![]() |
![]() |
|
Redemptoris missio Über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages 1990.12.07 |
|
Segen Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Gruß und Apostolischen Segen! |
|
EINLEITUNG 1. Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, daß diese Sendung noch in den Anfängen steckt und daß wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen. Der Geist ist es, der dazu ermuntert, die Großtaten Gottes zu verkünden: »Ich kann mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9, 16). Im Namen der ganzen Kirche fühle ich die Verpflichtung, diesen Ruf des Apostels Paulus erneut aufzugreifen. Seit dem Beginn meines Pontifikates habe ich mich entschlossen, bis an die äußersten Enden der Erde zu reisen, um dieser missionarischen Verantwortung Ausdruck zu verleihen. Gerade der unmittelbare Kontakt mit den Völkern, die Christus nicht kennen, hat mich von der Dringlichkeit einer solchen Aktivität, der diese Enzyklika gelten soll, noch mehr überzeugt. Das Zweite Vatikanische Konzil wollte das Leben und die Tätigkeit der Kirche in Anpassung an die Bedürfnisse der heutigen Welt erneuern. Es hat die missionarische Aufgabe, deren Dynamik es auf die trinitarische Sendung selbst gründete, in den Vordergrund gestellt. Der missionarische Impuls ist mithin zutiefst in der Natur des christlichen Lebens verwurzelt und gibt auch der ökumenischen Bewegung ihre Stoßrichtung: »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast« (Joh 17, 21). 2. Das Konzil hat schon reiche missionarische Früchte getragen. Es entstanden Ortskirchen mit eigenen Bischöfen, mit Klerus und Laienaposteln. Die christlichen Gemeinden werden immer intensiver in das Leben der Völker eingebunden. Die Verbindung der Kirchen untereinander bringt einen lebhaften Austausch geistlicher und materieller Güter mit sich. Das kirchliche Leben ist im Begriff, sich durch den Verkündigungsauftrag an die Laien zu verändern. Die Ortskirchen öffnen sich für die Begegnung, für den Dialog und für die Zusammenarbeit mit Mitgliedern anderer christlicher Kirchen und Religionen. Es zeigt sich insbesondere ein neues Bewußtsein: der Sendungsauftrag gilt für alle Christen, für alle Diözesen und Pfarreien, für die kirchlichen Institutionen und Vereinigungen. In diesem »neuen Frühling« des Christentums kann jedoch nicht eine negative Tendenz übersehen werden, der mit diesem Schreiben begegnet werden soll: die eigentliche Sendung ad gentes scheint nachzulassen, was gewiß nicht den Weisungen des Konzils und den damit zusammenhängenden Aussagen des Lehramtes entspricht. Innere und äußere Schwierigkeiten haben den missionarischen Schwung im Hinblick auf die Nicht-Christen erlahmen lassen. Diese Tatsache muß allen, die an Christus glauben, zu denken geben. In der Geschichte der Kirche ist die Befolgung des missionarischen Auftrages immer ein Zeichen kraftvollen Lebens gewesen, wie die Nachlässigkeit diesem gegenüber Zeichen einer Glaubenskrise ist.1 Fünfundzwanzig Jahre nach Beendigung des Konzils und nach der Veröffentlichung des Dekretes über die missionarische Tätigkeit der Kirche Ad Gentes, fünfzehn Jahre nach dem Apostolischen Schreiben Evangelii Nuntiandi von Papst Paul VI. ehrwürdigen Angedenkens möchte ich in Fortführung des Lehramtes meiner Vorgänger2 zu dieser Frage die Kirche zu einer Erneuerung des missionarischen Eifers einladen. Das vorliegende Dokument hat eine innere Zielrichtung: die Erneuerung des Glaubens und des christlichen Lebens. Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe! Die neue Evangelisierung der christlichen Völker findet Anregung und Halt im Einsatz für die sich weltweit betätigende Mission. Aber was mich noch mehr zur Betonung der Dringlichkeit der missionarischen Verkündigung bewegt, ist die Tatsache, daß diese vorrangig den Dienst ausmacht, den die Kirche jedem Menschen und der ganzen Menschheit von heute erweisen kann. Die Menschheit hat zwar erstaunliche Errungenschaften aufzuweisen, aber sie scheint den Sinn für letzte Wirklichkeiten und für das Dasein selbst verloren zu haben. »Christus, der Erlöser, macht - wie ich in meiner ersten Enzyklika schrieb - dem Menschen den Menschen selbst voll kund. Der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will, muß sich Christus nahen. Die Erlösung, die durch das Kreuz erfolgt ist, hat dem Menschen endgültig seine Würde und den Sinn seiner Existenz in der