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APOSTOLISCHE REISE NACH NORWEGEN,
ISLAND,
FINNLAND, DÄNEMARK UND SCHWEDEN
ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE DER LUTHERISCHEN KIRCHE DÄNEMARKS
Roskilde (Dänemark)
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Dienstag, 6. Juni 1989
Verehrte Brüder in Christus!
1. Mit großem Dank habe ich die Einladung von Bischof Wiberg und den anderen
dänischen evangelisch-lutherischen Bischöfen zu einer Abendandacht im Roskilder
Dom und zu der Begegnung in diesem traditionsreichen Haus entgegengenommen.
Der Dom von Roskilde, der überreich ist an Andenken aus der Geschichte des
dänischen Volkes, besonders der Kirche und des Königshauses, bringt uns ein
Jahrtausend in Erinnerung, von dem mehr als 500 Jahre von einer ungebrochenen
Einheit im westlichen Christentum geprägt waren und in dem auch die Kirche in
Dänemark noch in voller Einheit mit dem Bischof von Rom lebte.
Dieses Gotteshaus erinnert uns aber auch an ein anderes halbes Jahrtausend, das
von Konflikten zwischen den Christen der Reformation und der
römisch-katholischen Kirche gekennzeichnet war.
Wenn heute der Bischof von Rom zum ersten Mal diesen Ort besucht, dann ist es
meine innige Hoffnung, daß diese Begegnung dazu beitragen möge, einige der
trennenden und zuweilen feindlichen Mauern abzubauen, die im Laufe eines halben
Jahrtausends zwischen uns aufgerichtet worden sind.
Wenn ich Ihnen, sehr verehrte Bischöfe, hier begegne, erbitte ich Ihnen und
Ihrem Dienst für die Christen, für die Sie Verantwortung tragen. Gottes Segen.
Trotz der Verbitterungen, welche die Glaubensspaltung zwischen uns hervorgerufen
hat, trotz aller Verurteilungen, die ausgesprochen worden sind, stelle ich mit
Dankbarkeit und Freude fest, daß wir aufgrund des Gnadengeschenks der Taufe und
der uns von Christus aufgetragenen Verkündigung des Evangeliums durch ein
gemeinsames Erbe weiter miteinander verbunden geblieben sind. So kann ich mit
Dank gegenüber dem Herrn die gleichen Worte an Sie richten, die das II.
Vatikanische Konzil über viele Kirchen und kirchliche Gemeinschaften gesagt hat,
die mit der Kirche von Rom nicht in voller Gemeinschaft stehen. Trotz der
zwischen ihnen und der Katholischen Kirche in Lehre und Disziplin bestehenden
Unterschiede, die wir als Hindernisse für eine volle Gemeinschaft ansehen,
erklärt das Konzil ausdrücklich, daß diese Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften ”nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles sind.
Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu
gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten
Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet“.
2. Nicht nur im Mittelalter, sondern auch nach der Reformation im 16.
Jahrhundert hat das Christentum in der Geschichte und in der Kultur des
dänischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen. Es hat sich immer wieder gezeigt,
daß der Geist Christi weiterhin neues Leben weckt und zur Nachfolge Christi
ermuntert. Es ist bekannt, daß die dänische Literatur von zahlreichen
christlichen Autoren und Dichtern geprägt ist und daß die katholische Tradition
der Kirche – nicht zuletzt auch der alten Kirche im Westen wie im Osten – in den
herrlichen Übersetzungen und Nachdichtungen Grundtvigs Ausdruck gefunden hat.
Aber auch in anderen großen und bekannten christlichen Dichtern wie Kingo,
Brorson und Ingemann erkennt sich die katholische Kirche in ihrer Tradition
wieder – und das in einem solchen Maße, daß die dänischen Katholiken heute viele
Lieder dieser Dichter in ihrem eigenen katholischen Gottesdienst singen.
Ebenso hat das Christentum durch die Verkündigung des Evangeliums im dänischen
Volk, besonders in den letzten Jahrhunderten, zu einer Vertiefung des
Bewußtseins von der Würde und der Unverletzbarkeit des Menschen und seiner
Grundrechte, von der Gewissensfreiheit, der gemeinsamen Verantwortung für das
Gemeinwohl, besonders für die Armen und Benachteiligten, beigetragen. So können
wir auf diesen und vielen anderen Gebieten mit dem Konzil die ”wahrhaft
christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und
hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden“.
3. Seit dem II. Vatikanischen Konzil haben wichtige ökumenische Dialoge
stattgefunden. Das erste der internationalen bilateralen Gespräche nahm seinen
Anfang zwischen der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund. Der
dänische Professor Kristen Skydsgaard, Beobachter beim II. Vatikanischen Konzil,
war einer der Hauptinitiatoren dieses Dialogs.
