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B I S C H O F S S Y N O D E ———————————————————— X
. O R D E N T L I C H E
V O L L V E R S A M M L U N G Der Bischof als Diener I N S T R U M E N T U M
L A B O R I S
Vatikanstadt
2001 Dieser Text darf nur den Bischofskonferenzen oder mit ihrer Genehmigung gedrückt oder verbeitet werden und unter der Bedinung, daß der Inhalt in keinster Weise verändert wird und daß zwei Kopien dem Generalsekretariat der Bischofssynode zugestellt werden, 00120 Vatikanstadt. einleitung Beim Anbrechen des neuen Jahrtausends 1.
Jesus Christus, unsere Hoffnung (1
Tim 1,1), derselbe gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8), der oberste Hirt (1
Petr 5,4), führt seine Kirche zur Fülle der Wahrheit und des Lebens bis
zum Tag seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, an dem alle Verheißungen und die
Hoffnungen der Menschheit erfüllt sein werden.
Die Menschheit und die Kirche gehen im beginnenden dritten christlichen
Jahrtausend einer Zukunft entgegen, die mit dem Erbe eines Jahrhunderts mit
Licht- und Schattenseiten belastet ist.
Wir stehen an einem Wendepunkt der menschlichen Geschichte. Viele
Menschen machen sich Gedanken darüber, welche Ziele die Menschheit anstreben
soll und welche Zukunft die Welt hat. Denn diese scheint einerseits vom
Fortschrittstaumel der wachsenden Globalisierung der Wirtschaft, Kultur und
Kommunikation ergriffen; anderseits gibt es vielerorts Konflikte und weite
Gebiete, in denen Hunger, Krankheit und Armut zunehmen.
Dem Weltgewissen ist zu Beginn eines neuen Jahrtausends die Aufgabe
gestellt, eine Zukunft zu bauen und sie mit Hoffnung zu füllen, denn sie ist für
den homo viator und den Christen, der
die Verwirklichung der göttlichen Verheißungen erwartet, lebensnotwendig. Es
ist eine Hoffnung, die auch als Fackel des Glaubens und als Ansporn zur Nächstenliebe
im Hinblick auf eine Zukunft mit unvorhersehbarem Ausgang zu verstehen ist. 2.
Zum Zeitpunkt dieses neuen Aufbruchs findet die Feier der 10.
Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode statt, die ursprünglich im
Jubiläumsjahr 2000 vorgesehen war, aber jetzt für den Monat Oktober des Jahres
2001 geplant ist.
Johannes Paul II. hat dieser Versammlung in prophetischer Weitsicht ein
bedeutsames Thema gestellt: Episcopus
minister Evangelii Iesu Christi propter spem mundi.
Für das Leben der Kirche und der Menschheit von heute ist dieses Thema
aus verschiedenen und wichtigen Gründen besonders aktuell, die vor allem
theologischer und ekklesiologischer Natur, aber auch anthropologischer und
sozialer Ordnung sind. In den Fußstapfen
der vorhergehenden Synodenversammlungen 3.
Es gibt vor allem theologische Gründe.
Die ganze Kirche hat voll Freude das Große Jubiläum des Jahres 2000 gefeiert,
um der Geburt unseres Herrn Jesus Christus vor zweitausend Jahren zu gedenken.
Sie wollte nicht nur dankbar sein Kommen zu uns, sondern auch seine lebendige
Gegenwart in der Kirche während ihrer zweitausendjährigen Geschichte und sein
Werk als einziger Erlöser der Welt, der die Mitte des Kosmos und der Geschichte
ist, in Erinnerung rufen.
In der unauflöslichen Einheit Christi mit seinem Evangelium will das
Thema der Synode unterstreichen, daß er, Jesus Christus, der Sohn Gottes, der
vom Vater Gesandte und vom Heiligem Geist Gesalbte (vgl. Joh
10,36), die Hoffnung der Welt und des Menschen, jedes Menschen und des
ganzen Menschen, ist.[1]
Christus ist das endgültige Wort und totale Geschenk des Vaters, das
wahre Evangelium Gottes, in dem sich alle Verheißungen erfüllen und in dem
auch das Amen Gottes (vgl. 2 Kor 1,20) ist, die Vollendung der Hoffnung der Welt. Sein
Evangelium ist die immer neue und gute Nachricht, die ständige Lebenskraft, die
der Welt den Weg in die Zukunft weist, wie sie es zweitausend Jahre lang getan
hat. Seine Lehre und seine Person, sein Werk und seine Weisung, seine Botschaft
und seine Kirche, in der er weiter gegenwärtig ist, sind nicht voneinander zu
trennen. Die Kirche verkündet der ganzen Menschheit zu Beginn des dritten
Jahrtausend voll Freude seine Botschaft des Lebens und der Hoffnung.[2] 4.
Außerdem gibt es ekklesiologische
Gründe: festehende und zeitbedingte. Jesus, der Herr, hat am Ende seines
Verweilens unter uns die Apostel als seine Zeugen und Boten bis an die Grenzen
der Erde und bis zum Ende der Zeiten ausgesandt. Auch auf dieser Weisung beruht
die anspruchsvolle Aufgabe, der Welt seine Person und seine Lehre als höchste
Hoffnung anzubieten: "Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen
zu meinen Jünger; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt
28,20). Den Bischöfen zusammen mit dem Papst und allen Gliedern der Kirche ist
die Aufgabe gestellt, Zeugen des Evangeliums Christi in der Welt zu sein. Als
Nachfolger der Apostel sind sie "als erste beauftragt, 'jedem Rede und
Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt' (1
Petr 3,15): der Hoffnung, die in den Verheißungen Gottes verankert ist und
auf seiner Treue zu seinem Wort gründet, das als unmißverständliche Gewißheit
die Auferstehung Christi, seinen endgültigen Sieg über das Böse und die Sünde
hat".[3]
Die große Bedeutung der 10. Ordentlichen Generalversammlung der
Bischofssynode, die den Bischof und sein Amt als Diener des Evangeliums für die
Hoffnung der Welt zum Thema hat, wird offenbar, wenn man sich vor Augen hält,
daß die vorhergegangenen ordentlichen Versammlungen die
Berufung und Sendung der Laien in der
Kirche und Welt (1978), die
Priesterausbildung heute (1990) und das
geweihte Leben und seine Sendung in Kirche
und Welt (1994) behandelt haben. Frucht der Synodenversammlungen waren die
nachsynodalen Apostolischen Schreiben Johannes Pauls II., Christifideles
laici, Pastores dabo vobis und Vita
consecrata.
Deshalb schien es angebracht, als zusammenfassenden thematischen Höhepunkt
den Dienst des Bischofs unter dem Aspekt der Verkündigung des Evangeliums und
der Hoffnung anzugehen. In der Tat haben die Ordentlichen Synodenversammlungen
im einzelnen neue Impulse zur Erneuerung der verschiedenen Berufungen im Volk
Gottes gegeben; das hat den Austausch untereinander und die gegenseitige
Vervollkommnung im Rahmen einer Ekklesiologie von Communio und Missio verstärkt,
die auf die hierarchische und charismatische Natur der Kirche geachtet hat. Nun
zeigt die spezifische Behandlung des Themas dieser Versammlung, daß es
notwendig ist, die Sendung des ganzen Volkes Gottes in Gemeinschaft mit seinen
Hirten auf die Zukunft hin zu orientieren. 5.
