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PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND
ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II. AN DIE PUBLIZISTEN UND AN DIE KÜNSTLER
München, 19. November 1980
Sehr geehrte Damen und Herren!
Den Künstlern und Publizisten, die anläßlich meines Besuches
aus allen Teilen der Bundesrepublik Deutschland hier nach München gekommen
sind, gilt mein herzlicher Gruß. Ich freue mich, Ihnen begegnen zu dürfen in
dieser Stadt, die schon immer Mittelpunkt der Künste war und die in jüngster
Zeit zu einem bedeutenden Zentrum der Massenmedien geworden ist. Diese unsere
Begegnung soll ein Beitrag zum Gespräch sein zwischen Kirche und Kunst,
zwischen Kirche und Kommunikationsmedien, ein Beitrag zum Gespräch, das lange
Zeit verstummt war oder im Zeichen von Gegensatz und Widerspruch stand. Lassen
Sie mich im folgenden auf einige Verbindungen hinweisen, die zwischen Kirche und
Kunst, Kirche und Publizistik bestehen, und zu einem besseren gegenseitigen
Verstehen und zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit im Dienst am Menschen
beitragen können.
1. Das Verhältnis von Kirche und Kunst in Architektur,
bildender Kunst, Literatur, Theater, Musik hat eine bewegte Geschichte. Ohne die
Bemühungen der Mönchsklöster zum Beispiel wären uns vermutlich kaum die
Schätze antiker griechischer und lateinischer Autoren überliefert worden. Mit
großem Freimut begab sich damals die Kirche in das Gespräch mit der antiken
Literatur und Kultur. Lange Zeit galt die Kirche als Mutter der Künste. Sie war
dies als Auftraggeberin; die Inhalte des christlichen Glaubens bildeten die
Motive und Themen der Kunst. Wie sehr dies zutrifft, erkennt man an einem
einfachen Gedankenexperiment: Man nehme aus der Kunstgeschichte in Europa und in
Deutschland alles weg, was mit religiöser und christlicher Inspiration
zusammenhängt und man wird sehen, wieviel, das heißt wie wenig übrigbleibt.
In den neuzeitlichen Jahrhunderten, am stärksten seit 1800, lockerte
sich die Verbindung von Kirche und Kultur und damit von Kirche und
Kunst. Das geschah im Namen der Autonomie und wurde im Namen einer
fortschreitenden Säkularisierung verschärft. Zwischen Kirche und Kunst
entstand ein Graben, der immer breiter und tiefer wurde. Dies wurde am
offenkundigsten im Bereich der Literatur, des Theaters und später des Films.
Die gegenseitige Entfremdung vermehrte sich durch die Kritik an Kirche und
Christentum, ja an Religion überhaupt. Die Kirche wurde ihrerseits - das ist
einigermaßen verständlich - mißtrauisch gegen den modernen Geist und seine
vielfältigen Ausdrucksgestalten. Dieser Geist galt als glaubens- und
kirchenfeindlich, als offenbarungs- und religionskritisch. Die Haltung der
Kirche war Abwehr, Distanzierung und Widerspruch im Namen des christlichen
Glaubens.
2. Eine grundsätzlich neue Beziehung von Kirche und Welt, von
Kirche und moderner Kultur und damit auch von Kirche und Kunst wurde durch das
Zweite Vatikanische Konzil geschaffen und grundgelegt. Man kann sie bezeichnen
als Beziehung der Zuwendung, der Öffnung, des Dialogs.
Damit ist verbunden die Zuwendung zum Heute, das ”Aggiornamento“.
Die Konzilsväter widmen in der Pastoralkonstitution ”Gaudium et Spes“ der
richtigen Förderung des kulturellen Fortschritts ein eigenes Kapitel und gehen,
wie in der alten Kirche, ohne Enge und Ängstlichkeit das Problem mit Freimut
an. Die Welt ist eine eigenständige Wirklichkeit, sie hat ihre
Eigengesetzlichkeit. Davon ist auch die Autonomie der Kultur und mit ihr die der
Kunst betroffen. Diese Autonomie ist, recht verstanden, kein Protest gegen Gott
oder gegen die Aussagen des christlichen Glaubens; sie ist vielmehr der Ausdruck
dessen, daß die Welt Gottes eigene, in die Freiheit entlassene Schöpfung ist,
dem Menschen zur Kultur und Verantwortung übergeben und anvertraut.
