|
PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL
II. AN DIE DEUTSCHE BISCHOFSKONFERENZ
Fulda, 18. November 1980
Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
1. Unsere heutige denkwürdige Begegnung am Grab des hl. Bonifatius erfolgt vor
dem Hintergrund einer reichen und großen, vom Christentum maßgeblich
mitgeprägten Geschichte des deutschen Volkes. Von vielfältigen Kräften
geformt, hat es im Verlauf der Jahrhunderte weit über seine Grenzen hinaus
mannigfache Impulse religiöser, kultureller und politischer Art gegeben. Ich
brauche hier nur an den geschichtsträchtigen ehrenvollen Namen ”Heiliges
Römisches Reich Deutscher Nation“ zu erinnern.
Sieben Päpste hat euer Volk, einschließlich die heutigen Niederlande, der
Kirche geschenkt, von denen die Geschichte berichtet, daß sie ihren Dienst als
oberste Hirten der Christenheit - auch in größten äußeren und inneren Wirren
der Zeit - gewissenhaft ausgeübt haben. Ein fast ihnen allen gemeinsames
Hauptanliegen ihrer oft nur kurzen Pontifikate war die Erneuerung der Kirche.
Eine besondere Erwähnung verdient das eifrige Bemühen von Papst Hadrian VI. um
die Erhaltung und Wiederherstellung der Einheit der Christenheit. Manche von
ihnen haben auch als Päpste ihrer deutschen Heimat und ihren früheren
Diözesen einen persönlichen Besuch abgestattet.
Die innere Erneuerung des religiösen und kirchlichen Lebens und das
ökumenische Bemühen um die Annäherung und Verständigung der getrennten
Christen bilden die Hauptanliegen auch meiner apostolischen Reisen in die
verschiedenen Ortskirchen und Kontinente. Sie sind es ebenso bei meinem
Pastoralbesuch in der Kirche eures Landes und bei dieser unserer heutigen
Begegnung. Die geistige Erneuerung der Kirche und die Einheit der Christen sind
der ausdrückliche Auftrag des II. Vatikanischen Konzils, dem Papst, Bischöfe,
Priester und Gläubige gleichermaßen verpflichtet sind. Sich diesen Aufgaben in
gemeinsamer Verantwortung zu stellen, ist das vordringliche Gebot der Stunde.
Sie sind die große Herausforderung und Pflicht vor allem unserer kollegialen
Verantwortung als Hirten der Kirche. Ihnen wollen auch meine folgenden
Überlegungen und Ausführungen gelten und dienen.
Von der ersten Stunde meines Pontifikates an verstand ich das oberste
Hirtenamt insbesondere als Dienst an der Kollegialität der Bischöfe, die
vereint sind mit dem Nachfolger Petri, und ich verstand umgekehrt die ”collegialitas
effectiva et affectiva“ der Bischöfe als eine wichtige Hilfe für meinen
eigenen Dienst.
So drängt es mich, wenn ich euer Land besuche, meine communio mit euch zum
Ausdruck zu bringen und sie durch mein Zeugnis zu bestärken. Dabei gehen meine
Gedanken zurück in den September 1978, als ich hier, im selben Raum in Fulda,
zum brüderlichen Austausch zwischen den Episkopaten meines Heimatlandes Polen
und eures Landes unter euch weilte. Es freut mich, dieselben Gesichter
wiederzusehen, und zugleich geht mein betendes Gedenken zu jenen, die seither
der Herr aus unserer Mitte zu sich gerufen hat. Schließlich möchte ich auch
jene Mitbrüder besonders begrüßen, die in der Zwischenzeit in eurem Lande neu
aufgenommen wurden in das Kollegium der Nachfolger der Apostel.
2. Habt Mut zum gemeinsamen Zeugnis.
”Wenn wir schon zu Recht jeden Menschen und in besonderer Weise jeden
Christen mit “Brüder” anreden, so erhält dieses Wort“, wie ich in meinem
Brief an alle bischöflichen Mitbrüder in der Welt zum Gründonnerstag 1979
geschrieben habe, ”für uns Bischöfe und unsere gegenseitigen Beziehungen
doch eine ganz besondere Bedeutung: es knüpft gewissermaßen unmittelbar an
jene brüderliche Gemeinschaft an, die die Apostel um Christus einte“.
