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PÄPSTLICHES WERK FÜR GEISTLICHE BERUFE

NEUE BERUFUNGEN FÜR EIN NEUES EUROPA

(In verbo tuo...)

Schlußdokument des Europäischen Kongresses
über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben
in Europa

Rom, 5.-10. Mai 1997

*

In Zusammenarbeit der Kongregation
für das Katholische Bildungswesen,
für die Orientalischen Kirchen,
für die Institute des geweihten Lebens
und die Gesellschaften des apostolischen Lebens

EINFÜHRUNG

Dank an Gott

1. Gepriesen sei der allmächtige Gott, der Europa mit allem geistlichen Segen gesegnet hat in Christus durch den heiligen Geist (vgl. Eph 1,3).

Wir sagen ihm Dank dafür, daß er von Anfang der christlichen Zeit an diesen Kontinent berufen hat, Zentrum der Verbreitung der Frohbotschaft des Glaubens zu sein und in der Welt seine universale Vaterschaft kund zu machen. Wir sagen ihm Dank, weil er diesen Boden mit dem Blut der Märtyrer und mit der Gabe ungezählter Berufungen gesegnet hat: Berufungen zum Priestertum, zum Diakonat und zu den verschiedenen Formen des gottgeweihten Lebens, vom monastischen Leben bis zu den Säkularinstituten. Wir sagen ihm Dank, weil sein Heiliger Geist auch heute nicht aufhört, die Söhne und Töchter dieser Kirche dazu zu berufen, in aller Welt Verkünder der Heilsbotschaft zu werden, und weil er andere beruft, die heilsstiftende Wahrheit des Evangeliums in der Ehe und im Berufsleben, in Kultur und Politik, in Kunst und Sport, in den menschlichen Beziehungen und in der Arbeitswelt zu bezeugen, ein jeder gemäb der ihm verliehenen Gabe und Sendung. Wir sagen ihm Dank, weil er die Stimme ist, die ruft und Mut macht zur Antwort; weil er der Hirte ist, der vorangeht und die Treue eines jeden Tages stützt; weil er Weg, Wahrheit und Leben für alle ist, die gerufen sind, den Plan des Vaters in sich zu verwirklichen.

Der Europäische Kongreß über die Berufungen

2. Wir sind vom 5.-10. Mai 1997 in Rom zum Kongreß über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa(1) zusammengekommen und haben die Arbeiten des Kongresses selbst, vor allem aber die Sorge der Kirche Europas in dieser schwierigen und doch großartigen Zeit in die Hände des Herrn der Ernte gelegt, zusammen mit unserer Dankbarkeit gegenüber Gott, der die Quelle jeden Trostes und Urheber jeder Berufung ist.

In Rom versammelt, haben wir all jene, die Gott heute noch rufen will, Maria anbefohlen, die das geglückte Abbild des vom Schöpfer gerufenen Geschöpfes darstellt. Den Heiligen Petrus und Paulus und allen heiligen Märtyrern dieser und jeder anderen Stadt und europäischen Kirche in Vergangenheit und Gegenwart vertrauen wir nun dieses Dokument an. Möge es ihm gelingen, jenen Reichtum zum Ausdruck zu bringen und zu vermitteln, der uns während der Tage unseres Beisammenseins in Rom geschenkt wurde, so wie einst die Märtyrer und Heiligen Zeugnis gaben von der Liebe des ewigen Vaters.

Der Kongreß war wirklich ein gnadenreiches Ereignis: der geschwisterliche Austausch, das Eindringen in die Lehre der Kirche, die Begegnung mit so verschiedenen Charismen, der Austausch der verschiedenen Erfahrungen und gegenwärtigen Mühen in den Kirchen des Ostens und Westens haben alle und jeden einzelnen bereichert. Sie haben in jedem Teilnehmer den Willen bestärkt, mit ganzem Einsatz und mit Leidenschaft im Bereich der geistlichen Berufe weiterzuarbeiten, trotz der spärlichen Ergebnisse in einigen Kirchen des alten Kontinents.

Die Kraft der Hoffnung

3. Vom Vorbereitungsdokument (Instrumentum Laboris) des Kongresses bis zu den Schlußfolgerungen (Propositiones), von der Ansprache des hl. Vaters an die Teilnehmer bis zur Botschaft an die kirchlichen Gemeinden, von den Beiträgen in der Kongreß-Aula bis zu den Diskussionen in den Studiengruppen, von den zwanglosen Gesprächen bis zu den Zeugnissen zog sich ein roter Faden, der das ganze Tun und jeden Augenblick dieser Zusammenkunft verbunden hat: die Hoffnung. Eine Hoffnung, die stärker ist als jede Furcht und aller Zweifel; jene Hoffnung, die den Glauben unserer Brüder und Schwestern in der Ostkirche getragen hat, besonders in Zeiten, in denen es hart und gefährlich war, zu glauben und zu hoffen; eine Hoffnung, die nun mit einer neuen Blüte von Berufungen belohnt wird, wie dies auf dem Kongreß bezeugt wurde.

Diesen Brüdern und Schwestern sind wir zutiefst dankbar, so wie auch all jenen Gläubigen, die weiterhin bezeugen, dab die »Hoffnung das Geheimnis des christlichen Lebens ist. Sie ist der absolut notwendige Atem in der Sendung der Kirche, und ganz besonders in der Berufspastoral. (...) Man muß diese Hoffnung also in den Priestern, den Erziehern, den christlichen Familien, in den Ordensfamilien, in den Säkularinstituten, kurz in all jenen, die gemeinsam mit den neuen Generationen dem Leben dienen, neu entzünden«.(2)

Wir wenden uns an euch, Jugendliche und junge Erwachsene ...

4. In der Kraft dieser Hoffnung wenden wir uns auch euch, liebe Jugendliche und junge Erwachsene, vor allem, damit ihr in der Wahl eurer Zukunft den Plan, den Gott mit euch hat, annehmt: ihr werdet nur dann glücklich sein und euch selbst voll verwirklichen, wenn ihr euch bereit macht, jenen Traum zu realisieren, den der Schöpfer mit seinem Geschöpf verbindet. Wir möchten so gerne, daß dieses Schreiben von euch wie ein persönlicher Brief an jeden einzelnen aufgenommen werde, aus dem ihr mit Hilfe eurer Erzieher herausspürt, wie die Mutter Kirche sich um jedes ihrer Kinder sorgt mit jener besonderen Sorge, wie sie eine Mutter für ihre jüngsten Kinder im Herzen trägt. Es möchte ein Brief sein, in dem ihr eure eigenen Probleme erkennen könnt, die Fragen, die in euren jungen Herzen brennen, und die Antworten darauf, die von jenem kommen, der der ewig junge Freund eurer Seelen ist, der einzige, der euch die Wahrheit sagen kann! Ihr, liebe Jugendliche, sollt wissen, dab die Kirche mit fürsorgender Anteilnahme eure Schritte und eure Entscheidungen begleitet. Und wie schön wäre es schließlich, wenn dieser Brief in euch eine Antwort wecken würde auf ein Gespräch hin, das ihr mit jenen weiterführen solltet, die euch begleiten...

... an euch, Eltern und Erzieher ...

5. Von derselben Hoffnung erfüllt, wenden wir uns an euch Eltern, die ihr von Gott berufen seid, mit seinem Willen zusammenzuarbeiten und Leben zu schenken, und an euch Erzieher, Lehrer, Katecheten und Animatoren, die ihr von Gott berufen seid, auf unterschiedliche Weise an seinem Entwurf für die Gestaltung des Lebens mitzuarbeiten. Wir möchten euch sagen, wie sehr die Kirche eure Berufung hochschätzt und wie sehr sie sich ihr anvertraut, um die Berufung eurer Kinder, sowie eine wahre und echte Kultur der Berufung zu fördern.

Ihr Eltern seid auch die ersten, naturgegebenen Erzieher zur Berufung, während ihr Ausbilder nicht nur Instrukteure seid, die auf existentielle Entscheidungen vorbereiten; auch ihr seid gerufen, in diesen jungen Menschen, die ihr auf die Zukunft hin öffnet, Leben hervorzurufen. Eure Treue zum Ruf Gottes ist eine wertvolle und unverzichtbare, vermittelnde Hilfe, damit eure Kinder und Schüler ihre ganz persönliche Berufung erkennen können, damit »sie das Leben haben, und es in Fülle haben« (Joh 10,10).

... an euch, Hirten, Priester, Gottgeweihte ...

6. Mit unerschütterlicher Hoffnung im Herzen wenden wir uns an euch, Priester, und an euch, gottgeweihte Männer und Frauen im Ordensleben und in den Säkularinstituten. Ihr habt einen besonderen Ruf in die Nachfolge des Herrn vernommen, zu einem Leben, das ganz ihm geweiht ist, und ihr seid auch besonders berufen, alle ohne Ausnahme für die Schönheit der Nachfolge Zeugnis zu geben.

Wir wissen wohl, wie schwer heute diese Verkündigung ist, und wie grob auch die Versuchung ist, bei einem scheinbar nutzlosen Bemühen den Mut zu verlieren. »Die Berufspastoral stellt den schwierigsten und sensibelsten Dienst dar«.3 Doch möchten wir auch daran erinnern, dab es nichts Schöneres gibt, als ein Zeugnis von der eigenen Berufung, das so glühend ist, dab es ansteckend wirkt. Nichts ist logischer und überzeugender als eine Berufung, die neue Berufungen weckt und euch mit vollem Recht zu »Vätern« und »Müttern« macht. Nicht nur an jene, die bei der Förderung der Berufungen einen offiziellen Auftrag innehaben, wollen wir uns mit diesem Schreiben wenden, sondern auch an die unter euch, die nicht direkt mit ihr befabt sind oder die meinen, sich in diesem Bereich überhaupt nicht engagieren zu müssen.

Wir möchten sie darauf hinweisen, daß nur ein gemeinsames Zeugnis die Weckung der Berufungen wirksam werden läßt, und daß die sogenannte Krise der geistlichen Berufe vor allem in der Zurückhaltung von Zeugen begründet ist, die die Botschaft fragwürdig machen. In einer Kirche, die völlig berufungsorientiert ist, muß jeder ein Förderer der Berufungen sein. Glücklich seid ihr also, wenn ihr durch euer Leben auszudrücken versteht, daß der Dienst an Gott schön und erfüllend ist, und wenn ihr zeigen könnt, daß in Ihm, dem Lebendigen, jedes Lebewesen zu sich selbst findet (vgl. Kol 3,3).

... an das ganze Gottesvolk in Europa ...

7. Schließlich möchten wir »Samariter der Hoffnung« sein für jene Brüder und Schwestern, mit denen wir die Last des Lebensweges tragen. An das ganze Gottesvolk, das in den Kirchen des Westens und des Ostens auf diesem alten und gesegneten Erdteil pilgert, möchten wir dieselbe Hoffnungsbotschaft richten. Von hier ausgehend verbreitete sich einstmals die Verkündigung des Evangeliums dank des Mutes vieler Glaubensboten, die ihr Zeugnis auch mit dem Leben bezahlt haben.

Auch heute noch, so wollen wir glauben, ruft der Geist des Vaters.

Er sendet die Kinder dieses hochherzigen, im Christentum verwurzelten Kontinents, der selbst einer neuen Evangelisierung und neuer Verkünder des Evangeliums bedarf, auf die Straßen der Welt. So stellen also auch wir uns vor den Herrn, wie einst die Apostel, im Bewußtsein unserer Armut und der Nöte dieser Kirche: »Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen« (Lk 5,5). Doch vor allem wollen wir »auf sein Wort hin« glauben und hoffen, daß der Herr, wie einst, auch heute noch die Boote seiner Apostel mit einem wunderbaren Fischfang füllen und jeden Gläubigen in einen Menschenfischer verwandeln kann.

Vom Kongreß zum Leben

8. Absicht dieses Dokuments ist es also, mit euch dieses gnadenhafe Ereignis, das der Kongreß war, zu teilen. Ohne eine genaue Zusammenfassung oder eine systematische Abhandlung über die Berufung vorlegen zu wollen, möchten wir einfach der ganzen Kirche innerhalb und außerhalb Europas und in all ihren christlichen Zweigen geschwisterlich die wichtigsten Ergebnisse des Kongresses zur Verfügung stellen.

Der Stil dieser Darlegung bemüht sich, möglichst für alle verständlich zu sein, da ja alle unterschiedslos gerufen sind, die eigene Berufung zu verwirklichen und die Berufung ihres Nächsten zu fördern.

Sie wird also besonders darauf bedacht sein, theologisches Nachdenken und pastorales Tun, theoretischen Vorschlag und erzieherische Anregung miteinander zu verbinden, um jenen eine wirklichkeitsgerechte und nachvollziehbare Hilfe anzubieten, die im Bereich der Berufsförderung arbeiten.

Wir erheben nicht den Anspruch, alles zu sagen, und dies nicht nur, weil wir nicht wiederholen wollen, was andere Dokumente dazu bereits bestens gesagt haben,(4) sondern um offen zu bleiben für das Geheimnis, jenes Geheimnis, in das Leben und Berufung jedes Menschen gehüllt sind, jenes Geheimnis, das auch der Weg zur Berufsklärung ist und das nur im Augenblick des Todes sich erfüllen wird. Die Berufspastoral ist entweder mystagogisch und geht immer vom Geheimnis (Gottes) aus und führt zu ihm zurück, oder sie ist keine Berufspastoral.

Die Teile des Dokuments

9. Der vorliegende Text folgt im einzelnen der Gedankenlinie, die die Arbeit des Kongresses geleitet hat: von der Wirklichkeit zum Nachdenken, um wieder zur Wirklichkeit zurückzukehren. Die Berufspastoral hat sich an der täglichen Wirklichkeit zu messen, eben weil sie pastoral ist im Blick auf den Dienst am Leben. Dann versuchen wir eine Situationsbeschreibung, um anschließend das Thema der Berufung aus theologischer Sicht zu deuten und um für die anschließenden Darlegungen ein Fundament, ein notwendiges Gerüst zu schaffen.

Hier beginnt dann der praktischere Teil, vor allem pastoraler Art, oder nach Art wichtiger Durchführungspläne, um dann zum pädagogischen Bereich zu kommen. Dies wird nützlich sein, um wenigstens einige methodische Hinweise für die Alltagspraxis zu geben. Und womöglich ist gerade dieser Aspekt der am stärksten vernachlässigte und wird von den Arbeitern in der Berufspastoral am meisten erwartet.

ERSTER TEIL

DIE HEUTIGE LAGE DER GEISTLICHEN BERUFE IN EUROPA

»Die Ernte ist groß,
aber es gibt nur wenig Arbeiter
« (Mt 9,37)

Vor dem Hintergrund der komplexen kulturellen Vielfalt wirft dieser erste Teil einen Blick auf Europa, in dem das anthropologische Modell eines »Menschen ohne Berufung« zu herrschen scheint. Die neue Evangelisierung muß wieder jene starke Kraft betonen, die das Verständnis des Lebens als einer »Berufung« hervorbringt, im Sinne eines grundlegenden Berufenseins zur Heiligkeit; sie mub eine Kultur erneuern, die den verschiedenen Berufungen dienlich ist und zu einem wirklich qualitativen Sprung in der Pastoral der Berufe führt.

»Neue Berufungen für ein neues Europa«

10. Das Thema des Kongresses (»Neue Berufungen für ein neues Europa«) führt unmittelbar zum Kern des Problems: das heutige, im Vergleich zur Vergangenheit neue Europa braucht ebenso »neue« Berufungen. Man mub diese Aussage begründen, um den Sinn dieses Neuseins zu begreifen und dessen Zusammenhang mit der »traditionellen« Pastoral der Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben zu erkennen. Wir wollen uns also nicht damit begnügen, den Zustand zu photographieren und Daten aufzuzählen, sondern wir werden sehen, in welcher Richtung Neuheit und Notwendigkeit der Berufungen liegen, die aus diesem Zustand sich ergeben.

Gleichzeitig werden wir die heute bestehende Situation bewerten, ausgehend vom Wort Jesu angesichts der Sendung, die ihn erwartete: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt 9,37). Diese Worte sind weiterhin wahr und sind ein wertvoller Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Situation. In gewisser Weise erkennen wir in ihnen den rechten Mabstaß für unser Tun und das rechte Verhältnis (oder auch Mibverhältnis) zwischen einer stets überreichen Ernte und unseren geringen Kräften. Wir tun dies fern jeder pessimistischen Deutung der Gegenwart, aber auch fern jeder Selbstzufriedenheit gegenüber dem Morgen.