Hinzuzufügen ist auch, daß im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts,
am Ende des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung, die Bischöfe der
einzelnen Kontinente vom Papst zu mehreren synodalen Sonderversammlungen
zusammengerufen wurden, um über die Kirche in Europa (1991 und 1999), in Afrika
(1994), in Amerika (1997), in Asien (1998) und in Ozeanien (1998) zu beraten.
Frucht dieser Begegnungen sind die jeweiligen nachsynodalen Dokumente, die veröffentlicht
wurden oder in Vorbereitung sind.
Die kommende ordentliche Versammlung wird in ihrer besonderen Thematik
auf das Ergebnis einer Erfahrung zurückgreifen können, die wie nie zuvor von
der synodalen Communio geprägt war.
Alle Synoden in den vergangenen Jahrzehnten waren für den Dienst des
Bischofs von Bedeutung. Nicht nur weil es Bischofssynoden waren, sondern weil
sie alle in gewisser Weise dazu beigetragen haben, das bischöfliche Leitungsamt
in den letzten Jahrzehnten herauszuschälen im Hinblick auf die Evangelisierung (1974), die Katechese
(1977), die Familie (1981), die Versöhnung
und Buße (1983), die Laien
(1987), die Priester (1990), das gottgeweihte
Leben (1994) und die Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils (außerordentliche
Synode 1985). 6.
Der besondere lehramtliche und pastorale Aspekt des Synodenthemas
konzentriert sich auf die Verkündigung des Evangeliums Christi für die
Hoffnung der Welt. In dieser Perspektive ist die Thematik der nächsten
ordentlichen Versammlung auch in anthropologischer und gesellschaftspolitischer
Hinsicht außerordentlich bedeutsam. Die Kirche, die "die Freude und
Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute"[4] teilen will, wird sich die Frage stellen, auf welchem Weg
die heutige Menschheit vorangeht, in die sie selbst als Salz der Erde und Licht
der Welt eingetaucht ist (vgl. Mt
5,13-14). Und sie wird sich fragen müssen, wie sie heute die wahre Hoffnung für
die Welt, die Christus und sein Evangelium ist, verkünden soll.
Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends christlicher Zeitrechnung,
das besondere soziale und kulturelle Situationen aufweisen kann, sozusagen vor
einer "ætas nova", einer neuen Epoche, die manchmal als
Postmoderne bezeichnet wird. Es ist notwendig, daß die Heilsbotschaft in der
Welt erneut ein starkes Echo auslöst, so daß sie die dem Evangelium
innewohnende göttliche Dynamik in Schwung bringt, damit die ganze Menschheit
"im Hören auf die Botschaft des Heiles glaubt, im Glauben hofft und in der
Hoffnung liebt".[5]
Die christliche Hoffnung ist eng mit der mutigen und unverkürzten Verkündigung
des Evangeliums verbunden, die unter den Hauptaufgaben der Bischöfe herausragt.
Deshalb muß über ihren vielfältigen Pflichten und Aufgaben, "über allen
Sorgen und Schwierigkeiten, die mit der täglichen treuen Arbeit im Weinberg des
Herrn unvermeidlich verbunden sind, vor allem die Hoffnung stehen".[6] Kontinuität und
Neuheit 7.
In diesen Gnadenstrom ist die Vorbereitung und kommende Feier der 10.
Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode hineingestellt.
Der 1998 veröffentlichte Text der Lineamenta
hat Interesse und Beifall gefunden. Er gab auch den Anstoß, die mit dem
bischöflichen Dienst verbundene Thematik zu vertiefen. Aus den Antworten der
Bischofskonferenzen und übrigen Organismen sowie vieler Bischöfe und anderer
Glieder des Volkes Gottes ist das vorliegende Instrumentum laboris entstanden. Es will das vom Papst gewählte
Thema vorstellen und ausfalten, wobei den Lineamenta
kontinuierlich entsprechende Fragen und Vorschläge eingearbeitet wurden, um den
Weg für einen geordneten und transparenten Verlauf der Synodendebatte zu
bereiten.
Die reiche Erfahrung, die die Bischöfe aus aller Welt bei den
vergangenen ordentlichen und außerordentlichen Synodenversammlungen machen
konnten, und das wertvolle Lehrgut, das daraus entstanden ist, bilden deshalb
die Grundlage für eine eingehende Vorbereitung der kommenden Versammlung. Das Instrumentum
laboris will deshalb keine weitschweifige Beschreibung der Weltlage
anstellen; noch will es die Aufmerksamkeit auf spezifische oder örtlich
begrenzte Fragen lenken, die bereits in den vorhergehenden kontinentalen
Versammlungen behandelt wurden. 8.
Die gesonderte Behandlung des Amtes des Bischofs als Diener des
Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt steht in lehramtlicher
Kontinuität, die auf die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils zurückgeht,
ganz besonders hinsichtlich der Lehre der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium und des Konzilsdekrets Christus Dominus.
Das Pastorale Direktorium der Kongregation für die Bischöfe, Ecclesiæ imago vom 22. Februar 1973, bewahrt wegen seiner vollständigen
und konkreten Beschreibung der Rolle und des Dienstes des Bischofs in seiner
Teilkirche auch heute seine volle Gültigkeit.[7] In kanonisch-theologischer Hinsicht muß man sich auf den
Codex iuris canonici (CIC) von 1983
und auf den Codex canonum Ecclesiarum
Orientalium (CCEO) von 1990 wegen der entsprechenden Neuerungen beziehen.
Außerdem gibt es zahlreiche dokumentierte Aussagen des nachkonziliaren
Lehramtes, die insbesondere den Hirtendienst der Bischöfe betreffen; unter
ihnen vor allem die Ansprachen der Päpste an die einzelnen Bischofskonferenzen
anläßlich der "ad limina"-Besuche oder der apostolischen
Pastoralreisen in den vergangenen Jahrzehnten.
Unter den jüngeren Dokumenten, die spezifische Fragen des Hirtendienstes
der Bischöfe in der universalen Kirche und in den Teilkirchen betreffen, ist in
ekklesiologischer Hinsicht auf den Brief der Kongregation für die
Glaubenslehre, Communionis notio vom
28. Mai 1992 über einige Aspekte der Kirche als Communio,[8] hinzuweisen; zuletzt ist noch das Apostolische Schreiben
in Form von Motu proprio von Johannes Paul II., Apostolos suos vom 21. Mai 1998, über die theologische und
juristische Natur der Bischofskonferenzen[9] zu nennen. 9.
Das von Papst Johannes Paul II. für die nächste Synodenversammlung
bestimmte Thema bezieht sich auf den Bischof und soll hier näher erklärt
werden. Es handelt sich um das Bischofsamt, wie es in der dogmatischen
Konstitutuion Lumen gentium und vom
Konzilsdekret Christus Dominus in
seinem ganzen Umfang von Subjekten und Pastoralaufgaben dargestellt wird. In der
Tat haben alle Bischöfe die Gnade der Bischofsweihe gemeinsam; sie sind
Nachfolger der Apostel, und in Gemeinschaft mit dem Papst bilden sie das
Bischofskollegium.
