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SCHREIBEN DES HEILIGEN VATERS
JOHANNES PAUL II.
AN DIE PRIESTER
ZUM GRÜNDONNERSTAG 2001
Liebe Brüder im Priesteramt!
1. An dem Tag, da der Herr Jesus der Kirche die Eucharistie
geschenkt und mit ihr unser Priestertum eingesetzt hat, kann ich nicht umhin, an
euch - wie es nun schon Tradition ist - ein freundschaftliches, ja ich
möchte sagen, vertrauliches Wort zu richten und damit den Wunsch zu verbinden,
Dank und Lob mit euch zu teilen.
Lauda Sion, Salvatorem, lauda ducem et pastorem, in hymnis et
canticis! Wahrlich groß ist das Geheimnis, dessen Diener wir geworden sind:
Geheimnis einer grenzenlosen Liebe, denn »da er die Seinen, die in der Welt
waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13,1); Geheimnis der Einheit, die sich aus den Quellen des trinitarischen Lebens
auf uns ergießt, um uns »eins« zu machen in der Gabe des Geistes (vgl. Joh
17); Geheimnis der göttlichen diakonia, die das fleischgewordene Wort
seinem Geschöpf die Füße waschen läßt und damit im Dienst den hohen Weg
jeder echten Beziehung der Menschen untereinander aufzeigt: »Wie ich gehandelt
habe, so sollt auch ihr handeln...« (vgl. Joh 13,15).
Wir sind in besonderer Weise Zeugen und Diener dieses großen
Geheimnisses geworden.
2. Dieser Gründonnerstag ist der erste nach dem Großen
Jubiläum. Die Erfahrung, die wir zweitausend Jahre nach der Geburt Jesu mit
unseren Gemeinden bei der Feier der Barmherzigkeit gemacht haben, wird nun zum
Ansporn, den Weg weiterzugehen. Duc in altum! Der Herr fordert uns auf,
seinem Wort zu trauen und wieder auf den See hinauszufahren. Beherzigen wir die
Erfahrung des Jubiläumsjahres und setzen wir das engagierte Zeugnis für das
Evangelium mit der Begeisterung fort, die in uns die Betrachtung des Antlitzes
Christi weckt!
Denn wie ich in dem Apostolischen Schreiben Novo millennio
ineunte unterstrichen habe, müssen wir wieder von ihm ausgehen, um uns in
ihm mit dem Seufzen des Geistes, »das wir nicht in Worte fassen können« (Röm
8,26), der Umarmung des Vaters zu öffnen: »Abba, Vater!« (Gal 4,6).
Wir müssen wieder von ihm ausgehen, um die Quelle und tiefe Logik unserer
Brüderlichkeit neu zu entdecken: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr
einander lieben« (Joh 13,34).
3. Ich möchte heute jedem von euch danken für alles, was ihr
während des Jubiläumsjahres getan habt, damit das Volk, das eurer Sorge
anvertraut ist, möglichst tief in die Heilsgegenwart des auferstandenen Herrn
eindringe. Ich denke in diesem Augenblick auch an die Arbeit, die ihr
tagtäglich leistet: eine oft verborgene Arbeit, die zwar keine Schlagzeilen
macht, aber das Reich Gottes in die Gewissen der Menschen eindringen läßt. Ich
spreche euch meine Bewunderung aus für diesen unaufdringlichen, beharrlichen,
kreativen Dienst, wenn er auch manchmal durchtränkt ist von jenen Tränen der
Seele, die nur Gott sieht und »in seinem Krug sammelt« (vgl. Ps 56,9).
Er ist ein Dienst, der um so mehr Achtung verdient, je stärker er den
Widerstand einer weithin säkularisierten Umgebung zu spüren bekommt, die das
Wirken des Priesters der Anfechtung von Erschöpfung und Entmutigung aussetzt.
Ihr wißt es wohl: In den Augen Gottes ist dieser tägliche Einsatz wertvoll.
