Heilige Geist Harmonie zwischen Schrift und Gemeinschaft herstellt. Es ist deshalb von Bedeutung, das innere Bedürfnis zu beachten, welches die Gemeinschaft bewegt, dem Wort Gottes zu begegnen; gleichzeitig ist darauf zu achten, jenes Empfinden zu kontrollieren, das die Spontaneität, die ausdrücklich subjektive Erfahrung und den Durst nach dem Wunderbaren zu sehr betont. Gleicher Weise ist auf das zu achten, was der Text der Schrift sagt, zu versuchen, bei ihm zu verweilen, um seinen wirklichen Sinn zu erfassen, bevor er auf das Leben angewandt wird. Das ist nicht immer leicht. Es ist hier auf die Gefahr des Fundamentalismus hinzuweisen, ein Phänomen, das weitläufige anthropologische, soziologische und psychologische Konsequenzen hat, das aber in besonderer Weise bei der Schriftlesung und der aus ihr folgenden Interpretation der Welt anzutreffen ist. Im Bereich der Schriftlesung flieht der Fundamentalismus in die Wörtlichkeit und weigert sich, die geschichtliche Dimension der biblischen Offenbarung zu berücksichtigen, so dass es ihm nicht gelingt, die Inkarnation ganz und gar anzunehmen. «Diese Art der Lektüre findet immer mehr Anhänger […] auch unter Katholiken. Der Fundamentalismus verlangt ein totales Einverständnis mit starren doktrinären Haltungen und fordert als einzige Quelle der Lehre im Hinblick auf das christliche Leben und Heil eine Lektüre der Bibel, die jegliches kritisches Fragen und Forschen ablehnt».[39] Die extreme Form dieser Haltung findet sich in den Sekten. Hier wird die Schrift dem dynamischen und belebenden Wirken des Geistes entzogen und die Gemeinschaft stirbt mehr und mehr ab, ist nicht mehr ein lebendiger Körper, sondern eine geschlossene Gruppe, die in sich selbst Unterschiede und Pluralität nicht mehr zulässt und gegenüber anderen Denkweise eine aggressive Haltung zeigt.[40] Es ist hingegen dringend erforderlich, in der Gemeinschaft die Verfügbarkeit für den Heiligen Geist offen zu halten und auf diese Weise der Gefahr zu begegnen, den Geist durch zu großen Aktivismus und die Äußerlichkeit des Glaubenslebens auszulöschen sowie die Gefahr einer Bürokratisierung der Kirche und einer pastoralen Tätigkeit, die sich nur noch auf ihre institutionellen Aspekte beschränkt und die Schriftlesung zu einer Aktivität unter vielen werden lässt, zu vermeiden. Wie Jesus sagt, führt der Geist die Kirche in die ganze Wahrheit ein (vgl. Joh 16, 13), lässt den wahren Sinn des Wortes Gottes verstehen und führt schließlich zur Begegnung mit dem Wort selbst, dem Sohn Gottes, Jesus von Nazareth. Dies gilt es, gegenwärtig zu halten. Der Heilige Geist ist die Seele und der Ausleger der Heiligen Schrift. Daher gilt nicht nur, dass die Schrift «in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde» (DV 12), sondern unter der Führung des Heiligen Geistes sucht die Kirche «zu einem immer tieferen Verständnis der Heiligen Schriften vorzudringen, um ihre Kinder unablässig mit dem Worte Gottes zu nähren» und bedient sich dabei besonders des Studiums der Väter des Ostens und des Westens (vgl. DV 23), der exegetischen und theologischen Forschung sowie des Lebens der Zeugen und der Heiligen. In dieser Hinsicht ist der Weg zu beachten, welchen die Praenotanda zum Lektionar aufzeigen: «Damit aber das Wort Gottes nicht nur in den Ohren klingt, sondern in den Herzen wirkt, ist das Handeln des Heiligen Geistes notwendig. Durch seine Eingebung und seinen Beistand wird das Wort Gottes zum Fundament des Gottesdienstes, zur Wegweisung und Quelle der Kraft für das ganze Leben. So geht das Wirken des Geistes allem gottesdienstlichen Handeln voraus, begleitet es und geht neu aus ihm hervor. Der Geist lehrt aber auch das Herz jedes einzelnen Menschen, was in der Verkündigung des Wortes Gottes der ganzen Gemeinde der Gläubigen gesagt wird. Er entfaltet die verschiedenen Gnadengaben, ermutigt zu vielfältigem Handeln und fügt alles zur Einheit zusammen».