Damit ist die Voraussetzung gegeben, daß die Kirche in ein
neues Verhältnis zur Kultur und zur Kunst eintritt, in ein Verhältnis der
Partnerschaft, der Freiheit und des Dialogs. Das ist um so leichter möglich und
kann um so fruchtbarer sein, als die Kunst in Ihrem Land frei ist und sich im
Raum der Freiheit verwirklichen und entfalten kann. Wo es um die verantwortete
Freiheit Ihrer Berufe geht, will und muß die Kirche immer Ihr Partner sein,
Partner in der Sorge um die Würde des Menschen in einer in ihren Fundamenten
erschütterten Welt.
3. Die Kirche sieht die Berufe der Künstler und Publizisten in
einer Bestimmung, die zugleich die Mitte, die Größe und die Verantwortung
Ihrer Berufe bezeichnet. Nach christlicher Auffassung ist jeder Mensch Bild und
Gleichnis Gottes. Dies trifft hinsichtlich der schöpferischen Tätigkeit in
einer besonderen Weise für den Künstler und den Publizisten zu. Ihr Beruf ist
Ihrer jeweiligen Aufgabe entsprechend ein schöpferischer Beruf. Sie geben der
Wirklichkeit und dem Stoff der Welt Form und Gestalt. Sie verbleiben nicht in
der bloßen Abbildung oder in der Beschreibung der Oberfläche. Sie versuchen,
die Wirklichkeit des Menschen und seiner Welt zu ”verdichten“ im
ursprünglichen Sinn des Wortes. Sie wollen in Wort, Ton, Bild und Gestaltung
etwas ahnen lassen und vernehmbar machen von der Wahrheit und Tiefe der Welt und
des Menschen, wozu auch die menschlichen Abgrunde gehören.
Dies zu sagen, bedeutet keine heimliche christliche oder
kirchliche Vereinnahmung der Kunst und der Künstler, der Medien und
Publizisten, sondern eine Würdigung aus der Sicht des christlichen Glaubens,
eine Würdigung, die erfüllt ist von Positivität, von Respekt und Anerkennung.
Der deutsche Kardinal Nikolaus von Kues hat den Satz geschrieben: ”Schöpfertum
und Kunst, die einer Seele im Glücksfall zukommen, sind zwar nicht jene
wesensmäßige Kunst, die Gott ist, aber sie sind Mitteilung und Teilhabe an ihr“.
4. Fragen wir weiter: Wo liegen die gegenseitigen Verbindungen
und Verknüpfungen zwischen Kirche und Kunst, Kirche und Publizistik? Darauf ist
zu antworten: Das Thema der Kirche und das Thema der Künstler wie Publizisten
ist der Mensch, das Bild vom Menschen, die Wahrheit vom Menschen, das ”Ecce
homo“, wozu seine Geschichte, seine Welt und Umwelt gehören, ebenso der
gesellschaftliche, ökonomische und politische Kontext.
Die Kirche als Vermittlerin der Botschaft des christlichen
Glaubens wird immer daran erinnern, daß die Wirklichkeit des Menschen nicht
umfassend beschrieben werden kann ohne die theologische Dimension, daß nicht
vergessen werden darf, daß der Mensch Geschöpf ist, zeitlich und räumlich
begrenzt, auf Hilfe und Ergänzung angewiesen. Daß menschliches Leben Geschenk
und Empfang ist, daß der Mensch nach Sinn sucht, nach Heil und Erlösung fragt,
weil er in vielfältiger Weise in Zwänge und Schuld verstrick ist. Die Kirche
wird immer daran erinnern, daß in Jesus Christus das wahre und eigentliche Bild
des Menschen und des Menschlichen gegeben ist. Jesus Christus bleibt, so sagt
der deutsche Philosoph Karl Jaspers, der Maßgebendste unter den Maßgebenden
der Geschichte. Und das Konzil betont: ”Christus, der neue Adam, ... macht dem
Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste
Berufung“.