Gleichzeitig möchte ich mich zur Stimme Christi machen, der uns
aufruft, unsere Beziehung zu ihm immer mehr zu stärken. »Ich stehe vor der
Tür und klopfe an« (Offb 3,20). Als Verkündiger Christi sind wir vor
allem eingeladen, in enger Vertrautheit mit ihm zu leben: Man kann den anderen
nicht geben, was wir selber nicht haben! Es gibt einen Durst nach Christus, der
sich trotz vieler gegenteiliger Erscheinungen auch in unserer modernen
Gesellschaft zeigt, der unter den Widersprüchen neuer Spiritualitätsformen zum
Vorschein kommt, der sogar dann sichtbar wird, wenn bei den großen ethischen
Kernfragen das Zeugnis der Kirche zum Zeichen des Widerspruchs wird. Dieser - mehr oder weniger bewußte
- Durst nach Christus läßt sich nicht mit leeren
Worten stillen. Nur echte Zeugen können das rettende Wort glaubwürdig
ausstrahlen.
4. Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe
ich gesagt, daß das wahre Erbe des Großen Jubiläums die Erfahrung einer
intensiveren Begegnung mit Jesus Christus ist. Unter den vielen Sichtweisen
dieser Begegnung möchte ich heute für diese Überlegung die sakramentale
Versöhnung auswählen: Das ist übrigens ein Aspekt, der auch deshalb im
Mittelpunkt des Jubiläumsjahres stand, weil er eng mit dem Geschenk des
Ablasses zusammenhängt.
Ich bin sicher, daß auch ihr in den Ortskirchen damit
Erfahrungen gemacht habt. Hier in Rom war der bemerkenswerte Zustrom von
Menschen zum Sakrament der Barmherzigkeit gewiß eines der auffälligsten
Phänomene des Jubiläums. Auch Laien, die es beobachtet haben, waren davon
beeindruckt. Die Beichtstühle in Sankt Peter ebenso wie in den anderen
Basiliken wurden geradezu »bestürmt« von den Pilgern, die sich oft in langen
Schlangen anstellen und geduldig warten mußten, bis sie an der Reihe waren.
Besonders bezeichnend war das Interesse, das die Jugendlichen in der wunderbaren
Woche ihres Jubiläums für dieses Sakrament zeigten.
5. Ihr wißt nur zu gut, daß dieses Sakrament in den
vergangenen Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen eine gewisse Krise zu
verzeichnen hatte. Um ihr zu begegnen, wurde im Jahr 1984 eine Bischofssynode
abgehalten, deren Schlußfolgerungen in das Nachsynodale Apostolische Schreiben Reconciliatio
et paenitentia eingeflossen sind.
Es wäre naiv zu glauben, daß allein der verstärkte Empfang
des Sakramentes der Vergebung im Jubiläumsjahr der Beweis für eine nunmehr
eingetretene Tendenzwende sei. Dennoch handelte es sich um ein ermutigendes
Signal. Es drängt uns zu der Erkenntnis, daß man die tiefgründigen
Bedürfnisse des menschlichen Geistes, auf die Gottes Heilsplan Antwort
gibt, von vorübergehenden Krisen nicht auslöschen kann. Dieses Zeichen
des Jubiläums muß man als eine Weisung von oben aufgreifen und zum Anlaß
machen, mit neuem Mut den Sinn und die Praxis dieses Sakraments wieder
vorzustellen.
6. Aber ich will nicht so sehr bei der pastoralen Problematik
verweilen. Der Gründonnerstag als eigentlicher Tag unserer Berufung ruft uns
dazu auf, vor allem über unser »Sein« und insbesondere über unseren Weg der
Heiligkeit nachzudenken. Daraus entspringt dann auch der apostolische Eifer.
Wenn wir also auf Christus beim Letzten Abendmahl blicken, der
sich zum »gebrochenen Brot« für uns machte und sich in demütigem Dienst zu
den Füßen der Apostel niederbeugte, müssen wir da nicht angesichts der Größe
der empfangenen Gabe dasselbe Gefühl von Unwürdigkeit empfinden wie
Petrus? »Niemals sollst du mir die Füße waschen!« (Joh 13,8). Petrus
hatte unrecht, die Geste Christi zurückzuweisen. Aber er hatte recht, sich
ihrer unwürdig zu fühlen. An diesem Tag, dem Tag der Liebe schlechthin, kommt
es darauf an, daß wir die Gnade des Priestertums als ein Übermaß an
Barmherzigkeit empfinden.