Neues Europa

11. Schon das Arbeitsdokument hat ein Bild von der europäischen Berufsproblematik gezeichnet, die stark von neuen Elementen geprägt ist. Hier fassen wir sie kurz zusammen, so wie der Kongreß selbst sie gesehen hat. Wir wollen dabei die besonders bezeichnenden Elemente herausfinden, die auf lange Sicht das Denken und Empfinden der Jugendlichen und somit auch die Pastoral und die Mabnahmen zur Berufsförderung prägen werden.

a) Ein verändertes und vielschichtiges Europa

Eines steht bereits fest: es ist praktisch unmöglich, die Lage in Europa bezüglich der Jugend und der unvermeidlichen Rückwirkungen auf die geistlichen Berufe in eindeutiger und statischer Weise zu beschreiben. Wir stehen einem veränderten Europa gegenüber, das durch die verschiedenen historischpolitischen Umstände (vgl. Ost-West-Konflikt), aber auch durch die Vielfalt der Kulturen und Traditionen (griechisch-lateinisch, angelsächsisch-slawisch) so geworden ist.

Diese Kulturen stellen jedoch auch seinen Reichtum dar und geben, wenngleich in unterschiedlichen Zusammenhängen, den Erfahrungen und Entscheidungen Bedeutung. So haben die Länder im Osten das Problem, wie sie mit der neuerworbenen Freiheit fertigwerden sollen, während man sich im Westen fragt, wie die echte Freiheit zu leben sei.

Diese Verschiedenheit wird auch von der Entwicklung der Berufe zum Priestertum und zum Ordensleben bestätigt, und zwar nicht nur durch den deutlichen Unterschied zwischen dem Aufblühen der geistlichen Berufe in Ost-Europa und der allgemeinen Krise im Westen, sondern weil es innerhalb dieser Krise auch Zeichen für eine Zunahme der geistlichen Berufe gibt, besonders in jenen Kirchen, in denen eine ernsthafte und beständige nachkonziliare Arbeit tiefe und wirkungsvolle Spuren hinterlassen hat.(5)

Wenn nun im Osten der Aufbau einer echten und organischen Pastoral im Dienst der Berufsförderung, von der Weckung der Berufe bis zu deren Ausbildung notwendig ist, so ist im Westen eine ganz andere Aufmerksamkeit gefordert. Man muß nach dem tatsächlichen theologischen Gehalt und nach der unmittelbaren Übertragbarkeit bestimmter Projekte der Berufsförderung fragen, nach dem ihnen zugrunde liegenden Berufsbegriff und nach der Art der Berufe, die sich aus ihm ergeben. Auf dem Kongreß wurde beharrlich gefragt: »Warum erzeugen bestimmte Theologien oder ein bestimmtes pastorales Handeln keine Berufe, während dies bei anderen der Fall ist?«.(6)

Ein weiteres Merkmal betrifft die europäische sozio-kulturelle Situation: die Überfülle von Möglichkeiten, Gelegenheiten und Anregungen, im Gegensatz zum Mangel an Zielen, Vorhaben und Planungsmöglichkeiten. Dies ist wie ein weiterer Gegensatz, der die Komplexität dieser geschichtlichen Zeit noch verschärft, mit negativen Auswirkungen auf den Bereich der Berufe. Wie das alte Rom, so scheint das moderne Europa einem Pantheon zu gleichen, einem groben »Tempel«, in dem alle »Götter« präsent sind oder in dem ein jeder »Wert« seinen Ort und seine Nische hat.

Unterschiedliche und sich widersprechende »Werte«, völlig gegensätzliche Deutungs- und Bewertungsmuster, Orientierungs- und Verhaltensmuster stehen ohne klare Werteskala nebeneinander.

In einem solchen Zusammenhang wird es schwer, ein einheitliches Weltbild oder Weltverständnis zu haben, was auch die Fähigkeit zur planerischen Gestaltung des Lebens schwächt. Denn wenn eine Kultur nicht mehr die höchsten Möglichkeiten einer Deutung festlegt, oder wenn es ihr nicht gelingt, in einigen Werten, die als besonders sinnstiftend für das Leben betrachtet werden, Übereinstimmung herzustellen, sondern wenn sie alles auf ein und dieselbe Stufe stellt, dann entfällt jede Möglichkeit einer Zukunftsplanung, und alles wird unwesentlich und gestaltlos.

b) Die Jugend und Europa

Die europäischen Jugendlichen leben in dieser Kultur, die pluralistisch, ambivalent, »polytheistisch« und neutral ist. Einerseits suchen sie leidenschaftlich nach Authentizität, Zuneigung, persönlichen Beziehungen und weitem Horizont, andererseits sind sie zutiefst allein, vom Wohlstand »verletzt«, von Ideologien enttäuscht, von ethischer Orientierungslosigkeit verwirrt.

Und weiter: »Vielfach ist in der Welt der Jugend eine deutliche Sympathie für ein Leben zu erkennen, das als absoluter Wert und als heilig verstanden wird...«,(7) doch gleichzeitig, wird in vielen Teilen Europas diese Öffnung auf die Existenz hin durch ein politisches Verhalten, das sogar das Lebensrecht mißachtet, vor allem jenes der Schwächsten, geleugnet; es ist eine Politik, die Gefahr läuft, den »alten Kontinent« immer noch älter zu machen. Wenn nun auf der einen Seite diese Jugend ein beachtliches Kapital für das heutige Europa darstellt, das erheblich in ihre Zukunft investiert, so werden andererseits von der Erwachsenenwelt und von den Verantwortlichen der bürgerlichen Gesellschaft die Erwartungen der Jugend nicht immer angemessen gehört.

Zwei Aspekte scheinen von zentraler Bedeutung zu sein, um das Verhalten der heutigen Jugend zu verstehen: der Anspruch auf Subjektivität und das Verlangen nach Freiheit. Dies sind zwei typisch anthropologische Gesichtspunkte, die Aufmerksamkeit verdienen. Dennoch führen sie — wenn sie zusammentreffen — in einer schwachen Kultur wie der unsrigen oft zu Erscheinungen, die ihren Sinn entstellen: Subjektivität wird dann Subjektivismus, und Freiheit verkümmert zur Beliebigkeit.

In diesem Zusammenhang ist jene Beziehung zu sehen, die die europäischen Jugendlichen mit der Kirche unterhalten. In einem seiner Schlußanträge stellt der Kongreß mit realistischem Mut fest: »Die Jugend erkennt oft in der Kirche nicht das, was sie sucht, und betrachtet sie nicht als den Ort, von dem die Antworten auf ihr Fragen und ihr Suchen kommen. Es zeigt sich, dab nicht Gott ihr Problem ist, sondern die Kirche. Die Kirche ist sich ihrer Schwierigkeiten im Gedankenaustausch mit der Jugend bewubt und auch ihres Mangels an klaren pastoralen Vorstellungen..., ihrer theologisch-anthropologischen Schwäche in bestimmten Katechesen. Von seiten vieler Jugendlicher hält die Furcht an, ein Leben innerhalb der Kirche schränke ihre Freiheit ein«,(8) während für viele andere die Kirche weiterhin der maßgebendste Bezugspunkt bleibt oder wird.

c) »Mensch ohne Berufung«

Dieses Spiel von Kontrasten wiederholt sich unweigerlich auch auf der Ebene der Zukunftsplanung, die von den Jugendlichen in einer folgerichtigen Perspektive als auf die eigenen Ansichten beschränkt betrachtet und auf die rein persönlichen Interessen (Selbstverwirklichung) ausgerichtet wird.

Es ist dies eine Logik, die die Zukunft auf Berufswahl, auf wirtschaftliches Zurechtkommen oder auf affektiv-emotionale Befriedigung reduziert, und dies innerhalb von Horizonten, die in Wirklichkeit das Verlangen nach Freiheit und die Möglichkeiten des Menschen auf begrenzte Vorhaben beschränken, verbunden mit der Illusion, frei zu sein.

Es sind dies Entscheidungen ohne jede Öffnung zum Geheimnis und zum Transzendenten und womöglich auch mit nur geringem Verantwortungsbewußtsein dem eigenen wie dem fremden Leben gegenüber, dem Leben, das als Geschenk gegeben wurde und an andere weiterzugeben ist. Es handelt sich mit anderen Worten um ein Empfinden und Denken, das womöglich eine gewisse berufungsfeindliche Kultur kennzeichnet. Das will sagen, daß in diesem kulturell so vielschichtigen und orientierungslosen Europa, das einem Pantheon gleicht, der »Mensch ohne Berufung« das herrschende anthropologische Modell zu sein scheint. Hier eine mögliche Beschreibung: »Eine pluralistische und komplexe Kultur neigt dazu, in den Jugendlichen eine unfertige und schwache Identität zu erzeugen, was zu einer chronischen Unentschlossenheit in der Berufswahl führt. Viele Jugendliche verfügen nicht einmal über die »elementare Grammatik« der Existenz, sie sind Nomaden: unaufhaltsam ziehen sie durch die Welt, durch die Gefühlswelt, durch Kulturen, durch Religionen, sie »probieren«! Inmitten der Überfülle unterschiedlichster Informationen und nur unzureichend ausgebildet, erscheinen sie wie verloren, mit nur wenigen Empfehlungen und mit nur wenigen Menschen, die für sie einstehen. Darum haben sie Angst vor der Zukunft, schrecken vor endgültigen Verpflichtungen zurück und hinterfragen ihr Sein. Wie sie einerseits Autonomie und Unabhängigkeit um jeden Preis wollen, so neigen sie andererseits, gleichsam als Zuflucht, zu starker Abhängigkeit vom gesellschaftlich-kulturellen Umfeld und suchen die unmittelbare Befriedigung der Sinne: durch das, »was mir paßt« und »was mir liegt« in einer maßgeschneiderten Welt der Gefühle«.(9)

Es macht unendlich traurig, Jugendlichen zu begegnen, in denen, obgleich sie intelligent und begabt sind, die Freude am Leben, an etwas zu glauben, nach hohen Zielen zu streben, auf eine auch durch den eigenen Beitrag besserungsfähige Welt zu hoffen, erloschen ist. Es sind Jugendliche, die sich im Spiel oder im Drama des Lebens überflüssig fühlen, die abgedankt haben, in Sackgassen verirrt, reduziert auf ein Minimum von Lebensspannung; ohne Berufung, aber auch ohne Zukunft, oder mit einer Zukunft, die im besten Falle eine Kopie der Gegenwart ist.

d) Die Berufung Europas

Und dennoch zeigt dieses Europa der vielen Seelen und der so schwachen Kultur (die sich trotzdem oft mit Übermacht behauptet), dab es über ungeahnte Kräfte verfügt und daß es wie noch nie lebt und gerufen ist, auf globaler Ebene eine wichtige Rolle zu spielen.

Obwohl der alte Kontinent noch die Wunden vergangener Konflikte und auch gewaltsamer, innerer Gegensätze an sich trägt, so hat er doch stärker als je zuvor den Ruf zur Einheit vernommen: Eine Einheit, die erst noch gebaut werden will, obwohl gewisse Mauern gefallen sind, und die sich auf das ganze Europa erstrecken mub und auf alle, die von ihm Gastfreundschaft und Aufnahme erbitten. Eine Einheit, die nicht nur politisch oder wirtschaftlich sein darf, sondern vor allem auch geistlich und moralisch sein mub. Eine Einheit, die alten Groll und überkommenes Mibtrauen überwinden muß und die gerade in ihren zutiefst christlichen Wurzeln ein Motiv für Übereinstimmung und eine Garantie für gegenseitiges Verständnis finden könnte. Eine Einheit besonders, die von der heutigen Generation junger Menschen sicher und umfassend, von Nord bis Süd, von Ost bis West, verwirklicht werden muß, indem sie gegen jede entgegengesetzte Versuchung zu Isolationismus und Beschränkung auf eigene Interessen verteidigt und der ganzen Welt als ein Vorbild friedlichen Zusammenlebens in bunter Vielfalt gezeigt wird.

Werden diese Jugendlichen fähig sein, eine solche Verantwortung zu übernehmen?

Wenn es zutrifft, dab der heutige Jugendliche leicht die Orientierung verliert und keinen festen Bezugspunkt findet, dann könnte das »neue Europa«, das im Werden ist, vielleicht ein Ziel werden und für die Jugendlichen ein angemessener Anreiz sein. Diese Jugendlichen »sehnen sich nach Freiheit und suchen Wahrheit, Spiritualität, Echtheit, persönliche Originalität und Transparenz; es verbindet sie ein Verlangen nach Freundschaft und Gegenseitigkeit«; sie suchen »Kameradschaft« und wollen »eine neue Gesellschaft bauen, die auf Werten gründet wie: Friede, Gerechtigkeit, Achtung der Umwelt, Beachtung der Unterschiede, Solidarität, Freiwilligkeit undAnerkennung der gleichen Würde der Frau«.(10)

Kurz gefaßt beschreiben die jüngsten Untersuchungen die europäischen Jugendlichen als desorientiert, aber nicht hoffnungslos; von ethischem Relativismus angesteckt, jedoch auch mit dem Willen, ein »gutes Leben« zu führen; ihres Bedürfnisses nach Heil bewußt, wenngleich sie nicht wissen, wo sie es suchen sollen.

Ihr größtes Problem ist wohl die ethisch neutrale Gesellschaft, in der sie nun einmal leben müssen; doch sind in ihnen die Kräfte noch nicht ganz erloschen. Dies besonders in einer Zeit des Übergangs zu neuen Ufern, wie es die unsrige ist. Zeugen dafür sind die vielen Jugendlichen, die ehrlich nach Spiritualität suchen und sich mutig im sozialen Bereich einsetzen, weil sie auf sich selbst und auf die anderen vertrauen und Hoffnung und Optimismus ausstrahlen.

Wir glauben, daß diese Jugendlichen trotz der Widersprüche und trotz der »Last« eines bestimmten kulturellen Umfeldes dieses neue Europa aufbauen können. In der Berufung ihres Mutterkontinents zeichnet sich auch ihre persönliche Berufung ab.

Neue Evangelisierung

12. Dies alles eröffnet neue Wege und verlangt einen neuen Anstoß für den Prozeß der Evangelisierung des alten und neuen Europa. Seit langem verlangen die Kirche und der derzeitige Papst eine tiefgehende Erneuerung der Inhalte und Methoden in der Verkündigung des Evangeliums, »um die Kirche des 20. Jahrhunderts immer geeigneter zu machen für die Verkündigung des Evangeliums an die Menschheit des 20. Jahrhunderts«.(11) Auch gilt, woran der Kongreß uns erinnert hat: »man darf keine Furcht haben, in einer Zeit des Übergangs zu anderen Ufern zu leben«.(12)

a) Das »semper« und das »novum«

Es geht darum, das »semper« und das »novum« des Evangeliums zu verbinden, um es den neuen Fragestellungen und Verhältnissen des Mannes und der Frau von heute anzubieten. Es ist also dringend erforderlich, das Herz oder die Mitte des Kerygmas als eine für einen in Europa lebenden Jugendlichen lebensvolle und sinnvolle »ewig frohe Botschaft«, darzustellen; eine Botschaft, die fähig ist, auf dessen Erwartungen zu antworten und seine Suche zu erleuchten.

Besonders um diese Punkte konzentrieren sich Spannung und Herausforderung. Von hier hängen das Menschenbild, das man verwirklichen möchte, und die groben Entscheidungen über Leben und Zukunft der einzelnen Person und der Menschheit ab: vom Verständnis der Freiheit, der Beziehung zwischen Subjektivität und Objektivität, des Geheimnisses des Lebens und des Todes, des Liebens und Leidens, der Arbeit und des Feierns.

Das Verhältnis von Tun und Wahrheit, von persönlichem geschichtlichen Augenblick und endgültiger universaler Zukunft, oder von empfangenem und verschenktem Gut, vom Bewußtsein des Lebens als Geschenk und der Lebensentscheidung muß geklärt werden. Wir wissen, daß gerade um diese Bereiche auch eine gewisse Begriffskrise herrscht, die dann zu einer berufungsfeindlichen Kultur und zu einem Bild vom Menschen ohne Berufung führt.

