1. Meinen herzlichen Gruß entbiete ich euch allen, liebe
katholische Ärzte, die ihr zusammen mit euren Familienangehörigen nach Rom
gekommen seid, um an dem internationalen Kongreß teilzunehmen, der vom Verein
katholischer Ärzte Italiens, vom Europäischen Verband katholischer
Ärztevereinigungen und von der Internationalen Föderation katholischer
Ärztevereinigungen organisiert wurde. Der Hauptzweck eures Zusammentreffens in
der Ewigen Stadt ist es, eure Heiligjahrfeier zu begehen. Ich wünsche euch von
Herzen, daß ihr, gestärkt durch diese vorgesehene geistliche Rast, eine mutige
Erneuerung eures Zeugnisses für das Evangelium auf dem so wichtigen Gebiet der
Medizin und der Sanitätstätigkeit vorzunehmen vermögt.
Alle grüße ich euch mit Zuneigung, beginnend mit dem Erzbischof
von Genua, Dionigi Kardinal Tettamanzi, und den Professoren Domenico Di
Virgilio, Paul Deschepper und Gian Luigi Gigli, den jeweiligen Präsidenten der
eben genannten Organisationen. Ich grüße sodann die Priester Feytor Pinto und
Valentin Pozaic zusammen mit den hier anwesenden kirchlichen Assistenten.
Mein Gruß geht ferner an Erzbischof Javier Lozano Barragán, den
Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst: Dieser
Einrichtung habe ich die Aufgabe anvertraut, die von der Internationalen
Föderation katholischer Ärztevereinigungen geleistete Bildungs-, Studien- und
Veranstaltungstätigkeit besonders im Rahmen des Jubiläumsjahres zu fördern und
zu unterstützen.
Besonderen Dank spreche ich schließlich Prof. Domenico Di
Virgilio aus, der eure gemeinsamen Empfindungen schön zusammengefaßt und eure
treue Verbundenheit mit der Kathedra Petri zum Ausdruck gebracht hat.
2. Das für euren Kongreß gewählte Thema »Medizin und
Menschenrechte« ist von hoher Bedeutung nicht nur wegen des darin ausgedrückten
kulturellen Bemühens, den Fortschritt der Medizin mit den ethischen und
rechtlichen Erfordernissen der menschlichen Person in Einklang zu bringen,
sondern auch wegen der ihm zukommenden Aktualität aufgrund tatsächlicher oder
möglicher Verletzungen des Grundrechtes auf Leben, auf dem jedes weitere Recht
der Person beruht.
Bei der Tätigkeit, die ihr ausübt, vollbringt ihr jeden Tag
einen vornehmen Dienst am Leben. Eure Sendung als Ärzte bringt euch täglich in
Berührung mit der geheimnisvollen und erstaunlichen Wirklichkeit des
menschlichen Lebens; sie veranlaßt euch, die Last von Leiden und Hoffnungen
vieler Brüder und Schwestern auf euch zu nehmen. Bleibt beharrlich bei dieser
eurer hochherzigen Hingabe, und bemüht euch besonders um die Alten, die Kranken
und die Behinderten.
Ihr erfaßt ganz aus der Nähe, daß ärztliche Behandlung und
technische Mittel in eurem Beruf nicht genügen, und seien sie auch mit
vorbildlicher beruflicher Fachkenntnis angewandt. Man muß in der Lage sein, dem
Kranken auch jene geistige Medizin zu bieten, die in der Wärme wahrhaft
menschlichen Kontakts besteht. Sie ist imstande, dem Patienten die Liebe zum
Leben zurückzugeben, ihn anzuregen, dafür mit einer inneren Kraft zu kämpfen,
die manchmal entscheidend für die Genesung ist.
Dem Kranken muß geholfen werden, nicht nur das physische
Wohlbefinden, sondern auch das psychische und moralische wiederzuerlangen. Das
setzt beim Arzt neben der fachlichen Kompetenz eine Haltung liebender Sorge
voraus, die sich am Bild des guten Samariters im Evangelium inspiriert.
Gegenüber jedem leidenden Menschen ist der katholische Arzt aufgerufen, Zeuge
für jene höheren Werte zu sein, die ihr festes Fundament im Glauben haben.
3. Liebe katholische Ärzte, ihr wißt wohl, daß es eure
unabdingbare Sendung ist, das Leben jedes Menschenwesens vom Anbeginn bis zum
natürlichen Ende zu schützen, zu verteidigen und zu lieben. Heute leben wir
leider in einer Gesellschaft, in der oft sowohl eine Abtreibungskultur
vorherrscht, die zur Verletzung des Grundrechts auf Leben des Empfangenen führt,
als auch eine Auffassung von der Autonomie des Menschen, die sich in der
Forderung nach Euthanasie als Selbstbefreiung aus einer aus irgendeinem Grund
beschwerlich gewordenen Lage ausdrückt.
Ihr wißt, daß es für einen Katholiken niemals erlaubt ist, zum
Komplizen eines angeblichen Rechtes auf Abtreibung oder Euthanasie zu werden.