Barmherzigkeit ist das absolute Ungeschuldetsein, mit dem Gott
uns erwählt hat: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch
erwählt« (Joh 15,16).
Barmherzigkeit ist das Entgegenkommen, mit dem er uns beruft, an
seiner Stelle zu handeln, obwohl er weiß, daß wir Sünder sind.
Barmherzigkeit ist die Vergebung, die er uns niemals verweigert,
so wie er sie Petrus nach der Verleugnung nicht verwehrt hat. Auch für uns gilt
die Beteuerung, wonach »im Himmel mehr Freude herrschen wird über einen
einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht
nötig haben umzukehren« (Lk 15,7).
7. Entdecken wir also wieder unsere Berufung als »Geheimnis der
Barmherzigkeit«. Im Evangelium stoßen wir darauf, daß Petrus gerade mit
dieser geistlichen Haltung sein besonderes Amt empfängt. Seine Geschichte ist
Vorbild für alle, die in den verschiedenen Graden des Weihesakramentes den
apostolischen Auftrag empfangen haben.
Unsere Gedanken kehren zurück zum wunderbaren Fischfang,
wie er im Lukasevangelium (5,1-11) beschrieben ist. Jesus verlangt von Petrus
einen Akt des Vertrauens in sein Wort, als er ihn auffordert, zum Fischfang auf
den See hinauszufahren. Eine menschlich befremdliche Forderung: Wie soll er ihm
glauben, nachdem er eine schlaflose Nacht voller Mühen, aber letztlich
ergebnislos damit verbracht hat, die Netze auszuwerfen? Aber der nochmalige
Versuch »auf Jesu Wort hin« ändert alles. Die Fische gehen in solchen Mengen
in die Netze, daß diese zu zerreißen drohen. Das Wort enthüllt seine Macht.
Darüber erhebt sich Staunen, aber zugleich auch Furcht und Schrecken, wie wenn
man plötzlich von einem intensiven Lichtstrahl getroffen würde, der alle
eigenen Grenzen freilegt. Petrus ruft aus: »Herr, geh weg von mir; ich bin ein
Sünder« (Lk 5, 8). Aber kaum hat er sein Bekenntnis zu Ende gesprochen,
da wird die Barmherzigkeit des Meisters für ihn zum Anfang eines neuen Lebens:
»Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen« (Lk 5,10). Der »Fischer« wird zum Diener der Barmherzigkeit. Der einst Fische fing,
wird nun zum »Menschenfischer«!
8. Das ist ein großes Geheimnis, liebe Priester: Christus
hatte keine Angst, seine Diener unter den Sündern auszuwählen. Ist das
nicht unsere Erfahrung? Wieder trifft es Petrus, dem dies in dem ergreifenden
Gespräch mit Jesus nach der Auferstehung noch lebendiger bewußt wird. Bevor
ihm der Meister das Hirtenamt überträgt, stellt er ihm die peinliche Frage:
»Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?« (Joh 21,15). Der Angesprochene ist derjenige, der ihn einige Tage zuvor dreimal
verleugnet hat. Man versteht gut den demütigen Ton seiner Antwort: »Herr, du
weißt alles; du weißt, daß ich dich liebhabe« (ebd., Vers 17). Auf
Grund dieser Liebe in Erfahrung der eigenen Schwäche, einer ebenso bange wie
vertrauensvoll eingestandenen Liebe, erhält Petrus das Amt: »Weide meine
Lämmer«, »Weide meine Schafe« (ebd., Verse 15.16.17). Auf Grund
dieser Liebe, noch gestärkt vom Feuer an Pfingsten, wird Petrus das empfangene
Amt erfüllen können.
9. Und entsteht nicht auch die Berufung des Paulus in
einer Erfahrung der Barmherzigkeit? Keiner hat wie er die Ungeschuldetheit der
Wahl Christi empfunden. Seine Vergangenheit als verbissener Verfolger der Kirche
wird ihm immer auf der Seele brennen: »Denn ich bin der geringste von den
Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche
Gottes verfolgt habe« (1 Kor 15,9). Und dennoch wird diese Erinnerung
keineswegs seine Begeisterung schwächen, sondern ihn immer wieder beflügeln.