Der Weg der neuen Evangelisierung muß also von hier ausgehen oder hierher vorstoßen, um das Leben und den Lebenssinn, das Bedürfnis nach Freiheit und Subjektivität, den Sinn des eigenen Seins in der Welt und der Beziehungen zu anderen Menschen zu evangelisieren.

Von hier könnten eine Kultur der Berufung und das Modell eines für die Berufung offenen Menschenbildes entstehen. Dies ist notwendig, damit einem Europa, das sein Antlitz radikal neu gestaltet, nicht die Frohe Botschaft von der Auferstehung des Herrn fehle, in dessen Blut die zerstreuten Völker sich zusammenfinden und die fernstehenden zu Nachbarn werden, indem sie »die trennende Wand der Feindschaft niederreiben« (Eph 2,14). Wir können sogar sagen, daß die Berufung das eigentliche Herz der neuen Evangelisierung an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend darstellt, daß sie der Aufruf Gottes an den Menschen ist zu einer neuen Ära der Wahrheit und Freiheit, und zu einer ethischen Neubegründung der europäischen Kultur und Gesellschaft.

b) Neue Heiligkeit

In diesem Inkulturationsprozeß der Frohen Botschaft wird das Wort Gottes zum Begleiter des Menschen und ermutigt ihn unterwegs, um ihm den Plan des Vaters als eine Bedingung für sein Glück zu zeigen. Es ist genau das Wort des hl. Paulus aus dem Epheserbrief, das auch uns, das Volk Gottes in Europa, heute anleitet, etwas zu entdecken, das womöglich auf den ersten Blick nicht erkennbar ist, das aber dennoch Ereignis ist, und Geschenk, und neues Leben: »So seid ihr denn nicht mehr Fremde... (Eph 2,19).

Dies ist selbstverständlich nichts Neues, sondern eine Art, mit neuen Augen auf die Wirklichkeit der Kirche im alten Kontinent zu blicken, die alles andere ist, als eine »alte Kirche«. Sie ist Gemeinschaft von Glaubenden, die zur »Jugend der Heiligkeit«, zur universalen Berufung zur Heiligkeit, gerufen sind, was mit Nachdruck vom Konzil(13) betont und im Anschluß daran bei zahlreichen Anlässen vom Magisterium bekräftigt wurde.

Der Augenblick ist gekommen, daß jener Aufruf wieder Kraft gewinne und alle Gläubigen erreiche, damit jeder fähig sei, »die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe« (Eph 3,18) des Geheimnisses der Gnade zu ermessen, das dem eigenen Leben anvertraut ist.

Es ist wirklich Zeit, daß jener Aufruf neue Formen von Heiligkeit aufzeige; denn Europa braucht vor allem jene besondere, originelle und sozusagen beispiellose Heiligkeit, die der jetzige Zeitpunkt erfordert.

Menschen sind gefordert, die fähig sind, »Brücken zu schlagen«, um die Kirchen und die Völker Europas immer mehr zu einigen und die Geister zu versöhnen.

Es muß »Väter« und »Mütter« geben, die offen sind für das Geschenk des Lebens; Brautleute, die die gottgesegnete Schönheit der menschlichen Liebe bezeugen und feiern; Menschen, die zum Dialog fähig sind und sich durch »Liebe zur Kultur« auszeichnen, um die christliche Botschaft in der Sprache unserer Zeit zu vermitteln; Fachleute und einfache Menschen, die fähig sind, dem Engagement im zivilen Leben, in den Arbeitsverhältnissen und in den freundschaftlichen Beziehungen die Transparenz der Wahrheit und die Intensität der christlichen Liebe aufzuprägen; Frauen, die im christlichen Glauben die Möglichkeit zur vollen Entfaltung ihres weiblichen Genius entdecken; Priester mit einem großen Herzen, wie das des Guten Hirten; ständige Diakone, die das Wort Gottes und die Freiheit zum Dienst an den Ärmsten verkünden; geweihte Apostel, die fähig sind, mit kontemplativem Herzen in die Welt und die Geschichte einzutauchen, und Mystiker, die mit dem Geheimnis Gottes so vertraut sind, daß sie die Erfahrung des Göttlichen zu feiern verstehen und die Gegenwart Gottes im realen Tun aufzeigen können.

Europa braucht neue Bekenner des Glaubens und der Schönheit des Glauben-könnens; es braucht Zeugen, die glaubwürdige Gläubige sind, mutig bis zum Blut; Jungfrauen, die dies nicht nur für sich selbst sind, sondern die es verstehen, allen jene Jungfräulichkeit zu zeigen, die im Herzen eines jeden liegt und die unmittelbar auf den Ewigen verweist, auf die Quelle jeder Liebe.

Unser Kontinent dürstet nicht nur nach heiligen Menschen, sondern nach heiligen Gemeinschaften, die so in die Kirche und die Welt verliebt sind, daß sie der Welt eine freie, offene, dynamische Kirche darstellen können, die im heutigen Europa präsent ist, dem Leid der Menschen nahe, aufnahmebereit für alle, eine Fördererin der Gerechtigkeit, aufmerksam den Armen gegenüber, nicht um ihre geringe Zahl und nicht um die Abgrenzung ihrer eigenen Tätigkeit bekümmert, weder vom Klima der sozialen Entchristlichung geschockt (die es tatsächlich gibt, wenn vielleicht auch nicht auf so radikale und generelle Weise), noch von der Kärglichkeit der Ergebnisse (die oft nur scheinbar ist).

Dies wird die neue Heiligkeit sein, die fähig ist, Europa neu zu evangelisieren und das neue Europa zu bauen!

Neue Berufungen

13. Ein neues Gespräch über Berufung und über Berufe, über Kultur und über Berufspastoral hat also zu beginnen. Der Kongreß hat eine gewisse, inzwischen allgemein verbreitete Sensibilität für dieses Thema festgestellt, selbst jedoch gleichzeitig einen »kleinen Schritt« vorgeschlagen, der geeignet sein kann, in unseren Kirchen neue Zeiten zu eröffnen.(14)

a) Berufung und Berufungen

Wie die Heiligkeit Ziel aller in Christus Getauften ist, so hat jedes Leben seine eigene, besondere Berufung; und wie erstere in der Taufe gründet, so ist die zweite mit der bloßen Tatsache seines Daseins verbunden. Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf am Herzen liegt. Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben. Der Mensch ist nämlich ins Leben »gerufen«, und wenn er ins Leben eintritt, trägt und findet er in sich das Abbild dessen, der ihn gerufen hat.

Die Berufung ist die Einladung Gottes, sich entsprechend diesem Bild zu verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig und unwiederholbar, weil dieses Bild unerschöpflich ist. Jedes Geschöpf ist berufen, diese Botschaft und einen besonderen Aspekt des Gedankens Gottes zum Ausdruck zu bringen. In ihm findet es seinen Namen und seine Identität; es behauptet und sichert seine Freiheit und Originalität.

Wenn also jedem Menschen von Geburt an seine eigene Berufung zukommt, dann gibt es in der Kirche und in der Welt verschiedene Berufungen, die, während sie einerseits auf theologischer Ebene die dem Menschen eingeprägte Ebenbildlichkeit mit Gott zum Ausdruck bringen, andererseits auf der pastoralen Ebene auf die verschiedenen Bedürfnisse der neuen Evangelisierung antworten und die Dynamik und Gemeinschaft der Kirche bereichern: »Die Teilkirche ist wie ein blühender Garten mit einer Vielfalt von Gaben und Charismen, Bewegungen und Dienstämtern. Daher die Wichtigkeit des Zeugnisses ihrer gegenseitigen Verbundenheit, unter Absage an alles »Konkurrenzdenken«.(15)

Mehr noch. Auf dem Kongreßwurde ausdrücklich festgestellt: »Wir brauchen eine Öffnung auf neue Charismen und Dienstämter hin, die sich wohl von den bisher gewohnten unterscheiden mögen. Die Aufwertung der Stellung der Laien ist ein Zeichen der Zeit, das erst noch voll zu entdecken ist. In zunehmendem Maße erweist sich ihre Fruchtbarkeit«.(16)

b) Kultur der Berufung

Diese Elemente dringen allmählich ins Bewußtsein der Gläubigen ein, jedoch noch nicht in dem Maße, daß sie eine echte und eigenständige Kultur der Berufung(17) schaffen würden, der es gelänge, die Grenzen der gläubigen Gemeinde zu überspringen. Deshalb hat der Hl. Vater in seiner Ansprache an die Teilnehmer den Wunsch ausgesprochen, eine beharrliche und geduldige Sensibilität der christlichen Gemeinschaft für das Geheimnis der göttlichen Berufung möge »in den Jugendlichen und den Familien eine neue Kultur der Berufung« hervorbringen.(18)

Sie ist ein Bestandteil der neuen Evangelisierung. Sie ist Kultur des Lebens, Kultur der Öffnung auf Leben und Lebenssinn, aber auch Kultur des Sterbens.

Besonders bezieht sie sich auf Werte, die möglicherweise von einer neuen Mentalität (nach Meinung einiger die »Kultur des Todes«) etwas vergessen worden sind, wie Dankbarkeit, Annahme des Geheimnisses, Sinn für die Unvollkommenheit des Menschen und gleichzeitig für dessen Öffnung auf die Transzendenz hin, die Verfügungsbereitschaft, sich von einem anderen (oder von dem Anderen) rufen und sich vom Leben herausfordern zu lassen, das Vertrauen auf sich und die andern, die Freiheit zum Ergriffensein über die empfangene Gabe, die Zuwendung, das Verständnis, die Vergebung. So wird entdeckt, daß das, was man empfangen hat, immer unverdient ist und das eigene Maß übersteigt, und daß es eine Verantwortung für das Leben begründet.

Zu dieser Kultur der Berufung gehört auch die Fähigkeit, Grobes zu träumen und zu verlangen, jenes Staunen, das eine Hochschätzung der Schönheit und deren Wahl aufgrund ihres inneren Wertes möglich macht, da sie das Leben schön und wahr macht; jene Selbstlosigkeit, die nicht nur Solidarität in einer Notlage ist, sondern die aus dem Erkennen der Würde jedes Bruders und jeder Schwester entspringt.

Der Kultur der Zerstreuung, die im Wirrwarr der Worte die ernsthaften Fragen aus dem Blick zu verlieren droht und fallen läßt, ist eine Kultur entgegenzustellen, die Mut und Geschmack für die groben Fragen zu wecken versteht, für jene Fragen, die die eigene Zukunft betreffen: es handelt sich tatsächlich um jene großen Fragen, die auch kleinen Antworten Größe verleihen. Aber schlieblich sind es die kleinen und alltäglichen Antworten, die zu großen Entscheidungen führen, wie jener des Glaubens; oder die Kultur schaffen, wie jene der Berufung.

Auf jeden Fall muß die Kultur der Berufung, insofern sie einen Komplex von Werten darstellt, immer mehr vom kirchlichen Bewubtsein in das zivile Bewußútsein übergehen, vom Bewußtsein des einzelnen oder der glaubenden Gemeinschaft in die allgemeine Überzeugung, dab auf der Grundlage des Modells eines ?Menschen ohne Berufung' für das Europa des Dritten Jahrtausends keinerlei Zukunft gebaut werden kann. Der Papst sagt weiter: »Das Unbehagen, das durch die Welt der Jugend geht, offenbart auch in den neuen Generationen bedrängende Fragen über den Sinn des Seins, als eine Bestätigung dessen, dab nichts und niemand im Menschen die Sinnfrage und das Verlangen nach Wahrheit ersticken kann. Für viele ist dies der Boden, auf dem sich die Frage der Berufung stellt«.(19)

Gerade diese Frage und diese Suche lassen eine echte Kultur der Berufung entstehen; und wenn Frage und Suche im Herzen jedes Menschen vorhanden sind, auch im Herzen dessen, der sie verdrängt, dann könnte diese Kultur eine Art gemeinsamer Boden werden, wo das gläubige Gewissen dem laikalen Gewissen begegnet und sich an ihm mißt. Ihm wird es in Großmut und Klarheit jene Weisheit vermitteln, die es selbst von oben empfangen hat.

Diese neue Kultur wird so zu einem echten Nährboden für die neue Evangelisierung, wo ein neues Menschenbild entstehen könnte und wo auch neue Heiligkeit und neue Berufe für das Europa des Dritten Jahrtausends erblühen könnten. Der Mangel an besonderen Berufungen beruht vor allem auf dem Fehlen eines Bewußtseins vom Berufungscharakter des Lebens; mit anderen Worten: auf dem Fehlen einer Kultur der Berufung.

Diese Kultur wird heute womöglich das erste Ziel der Berufungspastoral(20) werden, oder vielleicht der Pastoral ganz allgemein. Was für eine Pastoral ist in der Tat jene, die nicht die Freiheit pflegt, sich von Gott berufen zu fühlen, und die kein neues Leben entstehen läßt?

c) Pastoral der Berufung: der »Qualitätssprung«

Es gibt noch ein anderes Element, das die dem Kongreß vorausgehenden Überlegungen mit den Analysen des Kongresses verbindet. Es ist das Bewubtsein, dab die Pastoral der Berufung einer radikalen Veränderung bedarf, eines geeigneten »Sprungs«, wie das Arbeitsdokument(21) sagt, oder eines »Qualitätssprungs«, wie der Papst in seiner Botschaft am Ende des Kongresses sagte.(22) Wieder stehen wir in der vorliegenden Analyse vor einer offenkundigen Übereinstimmung, die in ihrer wahren Bedeutung zu verstehen ist.

Es geht nicht nur um eine Einladung, auf Gefühle der Müdigkeit oder Enttäuschung über die geringen Erfolge zu reagieren; auch wollen wir nicht dazu auffordern, lediglich einige Methoden zu erneuern oder Kraft und Begeisterung zu entfachen, sondern letztlich soll gezeigt werden, dab die Berufspastoral in Europa an einem historischen Wendepunkt angelangt ist, an einer entscheidenden Schwelle. Es gab eine Geschichte, eine Vorgeschichte und langsam nachfolgende Phasen im Verlauf dieser Jahre, wie natürliche Jahreszeiten, die nun zwangsläufig zum Alter des »Erwachsenseins« und der Reife der Berufspastoral gelangen müssen.

Es geht also weder darum, die Bedeutung dieses Wendepunktes zu unterschätzen, noch irgendjemanden des in der Vergangenheit Unterlassenen wegen anzuklagen. Vielmehr gilt unsere und der ganzen Kirche aufrichtige Anerkennung jenen Brüdern und Schwestern, die unter erheblichen Schwierigkeiten hochherzig so vielen Jugendlichen bei der Suche nach der eigenen Berufung geholfen haben. Es geht auf jeden Fall darum, noch einmal die Richtung zu begreifen, die Gott, der Herr der Geschichte, unserer heutigen Geschichte aufzeigt, auch der so reichen Geschichte der Berufe in Europa, das heute vor einem entscheidenden Wendepunkt steht.

– Wenn die Pastoral der Berufung entstanden ist als eine Notwendigkeit, die an eine Krisensituation und an einen Mangel an Berufenen gebunden war, so kann man sie heute nicht mehr in gleicher Weise als zeitbedingt und durch negative Umstände begründet vorstellen, im Gegenteil, sie erscheint als ein beständiger und folgerichtiger Ausdruck der Mutterschaft der Kirche, die offen ist für den unaufhaltsamen Plan Gottes, der in ihr immer Leben zeugt.

– Wenn früher die Förderung der Berufung sich nur oder vor allem auf einige Formen der Berufung erstreckte, muß man nun immer mehr zu einer Förderung sämtlicher Berufungen gelangen, denn in der Kirche des Herrn wachsen wir entweder gemeinsam, oder keiner wächst.

– Wenn anfangs die Berufungspastoral Vorsorge traf, ihren Aktionsbereich auf einige Personengruppen zu beschränken (»die Unsrigen«, die dem kirchlichen Bereich Nahestehenden, die sofort Interessierten, die Besseren und Verdienstvolleren, jene die bereits eine Glaubensentscheidung getroffen haben usw.), so zeigt sich nun immer stärker die Notwendigkeit, wenigstens theoretisch die Verkündigung und den Berufsimpuls mutig an alle auszudehnen, im Namen jenes Gottes, der nicht auf die Person schaut; der Sünder in ein Volk von Sündern wählt; der Amos, der kein Sohn eines Propheten war und nur Maulbeerfeigen angebaut hat, zum Propheten macht; der Levi beruft und im Haus des Zachäus einkehrt; und der schließlich fähig ist, selbst aus Steinen Söhne Abrahams entstehen zu lassen (vgl. Mt 3,9).