[41] Die christliche Gemeinschaft baut sich jeden Tag neu auf, indem sie sich unter der Führung des Heiligen Geistes, welcher Erleuchtung, Bekehrung und Trost schenkt, vom Wort Gottes leiten lässt. Denn «alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben» (Röm 15, 4). Es ist eine vorrangige Aufgabe der Hirten, den Gläubigen dabei zu helfen, zu verstehen, was es heißt, dem Wort Gottes unter der Führung des Geistes zu begegnen und wie dies vor allem in der geistlichen Lesung der Bibel, in der Haltung des Hörens und des Gebetes geschieht. In diesem Zusammenhang sagt Petrus Damascenus: «Wer den geistlichen Sinn der Schriften erfahren hat, der weiß, dass der Sinn des einfachsten Wortes der Schrift und der Sinn eines in außerordentlicher Weise weisheitlichen Wortes ein einziger ist und immer das Heil des Menschen zum Ziel hat».[42] Pastorale Auswirkungen Wenn das Wort Gottes für die Kirche Quelle des Lebens ist, kommt es darauf an, die Heilige Schrift als lebendige Nahrung zu betrachten. Das bedeutet: a. Beständig zu überprüfen, welchen Rang das Wort Gottes wirklich im Leben der eigenen Gemeinschaft einnimmt und dabei die konstruktiven Erfahrungen genauso zu berücksichtigen, wie die häufigsten Gefahren. b. Die Geschichte und Verbreitung des Wortes Gottes in der eigenen Gemeinschaft, Diözese, Nation, Kontinent, in der Kirche im allgemeinen wahrzunehmen, um die großen Taten Gottes (magnalia Dei) zu sehen und die Bedürfnisse sowie die Initiativen, die unternommen werden müssen, besser zu erkennen und mit den Gemeinschaften solidarisch zu sein, denen materielle und geistliche Ressourcen fehlen. c. Um in wirksamer Weise eine Pastoral ins Leben zu rufen, die vom Wort Gottes beseelt wird, ist es unerlässlich, die unersetzbare Rolle der Teilkirchen in Gemeinschaft untereinander anzuerkennen und zu fördern. Aus den Initiativen, welche sie als Volk Gottes in Gemeinschaft mit dem Bischof unternehmen, gehen große und kleine Erfahrungen hervor, und es entsteht ein beständiger Fluss des Wortes in den verschiedenen Gemeinschaften.
FÜNFTES KAPITEL Das Wort Gottes in den vielfältigen Diensten der Kirche «Das Brot des Lebens vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi» (DV 21)
Der Dienst am Wort «Wie die christliche Religion selbst, so muss auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren» (DV 21). Mit dieser Aussage erinnert das II. Vatikanische Konzil an besondere Verpflichtungen, welche konkrete Maßnahmen erforderlich machen. Es ist festzustellen, dass der Dienst am Wort Gottes in den Teilkirchen in verschiedenen Lebensbereichen und Lebensformen verwirklicht wird, wobei die Tatsache anerkannt wird, dass die Feier der Eucharistie oder der anderen Sakramente der erstrangige Erfahrungsbereich des Wortes Gottes ist. Es wird die Notwendigkeit empfunden, die betenden Schriftlesung in der Form der Lectio Divina auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene als hohes und gemeinsames Ziel anzuerkennen, und eine Katechese zu fördern, welche Hinführung zur Heiligen Schrift ist. Zugleich sollen die katechetischen Programme, die Katechismen selbst, die Predigt und die Volksfrömmigkeit von der Schrift belebt werden. Darüber hinaus ist es angemessen, über das Bibelapostolat die Begegnung mit dem Wort Gottes zu fördern sowie die Entstehung und Begleitung von Bibelgruppen zu pflegen, und alles zu tun, damit das Wort, Brot des Lebens, auch wirkliches Brot wird, d.h. dahin führt, den Armen und Leidenden