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BISCHOFSSYNODE
DAS WORT GOTTES LINEAMENTA INHALT
"Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens" (Hebr 4, 12). Die ganze Heilsgeschichte zeigt, dass das Wort Gottes lebendig ist. Gott, die Quelle des Lebens, ergreift die Initiative und offenbart sich (vgl. Lk 20, 38). Sein Wort richtet sich an den Menschen, das Geschöpf seiner Hände (Ijob 10, 3), das er geschaffen hat, um IHM antworten und in Austausch mit seinem Schöpfer treten zu können. Daher begleitet das Wort Gottes den Menschen von seiner Schöpfung an bis zum Ende seines irdischen Pilgerweges. Das Wort hat sich auf verschiedene Weise zum Ausdruck gebracht, deren Höhepunkt im Geheimnis der Inkarnation liegt, als das Wort, Gott von Gott, durch das Wirken des Heiligen Geistes Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 1. 14). Jesus Christus, gestorben und auferstanden, ist "der Lebendige"(Offb 1, 18), derjenige, der Worte des ewigen Lebens hat (vgl., Joh 6, 68). Das Wort Gottes ist auch schneidend. Es erleuchtet das Leben des Menschen und deutet den Weg an, dem er folgen soll. Dies geschieht in besonderer Weise in den Zehn Geboten (vgl. Ex 20, 1-21), die Jesus im Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten zusammengefasst hat (vgl. Mt 22, 37-40). Des weiteren stellen die Seligpreisungen (vgl. Lk 6, 20-26) das Ideal des christlichen Lebens dar, das im Hören auf das Wort Gottes gelebt wird, welches die Gedanken des Herzens erforscht und sie auf das Gute lenkt, indem es sie von dem reinigt, was sündhaft ist. Wenn er sich an den sündigen, aber zur Heiligkeit berufenen Menschen wendet, mahnt Gott immer die Umkehr von der schlechten Lebensweise an: "Kehrt um von euren bösen Wegen, achtet auf meine Befehle und meine Gebote genau nach dem Gesetz, das ich euren Vätern gegeben und euch durch meine Knechte, die Propheten, verkündet habe" (2 Kön 17, 13). Auch der Herr Jesus spricht im Evangelium die Einladung aus: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe."(Mt 3, 2). Durch die Gnade des Heiligen Geistes berührt das Wort Gottes das Herz des reumütigen Sünders und führt ihn in seiner Kirche zur Gemeinschaft mit Gott zurück. Die Bekehrung eines Sünders ist im Himmel Ursache zu großer Freude (Lk 15, 7). Im Namen des auferstandenen Herrn setzt die Kirche die Sendung fort, "allen Völkern die Bekehrung und die Vergebung der Sünden" (Lk 24, 47) zu verkünden. Im Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes schlägt sie selbst den Weg der Demut und der Bekehrung ein, um ihrem Herrn und Bräutigam Jesus Christus immer treuer zu sein und mit größerer Kraft und Authentizität seine Gute Nachricht zu verkünden. Das Wort Gottes ist sodann wirksam. Das zeigen die Lebensgeschichten der Patriarchen und der Propheten genauso wie die Geschichte des auserwählten Volkes des Alten und des Neuen Bundes. In ganz herausgehobener Weise bezeugt das Jesus Christus, Mensch gewordenes Wort Gottes, "der unter uns gewohnt hat"(Joh 1, 14). Durch seine Kirche verkündet er immer noch das Reich Gottes und heilt die Kranken (vgl. Lk 9, 2). Die Kirche vollbringt dieses Heilswerk durch Wort und Sakrament, insbesondere durch die Eucharistie, welche Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche darstellt. In ihr werden durch die Gnade des Heiligen Geistes die Wandlungsworte wirksam und das Brot in den Leib und den Wein in das Blut Christi verwandelt (vgl. Mt 26, 26-28; Mk 14, 22-23; Lk 22, 19-20). Das Wort Gottes ist daher auch die Quelle der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen und der Menschen untereinander, die vom Herrn geliebt sind. Die enge Verbindung zwischen der Eucharistie und dem Wort Gottes hat auch die Wahl des Themas für die kommende ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode bestimmt, und den seit langem gehegten Wunsch verstärkt, das Wort Gottes zum Gegenstand des Nachdenkens der Synode zu machen. Nach der Bischofssynode über Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche, die vom 2. bis 23. Oktober 2005 stattfand, schien es also logisch, die Aufmerksamkeit auf Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche zu lenken, um vertieft über die Bedeutung des einen Tisches des Brotes und des Wortes nachzudenken. Dieses Thema stellt nach dem Zeugnis ihrer Hirten, der Bischöfe, ein vordringliches Interesse der Teilkirchen dar. Die Auswahl des Themas für die nächste Synodenversammlung ist nämlich auf kollegiale Weise erfolgt. Der bewährten Praxis entsprechend hatte der Heilige Vater Benedikt XVI. das Generalsekretariat der Bischofssynode beauftragt, den Episkopat der Katholischen Kirche in dieser Hinsicht zu konsultieren. Aus den Antworten, die von Seiten der Orientalisch-Katholischen Kirchen sui iuris, der Bischofskonferenzen, der Dikasterien der Römischen Kurie und der Union der Generalobern eintrafen, ging das Thema des Wortes Gottes als bevorzugtes hervor, wobei verschiedene Schwerpunkte gesetzt und eine große Vielfalt von Gesichtspunkten angesprochen wurden. Das umfangreiche Material ist vom XI. Ordentlichen Rat des Generalsekretariates der Bischofssynode ausgewertet worden. Dieser Rat repräsentiert in gewisser Weise das gesamte Versammlung, denn zwölf seiner Mitglieder wurden von ihren Mitbrüdern während der XI. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode gewählt. Entsprechend den Bestimmungen des Ordo Synodi Episcoporum sind drei weitere Mitglieder des Rates von Seiner Heiligkeit Benedikt XVI. ernannt worden. Das Ergebnis der fruchtbaren Diskussion innerhalb des Rates ist in einem Dreiervorschlag von Themen zusammengefasst worden, den Seine Exzellenz der Generalsekretär der Entscheidung des Pontifex unterbreitet hat. Das vom Heiligen Vater, welcher der Präsident der Bischofssynode ist, gewählte Thema wurde am 6. Oktober 2006 bekannt gegeben. Anschließend hat der ordentliche Rat des Generalsekretariates die Arbeit aufgenommen, um die Lineamenta zu erarbeiten. Dieses Dokument hat die Zielsetzung, kurz den status quaestionis im Hinblick auf die Bedeutung des Themas des Wortes Gottes darzustellen, sowie diesbezüglich die positiven Aspekte im Leben und in der Sendung der Kirche zu benennen, ohne dabei aber die Gesichtspunkte zu verschweigen, welche problematisch sind, oder aber im Hinblick auf das Wohl der Kirche und ihr Leben in der Welt eines vertieften Studiums bedürfen. Zu diesem Zweck beziehen sich die Lineamenta ausführlich auf die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung, Dei Verbum, und folgen dabei der Vorgehensweise, die bereits die Konzilsväter gewählt haben, nämlich das Wort Gottes voll Ehrfurcht zu hören, um dann in der Lage zu sein, es mit Zuversicht zu verkündigen (vgl. DV 1). Die pastorale relecture von Dei Verbum wird begleitet von den nachfolgenden Texten des Lehramtes der Kirche, das die Ausgabe hat, das heilige Glaubensgut, das in der Schrift und in der Tradition enthalten ist, authentisch auszulegen. Um das Nachdenken und die Diskussion über das Thema auf der Ebene der ganzen Kirche zu erleichtern, enthält das Dokument einen detaillierten Fragebogen, der mit den Themen in Verbindung steht, die in den einzelnen Kapiteln behandelt werden. Alle oben genannten Kollegialorgane sind gebeten, diesen Fragebogen bis Ende November diesen Jahres (2007) zu beantworten. Mit Hilfe einiger ausgewiesener Experten wird der Ordentliche Rat die eingehenden Dokumente studieren und ihre Themen in einem zweiten Dokument geordnet vorlegen. Dieses Dokument wird traditionell als Instrumentum laboris bezeichnet und dient zugleich als Tagesordnung für die XII. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die, so Gott will, vom 5. bis 26. Oktober 2008 stattfinden wird. Von Anfang an lebt die Kirche vom Wort Gottes. In Christus, dem durch das Wirken des Heiligen Geistes Fleisch gewordenen Wort, ist die Kirche "gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG 1). Das Wort Gottes ist auch der unausschöpfliche Beweggrund für die kirchliche Sendung im Hinblick auf die Nahen und die Fernen. Dem Auftrag Jesu gehorsam und auf die Kraft des Heiligen Geistes vertrauend, befindet sich die Kirche daher in einer ständigen Haltung der Mission (vgl. Mt 28, 19). Nach dem Beispiel der Seligen Jungfrau Maria, der demütigen Magd des Herrn, will die Synode die staunende Wiederentdeckung des Wortes Gottes fördern, das lebendig, schneidend und wirksam ist, und zwar im Herzen der Kirche, in ihrer Liturgie und ihrem Gebet, in der Evangelisierung und der Katechese, in der Exegese und der Theologie, im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben, aber auch in den Kulturen der Menschen, die vom Evangelium gereinigt und bereichert wurden. Die Christen, die sich vom Wort Gottes aufwecken lassen, werden in der Lage sein, jedem zu antworten, der sie nach dem Grund ihrer Hoffnung fragt (vgl. 1 Petr 3, 15) und den Nächsten zu lieben "nicht mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit" (1 Joh 3, 18). Wenn sie gute Werke vollbringen, wird vor den Menschen ihr Licht leuchten, das seine Leuchtkraft von der Herrlichkeit Gottes erhält, und alle werden unseren Vater loben, der im Himmel ist (vgl. Mt 5, 16). Das Wort Gottes soll also in das ganze Leben der Kirche ausstrahlen, und auch ihre Gegenwart in der Gesellschaft auszeichnen, wo sie Sauerteig einer gerechteren und friedlicheren Welt ist, frei von jeder Art von Gewalt und offen für den Aufbau einer Zivilisation der Liebe. "Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dieses Wort ist das Evangelium, das euch verkündet worden ist" (1 Petr 1, 25). Das Nachdenken über das Thema der Synode möge zum demütigen Gebet werden, damit die Wiederentdeckung des Wortes Gottes immer mehr den Weg des Menschen in Kirche und Gesellschaft erleuchte, der ihn auf oft verschlungenen Pfaden durch die Geschichte führt, während er vertrauensvoll "einen neuen Himmel und eine neue Erde erwartet, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2 Petr 3, 13).