Das II. Vatikanische Konzil hat die Wirklichkeit des Bischofskollegiums
neu herausgestellt, das dem Apostelkollegium nachfolgt und bevorzugte
Ausdrucksform des Hirtendienstes ist, der von den Bischöfen in Gemeinschaft
untereinander und mit dem Nachfolger Petri geleistet wird. Als Glieder dieses
Kollegiums haben alle Bischöfe "nicht nur für eine bestimmte Diözese,
sondern für das Heil der ganzen Welt die Weihe empfangen".[10] Sie sind "aufgrund von Christi Stiftung und
Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten. Diese wird zwar nicht durch
einen hoheitlichen Akt wahrgenommen, trägt aber doch im höchsten Maße zum
Wohl der Gesamtkirche bei".[11]
Jeder in der katholischen Kirche rechtmäßig geweihte Bischof hat an der
Fülle des Weihesakraments teil. Als Diener des Herrn und Nachfolger der Apostel
muß er durch die Gnade des Beistands in dem dreifachen Amt, zu lehren, zu
heiligen und zu leiten, mit dem er beauftragt ist, dahin wirken, daß die ganze
Kirche als Familie des Vaters, als Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes
wächst.
Aber die Synode nimmt noch konkreter Bezug auf den Diözesanbischof in
der Fülle seines Dienstes in der Teilkirche. Er ist lebendige und zeitgemäße
Gegenwart Christi, des "Hirten und Bischofs" unserer Seelen (1 Petr 2,25); er ist in der ihm anvertrauten Teilkirche sein
Stellvertreter, nicht nur in seinem Wort, sondern sogar in seiner Person.[12]
Andererseits wird klar, wie wichtig das Synodenthema ist, wenn man
bedenkt, daß sich das Bild des Bischofs in den vergangenen Jahrzehnten stark
gewandelt hat. Er ist in den Augen der Gläubigen erfahrungsgemäß volksnäher
und erscheint mehr in der Rolle des Vaters, Bruders und Freunds, er ist
einfacher und zugänglicher. Und dennoch sind seine pastoralen
Verantwortlichkeiten gewachsen, und die Amtsaufgaben haben sich ausgeweitet,
denn die Kirche wird immer aufmerksamer für die Bedürfnisse der Welt. Das geht
so weit, daß der Bischof heute mit vielen Aufgaben belastet wird und um der
Wahrheit willen oft ein Zeichen des Widerspruchs wird. Er ist deshalb immer
offen für ein Aggiornamento seines Hirtendienstes, wobei die Gemeinschaft und
die Zusammenarbeit mit den Priestern, den gottgeweihten Personen und den Laien
vertieft und verstärkt werden .
Die 10. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode wird zweifellos
ein Anlaß zur Festellung sein, daß sich die Einheit der Bischöfe mit dem
Papst, untereinander und mit dem Volk Gottes um so mehr festigt, je mehr die
Communio und Missio der Kirche dadurch bereichert werden und je mehr ihr
Dienstamt dadurch gestützt und gesichert wird. Neue Verkündigung
des Evangeliums der Hoffnung 10.
Für die Kirche gibt es viele Gründe zur Hoffnung im Hinblick auf die
Feier der nächsten Synode. Nach einer drei-jährigen Vorbereitungszeit unter
dem Leitbild der Dreifaltigkeit wurde das Große Jubiläum des Jahres 2000 für
das ganze Volk Gottes eine Zeit der Gnade, ein Heiliges Jahr der Umkehr, Versöhnung
und geistlichen Erneuerung.
Die Gläubigen konnten in Rom und im Heiligen Land, an der Seite des
Nachfolgers Petri und in den Teilkirchen mit ihren Hirten die Freude eines
Jahres der Barmherzigkeit und Heiligkeit erfahren. Jetzt stellen sich viele die
Frage, wie die gnadenreichen positiven Erfahrungen des Großen Jubiläums
fortgesetzt werden könnten.
Die Kirche hat sich der Welt erneut als Zeichen der Hoffnung vorgestellt,
besonders durch das Zeugnis der vielfältigen Gruppen des Volkes Gottes wie die
Jugend und die Familien, aber auch durch die ökumenischen Gesten, die Reinigung
des Gedächtnisses, die Vergebungsbitte und das Gedächtnis der Glaubenszeugen
des 20. Jahrhunderts.
Stark und bedeutsam waren die Anstöße, gegenüber den Gefangenen Gnade
walten zu lassen und den internationalen Schuldenberg, der auf vielen Nationen
lastet, zu reduzieren oder völlig aufzuheben.
Auch die Bischöfe hatten Gelegenheit, während ihrer Heilig-Jahr-Feier
mit dem Papst und vereint mit der Jungfrau Maria so wie die Jünger im
Abendmahlssaal am Pfingsttag Momente intensiver Gemeinschaft und geistlicher
Erneuerung zu erleben.
Das Evangelium Christi erweist sich heute noch als Lebenskraft und als
das Wort, das die Völker humanisiert und zu einer Familie werden läßt; es fördert
über sprachliche, rassische oder religiöse Unterschiede hinaus das Wohl aller. 11.
Auf dem Fundament der christlichen Hoffnung, "die nicht zugrunde
gehen läßt" (Röm 5,5), will
die Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft mit neuem Schwung ihren
Evangelisierungsauftrag durchführen.
Die Welt hat die neue Jahrtausendschwelle überschritten und wartet auf
ein Wort der Hoffnung, auf ein Licht, das sie in die Zukunft führt. Das
Evangelium war, ist und wird in der zeitlichen Geschichte der Menschen ein
Ferment der Freiheit und des Fortschritts, der Brüderlichkeit, der Einheit und
des Friedens sein.[13]
Die nächste Bischofssynode will der Kirche und der Welt die mutige und
zuversichtliche Verkündigung des Evangeliums Christi anbieten, das die Herzen für
die Hoffnung in dieser Zeit und für die Ewigkeit öffnet. Zur Bekräftigung möchte
die Bischofssynode mit den Nachfolgern der Apostel in Gemeinschaft mit dem
Papst, denen der Herr selbst seinen Beistand bis an das Ende der Zeiten verheißen
hat (vgl. Mt 28,20), ein Zeichen der
Einheit, der Freude und Sorge für die heutige Menschheit setzen. 1. Kapitel Dienst der Hoffnung Mit dem Herzen des guten Hirten die Welt sehen 12.
Wie disponiert sich der Bischof heute, um Diener des Evangeliums Jesu
Christi für die Hoffnung der Welt zu sein?
Er bedarf vor allem einer kontemplativen
Weltsicht gegenüber der Wirklichkeit, aber in der Konkretheit seines
Dienstamtes und in Gemeinschaft mit der universalen Kirche und der Teilkirche,
die seiner Hirtensorge anvertraut ist. Dann braucht er ein mitleidvolles Herz, das Gemeinschaft bilden kann mit den Männern
und Frauen von heute, für die er Zeuge und Diener
der Hoffnung sein soll.
Ein Gleichnis aus dem Evangelium macht die für den Bischof erforderliche
Haltung deutlich. Zu Beginn seines Wirkens stellt sich Jesus als der Bote der
guten Nachricht des Vaters vor und bekräftigt es, indem er den Nöten der
Menschen abhilft: "Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit
ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten
haben" (Mt 9,36).