Auch der Kunst geht es in all ihren Bereichen - die
Möglichkeiten von Film und Fernsehen immer miteingeschlossen - um den Menschen,
um das Bild vom Menschen, um die Wahrheit vom Menschen. Obwohl der Augenschein
oft dagegen spricht, sind diese tiefen Bestimmungen und Anliegen auch der Kunst
von heute nicht völlig fremd. Der religiöse und christliche Ursprung der Kunst
ist nicht gänzlich versiegt. Themen wie Schuld und Gnade, Verstrickung und
Erlösung, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit, ja, Barmherzigkeit und Freiheit,
Solidarität und Nächstenliebe, Hoffnung und Trost kehren in der heutigen
Literatur, in Text- und Drehbüchern wieder und finden große Resonanz.
Eine Partnerschaft von Kirche und Kunst im Blick auf den
Menschen besteht darin, daß beide den Menschen aus fremder Knechtschaft
befreien und ihn zu sich selbst führen wollen. Sie eröffnen ihn einen Raum der
Freiheit - Freiheit von den Zwängen des Nutzens, der Leistung um jeden Preis,
des Effekts, der Verplanung und Funktionalisierung.
5. Wir sagten, der Kirche und der Kunst gehe es um den Menschen,
um sein Bild, um seine Wahrheit, um die Erschließung seiner Wirklichkeit - und
dies in der gegenwärtigen Stunde, im aktuellen ”Aggiornamento“, um ein Wort
des II. Vatikanischen Konzils zu gebrauchen.
Für diese Aufgabe leistet die Kunst der Kirche einen großen Dienst, den Dienst
der Konkretion. Auf diesen Dienst ist die Kirche angewiesen; denn die Wahrheit
ist konkret. In der heutigen Kunst, in Literatur und Theater, in der bildenden
Kunst, im Film und weithin in der Publizistik wird der Mensch aller romantischen
Verbrämung und Verklärung entkleidet - er wird, wie man sagt, in
ungeschminkter Realität dargestellt. Dazu gehören in der heutigen Kunst der
Aufweis der Verirrungen und Verwirrungen, der Ängste und der Verzweiflung, der
Absurdität und Sinnlosigkeit, die Darstellung einer zur Karikatur entarteten
Welt und Geschichte. Oft wird dies verbunden mit dem Abbau aller Tabus.
Literatur, Theater, Film, bildende Kunst verstehen sich heute
weithin als Kritik, als Protest und Opposition, als Anklage gegen das
Bestehende. Das Schöne scheint als Kategorie der Kunst auszufallen zugunsten
einer Darstellung des Menschen in seiner Negativität, in seinem Widerspruch, in
seiner Ausweglosigkeit, in der Abwesenheit von jeglichem Sinn. Das scheint das
aktuelle ”Ecce homo“ zu sein. Die sogenannte ”heile Welt“ wird
Gegenstand von Hohn und Zynismus. Auch diesen Fragen hat sich in großen
Offenheit das II. Vaticanum in seinem Dekret über die sozialen
Kommunikationsmittel gestellt.
Gegen die Darstellung des Bösen in seinen Formen und Gestalten
ist auch im Namen des christlichen Glaubens und der Kirche an sich nichts
einzuwenden. Das Böse ist eine Realität, deren Ausmaße gerade unser
Jahrhundert, gerade auch Ihr Land und meine Heimat, bis an die äußersten
Grenzen erlebt und erlitten haben. Ohne die Realität des Bösen ist auch die
Realität des Guten, der Erlösung, der Gnade, des Heiles nicht zu ermessen. Das
ist kein Freibrief für das Böse, aber ein Hinweis auf seinen Ort. Und hier ist
auf einen nicht unwichtigen und nicht ungefährlichen Tatbestand hinzuweisen.
Kann der Spiegel des Negativen in der Vielfalt heutiger Kunst nicht zum
Selbstzweck werden? Kann er nicht zum Genuß am Bösen, zur Freude an der
Zerstörung und am Untergang, kann er nicht zum Zynismus und zur
Menschenverachtung führen?
Wenn die Realität des Bösen gezeigt wird, dann will dies, auch
in der inneren Logik der Kunst, das Furchtbare als furchtbar aufzeigen,
erschüttern. Somit zielt diese Darstellung nicht darauf, daß es beim Bösen
bleibt; vielmehr darauf, daß es nicht schlimmer, sondern anders, besser wird.
