1.
»Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die
Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben« (Joh
6,63).
Soeben haben wir diese Worte Jesu vernommen, die er in der
Synagoge von Kafarnaum nach der Brotvermehrung am See von Tiberias gesprochen
hat. Sie stammen aus der bedeutenden Rede über das Himmelsbrot und
veranlassen uns, über das unendlich große Geschenk der Eucharistie
nachzudenken. »Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben« (Joh
6,51). Jesus ist das ewige Wort des Heils, das Himmelsbrot, das zur Erlösung
der gesamten Menschheit zur höchsten, durch das Kreuzesopfer besiegelten Gabe
wird.
Als Teilnehmer an der Feier des Wortes und des Brotes des ewigen
Lebens dringen wir zutiefst in das große Geheimnis des Glaubens ein. Im
Geiste gehen wir nach Golgota hinauf, wo sich der Triumph der Wahrheit, die
frei macht, und der Liebe, die die Welt verwandelt, vollzieht. Der gekreuzigte
und auferstandene Christus empfängt uns heute an seinem Tisch und schenkt uns
erneut seinen Geist.
2. »Der Geist ist es, der lebendig macht; das
Fleisch nützt nichts.« Erneut hören wir diese Worte, während wir der
vor 1700 Jahren erfolgten Taufe des armenischen Volkes gedenken. Vor über
siebzehn Jahrhunderten vernahm Armenien das Wort Christi, als der hl.
Gregorios der Erleuchter durch seine Verkündigung des Evangeliums und der zum
Glauben bekehrte König Tiridates III. dieses Land zu einem vom Heiligen Geist
gesegneten und geweihten Ort machten. In jenen Tagen schlug Gott seine
Wohnstatt unter den Armeniern auf, und sie wurden – wie es in dem
liturgischen Hymnus heißt – würdig, »in das Heiligtum des Himmels
einzugehen und das Reich zu erben«.
Ihre Personen wurden innerlich
durch den Geist verwandelt, und auch das Volk veränderte sich: Mit dem Siegel
des Heiligen Geistes versehen konnte ein ganzes Volk den Namen des Erlösers
anrufen und lobpreisen.
Dieses Bündnis wurde nie durch
Sinnesänderungen geschwächt, auch dann nicht, als die Treue zu ihm Blut
kostete und die Weigerung, es zu verleugnen, mit dem Exil bezahlt werden
mußte. Ein Beispiel hierfür ist der hl. Vardan, ein heroisches Vorbild nicht
nur hinsichtlich der Treue zu Christus angesichts der Gewalttätigkeit der
Sassaniden, sondern auch im Hinblick auf das Recht jedes Gewissens, seiner
inneren Stimme zu folgen.
3. Liebe Brüder und Schwestern des
armenischen Volkes, heute sind wir hier versammelt, um euch zu danken, und
zwar nicht nur für jene glorreichen Anfänge, sondern auch für eine vom
Christentum durchdrungene und gewissermaßen mit ihm identische Geschichte.
Der Bischof von Rom möchte dieser Dankbarkeit Ausdruck verleihen und sie euch
als schönstes und aufrichtigstes Geschenk überreichen. Anläßlich dieses
Ereignisses zelebriere ich nicht nur mit und für euch die hl. Eucharistie,
Inbegriff jeder Danksagung, sondern richte auch mit großer Freude ein
Apostolisches Schreiben an die Armenier, um den Wert hervorzuheben, den dieser
Jahrestag nicht nur für euch, sondern für die gesamte Kirche hat.
Eure
Seligkeit, ich danke Ihnen für diese Eucharistiefeier, in der wir gemeinsam
am Leib und am Blut des Erlösers teilhaben, und für die herzlichen
Begrüßungsworte, die Sie an mich gerichtet haben. Gleichfalls möchte ich
Ihnen dafür danken, daß Sie Priester, Ordensleute und katholische armenische
Laien aus aller Welt mit nach Rom gebracht haben. Ihnen wie auch allen, die
nicht anwesend sein konnten und im Geiste mit uns vereint sind, gelten meine
herzlichen Grüße und mein Segen. Mit unserem Friedenskuß und in
brüderlicher Umarmung wenden wir uns ferner an die Brüder der apostolischen
armenischen Kirche, die dieses Jahr heiligen Andenkens feierlich begeht.
4.
Die heutige Feier lädt uns ein, über unsere Wurzeln nachzudenken. Die
Geschichte ist nicht die Summe einzelner Augenblicke, sondern ein Strom von
miteinander verbundenen Ereignissen. Wir alle tragen in uns die mitunter weit
zurückliegende Resonanz des Glaubens, der Kultur und der Empfindungen vieler
Generationen und sind aufgerufen, etwas an die kommenden Generationen
weiterzugeben.
Wenn wir die Armenier und andere christliche Völker
betrachten, wird deutlich, daß der christliche Glaube ihr gemeinsames
Empfinden zutiefst geprägt hat. Auch das armenische Alphabet entstand unter
anderem, um das Evangelium zu verkünden und zu verbreiten und um die Bibel,
die Liturgie und die Werke der Kirchenväter im Glauben zum Ausdruck zu
bringen. Die Kunst, das gesellschaftliche und familiäre Leben, selbst die
öffentlichen Einrichtungen haben im Glauben an Christus einen sicheren
Bezugspunkt gefunden.
In der modernen, zunehmend unter dem Einfluß
der Säkularisierung stehenden Welt ist es zuweilen nicht leicht, weiterhin an
diesem geistigen Reichtum festzuhalten, der euch zu einer »christlichen«
Nation gemacht hat.
