Liebe Berliner,
meine Damen und Herren!
1. Es ist die Stunde des Abschieds und für mich ein zutiefst bewegender
Augenblick, in den heutigen Abendstunden mit Ihnen hier am Brandenburger Tor im
Herzen Berlins zusammentreffen zu können.
Lassen Sie mich beginnen mit einem vielfachen Dank. Mein Dank gilt zuerst dem
Herrn Bundespräsidenten für seine Einladung, Deutschland zu besuchen. Die
überaus freundlichen Worte, mit denen er mich am Freitag bei meiner Ankunft auf
dem Flughafen Paderborn/Lippstadt willkommen geheißen, und die Herzlichkeit, mit
der er mich heute morgen auf Schloß Bellevue hier in der Bundeshauptstadt
empfangen hat, haben mich unter Ihnen wie zu Hause fühlen lassen.
Herr Bundeskanzler, ich bin sehr glücklich über Ihre Anwesenheit. Sie sind der
Baumeister der neugewonnenen Einheit Ihres Volkes. Sie haben die
weltgeschichtliche Chance genutzt, siebzehn Millionen Landsleuten die Freiheit
zu erringen und die Einheit des deutschen Volkes zu vollenden. Sie haben es
gewagt, den Menschen Ihres Landes um der Einheit in Freiheit willen nicht
geringe Opfer zuzumuten. Möge Gott Ihnen und Ihrem deutschen Vaterland die Kraft
geben, dieses Werk zu vollenden.
Mein aufrichtiger Dank geht ebenso an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, der
Sie mit dem Herrn Bundeskanzler so bedenkenswerte Worte an uns alle gerichtet
haben. Ferner begrüße ich die Präsidentin des Deutschen Bundestages sowie den
Parlamentspräsidenten von Berlin, die Mitglieder der Bundesregierung, des
Berliner Senats sowie die Damen und Herren Abgeordneten des Deutschen
Bundestages und des Parlamentes von Berlin.
Mein inniger Dank gilt dem deutschen Episkopat, euch, meinen Mitbrüdern im
Bischofsamt, die Ihr diese Reise wesentlich mitgestaltet habt. Für euch ist
diese Reise auch eine Reise dessen,
– der im Auftrag Christi, des Hauptes
der Kirche, die Gläubigen aufsucht, um sie im Glauben zu stärken und zu
ermutigen,
– der mit den Sprechern der getrennten Schwestern und Brüder
zusammentrifft, um die Suche nach der Einheit zu vertiefen,
– der den
Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in diesem Land begegnet, um ihnen
nochmals die Hochachtung der katholischen Kirche zum Ausdruck zu bringen,
–
der allen Menschen nichts anderes als die befreiende Botschaft des Evangeliums
verkündigen möchte und die Erkenntnis Jesu Christi, die alles übertrifft (vgl.
Phil 3,8).
Eure Nähe, liebe Brüder im Bischofsamt, erfüllt mich mit Zuversicht: Es ist die
Sendung des einen Herrn, die euch und mich beseelt, es ist die eine Liebe, die
euch und mich erfüllt: daß nämlich die Botschaft von der Liebe Gottes, die vor
dem Kreuz nicht zurückschreckte, die Herzen aller Menschen erreicht und sie in
selbstloser Liebe antworten läßt.
Mein Dank geht insbesondere an meine Mitbrüder Georg Maximilian Kardinal
Sterzinsky und Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, deren Erzdiözesen ich
besuchen durfte. Danken möchte ich ferner dem Herrn Vorsitzenden eurer
Bischofskonferenz für die sehr herzlichen Worte zum Abschied.
An dieser Stelle danke ich all denen, die diesen Besuch in mühevoller und
sorgfältiger Arbeit vorbereitet, und denen, die den reibungslosen Ablauf
gewährleistet haben, sowie den Mitarbeitern der Medien, die ihn begleitet haben.
Die Berliner und die Deutschen haben mich bei diesem Besuch ihre Verbundenheit
und Nähe spüren lassen. Ihnen allen sage ich meinen herzlichsten Dank.