Ich bin froh und dankbar, daß ich in eurer Konferenz bei mannigfachen
Gelegenheiten schon diese Einheit mit dem Nachfolger Petri und diese
Einmütigkeit miteinander erfahren habe. Ich möchte euch in dieser Haltung
nachdrücklich bestärken. Und so sage ich euch: Laßt euch nicht durch die
oftmals gehörte Meinung beirren, ein hohes Maß an Einmütigkeit innerhalb
einer Bischofskonferenz gehe auf Kosten der Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit
bischöflichen Zeugnisses. Das Gegenteil ist der Fall. Sicher soll jeder in
einer brüderlichen Atmosphäre sich selbst ohne Angst und Vorbehalt einbringen,
sicher soll jeder mit seinem eigenen Beitrag die Einheit des Leibes aufbauen
helfen, der vielerlei Gaben umfängt. Aber die Fruchtbarkeit dieser Dienste und
Gaben hängt davon ab, daß sie sich einfügen in das eine Leben aus dem einen
Geist.
3. Seid liebend besorgt um die Einheit des Presbyteriums in jedem Bistum.
Die Erwartungen und Anforderungen an die Priester sind in den letzten
Jahrzehnten in einer sie belastenden Weise gewachsen. Durch die geringer
werdende Priesterzahl kommen mehr Aufgaben auf sie zu. Durch die vielen
beruflichen und ehrenamtlichen Dienste der Laien in der Seelsorge werden die
Priester in ihrer Aufgabe geistlicher Führung noch mehr gefordert. In einer
Gesellschaft, die von einem immer dichteren Kommunikationsnetz umspannt ist,
wird für den Priester eine immer vielseitigere geistige Auseinandersetzung
notwendig. Viele Priester verzehren sich in Arbeit, werden aber einsam und
verlieren die Orientierung. Um so wichtiger ist es, daß die Einheit des
Presbyteriums gelebt und erfahrbar wird. Stützt alles, was die Priester
bestärkt, einander zu begegnen und zu helfen, miteinander aus dem Wort und
Geist des Herrn zu leben.
Drei Dinge liegen mir hier besonders am Herzen:
1) Die Seminare. Sie sollen Pflanzstätten echter priesterlicher Gemeinschaft
und Freundschaft sowie Ort einer klaren, tragfähigen Entscheidung fürs Leben
sein.
2) Die Theologie soll zum Glaubenszeugnis befähigen und zur Glaubensvertiefung
führen, so daß die Priester die Fragen der Menschen, aber auch die Antworten
des Evangeliums und der Kirche verstehen.
3) Die Priester sollen Hilfe erfahren, den hohen Anspruch des zölibatären
Lebens und der Hingabe an Christus und die Menschen zu erfüllen und durch die
priesterliche Einfachheit, Armut und Verfügbarkeit zu beglaubigen. Gerade
geistliche Gemeinschaft kann hier wertvolle Dienste leisten.
4. Nehmt das Gebet des Hohenpriesters Christus, daß alle eins seien, als einen
drängenden Auftrag ernst, die Spaltung der Christenheit zu überwinden.
Ihr lebt im Ursprungsland der Reformation. Euer kirchliches und
gesellschaftliches Leben ist tief geprägt von der nun schon über viereinhalb
Jahrhunderte dauernden Kirchenspaltung. Ihr dürft euch damit nicht abfinden,
daß die Jünger Christi vor der Welt nicht das Zeugnis der Einheit geben.
Unverbrüchliche Treue zur Wahrheit, hörende Offenheit für den anderen,
nüchterne Geduld auf dem Weg, feinfühlige Liebe sind erforderlich. Der
Kompromiss zählt nicht; nur jene Einheit trägt, die der Herr selber gestiftet
hat: die Einheit in der Wahrheit und in der Liebe.
Man hört heute immer wieder sagen, die ökumenische Bewegung der Kirchen
aufeinanderzu stagniere, nach dem Frühling des konziliaren Aufbruches sei eine
Epoche der Abkühlung angebrochen. Trotz mancher bedauerlicher Erschwernisse
kann ich diesem Urteil nicht zustimmen.
Die Einheit, die aus Gott kommt, ist uns geschenkt am Kreuz. Wir dürfen das
Kreuz nicht umgehen wollen, indem wir unter Ausklammerung der Wahrheitsfrage zu
raschen Harmonisierungsversuchen im Unterscheidenden schreiten. Wir dürfen aber
auch nicht einander aufgeben, nicht voneinander lassen, weil das Näherkommen
von uns die geduldige und leidende Liebe des Gekreuzigten abfordert. Lassen wir
uns vom mühsamen Weg nicht abbringen, um entweder stehenzubleiben oder aber
scheinbar kürzere Wege zu wählen, die Abwege sind.