Du mußt dein Leben ändern, du mußt umkehren und einen neuen Beginn setzen, du
mußt dem Bösen widerstehen, damit es nicht das letzte Wort behalte und die
alles bestimmende Wirklichkeit werde.
Dies ist nicht nur Ruf und Mahnung der Kirche, es ist auch
Aufgabe der Kunst und Publizistik in allen Bereichen - und dies nicht erst durch
eine nachträgliche und zusätzliche moralische Hypothek. Die helfende,
heilende, läuternde und reinigende Kraft wurde der Kunst schon von den Griechen
zugeschrieben; dazu kommen die Ermutigung zur Hoffnung und der Versuch einer
Sinngebung, auch wenn nicht alle Fragen nach dem Warum gelöst werden können.
Dies alles darf der heutigen Kunst um ihrer selbst und um der Menschen willen
nicht verloren gehen. In diesem Dienst kann und soll es zu einer Verbindung von
Kirche und Kunst kommen, ohne daß das je Eigene verwischt wird.
6. Wenn die Kirche auf das ”Aggiornamento“ bedacht ist, auf
das Heutigwerden des christlichen Glaubens, seiner Weisungen und Verheißungen,
dann ist zu sagen: Nirgends wird die Situation, das Lebensgefühl, aber auch der
Fragehorizont des heutigen Menschen so eindrucksvoll dargestellt wie in der
heutigen Kunst und Publizistik. Darauf ist die Kirche verwiesen und angewiesen.
Wenn der christliche Glaube als Wort und als Antwort für die Menschen
vermittelt werden soll, dann müssen die Fragen dazu genannt und bewußt gemacht
werden.
Die Kirche braucht die Kunst. Sie braucht sie zur Vermittlung
ihrer Botschaft. Die Kirche bedarf des Wortes, das vom Wort Gottes Zeugnis und
Kunde gibt und zugleich ein Menschenwort ist, das eingehen will in die
Sprachwelt des heutigen Menschen, wie sie in der heutigen Kunst und Publizistik
begegnet. Nur so kann das Wort lebendig bleiben und zugleich den Menschen
bewegen.
Die Kirche bedarf des Bildes. Das Evangelium wird in vielen
Bildern und Gleichnissen erzählt; es soll und kann in Bildern anschaulich
gemacht werden. Im Neuen Testament wird Christus das Bild, die Ikone des
unsichtbaren Gottes genannt. Die Kirche ist nicht nur Kirche des Wortes, sondern
auch der Sakramente, der heiligen Zeichen und Symbole. Lange Zeit stellten neben
dem Wort die Bilder die Heilsbotschaft dar, und dies geschieht bis heute. Das
ist gut so. Der Glaube wendet sich nicht nur an das Hören, sondern auch an das
Sehen, an die beiden Grundvermögen des Menschen.
In den Dienst des Glaubens, wie er im Gottesdienst zu Wort
kommt, stellt sich auch die Musik.
Jedermann weiß, daß viele große Schöpfungen und Werke der
Musik sich der Einladung durch den lebendigen Glauben der Kirche und ihren
Gottesdienst verdanken. Der Glaube will nicht nur bekannt und gesprochen, er
will auch gesungen werden. Und die Musik weist darauf hin, daß die Sache des
Glaubens auch eine Sache der Freude, der Liebe, der Ehrfurcht und des
Überschwangs ist. Diese Motivation und Inspiration ist auch heute noch
lebendig. Vielfach sucht die Musik noch neue Formen im Rahmen der Reform der
Liturgie. Hier steht noch ein weites Feld offen. Die Verbindung von Kirche und
Kunst ist im Bereich der Musik lebendig und fruchtbar.
Etwas Ähnliches läßt sich sagen vom Verständnis der Kirche
zur Architektur und zur bildenden Kunst. Die Kirche braucht den Raum als Ort
ihres Gottesdienstes, als Raum der Versammlung des Volkes Gottes und seiner vielfältigen Aktivitäten. Nach den furchtbaren Zerstörungen des letzten
Weltkrieges ist in der ganzen Welt, vor allem auch in der Bundesrepublik
Deutschland, eine Kirchenbaukunst entstanden, die das Zeugnis einer lebendigen
Kirche ist. Die moderne Kirchenbaukunst wollte bewußt keine Imitation der
Romanik, der Gotik, der Renaissance, von Barock und Rokoko sein, deren schönste
deutsche Schöpfungen in Bayern sind; die moderne Kirchenbaukunst wollte aus dem
Geist und Stilempfinden unserer Zeit und mit den heute möglichen Mitteln dem
Glauben unserer Zeit Gestalt und Ausdruck verleihen und ihm zugleich eine
Stätte der Beheimatung geben. Dies ist in vielen hervorragenden Beispielen
gelungen. Allen an diesem großen Werk Beteiligten - den Architekten und
Künstlern, den Theologen und Bauleuten, den Pfarrern und Laien - sei dafür
Dank gesagt.
