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SCHREIBEN VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE ÖSTERREICHISCHEN BISCHÖFE
Den verehrten Mitbrüdern
im Bischofsamt in Österreich
Gruß und Apostolischen Segen
1. Die Nachrichten, die mich aus Euren geliebten Diözesen erreichen, erfüllen
mich aufgrund so vieler ermutigender Aspekte im Leben der Kirche mit Freude,
doch rufen sie in mir auch nicht geringen Schmerz hervor wegen einiger Prüfungen,
denen Ihr in der Ausübung Eures pastoralen Dienstes ausgesetzt seid.
In der Tat seht Ihr als Hirten, die Ihr um das Wohl Eurer Gemeinden besorgt seid,
diese der Versuchung des Säkularismus aufgrund der Schwächung des Glaubenslebens
ausgesetzt, das im Lauf der Geschichte ein beständiges Kennzeichen der
Katholiken Österreichs war.
Mit der Verminderung des Glaubensgeistes wird auch die Kirche Christi von
einigen nur mehr als eine irdische Vereinigung betrachtet, die dem freien
Belieben ihrer Mitglieder unterworfen ist. Unter diesem Gesichtspunkt wird das,
was der Mehrheit im Augenblick angenehm ist, zur Norm, die zu befolgen ist. Die
Kirche wird nicht mehr als diejenige gesehen, die versuchen muss, den Willen
Christi in der Geschichte zu verwirklichen, sondern als die, die den wechselnden
Winden der Lehre einzelner Menschen zu folgen hat.
2. Jüngst wart Ihr auch wegen der heftigen Angriffe gegen einige von Euch einer
harten Prüfung ausgesetzt. Zuerst betraf es den verehrten Erzbischof von Wien,
dann waren es andere Mitbrüder, die öffentlich angeklagt wurden, ohne da ihrer
menschlichen, geschweige denn ihrer kirchlichen Würde Rechnung getragen worden
wäre.
Angesichts dieses Eures Leidens haben sich viele Gläubige um Euch geschart und
so jene Bande der kirchlichen Gemeinschaft gestärkt, die in der Familie einer
jeden Diözese bestehen müssen.
In diesem Augenblick der Prüfung ist Euch auch der Nachfolger Petri aus seiner
Sorge um das Wohl aller über die Welt verstreuten Teilkirchen nahe und fühlt
sich verpflichtet, Euch den Ausdruck seiner Solidarität zu bekunden und Euch
seines inständigen Gebetes zu versichern.
3. ”Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde
zerstreuen“ (Mt 26,31). Mit diesen Worten hat Christus selbst die Schläge vorausgesehen,
die die um ihn vereinte Kirche erleiden musste, d.h. die Kirche in ihren
frühesten Anfängen, die auf dem Fundament der Apostel erbaut war und aus dem
Evangelium lebt. Gerade die frühe Kirche ist Urtyp aller Kirchen bis zum Ende
der Welt. Sie ist es auch für die Kirche in Österreich.
Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit die Strategie, die Hirten zu schlagen,
Erfolg hatte. Dadurch, dass Christus diese Worte angesichts seiner letzten Prüfung,
die ihn in Jerusalem erwartete, ausgesprochen hat, wollte er auf diese Weise uns
helfen angesichts vergleichbarer Situationen und Prüfungen heute. Aus der
Erfahrung der Urkirche wissen wir, dass angesichts der gegen unseren Herrn
gerichteten ungerechten Anklagen sowie dem ausgesprochenen und vollstreckten
Todesurteil anfänglich eine ”Zerstreuung der Schafe der Herde“ erfolgte. An
diesem Punkt dürfen wir jedoch nicht stehenbleiben, da wir wissen, dass die
Auferstehung Christi der Anfang einer Konsolidierung der Gemeinschaft war, die
Auferstehung, der wir die Existenz der Kirche und das Wachsen des Christentums
in der ganzen Welt verdanken.
