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PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND
TREFFEN VON JOHANNES PAUL
II. MIT DEN WISSENSCHAFTLERN UND DEN STUDENTEN
Kölndom, 15. November 1980
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Brüder und Schwestern!
Sehr geehrte Damen und Herren!
1. Mit Freude und Dankbarkeit begrüße ich Sie, die Frauen und
Männer aus dem wissenschaftlichen Leben der Bundesrepublik Deutschland, die
Studentinnen und Studenten aus den deutschen Hochschulen, die die europäische
Wissenschaftsgeschichte so nachhaltig beeinflußt haben. Sie haben sich hier
versammelt gleichsam stellvertretend für die vielen Forscher, Lehrer,
Mitarbeiter und Studierenden in den Universitäten, Akademien und den anderen
Forschungseinrichtungen. Sie vertreten ferner die vielen Mitarbeiter in der
staatlichen und nichtstaatlichen Wissenschaftsförderung, die auf Entwicklung
von Wissenschaft und Technologie einen nicht unerheblichen Einfluß ausüben und
deshalb eine besondere Verantwortung für die Menschen tragen.
2. Das heutige Zusammentreffen soll als ein Zeichen der
Gesprächsbereitschaft zwischen Wissenschaft und Kirche verstanden werden. Der
heutige Tag selbst und der Ort geben dieser Begegnung eine besondere Bedeutung.
Heute vor 700 Jahren starb im Dominikanerkonvent, nicht weit von diesem Dom, bei
dessen Gründung er wohl anwesend war, Albert ”der Deutsche“, wie ihn die
Zeitgenossen nannten; die Nachwelt hat ihm wohl als einzigen Gelehrten den
Beinamen ”der Große“ gegeben.
Albert hat in seiner Zeit vielfältig gewirkt: als Ordensmann
und Prediger, als Ordensoberer und als Bischof und als Friedensvermittler in
seiner Stadt Köln. Weltgeschichtliche Größe gewann er aber als Forscher und
Gelehrter, der das Wissen seiner Zeit umfassend beherrschte und in einem
gewaltigen Lebenswerk neu gestaltete. Schon Zeitgenossen anerkannten ihn als ”auctor“,
als Urheber und Mehrer der Wissenschaft; die Folgezeit zeichnete ihn als den ”doctor
universalis“ aus.
Die Kirche beruft sich auf ihn, den sie zu ihren Heiligen
zählt, als einen ihrer ”Lehrer“ und feiert ihn liturgisch unter diesem
Titel.
Unsere Erinnerung an Albert den Großen soll aber nicht nur ein
Akt schuldiger Pietät sein.
Wichtiger ist es, den wesentlichen Sinn seines Lebenswerkes
gegenwärtig werden zu lassen, dem wir grundsätzliche und bleibende Bedeutung
zumessen müssen. Werfen wir kurz einen Blick auf die geistesgeschichtliche Lage
der Zeit Alberts: Ihr Kennzeichen ist das zunehmende Bekanntwerden des
aristotelischen Schrifttums und der arabischen Wissenschaft. Das christliche
Abendland hatte bis dahin die Tradition der christlichen Spätantike
wiederbelebt und wissenschaftlich weiterentwickelt. Jetzt tritt ihm eine
umfassende nichtchristliche Welterklärung entgegen, die sich nur auf profane
Rationalität stützt. Viele christliche Denker, darunter sehr bedeutende, sahen
in diesem Anspruch vor allem eine Gefahr. Sie glaubten die geschichtliche
Identität der christlichen Tradition dagegen schützen zu müssen; denn es gab
auch radikale einzelne und Gruppen, die einen ungelösten Widerstreit zwischen
dieser wissenschaftlichen Rationalität und der Glaubenswahrheit erblickten und
sich zugunsten dieser ”Wissenschaftlichkeit“ entschieden.