Durch die Gnade des Heiligen Geistes, die die Augen seines Glaubens schärft,
fühlt der Bischof wie Christus, der gute Hirt, die Ängste und Fragen der Welt
von heute. Er verkündet das Wort der Wahrheit und des Lebens und fördert eine
Wirksamkeit, die das Herz der Menschheit erreicht. Nur auf diese Weise, vereint
mit Christus, treu gegenüber seinem Evangelium, mit realistischer Weltoffenheit
und von Gott geliebt, wird er Prophet der Hoffnung.
Der Bischof wird es für die Männer und Frauen von heute, die nach dem
Zusammenbruch der Ideologien und Utopien oft die Vergangenheit außer Acht
lassen und nur in der Gegenwart leben wollen. Sie planen meist nur oberflächlich
und begrenzt und werden oft von wirtschaftlichen und politischen Mächten
manipuliert. Deshalb ist es notwendig, daß sie wieder die Tugend der Hoffnung
erlangen; daß sie einen wahren Zugang zum Glauben und zur Hoffnung finden und
dann auch über das alltägliche Mittelmaß hinaus lieben; daß sie handeln und
dabei gelassen auf die Vergangenheit schauen und zuversichtlich in die Zukunft
blicken.
Die Kirche und in ihr der Bischof als Hirt der Herde kontinuierlich mit
Jesu Verhaltensweise stellen sich als Zeuge der Hoffnung vor, die nicht zugrunde
gehen läßt (vgl. Röm 5,5);
eingedenk der Antriebskraft, die auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen
ausgerichtet ist: "denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (ebd.).
Der Kirche und ihren Hirten ist das Evangelium der Hoffnung anvertraut.
Sie stützt sich auf die Gewißheit der göttlichen Verheißungen, die die
lebendige Hoffnung, zu der der Vater uns durch die Auferstehung Christi neu
geboren hat (vgl. 1 Petr 1,3), und der
Sieg über Tod und Sünde ist. Und als logische Folge stützt sie sich auf die
Gewißheit der immerwährenden Gegenwart Christi, des Herrn der Geschichte, des
Vaters des kommenden Jahrhunderts (vgl . Jes
9,6).
Deshalb ist es notwendig, das dritte Jahrtausend des Christentums mit der
Verkündigung des Evangeliums der Verheißungen Gottes im Zeichen der göttlichen
Zuversicht zu beginnen und zu leben.
In der Heiligen Schrift und in der Tradition der Kirche finden wir das
verborgene Samenkorn des göttlichen Plans, das keimen und Frucht bringen muß
in der Zukunft der Menschen und Völker, weil es dem Wirken des Heiligen Geistes
anvertraut ist, der mit unserer Mitarbeit das Netz der Geschichte weise webt. Im Zeichen der göttlichen
Hoffnung 13.
Die göttliche Hoffnung, die ganz auf die Verheißungen Gottes
ausgerichtet ist, spielt auch heute, am Anfang eines neuen Jahrhunderts und
Jahrtausends, eine wichtige Rolle. Die Erwartung und Vorbereitung der letzten
Jahrzehnte auf einen so wichtigen Zeitpunkt der menschlichen Geschichte, wie es
das Jahr 2000 mit dem Gedächtnis der Geburt Jesu vor 2000 Jahren war, sind
jetzt auf die Zukunft gerichtet. Nicht mehr auf ein bestimmtes Ziel, sondern auf
einen weiten Horizont mit der Aufgabe, geduldig die Zukunft zu bauen.
Die Hoffnung ist die Antriebskraft des Neuen, die Fähigkeit, Zukunftspläne
zu entwerfen und feste Spuren in der Zeit zu hinterlassen durch neuartige Werke;
die Geschichte mit der Kraft des Evangeliums zu steuern, oder zumindest der
Geschichte Sinn zu geben, bevor die Mächte der Welt eine Sinngebung für die
Zukunft festlegen oder ihre Abläufe programmieren.
Das soll in Treue zur unverkennbaren Aufgabe der Christen geschehen, die
darin besteht, der Welt eine Seele zu geben: "Was die Seele im Leibe ist,
das sollen in der Welt die Christen sein", heißt es im Brief an Diognet.[14] Die Kirche Jesu Christi ist berufen, die Geschichte zu
inspirieren und voranzutreiben; dabei achtet sie auf die tiefsten Erwartungen
und deutlichsten Hoffnungen der Menschen von heute.
Die Hoffnung, die der Bischof bezeugen muß, um Diener des Evangeliums
Christi zu sein, ist die göttliche Tugend der Hoffnung, verbunden mit dem
lebendigen Glauben und der tätigen Liebe.
Das Pastorale Direktorium Ecclesiæ
imago hatte die besonderen Merkmale des bischöflichen Dienstes in einer
Zusammenfassung dargestellt. Es lohnt sich, an diese zu erinnern, weil dort von
der Hoffnung auf Gott, der seinen Verheißungen treu bleibt, die Rede ist:
"Das Evangelium, aus dem der Bischof durch den Glauben lebt und das er den
Menschen auf das Wort Christi hin verkündet, ist 'Feststehen in dem, was man
erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht' (Hebr 11,1). Indem er sich auf diese Hoffnung stützt, erwartet der
Bischof mit fester Gewißheit nur von Gott das Gute und setzt sein ganzes
Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Er spricht mit Paulus: 'Alles vermag ich
durch ihn, der mir Kraft gibt' (Phil 4,13),
eingedenk der heiligen Apostel und auch der frühen Bischöfe, die trotz
Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art, die sie zu überwinden hatten, das
Evangelium Gottes 'mit allem Freimut' predigten (vgl. Apg 4,29.31; 19,8; 28,31). Die Hoffnung, die 'nicht zugrunde gehen läßt'
(Röm 5,5), weckt im Bischof den
missionarischen Geist und damit den kreativen, das heißt unternehmerischen
Geist. Der Bischof weiß sich von Gott, dem Herrn der Geschichte (vgl. 1
Tim 1,17), gesandt, um die Kirche an dem Ort, in der Zeit und zu dem
Zeitpunkt aufzubauen, die 'der Vater in seiner Macht festgesetzt hat' (Apg
1,7). Daher kommt auch der gesunde Optimismus, den der Bischof hat und der auch
auf die anderen übergehen soll, besonders auf seine Mitarbeiter".[15] 14.
Von dieser göttlichen Hoffnung getragen, versucht der Bischof die
Zukunft zu planen, er versucht sie zu erahnen und sogar zu erträumen. Er deutet
das Wort Gottes unter dem Einfluß der Gnade des Heiligen Geistes und in
Gemeinschaft mit der Kirche.
Das Wort Gottes, befruchtet vom Heiligen Geist im Herzen des Bischofs,
der mit seinen Priestern und Gläubigen vereint ist, wird immer Quelle der
Inspiration und Kraft sein, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.
Wie Paul VI. treffend sagte: "Die Kirche braucht ihr ewiges Pfingsten, sie
braucht brennende Herzen, Worte auf den Lippen und einen prophetischen
Blick".[16]
Der Papst, das Bischofskollegium, die Bischöfe der nationalen oder
regionalen Bischofskonferenzen und das ganze Volk Gottes haben auch die Berufung
zur Hoffnung gemeinsam (vgl. Eph 4,4).
