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APOSTOLISCHE REISE NACH RIO DE JANEIRO
EUCHARISTIEFEIER ZUM ABSCHLUSS DES «Aterro do Flamengo» (Rio de Janeiro) - Sonntag, 5. Oktober 1997
1.»Der Herr segne uns alle Tage unseres Lebens« (Antwortpsalm, vgl.
Ps 128 [127], 5). Ich danke Gott, daß er mir gewährt hat, mich erneut mit euch zu treffen,
Familien der ganzen Welt, um feierlich zu bestätigen, daß ihr »die Hoffnung der
Menschheit« seid! Das erste Welttreffen mit den Familien fand 1994 in Rom statt. Das zweite hat
heute seinen Abschluß in Rio de Janeiro. Herzlich danke ich Kardinal Eugenio de
Araujo Sales für seine Einladung, wie ich auch allen Bischöfen und
brasilianischen Obrigkeiten danke, die zum Erfolg dieses großen Ereignisses
beigetragen haben. Wir sind hier aus verschiedenen Ländern und aus verschiedenen
Kirchen zusammengekommen, nicht nur aus Brasilien und Lateinamerika, sondern aus
allen Kontinenten, um alle zusammen dieses Gebet zu Gott zu erheben: »Der Herr
segne uns alle Tage unseres Lebens!« In der Tat ist die Familie ja die besondere und zugleich grundlegende Liebes-
und Lebensgemeinschaft, auf der alle übrigen Gemeinschaften und Gesellschaften
beruhen. Wenn wir darum den Segen des Höchsten für die Familien erflehen, bitten
wir zugleich für alle diese großen Gemeinschaften, die wir vertreten. Wir bitten
für die Zukunft der Völker und Staaten wie auch für die Zukunft der Kirche und
der Welt. Durch die Familie ist in der Tat die ganze menschliche Existenz auf die
Zukunft hin orientiert. In der Familie kommt der Mensch zur Welt, wächst er auf
und kommt er zur Reife. In ihr wird er zu einem immer reiferen Bürger seines
Landes und einem immer bewußteren Glied der Kirche. Die Familie ist auch die
erste und grundlegende Umwelt, in der jeder Mensch seine menschliche und
christliche Berufung wahrnimmt und verwirklicht. Kurz, die Familie ist eine
Gemeinschaft, die durch keine andere zu ersetzen ist. Das wird auch in den
Lesungen der heutigen Liturgiefeier sichtbar. 2.Vor dem Messias erscheinen die Vertreter der jüdischen Orthodoxie, die
Pharisäer, um ihn zu fragen, ob es dem Mann erlaubt ist, seine Frau aus der Ehe
zu entlassen. Christus seinerseits fragt, was Mose vorgeschrieben hat. Sie
antworten, daß Mose erlaubt hat, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die
Frau aus der Ehe zu entlassen. Aber Christus sagt zu ihnen: »Nur weil ihr so
hartherzig seid, hat Mose euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung
aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und
Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr
zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht
trennen!« (Mk 10, 5-9). Christus bezieht sich auf den Anfang. Diesen Anfang enthält das Buch Genesis,
worin die Erschaffung des Menschen beschrieben wird. Wie wir im ersten Kapitel
dieses Buches lesen, erschuf Gott den Menschen als sein Abbild, als Mann und
Frau schuf er sie (vgl. Gen 1,27), und er sprach zu ihnen: »Seid
fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen
1,28). Nach dem zweiten Schöpfungsbericht, den uns die erste Lesung der heutigen
Liturgie bietet, wurde die Frau aus dem Mann erschaffen. So sagt die Schrift:
»Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so daß er
einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloß ihre Stelle mit Fleisch. Gott,
der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und
führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von
meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen; vom Mann ist
sie genommen. Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine
Frau, und sie werden ein Fleisch« (Gen 2,21-24). 3. Die Sprache bedient sich der anthropologischen Kategorien der alten Welt,
aber sie ist von außerordentlicher Tiefe: auf ganz außergewöhnliche Weise drückt
sie die wesentlichen Wahrheiten aus. Alles, was durch menschliche Reflexion und
wissenschaftliche Erkenntnis später entdeckt wurde, hat nur bestätigen können,
was hier schon in der Wurzel vorhanden war. Das Buch Genesis zeigt vor allem die kosmische Dimension der Schöpfung auf.