2. Es war von allem Anfang an mein aufrichtiger Wunsch, bei diesem
Pastoralbesuch in Deutschland auch nach Berlin zu kommen. Zunächst wollte ich
natürlich den Gläubigen dieses Erzbistums begegnen, die wie alle Berliner die
schmerzvolle Spaltung ihrer Stadt über Jahrzehnte erdulden mußten und trotzdem
sich nicht haben beirren lassen und in innerer Verbundenheit und Solidarität
erfuhren, daß die Macht der Gewalt und des Zwanges, der Mauern und des
Stacheldrahtes die Herzen der Menschen nicht auseinanderreißen konnte.
Nirgendwo sonst haben sich während der gewaltsamen Teilung Ihres Landes die
Sehnsüchte nach Einheit so sehr mit einem Bauwerk verbunden wie hier. Das
Brandenburger Tor wurde von zwei deutschen Diktaturen besetzt. Den
nationalsozialistischen Gewaltherrschern diente es als imposante Kulisse für
Paraden und Fackelzüge, und von den kommunistischen Tyrannen wurde dieses Tor
mitten in dieser Stadt zugemauert. Weil sie Angst vor der Freiheit hatten,
pervertierten die Ideologen ein Tor zur Mauer. Gerade an dieser Stelle Berlins,
die zugleich zur Nahtstelle Europas wurde, zur unnatürlichen Schnittstelle
zwischen Ost und West, gerade an dieser Stelle offenbarte sich für alle Welt
sichtbar die grausame Fratze des Kommunismus, dem die menschlichen Sehnsüchte
nach Freiheit und Frieden suspekt sind. Vor allem aber fürchtet er die Freiheit
des Geistes. Auch sie wollten die braunen und roten Diktatoren zumauern.
3. Menschen waren durch Mauern und tödliche Grenzen voneinander getrennt. Und in
dieser Situation wurde das Brandenburger Tor im November 1989 Zeuge davon, daß
Menschen das Joch der Unterdrückung abschüttelten und zerbrachen. Das
geschlossene Brandenburger Tor stand da wie ein Symbol der Trennung; als es
endlich geöffnet wurde, wurde es zum Symbol der Einheit und zum Zeichen dafür,
daß die Forderung des Grundgesetzes nach Vollendung der Einheit und Freiheit
Deutschlands in freier Selbstbestimmung erfüllt ist. So kann man zu Recht sagen:
Das Brandenburger Tor ist zum Tor der Freiheit geworden.
An diesem so geschichtsträchtigen Ort fühle ich mich veranlaßt, an Sie alle, die
Sie hier anwesend sind, an das deutsche Volk, an Europa – das auch zur Einheit
in Freiheit gerufen ist –, an alle Menschen guten Willens einen dringenden
Appell für die Freiheit zu richten. Möge dieser Appell auch jene Völker
erreichen, denen bis heute das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird, jene
nicht wenigen Völker – es sind sogar viele –, bei denen die Grundfreiheiten der
Person – die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die politische Freiheit –nicht
gewährleistet sind.
4. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.
Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein
Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits
den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet.
Sonst hat seine Freiheit keinen festeren Bestand als ein schöner Traum, der beim
Erwachen zerbricht. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, sondern ist
Geschöpf Gottes; er ist nicht Herr über sein Leben und über das der anderen; er
ist – will er in Wahrheit Mensch sein – ein Hörender und Horchender: Seine freie
Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und dauerhaft entfalten, wenn sie auf
der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben ist, als unzerbrechlichem Fundament
gründet. Dann wird der Mensch sich verwirklichen, ja über sich hinauswachsen
können. Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.
5. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.
Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo
Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind – in dem Wissen um
die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und
den Menschen. Da – und nur da –, wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und
in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die
Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller
anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld
begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich selbst sich
für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. In Solidarität gelebte
Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz für Gerechtigkeit im politischen
und sozialen Bereich und lenkt den Blick auf die Freiheit. – Es gibt keine
Freiheit ohne Solidarität.
6. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.
Die Freiheit ist ein überaus kostbares Gut, das einen hohen Preis verlangt.
