6. MAI 2001 - 4. SONNTAG DER OSTERZEIT
Thema: "Das Leben als Berufung"
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern der ganzen Welt!
1. Der kommende "Weltgebetstag für die geistlichen Berufe", der am
6. Mai 2001 stattfinden wird - wenige Monate nach Abschluß des Großen Heiligen
Jahres, wird unter dem Motto stehen: "Das Leben als Berufung". Mit
dieser Botschaft möchte ich ein wenig dabei verweilen, mit euch über ein
zweifelsohne entscheidendes Thema im christlichen Leben nachzudenken.
Das Wort "Berufung" charakterisiert sehr gut die Beziehung Gottes
zu jedem Menschen in der Freiheit der Liebe, insofern jedes Leben Berufung ist,
"weil das Leben eines jeden Menschen von Gott zu irgendeiner Aufgabe
bestimmt ist" (Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 15). Am
Ende der Welterschaffung betrachtet Gott den Menschen und sieht, daß sein
Schöpfungswerk "sehr gut" ist (vgl. Gen 1,31): er hat ihn
"nach seinem Bild und Gleichnis" erschaffen, seinen tätigen Händen
hat er alles anvertraut und hat ihn in eine enge Beziehung der Liebe gerufen.
"Berufung" ist das Wort, das in das Verständnis der Dynamik der
Offenbarung Gottes einführt und auf diese Weise dem Menschen die Wahrheit über
sein Dasein erschließt. "Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen"
- lesen wir im Konzilsdokument Gaudium et spes - "liegt in seiner
Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von
seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus
Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß
der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer
anheimgibt" (Nr. 19). In diesem Dialog der Liebe mit Gott gründet die
Möglichkeit eines jeden, in der eigenen Spur des Lebens und entsprechend seiner
Eigenschaften zu wachsen. Sie wurden als Geschenk empfangen und sind so imstande,
der Geschichte und dem Beziehungsgeflecht des alltäglichen Lebens einen Sinn zu
geben und dabei gleichzeitig auf dem Weg zur Fülle des Lebens zu bleiben.
2. Das Leben als Berufung aufzufassen, schenkt innere Freiheit und weckt -
zusammen mit der Ablehnung eines passiven, langweiligen und banalen Lebens - im
einzelnen die Sehnsucht nach Zukunft. Das Leben erhält so den Wert einer "empfangenen
Gabe, die von ihrer Natur her danach strebt, selbst wieder geschenkte Gabe zu
werden" (Dokument Neue Berufungen für ein neues Europa, 1998, 16b).
Der Mensch zeigt, daß er aus dem Geist wiedergeboren ist (vgl. Joh
3,3-5), wenn er lernt, dem Weg des neuen Gebotes zu folgen: "Liebt einander,
so wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12). Man kann gewissermaßen
davon sprechen, daß die Liebe die DNS der Kinder Gottes ist; sie ist "der
heilige Ruf", mit dem wir von Gott gerufen sind "aus eigenem Entschluß
und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde;
jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus
offenbart" (2Tm 1,9-10).
Am Beginn einges jeden Berufungswegs steht der Emmanuel, der Gott-mit-uns. Er
offenbart uns, daß wir unser Leben nicht allein bauen, weil inmitten der
Verwicklungen unseres Lebens Gott da ist und mit uns geht und weil er, wenn wir
es auch wollen, mit jedem von uns eine wunderbare, einzigartige und nicht
wiederholbare Liebesgeschichte vorhat, die gleichzeitig im Einklang mit der
Menschheit und mit Allem steht. Die Anwesenheit Gottes in der eigenen Geschichte
zu entdecken, sich nicht mehr als Waisen fühlen, sondern zu wissen, einen Vater
zu haben, dem man sich vollends anvertrauen kann: das ist der große Wendepunkt,
der den bloß menschlichen Horizont aufreißt und den Menschen verstehen läßt
- wie Gaudium et spes es ausdrückt -, daß er sich, "der auf Erden
die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst
nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann" (Nr.
24). Diese Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils enthalten das Geheimnis der
christlichen Existenz sowie jeder echten menschlichen Verwirklichung.
3. Heute muß sich diese christliche Lesart des Daseins mit einigen
besonderen Kennzeichen der westlichen Kultur auseinandersetzen, in denen Gott
aus dem täglichen Leben praktisch verdrängt ist. Gerade deshalb braucht es
eine gemeinsame Anstrengung der ganzen christlichen Gemeinschaft, um "das
Leben wieder zu evangelisieren". Diese grundlegende pastorale Anstrengung
erfordert das Zeugnis von Männern und Frauen, die die Fruchtbarkeit eines
Lebens sichtbar machen, das in Gott seine Quelle hat, aus der Gelehrsamkeit
gegenüber dem Handeln des Geistes seine Kraft schöpft und in der Gemeinschaft
mit Christus und seiner Kirche die Gewähr eines authentischen Sinnes für die
täglichen Mühen findet. Es ist notwendig, daß jeder in der christlichen
Gemeinschaft seine persönliche Berufung entdeckt und darauf rückhaltlos
antwortet. Jedes Leben ist Berufung und jeder Gläubige ist eingeladen, am
Aufbau der Kirche mitzuwirken. Am "Weltgebetstag für die geistlichen
Berufe" ist unsere Aufmerksamkeit jedoch in besonderer Weise auf die
dringende Not an geweihten Dienern sowie an Menschen, die bereit sind, Christus
auf dem anspruchsvollen Weg des geweihten Lebens im Versprechen der
evangelischen Räte zu folgen, gerichtet.