– Wenn früher die Arbeit an den Berufungen zum guten Teil von der Furcht motiviert war (vor dem Aussterben, oder vor dem Verlust von Anerkennung) und von dem Vorwand, bestimmte Bereiche oder Werke zu besetzen, dann macht heute die Angst, die immer eine schlechte Ratgeberin ist, der christlichen Hoffnung Platz, die aus dem Glauben entspringt und auf das Neue und auf die Zukunft Gottes ausgerichtet ist.

– Wenn eine bestimmte Anregung zu einer geistlichen Berufung stets unsicher und ängstlich geschieht oder geschah, als ob er minderwertig sei angesichts einer berufungsfeindlichen Kultur, so betreibt heute wirkliche Berufungsarbeit nur, wer von der Sicherheit beseelt ist, dab in jeder Person, ausnahmslos, eine ursprüngliche Gabe Gottes ruht, die darauf wartet, entdeckt zu werden.

– Wenn früher etwa die Rekrutierung das Ziel war, und Propaganda die Methode, oftmals unter Beeinträchtigung der Freiheit des Einzelnen oder mit Szenen des »Konkurrenzkampfes«, dann mub nun immer mehr klar sein, dab das Ziel jeder Aktion der Dienst an der Person sein mub, damit sie lerne, was Gott mit ihrem Leben für den Aufbau der Kirche vorhat, und dab sie darin ihre eigene Wahrheit erkenne und verwirkliche.(23)

– Wenn vor noch nicht langer Zeit mancher sich einbildete, die Krise der Berufe mit fragwürdigen Methoden lösen zu können (»Import« von Berufen, oftmals verbunden mit Entwurzelung aus deren Umwelt), so darf heute niemand sich einbilden, die Berufskrise zu lösen, indem er sie verlagert, denn der Herr ruft weiterhin in jeder Kirche und an jedem Ort.

– Auf diese Weise sollte der oft auch improvisierende »Einzelkämpfer in der Berufungspastoral« immer mehr von einer Animation, die aus gelegentlichen Initiativen und Erfahrungen besteht, übergehen zu einer berufungsorientierten Erziehung, die sich an der Weisheit bewährter Begleitungsmethoden ausrichtet, um denen, die auf der Suche sind, eine angemessene Hilfe bieten zu können.

– Folglich sollte derselbe Animator auch immer mehr Erzieher zum Glauben und Gestalter von Berufungen werden; und die Anregung zu einem Beruf sollte immer mehr eine koordinierte Zusammenarbeit(24) der ganzen Ordens- oder Pfarrgemeinschaft, des ganzen Instituts oder der ganzen

Diözese, jedes Priesters und jeder Ordensperson werden, und dies für alle Berufe und in jeder Lebensphase.

– Schlieblich ist auch die Zeit da, entschlossen von den »krankhaften Ermüdungserscheinungen«(25) und der Resignation, die als Rechtfertigung die einzige Ursache für die Berufungskrise der heutigen Generation der Jugendlichen zuschreibt, zum Mut zu einer richtigen Fragestellung überzugehen, um die eventuellen Fehler und Versäumnisse zu verstehen und zu einem neuen, kreativen und engagierten Zeugnis zu gelangen.

d) Kleine Herde und grobe Sendung(26)

Ein konsequentes Vorgehen in dieser Richtung wird immer dazu beitragen, die Würde der Berufungspastoral sowie deren natürliche und zentrale Schlüsselfunktion im pastoralen Bereich neu zu entdecken.

Auch hier kommen wir von Erfahrungen und Begriffen her, die in der Vergangenheit die Berufspastoral selbst fast wertlos zu machen drohten, indem sie diese als weniger wichtig einstuften. Sie zeigt manchmal kein überzeugendes Gesicht der heutigen Kirche, oder sie wird im Vergleich mit anderen Bereichen als ein theologisch weniger begründeter Teil der Pastoral angesehen, der erst durch eine kritische und zufällige Situation entstanden ist.

Die Berufungspastoral befindet vielleicht noch in einer untergeordneten Position, die einerseits ihrem Bild und indirekt auch ihrer Wirksamkeit schaden kann, doch andererseits kann sie auch zu einem günstigen Umfeld werden, um mit Kreativität und Freiheit — auch mit der Freiheit zum Irrtum — neue pastorale Wege zu finden und zu beschreiten.

Vor allem aber kann diese Situation an jene andere »Hilflosigkeit« oder Armut erinnern, von der Jesus beim Blick auf die ihm folgende Menge sagte: »Die Ernte ist grob, aber es gibt nur wenig Arbeiter« (Mt 9,37). Angesichts der Ernte des Gottesreiches, angesichts der Ernte des neuen Europa und der neuen Evangelisierung, sind und werden die »Arbeiter« wenige bleiben, »kleine Herde und grobe Sendung«, damit besser in Erscheinung trete, dab die Berufung eine Initiative Gottes ist, eine Gabe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

ZWEITER TEIL

THEOLOGIE DER BERUFUNG

»Es gibt verschiedene Gnadengaben,
aber nur den einen Geist ...« (1 Kor 12,4)

Wichtigstes Ziel dieses theologischen Teiles ist es, den Sinn des menschlichen Lebens in seinem Bezug zum Dreifaltigen Gott zu erfassen. Das Geheimnis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes begründet die volle Existenz des Menschen, als einen Ruf zur Liebe im Geschenk seiner selbst und in der Heiligkeit; als ein Geschenk innerhalb der Kirche für die Welt. Jede von Gott losgelöste Anthropologie ist eine Täuschung.

Wir wollen nun die Strukturelemente der christlichen Berufung aufzeigen und deren wesentliche Architektur betrachten, die natürlich nicht anders sein kann als theologisch. Diese Tatsache, die immer wieder auch vom Magisterium behandelt worden ist, beinhaltet eine reiche geistliche, biblisch-theologische Tradition, die nicht nur Generationen von Berufenen, sondern auch eine Spiritualität der Berufung herangebildet hat.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

14. In der Schule des Gotteswortes empfängt die christliche Gemeinde die höchste Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die mehr oder weniger deutlich im Herzen des Menschen ruht. Es ist eine Antwort, die nicht vom menschlichen Verstand kommt, obwohl dieser ununterbrochen auf dramatische Weise vom Problem des Seins und seines Geschicks herausgefordert ist. ER selbst ist es, der dem Menschen den Schlüssel zum Verständnis gibt, um die groben Fragestellungen, derentwegen der Mensch ein fragendes Wesen ist, zu klären und zu lösen: Wozu sind wir auf der Welt? Was ist das Leben? Welches ist das Ziel jenseits des Geheimnisses des Todes?

Es darf nicht vergessen werden, dab in der Kultur der Zerstreuung, in der sich vor allem die heutige Jugend verstrickt sieht, die grundlegenden Fragen Gefahr laufen, erstickt oder verdrängt zu werden. Der Sinn des Lebens wird heute eher diktiert als gesucht: entweder vom unmittelbaren Erleben, oder von dem, was den Bedürfnissen entgegenkommt; und wenn diese befriedigt sind, dann wird das Gewissen noch mehr abgestumpft, und die tiefsten Fragen bleiben ohne Antwort.(27)

Es ist also Aufgabe der Pastoraltheologie und der geistlichen Berufsbegleitung, den Jugendlichen dabei zu helfen, nach dem Leben zu fragen, um im entscheidenden Dialog mit Gott zur gleichen Frage durchzudringen, die Maria von Nazareth gestellt hat: »Wie soll das geschehen?« (Lk 1,34).

Das trinitarische Bild

15. Beim Hören auf das Wort Gottes entdecken wir nicht ohne Staunen, dab der umfassendste biblisch-theologische Begriff, der dem Geheimnis des Lebens im Lichte Christi am meisten entspricht, jener der »Berufung« ist.(28) »Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe zu den Menschen den Menschen selbst voll kund und erschliebt ihm seine höchste Berufung«.(29)

Deshalb stellt uns die biblische Gestalt der Gemeinschaft von Korinth die Gaben des Geistes innerhalb der Kirche als untergeordnet unter die Anerkennung Jesu als des Herrn dar. Tatsächlich ist die Christologie das Fundament jeder Ekklesiologie. Christus ist der Entwurf des Menschen. Nur nachdem der Glaubende erkannt hat, dab Jesus der Herr ist, kann er »aus dem Heiligen Geist« (1 Kor 12,3) das Gesetz der neuen Glaubensgemeinschaft erkennen: »Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen« (1 Kor 12,4-6).

Das paulinische Bild zeigt überdeutlich drei grundlegende Aspekte der Gaben der Berufung in der Kirche, die eng mit ihrem Ursprung in der dreifaltigen Gemeinschaft und mit dem besonderen Bezug auf die einzelnen göttlichen Personen verbunden sind.

Im Lichte des Geistes sind diese Gaben Ausdruck seiner unendlichen Geschenkhaftigkeit. Er selbst ist Charisma (Apg 2,38), Quelle jeder Gabe und Ausdruck der unfabbaren göttlichen Kreativität.

Im Lichte Christi sind die Gaben der Berufung »Dienste« und bringen die Vielfalt der Formen jenes Dienstes zum Ausdruck, den der Sohn gelebt hat bis zur Hingabe seines Lebens. Denn »Er ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20,28). Jesus ist darum das Urbild jeden Geheimnisses.

Im Lichte des Vaters sind die Gaben Handlungen, denn von ihm, dem Quell des Lebens, entspringt in jedem Lebewesen die eigene kreatürliche Dynamik.

Die Kirche spiegelt als Abbild das Geheimnis von Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist wider; und jede Berufung trägt in sich die charakteristischen Züge der drei Personen der Dreifaltigkeit. Die göttlichen Personen sind Quelle und Urbild jeder Berufung. Ja, die Dreifaltigkeit ist in sich selbst ein geheimnisvolles Geflecht von Ruf und Antwort. Nur hier, im Innersten dieses ununterbrochenen Dialogs, findet jedes Lebewesen nicht nur seine Wurzeln wieder, sondern auch seine Bestimmung und seine Zukunft, das, was es gerufen ist zu sein und zu werden, in Wahrheit und Freiheit und in der konkreten Realität seiner Geschichte.

Die Gaben der im ersten Korintherbrief erwähnten kirchlichen Struktur haben eine geschichtliche und konkrete Bestimmung: »Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt« (1 Kor 12,7). Es gibt ein höheres Gut, das stets das persönliche Gut übersteigt: in der Einheit den Leib Christi zu erbauen; seine Präsenz in der Geschichte durchscheinen zu lassen, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).

Deshalb ist die kirchliche Gemeinschaft (Gemeinde) einerseits angebunden an das Geheimnis Gottes und ist dessen sichtbares Abbild; andererseits ist sie vollkommen mit der Geschichte des Menschen verbunden, in einem Zustand des Exodus hin zu den »neuen Himmeln«.

Die Kirche und jede Berufung in ihr drücken ein und dieselbe Dynamik aus: berufen sein für eine Sendung.

Der Vater ruft ins Leben

16. Das Sein eines jeden ist Frucht der schöpferischen Liebe des Vaters, seines wirkmächtigen Verlangens, seines schaffenden Wortes.

Der Schöpfungsakt des Vaters hat die Dynamik eines Anrufs, eines Rufs ins Leben. Der Mensch tritt ins Leben ein, weil er geliebt ist, weil er gedacht und gewollt ist von einem guten Willen, der ihn dem Nicht-sein vorzog, der ihn geliebt hat, noch bevor es ihn gab, der ihn kannte, noch bevor er ihn im Mutterschob geformt hat, der ihn gesegnet hat, noch bevor er ins Licht der Welt trat (vgl. Jer 1,5; Is 49,1.5; Gal 1,15).

Die Berufung also ist das, was das Geheimnis des Menschen von seinem Urgrund her erleuchtet, und sie ist selbst ein Geheimnis, ein Geheimnis der Liebe und des absoluten Geschenk-seins.

a) »... nach seinem Ebenbild«

Im »schöpferischen Anruf« erscheint der Mensch sofort in seiner ganzen Bedeutung und Würde als ein zu einer Beziehung mit Gott Gerufener, um vor Gott zu stehen, zusammen mit den anderen, in der Welt, mit einem Antlitz, das denselben göttlichen Funken widerspiegelt: »Labt uns Menschen machen als unser Abbild« (Gen 1,26). Diese dreifache Beziehung gehört zum ursprünglichen Plan, denn der Vater hat uns »in Ihm — in Christus — erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott« (Eph 1.4).

Den Vater erkennen bedeutet, dab wir auf seine Weise existieren, da er uns nach Seinem Ebenbild erschaffen hat (Weish 2,23). Hierin liegt also die ursprüngliche Berufung des Menschen: die Berufung ins Leben und zu einem Leben, das sofort als Abbild des göttlichen Lebens begriffen wird. Wenn der Vater der ewige Quellgrund ist, die völlige Gratuität, der ewige Quell des Seins und der Liebe, dann ist der Mensch gerufen, auf die kleine und begrenzte Weise seiner Existenz so zu sein wie Er, und deshalb auch sein »Leben hinzugeben«, das Leben eines anderen auf sich zu nehmen.

Der Schöpfungsakt des Vaters ist dann das, was das Bewubtsein vom Leben hervorruft als eine Übergabe an die Freiheit des Menschen, der gerufen ist, eine ganz persönliche und originelle, verantwortliche und dankerfüllte Antwort zu geben.

b) Die Liebe, Erfüllung des Lebenssinns

In dieser Linie des Rufes ins Leben ist eines zu vermeiden: dab nämlich der Mensch das Sein als selbstverständlich, als notwendig oder als zufällig betrachte. Vielleicht ist es in der heutigen Kultur nicht leicht, vor dem Geschenk des Lebens ins Staunen zu geraten.(30)

Während es leichter ist, den Sinn eines hingegebenen Lebens zu verstehen, das zum Segen für andere wird, bedarf es doch eines gereifteren Bewubtseins und einer gewissen geistigen Bildung, um zu begreifen, dab das Leben eines jeden Menschen, in jedem Fall und vor jeder Form von Entscheidung, geschenkte Liebe ist und dab folglich in dieser Liebe bereits ein konsequenter, berufungsbezogener Plan verborgen ist.

Die schlichte Tatsache, dab wir sind, sollte uns alle mit Staunen und grenzenloser Dankbarkeit Jenem gegenüber erfüllen, der uns völlig unverdient aus dem Nichts herausgezogen hat, indem er uns beim Namen rief.

Dann dürfte das Gespür, dab das Leben ein Geschenk ist, nicht nur Dankbarkeit wecken, sondern es mübte langsam zur ersten, groben Antwort auf die fundamentale Frage nach dem Sinn hinführen: das Leben ist das Meisterwerk der schöpferischen Liebe Gottes und ist in sich selbst ein Aufruf zur Liebe. Es ist eine empfangene Gabe, die von ihrer Natur her danach strebt, selbst wieder geschenkte Gabe zu werden.

c) Die Liebe, Berufung jedes Menschen

Die Liebe ist die Sinnerfüllung des Lebens. Gott hat den Menschen dermaben geliebt, dab er ihm sein eigenes Leben schenkte und ihn fähig machte, auf göttliche Weise zu leben und gut sein zu wollen. In diesem Übermab an Liebe, der Liebe des Urbeginns, findet der Mensch seine radikale Berufung, die eine »heilige Berufung« (2 Tim 1,9) ist, und er entdeckt seine eigene, unverwechselbare Identität, die ihn sofort Gott ähnlich macht, »nach dem Bild des Heiligen«, der ihn gerufen hat (1 Petr 1,15). Papst Johannes Paul II. sagt: »Indem er es erschuf und beständig im Dasein erhält, schreibt Gott dem Menschsein des Mannes und der Frau die Berufung ein und damit auch die Fähigkeit und Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft. Die Liebe ist deshalb die grundlegende und ursprünglichste Berufung jedes menschlichen Wesens«.(31)

d) Der Vater als Erzieher

Dank jener Liebe, die ihn geschaffen hat, kann niemand sich »überflüssig« fühlen, da er zu einer Antwort nach dem Plan gerufen ist, den Gott gerade für ihn erdacht hat.