Je mehr er von der Barmherzigkeit umfangen wurde, desto mehr fühlt er das
Bedürfnis, sie zu bezeugen und auszustrahlen. Die »Stimme«, die ihn auf dem
Weg nach Damaskus erreicht, führt ihn zum Herzen des Evangeliums und läßt ihn
dieses als barmherzige Liebe des Vaters entdecken, der in Christus die Welt mit
sich versöhnt. Auf dieser Grundlage wird Paulus auch den apostolischen
Dienst als Dienst der Versöhnung verstehen: »Aber das alles kommt von
Gott, der in Christus die Welt mit sich versöhnt und uns den Dienst der
Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich
versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns
das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute« (2 Kor 5,18-19).
10. Die Zeugnisse von Petrus und Paulus, liebe Priester,
enthalten für uns wertvolle Hinweise. Sie fordern uns auf, mit einem Gefühl
unendlicher Dankbarkeit das Geschenk des Dienstamtes zu leben: Wir haben
nichts verdient, alles ist Gnade! Zugleich veranlaßt uns die Erfahrung der
beiden Apostel, uns der Barmherzigkeit Gottes zu überlassen, um in ehrlicher
Reue unsere Schwächen bei ihm abzuladen und mit seiner Gnade unseren Weg der
Heiligkeit wieder aufzunehmen. In Novo millennio ineunte habe ich auf das
Bemühen um Heiligkeit als den Hauptpunkt einer klugen pastoralen »Planung«
hingewiesen. Es ist die grundlegende Verpflichtung aller Gläubigen; um wieviel
mehr muß es das also für uns sein (vgl. Nr. 30-31)!
Zu diesem Zweck ist es wichtig, daß wir das Sakrament der
Versöhnung als grundlegendes Mittel unserer Heiligung wiederentdecken.
An einen priesterlichen Mitbruder herantreten, um ihn um jene Absolution zu
bitten, die wir selbst so oft unseren Gläubigen erteilen, das läßt uns die
große und tröstliche Wahrheit erleben, daß wir, noch ehe wir Amtsträger
sind, Glieder eines einzigen Volkes sind, eines Volkes von »Erlösten«. Was
Augustinus von seiner bischöflichen Aufgabe sagte, gilt auch für den
priesterlichen Dienst: »Auch wenn es mich erschreckt, für euch dazusein, so
tröstet es mich, mit euch zu sein. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich
Christ ... Jener ist der Name für eine Gefahr, dieser für die Rettung« (Sermones,
340,1). Es ist schön, unsere Sünden bekennen zu können und wie Balsam das
Wort zu vernehmen, das uns mit Barmherzigkeit überströmt und auf den Weg
zurückbringt. Nur wer die Zärtlichkeit der Umarmung des Vaters gespürt hat,
wie sie das Evangelium im Gleichnis vom verlorenen Sohn beschreibt - »er fiel
ihm um den Hals und küßte ihn« (Lk 15,20) -, vermag dieselbe
Herzlichkeit an die anderen weiterzugeben, wenn er vom Empfänger der Vergebung
zu ihrem Ausspender wird.
11. So laßt uns an diesem heiligen Tag Christus bitten, daß er
uns helfe, die Schönheit dieses Sakramentes für uns selbst in Fülle
neu zu entdecken. War es nicht Jesus selbst, der Petrus bei dieser Entdeckung
half? »Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir« (Joh
13,8). Sicher, Jesus bezog sich hier nicht direkt auf das Sakrament der
Versöhnung, aber er zielte es gleichsam an, indem er auf jenen Reinigungsprozeß
anspielte, den sein Erlösungstod und der sakramentale Heilsplan, der auf die
einzelnen angewandt wird, einleiten sollte.
Greifen wir, liebe Priester, regelmäßig zu diesem Sakrament,
damit der Herr ständig unser Herz reinigen kann, indem er uns würdiger macht
für die Geheimnisse, die wir feiern. Da wir berufen sind, das Antlitz des Guten
Hirten zu verkörpern und somit das Herz Christi selbst zu haben, müssen wir
uns mehr als andere die inständige Anrufung des Psalmisten zu eigen machen:
»Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen
Geist!« (Ps 51, 12). Das für jedes christliche Dasein unverzichtbare
Sakrament der Versöhnung erweist sich auch als Hilfe, Orientierung und
Medizin des priesterlichen Lebens.