Diese Gemeinschaft der Hoffnung sichert die lebendige Gegenwart Christi
und die Inspiration des Heiligen Geistes, dem es aufgegeben ist, das Verständnis
und die Verwirklichung des Evangeliums Jesu Christi in der menschlichen
Geschichte zur Fülle und Vollendung zu bringen.[17]
Die Gemeinschaft in der Hoffnung muß vertieft und geteilt werden als
Quelle der Inspiration; sie muß befruchtet werden durch das Gebet des Bischofs,
durch den Dialog der Liebe mit dem ganzen Volk Gottes, besonders mit seinen
engsten Mitarbeitern; sie muß zur Reflexion und zu konkreten und von allen
geteilten Programmen führen.
Die Hoffnung der Christen ist die Antriebskraft der Zukunft. Sie ist die
Hoffnung, die im Leben der Menschheit nicht nur Spuren hinterläßt, sondern
auch neue Furchen in der Geschichte eröffnet, um das Samenkorn der göttlichen
Verheißungen einzupflanzen und die künftigen Wege mit der Kraft Gottes zu
lenken. Die Kirche wird wirklich Zeichen der Hoffnung sein, wenn sie auf den
Plan Gottes achtet, der eine Zukunft der Fülle garantiert; wenn sie seinen
Willen treu befolgt und die tiefsten Erwartungen der Menschheit zu unterschieden
weiß, die sie interpretieren und steuern muß. Zwischen
Vergangenheit und Zukunft 15.
Die Kirche überschreitet die Schwelle der Hoffnung zu Beginn des dritten
Jahrtausends mit besonderer Aufmerksamkeit für die Menschheit von heute. Sie
teilt die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst in dem Bewußtsein, daß sie
das Wort des Heils besitzt.[18] Dennoch ist es notwendig, darüber nachzudenken, zu
welcher Welt die Bischöfe gesandt sind, das Evangelium zu verkünden.
Die göttliche Hoffnung, die als Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen
wächst und sich entfaltet, wird oft durch die Erwartung gereinigt. Sie wird um
so wahrhaftiger, als sie geprüft wird. Sie wurzelt in den positiven Zeichen,
die aufkeimen in dem Reich, das im Werden, aber noch nicht da ist: das in dieser
Welt gegenwärtig, aber auf seine endgültige Vollendung in der Herrlichkeit
ausgerichtet ist.
Die Hoffnung ist Gedächtnisstütze, die in der Offenbarung feststeht,
die nicht nur die Heilsgeschichte, sondern auch das Projekt und den Plan Gottes
für die Zukunft deutlich macht. Das letzte Buch der Heiligen Schrift trägt
nicht umsonst den Titel Apokalypse, Offenbarung. Die Hoffnung erzeugt in den
Herzen eine aktive Dynamik, die imstande ist, sich im Alltag immer wieder zu
entzünden.
Es handelt sich um jenes treue "Ausharren", von dem in der
Apostelgeschichte die Rede ist (vgl. Apg
1,14; 2,42) und das als besondere Haltung der Jünger Jesu bezeichnet wird, die
jeden Tag in das Glaubensleben eingetaucht sind. Es ist das feste Vertrauen auf
Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, der durch die Auferstehung seines
Sohnes das tägliche Heute auf die sichere Erfüllung der Verheißungen
ausrichtet. 16.
Mehrmals, vor allem im vergangenen Jahrzehnt, wurde vom Lehramt ein Überblick
über die Wirklichkeit der heutigen Welt gegeben.
Diese Analyse wurde auch von der Bischofssynode erstellt während der
kontinentalen Sonderversammlungen für Europa, Afrika, Amerika, Asien und
Ozeanien sowie von den jeweiligen bisher veröffentlichten nachsynodalen
Apostolischen Schreiben.[19]
Es ist jetzt nicht der Moment für einen solchen Überblick. Aber auf
Grund der wachsenden Globaslisierung müssen die Probleme und Lösungen vor Ort
aufmerksam beobachtet werden.
Auch im Text der Lineamenta
wurde die allgemeine Situation beschrieben, die zum Teil von den Antworten der
Bischofskonferenzen bestätigt und vervollständigt wird. Die Welt mit ihren
Licht und Schattenseiten 17.
Das Bild, das unsere Welt heute bietet, ist äußerst vielfarbig. Mit dem
wachsamen Auge und dem mitleidsvollen Herzen des guten Hirten (vgl. Mt 9,36) nimmt die Kirche, über die politischen, sozioloigschen und
wirtschaftlichen Analysen hinaus, mit Realismus die Zeichen der Entmutigung oder
sogar der Verzweiflung in der Welt wahr. Die Kirche will als tröstliches
Heilmittel die Zuversicht und Befreiung in Christus anbieten. Es ist kein vorübergehender
und schwacher Trost, der schwindet, sondern die Gewißheit des Glaubens, die von
menschlichen Herzen wiederentdeckt wird, die zu lieben und zu dienen fähig
sind. Die Gewißheit gründet auf der einheitlichen und realistischen Sicht der
persönlichen und gesellschaftlichen Lebensaspekte ohne pessimistische oder
optimistische Verkürzungen. Das alles kann das Evangelium der Hoffnung bieten.
Es bestehen weiterhin problematische Situationen, die den Dienst der
Kirche als letzte Hoffnung auf eine fortgesetzte Erneuerung der Welt und der
Gesellschaft erfordern und anregen, auch als konkreten Dienst des Bischofs in
seiner Teilkirche. 18.
Die Notlage, der Mangel an Freiheit, die geschmälerte Ausübung der
Menschenrechte, die ethnischen Konflikte und die Unterentwicklung, die die Armut
der Unterschichten noch erhöht, bewirken in der heutigen Welt Situationen des
Leidens und der mangelnden Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Die Massenmedien zeigen uns täglich Bilder der Verzweiflung: Bilder von
Kindern, denen die notwendige Nahrung fehlt und die oft erniedrigt und
ausgebeutet werden; Bilder von Jugendlichen, denen man die Bildung verweigert
und die zur Arbeit gezwungen werden; Bilder von jungen Menschen ohne Arbeit, die
der Verzweiflung und Gleichgültigkeit anheimfallen und eine leichte Beute der
ideologischen Manipulierung werden oder auf dem Weg der moralischen und
geistigen Erniedrigung sind; Bilder von Frauen, die ihre Würde verloren haben;
Bilder von alten Menschen, die Hilfe brauchen; Scharen von Armen, die in der
Emigration einen Funken Hoffnung für die Zukunft zu erhaschen suchen, und Flüchtlinge
auf der Suche nach einem Vaterland; Bilder von Aborigines, die ihres
angestammten Bodens beraubt wurden.
Noch sind die Konflikte nicht überwunden, die am Ende des vorherigen
Jahrhunderts und Jahrtausends Tod und Zerstörung, Emigration, Armut, ethnische
Auseinandersetzungen und Stammesfehden erzeugt und Tod und tiefe Wunden an Leib
und Seele hinterlassen haben.