Die Gesetzgebung, die solche Verbrechen begünstigt, kann, da sie in sich
unmoralisch ist, keinen moralischen Imperativ für den Arzt darstellen, der für
sich mit gutem Recht eine Weigerung aus Gewissensgründen in Anspruch nehmen
wird. Der in den letzten Jahren verzeichnete große Fortschritt bei der
palliativen Schmerzbehandlung gestattet es, bei schwierigen Situationen von
Kranken im Endstadium des Lebens in angemessener Weise Abhilfe zu schaffen.
Den vielfachen, besorgniserregenden Formen von Angriffen auf die
Gesundheit und das Leben muß jedermann, der die Rechte des Menschen wahrhaft
achtet, mutig entgegentreten. Ich denke an das Zerstören, die Leiden und das
Töten, die aufgrund von blutigen Konflikten und Bürgerkriegen ganze
Bevölkerungen in Mitleidenschaft ziehen. Ich denke an die Epidemien und
Krankheiten, die sich unter den Volksmassen ausbreiten, die gezwungen sind, ihre
Heimat auf der Flucht ins Ungewisse zu verlassen. Wie soll man unbeteiligt
bleiben angesichts der erschütternden Szene der Kinder und Alten, die untragbare
Situationen der Beschwernis und des Leidens erleben, zumal wenn ihnen selbst das
Grundrecht auf sanitäre Betreuung verweigert wird!
Ein weites Feld des Einsatzes tut sich vor euch auf, liebe
katholische Ärzte. Und meine herzliche Anerkennung spreche ich allen unter euch
aus, die sich mutig entschließen, ein wenig von ihrer Zeit den Menschen zu
widmen, die sich in Situationen so großer Not befinden. Die missionarische
Mitarbeit im Sanitätsbereich stößt seit jeher auf eine verbreitete Sensibilität,
und ich wünsche von Herzen, daß ein so hochherziger Dienst an der leidenden
Menschheit weiter zunehme.
4. Während wir ins dritte Jahrtausend eintreten, haben Männer
und Frauen besonders in den ärmsten Ländern weiterhin keinen Zugang zu den für
ihre Gesundheit lebensnotwendigen sanitären Dienstleistungen und Medikamenten.
Viele Brüder und Schwestern sterben jeden Tag an Malaria, Aussatz, Aids
bisweilen unter der allgemeinen Gleichgültigkeit derer, die ihnen Hilfe leisten
könnten oder sollten. Euer Herz sei für diese schweigenden Appelle empfänglich!
Eure Aufgabe ist es, liebe Mitglieder der katholischen Ärztevereinigungen, euch
dafür einzusetzen, daß das primäre Recht auf die nötigen Mittel für die Pflege
der Gesundheit, und folglich eine angemessene sanitäre Betreuung, für jeden
Menschen Wirklichkeit werde, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung
und Wirtschaftslage.
Unter euch sind Forscher auf dem Gebiet der Biomedizin, die von
ihrer Natur her auf Fortschritt, Entwicklung und Verbesserung der Gesundheits-
und Lebensbedingungen der Menschheit ausgerichtet ist. Auch an sie richte ich
einen dringenden Appell, großherzig ihren Beitrag zu leisten, um für die
Menschheit bessere Bedingungen zur Gesundheit zu sichern, und dabei stets die
Würde und Unantastbarkeit des Lebens zu achten. Denn nicht immer ist alles, was
wissenschaftlich machbar ist, auch moralisch annehmbar.
Wenn ihr nun in eure jeweiligen Länder heimkehrt, nehmt ihr den
Wunsch mit, mit neuem Schwung eure Tätigkeit in der Aus- und Weiterbildung
fortzusetzen: nicht nur in den zu eurem Beruf gehörenden Disziplinen, sondern
auch in dem, was Theologie und Bioethik betrifft. Mehr denn je ist es –
besonders in den Ländern, wo junge Kirchen bestehen – wichtig, für die
professionelle und ethisch-geistige Formung von Ärzten und Sanitätspersonal zu
sorgen, da diese nicht selten vor schwere Notfälle gestellt sind, die fachliche
Kompetenz und eine angemessene Vorbereitung auf moralischem und religiösem
Gebiet erfordern.
5. Liebe katholische Ärzte, euer Kongreß wurde treffenderweise
im Rahmen des Großen Jubiläums angesetzt, in der günstigen Zeit für die
persönliche Umkehr zu Christus und zum Öffnen des Herzens für die Mitmenschen in
Not. Die Frucht der Heiligjahrfeier bestehe für euch in tieferer Achtsamkeit
gegenüber dem Nächsten, großherzigem Teilen von Wissen und Erfahrung sowie einem
wahren Geist der Solidarität und christlichen Liebe.
Die allerseligste Muttergottes, »Salus infirmorum« [Heil
der Kranken], stehe euch in eurer komplexen und notwendigen Sendung bei. Vorbild
sei euch der hl. Giuseppe Moscati, damit euch nie die Kraft fehle, das
»Evangelium vom Leben« mit Konsequenz, unantastbarer Ehrenhaftigkeit und
absoluter Rechtschaffenheit zu bezeugen.
Indem ich euch erneut für euren Besuch danke, rufe ich auf euch,
eure Familienangehörigen und alle, denen euer Wirken gilt, das stete Wohlwollen
des Herrn herab und erteile euch von Herzen einen besonderen Apostolischen
Segen.