Nikola Eterović Vatikan, 25. März 2007 Warum eine Synode über das Wort Gottes? "Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist"(1 Joh 1, 1-4). 1. "Im Anfang war das Wort" (Joh 1, 1). "Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit" (Jes 40, 8). Das Wort Gottes steht bei der Erschaffung der Welt und des Menschen am Anfang der Geschichte: "Gott sprach" (Gen 1,3.6.); es kündet in der Fleischwerdung des Sohnes, Jesu Christi, die Mitte der Geschichte an: "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14), und es beschließt sie mit dem sicheren Versprechen einer Begegnung mit Ihm in einem Leben ohne Ende: "Siehe, ich komme bald" (Offb 22,20). Es ist die oberste Gewissheit, die Gott selbst in seiner unendlichen Liebe jedem Menschen zu jeder Zeit geben will und die sein Volk zu bezeugen hat. Es ist dieses große Geheimnis des Wortes, höchstes Geschenk des Vaters, das die Synode anbeten, wofür sie danken, das sie betrachten und das sie der Kirche und allen Menschen verkünden will. 2. Der Mensch von heute zeigt in vielfältiger Weise, dass er eine große Sehnsucht hat, Gott zu hören und mit Ihm ins Gespräch zu kommen. Unter vielen Christen ist heute ein begeisterter Weg hin auf das Wort Gottes als Quelle des Lebens und der Gnade der Begegnung des Menschen mit dem Herrn festzustellen. Es überrascht daher nicht, dass der unsichtbare Gott auf diese Offenheit des Menschen antwortet. Er spricht "aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen."[1] Diese großzügige Offenbarung Gottes ist ein fortwährendes Ereignis der Gnade. In all dem erkennen wir das Wirken des Heiligen Geistes, der durch das Wort das Leben und die Sendung der Kirche erneuern will, indem er sie zur ständigen Bekehrung ruft und einlädt, allen Menschen das Evangelium zu verkünden, "damit alle das Leben haben und es in Fülle haben"(Joh 10, 10). 3. Das Wort Gottes hat sein Zentrum in der Person Christi, des Herrn. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche das Geheimnis des Wortes beständig erfahren und darüber nachgedacht. "Was soll die Schrift anderes sein, als das Wort Gottes? Sicher, viele der Worte wurden von den Propheten niedergeschrieben; aber das Wort Gottes, das die ganze Schrift zusammenfasst, ist ein einziges. Dieses eine Wort haben die Gläubigen von Gott, ihrem wahren Bräutigam empfangen, haben es mit fruchtbarem Mund hervorgebracht und es den Zeichen - den Buchstaben - anvertraut, um es zu uns gelangen zu lassen."[2] Mit der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung, Dei Verbum (1965), fasst das Zweite Vatikanum das feierliche Lehramt über das Wort Gottes zusammen, stellt es dar und gibt Hinweise für die Praxis. Damit wird in der Tat ein langer Weg der Reifung und Vertiefung zur Vollendung geführt, dessen wichtigste Etappen durch drei Enzykliken markiert werden: Providentissimus Deus von Leo XIII., Spiritus Paraclitus von Benedikt XV., Divino Afflante Spiritu von Pius XII.[3] Dieser Weg wurde von Exegese und Theologie gefördert, durch die geistliche Erfahrung der Gläubigen bereichert, und bereits von der Bischofssynode 1985[4] sowie dem Katechismus der Katholischen Kirche in Erinnerung gerufen. Nach dem Konzil ist auf teilkirchlicher und universalkirchlicher Ebene die Begegnung mit dem Wort Gottes gefördert worden, in der Überzeugung, dass dies "der Kirche einen neuen geistlichen Frühling schenken" werde.[5] In enger Verbindung mit den vorausgegangenen Bischofssynoden (1967-2005) stellt sich also die kommende Synodenversammlung in den großen Horizont des Wortes, das Gott an sein Volk richtet, indem sie das Fundament des Glaubens selbst in Erinnerung ruft und beabsichtigt, die großen Zeugnisse der Begegnung mit dem Wort, wie wir sie in der Welt der Bibel (vgl. Jos 24; Neh 8; Apg 2) und in der Geschichte der Kirche finden, auf unsere Zeit hin neu zu buchstabieren. 4. Genauer gesagt, will diese Synode in Kontinuität mit der vorausgehenden, die innere Verbindung zwischen Eucharistie und Wort Gottes ins Licht stellen, denn die Kirche nimmt vom "Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens"[6] , den Leib des Herrn. Dies ist zugleich die tiefe Motivation und das erstrangige Ziel der Synode: in Jesus Christus, der in der Schrift und in der Eucharistie gegenwärtig ist, der Fülle des Wortes Gottes zu begegnen. So sagt der Hl. Hieronymus: "Der Leib des Herrn ist wahre Speise und sein Blut ist wahrer Trank; im gegenwärtigen Leben ist er das höchste Gut, das wir erreichen können, uns von seinem Fleisch zu nähren und sein Blut zu trinken, und das nicht nur in der Eucharistie, sondern auch bei der Lektüre der Heiligen Schrift. Das Wort Gottes, das wir durch die Schriftlesung kennen lernen, ist nämlich wirklich Speise und Trank."[7] Zunächst aber dürfen wir uns über vierzig Jahre nach dem Abschluss des II. Vatikanums fragen, welche Früchte das Konzilsdokument Dei Verbum in unseren Gemeinschaften getragen hat, wie es von ihnen aufgenommen wurde. Zweifellos sind im Volk Gottes im Hinblick auf das Wort Gottes viele positive Ergebnisse erreicht worden, wie z.B. die biblische Erneuerung im Bereich der Liturgie, der Theologie und der Katechese, die Verbreitung und die Nutzung der Schrift durch das Bibelapostolat und den Schwung vieler Gemeinschaften und Bewegungen in der Kirche, die steigende Zahl der heute zur Verfügung stehenden Mittel und Instrumente der Kommunikation. Andere Aspekte sind immer noch offen und problematisch. Das Phänomen der Unkenntnis und Unsicherheit im Hinblick auf die Lehre über die Offenbarung und das Wort Gottes scheint verbreitet zu sein; viele Christen haben immer noch eine beträchtliche Distanz zur Bibel und es besteht immer noch die Gefahr, sie falsch zu gebrauchen; in Wort und Tat schleicht sich ohne die Wahrheit des Wortes der Relativismus ein. Es ist daher dringend notwendig, den Glauben der Kirche im Hinblick auf das Wort Gottes zu kennen, mit entsprechenden Mitteln die Begegnung der Christen mit der Heiligen Schaft zu fördern und zugleich die neuen Wege zu gehen, die der Geist eingibt, damit das Wort Gottes in seinen vielfältigen Ausdrucksformen in der Kirche gekannt, gehört, geliebt, vertieft und gelebt wird, und so für alle Menschen zum Wort der Wahrheit und der Liebe werden kann. 5. Das Ziel dieser Synode ist ein zutiefst pastorales: es geht darum, die Praxis der Begegnung mit dem Wort als Quelle des Lebens in den verschiedenen Bereichen der Erfahrung zu erweitern und zu bestärken. Dabei ist auszugehen von den Grundlagen der Lehre, welche weiter zu vertiefen sind, aber zugleich die Überlegungen erleuchten. Auf diese Weise sollen den Christen und allen Menschen guten Willens echte und begehbare Wege vorgeschlagen werden, um das Wort Gottes hören und mit Ihm ins Gespräch kommen zu können. Konkret setzt sich die Synode u.a. zum Ziel, dazu beizutragen, die grundlegenden Aspekte der Wahrheit über die Offenbarung, wie Wort Gottes, Tradition, Bibel, Lehramt, welche einen fruchtbaren Glaubensweg begründen und sicher stellen, zu klären; die Wertschätzung und die tiefe Liebe gegenüber der Heiligen Schrift zu erneuern, indem sie sicherstellt, dass "der Zugang zur Heiligen Schrift ... für die an Christus Glaubenden weit offensteht";[8] das Hören auf das Wort Gottes besonders in der Liturgie und in der Katechese besonders durch die Übung der Lectio Divina zu erneuern, die den verschiedenen Umständen entsprechend angepasst werden muss; und den Armen der Welt ein Wort des Trostes und der Hoffnung zu sagen. Diese Synode möchte also dem Volk Gottes ein Wort sagen, das Brot sein kann. Deshalb will sie einen hermeneutisch korrekten Zugang zur Schrift sicherstellen und dem notwendigen Prozess der Evangelisierung und Inkulturation Orientierung geben. Sie beabsichtigt, den ökumenischen Dialog, der eng mit dem Hören auf Gottes Wort verbunden ist, zu unterstützen, sowie den christlich-jüdischen Dialog[9] und Austausch zu fördern. Im weiteren Sinn geht es ihr um den interreligiösen und interkulturellen Dialog. Diese und andere Ziele beabsichtigt die Synode in folgenden drei Schritten umzusetzen:
Das ermöglicht es, die grundlegende und die operative Bedeutung des Wortes Gottes in der Kirche gemeinsam zu betrachten. Diese Lineamenta haben also nicht die Absicht, alle Gründe und Anwendungsbereiche der Begegnung mit dem Wort Gottes darzulegen. Sie wollen im Licht des II. Vatikanums die wichtigsten erwähnen, um dabei zugleich die Seite der Lehre und der Erfahrung zu unterstreichen, und dazu einladen, weitergehende und spezifische Beiträge zu leisten.
Fragen:
Offenbarung, Wort Gottes, Kirche "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat" (Hebr 1, 1-2).
Gott ergreift die Initiative. 6. "Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun."[10] Angesichts der Gefahr, das Geheimnis Gottes in rein menschliche Vorstellungen und eine kalte und eigenmächtige Beziehung zu bannen, hat das II. Vatikanum in Dei Verbum den jahrhundertealten Glauben der Kirche zusammengefasst und Leitlinien für ein rechtes Nachdenken vorgeschlagen. Gott offenbart sich in einer Weise, die sowohl ungeschuldet als auch darauf gerichtet ist, eine von Wahrheit und Liebe gekennzeichnete interpersonale Beziehung zum Menschen und zur Welt, die er geschaffen hat, aufzubauen. Er offenbart sich selbst in der sichtbaren Realität des Kosmos und der Geschichte "in Tat und Wort, die innerlich miteinander verknüpft sind."[11] Auf diese Weise deutet er eine Heilsökonomie an, d.h. ein Vorhaben, das auf die Erlösung des Menschen und mit ihm der ganzen Schöpfung ausgerichtet ist. Auf diese Weise wird uns gleichzeitig die Wahrheit über den Dreieinen Gott und über den Menschen geoffenbart, den Gott liebt und dessen Glück er will. Diese Wahrheit erreicht ihre höchste Ausdrucksform in Jesus "der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist."[12] Diese Beziehung ungeschuldeter Kommunikation, die in Analogie zur menschlichen Kommunikation eine tiefe Gemeinschaft voraussetzt, wird von Gott selbst als sein Wort bezeichnet, Wort des lebendigen Gottes. Das Wort Gottes wird daher immer zutiefst als ein persönlicher Akt des Dreieinen Gottes verstanden, der spricht, weil er liebt, und sich an den Menschen wendet, damit dieser seine Liebe kennen lernt und ihr entsprechen kann.[13] Eine aufmerksame Lektüre der Bibel gibt davon von der Genesis bis zur Geheimen Offenbarung des Johannes Zeugnis. Wenn das Wort Gottes gelesen und vor allen Dingen, wenn es verkündet wird, wie dies in der Eucharistie, dem "vorzüglichen Sakrament"[14] und in den anderen Sakramenten geschieht, lädt uns der Herr selbst ein, ein interpersonales, einzigartiges und tiefes Ereignis Wirklichkeit werden zu lassen: die Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Das Wort Gottes ist wirksam und bringt das hervor, was es ausdrückt (vgl. Hebr 4, 12). Der Mensch als Person braucht die Offenbarung 7. Der Mensch hat die Möglichkeit, Gott mit den Fähigkeiten zu erkennen, die Er selbst ihm gegeben hat (vgl. Röm 1, 20), besonders in der Welt der Schöpfung (liber naturae). Diese Kenntnis ist aber auf Grund der historischen Situation, in welcher sich der Mensch durch die Sünde befindet, verdunkelt und unsicher geworden, und nicht wenige lehnen sie ab. Aber, Gott überlässt seine Schöpfung nicht sich selbst. Er hat in sie eine tiefe, wenn auch nicht immer erkannte Sehnsucht nach Licht, Heil und Frieden hineingesenkt. Die Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt hat dazu beigetragen, dieses Verlangen lebendig zu erhalten, indem es religiöse und kulturelle Werte geschaffen hat, die heute viele dazu anregen, sich auf die Suche nach dem Gott Jesu Christi zu machen. Im Leben des Volkes Gottes kann man über die Sehnsucht hinaus auch das wirkliche Bestreben feststellen, die Reinheit und Schönheit des Glaubens zu kosten, und den Schleier der Unkenntnis, der Verwirrung und des Misstrauens im Hinblick auf Gott und den Menschen hinweg zu nehmen, um auf diese Weise im Licht der Wahrheit Gottes die vielen Errungenschaften des Fortschritts kritisch prüfen und festigen zu können. Man kann also von einem tiefen und verbreiteten Bedürfnis sprechen, das wie eine Bitte existentiell auf das Hören des Wortes Gottes hin öffnet, auf die Wahrheit der Offenbarung, die Gott zum Wohl der Menschheit wirkt. Wegen der Auswirkungen dieses Vorganges im pastoralen Bereich liegt das Interesse hierfür den anderen Zielsetzungen der Synode zu Grunde, denn er bestätigt und ermutigt den Prozess der Neuevangelisierung und ermöglicht es zugleich, wertvolle Hinweise für den ökumenischen, interreligiösen und interkulturellen Dialog zu erhalten. Das Wort Gottes verbindet sich mit der Geschichte des Menschen und leitet ihren Weg 8. In einigen Kulturen betrachtet sich der zeitgenössische Mensch als Urheber und damit auch als Herr seiner Geschichte und kann nur schwer akzeptieren, dass sich jemand in seine Wege hinein begibt, ohne vorher mit ihm zu sprechen und seine Anwesenheit zu begründen. Diese Haltung kann auch Gott gegenüber eingenommen werden, und drückt sich oft in Verzerrungen oder im Zweifel aus. Gott aber, der die Wahrheit seines Wortes nicht zurückhalten kann, versichert dem Menschen, dass es sich um das Wort eines Freundes handelt, das ihm gut tut und dabei seine Freiheit respektiert. Zugleich erhofft er sich aufrichtiges Gehör und Nachdenken. Das Wort Gottes soll tatsächlich "jedem Menschen als Lösung seiner Probleme, Antwort auf die eigenen Fragen, eine Weitung des eigenen Werthorizontes und zugleich eine Erfüllung der eigenen Erwartungen erscheinen."