Ökumenische Bewegung, Mühen um die Einheit darf sich nicht nur auf die aus der
Reformation hervorgehenden Kirchen beschränken - auch in eurem Land ist das
Gespräch und brüderliche Verhältnis zu den anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften, etwa den Kirchen der Orthodoxie, von höchster Bedeutung.
Dennoch ist das Gedenken an die vor 450 Jahren veröffentlichte ”Confessio
Augustana“ ein besonderer Anruf zum Dialog mit der reformatorisch geprägten
Christenheit, die einen so großen Anteil an der Bevölkerung und Geschichte
eures Landes hat.
5. Sammelt Gottes Volk, wehrt einem falschen Pluralismus, stärkt die wahre
communio.
Vom hohen Wert der brüderlichen Einheit im Kollegium der Bischöfe und im
Presbyterium habe ich bereits gesprochen. Diese Einheit soll aber die Seele
sein, aus welcher auch die Einheit des ganzen Gottesvolkes in allen Gemeinden
lebt. Es geht keineswegs darum, die legitime Vielfalt von Ausdrucksweisen der
Spiritualität, der Frömmigkeit, der theologischen Schulen zurückzudämmen
oder einzugrenzen. Aber alles dies soll ein Ausdruck der Fülle und nicht ein
Ausdruck der Armut des Glaubens sein.
Die Verkündigung und auch das kirchliche Leben können sich in eurer
Gesellschaft, Gott sei es gedankt, nach außen hin frei entfalten. Und doch ist
die Auseinandersetzung, in die ihr gerufen seid, anspruchsvoll. Manchmal finden
sich die Menschen geistig in der Situation eines Warenhauses, in dem alle
möglichen Güter angepriesen und zur Selbstbedienung angeboten sind. So mischen
sich in den Lebensanschauungen vieler Menschen bei euch Elemente christlicher
Tradition mit ganz anderen Auffassungen. Die äußere Freiheit, das zu denken
und zu sagen, was man will, wird mitunter verwechselt mit der inneren
Beliebigkeit der Überzeugung; an die Stelle einer klaren Orientierung tritt die
Indifferenz gegenüber so vielen Meinungen und Deutungen.
Was aber ist insgesamt eure Aufgabe und eure Chance angesichts der gezeichneten
Situation?
Ich möchte euch zwei Worte zurufen. Zunächst: Verkündet das Wort in aller
Eindeutigkeit, unbeirrt um Beifall oder Ablehnung! Nicht wir befördern
letztlich Erfolg oder Mißerfolg des Evangeliums sondern Gottes Geist. Die
Gläubigen und die Nichtglaubenden haben ein Recht darauf, eindeutig die
authentische Botschaft der Kirche zu hören.
Das zweite: Verkündet das Wort mit der ganzen hingebenden, suchenden,
verstehenden Liebe des Guten Hirten. Hort auf die Fragen, welche jene stellen,
die meinen, in Jesus Christus und seiner Kirche keine Antwort mehr zu finden.
Glaubt fest daran, daß Jesus Christus sich gleichsam mit jedem Menschen
verbunden hat und daß jeder Mensch sich selbst, seine echten menschlichen Werte
und Fragen, in ihm wiederfinden kann.
Zwei Gruppen möchte ich eurer Hirtensorge besonders anempfehlen: Einmal sind es
jene, die aus den Impulsen des II. Vatikanischen Konzils den falschen Schluss
gezogen haben, der Dialog, in den die Kirche eintritt, sei unverträglich mit
der eindeutigen Verbindlichkeit kirchlicher Lehre und Norm, mit der Vollmacht
des unverfügbar aufgrund der Sendung Christi der Kirche eingestifteten
hierarchischen Amtes. Zeigt, daß beides zusammengehört: Treue zur
unverfügbaren Sendung und Nähe zum Menschen mit seinen Erfahrungen und Fragen.
Die andere Gruppe: jene, die - teilweise aufgrund ungemäßer oder zu unbedacht
gezogener Konsequenzen aus dem II. Vatikanischen Konzil - in der Kirche von
heute sich nicht beheimatet fühlen oder sich gar von ihr abzuspalten drohen.
Hier gilt es, mit aller Entschiedenheit, aber zugleich mit aller Behutsamkeit
diesen Menschen die Erfahrung zu vermitteln, daß die Kirche des II. Vaticanum
und des I. Vaticanum und des Tridentinum und der ersten Konzilien die eine und
selbe Kirche ist.