Das Erscheinen des Menschen geschieht innerhalb des ungeheuren kosmischen
Horizonts der gesamten Schöpfung: Nicht durch Zufall findet es am letzten Tag
der Erschaffung der Welt statt. Der Mensch tritt in das Werk des Schöpfers in
dem Augenblick ein, in welchem alle Vorbedingungen für seine Existenz gegeben
sind. Der Mensch ist eines der sichtbaren Geschöpfe; gleichzeitig aber heißt es
in der Heiligen Schrift, daß nur er »als Abbild Gottes« erschaffen wurde. Diese
wunderbare Verbindung von Körper und Geist bildet etwas endgültig Neues im
Schöpfungsprozeß. Mit dem menschlichen Sein öffnet sich die ganze Pracht der
sichtbaren Schöpfung für die Dimension des Geistigen. Verstand und Wille,
Erkenntnis und Liebe - das alles tritt im Augenblick der Erschaffung des
Menschen in den sichtbaren Kosmos ein. Und gerade dadurch wird von Anfang an
offenkundig, daß das körperliche und das geistige Leben einander durchdringen.
So verläßt der Mann seinen Vater und seine Mutter und bindet sich an seine Frau,
und sie werden ein einziges Fleisch. Dieses eheliche Einswerden ist zugleich im
Erkennen und in der Liebe verwurzelt, das heißt in der geistigen Dimension. Das Buch Genesis sagt das alles in einer ihm eigenen Sprache, die zugleich
wunderbar einfach und erschöpfend ist. Der Mann und die Frau, die zum Leben im
kosmischen Schöpfungsprozeß berufen sind, erscheinen an der Schwelle ihrer
Berufung als Träger der Zeugungsfähigkeit im Zusammenwirken mit Gott, der
unmittelbar die Seele jedes neuen Menschenwesens erschafft. In gegenseitiger
Erkenntnis und Liebe und gleichzeitig durch die körperliche Vereinigung werden
sie Wesen ins Leben rufen, die ihnen ähnlich sind und die, ebenso wie sie
selbst, als »Abbild Gottes« geschaffen sind. Sie werden das Leben an ihre
eigenen Kinder weitergeben, wie sie selbst es von ihren Eltern empfangen haben.
Das ist die einfache und zugleich großartige Wahrheit über die Familie, wie sie
sich aus den Seiten des Buches Genesis und des Evangeliums ergibt: Nach dem Plan
Gottes ist die Ehe - die unauflösliche Ehe - das Fundament einer gesunden und
verantwortlichen Familie. 4. Mit wenigen, aber einprägsamen Zügen beschreibt Christus im Evangelium den
ursprünglichen Plan des Schöpfergottes. Auch die in der zweiten Lesung
verkündete Stelle aus dem Brief an die Hebräer berichtet: »Es war angemessen,
daß Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit
führen wollte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete. Jesus, der
heiligt, und die Menschen, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab«
(vgl. Hebr
2,10-11). Die Erschaffung des Menschen hat also ihr Fundament im ewigen Wort
Gottes. Gott rief alles ins Dasein durch das Wirken des Wortes, des ewigen
Sohnes, durch den alles erschaffen wurde. Auch der Mensch wurde durch dieses
Wort erschaffen, und er wurde als Mann und Frau erschaffen. Der Ehebund hat
seinen Ursprung im ewigen Wort Gottes. In Ihm wurde die Familie erschaffen. In
Ihm wurde die Familie von Ewigkeit her in den Gedanken Gottes ersonnen, bedacht
und verwirklicht. Durch Christus erhält sie ihren sakramentalen Charakter, ihre
Heiligung. Der Text des Briefes an die Hebräer erinnert daran, daß die Heiligung der