Es braucht geweihte Diener, die "die bleibende Garantie der
sakramentalen Präsenz Christi, des Erlösers, zu allen Zeiten und an allen
Orten" sein sollen (Christifideles laici, Nr. 55) und durch die
Verkündigung des Worts sowie die Feier der Eucharistie und der Sakramente die
christlichen Gemeinden auf den Wegen des ewigen Lebens führen.
Es braucht Männer und Frauen, die mit ihrem Zeugnis "in den Getauften
das Bewußtsein für die wesentlichen Werte des Evangeliums lebendig"
halten und "im Bewußtsein des Gottesvolkes das Bedürfnis aufbrechen"
lassen, "mit der Heiligkeit des Lebens auf die durch den Heiligen Geist in
die Herzen ausgegossene Liebe Gottes zu antworten, indem sich in der Haltung die
sakramentale Weihe widerspiegelt, die durch Gottes Wirken in der Taufe und in
der Firmung oder in der Weihe erfolgt ist" (Vita consecrata, Nr.
33).
Möge der Heilige Geist überreich Berufungen der besonderen Weihe wecken,
damit sie im christlichen Volk eine immer selbstlosere Hingabe an das Evangelium
fördern und allen das Verständnis für den Sinn des Daseins als Wiederschein
der Schönheit und Heiligkeit Gottes erleichtern.
4. Meine Gedanken wenden sich nun an die vielen jungen Menschen, die nach
Werten dürsten und oft nicht in der Lage sind, den Weg zu finden, der dorthin
führt. Ja, nur Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und deshalb
ist es notwendig, sie die Erfahrung machen zu lassen, dem Herrn zu begegnen, und
ihnen zu helfen, zu ihm eine tiefe Beziehung aufzubauen. Jesus muß in ihre Welt
eintreten, ihre Geschichte in die Hand nehmen und ihr Herz öffnen, damit sie
ihn immer besser kennenlernen, wenn sie ihm Schritt für Schritt auf den Spuren
seiner Liebe folgen.
Ich denke dabei an die wichtige Rolle der Hirten des Gottesvolkes. Ihnen rufe
ich die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Gedächtnis: "Als
ersten muß es darum den Priestern sehr am Herzen liegen, durch ihren Dienst am
Wort und das Zeugnis ihres eigenen Lebens, das den Geist des Dienens und die
wahre österliche Freude offenbar macht, den Gläubigen die Erhabenheit und
Notwendigkeit des Priestertums vor Augen zu stellen. ... Dafür ist eine
sorgfältige und kluge geistliche Führung von größtem Nutzen. ... Doch darf
man von diesem Ruf des Herrn durchaus nicht erwarten, daß er auf außerordentliche
Weise den zukünftigen Priestern zu Ohren gelangt. Er ist vielmehr aus Zeichen
zu ersehen und zu beurteilen, durch die auch sonst der Wille Gottes einsichtigen
Christen im täglichen Leben kund wird; diese Zeichen müssen die Priester
aufmerksam beachten" (Presbyterorum ordinis, Nr. 11).
Ich denke weiterhin an die Männer und Frauen des geweihten Lebens, die
gerufen sind, dafür Zeugnis zu geben, daß unsere einzige Hoffnung in Christus
ist. Nur von ihm her ist es möglich, die Kraft zu beziehen, sich im eigenen
Leben so zu entscheiden, wie er sich entschieden hat. Nur mit ihm ist es
möglich, der tiefen Not der Menschheit nach Heil zu begegnen. Möge Präsenz
und Dienst der Ordensleute Herz und Sinn der jungen Menschen auftun für die
Horizonte gotterfüllter Hoffnung und sie zur Demut und Selbstlosigkeit des
Liebens und Dienens anleiten. Die kirchliche und kulturelle Bedeutsamkeit ihres
geweihten Lebens übertrage sich immer besser in spezielle pastorale Angebote,
die dazu dienlich sind, die jungen Männer und Frauen vorzubereiten, den Ruf des
Herrn zu vernehmen sowie in der Freiheit des Geistes selbstlos und mutig zu
antworten.