Dann wird der Mensch glücklich sein und vollkommen verwirklicht, an seinem Platz stehen und den göttlichen erzieherischen Vorschlag aufgreifen, mit aller Furcht und allem Beben, die ein derartiges Vorhaben in einem Herzen aus Fleisch erwecken kann. Gott, der Schöpfer, der das Leben schenkt, ist auch der Vater, der »erzieht«, der das aus dem Nichts herauszieht, was noch nicht ist, damit es sei; er zieht aus dem Menschenherzen, was er zuvor in es hineingelegt hat, damit es vollkommen das sei, was zu sein er es berufen hat, nach Seinem Ebenbild.

Hier hat jenes unbegrenzte Sehnen, das Gott ins Innerste des Herzens gelegt hat, seinen Ursprung. Es ist wie ein göttliches Siegel.

e) Die Berufung der Taufe

Dieser Ruf zum Leben und zum göttlichen Leben wird in der Taufe gefeiert. In diesem Sakrament neigt sich der Vater mit fürsorglicher Zärtlichkeit seiner Kreatur entgegen, dem Kind eines Mannes und einer Frau, um die Frucht jener Liebe zu segnen und sie voll zu seinem Kind zu machen. Von jenem Augenblick an ist das Geschöpf zur Heiligkeit der Kinder Gottes berufen. Nichts und niemand vermag diese Berufung auszulöschen.

Mit der Taufgnade greift Gott Vater ein, um zu offenbaren, dab er, und nur er der Urheber des Heilsplanes ist, in dem jeder Mensch seinen persönlichen Ort hat. Gottes Handeln geht immer voraus, ist vorher, wartet nicht auf die Initiative des Menschen, ist nicht von dessen Verdiensten abhängig und läbt sich nicht von dessen Fähigkeiten oder Zuständen beeinflussen. Er ist der Vater, der kennt, anweist, einen Impuls einprägt, ein Siegel aufdrückt und ruft, noch »vor der Erschaffung der Welt« (Eph 1,4). Und dann schenkt er Kraft, geht nebenher, stützt das Bemühen, ist Vater und Mutter für immer...

Das christliche Leben gewinnt so die Bedeutung einer wechselseitigen Erfahrung: es wird zur verantworteten Antwort im Wachsen seiner Kindschaft gegenüber dem Vater, und der Beziehung als Bruder oder Schwester in der groben Familie der Kinder Gottes. Der Christ ist gerufen, durch die Liebe jenen Prozeb der Gleichwerdung mit dem Vater zu fördern, den man 'auf Gott ausgerichtetes Leben' (vita theologalis) nennt.

Darum drängt die Treue zur Taufe dazu, an das Leben und an sich selbst immer genauere Fragen zu stellen; vor allem um sich zu rüsten, die Existenz nicht nur auf der Grundlage des menschlichen Verhaltens zu leben, obwohl auch dieses Gabe Gottes ist, sondern auf der Grundlage des Willens Gottes; nicht nach weltlichen, oft sehr beschränkten Perspektiven, sondern nach dem Wunsch und dem Plan Gottes.

Die Treue zur Taufe bedeutet also, nach oben zu schauen wie Kinder, um Seinen Willen bezüglich des eigenen Lebens und der eigenen Zukunft zu erkennen.

Der Sohn ruft zur Nachfolge

17. »Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns« (Joh 14,8).

Es ist die Frage des Philippus an Jesus, am Vorabend der Passion. Es ist die brennende Sehnsucht nach Gott in jedem Menschenherzen: die eigenen Wurzeln zu kennen, Gott zu kennen. Der Mensch ist nicht unendlich, er ist umgeben von Endlichkeit; doch sein Verlangen richtet sich auf das Unendliche.

Und die Antwort Jesu überrascht die Jünger: »So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen« (Joh 14,9).

a) Vom Vater gesandt, den Menschen zu rufen

Der Vater hat uns erschaffen im Sohn, dem »Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens« (Hebr 1,3), hat uns vorausbestimmt, seinem Bild gleichzuwerden (vgl. Rom 8,29). Das Wort ist das vollkommene Ebenbild des Vaters. Im Wort ist es, in dem der Vater sich sichtbar gemacht hat; es ist der Logos, durch den »er zu uns gesprochen hat« (Hebr 1,2). Sein ganzes Wesen besteht darin, »gesandt zu sein«, um Gott den Menschen als Vater nahe zu bringen, um sein Antlitz und seinen Namen den Menschen zu offenbaren (Joh 17,6).

Wenn der Mensch gerufen ist, Kind Gottes zu sein, dann kann folglich niemand besser zum Menschen von Gott »sprechen« und dessen geglücktes Abbild sein als der Sohn. Deshalb hat der Sohn Gottes, indem er auf diese Welt kam, in seine Nachfolge gerufen, zu sein, wie er ist, an seinem Leben Anteil zu haben, sein Wort zu teilen, sein Ostern mit Tod und Auferstehung zu teilen, ja sogar seine ganze Gesinnung.

Der Sohn, der Gesandte des Vaters, wurde Mensch, um den Menschen zu berufen; der Gesandte des Vaters ist der »Rufer« der Menschen.

Deshalb gibt es keine Stelle im Evangelium, keine Begegnung und kein Gespräch, die keinen Bezug zur Berufung hätten, die nicht direkt oder indirekt eine Berufung durch Jesus bedeuteten. Es ist, als seien seine, durch verschiedene Umstände bedingten menschlichen Begegnungen für ihn eine Gelegenheit, die jeweilige Person vor die entscheidende Frage zu stellen: »Was mache ich mit meinem Leben? Was ist mein Weg?«

b) Die gröbte Liebe: das Leben geben

Wozu ruft Jesus? Er ruft, ihm nachzufolgen, um zu handeln und zu sein, wie er. Genauer gesagt, um dieselbe Beziehung zum Vater und zu den Menschen zu leben, wie er: das Leben anzunehmen als ein Geschenk aus den Händen des Vaters, um dieses Geschenk zu »verlieren« und es für jene hinzugeben, die der Vater ihm anvertraut hat.(32)

Es gibt einen verbindenden Zug in der Identität Jesu, der die volle Bedeutung der Liebe darstellt: die Sendung. Sie bringt die Hingabebereitschaft zum Ausdruck, die im Kreuz ihren höchsten Ausdruck erreicht: »Niemand hat eine gröbere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh 15,13).

Deshalb ist jeder Jünger gerufen, die Gesinnung des Sohnes neu zu leben, die in der Liebe gipfelt, der entscheidenden Motivation jeder Berufung. Doch vor allem ist jeder Jünger gerufen, die Sendung Jesu sichtbar zu machen; er ist gerufen für die Sendung: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Die Struktur jeder Berufung, ihre Reife, liegt in der Vergegenwärtigung Jesu in der Welt, um, wie Er es getan hat, aus dem Leben eine Gabe zu machen. Die Sendung ist in Wirklichkeit das Vermächtnis des Osterabends (Joh 20,21) und ist das letzte Wort vor der Heimkehr zum Vater (Mt 28,16-20).

c) Jesus, der Ausbilder

Jeder Berufene ist ein Zeichen für Jesus: gewissermaben weiten sich durch ihn Herz und Hände Jesu, um die Kleinen zu umarmen, die Kranken zu heilen, die Sünder zu versöhnen und sich kreuzigen zu lassen aus Liebe zu allen. Das Für-andere-sein mit dem Herzen Christi ist die Reife jeder Berufung. Deshalb ist Jesus, der Herr, der Ausbilder derer, die er ruft, der einzige, der in ihnen seine eigene Gesinnung herauszubilden vermag.

In der Antwort auf den Anruf des Herrn und in der Bereitschaft, sich von Ihn formen zu lassen, bringt jeder Jünger das innerste Wesen der eigenen Entscheidung zum Ausdruck. Deshalb »hat die Anerkennung Jesu als des Herrn des Lebens und der Geschichte auch eine Selbsterkenntnis des Jüngers zur Folge (...) Der Akt des Glaubens verbindet notwendigerweise die christologische Anerkennung mit der anthropologischen Selbsterkenntnis.(33)

Hier hat die Pädagogik der christlichen Berufungserfahrung, wie sie vom Wort Gottes angeregt wird, ihren Ansatz: »Jesus setzte Zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten« (Mk 3,14). Das christliche Leben braucht starke Motivationen und besonders eine tiefe Verbundenheit mit dem Herrn, damit es in Fülle als Geschenk und als Sendung gelebt werden kann: im Hören, im Gespräch, im Gebet, in der Verinnerlichung der Empfindungen, im täglichen Sich-gestalten-lassen von Ihm und vor allem im starken Verlangen, der Welt das Leben des Vaters zu vermitteln.

d) Die Eucharistie: die Übertragung der Sendung

In allen Katechesen der christlichen Urgemeinde ist die zentrale Stellung des Ostergeheimnisses deutlich: Christus zu verkünden als den Gestorbenen und Auferstandenen. Im Geheimnis des gebrochenen Brotes und des für das Leben der Welt vergossenen Blutes sieht die christliche Gemeinschaft den höchsten Ausdruck der Liebe, das hingegebene Leben des Gottessohnes.

Darum ist die Feier der Eucharistie »Gipfel und Quelle«(34) des christlichen Lebens, darum wird in ihr die höchste Offenbarung der Sendung Jesu Christi in der Welt gefeiert; gleichzeitig wird aber auch das Selbstverständnis der kirchlichen Gemeinschaft gefeiert, die zusammengerufen ist, um ausgesandt zu werden, und berufen wird, um die Sendung zu empfangen.

In der Gemeinschaft, die das österliche Geheimnis feiert, hat jeder Christ Anteil und tritt ein in die Eigenart der Gabe Jesu, indem er selbst, wie dieser, zum Brot wird, das als Opfer für den Vater und für das Leben der Welt gebrochen wird.

So wird die Eucharistie zur Quelle jeder christlichen Berufung; in ihr ist jeder Gläubige gerufen, sich dem geopferten und hingeschenkten Christus völlig gleich zu machen. Sie wird zur Ikone jeder Antwort auf eine Berufung; wie bei Jesus, so ist es auch in jedem Leben und in jeder Berufung schwer, die Treue bis hin zum Mab des Kreuzes zu leben.

Wer an der Eucharistie teilnimmt, nimmt die Einladung und den Aufruf Jesu an, seine »Memoria« zu feiern, im Sakrament und im Leben; die Einladung, in der Wahrheit und in der Freiheit der alltäglichen Dinge die »Erinnerung« an das Kreuz zu leben und die eigene Existenz mit Dankbarkeit und Selbstlosigkeit zu erfüllen, den eigenen Leib zu brechen und das eigene Blut zu vergieben, wie der Sohn.

Die Eucharistie weckt schlieblich das Zeugnis, sie bereitet auf die Sendung vor: »Gehet hin in Frieden«. Von der Begegnung mit Christus im Zeichen des Brotes führt sie zur Begegnung mit Christus in der Gestalt eines jeden Menschen. Der Einsatz des Gläubigen erschöpft sich nicht im Eintritt in den Tempel, sondern im Hinausgehen. Die Antwort auf den Anruf fällt zusammen mit der Geschichte der Sendung. Die Treue zur eigenen Berufung schöpft aus den Quellen der Eucharistie und mibt sich an der Eucharistie des Lebens. Der Geist ruft zum Zeugnis

18. Jeder, dessen Geist vom Glauben erleuchtet ist, ist gerufen, Jesus als den Herrn zu erkennen und anzuerkennen und in Ihm sich selbst zu erkennen. Dies jedoch ist nicht allein Frucht eines menschlichen Wunsches oder des guten Willens des Menschen. Auch nachdem sie über längere Zeit die Erfahrung mit dem Herrn gelebt haben, brauchen die Jünger immer noch Gott. Ja, am Vorabend der Passion spüren sie eine gewisse Verwirrung (Joh 14,1), sie fürchten die Einsamkeit; und Jesus ermutigt sie mit einem unerhörten Versprechen: »Ich lasse euch nicht als Waisen zurück« (Joh 14,18). Die Erstberufenen des Evangeliums bleiben nicht allein: Jesus versichert sie des fürsorgenden Geleits durch den Geist.

a) Tröster und Freund, Führer und Erinnerung

»Er ist der 'Tröster', der Geist der Güte, den der Vater in Namen des Sohnes senden wird als ein Geschenk des auferstandenen Herrn«,(35) »damit er immer bei euch bleibe« (Joh 14,16).

Der Geist wird so zum Freund jeden Jüngers, der Führer mit dem wachem Blick auf Jesus und auf die Berufenen, um aus ihnen aubergewöhnliche Zeugen des umwälzendsten Ereignisses der Welt zu machen: Zeugen des gestorbenen und auferstandenen Christus. Der Geist ist tatsächlich »Memoria« Jesu und dessen Wortes: »Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh 14,26); ja, »er wird euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13).

Die ständige Neuheit des Geistes liegt in der Hinführung zu einem schrittweisen und tiefen Verstehen der Wahrheit, jener Wahrheit, die kein abstrakter Begriff ist, sondern der Plan Gottes im Leben jeden Jüngers. Diese Neuheit ist die Umwandlung des Wortes Gottes in Leben und ist Umwandlung des Lebens gemäb dem Wort Gottes.

b) Animator und Begleiter der Berufung

Auf solche Weise wird der Geist zum groben Animator jeder Berufung, wird er Jener, der den Weg begleitet, damit er zum Ziel führe, der Gestalter, der mit unendlicher Phantasie jedes Antlitz von innen her nach Jesus gestaltet.

Seine Gegenwart gilt jedem Menschen, um alle zur Erkenntnis ihrer Identität als Glaubende und als Gerufene zu führen, und um diese Identität in Übereinstimmung zu bringen mit dem Vorbild der Liebe Gottes. Der Geist, der ja ein geduldiger Gestalter unserer Seelen und ein »vollkommener Tröster« ist, will diese »göttliche Prägung« in einem jeden nachbilden.

Doch vor allem befähigt er die Berufenen zum »Zeugnis«: »Er wird Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid« (Joh 15,26-27). In diesem 'Zeugen-sein' jedes Berufenen liegt die Kraft des Wortes und der eigentliche Inhalt der Sendung. Das Zeugnis besteht nicht nur in der Empfehlung der zu verkündenden Worte, wie im Matthäusevangelium (Mt 10,20), sondern vielmehr darin, Jesus im Herzen zu tragen und Ihn zu verkünden als das Leben der Welt.

c) Heiligkeit, die Berufung aller

So wird heute also die Frage nach dem Qualitätssprung in der Berufs- pastoral zu einer Frage, die ohne Zweifel zum Hören auf den Geist verpflichtet: denn er ist der Verkünder der »künftigen Dinge« (Joh 16,3), er schenkt die neue geistliche Einsicht zum Verstehen der Geschichte und des Lebens, ausgehend vom Ostern des Herrn, in dessen Sieg die Zukunft jedes Menschen eingeschlossen ist.

So gibt es Grund zur Frage: wo finden wir den Ruf des Heiligen Geistes in diesen unseren Tagen? Wo haben wir die Wege der Berufspastoral zu verbessern?

Antwort auf diese Fragen werden wir nur erhalten, wenn wir den groben Aufruf zur Umkehr, der an die ganze kirchliche Gemeinschaft und an jeden einzelnen in ihr ergeht, als einen wahren Weg innerer Askese und Neugeburt annehmen, damit jeder die Treue zu der ihm eigenen Berufung erneuere.

Es gibt einen Primat des Lebens im Heiligen Geist, der jeder Berufspastoral zugrunde liegt und die Überwindung jenes verbreiteten Pragmatismus und jener sterilen Äuberlichkeit verlangt, die das auf Gott ausgerichtete Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen. Das offene Hinhören auf den Geist ist der neue Atem in allem berufspastoralen Tun der kirchlichen Gemeinde.

Der Primat des geistlichen Lebens ist die Voraussetzung für die Antwort auf jene Sehnsucht nach Heiligkeit, die, wie wir bereits gesagt haben, auch die Gegenwart der Kirche in Europa durchzieht. Die Heiligkeit ist die universale Berufung jedes Menschen,(36) sie ist der Hauptstrom, in den die vielen einzelnen Berufungen einmünden. Deshalb ist die Heiligkeit der Berufenen der große Treffpunkt mit dem Geist an dieser Wende der nachkonziliaren Geschichte.

d) Die Berufe im Dienste der Berufung der Kirche

Dieses Ziel erfolgreich anzustreben bedeutet, dem verborgenen Wirken des Geistes in einige bestimmte Richtungen zu folgen, die das Geheimnis einer lebendigen Kirche des Dritten Jahrtausends vorbereiten und darstellen.