Ehe, wie die jeder anderen menschlichen Wirklichkeit, durch Christus geschah, um
den Preis seines Leidens und seines Kreuzes. Er offenbart sich hier als der neue
Adam. Wenn es gewiß ist, daß wir der Ordnung der Natur nach alle von Adam
abstammen, so geht uns allen in der Ordnung der Gnade und der Heiligung Christus
voraus. Die Heiligung der Familie hat ihre Quelle im sakramentalen Charakter der
Ehe. Er, der heiligt - das ist Christus -, und alle, die geheiligt werden sollen -
ihr, Väter und Mütter, ihr, Familien -, stellt euch gemeinsam dem Vater vor mit
dieser inständigen Bitte, daß er das segnen möge, was er im Sakrament der Ehe in
euch gewirkt hat. In dieses Gebet sind alle Eheleute und alle Familien
eingeschlossen, die auf der Erde leben. Gott, der einzige Schöpfer des Alls, ist
ja die Quelle des Lebens und der Heiligkeit. 5. Eltern und Familien der ganzen Welt, laßt mich euch sagen: Gott beruft
euch zur Heiligkeit! Er selbst hat uns in Christus »erwählt vor der Erschaffung
der Welt« - sagt uns der hl. Paulus -, »damit wir heilig und untadelig leben vor
Gott« (Eph 11,4). Er liebt euch über die Maßen, er will euer Glück. Aber
er will, daß ihr immer das Treusein mit dem Frohsein zu verbinden wißt, denn das
eine kann man nicht ohne das andere haben. Laßt nicht zu, daß eine hedonistische
Mentalität, ehrgeizige Bestrebungen und Egoismus in euer Heim eindringen. Seid
Gott gegenüber großmütig. Ich kann nicht umhin, noch einmal in Erinnerung zu
rufen, daß die Familie »in ihrem Sein und Handeln als innige Liebes- und
Lebensgemeinschaft im Dienst an Kirche und Gesellschaft steht« (vgl.
Familiaris consortio, 50). Die von Gott gesegnete, von Glauben, Hoffnung und
Liebe erfüllte gegenseitige Hingabe wird beide Ehegatten zur Vollkommenheit und
gegenseitigen Heiligung gelangen lassen. Sie wird, mit anderen Worten, der Kern
für die Heiligung der eigenen Familie sein und der Ausbreitung des
Evangelisierungswerkes in jedem christlichen Haus dienen. Liebe Brüder und Schwestern, was für eine große Aufgabe habt ihr vor euch!
Ihr sollt Frieden und Freude mitten in die Familie hineintragen. Die Gnade
erhöht und vervollkommnet die Liebe, und mit ihr verleiht sie euch die
notwendigen Familientugenden: Demut, Dienst- und Opferbereitschaft, Eltern- und
Kindesliebe, Ehrerbietung und gegenseitiges Verstehen. Und da ja das Gute sich
ausbreiten will, so ist es auch mein Wunsch, daß euer Anschluß an die
Familienpastoral euch, soweit immer möglich, dazu ansporne, großzügig die Gabe,
die in euch ist, weiterzuschenken, zuerst an eure Kinder, dann an solche
Familien - vielleicht Verwandte oder Freunde -, die Gott fernstehen oder die
gerade Zeiten des Unverstandenseins oder des Zweifels durchmachen. Auf dem Weg
zum Jubiläum des Jahres 2000 lade ich alle, die mich hören, ein zu dieser
Stärkung des Glaubens und des Zeugnisses als Christen, damit es durch die
Gnade Gottes eine wirkliche Umkehr und persönliche Erneuerung im Schoß der
Familien der ganzen Welt gebe (vgl.
Tertio Millennio adveniente, 42). Möge der Geist der Heiligen
Familie von Nazaret in allen christlichen Familien herrschen! Familien Brasiliens, Lateinamerikas und der ganzen Welt, der Papst und die
Kirche setzen ihre Zuversicht in euch. Habt Vertrauen: Gott ist mit uns! |