5. Ich wende mich nun an Euch, liebe christliche Eltern, um Euch zu ermuntern,
Eueren Kindern beizustehen. Laßt sie angesichts der großen Entscheidungen im
Heranwachsen und Jugendalter nicht allein. Helft ihnen, sich nicht von der
mühseligen Suche nach Wohlstand überwältigen zu lassen und führt sie zur
authentischen Freude, der Freude im Geist. Laßt in ihren Herzen, die so oft von
Angst vor der Zukunft heimgesucht sind, die befreiende Freude des Glaubens
wiederhallen. Erzieht sie, wie mein verehrter Vorgänger, der Diener Gottes Paul
VI. schrieb, "ganz schlicht die vielfachen Anlässe für den Menschen zur
Freude zu verkosten, welche der Schöpfer schon auf unseren Weg gelegt hat:
überschäumende Freude über das Dasein und das Leben; Freude der lauteren und
geheiligten Liebe; Freude, die Frieden schenkt, über die Natur und die Stille;
manchmal herbe, aber echte Freude über gut geleistete Arbeit; Freude und
Genugtuung über die Erfüllung einer Pflicht; die lichte und klare Freude des
Reinen, des Dienenden und dessen, der brüderlich Anteil nimmt; die anfordernde
Freude des Opfers" (Gaudete in Domino, Nr. I).
Das Wirken der Familie soll unterstützt werden von dem der Katecheten,
Religionslehrer und kirchlichen Mitarbeiter, die in besonderer Weise aufgerufen
sind, in den jungen Menschen den Sinn für Berufung zu wecken. Ihre Aufgabe ist
es, die jungen Generationen anzuleiten, den Plan Gottes mit ihnen zu entdecken,
indem sie in ihnen die Bereitschaft wecken, das eigene Leben, wenn Gott ruft, zu
einem Geschenk für seine Sendung werden zu lassen. Dies geschieht durch
schrittweise Entscheidungen, die auf das volle "Ja" vorbereiten, kraft
dessen das ganze Leben in den Dienst des Evangeliums gestellt wird. Liebe
Katecheten, Lehrer und kirchlichen Mitarbeiter, um dies zu erreichen, helft den
Euch anvertrauten Kindern, den Blick nach oben zu richten, um von der dauernden
Versuchung zu Kompromissen loszukommen. Erzieht sie zum Vertrauen auf den Gott,
der ihr Vater ist und die außerordentliche Größe seiner Liebe darin zeigt,
daß er jedem eine persönliche Aufgabe im Dienst der großen Sendung anvertraut,
"das Angesicht der Erde zu erneuern".
6. In der Apostelgeschichte lesen wir von den ersten Christen: "Sie
hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des
Brotes und an den Gebeten" (Apg 2,42). Jede brüderliche Begegnung
mit dem Wort Gottes ist ein Glücksmoment für die Berufung. Die Beschäftigung
mit der Heiligen Schrift hilft, den Stil und die Gesten verstehen zu lernen, mit
denen Gott erwählt, beruft, erzieht und an seiner Liebe teilnehmen läßt.
Die Feier der Eucharistie und das Gebet lassen die Worte Jesu besser
verstehen: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet
also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt
9,37-38; vgl. Lk. 10,2). Im Gebet um Berufungen lernen wir die Welt, die
Nöte des Lebens und die Sehnsucht jedes Menschen nach Heil von der Weisheit des
Evangeliums her betrachten. Dadurch erleben wir auch die Liebe und das Mitleid
Christi mit der Menschheit. In der Nachahmung des Beispiels der Jungfrau haben
wir die Gnade sagen zu können: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe,
wie du es gesagt hast" (Lk 1,38).
Ich lade alle ein, mit mir inständig den Herrn zu bitten, daß es nicht an
Arbeitern für seine Ernte fehle:
Heiliger Vater, immerwährender Quell des Seins und der Liebe, der du im
lebendigen Menschen den Glanz deiner Herrlichkeit offenbarst und der du in sein
Herz den Keim deines Rufes legst: laß nicht zu, daß irgend jemand durch unsere
Nachlässigkeit dieses Geschenk nicht wahrnimmt oder wieder verliert, sondern
daß alle voller Selbstlosigkeit den Weg gehen können, auf dem deine Liebe
Wirklichkeit wird.
Herr Jesus, der du auf deiner Pilgerschaft auf den Straßen Palästinas die
Apostel erwählt und berufen hast, du hast ihnen die Aufgabe anvertraut, das
Evangelium zu verkünden, den Gläubigen gute Hirten zu sein und den
Gottesdienst zu feiern: laß es in deiner Kirche auch heute nicht an zahlreichen
heiligen Priestern fehlen, die allen die Erlösungsgaben deines Todes und deiner
Auferstehung bringen.
Heiliger Geist, der du die Kirche durch die ständige Ausgießung deiner
Gaben heiligst: schenke den Herzen der zum Ordensleben Berufenen eine feste und
innige Leidenschaft für dein Reich, damit sie ihr Leben mit einem selbstlosen
und unbedingten Ja in den Dienst des Evangeliums stellen.
Heiligste Jungfrau, die du dich selbst ohne Zögern dem Allmächtigen für
die Verwirklichung seines Heilsplans zur Verfügung gestellt hast: laß die
Herzen der jungen Menschen Vertrauen fassen, damit es immer eifrige Hirten gebe,
die das christliche Volk auf dem Weg des Lebens führen, und gottgeweihte Seelen,
die in Keuschheit, Armut und Gehorsam Zeugnis geben für die befreiende
Gegenwart deines auferstandenen Sohnes.
Amen.
Aus dem Vatikan, am 14. September 2000.
Johannes Paulus II