Noch sind die Wunden mancher jüngerer örtlicher Konflikte nicht
geheilt, die Kulturen und Nationen tief gespalten haben, die sich zum Dialog des
Friedens zusammenfinden sollten. Immer wieder gibt es Zeichen des religösen
Fundamentalismus, der ein Feind des Dialogs und des Friedens ist.
Auch in den hochentwickelten Nationen finden sich oft Grauzonen
wirtschaftlichen und moralischen Tiefstands. Und im politischen Bereich nehmen
Korruption und Illegalität ständig zu. 19.
Die Auswirkungen der Globalisierung sind auf Grund der Unerbittlichkeit
wirtschaftlicher Programme zu spüren, die von einem zügellosen Freihandel
inspiriert sind. Auf diese Weise werden die Reichen immer reicher und die Armen
immer ärmer, weil sie aus den Entwicklungsprogrammen ausgeschlossen sind. Das
geht so weit, daß man bereits von einer neuen Weltunordnung spricht. Denn die
Zukunft erscheint zu Recht besorgniserregend, wenn ganzen Völkern, die auch zur
Familie Gottes gehören und die gleichen Rechte haben, die Teilhabe am
Gemeinwohl verweigert wird. Die Ureinwohner werden oft des Reichtstums der
Rohstoffe und der natürlichen Ressourcen ihrer Länder beraubt infolge
unehrlicher Ausbeutung des Territoriums und der Bevölkerung.
Wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte und trotz wachsender
Sensibilität gegenüber der Ökologie erleidet die Erde sogar klimatische Veränderungen
des Ökosystems, die schwere Fragen im Hinblick auf die Zukunft unseres Planeten
aufwerfen. Die Umweltverschmutzung ist besorgniserregend. Die Kirche macht sich
zum Wortführer der tiefsten Bestrebungen nach einem ökologischen
Gleichgewicht, das unsere Erde und die ganze Schöpfung nicht aufs Spiel setzt.
Die Welt ist aus den formenden Händen des Schöpfers hervorgegangen und der
Menschheit als Wohnstätte der Schönheit und des Gleichgewichts angeboten, als
Geschenk und grundlegender Reichtum des menschlichen Daseins. Zwischen einer Rückkehr
zum Heiligen und der Gleichgültigkeit 20.
Obwohl es nicht an Zeichen des religiösen Erwachens, des neuen
Interesses für die geistlichen Werte und einer gewissen Rückkehr zur Religion
fehlt, sorgen sich die Hirten auf Grund des sogenannten schweigenden und ruhigen
Auszugs der Massen aus der kirchlichen Praxis. Es breitet sich immer mehr eine
immanente, dem Übernatürlichen sich verschließende Kultur aus. Auch unter den
Christen verbreitet sich wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem
eschatologischen und übernatürlichen Ausblick in die Zukunft, der das Leben
auf Erden erst lebenswert macht.
Das drückt sich aus in einem Individualismus ohne kirchliche
Gemeinschaft und ohne sakramentale Praxis. Deshalb fällt man manchmal in das
Extrem und sucht bei den alternativen religiösen Bewegungen und Sekten
spirituelle Befriedigung; oder man nimmt religöse Verhaltensweisen an, die zum
Teil aszetische Übungen nichtchristlicher Religionen nachahmen. Viele Menschen
geben sich heute mit einer zweifelhaften Religiösität zufrieden, ohne persönliche
Beziehung zum wahren Gott Jesu Christi und zur kirchlichen Gemeinschaft.
Der Mangel an Priester- und Ordensberufen ist für viele Hirten Grund
tiefer Besorgnis um die Zukunft, nicht nur im Hinblick auf eine gesicherte
Evangelisierungspastoral und ein angemessenes sakramentales und eucharistisches
Leben, verbunden mit der entsprechenden Pflege des lebendigen Glaubens und der
christlichen Praxis. Neue ethische
Probleme am Horizont 21.
Grund zur Sorge bietet der wachsende moralische Relativismus, eine
bestimmte Kultur, die das Leben weder schützt noch achtet; eine Entheiligung
des Anfangs und des Endes des menschlichen Daseins, die mit dem göttlichen
Geheimnis des Lebens aufs engste verbunden sind.
Die Weitergabe des physischen Lebens, die Erziehung der Kinder, der
Einsatz für die Förderung der menschlichen Werte des Daseins in seiner Sinnfülle
und seiner Bestimmung sind Zeichen der Hoffnung auf Gott den Schöpfer.
Erstmals in der Geschichte hat die schleichende Gleichsetzung dessen, was
wissenschaftlich möglich und zugleich ethisch recht ist, zu einer wirklichen
biologischen Manipulierung geführt. Daraus ergeben sich schwerwiegende Folgen für
den Menschen, der als Bild und Gleichnis Gottes in Christus, unserem Leben (vgl.
Joh 1,4; 14,16), geschaffen ist. Daher
kommen die neuen Probleme, die in den vergangenen Jahren entstanden sind und die
Zukunft überschatten.
Die leidenschaftliche Verteidigung der Würde jedes menschlichen Lebens -
von seinem Anfang bis zu seinem Ende - seitens des kirchlichen Lehramts beeinflußt
die öffentliche Meinung und trägt auch Frucht im Bereich der Weltethik. Die
Zukunft der Menschheit und die Würde der menschlichen Person mit ihren
unantastbaren und unveräußerlichen Rechten stehen auf dem Spiel. 22.
Die Krise der Familie und ihrer Stabilität sowie die schleichende Aushöhlung
der Familieninstitution sind heute eine schwere Bedrohung für das Leben und die
Erziehung der Kinder.
Die Lehraussagen der Kirche zugunsten des Lebens und der Ehe und Familie
sind heute sehr vielfältig. Manche bedeutsamen Dokumente des päpstlichen
Lehramts und anderer Dikasterien des Heiligen Stuhls[20] bilden feste Bezugspunkte, so auch die internationalen
Familientage, die für die Eheleute im Hinblick auf eine angemessene Ehe- und
Familienspiritualität sehr hilfreich sind. Neue kirchliche
Situationen 23.
Eine neue kirchliche Situation ist in den Ländern zu erkennen, die lange
unter der Herrschaft von totalitären Regimen standen. Diese Kirchen erleben
eine neue Freiheit der Religionsausübung und eine neue apostolische Präsenz.
Sie erfahren das Aufblühen von Berufungen und eine anfängliche missionarische
Tätigkeit, die über die eigenen Teilkirchen hinausgeht. Die Mühe und Freude
eines Neuanfangs, das häufige Zeugnis einer frohen katholischen Lebenskraft und
eines in anderen Ländern unbekannten Glaubenseifers lassen in diesen Kirchen
auf eine fruchtbringende Zukunft hoffen.
Es gibt aber noch strukturelle und organisatorische Probleme wie die
Schwierigkeit, einen brüderlichen Dialog und eine konkrete Gemeinschaft und ökumenische
Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen, besonders den orthodoxen zu
verwirklichen.