Sie verlangt Hochherzigkeit, und die schließt Opferbereitschaft mit ein; sie
verlangt Wachsamkeit und Mut gegenüber den Kräften, die sie von innen oder von
außen bedrohen. In der Haltung der Opferbereitschaft sind im alltäglichen Leben
viele Menschen mit Selbstverständlichkeit zu Verzicht bereit – in der Familie
oder unter Freunden. Opfer für die Freiheit bringen die, die für die
Verteidigung nach innen oder nach außen Nachteile in Kauf nehmen, die anderen
erspart bleiben – bis hin zu Gefahren für Leib und Leben. Keiner kann sich von
seiner persönlichen Verantwortung für die Freiheit dispensieren. Es gibt keine
Freiheit ohne Opfer.
7. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.
Berlin ist eine zutiefst lebendige und in vielerlei Hinsicht kreative Stadt.
In ihrer unübersehbaren Internationalität treffen hier vielfältige Traditionen
und Lebensformen aufeinander. Berlin ist eine anerkannte Stadt der Kultur und
der Kunst, des Filmes und der Museen, ein Ort des Austausches und der
Vermittlung. Mir liegt sehr viel an der Aussagekraft dieser Formen menschlicher
Kultur, ist es doch die Gabe, mit unseren Kräften die göttliche Schöpfung
weiterzuführen und zu konkretisieren. Ich rufe daher alle Künstler und
Wissenschaftler auf, ihre Gaben zum konstruktiven Aufbau einer umfassenden
»Zivilisation der Liebe«, wie ich es nach meinem Vorgänger Paul VI. gelegentlich
genannt habe, zu nutzen, einer Zivilisation, »die auf den universellen Werten
des Friedens, der Solidarität, der Gerechtigkeit und der Freiheit gegründet ist.
Die ›Seele‹ der Zivilisation der Liebe ist die Kultur der Freiheit, die Freiheit
des einzelnen und die Freiheit der Nationen, die in einer selbstgegebenen
Solidarität und Verantwortung gelebt werden kann« (Ansprache vor der
UNO-Vollversammlung, 5.10.1995,18).
Wenn einer die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der Freiheit.
In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los, weil ihm am
anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen gelingt. So fallen die
Schranken der Selbstbezogenheit und so findet man die Freude am gemeinsamen
Einsatz für höhere Ziele. Achtet die unantastbare Würde eines jeden Menschen,
vom ersten Moment seiner irdischen Existenz bis hin zum letzten Atemzug!
Erinnert euch immer wieder an die Erkenntnis die euer Grundgesetz allen anderen
Erklärungen voranstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Befreit euch
zur Freiheit in Verantwortung! Öffnet die Tore für Gott!
Das neue Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein
freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete Fenster,
durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen kann. Europa
braucht nicht zuletzt deshalb überzeugte Türöffner, also Menschen, die die
Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung. Nicht nur Deutschland,
sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen Beitrag der Christen.
Den Berlinern und allen Deutschen, denen ich dankbar bin für die friedliche
Revolution des Geistes, die zur Öffnung dieses Brandenburger Tores führte, rufe
ich zu: Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für euch und alle
Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der
Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung
eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe.
Der Mensch ist zur Freiheit berufen. – Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören,
verkündige ich: Die Fülle und die Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen
Namen: Jesus Christus. Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die Tür.
In ihm ist den Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit und des
Lebens.
Er ist der, der den Menschen wirklich frei macht, indem er die Finsternis aus
dem menschlichen Herzen vertreibt und die Wahrheit aufdeckt. Er vollendet seinen
Weg als unser Bruder und seine Solidarität mit uns in der Hingabe seines Lebens
für uns. So befreit er uns von Sünde und Tod. Er läßt uns in unserem Nächsten
sein eigenes Angesicht, das Gesicht des wahren Bruders, erkennen. Er zeigt uns
das Antlitz des Vaters und wird für alle das Band der Liebe.
Christus ist unser Erlöser, ist unsere Freiheit.
8. Der Tag neigt sich dem Abend zu. Aber wir bewahren in unseren Herzen das
Licht, dessen wir uns heute haben erfreuen dürfen. Und wir bleiben eins in der
Hoffnung, die uns beseelt. Vor meiner Rückkehr nach Rom lade ich Sie herzlich
ein zu einem Wiedersehen in der Ewigen Stadt beim Großen Jubiläum des Jahres
2000.
Gott segne Berlin, Gott beschütze Deutschland!
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