12. So ist es für den Priester, der die freudige Erfahrung der
sakramentalen Versöhnung in Fülle macht, ganz selbstverständlich, an die
Brüder die Worte des Paulus zu wiederholen: »Wir sind also Gesandte an Christi
Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Laßt
euch mit Gott versöhnen!« (2 Kor 5,20).
Die Krise des Sakraments der Versöhnung, auf die ich zuvor
hingewiesen habe, hängt von mannigfachen Faktoren ab: angefangen vom Schwinden
des Sündenbewußtseins bis hin zu der geringen Wahrnehmung des sakramentalen
Heilsplanes, mit dem Gott uns rettet; doch wir müssen vielleicht zugeben, daß
sich manchmal auch ein gewisses Nachlassen unserer Begeisterung oder unserer
Verfügbarkeit bei der Ausübung dieses anspruchsvollen und schwierigen
Dienstes zum Schaden des Sakraments ausgewirkt haben mag.
Es gilt hingegen mehr denn je, das Sakrament dem Volk Gottes neu
zu erschließen. Man muß mit Festigkeit und Überzeugung aufzeigen, daß das Bußsakrament
der normale Weg ist, um die Vergebung und den Erlaß der nach der Taufe
begangenen schweren Sünden zu erlangen. Das Sakrament muß auf die
bestmögliche Weise, in den liturgischvorgesehenen Formen, vollzogen
werden, damit es seine volle Gestalt als Feier der göttlichen Barmherzigkeit
bewahre.
13. Das Vertrauen auf die Möglichkeit, daß dieses Sakrament
wieder neu geschätzt und praktiziert wird, können wir auf Grund der Tatsache
zurückgewinnen, daß sich - obgleich unter vielen Widersprüchen - in
vielen Bereichen der Gesellschaft nicht nur ein neues Bedürfnis nach
Spiritualität abzeichnet, sondern auch das lebhafte Verlangen nach
zwischenmenschlicher Begegnung, das sich bei vielen Menschen als Reaktion
auf eine anonyme Massengesellschaft durchsetzt, die den einzelnen häufig zu
innerer Isolation verurteilt - auch dann, wenn sie ihn in einen Strudel
funktionaler Beziehungen hineinzieht. Sicher darf die sakramentale Beichte nicht
mit einer praktischen menschlichen Hilfe oder einer psychologischen Therapie
verwechselt werden. Man soll jedoch den Umstand nicht unterschätzen, daß das
Sakrament der Versöhnung, wenn es recht gelebt wird, mit Sicherheit eine
»humanisierende« Rolle spielt, die sich gut mit seinem vorrangigen Wert der
Versöhnung mit Gott und mit der Kirche verbindet.
Wichtig ist, daß auch in dieser Situation der Diener der
Versöhnung seine Aufgabe gut erfüllt. Seine Fähigkeit zur Annahme, zum
Zuhören, zum Dialog und seine stetige Verfügbarkeit sind wesentliche Elemente,
damit der Dienst der Versöhnung in seinem ganzen Wert deutlich werden kann. Die
getreue und rückhaltlose Verkündigung der radikalen Ansprüche des Wortes
Gottes muß den Umgang Jesu mit den Sündern nachahmen und immer mit großem
Verständnis und Taktgefühl einhergehen.
14. Sodann gilt es, der liturgischen Gestaltung des Sakramentes
die notwendige Bedeutung zu geben. Das Sakrament steht in der Logik der
Communio, die das Wesen der Kirche kennzeichnet. Man begreift die Sünde
nicht bis zum Letzten, wenn man sie nur als »Privatangelegenheit« versteht und
vergißt, daß sie unvermeidlich die ganze Gemeinschaft berührt und den Stand
ihrer Heiligkeit sinken läßt. Um so mehr ist das Angebot der Vergebung
Ausdruck eines Geheimnisses übernatürlicher Solidarität, deren sakramentale
Logik auf der tiefen Einheit beruht, die zwischen Christus, dem Haupt, und
seinen Gliedern besteht.