Zwischen diesen Extremen geht Albert den mittleren Weg: Der
Wahrheitsanspruch rational begründeter Wissenschaft wird anerkannt; ja sie wird
inhaltlich übernommen, ergänzt, korrigiert und weiterentwickelt in ihrer
eigenständigen Rationalität. Eben dadurch wird sie zum Eigentum der
christlichen Welt. Diese findet so ihr Weltverständnis ungemein bereichert,
aber sie muß kein Wesenselement ihrer Tradition oder gar die Glaubensgrundlage
aufgeben. Denn zwischen einer Vernunft, welche durch ihre gottgegebene Natur auf
Wahrheit angelegt und zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, und dem
Glauben, der sich der gleichen göttlichen Quelle aller Wahrheit verdankt, kann
es keinen grundsätzlichen Konflikt geben. Der Glaube bestätigt gerade das
Eigenrecht der natürlichen Vernunft. Er setzt es voraus; denn seine Annahme
setzt jene Freiheit voraus, die nur dem Vernunftwesen eigen ist. Damit zeigt
sich zugleich, daß Glaube und Wissenschaft verschiedenen Erkenntnisordnungen
zugehören, die nicht ineinander überführbar sind. Dann aber erweist sich: Die
Vernunft kann nicht alles aus sich selbst, sie ist endlich. Sie muß durch eine
Vielzahl einzelner Erkenntnisse fortschreiten, sie ist in einer Mehrheit von
einzelnen Wissenschaften verfaßt. Die Einheit von Welt und Wahrheit mit ihrem
Ursprung kann sie nur in je besonderen Wissensweisen erfassen: Auch die
Philosophie und die Teologie sind als Wissenschaften endliche Bemühungen,
welche die Einheit der Wahrheit nur in der Unterschiedlichkeit, also in einem
offenen Ordnungsgefüge darstellen können.
Wiederholen wir: Albert vollzieht die anerkennende Aneignung der
rationalen Wissenschaft in einem Ordnungsgefüge, in dem sie ihren Eigenstand
bestätigt erhält - und doch bleibt sie darin auf das maßgebende Sinnziel des
Glaubens bezogen. Damit hat Albert das Statut einer christlichen
Intellektualität verwirklicht, dessen Grundsätze auch heute noch als gültig
anzusehen sind. Wir schmälern nicht die Bedeutung dieser Leistung, wenn wir
zugleich feststellen: Alberts Werk ist inhaltlich zeitgebunden und gehört
insofern der Geschichte an. Die von ihm erbrachte ”Synthese“ behält
exemplarischen Charakter, und wir tun gut daran, ihre Grundsätze im Gedächtnis
zu behalten, wenn wir uns den gegenwärtigen Fragen von Wissenschaft, Glaube und
Kirche zuwenden.
3. Viele sehen den Kern dieser Fragen im Verhältnis von Kirche
und moderner Naturwissenschaft, und sie empfinden noch die Belastung durch jene
berühmten Konflikte, die aus Eingriff kirchlicher Instanzen in den Prozeß
wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts entstanden sind. Die Kirche erinnert
sich daran mit Bedauern, denn wir wissen heute um die Irrtümer und Mängel
dieser Verfahren. Wir können heute sagen, daß sie überwunden sind: Dank der
Überzeugungskraft der Wissenschaft, dank vor allem der Arbeit einer
wissenschaftlichen Theologie, welche das Glaubensverständnis vertieft und von
Zeitgebundenem befreit hat. Das kirchliche Lehramt hat seit dem I. Vatikanischen
Konzil mehrfach jene Grundsätze wieder in Erinnerung gerufen, zuletzt und
ausdrücklich im II. Vatikanum, die schon in Alberts des Großen Werk erkennbar
sind. Es hat ausdrücklich die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen von
Glaube und Vernunft ausgesprochen, es hat die Autonomie und Freiheit der
Wissenschaften anerkannt und ist für die Freiheit der Forschung eingetreten.
Wir fürchten nicht, ja wir halten es für ausgeschlossen, daß eine
Wissenschaft, die sich auf Vernunftgründe stützt und methodisch gesichert
fortschreitet, zu Erkenntnissen gelangt, die in Konflikt mit der
Glaubenswahrheit kommen. Dies kann nur dort der Fall sein, wo die
Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen übersehen oder verleugnet wird.