[15] Im Licht von Dei Verbum erfahren wir, dass das Wort, das Gott spricht, zwar jedem menschlichen Wort und jeder menschlichen Tat vorausgeht, dies aber, um dem Menschen ungeahnte Horizonte der Wahrheit und des Sinnes zu eröffnen, wie Gen 1; Joh 1,1ff; Hebr 1,1; Röm 1,19-20; Gal 4,4; Kol 1,15-17 zeigen. Gregor der Große sagt: "Wenn sich die Schrift herablässt, unsere armen Worte zu gebrauchen, geschieht das, um uns Schritt für Schritt wie auf Stufen von dem, was wir in unserer Nähe sehen, bis hin zu ihrer Erhabenheit hinaufsteigen zu lassen."[16] Von Anfang an wollte Gott "den Weg übernatürlichen Heiles eröffnen."[17] Im Licht der Schrift sind wir in der Lage zu verstehen, wie sein mächtiges Wort vom Anfang der Geschichte an einen lebendigen, manchmal dramatischen aber schließlich immer siegreichen Dialog mit der Menschheit begonnen hat, der sich in der Geschichte seines Volkes Israel fortsetzt und schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung vorstößt in der Geschichte Jesus Christi, seines ewigen Wortes, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 14). So sagt der hl. Efrem: "Ich betrachtete das schöpferische Wort, und verglich es mit dem Felsen, der mit dem Volk mitten durch die Wüste zog. Ohne Wasser in sich zu sammeln und aufzuspeichern, goss er wunderbare Ströme über dem Volk aus. Es gab in ihm kein Wasser, doch gingen aus ihm Ozeane hervor; auf die gleiche Weise, aus dem Nichts, hat auch das Wort seine Werke geschaffen. Selig, wer es verdient, Dein Reich zu erben! In seinem Buch beschreibt Moses die Erschaffung der ganzen Natur, damit die Natur und das Buch für den Schöpfer Zeugnis ablegen; die Natur durch ihren Gebrauch, das Buch beim Lesen. Diese beiden Zeugen kommen überall an. Sie finden sich zu aller Zeit, sind in jeder Stunde gegenwärtig, und zeigen dem Ungläubigen, dass er dem Schöpfer gegenüber undankbar ist."[18] Die pastorale Auswirkung dieser Sicht des Wortes Gottes ist bedeutsam. Es verbindet seine Geschichte mit der menschlichen Geschichte, es wird menschliche Geschichte, weshalb unsere Geschichte als Menschen nicht nur aus menschlichen Gedanken, Worten und Werken besteht. Es zeigt lebendige Spuren in der Natur und in der Kultur. Es hilft den menschlichen Wissenschaften, ihren wahren Wert zu erkennen, und wird zugleich von diesen in die Lage versetzt, seine eigene Identität besser zum Vorschein zu bringen, und die ursprüngliche Menschlichkeit auszustrahlen, die in ihm verborgen liegt. Vor allem geht es hier um ein Wort, das sich ein Volk erwählt hat, um mit ihm den Weg der Freiheit und der Erlösung zu gehen und dabei die zarte und geduldige Entschlossenheit Gottes zu zeigen, der "Immanuel" (Jes 7,14), ein "Gott-mit-uns" ist (Jes, 8,10; vgl. Röm 8,31; Offb 21,3). Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, wie das Wort Gottes -Dank des Zeugnisses der Bibel -über die Jahrhunderte hinweg ein Echo in den Gedanken und Ausdrucksformen des Menschen gefunden hat, auch wenn dies manchmal auf eine verzerrte und leidende Weise geschieht, wie ein Hilfeschrei in den dunklen Widerfahrnissen der Geschichte. In den Heiligen, welche die ihnen geschenkten Charismen als besondere Gaben des Heiligen Geistes gelebt haben, hat das Wort aber auch außergewöhnliche Auswirkungen gehabt, die anziehend sind. Sie haben die ungeheuren und einzigartigen Möglichkeiten deutlich gemacht, die sich auftun, wenn einer das Wort Gottes ernst nimmt. Heute kommt es vor allem darauf an, ein ausgewogenes Verständnis für das Verhältnis zwischen der öffentlichen und grundlegenden Offenbarung des christlichen Credo und den Privatoffenbarungen herzustellen, und diese vom genuinen Glauben abzugrenzen. Jesus Christus ist das fleischgewordene Wort Gottes, die Fülle der Offenbarung 9. "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn." (Heb 1,1-2) In der Regel sind sich die Christen der zentralen Rolle bewusst, welche der Person Jesu Christi in der Offenbarung Gottes zukommt. Nicht immer aber gelingt es ihnen, sich die Gründe für diese Bedeutung zu vergegenwärtigen und zu verstehen, auf welche Weise Jesus das Herz des Wortes Gottes, und daher auch der Lektüre der Bibel ist. Deshalb fällt ihnen die Schriftlesung oft schwer. Daher ist im Licht von Dei Verbum daran zu erinnern, dass Gott eine ganz und gar unvorhersehbare Initiative gestartet hat, und doch ist sie Wirklichkeit. "Er hat seinen Sohn, das ewige Wort, das Licht aller Menschen, gesandt, damit er unter den Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Joh 1,1-18). Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, als Mensch zu den Menschen gesandt, redet die Worte Gottes (Joh 3,34) und vollendet das Heilswerk, dessen Durchführung der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5,36; 17,4)."[19] In seinem irdischen und nun himmlischen Leben nimmt Jesus jedes Ziel, jeden Sinn, die Geschichte und das Projekt auf, die hinter dem Wort Gottes stehen, und vollendet sie, wie der hl. Irenäus sagt: "Christus hat uns alle Neuheit gebracht, indem er uns sich selber brachte."[20] Pastoralist es wichtig, die vielfältigen, analogen Bedeutungen, welche dem Wort Gottes nach dem Zeugnis der Bibel selbst im Glauben der Kirche zukommen, im Licht Jesu Christi anzunehmen. Es tritt in Erscheinung als ewiges Wort in Gott, es strahlt in die Schöpfung aus, enthält in den Propheten einen geschichtlichen Charakter, gibt sich kund in der Person Jesu, erklingt in der Stimme der Apostel und wird heute in der Kirche verkündet. Es stellt eine Einheit dar, und der vom Heiligen Geist inspirierte Schlüssel, um diese zu verstehen, liegt in Christus, dem Wort. "Das Wort Gottes, das am Anfang bei Gott war, ist in seiner Fülle nicht eine Vielzahl von Worten, sondern ein einziges Wort, das eine große Zahl von Ideen umfasst, von denen jede ein Teil des Wortes in seiner Ganzheit ist. ... Und wenn Christus uns auf die Schriften verweist, die von ihm Zeugnis ablegen, stellen die Bücher der Schrift für ihn eine einzige Schriftrolle dar, denn alles, was über ihn geschrieben wurde, ist in einer Ganzheit zusammengefasst."[21] In der Unterscheidung wird hier eine Beständigkeit deutlich. Diesem Reichtum des Wortes widmet die Kirche hauptsächlich ihre Verkündigung. Die christliche Gemeinschaft fühlt sich vom Wort geborgen und erneuert, wenn sie es in Jesus Christus versteht. Es trifft aber auch zu, dass das Wort Jesu (das Jesus selbst ist) nach seinen eigenen Worten gemäß der Schrift (vgl. Lk, 44-49), d.h. im Rahmen der Geschichte des Volkes Gottes des ersten Bundes, verstanden werden muss, welches ihn als Messias erwartete. Heute muss das Wort verstanden werden im Rahmen der Geschichte der christlichen Gemeinschaft, die es in der Predigt verkündet, es in der Bibel meditiert und im Leben seine Freundschaft und Führung erlebt. Der hl. Bernhard sagt, dass durch die Menschwerdung des Wortes Christus die Mitte der ganzen Schrift ist. Das Wort Gottes, das schon im Alten Testament gehört werden konnte, ist in Christus sichtbar geworden.[22] Das Wort Gottes als Symphonie 10. Die vorher gegebenen Hinweise erlauben es, jetzt den Sinn zu umschreiben, den die Kirche im Licht der Offenbarung dem Wort Gottes gibt. Da Gott sein Wort während einer langen Geschichte und durch verschiedene Verkünder in vielerlei Weise (vgl. Hebr 1, 1) mitteilt, ist es wie eine Symphonie, die von einer Vielzahl von Instrumenten gespielt wird. Dabei gibt es aber eine Hierarchie der Bedeutungen und Funktionen. Deshalb kann man von einer analogen Bedeutung des Wortes sprechen. a – Im Licht der Offenbarung ist das Wort Gottes das ewige Wort des Vaters, die zweite Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Sohn des Vaters, Grundlage der innertrinitarischen Kommunikation und der Mitteilung nach außen. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1, 1-3; vgl. Kol 1, 16). b – Darum lobt die geschaffene Welt die Herrlichkeit Gottes (vgl. Ps 19, 2), alles wird zu seiner Stimme (vgl. Sir 46, 17; Ps 68, 34). Am Anfang der Zeit hat Gott mit seinem Wort das All geschaffen, und der „Schöpfung das Sigel seiner Weisheit aufgedrückt, deren natürlicher Interpret der Mensch ist, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde (vgl. Gen 1, 26-27; Röm 1, 19-20). Vom Wort her erhält der Mensch nämlich die Möglichkeit, mit Gott und mit der Schöpfung in Dialog zu treten. Denn Gott hat seine ganze Schöpfung und vor allen den Menschen dazu bestimmt, „jederzeit Zeugnis von Sich“[23] zu geben. c – „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1, 14): das Wort Gottes schlechthin, das letzte und endgültige Wort ist Jesus Christus, seine Person, seine Sendung, seine Geschichte sind dem Plan des Vaters entsprechend eng miteinander verbunden. Dieser Heilsplan hat seinen Höhepunkt an Ostern und seine Vollendung, wenn Jesus dem Vater das Reich übergeben wird (vgl. 1 Kor 15, 24). Jesus ist das Evangelium Gottes für den Menschen (vgl. Mk 1, 1). d – In Erwartung des Wortes, das im Sohn Fleisch wird, hat der Vater in früheren Zeiten durch die Propheten zu den Vätern gesprochen (vgl. Hebr 1,1). In der Kraft des Geistes setzen die Apostel die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums fort. So werden menschliche Worte im Dienst am Wort Gottes selber zu Gottes Wort, das in der Verkündigung der Propheten und der Apostel zu uns kommt. e – Die Heilige Schrift kleidet auf Grund göttlicher Eingebung das Wort Jesu in die Worte der Propheten und der Apostel. Zugleich bezeugt sie deren Echtheit. Sie enthält wirklich das Wort Gottes und ist als inspirierter Text wirklich Wort Gottes,[24] ganz und gar ausgerichtet auf das Wort, das Jesus ist, denn gerade die Schriften legen Zeugnis über ihn ab (vgl. Joh 5, 39). Durch das Charisma der Inspiration besitzen die Bücher der Heiligen Schrift eine Kraft, konkret und direkt herauszufordern, welche anderen Texten oder kirchlichen Verlautbarungen nicht zukommt. f – Aber das Wort Gottes bleibt nicht in der Schrift gefangen. Wenn auch mit dem Tod des letzten Apostels die Offenbarung also solche abgeschlossen ist,[25] so wird doch das geoffenbarte Wort in der Geschichte der Kirche weiter verkündet und gehört. Und die Kirche verpflichtet sich, der Welt das Wort zu verkünden, um Antwort auf ihre Fragen zu geben. So setzt das Wort sowohl in der lebendigen Verkündigung, als auch in den anderen Formen der Evangelisierung seinen Lauf fort, so dass auch die Predigt zum Wort des lebendigen Gottes werden kann, das durch die Kirche den Menschen, die in Jesus Christus das Leben haben, verkündigt wird. Auf diese Weise wird verständlich, dass sich bei der Verkündigung der Offenbarung in der Kirche ein Ereignis vollzieht, das man wirklich als Wort Gottes bezeichnen kann. Dem Wort Gottes kommen alle Eigenschaften zu, die sich auch in der interpersonalen Kommunikation finden. So hat es z.B. eine informative Funktion, insofern Gott die Wahrheit über sich selbst mitteilt; eine Ausdrucksfunktion, indem Gott seine Art zu denken, zu lieben und zu handeln erkennen lässt; eine appellative Funktion, da Gott uns anspricht, zum Hören ruft und eine Antwort des Glaubens erwartet. Es ist Aufgabe der Hirten, den Gläubigen diese harmonische Sicht des Wortes zu vermitteln. Ein irrtümliches, verkürzendes und mehrdeutiges Verständnis des Wortes kann dadurch verhindert werden, dass seine innere Verbindung mit dem Geheimnis des Dreieinen Gottes und seiner Offenbarung, seine Kundgabe in der geschaffenen Welt und seine verborgene Gegenwart im Leben und in der Geschichte der Menschen, sein höchster Ausdruck in Jesus Christus, seine unfehlbare Bezeugung in der Heiligen Schrift und seiner Vermittlung in der lebendigen Tradition herausgestellt werden. Im Zusammenhang mit dem Geheimnis des Wortes Gottes, das sich menschlicher Sprache bedient, sind auch die Untersuchungen der Sprach- und Kommunikationswissenschaft zu berücksichtigen.
