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Schreiben
von Johannes Paul II. an die Kongregation
der Töchter der göttlichen Liebe zum 24. Generalkapitel
An die ehrwürdige Mutter Nicolina Hendges, Generaloberin
der Töchter der göttlichen Liebe
Ehrwürdige Schwestern!
1. »Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes
des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei it euch allen!« (2 Kor
13,13). Die Worte, die der Völkerapostel Paulus einst an die Gemeinde von
Korinth gerichtet hat, mache ich mir gern zu eigen, um euch, liebe Töchter der
göttlichen Liebe, von Herzen zu grüßen, die ihr zum 24. Generalkapitel in
Grottaferrata versammelt seid. Ich drücke meine Verbundenheit besonders der
ehrwürdigen Mutter Generaloberin Nicolina Hendges gegenüber aus und bitte sie,
meine Segenswünsche an alle Mitglieder der Kongregation zu übermitteln.
Das Thema, mit dem ihr euch in diesen Tagen beschäftigt,
erfüllt mich mit Freude und schenkt mir Hoffnung im Hinblick auf die hohen
Ideale, die ihr über euer Leben schreibt. Denn es ist weniger eine neutrale
»Sache«, über die man Gedanken austauschen könnte, als vielmehr eine
Einladung, die euch als Frauen des gottgeweihten Lebens persönlich betrifft und
in die Pflicht nimmt: »Blickt in die Zukunft, in die der Geist euch versetzt,
um durch euch noch große Dinge zu vollbringen« (Apostolisches Schreiben Vita
Consecrata, 110). Ich bin froh, daß ihr euch nicht als
Nachlaßverwalterinnen einer noch so glanzvollen Vergangenheit versteht, sondern
einer Zukunft den Weg bereiten wollt, den der Herr der Geschichte mit den
Ordensleuten im dritten Jahrtausend gehen möchte.
2. »Wir wollen Jesus sehen« (Joh 12,21). Diese Bitte
haben nicht nur einige Griechen vor zweitausend Jahren an den Apostel Philippus
gerichtet. Sie bewegt auch heute viele unserer Zeitgenossen, die auf der Suche
sind nach Erfüllung und Glück. Wenn auch nicht immer bewußt, so bitten die
Menschen auch unserer Tage die Gläubigen, nicht nur von Christus zu reden,
sondern ihn vor allem zu zeigen: Christus gleichsam »sehen zu lassen«. Diese
Bitte zu erfüllen, dazu sind die Männer und Frauen, die ihr Leben Gott geweiht
haben, in besonderer Weise gerufen.
3. In Zeiten, da die sinkenden Zahlen der Ordensleute Anlaß zur
Besorgnis geben, ist es für die Ordensleute als einzelne und als Gemeinschaft
umso dringlicher, aus den Quellen einer starken und tiefen Spiritualität zu
schöpfen. Was ihr tut, ist ohne Zweifel wichtig; noch wichtiger aber ist, was
ihr seid: Schwestern der göttlichen Liebe.
Ein solcher Titel verpflichtet. Durch euer Leben sollt ihr
diesem Namen alle Ehre machen. Ich weiß, daß ihr in tagtäglicher Treue
bemüht seid, das »neue Gebot« des Herrn zu leben, indem ihr einander liebt,
wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 13,34). Ihr laßt euch von der festen
Überzeugung leiten, daß es keine echte und tragfähige Gemeinschaft gibt ohne
die bedingungslose gegenseitige Liebe: Sie umfaßt die Verfügbarkeit zum Dienst
unter Einsatz aller Kräfte; die Bereitschaft, die Mitschwester ohne Vorurteile
so anzunehmen, wie sie ist; die Fähigkeit, auch »siebenundsiebzigmal« zu
verzeihen (vgl. Mt 18,28); den Willen, niemanden zu verurteilen (vgl. Mt
7,1f.); den Vorsatz, immer wieder neu anzufangen.
4. Euch ist ja vom Heiligen Geist die Liebe in die Herzen
eingegossen (vgl. Röm 5,5), so daß ihr unter dem Auftrag steht, immer
mehr »ein Herz und eine Seele« zu werden (Apg 4,32). Daraus erwächst
wie von selbst das Bedürfnis, alles gemeinsam zu haben: materielle Güter und
geistliche Erfahrungen, geistige Begabungen und praktische Fähigkeiten,
apostolische Ideale und Taten der Nächstenliebe: »Im Gemeinschaftsleben geht
die in einem vorhandene Kraft des Geistes gleichzeitig auf alle über. Da
erfreut man sich nicht nur der eigenen Gabe, sondern vervielfältigt sie, indem
man andere daran teilhaben läßt und genießt die Fracht der Gabe der anderen
wie die eigene« (Basilius der Große, Die größeren Ordensregeln,
Fragen 7: PG 31,931).
5. Wenn ihr, liebe Schwestern, euer Sein und eure Sendung im
soeben begonnenen neuen Jahrhundert bedenkt, dann möchte ich euch den Wunsch
mit auf den Weg geben, daß eure Beratungen vom Leitfaden der göttlichen Liebe
durchzogen seien. Euer Umgang miteinander sei von Ehrfurcht und Achtung
getragen; eure Gespräche seien darauf ausgerichtet, im Bewußtsein eurer hohen
Verantwortung redlich nach dem Weg zu suchen, den der Herr mit eurer
Kongregation gehen möchte; schließlich möge eure Gemeinschaft immer mehr zu
einer Ikone der göttlichen Liebe werden, an der alle, die darauf schauen, die
Größe und Güte des menschenfreundlichen Gottes erkennen können.
6. In der verweilenden Betrachtung des Antlitzes Christi wird
eurer Gemeinschaft auch in dunklen Stunden ein Licht aufgehen, und eure
Gesichter werden etwas ausstrahlen von der Erkenntnis des göttlichen Glanzes,
der euer Herz hell macht (vgl. 2 Kor 4,6). Auf die Fürsprache der
heiligen Muttergottes, deren Leben ein Abbild der göttlichen Liebe war,
wünsche ich eurem Generalkapitel einen fruchtbaren Verlauf und erteile den
Kapitularinnen und allen Töchtern der göttlichen Liebe in herzlicher
Verbundenheit den Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 25. Juli 2001
Johannes Paul II.
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