Diese Einsicht, die von den Wissenschaftlern vollzogen werden
sollte, könnte die geschichtliche Belastung des Verhältnisses von Kirche und
Naturwissenschaft überwinden helfen und einen partnerschaftlichen Dialog
ermöglichen, wie er ja schon vielfach im Gange ist. Es geht dabei nicht nur um
Vergangenheitsbewältigung, sondern um neuartige Probleme, die sich aus der
Rolle der Wissenschaften in der heutigen Gesamtkultur ergeben.
Die naturwissenschaftliche Erkenntnis hat zu einer
tiefgreifenden Umgestaltung der menschlichen Technik geführt. In der Folge
haben sich die Bedingungen des menschlichen Lebens auf dieser Erde in
unerhörtem Maße verändert und weitgehend auch verbessert. Der Forschritt
wissenschaftlicher Erkenntnis wurde zum Motor eines allgemeinen kulturellen
Fortschritts. Technische Weltveränderung erschien vielen als Sinn und Ziel der
Wissenschaft. Inzwischen hat sich gezeigt, daß der zivilisatorische Fortschritt
nicht immer die Lebensumstände verbessert. Es gibt unbeabsichtigte und
unvorhergesehene Folgen, die gefährlich und verderblich werden können. Ich
erinnere nur an das ökologische Problem, das durch den Fortschritt der
technisch-wissenschaftlichen Industrialisierung entstanden ist. So entstehen
ernste Zweifel, ob denn der Fortschritt insgesamt dem Menschen diene. Solche
Zweifel schlagen zurück auf die technisch verstandene Wissenschaft. Ihr Sinn,
ihre Zielsetzung, ihre menschliche Bedeutung werden in Frage gestellt.
Besonderes Gewicht erhält diese Frage angesichts der Anwendung
naturwissenschaftlichen Denkens auf den Menschen. Die sogenannten
Humanwissenschaften haben durchaus wichtige und weiterführende Erkenntnisse
über menschliches Tun und Verhalten erbracht. Sie stehen aber in Gefahr, in
einer technisch bestimmten Kultur zur Manipulation des Menschen, zu Zwecken
ökonomischer und politischer Herrschaft mißbraucht zu werden.
Wird die Wissenschaft wesentlich als ”technisch“ verstanden,
so kann man sie als die Suche nach solchen Verfahren auffassen, die zu einem
technischen Erfolg führen. Als ”Erkenntnis“ gilt dann, was zum Erfolg
führt. Die der Wissenschaft vorgegebene Welt wird zum bloßen Komplex
beeinflußbarer Phänomene, ihr Gegenstand ein funktionaler Zusammenhang, der
auch nur auf seine Funktionalität hin untersucht wird. Solche Wissenschaft wird
sich selbst als bloße Funktion auffassen können. Der Gedanke der Wahrheit wird
dann entbehrlich, ja es wird zuweilen ausdrücklich auf ihn verzichtet. Die
Vernunft selbst erscheint schließlich als bloße Funktion oder als Instrument
eines Wesens, das den Sinn seines Daseins außerhalb von Erkenntnis und
Wissenschaft, womöglich im bloßen Leben hat.
Unsere Kultur ist in allen Bereichen von einer Wissenschaft
durchdrungen, die weithin funktionalistisch verfährt. Das gilt auch für den
Bereich der Werte und Normen, der geistigen Orientierung überhaupt. Gerade hier
stößt die Wissenschaft an ihre Grenze. Man spricht von einer
Legitimationskrise der Wissenschaft, ja von einer Orientierungskrise unserer
gesamten wissenschaftlichen Kultur. Wo liegt ihr Kern? Die Wissenschaft selbst
kann nicht die umfassende Antwort auf die Frage nach dem Sinn geben, die sich in
der Krise stellt. Wissenschaftliche Aussagen sind immer partikulär. Sie
rechtfertigen sich nur im Hinblick auf einen bestimmten Ansatz, sie stehen in
einem Prozeß des Fortschritts und sind in ihm korrigierbar und überholbar. Vor
allem aber: Wie könnte etwas das Resultat eines wissenschaftlichen Ansatzes
sein, was diesen Ansatz allererst rechtfertigt und also von diesem schon
vorausgesetzt sein muß?