zu helfen. Es erscheint dringend, den Wert des Wortes auch durch Studien und Begegnungen zum Ausdruck zu bringen, die seine Beziehung zur Kultur und zum menschlichen Geist in einem interreligiösen und interkulturellen Austausch zum Ausdruck bringen. Um diese Ziele verwirklichen zu können, sind in einem Klima, das den Geist der Gemeinschaft fördert, ein aufmerksamer Glaube, apostolische Hingabe, sowie eine durchdachte, kreative und beständige Pastoral erforderlich. In keinem anderen Bereich tritt die Notwendigkeit einer beständig von der Bibel beseelten Pastoral so sehr hervor. In dieser Perspektive der Einheit und der Zusammenarbeit muss jene Dynamik der Begegnung zwischen dem Wort Gottes und den Menschen voll anerkannt und unterstützt werden, eine Dynamik, die an der Basis aller pastoralen Tätigkeit der Kirche steht: das verkündete und gehörte Wort erfordert es, durch die Liturgie und die Sakramente zum gefeierten Wort zu werden, um auf diese Weise durch die Erfahrung der Gemeinschaft, der Liebe und der Sendung zu einem Leben nach dem Wort anregen zu können.[43]
Die Erfahrung in der Liturgie und im Gebet Aus den Erfahrungen der Teilkirchen gehen einige gemeinsame Erkenntnisse hervor: in allen Teilen der Welt erfolgt die Begegnung mit dem Wort Gottes für einen Großteil der Christen nur während der sonntäglichen Eucharistiefeier; im Volk Gottes wächst das Bewusstsein der Wichtigkeit des Wortgottesdienstes, nicht zuletzt Dank seiner Neuordnung durch das neue Lektionar; einige wünschen sich aber auch eine Überarbeitung des Lektionars, nicht nur, um mehr Treue zum Urtext zu gewährleisten, sondern auch, um die drei Lesungen besser aufeinander abzustimmen; im Hinblick auf die Predigten werden entscheidende Verbesserungen erwartet; manchmal wird der Wortgottesdienst in Form einer Lectio Divina angelegt; schließlich hat das Stundengebet im Volk keine weite Verbreitung gefunden. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass das Volk Gottes nicht vollständig in die Theologie des Wortes Gottes in der Liturgie eingeführt wurde und ihr eher passiv beiwohnt, ohne sich des sakramentalen Charakters bewusst zu werden, und in Unkenntnis der reichhaltigen Einführungen der liturgischen Bücher, an denen auch die Hirten nicht immer interessiert zu sein scheinen; die Weite der Zeichen, welche dem Wortgottesdienst eigen sind, scheint nicht selten auf eine rituelle Formalität beschränkt und nicht innerlich verstanden zu werden; die Beziehung zwischen Wort Gottes und Sakrament wird, besonders im Hinblick auf das Sakrament der Versöhnung, zu wenig wertgeschätzt. Die theologisch-pastorale Motivation: Wort, Geist, Liturgie, Kirche Auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens ist es erforderlich, das Verständnis dafür reifen zu lassen, dass die Liturgie der bevorzugte Ort des Wortes Gottes ist, das die Kirche aufbaut. Einige grundlegende Aussagen sind in diesem Zusammenhang wichtig. - Die Bibel ist das Buch eines Volkes und für ein Volk. Sie ist eine Erbschaft, ein den Lesern übergebenes Testament, damit sie in ihrem Leben die Heilsgeschichte Wirklichkeit werden lassen, die in der Schrift bezeugt ist. Zwischen Volk und Buch besteht daher eine wechselseitige, lebendige Zugehörigkeit: die Bibel bleibt ein lebendiges Buch, wenn das Volk sie liest; das Volk besteht nicht ohne das Buch, denn in ihm findet es den Grund seines Daseins, seine Berufung, seine Identität. - Diese wechselseitige Zugehörigkeit von Volk und Heiliger Schrift wird in der liturgischen Versammlung gefeiert, welche den Ort darstellt, an dem das Werk des Empfangs der Bibel sich vollzieht. Die Rede Jesu in der Synagoge von Nazareth (vgl. Lk 4, 16-21) ist in