Dem Wort Gottes entspricht der Glaube des Menschen. 11. „Dem offenbarenden Gott ist der Gehorsam des Glaubens zu leisten.“[26] Ihm, der sich schenkt, indem er spricht, „überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit,“[27] indem er hört. Das erfordert eine umfassende Antwort auf das Angebot voller Gemeinschaft von Seiten Gottes, und von Seiten der Gemeinschaft und jedes einzelnen Gläubigen eine Zustimmung zu seinem Willen.[28] Diese Haltung des gemeinschaftlichen Glaubens wird bei jeder Begegnung mit dem Wort deutlich, in der lebendigen Verkündigung wie bei der Schriftlesung. Was Dei Verbum allgemein im Hinblick auf das Wort Gottes sagt, gilt auch für die Begegnung mit der Heiligen Schrift: „Gott spricht ... die Menschen an wie Freunde ... um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.“[29] „In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf.“[30] Die Offenbarung ist Gemeinschaft der Liebe und wird daher von der Schrift oft als „Bund“ bezeichnet (vgl. Gen 9, 9; 15, 18; Ex 24, 1-18; Mk 14, 24). Hier geht es um einen pastoral bedeutsamen Gesichtspunkt: der Glaube betrifft das Wort Gottes in all seinen Zeichen und Sprachformen. Der Glaube empfängt, durch das Wirken des Heiligen Geistes, im Wort, durch eine Erzählung oder einen Lehrsatz, eine Mitteilung der Wahrheit. Der Glaube erkennt dem Wort zu, erstrangige Anregung für eine wirksame Bekehrung zu sein, Licht, um auf die vielen Fragen zu antworten, die sich dem Gläubigen in seinem Leben stellen, Führung, um die Realität weise beurteilen zu können und Ansporn, nach dem Wort zu handeln (vgl. Lk 8, 21) und es nicht nur zu lesen oder zu verkünden, und schließlich unerschöpfliche Quelle des Trostes und der Hoffnung. Daraus folgt in der Logik des Glaubens die Aufgabe, dem Wort Gottes im eigenen Leben als Gläubige einen Primat zuzuerkennen und zu sichern, indem das Wort so empfangen wird, wie es die Kirche verkündet, versteht, erklärt und lebt. Maria, Modell der Gläubigen für die Aufnahme des Wortes 12. Vom Augenblick der Verkündigung an bleibt Maria von Nazareth auf dem Weg zu einem immer tieferen Verständnis des Geheimnisses des Wortes Gottes für die Kirche Mutter, Lehrmeisterin, und lebendiges Vorbild jeder persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit dem Wort, das sie im Glauben annimmt, bedenkt, verinnerlicht und lebt (vgl. Lk 1,38; 2,19.51). Maria hat die Schrift gehört und darüber nachgedacht, sie verbunden mit den Worten Jesu und den Ereignissen, die ihr auf seinem Lebensweg begegneten. Isaak della Stella sagt: „Das, was in den göttlich inspirierten Schriften allgemein über die reine Mutter Kirche gesagt wird, gilt im besonderen für die Jungfrau und Mutter Maria. ... Im umfassenden Sinn ist die Kirche das Erbe des Herrn, im engeren Sinn Maria, im besonderen Sinn jede gläubige Seele. Christus lebt neun Monate im Schoß Mariens wie in einem Tabernakel, im Tabernakel des Glaubens der Kirche lebt er bis ans Ende der Welt, in der Erkenntnis und in der Liebe der gläubigen Seelen in alle Ewigkeit.“[31] Die Jungfrau Maria versteht es, ihre Umwelt wahrzunehmen und die Erfordernisse des Alltags zu leben. Dabei ist sie sich dessen bewusst, dass das, was sie als Geschenk vom Sohn empfängt, ein Geschenk für alle ist. Sie lehrt, nicht abseits stehende Zuschauer des Wortes des Lebens zu sein, sondern teilzunehmen, sich vom Heiligen Geist führen zu lassen, der in den Gläubigen wohnt. Sie preist den Herrn, denn sie entdeckt in ihrem Leben die Barmherzigkeit Gottes, die sie selig werden lässt, weil sie geglaubt hat, „dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1, 45). Jeden Gläubigen lädt sie zudem dazu ein, sich die Worte Jesu anzueignen: „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20, 29). Maria ist das Bild dessen, der das Wort wahrhaft zum Gebet werden lässt, der mit Liebe das Wort Gottes bewahrt, der es zum Dienst der Liebe werden lässt, zu einer ständigen Erinnerung, damit die Lampe des Glaubens in der Alltäglichkeit des Daseins nicht erlischt. Wie es der hl. Ambrosius sagt, dass jeder gläubige Christ das Wort Gottes empfängt und gebiert. Dem Fleisch nach gibt es nur eine Mutter Christi; dem Glauben nach aber ist Christus die Frucht aller.[32] Das Wort Gottes, der Kirche anvertraut, vermittelt sich allen Generationen 13. „Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, das sollte, so hat er in Güte verfügt, für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und allen Geschlechtern weitergegeben werden.“[33] Als Vater und Freund der Menschen spricht Gott immer noch. Auch, wenn die Offenbarung abgeschlossen ist, setzt er seine Selbstmitteilung fort, so dass das Wort Gottes für uns immer gegenwärtig und aktuell ist. Sie kann sogar immer deutlicher den Beitrag ihres Lichtes kundgeben und unser Verständnis vertiefen. Die geschieht, weil der Vater der Kirche den Geist Jesu Christi schenkt, ihr den Schatz der Offenbarung anvertraut,[34] und sie zum ersten Adressaten und bevorzugten Zeugen des liebevollen und heilbringenden Wortes Gottes macht. Aus diesem Grund ist das Wort in der Kirche kein totes Kapital. Es wird zur „obersten Regel ihres Glaubens“ und Kraft zum Leben und „kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt“, „wächst ... durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen“, die persönliche Erfahrung des geistlichen Lebens und die Verkündigung der Bischöfe.[35] Dies bezeugen vor allem die Menschen, die sich ganz vom Wort Gottes leiten ließen.[36] Es ist offensichtlich, dass dem Gebot Jesu gemäß die erste und wichtigste Sendung der Kirche darin besteht, allen Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort das göttliche Wort zu vermitteln (vgl. Mt 28, 18-20). Die Geschichte bezeugt, dass dies geschehen ist und sich auch heute, nach vielen Jahrhunderten, trotz mancher Hindernisse immer noch mit großer Lebendigkeit und Fruchtbarkeit ereignet. Überlieferung und Schrift in der Kirche: das eine heilige Vermächtnis des Wortes Gottes 14. In diesem Zusammenhang ist es von grundlegender Bedeutung, daran zu erinnern, dass das Wort Gottes, das in Christus Evangelium, oder frohe Botschaft geworden ist, und als solches der apostolischen Verkündigung anvertraut wurde, seinen Lauf fortsetzt, und sich dabei erkennbar zweier Bezugspunkte bedient, die untereinander eng verbunden sind: des lebendigen Flusses der Überlieferung, welcher der Kirche alles kundgibt, „was sie selber ist, alles, was sie glaubt“[37] und im Kult, in der Lehre und im Leben der Kirche selbst zum Ausdruck kommt, sowie der Heiligen Schrift, die durch Inspiration des Heiligen Geistes die grundlegenden und ursprünglichen Elemente dieser lebendigen Überlieferung in der Unveränderlichkeit des Geschriebenen bewahrt. „Diese Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2).“[38] Dem Lehramt der Kirche, das nicht über dem Wort Gottes steht, kommt es zu, „das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären.“[39] Das Zweite Vatikanische Konzil unterstreicht die Tatsache, dass Schrift und Überlieferung den gleichen Ursprung und vielfältige Verbindungen haben: die Kirche nimmt sie „mit gleicher Liebe und Achtung an.“[40] Ein unersetzlicher Dienst kommt dem Lehramt zu, das sie „voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt“[41] und auf diese Weise eine authentische Interpretation des Wortes Gottes sicherstellt. Aus pastoraler Sicht muss vor dem Hintergrund der Lehre der Kirche die Beziehung zwischen Schrift und Tradition begrifflich geklärt und ins Leben übersetzt werden. Was bedeutet es z.B., dass die Tradition von ihrem Ursprung her der Schrift vorausgeht und immer so etwas wie ihren lebendigen Humus darstellt, und in ihr „die Heiligen Schriften selbst tiefer verstanden und unaufhörlich wirksam gemacht werden.“[42] Auf der anderen Seite aber „gelten von der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: ‚Lebendig ist Gottes Rede und wirksam’ (Hebr 4,12), ‚mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter allen Geheiligten’ (Apg 20,32; vgl. 1 Thess 2,13).“[43] Beide sind Kanäle der Mitteilung von Gottes Wort, das also die Fülle seines Sinnes und seiner Gnade nur in der Erfahrung beider, einer im andern erreicht, weshalb in dieser Hinsicht beide als Wort Gottes bezeichnet werden können. Das hat im Bereich der Pastoral viele bedeutende Konsequenzen. Ein isoliertes ‚sola Scriptura’ kann es nicht geben: die Schrift ist an die Kirche gebunden, d.h. an das Subjekt, das Schrift und Überlieferung annimmt und zu verstehen sucht. Der Schrift kommt eine wesentliche Rolle zu, wenn es darum geht, dem Wort Gottes in seiner echten Ursprünglichkeit auf die Spur zu kommen, und wird dadurch zum Kriterium für das rechte Verständnis der Tradition.Die Unterscheidung zwischen der konstitutiven apostolischen Tradition und der sie interpretierenden und aktualisierenden nachfolgenden Tradition sowie den anderen kirchlichen Traditionen muss in ihren praktischen Auswirkungen durchdacht werden. Genauso muss die entscheidende Tragweite der von der Kirche vorgenommenen kanonischen Anerkennung bestimmter Schriften bedacht werden, welche angesichts der raschen Verbreitung unauthentischer oder apokrypher Bücher gestern, heute und immer die Authentizität der Schrift (73 Bücher: 46 des AT und 27 des NT)[44] sicherstellen soll. Schließlich bleibt der Austausch und der schwierige, notwendige und leidenschaftliche Dialog zwischen Schrift und Tradition einerseits und den Zeichen des Wortes Gottes in der geschaffenen Welt, besonders im Menschen und seiner Geschichte andererseits.[45] Auf der Spur der Tradition, und daher als echter Dienst am Wort Gottes ist schließlich auch der Katechismus zu bedenken, vom ersten Glaubensbekenntnis, das den Grundstock aller Katechismen darstellt, bis hin zu den verschiedenen Ausdrucksformen im Lauf der Jahrhunderte, deren jüngste wir für die ganze Kirche im Katechismus der Katholischen Kirche (1992) und in den Katechismen der Teilkirchen vor uns haben. Die Heilige Schrift, inspiriertes Wort Gottes 15. „Die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde.“[46] Sie wird besonders mit zwei Namen bezeichnet: (heilige) Schrift und Bibel. Beide Titel sind schon in sich selbst bedeutsam und beziehen sich auf den Text und das Buch schlechthin, die über die Grenzen der Kirche hinaus Verbreitung gefunden haben. Im Hinblick auf ihre konkreten Auswirkungen auf die Schriftlesung sind folgende Punkte zu bedenken: der oben erwähnte theologische Bezugsrahmen, d.h. die Einheit zwischen Schrift und Überlieferung, übermittelt das Wort Gottes unwandelbar und lässt „die Stimme des Heiligen Geistes“ vernehmen;[47] die Bedeutung des Charismas der Inspiration, durch welches die biblischen Bücher vom Heiligen Geist zu Gottes Wort gemacht werden, die er der Kirche anvertraut, und die sie wiederum im Gehorsam des Glaubens anzunehmen hat; die Einheit des Kanons als Kriterium der Interpretation der Heiligen Schrift; die Wahrheit der Bibel, die vor allem als „Wahrheit ... die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“[48] zu verstehen ist; der Sinn und die Tragweite der Identität zwischen Bibel und Wort Gottes in menschlicher Sprache, weshalb die Interpretation einheitlich, unter der Führung des Glaubens, entsprechend philosophischen und theologischen Kriterien zu geschehen hat, wie sie die Note der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche hervorhebt.