Dennoch verzichtet die Kirche nicht auf ihre Aufgabe, das Evangelium in
diesen Ländern zu verkünden, in denen die Kultur der totalitären Regime die
innere Leere hinterlassen haben. Ja, sie muß die Erziehung zur Freiheit und
eine neue Gemeinschaft unter allen Christen fördern. Die notwendige
Glaubensbildung kann zur Überwindung einer gewissen nichtfundierten Frömmigkeitsform
und zu neuem Evangelisierungseifer beitragen. Deshalb ist die Förderung eines
reifen Glaubens und einer überzeugten sittlichen Lebensführung notwendig,
besonders angesichts der nachdrängenden Sekten und der Gefahr eines übertriebenen
Konsumverhaltens, wie manche beklagen. 24.
Die Zukunft der Kirche des dritten Jahrtausends zeigt allmählich das
Bild einer Dezentralisierung der Präsenz
der Katholiken in Richtung der afrikanischen und asiatischen Länder. Dort und in Lateinamerika entstehen junge Kirchen voll
Glaubenskraft, reich an Priester- und Ordensberufen, die oft dem Personalmangel
im Westen abhelfen.
Nicht zu vergessen sind die weiten und dicht bevölkerten Gebiete Asiens.
Dort können viele Gläubige ihren katholischen Glauben in Gemeinschaft mit der
universalen Kirche und ihrem obersten Hirten noch nicht voll und öffentlich
bekennen. Die Kirche schaut auch auf diese Länder mit großer Hoffnung und
vertraut auf das verborgene Wirken des Heiligen Geistes, damit die Gläubigen
endlich die Fülle der sichtbaren kirchlichen Gemeinschaft und der gegenseitigen
Hilfe zum Ausdruck bringen können, um allen Christus den Erlöser bekannt zu
machen. Zeichen der
Lebenskraft und Hoffnung 25.
Unter den positiven Zeichen, die am Jahrhundert- und Jahrtausendende auch
in den jüngsten Synodenversammlungen spürbar waren, sind die Sorge um den
Frieden, der Wunsch einer solidarischen Teilhabe der Nationen an der Lösung
eventueller örtlicher Konfikte, das wachsende Bewußtwerden der Menschenrechte,
die gleiche Würde aller Nationen, die Suche nach einer verstärkten Einheit auf
dem Planeten, verbunden mit einer effektiven Solidarität auf Weltebene zwischen
den armen und den reichen Ländern. Ein Samenkorn der Hoffnung ist der
zunehmende Freiwilligen-Einsatz vieler im Dienst an den Armen und den ärmsten Ländern.
Es wächst die Hochschätzung des Genius der Frau: Es ist eine zunehmende
Verantwortlichkeit der Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche zu
verzeichnen.
Es fehlt nicht an ernsten Warnungen vor einer überspitzten
Globalisierung. Aber dafür gibt es heilsame Reaktionen in Form von Solidarität,
erhöhter Sensibilität für den Schutz der kulturellen Werte der Völker und
Nationen und das Bewußtsein, daß ethische und religiöse Werte gegenüber den
wirtschaftlichen und politischen Werten den Vorrang haben. Es gibt in der
heutigen Welt eine verstärkte Suche nach wahrer Freiheit und einen wachsenden
Gemeinsinn gegenüber dem Individualismus.
Die angekündigte Veröffentlichung des Kompendiums
der Soziallehre der Kirche läßt Gutes erhoffen im Hinblick auf den Einsatz
im sozialen und wirtschaftlichen Bereich zugunsten aller Völker.
Bei wechselnden Licht- und Schattenseiten wird auch auf Weltebene ein
Meinungswandel im Bezug auf manche Aspekte erkennbar, die bedroht schienen.
Gegenüber der genetischen Manipulierung und der Mißachtung des werdenden
Lebens zeigt sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für das menschliche Leben und
seinen transzendenten Wert, der es mit dem Gott des Lebens verbindet. Man sucht
deutlich nach einer Übereinstimmung in den ethischen Werten auf internationaler
Ebene, während aus der drohenden Gefahr eines gestörten ökologischen
Gleichgewichts ein geschärfter Sinn für den Wert der Schöpfung erwächst. Ein neuer
Humanismus 26.
Die Vermassung und Globalisierung erzeugen als Reaktion den heftigen
Wunsch nach Personalismus und Innerlichkeit. Heute wird ein Gleichgewicht
zwischen Einheit und Pluralismus angestrebt: Die Einheit gehört zum Plan
Gottes, der die eine Menschennatur geschaffen hat als Fundament der Einheit der
Völkerfamilie, ihrer Herkunft und ihrer Bestimmung. Der Pluralismus der
Nationen, Sprachen und Kulturen spiegelt den Reichtum der vielfältigen Weisheit
Gottes wider (vgl. Eph 3,10).
Festzustellen ist in diesem Zusammenhang auch ein Wiedererwachen der Kulturen
als Gegenreaktion auf die weltumspannende Globalisierung, die sie einebnet und
entleert. Hingegen ist die kulturelle Identität auch durch den Güteraustausch
eine gegenseitige Bereicherung.
Für viele Menschen, die in einer verzweifelten Lage sind (z.B.
Einsamkeit, Egoismus und menschliche Vorhaben ohne transzendente Ziele, die aber
die Egozentrik von Personen und Gruppen verschärfen), öffnet die Hoffnung neue
Wege der Gemeinschaft, der Zusammenarbeit, der gemeinsamen Unternehmungen und
des hochherzigen und unentgeltlichen freiwilligen Einsatzes. Diese Werte
integrieren sich in den allumfassenden göttlichen Plan durch das persönliche,
kirchliche und familiäre Leben, in dem jeder Einzelne im Bewußtsein seiner
eigenen Berufung antwortet.
Auch heute gibt es die Suche nach dem Sinn und der Qualität des Lebens
auf allen Ebenen, auch der geistlichen. Es zeigt sich eine erhöhte Sensibilität
für das Personsein und für den Gemeinsinn in den zwischenmenschlichen
Beziehungen, die auf einer wahren Verbundenheit der Personen gründen.
Die Welt von heute und die Kirche spüren den Drang zur Einheit, obwohl
die volle und authentische "Kultur" der Einheit und Gemeinschaft oft
gefährdet sind. Die Früchte des
Jubiläums 27.
Auf kirchlicher Ebene wird vor allem nach dem Großen Jubiläum des
Jahres 2000 die Erneuerung des christlichen Lebens und die solidarische Teilhabe
aller an der Neuevangelisierung fortgesetzt.
Das Jubiläum der Menschwerdung wurde weltweit durch entsprechende
Katechesen und intensives sakramentales Leben gemäß dem von Johannes Paul II.
in Tertio millennio adveniente
vorgezeichneten geistlichen und pastoralen Programm vorbereitet. Die drei Jahre,
die der Betrachtung des Geheimnisses des Sohnes, des Heiligen Geistes und des
Vaters gewidmet waren, tragen jetzt Frucht. Sie hatten als besondere
Schwerpunkte die Sakramente (Erneuerung der Taufe, Firmung und Buße), das göttliche
Leben (Glaube, Hoffnung und Liebe) und die Sozialethik.
Das Jubiläum des Jahres 2000 wurde nach dem Vorbild der biblischen Einführung
des 50. Jubeljahres (vgl. Lev 25) mit
seiner vollen Verwirklichung in Jesus von Nazaret (vgl. Lk 4,16 ff.) gelebt und war tatsächlich ein Jahr geistlichen
Fortschritts. Die Gnade der Umkehr hat sich vervielfacht und hat die Hoffnung
auf einen kontinuierlichen Neuanfang genährt, der mit dem Beginn des dritten
Jahrtausends zusammenfällt. 28.