Dem Heiligen Geist wird vor allem die ewige Hauptrolle der communio zugeschrieben, die im Bild der christlichen Gemeinschaft aufscheint und durch die Vielfalt der Gaben und Dienste(37) sichtbar wird. Es geschieht tatsächlich im Geist, wenn jeder Christ seine absolute Originalität erkennt, die Einmaligkeit seiner Berufung, und damit auch sein naturgegebenes und unauslöschliches Streben nach Einheit. Es geschieht im Geist, wenn die Berufungen in der Kirche so vielgestaltig und gleichzeitig doch nur eine und dieselbe Berufung zur Einheit in der Liebe und im Zeugnis sind. Es ist das Wirken des Geistes, das die Buntheit der Berufungen im Bau der Kirche ermöglicht: die Berufungen in der Kirche sind in ihrer Verschiedenheit notwendig, um die Berufung der Kirche zu erfüllen; die Berufung der Kirche dagegen ist jene, für die Kirche und in der Kirche wirksam Berufungen möglich zu machen. All die vielen verschiedenen Berufungen führen also zum Zeugnis der Agape hin, zur Verkündigung Christi als des einzigen Heilands der Welt.

Die Originalität der christlichen Berufung besteht gerade darin: die Reife der Person an die Verwirklichung der Gemeinschaft zu binden; das will besagen, die Logik der Liebe über die der Privatinteressen und die Logik des Teilens über die der narzistischen Anhäufung von Talenten siegen zu lassen (vgl. 1 Kor 1,12-14).

Die Heiligkeit wird so zur wahren Offenbarung des Geistes in der Geschichte. Wenn jede Person der Dreifaltigkeit ihr eigenes Antlitz trägt, und wenn es zutrifft, dab das Antlitz des Vaters und des Sohnes uns ziemlich vertraut ist, da Jesus, indem er Mensch wurde wie wir, das Antlitz des Vaters enthüllt hat, dann werden die Heiligen zum beredtesten Abbild des Geheimnisses des Geistes. Ebenso verbirgt und offenbart jeder Glaubende, der dem Evangelium treu ist, in der eigenen persönlichen Berufung und in der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, das Antlitz des Heiligen Geistes.

e) Das »Ja« zum Geist in der Firmung

Das Sakrament der Firmung ist der Augenblick, der am deutlichsten die Gabe und die Begegnung mit dem Heiligen Geist ausdrückt.

Vor dem Angesicht Gottes und dessen Liebestat (»Empfange den heiligen Geist...«),(38) aber auch vor dem eigenen Gewissen und vor der christlichen Gemeinde antwortet der Firmling: »Amen«. Es ist wichtig, auf erzieherischer und katechetischer Ebene den herausfordernden Sinn dieses »Amen«(39) wieder zu entdecken.

Dieses »Amen« will vor allem ein »Ja« zum Heiligen Geist sein, und mit ihm zu Jesus. Darum auch sieht die Spendung der Firmung die Erneuerung des Taufversprechens vor und verlangt vom Firmling, der Sünde und den Werken des immer zur Entstellung des christlichen Antlitzes bereiten Bösen zu widersagen; und sie verlangt vor allem die Verpflichtung, das Evangelium Jesu zu leben, besonders das grobe Gebot der Liebe. Es geht darum, die Berufungstreue zur eigenen Identität als Kinder Gottes zu leben.

Das »Amen« ist ein »Ja« auch zur Kirche. In der Firmung erklärt der Jugendliche, die Sendung Jesu zu übernehmen, die sich in der Gemeinschaft fortsetzt. Er verpflichtet sich so in zwei Richtungen, um seinem »Amen« konkrete Gestalt zu geben: zum Zeugnis und zur Sendung. Der Gefirmte weib, dab der Glaube ein Talent ist, mit dem es zu wuchern gilt; dab er eine Botschaft ist, die durch das Leben und durch das schlüssige Zeugnis seines ganzen Seins anderen zu übermitteln ist und auch durch das Wort, durch einen missionarischen Mut zur Ausbreitung der frohen Botschaft.

Schließlich drückt dieses »Amen« ein Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist im Planen und Gestalten der Zukunft gemäb den Absichten Gottes aus, nicht nur nach den eigenen Erwartungen und Einstellungen, nicht nur in den Räumen, die die Welt bereitstellt, sondern vor allem in Übereinstimmung mit dem stets neuen und unvorhersehbaren Plan, den Gott für jeden einzelnen hat.

Von der Dreifaltigkeit zur Kirche in der Welt

19. Jede christliche Berufung ist eine »besondere« Berufung, denn sie appelliert an die Freiheit jedes Menschen und erzeugt eine urpersönliche Antwort innerhalb einer ursprünglichen und einmaligen Lebensgeschichte. Deshalb findet jeder in seiner persönlichen Berufungserfahrung ein Ereignis, das sich nicht auf allgemeine Schemata einschränken läbt; die Geschichte jedes Menschen ist eine kleine Geschichte, doch unverwechselbar und einzigartig nimmt sie stets von einer groben Geschichte ihren Ausgang. In der gegenseitigen Beziehung dieser beiden Geschichten, zwischen seiner eigenen kleinen und jener groben, die ihm zugehört und ihn übersteigt, bringt der Mensch seine Freiheit ins Spiel.

a) In der Kirche und der Welt, für die Kirche und die Welt

Jede Berufung entsteht an einem bestimmten Ort, in einem konkreten Umfeld, doch beschränkt sie sich nicht auf sich selbst, noch zielt sie auf die private Vollkommenheit oder die psychologische oder geistige Selbstverwirklichung des Berufenen ab, denn sie erblüht innerhalb der Kirche, in jener Kirche, die durch die Welt unterwegs ist zum vollendeten Reich, zur Verwirklichung einer Geschichte, die groß ist, weil sie Heilsgeschichte ist.

Die kirchliche Gemeinschaft selbst hat eine zutiefst berufungsbezogene Struktur: sie ist gerufen für die Sendung; sie ist Zeichen für Christus, den Gesandten des Vaters. Wie Lumen Gentium sagt: sie ist »in Christus gleichsam das Sakrament, das heibt Zeichen und Werkzeug sowohl für die innigste Vereinigung mit Gott, als auch für die Einheit der ganzen Menschheit«.(40)

Einerseits ist die Kirche Zeichen, das das Geheimnis Gottes widerspiegelt; sie ist Ikone, die auf die dreifaltige Gemeinschaft im Zeichen der sichtbaren Gemeinschaft und auf das Geheimnis Christi in der Dynamik der universalen Sendung verweist. Andererseits ist die Kirche eingebunden in die Zeit der Menschen, sie lebt in der Geschichte in einer Situation des Exodus, sie steht in der Sendung zum Dienst am Reich, um die Menschheit zur Gemeinschaft der Kinder Gottes umzugestalten.

So verlangt der Blick auf die Geschichte von der kirchlichen Gemeinschaft, sich hörbereit zu machen für die Erwartungen der Menschen; jene Zeichen der Zeit zu lesen, die der Schlüssel und die Sprache des Heiligen Geistes sind; in ein fruchtbares, kritisches Gespräch mit der Gegenwart einzutreten und Traditionen und Kulturen mit Wohlwollen aufzunehmen, um in ihnen das Bild des Reiches sichtbar zu machen und den Sauerteig des Evangeliums einzubringen.

So verflicht sich die kleine grobe Geschichte einer jeden Berufung mit der Geschichte der Kirche in der Welt. Wie jede Berufung in der Kirche und in der Welt entstand, so steht sie auch im Dienst der Kirche und der Welt.

b) Die Kirche, Gemeinschaft und communio von Berufungen

In der Kirche, die Gemeinschaft von Gaben für eine einzige Sendung ist, vollzieht sich auch jener Übergang vom Zustand, in dem sich der durch die Taufe in Christus eingebundene Gläubige befindet, zu seiner »besonderen« Berufung als einer Antwort auf die besondere Gabe des Geistes. In dieser Gemeinschaft ist jede Berufung »eine besondere« und findet in einem Lebensplan zu ihrer eigenen Gestalt; es gibt keine allgemeinen Berufungen.

In ihrer Besonderheit ist jede Berufung gleichzeitig »notwendig« und »relativ«. »Notwendig«, weil Christus lebt und sichtbar wird in seinem Leib, der die Kirche ist, und im Jünger, der ihr wesentlicher Teil ist; »relativ«, weil keine Berufung das zeichenhafte Zeugnis des Geheimnisses Christi voll ausschöpfen kann, sondern lediglich einen Teil davon zum Ausdruck bringt. Nur die Gesamtheit der Gaben macht den ganzen Leib des Herrn sichtbar. In einem Gebäude braucht jeder Stein den anderen (1 Petr 2,5); im Leib bedarf jedes Glied des anderen, um den gesamten Organismus wachsen zu lassen, zum Nutzen des Ganzen (1 Kor 12,7).

Dies verlangt, daß das Leben eines jeden von Gott her geplant wird, der sein einziger Ursprung ist und alles zum Wohl des Ganzen einrichtet; dies verlangt, dab das Leben nur dann als sinntragend wiederentdeckt wird, wenn es für die Nachfolge Jesu offen ist.

Doch ist es ebenfalls wichtig, dab es eine kirchliche Gemeinschaft gibt, die tatsächlich jedem Berufenen hilft, die eigene Berufung zu erkennen. Ein Klima des Glaubens, des Gebets, der Gemeinschaft in Liebe, der geistlichen Reife, des Mutes zur Verkündigung, des intensiven sakramentalen Lebens, macht aus der glaubenden Gemeinschaft einen fruchtbaren Boden nicht nur für das Keimen neuer, besonderer Berufungen, sondern für die Schaffung einer berufungsfreundlichen Kultur und einer Bereitschaft in jedem einzelnen, seinen persönlichen Ruf anzunehmen. Wenn ein Jugendlicher den Anruf spürt und in seinem Herzen sich entscheidet, die heilige Reise zu dessen Verwirklichung anzutreten, so ist dort gewöhnlich auch eine Gemeinschaft, die die Voraussetzungen für diese hörende Verfügungsbereitschaft geschaffen hat.(41)

Das bedeutet: die auf die Berufung ausgerichtete Treue einer gläubigen Gemeinschaft ist die erste und grundlegende Voraussetzung für das Aufblühen der Berufung in den einzelnen Gläubigen, vor allem in den Jugendlichen.

c) Zeichen, Dienst, Sendung

Als dauerhafte und endgültige Lebensentscheidung öffnet sich also jede Berufung in einer dreifachen Dimension: in Beziehung auf Christus ist jede Berufung »Zeichen«; in Beziehung zur Kirche ist sie »Geheimnis«; in Beziehung zur Welt ist sie »Sendung« und Zeugnis für das Reich.

Wenn die Kirche »wie ein Sakrament in Christus« ist, dann offenbart jede Berufung die tiefe Dynamik der dreifaltigen Gemeinschaft, das Wirken des Vaters, des Sohnes und des Geistes als ein Ereignis, das zu neugestalteten Kreaturen in Christus macht.

Jede Berufung ist also Zeichen, ist eine besondere Art, das Antlitz Christi zu zeigen. »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14). Jesus wird so zum Beweger und entscheidenden Vorbild jeder Antwort auf die Anrufe Gottes.

In Beziehung zur Kirche ist jede Berufung ein Geheimnis, das in der Freiheit des Geschenks seine Wurzel hat. Ein Ruf Gottes ist ein Geschenk für die Gemeinschaft, zum allgemeinen Nutzen, in der Dynamik der vielen Dienste. Dies ist möglich in Fügsamkeit gegenüber dem Geist, der die Kirche wie eine »Gemeinschaft von Gaben«(42) sein läbt, und im Herzen des Christen die Agape hervorbringt; dies nicht nur als eine Ethik der Liebe, sondern auch als eine tiefgehende Struktur der Person, die gerufen und fähig gemacht ist, in einer Haltung der Dienstbereitschaft und in der Freiheit des Geistes in Beziehung mit anderen zu leben.

Jede Berufung ist schlieblich in Beziehung zur Welt eine Sendung. Sie ist in Fülle gelebtes Leben, da sie für andere gelebt wird wie das Leben Jesu und deshalb auch Leben stiftet: »das Leben bringt Leben hervor«.(43) Hier gründet also die innerste Teilhabe jeder Berufung am Apostolat und an der Sendung der Kirche, die Keimzelle des Reiches ist. Berufung und Sendung sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie beschreiben die Gabe und den Beitrag eines jeden zum Plan Gottes, nach dem Bild und Gleichnis Jesu.

d) Die Kirche, Mutter der Berufe

Die Kirche ist die Mutter der Berufe, denn sie bringt sie aus ihrem Inneren hervor, in der Kraft des Geistes, sie schützt sie, nährt sie und unterhält sie. Sie ist besonders deshalb Mutter, weil sie eine wertvolle Funktion als Mittlerin und Erzieherin ausübt.

»Von Gott gerufen und als eine Gemeinschaft von Berufenen in der Welt erbaut, ist die Kirche ihrerseits Werkzeug des Rufes Gottes. Die Kirche ist lebendiger Anruf aus dem Willen des Vaters, durch die Verdienste des Herrn Jesus, durch die Kraft des Heiligen Geistes (...). Die Gemeinschaft, die sich ihrer Berufung bewubt wird, wird sich gleichzeitig dessen bewubt, dab auch sie selbst ununterbrochen berufen mub«.(44) Über den Weg dieser Berufung und in ihren verschiedenen Formen ergeht auch der Anruf Gottes.

Diese vermittelnde Aufgabe übt die Kirche aus, wenn sie jedem Gläubigen hilft und ihn anregt, sich der empfangenen Gabe und der Verantwortung, die sie beinhaltet, bewubt zu werden.

Sie übt sie weiter aus, wenn sie sich zur kompetenten Deuterin des ausdrücklichen Anufs zu einer Berufung macht, und sie selbst beruft, indem sie die Erfordernisse, die mit ihrer Sendung und mit den Bedürfnissen des Gottesvolkes verbunden sind, darlegt und zu einer hochherzigen Antwort einlädt.

Sie übt sie auberdem aus, wenn sie vom Vater die Gabe des Geistes erbittet, der die Zustimmung in den Herzen der Gerufenen bewirkt. Sie übt sie aus, wenn sie einen Berufenen aufnimmt und in ihm den Ruf selbst vernimmt. Sie übt sie aus, wenn sie einem Berufenen ausdrücklich mit fürsorglichem Vertrauen eine konkrete und nie einfache Sendung unter den Menschen überträgt. Wir könnten noch anfügen, dab die Kirche ihre Mütterlichkeit auch dann zeigt, wenn sie, auber zu berufen und die Eignung der Gerufenen zu prüfen, dafür Sorge trägt, dab diese eine angemessene einführende und beständige Ausbildung erhalten und auf dem langen Weg ihrer immer treueren und radikaleren Antwort tatsächlich begleitet werden. Die Mütterlichkeit der Kirche kann sich selbstverständlich nicht erschöpfen in der Zeit der ersten Berufung. Auch kann eine Gemeinde von Gläubigen sich nicht mütterlich nennen, wenn sie nur »wartet« und die Verantwortung für eine Berufung ausschlieblich dem Wirken Gottes überläbt, als ob sie sich davor fürchte, selbst zu rufen; oder eine Gemeinschaft, die es als gegeben betrachtet, dab die Jugendlichen schon von selbst ihre Berufung wahrnehmen werden; oder eine, die keine Möglichkeiten anbietet, die auf Angebot oder Annahme einer Berufung abzielen.

Die Berufskrise der Berufenen ist heute auch eine Krise der Rufenden, die sich manchmal bedeckt halten und keinen Mut zeigen. Wenn keiner da ist, der ruft, wie kann man da eine Antwort erwarten?