dieser Hinsicht bedeutsam. Das, was dort geschieht, geschieht auch jedes Mal dann, wenn in der Liturgie das Wort Gottes verkündet wird. - Die Verkündigung des in der Schrift enthaltenen Wortes Gottes ist Tätigkeit des Geistes: so, wie er bewirkt hat, dass das Wort Buch wird, so verwandelt er in der Liturgie das Buch in das Wort. In der alexandrinischen liturgischen Tradition gibt es eine doppelte Epiklese, eine Anrufung des Heiligen Geistes vor der Verkündigung der Lesungen und eine zweite nach der Homilie:[44] Es ist der Geist, der den Vorsteher in seiner prophetischen Aufgabe leitet, das Wort Gottes zu verstehen und es der Versammlung entsprechend zu verkünden und auszulegen und parallel dazu eine würdige und rechte Aufnahme des Wortes durch die versammelte Gemeinschaft zu erbitten. - In der Kraft des Heiligen Geistes hört die liturgische Versammlung Christus, «da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden» (SC 7) und nimmt den Bund an, den Gott mit seinem Volk erneuert. Schrift und Liturgie streben also demselben Ziel zu, das Volk zum Dialog mit dem Herrn zu führen. Das Wort, das aus Gottes Mund hervorgegangen ist und in den Schriften bezeugt wird, kehrt in der Gestalt der betenden Antwort des Volkes zu Ihm zurück (vgl. Jes 55, 10-11). - In der Liturgie, vor allem bei der Feier der Eucharistie, erfolgt die Verkündigung des Wortes der Schrift, welche durch die Dynamik eines tief greifenden Dialoges gekennzeichnet ist. Von den Anfängen der Geschichte des Volkes Gottes an, sei es zu biblischer oder nachbiblischer Zeit, ist die Bibel immer das Buch gewesen, das dazu diente, die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk aufrecht zu erhalten; deshalb wurde sie Buch des Kultes und des Gebetes. Denn der Wortgottesdienst ist «nicht nur ein Augenblick der Erbauung und Katechese, sondern das Gespräch Gottes mit seinem Volk [...], ein Gespräch, in dem diesem die Heilswunder verkündet und immer wieder die Ansprüche des Bundes vor Augen gestellt werden».[45] - Im Zusammenhang mit der Beziehung Wort-Liturgie kommt für die ganze Kirche, vor allem aber für das Ordensleben dem Stundengebet eine besondere Bedeutung zu. Das Stundengebet ist vor allem dank der Psalmen, in denen sich in besonderer Weise der gott-menschliche Charakter der Schrift zum Ausdruck bringt, als bevorzugter Ort der Bildung zum Gebet aufzufassen. Die Psalmen lehren zu beten, indem sie denjenigen, der sie singt oder rezitiert, dazu führen, das Wort Gottes zu hören, zu verinnerlichen und es auszulegen. - Das Wort Gottes über das persönliche und gemeinschaftliche Gebet hinaus auch im liturgischen Gebet anzunehmen, wird so für alle Christen zum unumgänglichen Ziel, weshalb sie aufgerufen sind, eine neue Sicht der Heiligen Schrift zu entwickeln. Sie soll nicht so sehr als geschriebenes Buch, sondern vielmehr als Verkündigung und Bezeugung des Heiligen Geistes über die Person Christi verstanden werden, entsprechend der schon zitierten Aussage des Konzils: Christus ist gegenwärtig «in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden» (SC 7). Daraus folgt, dass «die Heilige Schrift für die Liturgiefeier von größter Bedeutung ist» (SC 24).
Wort Gottes und Eucharistie In der Praxis mag der Wortgottesdienst nicht selten improvisiert und manchmal nicht ausreichend mit der Eucharistie verbunden scheinen. Die enge Einheit zwischen Wort und Eucharistie hat aber ihren Ursprung im Zeugnis der Schrift (vgl. Joh 6), wird von den Kirchenväter bezeugt und vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt (vgl. SC 48.51.56; DV 21.26; AG 6.15; PO 18; PC 6). In der großen Tradition der Kirche finden wird dies in herausragender Weise ausgedrückt: «Corpus |