[49] Heute ist im Volk Gottes immer mehr, wie schon Amos sagt, Hunger und Durst nach dem Wort Gottes (vgl. Am 8,11-12) festzustellen. Dieses lebendige Bedürfnis darf nicht vernachlässigt werden, denn es ist der Herr selbst, der es erweckt. Auf der anderen Seite muss aber auch mit Trauer festgestellt werden, dass diese Sehnsucht nicht überall verspürt wird, denn das Wort Gottes kommt langsam voran und die Begegnung mit der Heiligen Schrift wird nicht überall gefördert. Auf dieses dringende Erfordernis, den Gläubigen verstehen zu helfen, was die Bibel ist, warum es sie gibt, wie man sie gebraucht und was sie dem Glauben zu geben in der Lage ist, hat die Kirche immer geantwortet und tut es heute, in besonderer Weise in vier Abschnitten von Dei Verbum.[50] Eine notwendige Aufgabe unserer Gemeinschaften besteht darin, diese Hilfestellungen, andere Beiträge des Lehramtes und der Forschung kennen und gebrauchen zu lernen. Eine notwendige und delikate Aufgabe: das Wort Gottes in der Kirche auslegen 16. Die Tatsache, dass heute viele Christen allein oder in Gemeinschaft in der Heiligen Schrift intensiv auf die Suche nach dem Wort Gottes gehen, ist für die Kirche eine wertvolle Möglichkeit, die Gläubigen zu befähigen, Gottes Wort recht zu verstehen und zu aktualisieren. Dies wird heute in gewisser Weise dadurch um so wichtiger, dass sich heute ein neuer Austausch zwischen dem Wort Gottes und den Humanwissenschaften anbahnt, besonders im Bereich der philosophischen, wissenschaftlichen und historischen Forschung. Der Reichtum an Wahrheit und Werten im Hinblick auf Gott, den Menschen und die Dinge, der aus diesem Kontakt zwischen dem Wort und der Kultur hervorgeht, wird anerkannt und ein Austausch im Hinblick auf neue Problemstellungen ist erwünscht. Die Vernunft befragt den Glauben und der Glaube wird von der Vernunft einbezogen, wenn es darum geht, gemeinsam die Wahrheit und ein der Offenbarung Gottes und den Erwartungen der Menschheit entsprechendes Leben zu finden.[51] Es fehlt aber auch nicht an den Risiken einer eigenmächtigen und verkürzten Interpretation, wie sie z.B. im Fundamentalismus erfolgt: auf der einen Seite kann er seinen Wunsch zum Ausdruck bringen, dem Text treu zu bleiben, auf der anderen Seite verkennt er die den Texten eigene Natur, verfällt auf diese Weise in schwere Fehler und bringt unnütze Konflikte hervor.[52] Weitere Risiken bestehen bei einer „ideologischen“ oder rein Menschlichen Schriftlesung ohne den Rückhalt des Glaubens (vgl. 2 Petr 1, 19-20; 3, 16), bis hin zu Formen, welche die Schriftgestalt, wie sie vor allem in der Bibel vorliegt, die lebendige Verkündigung und die Lebenserfahrung der Gläubigen einander gegenüberstellen und voneinander trennen. Viele haben zudem Schwierigkeiten, die Aufgabe anzuerkennen, die dem Lehramt im Dienst am Wort Gottes, sowohl im Hinblick auf die Bibel, als auch auf die Überlieferung, zukommt. Im allgemeinen ist zudem eine unzureichende oder ungenaue Kenntnis der hermeneutischen Regeln festzustellen, die dem Wesen des Wortes entsprechen, sich aus menschlichen und geoffenbarten Elementen zusammensetzen und im Kontext der kirchlichen Überlieferung die Aufgabe des Lehramtes zu achten. Im Licht des Zweiten Vatikanums und des nachfolgenden Lehramtes,[53] scheinen heute im Blick auf eine entsprechende pastorale Vermittlung einige Aspekte besondere Beachtung und ein intensiveres Nachdenken zu verdienen, wenn es darum geht, die Bibel, Buch Gottes und Buch des Menschen, auf eine Weise zu lesen, die den historischen Literalsinn und den theologisch-sprituellen Sinn richtig verbindet.[54] Das bedeutet, dass die für eine korrekte Exegese erforderliche historisch-kritische Methode durch andere Zugehensweisen entsprechend bereichert werden muss.[55] Sicher geht es zunächst um einen interpretativen Zugang zur Schrift, aber um ihren vollen Sinn zu erkennen, ist es erforderlich, die theologischen Kriterien anzuwenden, die von Dei Verbum benannt werden: „dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens“[56] Heute wird die Notwendigkeit eines vertieften theologischen und pastoralen Nachdenkens gespürt, um die Gemeinden und Gemeinschaften zu einem richtigen und fruchtbaren Verständnis der heiligen Schrift als Wort Gottes hinzuführen, das im Geheimnis des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi, der in seiner Kirche lebt, zu betrachten ist. So sagt Papst Benedikt XVI.: „Anders gesagt, mir liegt sehr daran, dass die Theologen die Schrift auch so lieben und lesen lernen, wie das Konzil es wollte nach Dei Verbum: dass sie die innere Einheit der Schrift sehen, wozu heute die ‚Kanonische Exegese’ ja hilft (die freilich immer noch in schüchternen Ansätzen ist) und dann eine geistliche Lesung der Schrift üben, die nicht äußere Erbaulichkeit ist, sondern das innere Eintreten in die Präsenz des Wortes. Da etwas zu tun, dazu beizutragen, dass neben und mit und in der historisch-kritischen Exegese wirklich Einführung in die lebendige Schrift als heutiges Wort Gottes geschieht, erscheint mir eine sehr wichtige Aufgabe.“[57] In dieser Hinsicht müssen der Beitrag des Katechismus der Katholischen Kirche, die verschiedenen Auswirkungen und Traditionen, welche die Bibel im Leben der Völker hervorgebracht hat sowie der Beitrag der Theologie und der Humanwissenschaften sorgfältig beachtet werden. Neben all diesen Bemühungen darf jene Interpretation des Wortes Gottes nicht vergessen werden, die immer dann erfolgt, wenn sich die Kirche versammelt, um die heiligen Geheimnisse zu feiern. So heißt es in der pastoralen Einführung in das Meßlektionar: „Nach dem Willen Christi zeichnet sich das neue Volk Gottes durch die Verschiedenheit seiner Glieder aus. Darum haben die einzelnen auch in Bezug auf das Wort Gottes verschiedene Aufgaben und Dienste. Das Wort Gottes zu hören und zu bedenken ist Aufgabe aller Gläubigen, das Wort Gottes auszulegen ist allein Sache jener, die auf Grund der Weihe am Lehramt teilhaben oder auf Grund einer Beauftragung den Dienst der Verkündigung ausüben. So führt die Kirche alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt, in Lehre, Leben und Gottesdienst durch die Zeiten weiter und übermittelt es allen Geschlechtern. Im Gang der Jahrhunderte strebt sie ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Wort erfüllt.“[58] Altes und Neues Testament in der einen Heilsökonomie 17. Bei Vielen ist die Kenntnis und die Nutzung der Schrift nicht in vollem Maße zufrieden stellend. Zuweilen zeigt sich, auch auf Grund ungeklärter Fragen, ein gewisser Widerstand im Hinblick auf Texte des Alten Testamentes, welche schwer erscheinen und daher in Gefahr stehen, ausgegrenzt, eigenmächtig weg gelassen oder zurückgewiesen zu werden. Dem Glauben der Kirche entsprechend ist das Alte Testament als Teil der einen Bibel der Christen zu betrachten, wobei vor allem seine bleibenden Werte und die Verbindung der beiden Testamente bedacht werden müssen.[59] Aus all dem ergibt sich die dringende Notwendigkeit einer Bildung zur christlichen Lektüre des Alten Testamentes. Dabei kommt die liturgische Praxis zu Hilfe, in der immer Texte des Alten Testamentes vorgetragen werden, um ein volles Verständnis des Neuen Testamentes zu ermöglichen. Dies bezeugt schon Jesus selbst auf dem Weg nach Emmaus, auf dem er „angefangen von Mose und allen Propheten darlegt, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24, 27). Die aus dem Alten Testament stammenden Lesungen der Liturgie öffnen einen wertvollen Weg, um eine lebendige und schrittweise Begegnung mit dem heiligen Text zu ermöglichen. Dies bezieht sich sowohl auf den Antwortpsalm, der dazu einlädt, das verkündete Wort zu betrachten und zum Gebet werden zu lassen, als auch auf die thematische Nähe zwischen der ersten Lesung und dem Evangelium, die in der Perspektive des Geheimnisses Christi steht. Ein altes Sprichwort sagt, dass das Neue Testament im Alten verborgen liegt und das Alte Testament im Neuen offenbart wird: Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet.[60] Gregor der Große sagt: „Das, was das Alte Testament versprochen hat, ist im Neuen sichtbar geworden; was jenes verborgen ankündigt, wird in diesem offen als erfüllt verkündet. Deshalb ist das Alte Testament Prophetie des Neuen; und das Neue Testament der beste Kommentar des Alten.“[61] Was das Neue Testament angeht, das heute, auch Dank des Reichtums der Lektionare und des Stundengebetes, vielfach gebraucht wird, so ist an die zentrale Bedeutung der Evangelien zu erinnern, die deshalb im Dreijahreszyklus der sonntäglichen Liturgie und in der werktäglichen Liturgie jährlich vollständig verkündet werden, ohne dass dadurch die Lehre des hl. Paulus und der übrigen Apostel vergessen würde. [62]