Die Bedeutung gediegener Glaubensvermittlung ist hier nicht zu überschätzen.
Wie dankbar bin ich über das, was sich in der sogenannten Gemeindekatechese bei
euch bewährt hat: Gläubige bezeugen den Glauben, geben ihn anderen weiter!
Die gezeichnete Glaubenssituation fordert freilich insbesondere die Priester
selbst heraus. Wird überall im Lauf einiger Jahre wirklich für alle das ganze
Glaubensgut, wie die Kirche es vorlegt, verkündet? Ermutigt dazu, tragt dafür
Sorge. Und kümmert euch nach Kräften ebenso darum, daß Religionsunterricht
und Katechese jenen den Weg des Glaubens und des Lebens mit der Kirche
erschließen, die in einer oft so anderen Alltagserfahrung aufwachsen.
6. Setzt euch mit aller Kraft dafür ein, daß die unverbrüchlichen Maßstäbe
und Normen christlichen Handelns ebenso eindeutig wie einladend zur Geltung im
Leben der Gläubigen kommen.
Zwischen den Lebensgewohnheiten einer säkularisierten Gesellschaft und den
Forderungen des Evangeliums tut sich eine tiefe Kluft auf. Viele wollen sich am
kirchlichen Leben beteiligen, finden aber keinen Zusammenhang mehr zwischen
ihrer Lebenswelt und den christlichen Prinzipien. Man glaubt, die Kirche halte
nur aus Starrheit an ihren Normen fest, und dies verstoße gegen jene
Barmherzigkeit, die uns Jesus im Evangelium vorlebt. Die harten Forderungen
Jesu, sein Wort: ”Gehe hin und sündige nicht mehr!“ werden übersehen. Oft
zieht man sich auf das persönliche Gewissen zurück, vergißt aber, daß dieses
Gewissen das Auge ist, welches das Licht nicht aus sich selber besitzt, sondern
nur, wenn es zur authentischen Quelle des Lichtes hinblickt.
Ein weiteres: Angesichts aller Technisierung, Funktionalisierung und
Organisation erwacht ein tiefes Mißtrauen gerade in der jüngeren Generation
gegen Institution, Norm und Regelung. Man setzt die Kirche mit ihrer
hierarchischen Verfassung, mit ihrer geordneten Liturgie, mit ihren Dogmen und
Normen gegen den Geist Jesu ab. Aber der Geist braucht Gefäße, die ihn wahren
und weitergeben.
Christus selbst ist Ursprung jener Sendung und Vollmacht der
Kirche, in denen seine Verheißung sich erfüllt: ”Ich bleibe bei euch alle
Tage bis zum Ende der Welt“.
Liebe Mitbrüder, haltet alle Not und Frage der Menschen in eurem Herzen
gegenwärtig - und verkündet gerade da hinein unbeirrt die Forderung Jesu ohne
Abstriche... Tut dies, weil euch am Menschen liegt. Nur der Mensch, der zu einer
ganzen und endgültigen Entscheidung fähig ist, der Mensch, bei dem Leib und
Seele übereinstimmen, der Mensch, der für sein Heil seine ganze Kraft
einzusetzen bereit ist, ist gefeit gegen die heimliche Zersetzung der
menschlichen Grundsubstanz.
Schenkt ein besonderes Augenmerk darum der Jugend, in der so viel
verheißungsvoller Aufbruch, aber auch so viel Entfremdung von der Kirche zu
beobachten ist! Wendet euch den Ehen und Familien mit besonderer Sorgfalt und
Herzlichkeit zu - die Bischofssynode, die soeben in Rom zu Ende gegangen ist,
darf nicht Theorie bleiben, sondern muß sich mit Leben füllen. Die Entfremdung
großer Teile der arbeitenden Bevölkerung von der Kirche, der Abstand zwischen
Intellektuellen und Kirche, die Not der Frau um ihr christlich und menschlich in
so veränderten Bedingungen voll angenommenes, verwirklichtes, erfülltes Wesen:
diese Stichworte erweitern das Feld unseres gemeinsamen Bemühens, damit die
Menschen auch morgen glauben.
Ich bin überzeugt, daß ein Aufschwung des sittlichen Bewußtseins und
christlichen Lebens eng, ja unlöslich an eine Bedingung gebunden ist: an die
Belebung der persönlichen Beichte. Setzt hier eine Priorität eurer pastoralen
Sorge!
