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BOTSCHAFT VON JOHANNES
PAUL II. ZUM LXXXVI. DEUTSCHEN KATHOLIKENTAG IN BERLIN
21. Mai 1980
Verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern!
In der Liebe Christi, die stärker ist als alles, grüße ich
zur Eröffnungsfeier des 86. Deutschen Katholikentages in Berlin vor allem Dich,
meinen geliebten Bruder, Bischof Joachim Meisner, als den neuen Oberhirten
dieser angesehenen und schicksalsgeprüften Stadt. Zusammen mit Dir gilt mein
herzlicher Gruß den zu diesen Tagen der Besinnung und des Gebetes in Deiner
Bischofsstadt Versammelten sowie allen Gläubigen Eures von mir so geschätzten
Heimatlandes. Es ist mir eine besondere Freude, Euch seit meiner Wahl zum
obersten Hirten der Kirche zum ersten Mal in dieser unmittelbaren Weise meine
besondere Verbundenheit und meine aufrichtigen Segenswünsche aussprechen zu
können.
Die große Tradition der Katholikentage in Deutschland ist mir
wohlbekannt. Sie sind für mich das markanteste Zeichen eines starken und
einigen Laienapostolates in Eurem Land. Seit über hundert Jahren sind viele
Initiativen zur Verlebendigung der Kirche und zur Erneuerung der Gesellschaft
von den Katholikentagen ausgegangen. Diese Weise, sich als Volk Gottes gemeinsam
mit den Hirten zu versammeln und den Aufgaben zuzuwenden, die sich für die
Zukunft des Menschen und der Gesellschaft stellen, liegt ganz in der Richtung
jenes Kirchenbildes, das uns das II. Vatikanische Konzil vor Augen gestellt hat.
Der Katholikentag kommt in diesem Jahr nach Berlin, in dem das
Bistum Berlin seinen 50.
Geburtstag feiert. Diese fünf Jahrzehnte zählen zu den
bewegtesten in der Geschichte Eures Vaterlandes, ja Europas. Und gerade Euer
Bistum, liebe Berliner, hat schwer an den Lasten und Wunden der unseligen
Zeitgeschehnisse zu tragen. Und doch ist das Leitwort des Katholikentages
zugleich Eure persönliche Erfahrung: Christi Liebe ist stärker!
Wenn ich an dieses Wort denke, dann steht mir lebendig die
Gestalt dessen vor Augen, der zu diesem Katholikentag eingeladen hat, Euer
bisheriger verehrter Oberhirte, Kardinal Alfred Bengsch, den der Herr so früh
zu sich gerufen hat. Es ist kaum zu ermessen, wie viel Kardinal Bengsch für
Christus und die Kirche in seinem Bistum und weit über sein Bistum hinaus in
der Kraft der Liebe Christi gewirkt hat. Er hatte einen unbeugsamen Glauben an
die Liebe Christi, und aus diesem Glauben konnte er unerschrocken den Weg
weisen, aber ebenso in Verstehen und Güte Menschen stärken und aufrichten. Wie
sehr die Liebe Christi sein Leben bestimmte, hat er Euch auch in seinem
Testament gesagt. Ich möchte Euch allen zum Thema dieses Katholikentages
besonders folgende Ermahnung aus seinem geistlichen Vermächtnis tief ins Herz
schreiben: ”Widersteht dem Ungeist des Hasses mit dem Geist der Liebe des
Gekreuzigten, der noch in der Stunde seines Todes den Vater bittet, seinen
Feinden zu vergeben“.
Wenn Ihr mich fragt, was ich Euch für die kommenden Tage
brüderlicher Gemeinschaft wünsche, dann möchte ich Euch zurufen: Vereinigt
Eure Anstrengungen mit dem Einsatz aller Getauften, die Liebe Christi aufrichtig
zu leben und zu bezeugen, um gemeinsam eine Zivilisation der Liebe aufzubauen.
Denn es gibt nichts, was unsere von Konflikten und Ungerechtigkeiten gepeinigte
Welt, ja, jeder einzelne Mensch, bewußt oder unbewußt so sehr ersehnt wie die
befreiende Botschaft und das tatkräftige Zeugnis der Liebe Christi. ”Der
Mensch kann nicht“, wie ich in meiner ersten Enzyklika betont habe "ohne
Liebe leben". Er bleibt für sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein
Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe gehoffenbart wird, wenn er nicht
der Liebe begegnet..., wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält“.
Deshalb ermahnt das Konzil die Christen, daß ihre Anwesenheit in der
menschlichen Gemeinschaft ”von jener Liebe beseelt sein muß, mit der Gott uns
geliebt hat, der will, daß wir einander mit derselben Liebe begegnen“. Möge
Euer Katholikentag ein Baustein zu einer wirklichen Zivilisation der Liebe
werden!
Liebe Brüder und Schwestern, Euer Motto "Christi Liebe ist
stärker" unterstützt und ermutigt auch mich in meinem Auftrag für die
Kirche und für alle Menschen. Denn die Cathedra des heiligen Petrus trägt seit
alters her den Ehrentitel, der mir zugleich teuerste Verpflichtung ist: Vorsitz
der Liebe zu sein. Auch wenn das Wort des Papstes und der Bischöfe einmal
unbequem erscheint, glaubt uns, daß es uns Hirten in allem allein um die Treue
zur Liebe Christi geht.