Das Wort Gottes im Leben der Kirche "So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Die Kirche entsteht und lebt durch das Wort Gottes 18. Die Kirche bekennt, dass sie beständig vom Wort Gottes berufen und hervorgebracht wird. Um also das Wort mit Liebe und Kraft verkünden zu können, hört sie es zuerst und beständig „voll Ehrfurcht“ an, lässt sich von ihm überraschen und innerlich berühren, nimmt es mit demütigem Glauben und Vertrauen an,[63] wobei sie Maria nachahmt, die das Wort hört und danach handelt (vgl. Lk 1, 38) und die deshalb vom Herrn der Kirche als Vorbild gegeben wurde. In dieser Haltung des Festhaltens am Wort begegnet die Gemeinschaft der Christen der Heiligen Schrift. „In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf.“[64] Im Herzen und in den Händen der Kirche ist die Schrift also wie ein „Brief, den Gott den Menschen geschrieben hat“[65] , ein Buch des Lebens, Gegenstand tiefer Verehrung wie der Herrenleib selbst.[66] In den Schriften entdeckt die Kirche, was Gott mit ihr, mit der Welt der Menschen und mit der Schöpfung vorhat. „In ihnen zusammen mit der Heiligen Überlieferung sah sie immer und sieht sie die höchste Richtschnur ihres Glaubens“, verkündet sie mit Kraft und begegnet ihr als „Seelenspeise und reinem, unversieglichem Quell des geistlichen Lebens“[67] Der Christ erhält die Bibel von der Kirche, liest sie gemeinsam mit der Kirche und teilt ihren Geist und ihre Zielsetzung. Auf diese Weise strebt er dem höchsten Ziel jeder Begegnung mit dem Wort entgegen, wie Jesus es uns gelehrt hat: der Erfüllung des Willens Gottes in einem Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in der Nachfolge des Meisters (vgl. Lk 8, 19-21). Das Wort Gottes stützt die Kirche in ihrer Geschichte 19. Das Volk Gottes hat in seiner Geschichte immer wieder im Wort Gottes seine Kraft gefunden: seit die Propheten zum Volk gesprochen haben, Jesus zu den Jüngern und zur Menge, die Apostel zu den ersten Gemeinschaften, bis in unsere Tage. Es muss daher genau untersucht werden, wie die Präsenz des Wortes, besonders in ihrer biblischen Bezeugung, die verschiedenen Epochen der biblischen Welt und der Geschichte der Kirche charakterisiert. Zur Zeit der Väter steht die Schrift als Quelle im Mittelpunkt, aus welcher Theologie, Spiritualität und pastorales Leben schöpfen können. Die Väter sind die unüberbietbaren Meister jener ‚geistlichen’ Schriftlesung, die, wenn sie echt ist, den ‚Buchstaben’ d.h. den echten historischen Sinn nicht zerstört, sondern die Fähigkeit, hat, auch den Buchstaben im Geist zu lesen. Im Mittelalter ist die Heilige Schrift die Grundlage des theologischen Nachdenkens; um ihr wirklich recht begegnen zu können, erarbeitet man die Lehre von den vier Schriftsinnen (Literal-, allegorischer, tropologischer und anagogischer Sinn);[68] im Geiste des antiken Erbes stellt die Lectio Divina die mönchische Form des Gebetes dar; die Schrift ist außerdem Quelle der Inspiration für die Künstler; sie wird dem Volk in vielfältigen Formen der Predigt und der Volksfrömmigkeit vermittelt.[69] In der Neuzeit regen das Auftreten des kritischen Geistes, der wissenschaftliche Fortschritt, die Trennung zwischen den Christen und das daraus folgende ökumenische Bemühen nicht ohne Schwierigkeiten und Widerstände dazu an, einen methodisch korrekteren Zugang und zugleich ein besseres Verständnis des Geheimnisses der Schrift im Sinn der Tradition zu fördern. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Zeit der vom Zweiten Vatikanum angeregten Erneuerung, die auf der Zentralität des Wortes Gottes beruht. Neben einer geschichtlichen Vielfalt der Formen müssen wir auch von einer geographischen Vielfalt ausgehen. Nicht zuletzt dank eines besonderen und beständigen Kontaktes mit der Bibel breitet sich das Wort Gottes in den verschiedenen Teilkirchen der fünf Kontinente aus und evangelisiert sie, inkulturiert sich schrittweise, und wird auf diese Weise die belebende Seele des Glaubens vieler Völker, ein grundlegender Faktor der Gemeinschaft in der Kirche, Zeugnis des unausschöpflichen Reichtums ihres Geheimnisses, eine ständige Quelle der Inspiration und der Transformation der Kulturen und der Gesellschaft. Das Wort Gottes durchdringt und belebt, in der Kraft des Heiligen Geistes, das ganze Leben der Kirche 20. Der Heilige Geist, der die Kirche in die ganze Wahrheit einführt, (vgl. Joh 16, 13), hilft den wahren Sinn des Wortes Gottes zu verstehen, und führt schließlich zur unverhüllten Begegnung mit dem Wort selbst, dem Sohn Gottes, Jesus von Nazareth, dem Offenbarer des Vaters. Der Heilige Geist ist die Seele und der Ausleger der Heiligen Schrift, die das Wort Gottes beinhaltet, wie es unter seiner Inspiration niedergeschrieben wurde. Daher muss die Heilige Schrift „in dem Geist gelesen und ausgelegt werden, in dem sie geschrieben wurde.“[70] Geführt vom Heiligen Geist versucht die Kirche, „zu einem immer tieferen Verständnis der Heiligen Schriften vorzudringen,“um ihre Kinder zu nähren, und bedient sich dabei in besonderer Weise des Studiums der Väter des Ostens und des Westens,[71] der exegetischen und theologischen Forschung, des Lebens der Zeugen und der Heiligen. In dieser Hinsicht ist die in der pastoralen Einführung ins Messlektionar umschriebene Vorgehensweise wertvoll: „Damit aber das Wort Gottes nicht nur in den Ohren klingt, sondern in den Herzen wirkt, ist das Handeln des Heiligen Geistes notwendig. Durch seine Eingebung und seinen Beistand wird das Wort Gottes zum Fundament des Gottesdienstes, zur Wegweisung und Quelle der Kraft für das ganze Leben. So geht das Wirken des Geistes allem gottesdienstlichen Handeln voraus, begleitet es und geht neu aus ihm hervor. Der Geist lehrt aber auch das Herz jedes einzelnen Menschen, was in der Verkündigung des Wortes Gottes der ganzen Gemeinde der Gläubigen gesagt wird. Er entfaltet die verschiedenen Gnadengaben, ermutigt zu vielfältigem Handeln und fügt alles zur Einheit zusammen.”[72] Die christliche Gemeinschaft bildet sich unter der Leitung des Heiligen Geistes jeden Tag neu, indem sie sich vom Wort Gottes leiten lässt und das Geschenk der Erleuchtung, der Bekehrung und der Tröstung annimmt, das der Geist ihr durch das Wort vermittelt. Denn „alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben“ (Röm 15, 4). Es ist erstrangige Aufgabe der Kirche, den Gläubigen verstehen zu helfen, was es heißt, dem Wort Gottes unter der Führung des Heiligen Geistes zu begegnen, wie dies in besonderer Weise in der geistlichen Schriftlesung geschieht, in welchem Sinn Bibel, Überlieferung und Lehramt vom Geist innerlich verbunden sind, welche Haltung dies bei den Gläubigen voraussetzt, die selber in der Taufe und in den anderen Sakramenten den Heiligen Geist empfangen haben und von ihm geführt werden. So sagt Petrus Damascenus: „Wer den geistlichen Sinn der Schriften erfahren hat, der weiß, dass der Sinn des einfachsten Wortes der Schrift und der Sinn eines in außerordentlicher Weise weisheitlichen Wortes ein einziger ist und immer das Heil des Menschen zum Ziel hat.“[73] Die Kirche nährt sich in verschiedener Weise vom Wort Gottes 21. „Wie die christliche Religion selbst, so muss auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren.“[74] . Der vom Gebet getragene Wunsch des hl. Paulus, dass „das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird” (2 Tess 3,1) verwirklicht sich in den verschiedenen Bereichen und Ausdrucksformen des kirchlichen Lebens. Es handelt sich um einen Vorgang, der einen wachen Glauben, apostolische Hingabe sowie eine kluge, kreative und beständige Pastoral erfordert und von der gemeinsamen Erfahrung lernt. Eine biblische Pastoral, oder besser, eine beständig von der Bibel beseelte Pastoral, ist ein Erfordernis, das sich heute jeder Gemeinschaft in der Kirche stellt. In einer Perspektive der Einheit und der Zusammenarbeit ist jene Dynamik anzuerkennen und mit Überzeugung zu fördern, nach der das Wort Gottes uns entgegenkommt, jene Dynamik, welche die Grundlage für die pastorale Tätigkeit der Kirche darstellt: das verkündete und gehörte Wort will auch in der Liturgie und im sakramentalen Leben der Kirche gefeiert werden, um auf diese Weise durch die Erfahrung der Gemeinschaft, der Liebe und der Sendung ein dem Wort entsprechendes Leben begünstigen zu können.[75] a – In der Liturgie und im Gebet 22. „In der Liturgie sind Ritus und Wort aufs engste miteinander verbunden.“[76] Die Kirche hat es gelernt, besonders im liturgischen Gebet, aber auch im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet, zu entdecken, dass Gott zu ihr spricht und ihn aufzunehmen. Denn die Heilige Schrift ist zunächst eine liturgische und prophetische Wirklichkeit: mehr als ein Buch ist sie Verkündigung und Zeugnis des Heiligen Geistes über das Christusereignis. Das hat auch die Verbreitung der Kenntnis der Schrift und die Liebe zu ihr ermöglicht. Aber der Weg, der zur Verwirklichung von Geist und Buchstaben des Zweiten Vatikanischen Konzils im Hinblick auf den Gebrauch des Wortes in der Liturgie, zurückzulegen ist, ist noch nicht zu Ende. Hier ist das Bemühen um eine qualitative und quantitative Erneuerung angebracht, welches die Gläubigen einlädt, um mit ihnen über bestimmte Vorschläge des Konzils nachzudenken. Dabei ist vor allem an die grundlegende Tatsache zu erinnern, dass Christus gegenwärtig ist „in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden.“[77] Deshalb ist die Heilige Schrift „von größtem Gewicht für die Liturgiefeier.“[78] Das führt dazu, jeder Form der Begegnung mit dem Wort in der liturgischen Handlung besondere Beachtung zu schenken: bei der (sonntäglichen) Eucharistie, bei den Sakramenten, bei der Predigt, im liturgischen Jahr, im Stundengebet, bei den Sakramentalien, bei den verschiedenen Formen der Volksfrömmigkeit, bei der mystagogischen Katechese. Die erste Stelle nimmt dabei die Eucharistie ein, denn in ihr sind der „Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi “[79] besonders am Tag des Herrn eng miteinander verbunden: „Sie ist der vorzügliche Ort, wo die Gemeinschaft ständig verkündet und gepflegt wird.“[80] Dabei ist zu bedenken, dass für viele Christen die Sonntagsmesse, die einen herausragenden Moment der Begegnung mit dem Wort Gottes darstellt, bis heute der einzige Berührungspunkt mit dem Wort bleibt. Dies müsste eine wirkliche pastorale Leidenschaft hervorbringen, die Begegnung mit dem Wort in der sonntäglichen Eucharistiefeier authentisch und mit Freude feiern und leben zu können. Besonders in der Eucharistie, aber auch im Zusammenhang mit den anderen Sakramenten, ist daher der Wortgottesdienst besonders zu pflegen. Die Texte sollen klar und verständlich vorgetragen werden, die Predigt ein reines und ermutigendes Echo des Wortes darstellen, und dazu verhelfen, die Ereignisse des Lebens und der Geschichte im Licht des Glaubens zu betrachten. Die Fürbitten sollen eine Antwort des Lobes, des Danken und der Bitte an Gott sein, der zu uns gesprochen hat. Der Ordo Lectionum Missae,[81] aber auch das Stundengebet verdienen eine besondere Wertschätzung. Es ist heute unerlässlich, über die Art und Weise nachzudenken, wie diese besonderen Zugangsweisen des Wortes Gottes pastoral besser genutzt und den Gläubigen tiefer erschlossen werden können. b – Bei der Evangelisierung und der Katechese 23. „Auch der Dienst des Wortes, nämlich die seelsorgliche Verkündigung, die Katechese und alle christliche Unterweisung – in welcher die liturgische Homilie einen hervorragenden Platz haben muss – holt aus dem Wort der Schrift gesunde Nahrung und heilige Kraft.“[82] Johannes Paul II. hat festgestellt, dass „die Arbeit der Evangelisierung und der Katechese, gerade in der Aufmerksamkeit für das Wort Gottes neu belebt wird“[83] Es handelt sich dabei um eine der sichtbarsten Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Diesen Weg gilt es weiter zu gehen. Er ist auszuweiten und zu qualifizieren, indem das Erreichte erneuert und weitere Dienste angeboten werden. Die Kirche ist sich nämlich dessen bewusst, dass sie das Geschenk des Wortes Gottes nicht nur als ihren größten Schatz, sondern auch verbunden mit einer dringlichen Aufgabe erhält: sie an alle weiter zu geben.