Manchmal wird der Glaube lediglich als ein
persönliches Geschenk und Suchen betrachtet und nicht als etwas, das dem
gesamten Volk eigen ist. Wie können wir vermeiden, daß durch die sozialen
Errungenschaften der Modernität solch wertvolle Güter wie der Fortbestand
eines Volkes und seines Glaubens verlorengehen? Das ist die schwierige Aufgabe,
zu deren vertiefter Betrachtung die heutige Feier uns anspornt.
5.
»Erleuchtung« nannte man die Verkündigung des Evangeliums, und auch
Gregorios, jener große Heilige, der die Armenier zu einem christlichen Volk
machte, bezeichnete man als den »Erleuchter«. Gemeinsam wollen wir Gott
danksagen für diese Erleuchtung durch Christus, das Licht der Welt. Jenes
Licht, das die Finsternis selbst in den dunklen Jahren des militanten
Atheismus nicht auslöschen konnte.
Unlängst hatte ich die Freude, in
dieser Basilika, dem Zentrum der Christenheit, den brüderlichen Händen
Seiner Heiligkeit Karekin II., Katholikos aller Armenier, eine bedeutende
Reliquie des heiligen Erleuchters anzuvertrauen. Die gleiche Geste möchte ich
heute gegenüber dem Patriarchen Nerses Bedros XIX. wiederholen. Sowohl von
katholischen als auch apostolischen Christen verehrt, sind die Reliquien
dieses Heiligen ein Symbol tiefer Glaubenseinheit und Ausgangspunkt für die
intensive Förderung der Einheit in Christus. Sicherlich werden sie, vom
gesamten armenischen Volk verehrt, die Entwicklung jener Gemeinschaft fördern,
die sich Christus für seine Kirche gewünscht hat. Auf diese Weise wird die
Brüderlichkeit in der Liebe gefestigt. Wir teilen die Reliquien nicht,
sondern wir beten und wirken auf die Einheit jener hin, die sie empfangen. Die
gleichen Wurzeln und die Kontinuität einer von Heiligen und Märtyrern
geprägten Geschichte können eurem Volk eine Zukunft ermöglichen, die von
voller Anteilnahme und sichtbarer Zustimmung zum Glauben an den gleichen Herrn
gekennzeichnet ist.
Dies, liebe Brüder und Schwestern, ist eine Aufgabe,
der ihr stets treu und mutig entsprechen werdet. Möge euch die himmlische
Fürsprache all jener armenischen Landsleute unterstützen, die in den dunklen
Zeiten der Verfolgung ihre Treue zum Herrn mit dem Blut bezahlt haben.
Insbesondere denke ich hier an viele Mütter und Großmütter, die, als die
Kirche zum Schweigen verurteilt war, ihre Familien mit dem Wort des Heils und
dem Vorbild christlichen Lebens »erleuchteten«.
6. Liebe Brüder und
Schwestern, ich kenne das armenische Volk seit meiner Jugendzeit, und es ist
mein großer Wunsch, als Pilger der Hoffnung und der Einheit eure Heimat zu
besuchen. Bereits in den vergangenen Jahren hatte ich die Absicht, diesen
Wunsch zu verwirklichen, sei es auch nur, um von dem geliebten Bruder
Katholikos Karekin I. Abschied zu nehmen – doch der Herr hat es anders
entschieden. Nun warte ich voll Ungeduld auf den Tag, an dem ich endlich –
dem Willen Gottes entsprechend – den vom Blut zahlreicher Märtyrer
getränkten Boden eurer Heimat küssen darf; jene Klöster zu besuchen, wo
Männer und Frauen sich geistig opferten, um dem Osterlamm nachzufolgen; den
heutigen Armeniern zu begegnen, die bemüht sind, ihrem Leben wieder Würde,
Stabilität und Sicherheit zu verleihen. Zusammen mit den Brüdern der
apostolischen armenischen Kirche und insbesondere mit dem Katholikos und den
Bischöfen werden wir, katholische und apostolische Christen gemeinsam, erneut
Christus als den einen Erlöser verkünden. Er allein ist das Leben; nur durch
sein Evangelium kann die große Vergangenheit eures Volkes wieder aufleben. In
euren Adern fließt das Blut der Heiligen; eure Geschichte ist mit dem Wasser
der Erlösung gesegnet. Nichts kann sich der erneuernden Kraft der Gnade
widersetzen.
7. Armenisches Volk, richte deinen Blick stets fest auf
Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben! Er ist die Hoffnung, die nie
täuscht, das Licht, das die Finsternis des Bösen vertreibt. Christus lenkt
deine Schritte: Hab keine Angst!
Es beschütze dich die heiligste
Mutter Gottes; mögen die armenischen Heiligen deine Fürsprecher sein,
insbesondere der hl. Gregorios der Erleuchter, den wir nun als »leuchtende
Stütze der heiligen armenischen Kirche« und als »heilbringende Arche des
armenischen Volkes« anrufen werden.
Auch der Bischof von Rom und die
gesamte katholische Kirche stehen an deiner Seite. Armenisches Volk, das ich
heute in tiefer Zuneigung umarme, folge dem Glauben deiner Väter und
vermittle sein Licht den kommenden Generationen.
Und du, Christus,
unser Gott, gib, daß wir alle würdig werden, eines Tages in die himmlische
Wohnstatt des Lichts einzugehen und dein Reich zu erben, das seit dem Anfang
der Welt für deine Heiligen bereitet war.
Lob sei dir, dem Vater und
dem Heiligen Geist, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!