Diese Gespräche haben die Zusammenarbeit zwischen unseren Kirchen in
mannigfaltiger Weise gefördert. Dennoch dauern auch in der Zeit des ökumenischen
Dialogs erhebliche Hindernisse fort. Viele sehen ein solches in der Person
Martin Luthers und in der Verurteilung mancher seiner Lehren, die die
katholische Kirche seinerzeit ausgesprochen hat. Die Ereignisse um seinen Bann
haben Wunden geschlagen, die nach mehr als 450 Jahren noch nicht geheilt sind
und die sich auch heute nicht durch einen juristischen Akt heilen lassen. Nach
dem Verständnis der römisch-katholischen Kirche hört jede Exkommunikation mit
dem Tode eines Menschen auf, da diese als eine Maßnahme gegenüber einer Person
zu ihren Lebzeiten anzusehen ist. Was wir heute vor allem brauchen, ist eine
gemeinsame neue Bewertung der vielen Fragen, die durch Luther und seine
Verkündigung aufgeworfen worden sind. Eine solche Neubesinnung hat von
katholischer Seite schon begonnen. So habe ich anläßlich der 500-Jahrfeier der
Geburt Martin Luthers feststellen können: ”In der Tat haben die wissenschaftlichen
Bemühungen evangelischer wie katholischer Forscher, die sich in ihren
Ergebnissen inzwischen weitgehend begegnen, zu einem vollständigeren und
differenzierteren Bild von der Persönlichkeit Luthers wie auch von dem
komplizierten Geflecht der historischen Gegebenheiten in Gesellschaft. Politik
und Kirche der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geführt. Überzeugend sichtbar
geworden ist dabei die tiefe Religiosität Luthers, der von der brennenden
Leidenschaft für die Frage nach dem ewigen Heil getrieben war“.
4. Gewisse Anliegen Luthers bezüglich der Reform und der Erneuerung haben bei
den Katholiken in verschiedener Hinsicht Widerhall gefunden; so, wenn das II.
Vatikanische Konzil von der Notwendigkeit dauernder Erneuerung und Reform
spricht: ”Die Kirche wird auf dem Weg ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser
dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und
irdische Einrichtung ist; was also etwa je nach Umständen und Zeitverhältnissen
im sittlichen Leben, in der Kirchenzucht oder auch in der Art der
Lehrverkündigung – die von dem Glaubensschatz selbst genau unterschieden werden
muß – nicht genau genug bewahrt worden ist, muß deshalb zu gegebener Zeit
sachgerecht und pflichtgemäß erneuert werden“. Der Wunsch, das Evangelium neu
zu hören und es glaubwürdig zu bezeugen, der auch in Luther lebte, muß uns dazu
führen, das Gute im anderen zu suchen, Versöhnung zu schenken und überkommene
Feindbilder aufzugeben.
Angesichts der Geschichte unserer Trennung möchte ich die Worte wiederholen, die
ich 1980 bei meinem Pastoralbesuch in der Bundesrepublik Deutschland gesagt
habe: ”Wir wollen uns nicht mehr gegenseitig richtig“. Wir wollen vielmehr
einander unsere Schuld eingestehen. Auch hinsichtlich der Gnade der Einheit
gilt: ”Alle haben gesündigt“. Das müssen wir in allem Ernst sehen und sagen und
unsere Konsequenzen daraus ziehen“. ”Weichen wir den Fakten nicht aus, dann wird
uns bewußt, daß menschliches Verschulden zu der unheilvollen Trennung der
Christen geführt hat und daß unser Versagen immer wieder Schritte zur Einheit
behindert, die möglich und nötig sind“. Wie ich es schon bei früheren
Gelegenheiten gesagt habe, mache ich mir die Worte zu eigen, die Papst Hadrian
VI. 1523 auf dem Reichstag zu Nürnberg gesprochen hat: ”Deshalb müssen wir alle
Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen. Ein jeder von uns soll
betrachten, weshalb er gefallen ist, und sich lieber selbst richten, als daß er
von Gott am Tag des Zorns gerichtet werde“.
Das Petrusamt ist nach katholischem Verständnis von Christus gestiftet worden,
um der Einheit der Christen zu dienen. Wenn der Papst sich mit einer alten
Bezeichnung ”Diener der Diener Gottes“ nennt, so kommt damit zum Ausdruck, daß
dieses Amt in der Nachfolge Jesu Christi steht, ”der nicht gekommen ist, sich
bedienen zu lassen. Sondern zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu
geben“. Mögen alle Schwierigkeiten bezüglich dieses Amtes überwunden werden,
indem es immer deutlicher wird, daß es sein einziges Ziel ist, auf das
Evangelium Jesu Christi und auf die Fülle der Wahrheit hinzuweisen und der
Einheit zu dienen, die er, der Herr der Kirche, begründet hat, als er jede
trennende Scheidewand beseitigte und jede Feindschaft überwand, um alle in einem
Leib zu vereinen und Versöhnung mit Gott durch sein Kreuz zu bewirken.
Lutheraner und Katholiken schmerzt es, daß es unter uns keine gemeinsame
Eucharistie und keine gegenseitige Zulassung zum Tisch des Herrn gibt.
Diesbezüglich hat das Dekret über den Ökumenismus folgendes ausgeführt: ”Man darf
jedoch die Gemeinschaft beim Gottesdienst (communicatio in sacris) nicht als ein
allgemein und ohne Unterscheidung gültiges Mittel zur Wiederherstellung der
Einheit der Christen ansehen. Hier sind hauptsächlich zwei Prinzipien maßgebend:
Die Bezeugung der Einheit der Kirche und die Teilnahme an den Mitteln der Gnade.
Die Bezeugung der Einheit verbietet in den meisten Fällen die
Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in
manchen Fällen“.
Der Weg zum ersehnten Ziel der gemeinsamen Eucharistie in der vollen Einheit
übersteigt die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten. Darum setzt die Kirche mit
dem Konzil ihre ”Hoffnung gänzlich auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die
Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes. ”Die Hoffnung
aber wird nicht zuschanden: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere
Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist““
Der Geist Gottes geleite und führe uns weiter mit seinem Licht auf unserem
gemeinsamen Weg zur vollen Einheit aller Christen in der Liebe und Wahrheit Jesu
Christi.
© Copyright 1989 - Libreria
Editrice Vaticana
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