Die ökumenische Dimension

20. Das heutige Europa braucht neue Heilige und neue Berufe, Glaubende, die fähig sind, »Brücken zu schlagen«, um die Kirchen immer mehr untereinander zu verbinden. Dies ist eine typische Neuheit, dies ist ein Zeichen der Zeit in der Berufspastoral des ausgehenden Jahrtausends. In einem Kontinent, der von einem tiefgehenden Willen nach Einheit geprägt ist, müssen die Kirchen als erste das Beispiel einer Geschwisterlichkeit geben, die stärker ist als jede Trennung und die doch immer gebaut und wiedererbaut werden mub. »Die Berufspastoral in Europa mub heute eine ökumenische Dimension aufweisen. Alle Berufungen in jeder Kirche Europas sind gehalten, an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend die grobe Herausforderung der Evangelisierung aufzugreifen und gemeinsam ein Zeugnis von Gemeinschaft und Glaube in Christus, dem einzigen Heiland der Welt, abzulegen«.(45)

Ein solcher Geist kirchlicher Einheit fördert das Teilen jener Gaben, die der Geist Gottes überall ausgesät hat, und fördert die gegenseitige Hilfe unter den Kirchen.

Die Katholischen Kirchen des Ostens

21. Eine größere Aufmerksamkeit seitens der Kirchen Westeuropas mub den geistlichen Ausbildungbemühungen der Katholischen Kirchen des Ostens geschenkt werden; dies kann nur einen positiven Einflub auf die Berufspastoral aller Kirchen ausüben.

Besondere Bedeutung kommt der heiligen Liturgie zu in ihrer Hinordnung auf die Ausbildung der Berufe für die Kirchen des Ostens. Die Liturgie ist der Ort, wo das Geheimnis des Heils verkündet und angebetet wird, wo Gemeinschaft wächst und unter den Gläubigen Brüderlichkeit gebaut wird. Dies alles in solchem Mabe, dab sie zur wahren Gestalterin des christlichen Lebens wird, bis zur vollkommenen Übereinstimmung von dessen verschiedenen Bereichen. In der Liturgie fällt das frohe Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Tradition der Kirchen des Ostens zusammen mit der völligen Einheit mit der Kirche von Rom.

Man kann nicht Berufe zum Priestertum wecken und zum monastischen Leben, wenn man nicht zu den Quellen der Ursprungstraditionen zurückkehrt, in Übereinstimmung mit den heiligen Vätern und mit deren tiefem Sinn für die Kirche. Dieser weitgespannte Prozeb braucht seine Zeit, er verlangt Geduld und Respekt vor dem Gefühl der Gläubigen und fordert auberdem auch Entschlossenheit.

Darum sind die Bischöfe, die Ordensobern und die Pastoralarbeiter der Katholischen Kirchen Ost-Europas eingeladen zu erkennen, wie dringlich es für alle ihre Kirchen ist, das ganze liturgische Erbe, das auf einzigartige Weise zum Entstehen und zur Entfaltung der Theologie und der Katechese beiträgt, wiederzugewinnen und unversehrt zu bewahren. Nach dem Beispiel der mystagogischen Methode der Väter öffnet dies für die Erfahrung der Berufung und des geistlichen Lebens und läbt eine sichere und starke ökumenischen Gesinnung heranreifen.(46)

In den verschiedenen kirchlichen Erfahrungen, sowie durch Studien, die das geschichtliche, theologische, juridische und geistliche Erbe der eigenen Kirche behandeln, können die östlichen Jugendlichen leicht erzieherische Umfelder finden, die sich dazu eignen, den universalen Sinn ihrer Hingabe an Christus und an die Kirche reifen zu lassen.

Es ist Aufgabe der Bischöfe, durch Aufwertung des Charismas der Mönchsgemeinschaften, denen es an Ausbildern und geistlichen Leitern nicht mangelt, jene Jugendlichen, die einzeln oder in Gruppen bitten, sich dem monastischen Leben weihen zu dürfen, zu fördern, wohlwollend auf sie zuzugehen und sie mit väterlicher Sorge zu begleiten.

Das Weiheamt und die Berufungen in gegenseitiger communio

22. »In vielen Teilkirchen mub die Berufspastoral noch Klarheit schaffen bezüglich der Beziehungen von Weiheamt, Berufung zu einer besonderen Lebensweihe und allen übrigen Berufungen. Die ganzheitliche Berufspastoral gründet auf dem Berufungscharakter der Kirche und jeden menschlichen Lebens als Anruf und Antwort. Dies steht am Anfang der gesamten Bemühungen der ganzen Kirche für alle Formen von Berufung, vor allem für die Berufung zu einer besonderen Lebensweihe«.(47)

a) Der Dienst des Weiheamtes

Innerhalb dieser allgemeinen Sensibilität mub heute wohl eine besondere Aufmerksamkeit auf den Dienst des Weiheamtes gerichtet werden, in welchem sich die erste besondere Form der Verkündigung des Evangeliums darstellt. Es stellt die »fortdauernde Gewähr der sakramentalen Gegenwart Christi, des Erlösers, in den verschiedenen Zeiten und Orten dar«,(48) und es bringt gerade die unmittelbare Abhängigkeit der Kirche von Christus zum Ausdruck, der fortfährt, seinen Geist auszusenden, damit sie sich nicht in sich selbst abkapsele, in ihrem Abendmahlsaal, sondern durch die Straben der Welt ziehe und die Frohbotschaft verkünde.

Diese Ausprägung der Berufung läbt sich nach den drei Graden beschreiben: bischöflich (womit die Garantie der apostolischen Sukzession verbunden ist), priesterlich (was die »sakramentale Darstellung Christi, des Hirten«,(49) beinhaltet), und diakonal (sakramentales Zeichen des dienenden Christus).(50) Den Bischöfen ist der Dienst der Berufung jenen gegenüber anvertraut, die die heiligen Weihen anstreben, um ihre Mitarbeiter im apostolischen Dienst zu werden.

Das Weiheamt läßt die Kirche vor allem durch die Feier der Eucharistie »culmen et fons«(51) des christlichen Lebens und jener Gemeinschaft sein, die zur Feier der Memoria des Auferstandenen berufen ist. Jede andere Berufung entsteht innerhalb der Kirche und ist ein Teil ihres Lebens. Darum kommt dem Weiheamt der Dienst der Einheit in der Gemeinschaft zu, und kraft dieses Dienstes hat es die unverzichtbare Aufgabe, eine jede Berufung zu fördern.

Das bedeutet in der pastoralen Praxis: das Weiheamt steht im Dienst an allen Berufungen, und alle Berufungen stehen im Dienst des Weiheamtes, in der Gegenseitigkeit der communio. Der Bischof also ist mit seinem Presbyterium gerufen, sämtliche Gaben des Geistes zu unterscheiden und zu fördern. Die Sorge um das Seminar jedoch muß ganz besonders ein Anliegen der ganzen diözesanen Kirche werden, um die Ausbildung von künftigen Priestern und die Bildung eucharistischer Gemeinden als vollen Ausdruck christlicher Erfahrung sicherzustellen.

b) Die Aufmerksamkeit für alle Berufungen

Die Suche und die Sorge der christlichen Gemeinschaft richtet sich auf alle Formen der Berufung, sei es auf jene aus der Tradition der Kirche, sei es auf die neuen Gaben des Geistes: die Ordensweihe im monastischen Leben und im apostolischen Leben, die Berufung als Laie, das Charisma der Säkularinstitute, die Gesellschaften apostolischen Lebens, die Berufung zur Ehe, die verschiedenen laikalen Formen der Vereinigungen, die sich Ordensinstituten angeschlossen haben, die missionarischen Berufe, die neuen Formen des geweihten Lebens.

Diese verschiedenen Gaben des Geistes sind auf unterschiedliche Weise in den Kirchen Europas präsent; doch alle diese Kirchen sind auf jeden Fall gerufen, Zeugnis für die Aufnahme und Pflege einer jeden Berufung zu geben. Eine Kirche ist um so lebendiger, je reicher und bunter in ihr die verschiedenen Berufungen zum Ausdruck kommen.

In einer Zeit wie der unsrigen, die der Prophetie bedarf, ist es klug, jene Berufungen zu bevorzugen, die ein besonderes Zeichen dessen sind, »was wir sein werden, und was uns noch nicht offenbar gemacht ist« (1 Joh 3,2), wie die Berufung zu einer besonderen Weihe; doch ist es ebenso klug und unverzichtbar, den prophetischen Charakter, der für jede christliche Berufung bezeichnend ist, zu fördern, eingeschlossen die Berufung als Laie, damit die Kirche vor der Welt immer mehr ein Zeichen der künftigen Dinge sei, jenes Reiches, das »jetzt schon ist, und doch noch nicht« ist.

Maria, Mutter und Vorbild jeder Berufung

23. Es gibt ein Geschöpf, in dem sich der Dialog zwischen der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen auf so vollkommene Weise ereignet, dab die beiden Freiheiten in eine Wechselbeziehung eintreten und dabei vollkommen das Ziel der Berufung verwirklichen können; es gibt ein Geschöpf, das uns geschenkt wurde, damit wir in ihm ein vollkommenes Ideal der Berufung betrachten können, ein Ideal, das sich in jedem von uns erfüllen sollte.

Maria ist das gelungene Abbild dessen, wie Gott sich seine Kreatur erträumt hat! Sie ist wirklich Kreatur, wie wir, ein Teilchen, in das Gott die Fülle seiner göttliche Liebe eingieben konnte; sie ist Hoffnung, die uns gegeben ist, damit auch wir im Blick auf sie das Wort in uns aufnehmen, damit es sich in uns erfülle.

Maria ist die Frau, in der die heiligste Dreifaltigkeit vollkommen ihre Freiheit der Wahl zeigen kann. Der hl. Bernhard sagt, wenn er die Botschaft des Engels Gabriel während der Verkündigung kommentiert: »Dies ist keine Jungfrau, die zufällig im letzten Moment gefunden wurde, sondern sie wurde vor der Zeit erwählt; der Höchste hat sie vorherbestimmt und sie für sich vorbereitet«.(52) Und der hl. Augustinus antwortet darauf: »Schon bevor das Wort aus der Jungfrau geboren wurde, hatte Er sie sich zur Mutter bestimmt«.(53)

Maria ist das Bild der göttlichen Erwählung jeder Kreatur; einer Erwählung, die von Ewigkeit her und absolut frei, geheimnisvoll und voller Liebe ist; einer Erwählung, die stets über das hinausgreift, was die Kreatur von sich denken kann; einer Erwählung, die das Unmögliche verlangt und nur eines fordert: den Mut zum Vertrauen.

Doch ist die Jungfrau Maria auch das Vorbild der menschlichen Freiheit in der Antwort auf diese Erwählung. Sie ist das Zeichen für das, was Gott möglich ist, wenn er eine Kreatur findet, die frei ist, sein Angebot anzunehmen; die frei ist, ihr »Ja« zu sagen, frei ist, sich auf die Pilgerfahrt des Glaubens einzulassen, die auch die Pilgerfahrt ihrer Berufung als Frau bedeutet, die zur Mutter des Heilandes und zur Mutter der Kirche berufen ist. Diese lange Pilgerfahrt vollendet sich am Fub des Kreuzes, durch ein noch geheimnisvolleres und schmerzlicheres »Ja«, das sie voll zur Mutter macht; und dann noch im Abendmahlsaal, wo sie bis heute, zusammen mit dem Geist, die Kirche und jede Berufung hervorbringt.

Maria ist schließlich das vollkommen verwirklichte Bild der Frau, vollkommene Synthese der Weiblichkeit und der Phantasie des Geistes, der in ihr die Braut findet und erwählt, die jungfräuliche Mutter Gottes und des Menschen, die Tochter des Höchsten und Mutter aller Lebenden. In ihr findet jede Frau ihre Berufung als Jungfrau, Braut und Mutter!

DRITTER TEIL

PASTORAL DER GEISTLICHEN BERUFE

»... Jeder hörte sie in seiner Sprache reden« (Apg 2,6)

Die konkrete Ausrichtung der Berufspastoral läbt sich nicht nur von einer korrekten Theologie der Berufung ableiten, sondern beinhaltet auch einige praktische Grundsätze, in denen die Ausrichtung auf die Berufung gleichsam die Seele und das einigende Motiv der ganzen Pastoral darstellt.

Es werden dann die Glaubenswege und die konkreten Orte aufgezeigt, in denen die Einladung zur Berufung tägliche Aufgabe jedes Hirten und Erziehers sein muß.

Die Analyse der bestehenden Verhältnisse steckte im ersten Teil den Rahmen der aktuellen Wirklichkeit der Berufe in Europa ab; der zweite Teil dagegen bot eine theologische Betrachtung über die Bedeutung und über das Geheimnis der Berufung, ausgehend von der Wirklichkeit der Dreifaltigkeit bis zum Verständnis von deren Bedeutung für das Leben der Kirche.

Genau diesen zweiten Aspekt möchten wir nun vertiefen, besonders vom Blickpunkt seiner pastoralen Umsetzung aus.

In der Audienz für die Teilnehmer des Kongresses sagte Papst Johannes Paul II.: »Die geänderten geschichtlichen und kulturellen Bedingungen fordern, dab die Berufspastoral sich selbst als eines der vorrangigen Ziele der gesamten christlichen Gemeinschaft versteht«.(54)

Das Leitbild der Urkirche

24. Die geschichtlichen Verhältnisse mögen sich ändern, unverändert jedoch bleibt der Bezugspunkt im Leben des Gläubigen und der glaubenden Gemeinschaft, jener Bezugspunkt, den das Wort Gottes darstellt, besonders dort, wo die Geschichte der Kirche ihren Ursprung hat. Diese Geschichte und die Art, wie die Urkirche sie durchlebt hat, stellen für uns das exemplum dar, den Modellfall des Kirche-seins. Dies gilt auch für den Bereich der Berufspastoral. Wir sammeln hier nur einige wesentliche Elemente, die besonders exemplarisch sind, so, wie sie uns in der Apostelgeschichte begegnen, im Augenblick, da die Urkirche zahlenmäbig sehr gering und schwach war. Die Berufspastoral ist so alt wie die Kirche; sie entstand damals gemeinsam mit ihr, inmitten jener Armut, in welcher so unvermutet der Geist Wohnung nahm.

An den Anfängen dieser einzigartigen Geschichte, die dann zu unserer eigenen Geschichte wurde, steht die Verheibung des Heiligen Geistes, versprochen von Jesus, bevor er zum Vater heimging. »Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,7-8). Die Apostel waren im Abendmahlsaal beisammen, »sie verharrten dort einmütig im Gebet, ... mit Maria, der Mutter Jesu« (Apg 1,14), und sofort gingen sie daran, den frei gewordenen Platz des Judas mit einem anderen zu besetzen, den sie aus denen auswählten, die von Anfang an mit Jesus waren: damit er »gemeinsam mit uns Zeuge seiner Auferstehung« (Apg 1,22) sei. Und die Verheibung erfüllt sich: der Geist kommt herab, unter Getöse, er erfüllt das Haus und das Leben jener, die zuvor noch verängstigt und eingeschüchtert waren, wie ein Donner, ein Wind, ein Feuer... »Und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden..., und jeder hörte sie in seiner Sprache reden« (Apg 2,4-6). Und Petrus hielt jene Rede, in der er die Geschichte des Heils erzählte, »er trat auf ... und erhob seine Stimme« (Apg 2,14) zu einer Rede, die »mitten ins Herz trifft« und die Hörer zur entscheidenden Frage ihres Lebens führt: »Was sollen wir tun?« (Apg 2,37).

An dieser Stelle beschreibt die Apostelgeschichte das Leben der ersten Gemeinde, die sich durch einige wesentliche Eigenschaften auszeichnet wie: Beharrlichkeit im Hören auf die Lehre der Apostel, geschwisterliche Gemeinschaft, Brotbrechen, Gebet, Teilen des Besitzes, gleichzeitig aber auch die Empfindungen des Gemüts und die Gaben des Geistes (vgl. Apg 2,42-48).

Inzwischen wirken Petrus und die Apostel weiter im Namen Jesu Wunder und verkünden das Kerygma des Heils, wobei sie regelmäbig ihr Leben aufs Spiel setzen, doch stets von der Gemeinschaft gestützt werden, deren gläubige Mitglieder »ein Herz und eine Seele« sind (Apg 4,32). In ihr wachsen zudem auch die unterschiedlichsten Bedürfnisse, und so werden die Diakone eingesetzt, um auch diesen materiellen Nöten der Gemeinschaft abzuhelfen, besonders der Schwächsten in ihr (vgl. Apg 6,1-7).