[84] Es mag hier angebracht sein, beispielhaft einige Aspekte des Dienstes am Wort hervorzuheben, wie er in der Erstverkündigung und Katechese zusammengefasst ist und sich ausdehnt auf den Verlauf des liturgischen Jahres, den Weg der christlichen Initiation und die ständige Weiterbildung.[85] Zu diesem Zweck müssen sowohl die Formen der Weitergabe des Wortes als auch die immer neuen Erfordernisse von Seiten der Gläubigen jedes Alters und mit verschiedenen spirituellen, kulturellen und sozialen Voraussetzungen berücksichtigt werden, wie es auch das Allgemeine Direktorium für die Katechese und die katechetischen Direktorien der verschiedenen Ortskirchen vorsehen.[86] In diesem konkreten Zusammenhang ist besonders auf die Erleuchtung, Reinigung und Wertschätzung der Volksreligiösität durch das Wort Gottes zu achten, von dem sie häufig ausgeht. Besonders wertzuschätzen sind all die Mittel, die in der Kirche zur Weitergabe des Wortes genutzt werden können und zum Teil schon erwähnt worden sind: Lektionare, Stundengebet, Katechismen, Wort-Gottes-Feiern usw. Eine wichtige Rolle kommt bei der Evangelisierung der direkten Begegnung mit der heiligen Schrift zu. Es handelt sich um ein erstrangiges Ziel: „Konkret muss die Katechese „eine authentische Anleitung zur Schriftlesung (,lectiodivina‘) ,gemäß dem Geist‘, der der Kirche einwohnt, sein.“[87] Zugleich geht es um einen zentralen Inhalt der Katechese: dass „diese sich von Gedanken, Geist und Haltungen der Bibel und der Evangelien durch ständigen Kontakt mit den Texten selber prägen und durchdringen lassen muss“[88] . Wegen seiner besonderen kulturellen Bedeutung muss auch die Benutzung der Bibel im Unterricht der Schulen, besonders im Religionsunterricht wert geschätzt werden. Eine spezifische Bedeutung als gültiges und legitimes Werkzeug im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft, und als sichere Norm für die Lehre des Glaubens[89] kommt dem Katechismus der Katholischen Kirche zu. Er kann eine biblische Katechese nicht ersetzen, kann sie aber in die Gesamtsicht der Kirche integrieren. Das Wort Gottes soll allen mitgeteilt werden, auch denen, die nicht lesen können, und in besonderer Weise auf die Nutzung der heute zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel verwiesen sind. Daher erfordert ein wirksamer Dienst am Wort auch eine kompetente, kreative und zeitgerechte Bewertung der sozialen Kommunikationsmittel. Auf Grund der tief greifenden kulturellen und sozialen Umwälzungen, die erfolgt sind, wird eine Katechese, die dabei hilft, auch die im Hinblick auf die Geschichte, die Wissenschaft und die Moral ‚schwierigen’ Seiten der Bibel zu verstehen, immer notwendiger. Sie sollte auch Wege aufzeigen, wie bestimmte Weisen der Darstellung Gottes, des Mannes, der Frau und des moralischen Handelns, besonders im Alten Testament, erklärt werden können. c – In der Exegese und in der Theologie 24. „Deshalb sei das Studium des heiligen Buches gleichsam die Seele der heiligen Theologie.“[90] Die Früchte, die in diesem Bereich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geerntet wurden, sind ohne Zweifel Anlass, den Herrn für die Gnade seines Geistes der Wahrheit zu loben. Da das Wort Gottes sein Zelt unter uns aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1, 14), treibt uns ohne Zweifel der gleiche Heilige Geist dazu an, über die neuen Wege nachzudenken, die das Wort unter den Menschen unserer Zeit einschlagen will, und lädt uns ein, die Erwartungen an das Wort und die Herausforderungen wahrzunehmen, welche die Menschheit heute bereithält. Heute, um nur einige Beispiele zu nennen, scheinen folgende Gesichtspunkte besonders bedeutsam: die Verpflichtung der Exegeten und Theologen, die Schriften dem Sinn der Kirche entsprechend zu studieren und zu erklären, und die Worte der Bibel im Kontext der lebendigen Überlieferung zu interpretieren und vorzustellen und umgekehrt. Dadurch wird das Erbe der Väter wertgeschätzt, die Exegeten und Theologen setzen sich mit den Weisungen des Lehramtes auseinander und erhalten eine Hilfe, um ihre Aufgabe treu und klug zu erfüllen.[91] In diesem Bereich ist es nützlich, die Aufmerksamkeit auf jene Perspektiven zu lenken, welche seinerzeit von Optatam totius im Hinblick auf das Theologiestudium und entsprechend auf die bei der theologischen Ausbildung anzuwendende Methode eröffnet wurden. Zu einem guten Teil harren diese Perspektiven immer noch ihrer Umsetzung. Die aufgezeigten Linien weisen aber gerade ausgehend von biblischen Themen auf eine Vorgehensweise hin, die im Rahmen von Forschung und Lehre sowohl bei den Priestern als auch beim Volk Gottes eine entsprechende Synthese garantieren kann. Das Wiederaufgreifen dieser konziliaren Weisung könnte eine Bereicherung des Wortes Gottes darstellen, welches in der Lehre der verschiedenen theologischen Disziplinen, und in einer beständigen konstruktiven Dialektik mit dem auditus culturae neu zu buchstabieren ist.[92] Besondere Aufmerksamkeit verdient die Beziehung zwischen der Offenbarung Gottes und dem Leben des Menschen von heute. In dieser Hinsicht stellt sich die Aufgabe, im Licht des Wortes Gottes über die heutigen Tendenzen der Anthropologie und über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, nachzudenken „die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt,“[93] und zugleich Vermittler der einzigen Wahrheit, die von Gott kommt. Ein vertieftes Nachdenken erfordert auch der Dialog mit den großen Religionen, der darauf ausgerichtet sein soll, im Namen Gottes eine gerechtere und friedlichere Welt zu schaffen. Die christliche Gemeinschaft erwartet sich von den Gelehrten, dass sie mit Eifer und entsprechenden Hilfsmitteln den Dienern des göttlichen Wortes zur Seite stehen, damit diese dem Volk Gottes „mit wirklichem Nutzen die Nahrung der Schriften reichen, die den Geist erleuchtet, den Willen stärkt und die Menschenherzen zur Gottesliebe entflammt.“[94] d – Im Leben des Gläubigen 25. „Die Schrift nicht kennen heißt, Christus nicht kennen.“[95] "„Darum müssen alle ... (Kleriker und Laien), in beständiger heiliger Lesung und gründlichem Studium sich mit der Schrift befassen.“[96] Neben dem katechetischen Fortschritt stellt der spirituelle Fortschritt einen der schönsten und vielversprechensten Aspekte des Laufes des Wortes im Volk Gottes dar. Dem Wort zu begegnen, mit ihm zu beten und es zu leben ist die höchste Berufung des Christen. „Auf sie greifen nunmehr in größerem Maße die einzelnen und die Gemeinden zurück,“ bestätigt Johannes Paul II.[97] Aber die Zahl kann noch wachsen, und die Qualität des Zugangs soll immer mehr der Zielsetzung entsprechen, die das Wort im Dienst der Kirche hat. Im Hinblick auf eine genuine Spiritualität des Wortes ist festzuhalten, dass das „Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muss, damit sie zu einem Gespräch werde zwischen Gott und Mensch; denn ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen.“[98] Das wird vom hl. Augustinus bestätigt: „Dein Gebet ist das Wort, das Du an Gott richtest. Wenn Du die Bibel liest, spricht Gott zu Dir; wenn Du betest, sprichst Du zu Gott.“[99] Das führt zur Betrachtung einiger Gesichtspunkte, die als vorrangig gelten können. Zunächst einmal soll dem Wort Gottes innerlich und äußerlich im Geist des Armen begegnet werden, um auf diese Weise voll und ganz dem Wort Gottes zu entsprechen: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8, 9). Es geht hier also um eine Seinsweise, welche an der Weise Maß nimmt, in der Jesus das Wort des Vaters hörte und es uns verkündete, losgelöst von den Dingen und immer bereit, den Armen das Evangelium zu verkünden (vgl. Lk 4, 18). „Man darf sich freuen, die Bibel in den Händen der Armen, der einfachen Leute zu sehen, die zu ihrer Auslegung und Aktualisierung in geistlicher und existentieller Hinsicht ein helleres Licht bereitstellen können, als was eine selbstgerechte Wissenschaft zu seiner Erklärung beizutragen vermag.“[100] Vor allen Dingen ist jene Nutzung der Bibel besonders zu unterstützen, die bis zu den christlichen Ursprüngen reicht, und die Kirche in ihrer Geschichte begleitet hat. Sie wird traditionell als Lectio Divina bezeichnet und umfasst verschiedene Momente (lectio, meditatio, oratio, contemplatio)[101] Sie ist in der Erfahrung der Mönche zu Hause, aber heute schlägt sie der Geist durch das Lehramt auch dem Klerus,[102] den Pfarrgemeinden, den kirchlichen Bewegungen, den Familien und den Jugendlichen vor.[103] So schreibt Johannes Paul II: „Besonders notwendig ist es, dass das Hören des Wortes zu einer lebendigen Begegnung in der alten und noch immer gültigen Tradition der lectio divina wird. Sie lässt uns im biblischen Text das lebendige Wort erfassen, das Fragen an uns stellt, Orientierung gibt und unser Dasein gestaltet.“[104] Dies „umfasst auch den Gebrauch neuer, aufmerksam erprobter und an die Erfordernisse der Zeit angepasste Methoden.“[105] Besonders lädt der Heilige Vater Benedikt XVI. die Jugendlichen ein, sich „mit der Bibel vertraut zu machen, sie immer bei der Hand zu haben, damit sie euch gleichsam zum Kompass werde, der den Weg weist, dem man folgen muss.“[106] Und allen ruft er in Erinnerung: „Das vom Gebet begleitete aufmerksame Lesen der Heiligen Schrift führt zu jenem vertrauten Gespräch, in dem man beim Lesen Gott sprechen hört und ihm im Gebet antwortet, während sich das Herz vertrauensvoll öffnet.“[107] Die Neuheit der Lectio im Volk Gottes macht eine klare, geduldige und beharrliche Bildung der Priester, Ordensleute und Laien erforderlich, um zu einer Teilhabe an der Erfahrung Gottes zu führen, die durch das Hören des Wortes Gottes ermöglicht wurde (collatio).[108] Das Wort Gottes muss die erste Quelle sein, die alle Bereiche des geistlichen Lebens der Gemeinschaft beseelt: Exerzitien, Besinnungstage, Frömmigkeitsformen und religiöse Erfahrungen. Ein wichtiges Ziel (und ein Kriterium der Echtheit) besteht darin, die Menschen zu einer persönlichen Lektüre des Wortes Gottes in einer weisheitlichen Sichtweise und zu einer christlichen Beurteilung der Realität hinzuführen, und sie in die Lage zu versetzen, von der Hoffnung Zeugnis zu geben, die in ihnen ist (vgl. 1 Petr 3, 15), bereit zum Zeugnis der Heiligkeit. Einen von den Vätern geteilten Gedanken aufgreifend sagt der hl. Cyprian: „Widme Dich eifrig dem Gebet und der lectio divina. Wenn Du betest, sprichst Du mit Gott; wenn Du liest, spricht Gott zu Dir.“[109] „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“(Ps 119, 115). Der Herr, der das Leben liebt, will mit seinem Wort das ganze Leben der Gläubigen in jeder Situation erleuchten, führen und ermutigen, in jeder Lage, bei der Arbeit, in der Freizeit, im Leiden, bei familiären und sozialen Verpflichtungen, und bei jedem frohen oder traurigen Widerfahrnis. Auf diese Weise soll jeder alles prüfen und das Gute behalten (vgl. 1 Thess 5, 21), um den Willen Gottes erkennen und in die Tat umsetzen zu können (vgl. Mt 7,21).