Die einzelne Wissenschaft kann die Sinnfrage nicht beantworten,
ja sie nicht einmal im Rahmen ihres Ansatzes stellen. Und doch duldet diese
Sinnfrage keinen unbegrenzten Aufschub ihrer Beantwortung. Wenn eine verbreitete
Wissenschaftsgläubigkeit enttäuscht wird, so schlägt leicht die Stimmung um
in Wissenschaftsfeindlichkeit. In diesen leeren Raum brechen unversehens
Ideologien ein. Sie gebärden sich zuweilen zwar als ”wissenschaftlich“,
verdanken aber ihre Überzeugungskraft dem dringenden Bedürfnis nach Antwort
auf die Sinnfrage und dem Interesse an sozialer oder politischer Veränderung.
Die funktionalistische wertfreie und wahrheitsentfremdete Wissenschaft kann durchaus
in den Dienst solcher Ideologien treten; eine nur noch instrumentelle Vernunft
droht unfrei zu werden. Schließlich gibt es noch neue Erscheinungen von
Aberglaube, von Sektierertum und sogenannten ”neuen Religionen“, deren
Auftreten mit der kulturellen Orientierungskrise zusammenhängt.
Diese Irrwege können aus dem Glauben her durchschaut und
vermieden werden. Aber auch den gläubigen Wissenschaftler geht die allgemeine
Krise an. Er wird sich fragen müssen, in welchem Geiste, in welcher
Orientierung er selbst seine Wissenschaft betreibt. Er wird sich unmittelbar
oder mittelbar der Aufgabe stellen müssen, Verfahren und Zielsetzung der
Wissenschaft unter dem Aspekt der Sinnfrage ständig neu zu überprüfen. Wir
sind mitverantwortlich für diese Kultur, und wir sind aufgefordert, an der
Bewältigung der Krise mitzuwirken.
4. In dieser Situation rät die Kirche nicht zu Vorsicht und
Zurückhaltung; sie rät zu Mut und Entschlossenheit.
Es gibt keinen Grund, sich der Wahrheit nicht zu stellen oder
sie zu fürchten. Die Wahrheit und alles Wahre ist ein hohes Gut, dem wir uns
mit Liebe und Freude zuwenden sollen. Auch die Wissenschaft ist ein Weg zum
Wahren; denn in ihr entfaltet sich die gottgegebene Vernunft, die ihrer Natur
nach nicht zum Irrtum, sondern zur Wahrheit der Erkenntnis bestimmt ist.
Dies muß auch für die technisch-funktional orientierte
Wissenschaft gelten. Es ist eine Verkürzung, Erkenntnis nur als ”Methode mit
Erfolg“ zu verstehen, aber umgekehrt ist es legitim, Erfolg als Ausweis für
die Erkenntnis zu werten, aus der er folgt. Wir können die technische Welt, die
des Menschen Werk ist, nicht als ein Reich sehen, das gänzlich von der Wahrheit
entfernt ist. Auch ist diese Welt keineswegs sinnleer: es ist wahr, daß es die
menschlichen Lebensverhältnisse entschieden verbessert hat, und die
Schwierigkeiten, welche ungute Folgen des Fortschritts der technischen
Zivilisation mit sich bringen, rechtfertigen es nicht, die Güter zu vergessen,
die dieser Fortschritt selbst erbracht hat.
Es besteht kein Anlaß, unsere technisch-wissenschaftliche
Kultur als gegensätzlich zur Schöpfungswelt Gottes zu sehen. Freilich ist
klar, daß technische Erkenntnis zum Guten wie auch zum Bösen angewendet werden
kann. Wer die Wirkungsweise von Giften erforscht, wird diese Erkenntnis zum
Heilen wie auch zum Töten verwenden können. Aber es kann nicht zweifelhaft
sein, wohin wir schauen müssen, um das Gute vom Schlechten zu unterscheiden.
