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HEILIGJAHRFEIER DER ARBEITER
PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.
1. Mai 2000
1. »Herr, laß gedeihen das Werk unserer Hände« (Antwortpsalm).
1. Diese Worte, die wir im Antwortpsalm wiederholt haben, bringen den Sinn der
heutigen Heiligjahrfeier gut zum Ausdruck. Aus der weit gespannten und
vielgestaltigen Welt der Arbeit erhebt sich heute, am 1. Mai, ein gemeinsamer
Ruf: Herr, segne und festige das Werk unserer Hände!
Unsere Mühen – im Haus, auf dem Feld, in der Fabrik, im Büro – könnten
auf eine zermürbende Anstrengung hinauslaufen, die letztendlich sinnlos ist
(vgl . Koh 1,3). Wir beten zum Herrn, daß sie eher die Erfüllung seines
Plans seien, damit unsere Arbeit ihren ursprünglichen Sinn
wiedererlangt.
Was ist der ursprüngliche Sinn der Arbeit? Wir haben es in der ersten Lesung
aus dem Buch Genesis gehört. Den nach seinem Abbild und Gleichnis geschaffenen
Menschen gibt Gott folgendes Gebot: »Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch«
(Gen 1,28). Diese Worte klingen bei Paulus nach, der an die Christen von
Thessalonich schreibt: » Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel
eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen«; und er fordert
sie auf, »in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu
essen« (2 Thess 3,10.12).
Im Plan Gottes erscheint die Arbeit also als Recht und Pflicht. Sie ist nötig,
um die Güter dieser Erde dem Leben jedes Menschen und der Gesellschaft nutzbar
zu machen, und trägt dazu bei, die menschliche Tätigkeit in der Erfüllung des
göttlichen Gebots, »die Erde zu unterwerfen«, auf Gott hin auszurichten. In
diesem Zusammenhang hören wir im Geiste eine weitere Aufforderung des Apostels:
»Ob ihr also eßt oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur
Verherrlichung Gottes!« (1 Kor 10,31).
2. Das Jubiläumsjahr lenkt unsere Blicke auf das
Geheimnis der Menschwerdung und lädt uns ein, mit besonderer Intensität über
das verborgene Leben Jesu in Nazaret zu meditieren. Dort verbrachte er
den größten Teil seines irdischen Daseins. Mit seinem stillen Fleiß in der
Werkstatt Josefs lieferte Jesus den höchsten Beweis für die Würde der Arbeit.
Das heutige Evangelium berichtet darüber, wie die Einwohner von Nazaret, seine
Landsleute, ihn mit Erstaunen aufnahmen und sich fragten: »Woher hat er diese
Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?«
(Mt 13,54–55).
Der Sohn Gottes hat die Bezeichnung als Zimmermann
nicht verschmäht, und er hat sich den normalen Lebensumständen der Menschen
nicht entziehen wollen. »Die Sprache des Lebens Christi selbst [ist] eindeutig:
Er gehört zur ›Welt der Arbeit‹, anerkennt und achtet die menschliche
Arbeit. Man kann sogar sagen: Er schaut mit Liebe auf die Arbeit und ihre
verschiedenen Formen, deren jede ihm ein besonderer Zug in der Ähnlichkeit des
Menschen mit Gott, dem Schöpfer und Vater, ist« (Enzyklika Laborem exercens,
26).
Aus dem Evangelium ergibt sich die Lehre der Apostel
und der Kirche; es geht daraus eine echte christliche Spiritualität der
Arbeit hervor, die ihren bedeutendsten Ausdruck in der Konstitution Gaudium
et spes des II. Vatikanischen Konzils gefunden hat (vgl. Nr. 33–39 und 63–72).
Nach Jahrhunderten harter sozialer und ideologischer Auseinandersetzungen
braucht die Welt unserer Tage, deren Elemente immer mehr voneinander abhängig
sind, dieses »Evangelium der Arbeit«, damit die menschliche Tätigkeit
eine wahrhafte Entwicklung der Einzelpersonen und der gesamten Menschheit
fördern kann.
3. Liebe Brüder und Schwestern! Was hat das Jubiläumsjahr euch zu sagen, die
ihr heute die ganze, zur Heilig-Jahr-Feier versammelte Welt der Arbeit
vertretet? Was hat das Jubiläumsjahr der Gesellschaft zu sagen, die in der
Arbeit nicht nur ihre tragende Struktur hat, sondern auch ein Versuchsfeld zur
Verifizierung ihrer Entscheidungen in bezug auf Werte und Zivilisation?