Das Wort Gottes in der Sendung der Kirche „So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: ‚Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt’“ (Lk 4,16-21).. Die Sendung der Kirche besteht darin, das fleischgewordene Wort Gottes zu verkünden 26. „Uns vom Wort nähren, um im Bemühen um die Evangelisierung ‚Diener des Wortes zu sein’: Das ist mit Sicherheit eine Priorität für die Kirche am Beginn des neuen Jahrtausends.“[110] Das setzt voraus, beim Meister selbst in die Schule zu gehen und festzustellen, dass im Zentrum seiner Verkündigung das Reich Gottes steht, (vgl. Mk 1,14-15), das er in Worten und Werken, mit dem Zeugnis des Lebens und in der Lehre ankündigt. Das Reich Gottes, dessen Samen das Wort Gottes ist, ist ein Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, das allen Menschen angeboten wird. Wenn die Kirche das Wort verkündet, nimmt sie am Aufbau des Reiches Gottes teil, erleuchtet seine Lebendigkeit und stellt es der Welt als Angebot des Heiles vor Augen. Die Ankündigung des Reiches Gottes ist das Evangelium, das bis an die Grenzen der Erde verkündet werden soll (vgl. Mt 28,19; Mk 16,15). Diese Verkündigung und das Gehör, das ihr geschenkt wird, sind die Bestätigung eines authentischen Glaubens. Der Ausruf des Paulus: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9, 16) hallt heute mit besonderer Dringlichkeit wider. Für die Christen handelt es sich dabei nicht um eine einfache Mitteilung, sondern um eine Berufung zum Dienst am Evangelium, zum Heil der Welt. Denn, wie Jesus sagt, „die Ernte ist groß“ (Mt 9, 37) und vielfältig: es gibt vor allem in Asien und Afrika viele, die noch nie das Evangelium gehört haben; und es gibt auch manche, die das Evangelium vergessen haben oder die seine Verkündigung dringend erwarten. Wenn es darum geht, auf den Herrn zu hören, hat es nie an Schwierigkeiten gefehlt, die den Weg des Volkes Gottes begleiten, und diese werden auch nie fehlen. In vielen Regionen besteht, nicht zuletzt auf Grund ökonomischer Schwierigkeiten auch ein materieller Mangel an biblischen Texten, es fehlen Übersetzungen und die Möglichkeit der Verbreitung. Im Hinblick auf die richtige Auslegung trifft man den Widerstand der Sekten. Das Wort weiterzugeben, ist eine vorrangige Aufgabe, die ein tiefes und überzeugtes „sentire cum Ecclesia“ voraussetzt. Eine erstes Erfordernis besteht im Vertrauen auf die verwandelnde Kraft, die das Wort im Herzen dessen ausübt, der es hört. „Denn lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll ... es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens“ (Hebr 4, 12). Ein zweites, heute besonders wahrgenommenes Erfordernis der Glaubwürdigkeit ist es, das Wort Gottes als Quelle der Bekehrung, der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit und des Friedens zu verkünden und zu bezeugen. Drittens geht es um die Unbefangenheit, den Mut, den Geist der Armut, die Demut, die Glaubwürdigkeit und Herzlichkeit dessen, der dem Wort dient. Im Hinblick auf eine Pädagogik der Verkündigung behält das Apostolische Schreiben Pauls VI. Evangelii Nuntiandi weiter seine Aktualität. In der Enzyklika Papst Benedikt XVI. Deus caritas est wird vor allem der enge Zusammenhang hervorgehoben, der zwischen der Liebe und der Verkündigung des Wortes und der Feier der Sakramente besteht.[111] Wer das Wort Gottes, das Liebe ist, empfängt, kann es selbstverständlich nicht verkünden, ohne die Liebe in Werken der Gerechtigkeit und der Caritas auch zu tun. Im Hinblick auf die evangelisierende Sendung des Wortes Gottes sollen hier in zusammengefasster Form einige Ziele und Aufgaben benannt werden, deren Erfüllung heute als besonders wichtig erscheint.[112] Der hl. Augustinus schreibt: „Es ist unerlässlich, zu verstehen, dass die Liebe die Fülle des Gesetzes und die Fülle der göttlichen Schriften ist. Die Liebe des Seins, deren wir uns erfreuen dürfen und der Seienden, die dazu berufen sich mit uns an ihr zu erfreuen. Mit dem Ziel, uns diese Liebe erkennen zu lassen und zu ermöglichen, hat die göttliche Vorsehung um unseres Heiles willen die ganze zeitliche Wirklichkeit geschaffen. … Wer also glaubt, die Schriften oder irgend einen Teil von ihnen verstanden zu haben, ohne sich darum zu bemühen, auf Grund dieses Verständnisses diese zweifache Liebe zu Gott und zum Nächsten zu leben, zeigt, dass er sie noch nicht verstanden hat.“[113] Das Wort Gottes muss jederzeit allen zur Verfügung stehen 27. Die Kirche bekräftigt ihre Unabhängigkeit, das Wort Gottes mit der Freimütigkeit der Apostel zu verkündigen (vgl. Apg 4,13; 28,31) und hält es zugleich für erforderlich, dass „der Zugang zur Heiligen Schrift für die an Christus Glaubenden weit offen steht.“[114] Dies ist eine Voraussetzung der Sendung und zugleich heute einer ihrer grundlegenden Inhalte. Ungeachtet der vielen Bemühungen ist festzustellen, dass die Mehrheit der Christen keinen echten und persönlichen Kontakt mit der Schrift hat, und dass diejenigen, die diesen leben, im Hinblick auf die Weitergabe oft große theologische und methodologische Unsicherheiten haben. Die Begegnung mit der Bibel steht in der Gefahr, nicht mehr ein Ereignis der Kirche, der Gemeinschaft, sondern dem Subjektivismus und der Willkür ausgesetzt zu sein, oder zum Objekt privater Frömmigkeit zu werden, wie es viele in der Kirche gibt. Eine entschiedene und glaubwürdige pastorale Förderung des Wortes ist ein Gebot der Stunde. Das erfordert gezielte Initiativen, wie z.B. die umfassende Einbindung der Bibel in die Projekte der Pastoral, genauso wie ein Projekt biblischer Pastoral in jeder Diözese unter der Führung des Bischofs. Dadurch wird die Präsenz der Bibel in allem kirchlichen Tun realisiert und entsprechende Möglichkeiten des direkten Kontaktes mit ihr geschaffen, besonders durch die Praxis der Lectio Divina für Jugendliche und Erwachsene. Auf diese Weise wird dafür Sorge getragen, dass zwischen Priestern und Laien, unter den Pfarrgemeinden, den Ordensgemeinschaften und den kirchlichen Bewegungen eine Gemeinschaft begründet und ausgebaut wird. Diesem Ziel dient die Einrichtung eines spezifischen Bibelapostolates auf der Ebene der Diözese, des Metropolitanverbandes oder des Landes, das durch entsprechende Hilfen die Nutzung der Bibel fördert,[115] unter den Laien die Bibelbewegung anregt, sowie die Bildung der Verantwortlichen für die Bibelgruppen, besonders für die Jugendlichen, sicherstellt, und auch den Immigranten und den Menschen auf der Suche Glaubenswege mit dem Wort Gottes aufzeigt. Es darf daran erinnert werden, dass es seit 1968 den Weltverband der Katholischen Bibelwerke gibt, der von Paul VI. im Hinblick auf die Umsetzung der Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils im Bereich des Wortes Gottes eingerichtet wurde. Fast alle Bischofskonferenzen sind Mitglied dieser Vereinigung, die daher mit Abteilungen in allen Kontinenten vertreten ist. Ihr Ziel besteht darin, den Text der Bibel in verschiedenen Sprachen zu verbreiten und zugleich das einfache Volk durch genaue Übersetzungen anzuleiten, die Lehren der Bibel kennen zu lernen und zu leben. Diese Übersetzungen sollen nach dem Urteil der Bischöfe auch für den liturgischen Gebrauch geeignet sein. Eine weitere Aufgabe besteht darin, die Bibel zu einem akzeptablen Preis zu verbreiten. Darüber hinaus soll bei der Verbreitung des Wortes Gottes auch den neuen und alten Methoden und Formen der sozialen Kommunikation wie .B. Radio, TV, Theater, Kino, Musik, Lieder, neue Medien, CD, DVD, Internet usw. entsprechendes Gewicht beigemessen werden.[116] Die Ordensleute haben bei diesem Weg des Wortes Gottes auf sein Volk hin eine spezifische Rolle. Wie das Zweite Vatikanum unterstreicht, sollen sie „täglich ... die Heilige Schrift zur Hand nehmen, um durch Lesung und Betrachtung des Gotteswortes‚ die überragende Erkenntnis Jesu Christi’ (Phil 3,8) zu gewinnen.“[117] Dadurch finden sie zugleich neuen Schwung in ihrer Aufgabe der Erziehung und Evangelisierung, besonders der Armen, der Kleinen und der Ausgegrenzten. Der Text der Bibel soll nach den Vätern der Kirche Gegenstand eines täglichen ‚Widerkäuens’ sein. Wenn der Mensch beginnt, die göttlichen Schriften zu lesen – sagt der hl. Ambrosius – geht Gott wieder mit ihm im irdischen Paradies spazieren. [118] Und Johannes Paul II. bestätigt: „Das Wort Gottes ist die erste Quelle jeder christlichen Spiritualität. Es nährt eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott und zu seinem heilwirkenden und heiligenden Willen. Deshalb ist seit dem Entstehen der Institute des geweihten Lebens, insbesondere im Mönchtum der lectio divina höchste Achtung entgegengebracht worden. Dank dieser wird das Gotteswort ins Leben übertragen, auf das es das Licht der Weisheit wirft, die die Gabe des Geistes ist.“[119] Das Wort Gottes, Gnade der Gemeinschaft unter den Christen 28. Dieser Aspekt ist als eines der erstrangigen Ziele der Pastoral der Kirche zu betrachten. Die an Christus Glaubenden werden im Wesentlichen durch zwei Dinge geeint: durch das Wort Gottes und die Taufe. Ausgehend von dieser Tatsache muss der Weg des ökumenischen Dialogs angesichts der Herausforderungen, die sich ihm heute stellen, weiter gegangen werden, hin auf jene volle Einheit, die nur durch Rückkehr zu den Quellen des Wortes, das im Licht der kirchlichen Überlieferung auszulegen ist, erreicht werden kann. Sie allein garantiert die wahre Begegnung mit Christus und den Schwestern und Brüdern.[120] Die Abschiedsrede Jesu im Abendmahlssaal unterstreicht in besonderer Weise, dass diese Einheit darin zum Ausdruck kommt, gemeinsam das Wort des Vaters zu bezeugen, das uns der Sohn geschenkt hat (vgl. Joh 17,8). Das Hören auf das Wort Gottes hat also eine ökumenische Dimension, die immer neu gepflegt werden muss. Mit Dank kann festgestellt werden, dass die Bibel heute der hauptsächliche Bezugspunkt für das gemeinsame Gebet und den Dialog zwischen den Kirchen und den kirchlichen Gemeinschaften ist. Entsprechend den Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es heute eine Zusammenarbeit für die V |