Technische, auf Weltveränderung gerichtete Wissenschaft rechtfertigt sich durch
ihren Dienst am Menschen und an der Menschheit.
Man kann nicht sagen, daß der Fortschritt zu weit gegangen ist,
solange noch viele Menschen, ja ganze Völker in bedrückenden und sogar
menschenunwürdigen Verhältnissen leben, die mit Hilfe
technisch-wissenschaftlicher Erkenntnis verbessert werden können. Gewaltige
Aufgaben liegen noch vor uns, denen wir uns nicht entziehen können. Ihre
Erfüllung ist ein brüderlicher Dienst am Mitmenschen, den wir ihm in eben der
Weise schulden wie dem Bedürftigen das Werk der Barmherzigkeit, das seiner Not
hilft.
Wir leisten dem Mitmenschen brüderlichen Dienst, weil wir in
ihm jene Würde erkennen, die ihm als sittlichem Wesen zukommt; wir sprechen von
personaler Würde. Der Glaube belehrt uns, daß es des Menschen Auszeichnung
darstellt, Abbild Gottes zu sein; die christliche Tradition sagt dazu, der
Mensch sei um seiner selbst willen da, nicht Mittel für irgendeinen Zweck.
Darum ist die personale Menschenwürde jene Instanz, von der aus alle kulturelle
Anwendung technisch-wissenschaftlicher Erkenntnis zu beurteilen ist.
Dies ist von besonderer Bedeutung, wenn der Mensch selbst immer
mehr Gegenstand der Forschung und Objekt von Humantechniken wird. Dies ist in
sich noch kein unerlaubtes Vorgehen, da der Mensch ja auch ”Natur“ ist.
Freilich ergeben sich hier Gefahren und Probleme, die aufgrund der
weltumspannenden Auswirkungen der technischen Zivilisation schon heute die
meisten Völker vor ganz neue Aufgaben stellen. Diese Gefahren und Probleme sind
seit langem Gegenstand einer internationalen Diskussion. Es zeugt von dem hohen
Verantwortungsbewußtsein der heutigen Wissenschaft, daß sie selbst sich dieser
fundamentalen Fragen annimmt und sich mit wissenschaftlichen Mitteln um ihre
Lösung bemüht. Die Human- und Sozialwissenschaften, aber auch die
Kulturwissenschaften, nicht zuletzt Philosophie und auch Theologie haben die
Reflexion des modernen Menschen über sich selbst und seine Existenz in der
wissenschaftlich-technischen Welt in vielfältiger Weise vorangetrieben. Der
Geist des neuzeitlichen Bewußtseins, der die Entwicklung der modernen
Naturwissenschaften beflügelt, hat sich auch die wissenschaftliche Erforschung
des Menschen und seiner sozialen und kulturellen Lebenswelt zum Ziel gesetzt.
Dabei wurde eine schier unüberschaubare Fülle von Erkenntnissen zutage
gefördert, die sich ebenfalls auf das öffentliche und private Leben auswirken.
Das soziale System der heutigen Staaten, das Gesundheits- und Bildungswesen,
wirtschaftliche Prozesse und kulturelle Leistungen, sie alle sind mannigfach vom
Einfluß dieser Wissenschaften (mit-) geprägt. Aber es kommt darauf an, daß
die Wissenschaft den Menschen nicht entmündigt. Auch in der technischen Kultur
muß der Mensch entsprechend seiner Würde frei bleiben; ja, es muß der Sinn
dieser Kultur sein, ihm ein Mehr an Freiheit zu geben.
Die Einsicht in die personale Würde des Menschen und ihre
maßgebende Bedeutung ist nicht erst durch den Glauben möglich. Sie ist auch
der natürlichen Vernunft nicht verschlossen, die wahr und falsch, gut und böse
unterscheidet und die Freiheit als Grundbedingung menschlichen Daseins erkennt.