Ein starkes und mutiges Zeugnis mub zwangsläufig den Widerspruch der Autoritäten wachrufen, und so finden wir bald den ersten Märtyrer, Stephanus, um zu unterstreichen, dab die Sache des Evangeliums den ganzen Menschen erfabt, auch dessen Leben (vgl. Apg 6,8-7; 7). Das Todesurteil des Stephanus findet sogar die Zustimmung des Saulus, jenes Christenverfolgers, der wenig später von Gott erwählt wird, das bisher verborgene, nun aber geoffenbarte Geheimnis den Heiden zu verkünden.

Und die Geschichte geht ihren Lauf und wird immer mehr zu einer heiligen Geschichte: Geschichte Gottes, der Menschen erwählt und auch auf ganz überraschende Weise zum Heil beruft, und Geschichte der Menschen, die sich von Gott rufen und erwählen lassen.

Für uns mögen diese Punkte genügen, um in der Urgemeinde die Grundzüge der Pastoral einer Kirche zu erkennen, die ganz auf die Berufung ausgerichtet ist: im Bereich der Methode und der Inhalte, im Bereich der Grundprinzipien, der zu beschreitenden Wege und der besonderen Strategien zur Durchführung.

Theologische Aspekte der Berufungspastoral

25. Doch welche Theologie begründet, inspiriert und motiviert die Berufspastoral als solche?

Die Antwort ist in unserem Zusammenhang wichtig, weil sie Bindeglied zwischen der Theologie der Berufung und der mit dieser übereinstimmenden pastoralen Praxis ist, die aus dieser Theologie entspringt und zu ihr zurückkehrt. Was diese Frage anbetrifft, so wollte der Kongreb weitere Überlegungen und Studien anregen mit dem Ziel, jene Motive herauszufinden, die Personen und Gemeinschaften zutiefst an die Arbeit für die Berufe binden, und um den Zusammenhang von Theologie der Berufung, Theologie der Berufspastoral und pädagogisch-pastoralem Wirken deutlicher aufzuzeigen.

»Die Pastoral der Berufe entsteht im Geheimnis der Kirche und stellt sich in deren Dienst«.(55) Das theologische Fundament der Berufspastoral »kann nur aus der Sicht der Kirche als mysterium vocationis entspringen«.(56)

Johannes Paul II. erinnert deutlich daran, dab die Dimension der Berufung der Pastoral der Kirche wesensgemäb ist«, d.h. ihrem Leben und ihrer Sendung entspricht.(57) Die Berufung beschreibt also gewissermaben das tiefe Sein der Kirche noch mehr als deren Wirken. Im Namen »Ecclesia« selbst ist ihr berufungsbezogener Charakter festgehalten, denn sie ist tatsächlich Versammlung von Berufenen.(58) Mit Recht sagt also das Instrumentum laboris des Kongresses, dab »die ganzheitliche Berufspastoral im Berufungscharakter der Kirche gründet«.(59)

Folglich ist die Pastoral der geistlichen Berufe von Natur aus ein Handeln, das auf die Verkündigung Christi ausgerichtet ist und auf die Evangelisierung der Gläubigen in Christus. Hier haben wir also die Antwort auf unsere Frage: eben in der Berufung der Kirche zur Weitergabe des Glaubens ist die Theologie der Berufungspastoral begründet. Dies betrifft die universale Kirche, gilt aber besonders für jede christliche Gemeinschaft,(60) vor allem im gegenwärtigen geschichtlichen Zeitpunkt des alten Kontinents. »Für diese hohe Sendung, eine neue Zeit der Evangelisierung in Europa einzuleiten, bedarf es heute besonders gut vorbereiteter Evangelisatoren«.(61)

Diesbezüglich darf an einige Fixpunkte erinnert werden, auf die vom derzeitigen päpstlichen Magisterium hingewiesen wird, damit sie Ausgangspunkte werden für die pastorale Praxis der Teilkirchen.

a) Nachdem einmal die berufungsorientierte Dimension der Kirche erkannt ist, wird verständlich, dab die Berufungspastoral kein zusätzliches, zweitrangiges Element ist, das nur die Rekrutierung von Pastoralarbeitern beabsichtigt, und auch kein isolierter Teilbereich, bedingt durch eine besondere kirchliche Notlage, sondern vielmehr ein Tun, das mit dem Sein der Kirche verbunden und darum auch zutiefst in die allgemeine Pastoral jeder Ortskirche einbezogen ist.(62)

b) Jede christliche Berufung kommt von Gott, doch ergeht sie an die Kirche und wird durch diese weitervermittelt. Die Kirche (»ecclesia«), die ihrem Wesen nach Berufung ist, ist gleichzeitig auch Erzeugerin und Erzieherin von Berufungen.(63) Folglich »ist das handelnde Subjekt, der Hauptakteur der Berufungspastoral, die kirchliche Gemeinschaft als solche in ihren verschiedenen Ausdrucksformen: von der Universalkirche bis zur Teilkirche und, analog, von dieser bis zur Pfarrei und zu allen Gliedern des Gottesvolkes«.(64)

c) Ohne Ausnahme haben alle Glieder der Kirche die Gnade und die Verantwortung für die Sorge um geistliche Berufe. Dies ist eine Verpflichtung, die zur lebendigen Dynamik im Entwicklungsprozeb der Kirche gehört. Nur aufgrund dieser Überzeugung wird die Berufungspastoral ihren wirklich ekklesialen Charakter zeigen und ein abgestimmtes Handeln entwickeln können. Sie wird sich dabei auch besonderer Organismen und geeigneter Hilfen der gemeinsamen Mitverantwortung bedienen.(65)

d) Die Teilkirche entdeckt ihre eigene, seinsmäbige und irdische Dimension in der Berufung all ihrer Mitglieder zum Zeugnis, zur Sendung, zum Dienst an Gott und den Brüdern... Deshalb wird sie die Verschiedenheit der Gnadengaben und der Dienste, also die verschiedenen Berufungen, die alle Offenbarungen des einen Geistes sind, achten und fördern.

e) Angelpunkt der gesamten Berufungspastoral ist das Gebet, das der Heiland aufgetragen hat (Mt 9,38). Es verpflichtet nicht nur den einzelnen, sondern alle kirchlichen Gemeinschaften.(66) »Wir müssen inständig zum Herrn der Ernte beten, damit er Arbeiter in seine Kirche sende, um sie für die dringenden Erfordernisse der Neu-Evangelisierung bereit zu machen«.(67)

Ein echtes Beten um geistliche Berufe verdient diesen Namen jedoch nur und wird nur wirksam, wenn es Übereinstimmung mit dem Leben des Betenden hervorbringt, besonders wenn es sich bei der übrigen gläubigen Gemeinschaft mit der ausdrücklichen Verkündigung und einer geeigneten Katechese verbindet, um in den zum Priestertum und zum geweihten Leben Berufenen, wie auch in jeder anderen christlichen Berufung jene freie, bereitwillige und hochherzige Antwort zu fördern, die der Gnade der Berufung Wirksamkeit verleiht.(68)

Allgemeine Prinzipien der Berufungspastoral

26. Von mehreren Seiten wird die Notwendigkeit festgestellt, der Pastoral eine eindeutig berufungsbezogene Prägung zu geben. Um dieses programmatische Ziel zu erreichen, zeichnen sich einige theoretisch-praktische Prinzipien ab, die wir der Pastoraltheologie entnehmen, besonders deren »Fixpunkten«. Wir konzentrieren diese Prinzipien auf einige thematische Aussagen.

a) Die Berufungspastoral ist die ursprüngliche Leitidee der allgemeinen Pastoral

Das Instrumentum laboris des Kongresses über die Berufungen sagt ausdrücklich: »Die gesamte Pastoral und besonders die Jugendpastoral ist von ihrem Ursprung her berufungsorientiert«;(69) mit anderen Worten: wer Berufung sagt, der meint die konstitutive und wesentliche Dimension der ordentlichen Pastoral selbst, denn die Pastoral ist von Anfang an, von Natur aus, auf die Erkennung der Berufung ausgerichtet. Es ist dies ein Dienst, der jeder Person angeboten wird, damit sie ihren Weg zur Verwirklichung eines Lebensplanes finde, wie Gott ihn will, je nach den Bedürfnissen der Kirche und der heutigen Welt.(70)

Dies wurde bereits im Jahre 1994 auf dem lateinamerikanischen Kongreß über die Berufungen festgestellt.

Doch die Sicht weitet sich: Berufung meint nicht nur die Gestaltung eines Lebensentwurfs, sondern auch alle übrigen Anrufe Gottes während des Lebens sind Berufung, freilich immer bezogen auf einen grundlegenden Lebensplan. Die echte Berufungspastoral macht den Gläubigen wachsam und aufmerksam für die vielen Anrufe Gottes und macht ihn bereit, dessen Stimme zu vernehmen und Ihm zu antworten.

Es ist gerade die Treue zu dieser Art von täglichem Angerufensein, welche den Jugendlichen von heute befähigt, »die Berufung« seines Lebens zu erkennen und anzunehmen, und die den Erwachsenen von morgen befähigt, ihr nicht nur treu zu sein, sondern ihre Frische und Schönheit immer mehr zu entdecken. Eine jede Berufung ist tatsächlich eine Berufung »in der Morgenstunde«, ist die Antwort eines jeden Morgens auf einen täglich neuen Anruf.

Darum wird die Pastoral durch und durch hellhörig sein für die Berufung, um sie in jedem Gläubigen zu entdecken; sie wird dabei vom ausdrücklichen Vorsatz ausgehen, den Gläubigen mit dem Plan Gottes zu konfrontieren; sie wird im Betroffenen Übernahme von Verantwortung gegen-über der empfangenen Gabe oder dem vernommenen Wort Gottes wecken; sie wird letztlich sich bemühen, den Glaubenden dazu zu führen, sich von diesem Gott in Pflicht nehmen zu lassen.(71)

b) Die Berufung der Pastoral heute ist die Berufungspastoral

In diesem Sinne kann man gut sagen, dab die gesamte Pastoral »berufungsorientiert« werden mub, oder dab dafür zu sorgen ist, dab jede Äuberung der Pastoral klar und eindeutig einen Plan oder eine Gabe Gottes an einen Menschen zum Ausdruck bringt und in dieser Person den Willen zur Antwort und zum persönlichen Engagement weckt. Entweder führt die christliche Pastoral zu dieser Gegenüberstellung vor Gott mit allem, was dies mit sich bringt an Spannungen, Kämpfen, an gelegentlicher Flucht oder Verweigerung, aber auch an Friede und Freude, die mit der Annahme der Gabe verbunden sind, — oder sie verdient diesen Namen nicht.

Heute zeigt sich dies ganz besonders, so dab man geradezu behaupten kann, dab die Berufspastoral die Berufung der Pastoral ist: sie ist wohl deren erstes Ziel und ist wie eine Herausforderung der Kirchen Europas. Die Berufung ist der Ernstfall der heutigen Pastoral.

Wenn jedoch die Pastoral im allgemeinen »Ruf« ist und Erwartung, dann mub sie heute angesichts dieser Herausforderung mutiger und freimütiger werden, unmittelbarer in die Mitte und ins Herz der einladenden Botschaft vorstoben, direkter auf die Person bezogen sein und weniger auf die Gruppe; sie mub verstärkt ein konkretes Betroffensein auslösen und darf weniger allgemeine Hinweise auf einen abstrakten, lebensfremden Glauben geben.

Womöglich muß sie auch eher provozieren, als trösten; auf jeden Fall sollte sie fähig sein, den dramatischen Sinn des Menschenlebens zu vermitteln, das dazu bestimmt ist, etwas zu vollbringen, was kein anderer statt seiner vollbringen kann.

In der Schriftstelle, die wir zitiert haben, wird diese Wachheit und Spannung evident: in der Wahl des Matthias; in der mutigen Rede des Petrus an die Menge (»er trat auf ... und erhob seine Stimme«); in der Art und Weise, wie die christliche Botschaft verkündet und angenommen wurde (»sie fühlten sich ins Herz getroffen«).

Besonders deutlich wird dies auch durch ihre Fähigkeit, das Leben jener zu verändern, denen sie eigen ist, wie aus den Bekehrungen und aus dem Lebensstil der Gemeinschaft der Apostelgeschichte ersichtlich ist.

c) Die Berufungspastoral geschieht stufenweise und ganzheitlich

Wir haben indirekt bereits gesehen, dab sich im Verlauf eines Menschenlebens vielerlei Formen von Anrufen ereignen: vor allem zum Leben, dann zur Liebe, zur Verantwortlichkeit für die Gaben, zum Glauben, zur Nachfolge Jesu, zum besonderen Zeugnis des eigenen Glaubens, zur Vateroder Mutterschaft, zu einem besonderen Dienst für die Kirche oder für die Gesellschaft.

Wer sich in erster Linie jenen reichen, vielfältigen Schatz menschlicher und christlicher Werte und Sinngehalte vor Augen hält, in denen der Sinn für die Berufung des Lebens und der Menschen gründet, der animiert bereits für eine Berufung. Diese Werte machen es möglich, das Leben selbst für die vielfachen Möglichkeiten einer Berufung zu öffnen, die dann in die eine, persönliche und endgültige Berufung einmünden.

Mit anderen Worten: für eine korrekte Berufspastoral ist es unerläblich, eine gewisse Stufung zu beachten und ausgehend von den fundamentalen und universalen Werten (das höchste Gut des Lebens) und von jenen Wahrheiten, die für alle gleich sind (das Leben ist ein empfangenes Gut und will von Natur aus ein Gut sein, das weitergeschenkt wird), zu einer zunehmend persönlicheren und konkreteren, gläubigen und geoffenbarten Klärung der Berufung zu gelangen.

Auf der rein pädagogischen Ebene ist es zunächst wichtig, zum Sinn des Lebens und zur Dankbarkeit dafür zu erziehen, um dann jenes grundlegende Bewubtsein der Verantwortung gegenüber der Existenz zu vermitteln. Dieses verlangt von sich heraus nach einer konsequenten Antwort seitens des einzelnen im Sinne der selbstlosen Hingabe. Von hier aus gelangt man zur Transzendenz Gottes, des Schöpfers und Vaters.

Nur an dieser Stelle ist eine so starke und radikale Einladung (die christliche Berufung hat immer so zu sein) möglich und überzeugend, wie die Hingabe an Gott in einem priesterlichen oder geweihten Leben sie darstellt.

d) Die Berufungspastoral ist allgemein und spezifisch

Die Berufungspastoral geht notwendigerweise von einem weiten Begriff der Berufung aus (und ist demzufolge auch Anruf an alle), um sich dann einzugrenzen und zu verdeutlichen, je nach der Berufung des einzelnen. In solchem Sinn ist die Berufspastoral zunächst allgemein, dann spezifisch. Sie ist dies innerhalb einer Stufenordnung, die man vernünftigerweise nicht umkehrt und die gewöhnlich von einer verfrühten Einladung, die ohne jede schrittweise Katechese zu einer speziellen Berufungsform hinführt, abrät.

Andererseits und immer kraft dieser Ordnung beschränkt sich die Berufspastoral nicht auf eine allgemeine Betonung des Sinns der Existenz, sondern sie drängt auf ein persönliches Betroffenseins innerhalb einer ganz bestimmten Lebenswahl. Es besteht kein Zwiespalt und noch weniger ein Gegensatz zwischen einem Anruf, der die gemeinsamen und die Existenz begründenden Werte herausstellt, und einem Anruf in den Dienst des Herrn »nach dem Mab der empfangenen Gnade«.

Der Animator einer Berufung wie auch jeder Erzieher im Glauben darf sich nicht scheuen, mutige und vorbehaltslose Entscheidungen vorzuschlagen, selbst wenn sie schwierig und zeitfremd zu sein scheinen. Darum gilt: wenn jeder Erzieher auch Berufsanimator ist, dann ist jeder Berufsanimator auch Erzieher, und zwar Erzieher zu jeder Berufung, unter Berücksichtigung des jeweiligen Charismas. Jede Berufung ist an die andere gebunden, ja setzt diese voraus und regt sie an, während alle zusammen auf die gleiche Quelle verweisen und auf dasselbe Ziel: die Heilsgeschichte. Aber jede Berufung hat ihre eigene Weise.

Der echte Erzieher zur Berufung zeigt nicht nur die Unterschiede zwischen der einen oder anderen Berufung auf unter Berücksichtigung der verschiedenen Neigungen in den einzelnen Berufenen, sondern er läbt jene »höchsten Möglichkeiten«, d.h. der Radikalität und Selbsthingabe durchscheinen, die für jede Berufung offen stehen und ihr innewohnen.

In ganzer