Seit seinen Ursprüngen im Judentum betraf das Jubeljahr direkt auch den
Bereich der Arbeit, da das Volk Gottes ein Volk freier Menschen war, das der
Herr von seinem Sklavenzustand freigekauft hatte (vgl. Lev 25). Im
Ostergeheimnis bringt Christus auch diese Einrichtung des alten Gesetzes zur
Erfüllung, indem er ihr ihren vollen Sinn in spiritueller Hinsicht gibt und
ihre soziale Wertigkeit in den großen Plan des Reiches einbringt, der – wie
»Sauerteig« – die gesamte Gesellschaft auf der Linie des wahren Fortschritts
voranbringt.
Das Heilige Jahr spornt daher zu einer Wiederentdeckung des Sinnes und Wertes
der Arbeit an. Es lädt uns darüber hinaus auch ein zu einer
Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, die in
der Arbeitswelt bestehen, damit die richtige Wertehierarchie wiederhergestellt
werden kann: An erster Stelle steht dabei die Würde des berufstätigen Mannes
und der berufstätigen Frau, ihre Freiheit, Verantwortung und Beteiligung. Das
Jubiläumsjahr drängt uns aber auch zur Wiedergutmachung von Zuständen der
Ungerechtigkeit, unter Wahrung der Kultur eines jeden Volkes und der
verschiedenen Entwicklungsmodelle.
Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle meine Solidarität all jenen
auszusprechen, die unter Arbeitslosigkeit, allzu geringem Lohn oder Mangel an
materiellen Mitteln zu leiden haben. Im Geiste stehen vor mir all jene Völker,
die zu einer ihre Würde verletzenden Armut genötigt sind; diese hindert die
Menschen an einer Beteiligung an den Gütern der Erde und zwingt sie, sich von
dem zu ernähren, was vom Tisch des Reichen herunterfällt (vgl. Incarnationis
mysterium, 12). Sich für eine Sanierung dieser Zustände einzusetzen ist
ein Werk der Gerechtigkeit und des Friedens.
Nie dürfen die neuen Gegebenheiten, die sich machtvoll in den
Produktionsprozeß einschalten, wie zum Beispiel die Globalisierung der
Finanzwelt, der Wirtschaft, des Handels und der Arbeit, die Würde und
Vorrangstellung des Menschen oder die Freiheit und Demokratie der Völker
verletzen. Solidarität, Beteiligung und die Möglichkeit, diese radikalen
Veränderungen zu beherrschen, sind – wenn schon nicht die Lösung – so doch
sicherlich die nötige ethische Gewähr, damit Personen und Völker nicht
Werkzeuge, sondern Hauptverantwortliche ihrer Zukunft werden. All das kann
Wirklichkeit werden, und, da es möglich ist, wird es auch zur Pflicht.
Über diese Themen denkt zur Zeit der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und
Frieden nach; er verfolgt die Entwicklungen der wirtschaftlichen und sozialen
Situation in der Welt aus der Nähe, um deren Auswirkungen auf den Menschen zu
untersuchen. Ergebnis dieser Überlegungen wird ein Kompendium über die
Soziallehre der Kirche sein, das sich zur Zeit in Arbeit befindet.
4. Liebe arbeitende Menschen! Die Gestalt des Josef von Nazaret, sein
geistliches und sittliches Format, das je größer es war, umso bescheidener und
in der Verborgenheit wirksamer war , beleuchten unser heutiges Treffen. In ihm
erfüllt sich das Versprechen des Psalms: »Wohl dem Mann, der den Herrn
fürchtet und ehrt und der auf seinen Wegen geht! Was deine Hände erwarben,
kannst du genießen; wohl dir, es wird dir gut ergehn […] So wird der Mann
gesegnet, der den Herrn fürchtet und ehrt« (Ps 128,1–2.4). Der
Beschützer des Erlösers lehrte Jesus das Handwerk des Zimmermanns, besonders
aber lieferte er ihm ein ausgezeichnetes Vorbild dafür, was die Schrift
»Gottesfurcht« nennt: Es ist das eigentliche Prinzip der Weisheit und besteht
in der religiösen Ergebenheit Ihm gegenüber und in dem tiefinnerlichen Wunsch,
immer seinen Willen zu erkennen und zu tun. Das, meine Lieben, ist der wahre
Segensquell für jeden Menschen, für jede Familie und für jede Nation.
Dem hl. Josef, Arbeiter und Gerechten, und seiner heiligsten Braut Maria
empfehle ich diese eure Heiligjahrfeier sowie euch alle und eure Familien.
»Herr, laß gedeihen das Werk unserer Hände.«
Segne, Herr der Jahrhunderte und Jahrtausende, die tägliche Arbeit, womit Mann
und Frau das Brot für sich selbst und ihre Angehörigen verdienen. In deine
väterlichen Hände legen wir auch die mit der Arbeit verbundenen Mühen und
Opfer – in Einheit mit deinem Sohn Jesus Christus, der die menschliche Arbeit
vom Joch der Sünde befreit und ihr ihre ursprüngliche Würde zurückgegeben
hat.
Dir sei Lob und Preis heute und allezeit. Amen.
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