Es ist ein ermutigendes Zeichen, daß sie sich weltweit verbreitet; nichts
anderes besagt ja der Gedanke der Menschenrechte, dem sich selbst jene nicht
entziehen können, welche ihm in ihren Taten entgegenhandeln. Es besteht
Hoffnung, und diese Hoffnung wollen wir ermutigen.
Es mehren sich auch die Stimmen, die sich mit der immanenten
Beschränkung der Wissenschaften nicht zufriedengeben wollen und die nach der
einen ganzen Wahrheit fragen, in der sich das menschliche Leben erfüllt. Es ist
als ob Wissen und wissenschaftliche Forschung ins unendliche sich ausdehnten, so
aber gerade sich wieder unaufhaltsam in ihre Ursprünge zurückbeugten: Die alte
Frage nach dem Zusammenhang von Wissen und Glauben ist durch die Entwicklung der
modernen Wissenschaften nicht überholt, sondern sie zeigt gerade in einer mehr
und mehr verwissenschaftlichten Welt ihre volle lebenskräftige Bedeutung.
5. Wir haben bis jetzt vornehmlich von der Wissenschaft
gesprochen, die im Dienst der Kultur und damit des Menschen steht. Es wäre aber
zu wenig, sich auf diesen Aspekt zu beschränken. Gerade angesichts der Krise
müssen wir uns daran erinnern, daß die Wissenschaft nicht nur Dienst für
andere Zwecke ist. Die Erkenntnis der Wahrheit trägt ihren Sinn in sich selbst.
Sie ist ein Vollzug humanen und personalen Charakters, ein menschliches Gut von
hohem Rang. Die reine ”Theorie“ ist selbst eine Weise menschlicher ”Praxis“,
und der Gläubige erwartet eine höchste, ihn ewig mit Gott vereinende ”Praxis“:
sie ist Schau, sie ist also ”Theorie“.
Wir sprachen von ”Legitimationskrise der Wissenschaft“. Ja,
die Wissenschaft hat ihren Sinn und ihr Recht, wenn sie als wahrheitsfähig und
wenn die Wahrheit als menschliches Gut erkannt wird.
Dann rechtfertigt sich auch die Forderung nach der Freiheit der
Wissenschaft; denn wie anders kann ein menschliches Gut zustande kommen als
durch Freiheit? Frei muß die Wissenschaft sein auch in dem Sinn, daß nicht
unmittelbare Zwecke, gesellschaftlicher Nutzen oder ökonomisches Interesse
ihren Vollzug bestimmen. Das heißt nicht, daß sie von der ”Praxis“
prinzipiell getrennt werden muß. Aber um in die Praxis hineinzuwirken, muß sie
zuvor durch die Wahrheit bestimmt sein, also zur Wahrheit frei sein.
Die freie und nur der Wahrheit verpflichtete Wissenschaft läßt
sich nicht auf das Modell des Funktionalismus oder ein anderes festlegen,
welches das Verständnis der wissenschaftlichen Rationalität einschränkt.
Wissenschaft muß offen sein, ja auch vielfältig, und wir brauchen nicht Furcht
vor dem Verlust einer einheitsgebenden Orientierung zu haben. Diese ist in der
Dreiheit von personaler Vernunft, Freiheit und Wahrheit gegeben, in welcher die
Vielfalt konkreter Vollzüge begründet und bewahrt ist.
Ich trage keine Bedenken, auch die Glaubenswissenschaft im
Horizont einer so verstandenen Rationalität zu sehen. Die Kirche wünscht eine
selbständige theologische Forschung, die vom kirchlichen Lehramt unterschieden
ist, sich ihm aber verpflichtet weiß im gemeinsamen Dienst an der
Glaubenswahrheit und am Volk Gottes. Es wird nicht auszuschließen sein, daß
Spannungen und auch Konflikte entstehen. Aber dies ist auch im Verhältnis von
Kirche und Wissenschaft niemals auszuschließen. Es hat seinen Grund in der
Endlichkeit unserer Vernunft, die in ihrer Reichweite begrenzt und dazu dem
Irrtum ausgesetzt ist. Dennoch können wir stets Hoffnung auf versöhnende
Lösung haben, wenn wir auf die Wahrheitsfähigkeit ebendieser Vernunft bauen.