Christi Liebe ist stärker - dies lenkt unsere Aufmerksamkeit
zunächst auf den Herrn selbst, der durch die Hingabe seines Lebens für seine
Freunde uns das Beispiel größtmöglicher Liebe gegeben hat. Sich seiner Liebe
öffnen, das ist wahre Befreiung des Menschen. In ihm, nur in ihm werden wir
befreit von aller Entfremdung und Verlorenheit, von der Versklavung an die
Mächte der Sünde und des Todes. Jesus, der unser Bruder geworden ist,
eröffnet uns freien Zugang zum Vater, er sprengt alle Hindernisse, die Menschen
von Menschen trennen, und verbindet uns zu Brüdern und Schwestern. Sein Blut,
das er für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt vergossen hat, läßt uns
die Würde eines jeden erkennen, der den Namen Mensch trägt, wie entstellt und
geschändet auch immer sein Antlitz aussieht. Möge vielen, möge allen, die am
Katholikentag persönlich oder durch die Medien teilnehmen, dieses Geschenk
zuteil werden: daß sie in der Liebe Christi ihre einmalige, unvergleichliche
Würde erkennen.
Sagt in Berlin und in allen Euren Städten, in Euren
Gemeinschaften und Familien dieses Ja zum Menschen im Namen der Liebe Christi
besonders an die weiter, die ihre Menschenwürde, ihr Recht auf Leben und
Freiheit nicht selber verteidigen können. Ich denke vor allem an die kranken
und alten Menschen, an die Kinder, die Behinderten, die Arbeitslosen. Macht Euch
zu ihrem Anwalt, teilt die Vorliebe Jesu für die Armen und Schwachen. Gerade
bei ihnen muß die Zivilisation der Liebe beginnen. Aber ich denke im Blick auf
Eure Stadt und Euer Land nicht nur an materielle und äußere Not, sondern
ebenso an das schreckliche seelische Leid Ungezählter: an zerrissene Familien,
an Drogenabhängige, an Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben entdecken.
”Bleibt niemand etwas schuldig als die gegenseitige Liebe“,
ermahnt uns der hl. Paulus. Werdet für sie alle Zeugen der Liebe Christi, die
sie aufrichten, ihr Leid teilen, ihre Wunden verbinden. Ich höre aber auch die
Klage der vielen, die geboren werden sollten und nicht geboren werden. Versucht,
die Mütter und Väter zu gewinnen, daß sie dem Leben der ungeborenen Kinder
Raum geben. Mobilisiert alle Kräfte für die Unantastbarkeit jedweden
menschlichen Lebens, wie schwach und unscheinbar es auch sein mag.
Zivilisation der Liebe, das bedeutet nicht zuletzt den Einsatz
aller Kräfte des Herzens und der Vernunft für den Aufbau einer in
Gerechtigkeit und Frieden geeinten Welt. Im Namen der Liebe Christi, die
stärker ist als alle Gewalt, aller Egoismus, aller Haß, schließt Euch
zusammen mit allen Menschen guten Willens, um die weltweite tödliche Bedrohung
des Friedens zu überwinden.
Gerade in der Geschichte Eures Volkes hat es nach dem letzten
Krieg erstaunliche Beweise dafür gegeben, daß die Aussöhnung von verfeindeten
Nachbarn möglich ist. Verdoppelt Eure Anstrengungen für die Versöhnung der
Völker, für die Bekämpfung des Hungers in den Entwicklungsländern, für die
Durchsetzung der Menschenrechte in aller Welt. Allein die Liebe vermag den
Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen und wahren Frieden zu
schaffen.
”Die Kirche ist von Christus gesandt“, wie das Konzil
betont, ” die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und
mitzuteilen“. Damit das Zeugnis der Kirche und der ganzen Christenheit immer
wirksamer werde und immer vollkommener dem Willen des Herrn entspricht, müssen
wir uns zugleich ununterbrochen darum bemühen, daß wir die volle Einheit in
der Liebe und der Wahrheit Christi vor allem mit jenen Brüdern und Schwestern,
mit jenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften erlangen, die mit uns zusammen
vor aller Welt bekennen, daß ”Gott die Welt so sehr geliebt hat, daß er
seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde
geht, sondern das ewige Leben hat“. Möget Ihr, liebe Brüder und Schwestern,
in den Begegnungen und Gesprächen, in der gemeinsamen Arbeit und im Gebet
während des Katholikentages diese tiefe Einheit in der Liebe Christi selbst
beglückend unter Euch erfahren und freudig bezeugen. ”Seid einander in
brüderlicher Liebe zugetan“. Denn nur so kann dieser Berliner Katholikentag
wirklich zu einem überzeugenden Wegweiser der Zivilisation der Liebe werden und
mithelfen, in der Liebe Christi alle Widerstände in uns und um uns zu besiegen.
Dies erbitte ich Euch von Herzen für die kommenden Gnadentage, und dazu segne
ich Euch in der Liebe Christi im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes. Amen.
Aus dem Vatikan, am 21. Mai 1980.
JOHANNES PAUL II.
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