Im Falle der Kirche in Österreich möchte ich hoffen, dass der Versuch der
Zerstörung keinen Erfolg hat, da der Großteil der österreichischen Gläubigen die
von ihren Hirten versehene selbstlose Arbeit sehr wohl zu schätzen weiß und
folglich nicht gestatten wird, dass der Unfrieden von Verdächtigungen, Kritiksucht
und Zwietracht in Euren Ortskirchen die Oberhand gewinnt.
4. Im übrigen wisst Ihr sehr wohl, dass den Nachfolgern der Apostel nie Prüfungen
erspart geblieben sind. Beim letzten Abendmahl sagte Christus zu den Zwölfen:
”Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden
sie auch euch verfolgen“ (Joh 15,20). Das unmittelbar darauf gemachte Versprechen des Herrn
möge Euch jedoch Bestärkung sein: ”Wenn sie an meinem Wort festgehalten haben,
werden sie auch an eurem Wort festhalten“ (ebd.).
Das christliche Leben, das in so vielen Familien, in zahlreichen Pfarrgemeinden
und in unzähligen kirchlichen Einrichtungen in Österreich reich erblüht, ist
eine konstante Bestätigung der Aktualität des Versprechens Christi und des
beständigen Wirkens seines Geistes, der die Kirche im Inneren lebendig macht.
5. Jedem einzelnen Bischof in Österreich gilt mein mitbrüderlicher Gruß. Es sei
mir jedoch gestattet, einen besonderen Gruß den beiden Herren Kardinälen zu
übermitteln, an Eminenz Franz König und an Eminenz Hans Hermann Groer.
Herrn Kardinal König, der in Dankbarkeit vor Gott die Vollendung seines 90.
Lebensjahres feiert, gilt mein herzlichster Glückwunsch zusammen mit meinem Dank
für alles, was er im Dienst der Kirche in Österreich und dieses Apostolischen
Stuhles getan hat.
Herrn Kardinal Groer, der nach Erreichen der Altersgrenze die Leitung der
geliebten Wiener Erzdiözese abgibt, gilt der Ausdruck meines Dankes für seinen
treuen und hochherzigen kirchlichen Dienst.
Seinem Nachfolger, Herrn Erzbischof–Koadjutor Christoph Schönborn, gilt der
Wunsch für eine fruchtbare apostolische Tätigkeit in der bedeutenden, im Herzen
Europas liegenden Erzdiözese Wien.
Dem Herrn Vorsitzenden und den Mitgliedern der Österreichischen
Bischofskonferenz gilt schließlich die Versicherung meines Gebetes, damit
Christus, der oberste Hirte der Kirche, ihre Tätigkeit in immer engerer und
einträchtigerer Zusammenarbeit segne, wie es das II. Vatikanische Konzil wünscht
(vgl. Christus Dominus, 37).
Österreich hat seine historische Rolle in der Geschichte der Kirche gespielt.
Möge die katholische Kirche in Eurem Land auch in unserer Zeit einen großen
Beitrag für die Neuevangelisierung in Europa leisten, damit die christlichen
Wurzeln der Zivilisation dieses Kontinentes hervorgehoben werden.
Die ganze Kirche und der Bischof von Rom in besonderer Weise bitten den Heiligen
Geist, damit er der Kirche in Österreich jene Kraft schenke, die unwandelbar
aus dem Ostergeheimnis Christi hervorgeht. Maria, die im Heiligtum von Mariazell
verehrt wird, wache zusammen mit Euch im Gebet und im Leid: Maria, die
Schmerzensreiche, Maria unter dem Kreuz.
Als Zeichen meiner besonderen Wertschätzung erteile ich Euch allen, Euren
Priestern und Diakonen, allen Personen des geweihten Lebens sowie allen Euch
anvertrauten Gläubigen von Herzen meinen Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 8. September 1995.
IOANNES PAULUS PP. II
© Copyright 1995 - Libreria Editrice Vaticana
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