7. Die Kirche braucht die Kunst. Sie braucht sie in
vielfältiger Weise. Braucht die Kunst auch die Kirche? Das scheint heute
weithin nicht der Fall zu sein. Aber wenn die Verbindung von Religion, von
Kirche und Kunst so eng ist, wie ich zu zeigen versucht habe, vor allem im Blick
auf den Menschen, auf das Bild vom Menschen und die Wahrheit von ihm - und wenn
der christliche Glaube in seinen Inhalten, die die Kirche vermittelt, die Kunst
in ihren größten Epochen und in bis heute unüberholten Werken inspiriert hat,
auch und gerade in Deutschland, dann ist die Frage erlaubt: Verarmt nicht die
Kunst, bringt sie sich nicht um entscheidende Gehalte und Motive, wenn sie auf
die Wirklichkeit verzichtet, die durch die Kirche repräsentiert wird?
Die heutige Begegnung selbst möchte eine aufrichtige Einladung
an alle Kunstschaffenden sein zu einer neuen partnerschaftlichen,
vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Kirche, eine Einladung, die
geistig-religiöse Tiefendimension wiederzuentdecken, die die Kunst in ihren
edelsten und höchsten Ausdrucksformen zu allen Zeiten ausgezeichnet hat.
8. Bei den bisherigen Überlegungen waren auch die Publizisten
und Journalisten schon immer miteingeschlossen, die Vielfalt der Berufe in
Presse, Rundfunk und Fernsehen.
Der Besuch des Papstes in der Bundesrepublik Deutschland wurde
von den Medien, das heißt von Ihnen, den Publizisten und Journalisten, mit
vorbereitet; er wird von Ihnen aktuell begleitet durch Live-Sendungen,
Informationen und Kommentare, die meist Wohlwollen und Zustimmung bekunden. Für
all das danke ich Ihnen herzlich. Durch Ihre Arbeit wird das, was sich in
einigen Städten der Bundesrepublik Deutschland ereignet, in millionenfacher
Weise vervielfältigt. Noch nie in der Geschichte hatte die Verkündigung des
Evangeliums eine solche Chance, um zu so vielen Menschen zu gelangen. Für
diesen Dienst - er ist ein Dienst am Glauben, an der Kirche und damit ein Dienst
am Menschen - sei der Dank wiederholt.
Bei dieser Gelegenheit wird jedermann offenbar, welche Macht in
Ihre Hände gelegt ist, in die Hände der Publizisten und Journalisten. Sie
haben einen ungeheuren Einfluß auf die Öffentlichkeit, auf die Meinungsbildung
und das Bewußtsein von Millionen. Das Wort und das Bild, das Sie von der
Wirklichkeit der Welt, des Menschen, der Gesellschaft, oder auch vom
christlichen Glauben und von der Kirche vermitteln, ist bestimmend für das
Urteil, für das Verhalten und Tun vieler Menschen.
In Reaktion auf die Gleichschaltung und den Mißbrauch der
Presse in der Zeit des Nationalsozialismus konnte in der Bundesrepublik
Deutschland ein plurales Pressewesen entstehen.
Angesicht der Situation politischer und weltanschaulicher
Differenzen steht der Journalist ständig vor der Aufgabe, sich mit anderen
Überzeugungen und Positionen auseinander zusetzen, ideologische Tendenzen zu
erkennen und offenzulegen und seinen eigenen Standpunkt zu klären und zu
bestimmen. Diese große Chance der Freiheit schließt eine gleich große
Verantwortung ein.
Die Information und Nachrichtenkommentierung der Presse sollte
stets durch Objektivität, Urteilsvermögen und Gerechtigkeitssinn bestimmt
sein. Die Gefahr, die Nachrichten selbst schon durch Tendenz zu manipulieren,
liegt ebenso nahe wie die Gefahr, der Sensationsnachricht den Vorzug zu geben.