Die Wiederentdeckung dieses »gemeinschaftlichen« Aspekts des
Sakramentes auch durch Bußgottesdienste mit der Gemeinde, die mit der
persönlichen Beichte und der Einzelabsolution schließen, ist von großer
Bedeutung, weil sie den Gläubigen ermöglicht, die doppelte Dimension der
Versöhnung besser wahrzunehmen, und sie stärker verpflichtet, ihren Weg der Buße
in seiner ganzen erneuernden Fülle zu leben.
15. Da ist noch das Grundproblem einer Katechese über das
moralische Bewußtsein und über die Sünde, die die Forderungen des
Evangeliums in ihrer Radikalität klarer bewußt machen soll. Es gibt leider
eine Tendenz zur Minimalisierung, die das Sakrament daran hindert, alle
erstrebenswerten Früchte zu erbringen. Für viele Gläubige wird die
Wahrnehmung der Sünde nicht am Evangelium gemessen, sondern an den
»Gemeinplätzen«, an der soziologischen »Normalität«, die zu der
Meinung verleitet, nicht besonders verantwortlich zu sein für Dinge, die »alle
tun«, um so mehr, wenn sie staatlicherseits legalisiert sind.
Die Evangelisierung des dritten Jahrtausends muß der
Dringlichkeit einer lebendigen, vollständigen und anspruchsvollen Darbietung
der Botschaft des Evangeliums Rechnung tragen. Das Christentum, das es zu
bewahren gilt, kann sich nicht auf ein mittelmäßiges Bemühen um
Rechtschaffenheit nach soziologischen Kriterien beschränken, sondern muß ein
echtes Streben nach Heiligkeit sein. Wir müssen mit neuer Begeisterung das V.
Kapitel aus Lumen gentium wiederlesen, das von der universalen Berufung
zur Heiligkeit handelt. Christsein heißt, ein »Geschenk« heiligmachender
Gnade empfangen, das seine Umsetzung im »Bemühen« um persönliche
Entsprechung im täglichen Leben erfahren muß. Nicht von ungefähr habe ich in
diesen Jahren versucht, auf breitester Ebene die Anerkennung der Heiligkeit in
allen Bereichen, in denen sie zu Tage tritt, zu fördern, damit allen Christen
vielfältige Modelle der Heiligkeit angeboten werden können und sich alle daran
erinnern, persönlich zu jenem Ziel berufen zu sein.
16. Schreiten wir, liebe Brüder im Priesteramt, in der Freude
unseres Dienstes voran im Wissen darum, daß wir den an unserer Seite haben, der
uns gerufen hat und der uns nicht verläßt. Die Gewißheit seiner Gegenwart
stütze und tröste uns.
Am Gründonnerstag spüren wir noch lebendiger seine Gegenwart,
da wir uns in die ergreifende Betrachtung der Stunde versetzen, in der Jesus im
Abendmahlssaal sich uns im Zeichen von Brot und Wein hingibt und damit das
Kreuzesopfer sakramental vorwegnimmt. Im vergangenen Jahr habe ich euch anläßlich
meines Besuches im Heiligen Land aus dem Abendmahlssaal geschrieben. Wie könnte
ich jenen ergreifenden Augenblick vergessen? Ich lasse ihn heute wieder lebendig
werden, nicht ohne Traurigkeit wegen der Leiden, in denen sich das Land Christi
nach wie vor befindet.
Unsere geistliche Begegnung zum Gründonnerstag findet noch
immer dort statt - im Abendmahlssaal, während wir vereint um die Bischöfe in
den Kathedralen der ganzen Welt das Mysterium vom Leib und Blut Christi leben
und uns voll Dankbarkeit der Ursprünge unseres Priestertums erinnern.
In der Freude über das unermeßliche Geschenk, das wir alle
gemeinsam empfangen haben, umarme ich euch und segne euch.
Aus dem Vatikan, am 25. März, dem vierten Fastensonntag des
Jahres 2001, im 23. Jahr meines Pontifikates.
JOHANNES PAUL II.
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