7. Lenkt euer besonderes Augenmerk auf die Zukunft der geistlichen Berufe und
pastoralen Dienste.
Nach menschlichem Ermessen wird sich bei euch die Zahl jener Priester, die für
den Dienst in der Pastoral zur Verfügung stehen, binnen eines Jahrzehnts um ein
gutes Drittel verringern. Ich teile von Herzen die Sorge, die euch das macht.
Ich bin mit euch der Überzeugung, daß es gut ist, mit allen Kräften den
Dienst des Ständigen Diakons und auch den zumal ehrenamtlichen, aber auch
beruflichen Dienst der Laien für die Aufgaben der Pastoral zu fördern. Doch
der Dienst des Priesters kann nicht durch andere Dienste ersetzt werden. Eure
Tradition der Seelsorge läßt sich nicht einfachhin vergleichen mit den
Verhältnissen in Afrika oder Lateinamerika. Und doch gibt es mir zu denken,
daß ich dort weithin einen größeren Optimismus bei wesentlich geringeren
Zahlen von zur Verfügung stehenden Seelsorgern angetroffen habe als im
westlichen Europa. Ich halte es für eine der wichtigsten Pflichten, mit dem
ganzen Einsatz des Gebetes und des geistlichen Zeugnisses alles zu tun, daß der
Ruf Gottes an junge Menschen, sich in ungeteiltem Dienst dem Herrn zur
Verfügung zu stellen, hörbar wird, daß die Voraussetzungen in der Familie, in
den Gemeinden, in den Vereinigungen junger Menschen dazu wachsen. Aber eine
Panik angesichts der schweren Situation verstellt uns den nüchternen Blick für
das, was der Herr von uns will. Daß der Sinn für die evangelischen Räte und
für die priesterliche Ehelosigkeit weithin abnimmt, bedeutet ebenso einen
geistlichen Notstand wie der Priestermangel. Sicher ist das Heil des Seelen das
oberste Gesetz. Aber dieses Heil der Seelen erfordert gerade, daß wir auch die
Gemeinden selber aktivieren, daß wir jeden Getauften und Gefirmten zum
Glaubenszeugnis ermuntern, daß wir die geistliche Lebendigkeit in unseren
Familien, Gruppen, Gemeinden und Bewegungen fördern. Dann wird der Herr
sprechen und rufen können - und wir hören.
Ich habe auf die große Bedeutung des Presbyteriums um den Bischof hingewiesen.
Könnte nicht durch ein dichteres Miteinander der Priester der geistliche Dienst
wirksamer wahrgenommen werden? Ich möchte hier nochmals auch auf die große
Bedeutung der geistlichen Gemeinschaft von Priestern hinweisen, die den
einzelnen aus Überforderung und Isolierung zu befreien vermag. In dem Maße,
wie ihr aus geistlicher Gesinnung einmütig und eindeutig für das gemeinsame
Zeugnis des Presbyteriums in der Ehelosigkeit und für eine Lebensform aus dem
Geist der evangelischen Räte eintretet, wird der Herr mit seinen Gnadengaben
nicht sparen.
8. Tragt Sorge für ein weltweites Herz und einen weltweiten Blick eurer
Gläubigen.
Laßt mich an meinen Appell zum Berliner Katholikentag anknüpfen: Helft mit beim
Aufbau einer weltweiten ”Zivilisation der Liebe“! Ich möchte zunächst auf
die Dimension des ”Weltweiten“ hinweisen. Christsein und Menschsein heute
müssen universal, müssen ”katholisch“ sein. Verbindet mit dem Einsatz
eurer materiellen Hilfsbereitschaft auch den Einsatz eurer geistigen und
geistlichen Kräfte fürs Ganze und seid auch bereit zu empfangen und zu lernen!
Es gibt so viel an unverbrauchter Menschlichkeit, an geistlicher Erfahrung, an
aufbauendem Glaubenszeugnis in den jungen Kirchen, daß unser müde werdendes
Abendland davon jung und neu zu werden vermag.
Wir können freilich nicht absehen von einer schmerzlichen Realität. In vielen
Teilen der Welt ist die Kirche verfolgt, werden viele Christen, viele Menschen
an der Ausübung ihrer vollen Freiheitsrechte gehindert. Nehmt die Freiheit in
eurer Gesellschaft nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Verpflichtung
für andere, die diese Freiheit nicht haben!
Euer Land liegt in Europa. Mit vielen von euch durfte ich als Erzbischof von
Krakau wiederholt für eine Verlebendigung Europas, für eine Verankerung seiner
Einheit in den tragenden geistigen und geistlichen Fundamenten zusammenarbeiten.