Im Bereich der Boulevardblätter gibt es dafür manches beklagenswerte Beispiel.
Gerade im Bereich der Nachrichtenpolitik erweist sich das Ethos
des Journalisten. Das Gewicht seiner Verantwortung kann kaum überschätzt
werden. Der Journalist kann diese ohne klare sittliche Grundüberzeugung und
ohne den Sinn für die hohe Bedeutung der öffentlichen Kommunikation in einer
freien Gesellschaft nicht hinreichend wahrnehmen.
9. Die Verantwortung des Publizisten wird vor allem deutlich,
wenn die Wirkungen der Medien in Betracht gezogen werden. Zur Verantwortung des
Publizisten gehört es, die möglichen Wirkungen seiner Tätigkeit zu bedenken.
Die Erforschung der Medienwirkungen steht innerhalb der Wissenschaften erst am
Anfang. Es gibt erste Hinweise auf die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den
Medien auf die Jugend. Es scheint richtig zu sein, daß für die Art und den
Grad dieser Wirkungen nicht die Medien allein verantwortlich zu machen sind,
aber sie dürfen ihre Rolle auch nicht verleugnen und in einer bequemen
Abwehrhaltung von sich weisen. Die Publizisten sind neben den Familien und den
Erziehern aufgerufen, schädliche Auswirkungen solcher Gewaltdarstellungen
wahrzunehmen und mitzuhelfen, sie zu verhindern.
Ähnlich ist es bei der Entwicklung der politischen Kultur. Auch
hier sind die Medien in ein Geflecht von Beziehungen eingebettet. Der
verantwortungsvolle Journalist wird sich bewußt sein, welche Möglichkeiten er
hat, zu einer guten Entwicklung der politischen Kultur beizutragen, zu mehr
Wahrhaftigkeit, zu mehr Rücksichtnahme auf die persönlichen Werte des anderen.
Deutliche Hinweise auf eine Vorreiterrolle der Medien, vor allem
des Fernsehens, liefert die Analyse der Entwicklung unserer sittlichen Werte. In
einer breiten Front haben hier die Medien an einer Veränderung von
Einstellungen, Normen und sittlichen Bindungen der Menschen mitgewirkt.
Auf dem Gebiet des sexuellen Verhaltens sowohl der
Heranwachsenden als auch der Erwachsenen, bei den Auffassungen über Ehe und
Familie und ihrer gelebten Wirklichkeit, bei der Erziehung der Kinder. Manche
dieser von den Medien mit vorbereiteten Einstellungsveränderungen haben den
Menschen mehr Freiheitsgrade im Umgang miteinander eröffnet, die personale
Beziehung untereinander vielleicht vertief. Aber allzu deutlich zeigt sich heute
auch, was möglicherweise von den Medien und den in ihnen tätigen Publizisten
zu wenig beachtet wurde: der Umschlag einer vermeintlich größeren Freiheit in
Haltlosigkeit; die Preisgabe sittlicher Bindungen zugunsten neuer Zwänge, die
den Menschen in seiner ganzen Würde nicht mehr gerecht werden; die Aufweichung
des Vertrauens in den personalen Beziehungen. Hier sind die Medien gewiß nicht
allein verantwortlich, aber sie haben an diesem Prozeß initiierend und
verstärkend mitgewirkt.
Der Journalist ist aufgerufen, die Wirkungen seines Tuns noch
besser kennenzulernen und nicht die Augen davor zu verschließen. Denn die in
seine Hände gelegte Macht wird nur dann nicht zur Gefahr, wenn sie mit
Gewissenhaftigkeit und Verantwortung verbunden ist. Der Maßstab
journalistischen Tuns soll nicht der Effekt sein, sondern die Wahrheit und die
Gerechtigkeit. Damit dienen Sie der Sache Ihres Berufes, damit dienen und helfen
Sie dem Menschen.
Zu einem solch authentischen Dienst an der Wahrheit und am
Menschen in Kunst und Publizistik wünsche und erbitte ich Ihnen, die Sie hier
zugegen sind, und allen Ihren Berufskollegen von Herzen Gottes Licht und
Beistand.
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