In einer vergangenen Epoche haben Vorkämpfer der neuzeitlichen
Wissenschaft gegen die Kirche mit den Schlagworten Vernunft, Freiheit und
Fortschritt gekämpft. Heute, angesichts der Sinnkrise der Wissenschaft, der
vielfältigen Bedrohung ihrer Freiheit und des Zweifels am Fortschritt, haben
sich die Kampfesfronten geradezu vertauscht. Heute ist es die Kirche, die
eintritt
- für die Vernuft und die Wissenschaft, der sie die Fähigkeit
zur Wahrheit zutraut, welche sie als humanen Vollzug legitimiert;
- für die Freiheit der Wissenschaft, durch die sie ihre Würde
als menschliches personales Gut hat;
- für den Fortschritt im Dienst einer Menschheit, die seiner zur Sicherung
ihres Lebens und ihrer Würde bedarf.
Mit dieser Aufgabe steht die Kirche und stehen alle Christen im
Zentrum der Auseinandersetzung unserer heutigen Zeit. Eine tragfähige Lösung
für die drängenden Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz, nach den
Maßstäben des Handelns und nach den Perspektiven einer weiterreichenden
Hoffnung ist nur in der erneuerten Verbindung des wissenschaftlichen Denkens mit
der wahrheitssuchenden Glaubenskraft des Menschen möglich. Das Ringen um einen
neuen Humanismus, auf den die Entwicklung des dritten Jahrtausends gegründet
werden kann wird nur zum Erfolg führen, wenn in ihm die wissenschaftliche
Erkenntnis wieder in lebendige Beziehung tritt mit der Wahrheit, die dem
Menschen als Geschenk Gottes offenbart ist. Die Vernunft des Menschen ist ein
großartiges Instrument für die Erkenntnis und Gestaltung der Welt. Sie bedarf
aber, um die ganze Fülle der menschlichen Möglichkeiten zur Verwirklichung zu
bringen, einer Öffnung für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus
Mensch geworden ist.
Eingangs sagte ich, unser Treffen heute solle ein Zeichen der
Gesprächsbereitschaft zwischen Wissenschaft und Kirche sein. Ist nicht bei
diesen Überlegungen deutlich geworden, wie dringend dieser Dialog ist? Beide
Seiten sollten ihn nüchtern, hörend, beständig fortsetzen. Wir brauchen
einander.
In diesem Dom werden seit Jahrhunderten die Gebeine der Weisen
bewahrt und verehrt, die am Beginn des neuen Zeitalters, das mit der
Menschwerdung Gottes angebrochen ist, sich aufmachten, um dem wirklichen Herrn
der Welt zu huldigen. Diese Männer, in denen sich das Wissen ihrer Zeit
vereinigte, werden so zum Leitbild für den wahrheitssuchenden Menschen
überhaupt. Das Wissen, das die Vernunft erreicht, findet seine Vollendung in
der Anbetung der göttlichen Wahrheit. Der Mensch, der auf diese Wahrheit
zugeht, erleidet keine Einbuße seiner Freiheit, sondern wird in der vertrauensvollen
Hingabe an den Geist, der uns durch das Erlösungswerk Jesu Christi zugesagt
ist, zur vollen Freiheit und zu einer wirklich humanen Existenzerfüllung
geführt.
Die Wissenschaftler und Studenten und Sie alle aber, die Sie
heute hier zusammengekommen sind, rufe ich auf und bitte Sie, in Ihrem Streben
nach wissenschaftlicher Erkenntnis das letzte Ziel Ihrer Arbeit und Ihres ganzen
Lebens ständig vor Augen zu haben. Dazu empfehle ich Ihnen besonders die
Tugenden der Tapferkeit, die in einer zweifelnden, der Wahrheit entfremdeten und
sinnbedürftigen Welt die Wissenschaft verteidigt, und der Demut, mit der wir
die Endlichkeit der Vernunft vor der sie übersteigenden Wahrheit anerkennen. Es
sind die Tugenden Alberts des Großen.
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