Denkt daran, daß Europa nur aus jenen Wurzeln sich erneuern und einen kann, die
Europa werden ließen! Denkt schließlich daran, gerade in eurem Land: Europa
umspannt nicht nur Norden und Süden, sondern auch Westen und Osten!
Ein Stück Europa, ein Stück Welt wird immer mehr in eurem Land gegenwärtig
durch die vielen Ausländer, die unter euch leben und arbeiten. Hier kommt auf
euch eine kirchlich wie gesellschaftlich bedrängende Aufgabe zu. Denkt dabei an
den, der für alle gestorben ist und uns alle zu Brüdern und Schwestern macht.
9. Setzt euch ein für die Rechte des Menschen und für die tragfähigen
Fundamente des menschlichen Zusammenlebens in eurer Gesellschaft.
Ihr lebt in einer Gesellschaft, in der ein hoher Grad an Schutz für Freiheit
und Menschenwürde gewährleistet ist. Seid dafür dankbar, aber laßt nicht zu,
daß im Namen der Freiheit eine Beliebigkeit propagiert wird, die die
Unantastbarkeit des Lebens eines jeden Menschen, auch des ungeborenen, zur
Disposition stellt. Stellt euch ebenso vor die Würde und das Recht von Ehe und
Familie! Nur die Achtung unverfügbarer Grundrechte und Grundwerte garantiert
jene Freiheit, die nicht in Selbstzersetzung mündet! Denkt daran: So wenig
Recht und Sittlichkeit dasselbe sind, so dringlich ist doch auch der rechtliche
Schutz der sittlichen Grundüberzeugungen.
Die Kirche eures Landes hat eine Fülle von Institutionen der Bildung und
Erziehung, der Caritas, des sozialen Dienstes. Verteidigt die Möglichkeit,
euren christlichen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft zu leisten. Denkt
andererseits daran: nur aus der inneren Verankerung in Jesus Christus und nicht
aus einem bloß äußeren Mithalten mit anderen Kräften der Gesellschaft
erwächst ein glaubwürdiges Zeugnis.
10. Setzt gegen ein Anspruchsdenken und eine Konsumhaltung die Alternative eines
Lebens aus dem Geiste Christi.
Einerseits wachsen Anspruchs- und Konsumdenken, so daß Haben weithin mehr gilt
als Sein. Auf der anderen Seite stoßen wir an die Grenze wirtschaftlichen und
technischen Wachstums. Bauen wir vielleicht statt dem Fortschritt dem Untergang
und Verderben des Lebens auf unserer Erde eine Straße? Das Beispiel der
Christen ist gefordert, die aus der Hoffnung auf die kommenden Güter das Herz
nicht an die vergänglichen hängen und so eine Zivilisation der Liebe
entwickeln. Fördert daher die zum Christsein so unerläßliche Bereitschaft zu
Opfer und Verzicht, erkennen wir gerade auch die Bedeutung der evangelischen
Räte für die gesamte Gesellschaft!
11. ”Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist
der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“.
Verehrte, liebe Brüder im bischöflichen Amt! Euer Auftrag ist schwer. Damit
die Apostel, deren Nachfolger wir sind, ihn erfüllen konnten, hat der Herr
ihnen seinen Heiligen Geist geschenkt.
Diesem Geist wollen wir in uns und
zwischen uns Raum geben. Seine Kennmale sind: Kraft, Besonnenheit, Liebe, Kraft,
unbesorgt um Beifall oder Widerstand den Herrn selber sprechen und wirken zu
lassen; Kraft, deren innerstes Maß die Schwachheit des Kreuzes ist.
Besonnenheit, die unbeirrt auf die Wahrheit Jesu Christi schaut, die aber ebenso
unvoreingenommen hineinhört in die Fragen und Sorgen des Menschen von heute.
Schließlich und über allem Liebe, die alles einsetzt, erträgt und erhofft;
Liebe, die Einheit schafft, weil sie mit Jesus Christus ans Kreuz geht, das
Himmel und Erde vereint und alle Getrennten miteinander verbindet. Ich
verspreche euch mein brüderliches Mittragen eurer Lasten und erbitte von euch
die unverbrüchliche, immer tiefer werdende Einheit in diesem Geist. Maria, die
Königin der Apostel und Mutter der Kirche, sei mitten unter uns, damit ein
neues Pfingsten sich vorbereiten kann.
|