Einige Feiern des Jubiläums waren für die Kirche und Welt von
besonderer Bedeutung. Der Weltjugendtag bot ein Zeugnis des Glaubens, der Frömmigkeit
und kirchlichen Lebendigkeit durch die frohe Anwesenheit und Teilnahme so vieler
Jugendlicher aus der ganzen Welt, die sich in Rom um den Papst versammelt
hatten. Ihre kirchliche Präsenz ist eine Herausforderung; deshalb ist die
Jugendpastoral der Schwerpunkt für die kommenden Jahrzehnte. Unter den jungen
Christen ist der Anspruch auf eine klare Entscheidung für das Leben nach dem
Evangelium spürbar. Unter der Führung
des Heiligen Geistes 29.
Wie sich bei den verschiedenen kontinentalen Synodenver-sammlungen und
besonders am Pfingstfest 1998 gezeigt hat, fühlt die Kirche deutlich, daß der
Heilige Geist, wie er es in anderen geschichtlichen Epochen getan hat, neue
geistliche und apostolische Kräfte, authentische Charismen des Lebens nach dem
Evangelium und missionarischen Eifers geweckt hat, die den Bedürfnissen der
Welt von heute entsprechen; das gilt besonders für die kirchlichen
Bewegungen und neuen Gemeinschaften. Dieses Samenkorn läßt auf eine reiche
Ernte hoffen, besonders für die Priester- Ordens- und Laienberufungen vieler
junger Menschen, die ihr Leben dem Dienst des Evangeliums weihen wollen.
Neben den bereits bestehenden sind diese neuen Wirklichkeiten, wenn sie
den vom Lehramt[21] vorgezeichneten Kriterien der Kirchlichkeit und ihrem
eigenen Charisma entsprechen, die Gegenwart und die Zukunft der Kirche in der
Welt.[22] Auf dem Weg der
Einheit einander näher kommen 30.
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends stehen die Gläubigen
und Hirten der christlichen Kirchen und Gemeinschaften durch die unbestreitbaren
Fortschritte des ökumenischen Dialogs,
einer im vergangenen Jahrhundert gereiften Frucht des Heiligen Geistes, einander
näher. Der verstärkte ökumenische Kontakt in den vergangenen Jahren soll zu
dieser unwiderruflichen Verpflichtung der katholischen Kirche und der anderen
christlichen Kirchen und Gemeinschaften ermutigen.
Manche Jubiläumsfeiern wie die Öffnung der Heiligen Pforte in der
Basilika St. Paul vor den Mauern, die ökumenische Gedenkfeier der
Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts, die Reise des Papstes ins Heilige Land
sowie andere jüngere Initiativen sind Anzeichen eines festen Willens seitens
der Christen, gemeinsam den Weg des Herrn zu gehen.
Auch der interreligiöse Dialog hat zu neuen Ergebnissen geführt in der
Suche nach dem Frieden und in der Anerkennung der religiösen und transzendenten
Werte. An erster Stelle sind die Beziehungen mit den Vertretern des Volkes
Gottes des ersten Bundes zu nennen. Diese Treffen eröffnen einen
hoffnungsvollen Weg zu Beginn eines Jahrtausends, das viele Menschen als die
Zeit des großen Dialogs zwischen den Weltreligionen betrachten, die die Werte
des Geistes bewahren.
Der Dialog, verstanden als Begegnung von Personen und Gruppen, wobei die
unterschiedliche Identität geachtet und jeder Irenismus und Synkretismus
vermieden wird, ist nicht nur der neue Name der Liebe, wie Paul VI. formulierte,[23] sondern ist heute auch der neue Name der Hoffnung in
einem neuen Weltszenarium. Ein starkes
Verlangen nach Spiritualität 31.
Ein Zeichen der Hoffnung ist das Verlangen
nach Spiritualität, das heute unter verschiedenen Formen als Anspruch
zutage tritt.
In erster Linie zeigt es sich durch ein Verlangen nach der ursprünglichen
christlichen Erfahrung, die Begegnung mit einem Lebendigen ist. Das bedeutet
notwendigerweise den Übergang von der Glaubensverkündigung zum gelebten
Glauben. Es setzt auch eine lebendige Liturgie in der Begegnung mit der Güte
des barmherzigen Gottes voraus, der uns als der "Arzt für Leib und
Seele"[24] Erlösung und Heil anbietet.
Im moralischen Bereich hat man
das Bedürfnis, die christliche Erfahrung in den ethischen Ansprüchen mit Hilfe
des Anhauchs des Heiligen Geistes "zu beleben". Denn die christliche
Moral "verströmt gleichzeitig ihre ganze missionarische Kraft, wenn sie
sich durch das Geschenk nicht nur des verkündeten, sondern auch des gelebten
Wortes vollzieht. Insbesondere ist es das Leben in Heiligkeit, das in so vielen
demütigen und oft vor den Blicken der Menschen verborgenen Gliedern des Volkes
Gottes erstrahlt, was den schlichtesten und faszinierendsten Weg darstellt, auf
dem man unmittelbar die Schönheit der Wahrheit, die befreiende Kraft der Liebe
Gottes, den Wert der unbedingten Treue, selbst unter schwierigsten Umständen,
angesichts aller Forderungen des Gesetzes des Herrn wahrzunehmen vermag".[25]
Daraus folgt der dringende Bedarf an einer Pastoral mit mehr Spiritualität,
die den Anforderungen der Neuevangelisierung entspricht. Deshalb wird es
notwendig sein, die Pastoral so zu gestalten, daß sie zur persönlichen und
mystischen Begegnung mit Christus hinführt, wie sie die Apostel vor und nach
der Auferstehung Jesu und die ersten Christen erlebt haben. Die Bischöfe als
Zeugen der Hoffnung 32.
Durch diese Sicht auf die Kirche in der Welt mit ihren Licht- und
Schattenseiten zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends muß jeder
Bischof das Evangelium Christi für die Hoffnung der Welt im ganzen Bereich der
universalen Kirche und in den einzelnen Teilkirchen bezeugen.
Daraus erwächst die konkrete geistliche und pastorale Verantworlichkeit
in der Teilkirche in einer Gesellschaft, die im Weltdorf der Kommunikation lebt
und an allen Geschehnissen auf dem Planeten teilhat.
Nicht zu vergessen ist, daß diese Situation eine geordnete Sicht der
Kirche, die in der Welt lebt, erforderlich macht und von den Bischöfen das
notwendige Wort und Wirken im Hinblick auf das Gemeinwohl verlangt. [1]
Cf. conc. œcum. vat. ii,
Const. past. de Ecclesia in mundo huius temporis Gaudium et spes, 45 ; Paulus
VI, Litt. Enc. Populorum
progressio (26.03.1967),
14: AAS
59 (1967) 264. [2]
Cf. Congregatio pro Doctrina Fidei, Decl. Dominus Iesus (6.08.2000), 1-2: AAS 92 (2000) 742-744. [3] Ioannes Paulus ii, Ansprache an die kolumbianische Bischofskonferenz (2.07.1986),&nbs |