Welt zurückgegeben«.3 Es gibt auch noch andere Leitgedanken und Beweggründe: vielen Anfragen soll durch ein solches Schreiben eine Antwort gegeben werden; Zweifel und Unklarheiten bezüglich der Mission ad gentes sollen beseitigt werden; diejenigen Schwestern und Brüder, die sich der missionarischen Tätigkeit widmen, und jene, die ihnen dabei behilflich sind, sollen in ihrem Einsatz bestärkt werden; die Missionsberufe sollen gefördert werden; die Theologen sollen ermutigt werden, die verschiedenen Aspekte der Mission zu vertiefen und systematisch darzulegen, an den Gedanken der Mission im eigentlichen Sinn soll erinnert werden, indem die Ortskirchen, insbesondere die jungen, Missionare schicken und aufnehmen; den Nicht-Christen, besonders den Behörden jener Länder, denen die missionarische Tätigkeit gilt, soll versichert werden, daß letztere nur ein Ziel hat, nämlich dem Menschen zu dienen, indem man ihm die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes aufzeigt. 3. Ihr Völker alle, öffnet eure Tore für Christus! Sein Evangelium tut der Freiheit des Menschen, der anderen Kulturen gebührenden Achtung, allem Positiven in jeder Religion keinen Abbruch. Wenn ihr Christus aufnehmet, öffnet ihr euch dem endgültigen Wort Gottes, jenem gegenüber, in dem Gott sich restlos zu erkennen gab und uns den Weg zu ihm gewiesen hat. Die Zahl jener, die Christus nicht kennen und nicht zur Kirche gehören, ist ständig im Wachsen; seit dem Ende des Konzils hat sie sich sogar beinahe verdoppelt. Diese ungeheure Zahl von Menschen wird vom Vater, der für sie seinen Sohn gesandt hat, geliebt; die Dringlichkeit der Mission für sie liegt klar auf der Hand. Andererseits bietet unsere Zeit der Kirche auf diesem Gebiet neue Möglichkeiten: der Zusammenbruch von Ideologien und oppressiven politischen Systemen; die Öffnung der Grenzen und das Entstehen einer dank der wachsenden Informationsangebote sich einenden Welt; die Durchsetzung bei den Völkern jener evangelischen Werte, die Jesus in seinem Leben verkörpert hat (Friede, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Sorge für die Kleinen); eine fortschreitende Seelenlosigkeit in Wirtschaft und Technik läßt die Suche nach der Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Sinn des Lebens besonders dringlich erscheinen. Gott öffnet der Kirche die Horizonte einer Menschheit, die für den Samen des Wortes der Frohbotschaft leichter empfänglich ist. Ich halte die Zeit für gekommen, da alle kirchlichen Kräfte für die neue Evangelisierung und für die Mission ad gentes einzusetzen sind. Keiner, der an Christus glaubt, keine Institution der Kirche kann sich dieser obersten Pflicht entziehen: Christus muß allen Völkern verkündet werden. |
KAPITEL I JESUS CHRISTUS, ALLEINIGER ERLÖSER 4. »Die grundlegende Aufgabe der Kirche in allen Epochen und besonders in der unsrigen ist es - so rief ich in der ersten programmatischen Enzyklika in Erinnerung - den Blick des Menschen, das Bewußtsein und die Erfahrung der ganzen Menschheit auf das Geheimnis Christi zu lenken«.4 Die weltweite Sendung der Kirche kommt aus dem Glauben an Jesus Christus, wie es im Bekenntnis des Glaubens an den dreieinigen Gott heißt: »Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn. Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit ... Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist, aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden.«5 Im Ereignis der Erlösung ist das Heil aller begründet, »denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden«.6 Allein im Glauben kann die Sendung verstanden werden, auf ihn hin ist sie gegründet. Und dennoch fragen sich einige, auch im Hinblick auf die Veränderungen in der modernen Welt und der Verbreitung neuer theologischer Ideen: Ist die Mission unter den Nicht-Christen noch aktuell? Wird sie vielleicht durch den Dialog unter den Religionen ersetzt? Ist die Förderung im Bereich des Menschlichen nicht eines ihrer Ziele, das genügt? Schließt nicht die Achtung vor dem Gewissen und vor der Freiheit jeden Bekehrungsversuch aus? Kann man nicht in jeder Religion gerettet werden? Warum also Mission? |
|
»Keiner kommt zum Vater außer durch mich« (Joh 14, 6) 5. Wenn wir zu den Ursprüngen der Kirche zurückgehen, so finden wir dort die klare Aussage, daß Christus der alleinige Erlöser von allen ist, jener, der allein Gott auszusagen und zu ihm zu führen vermag. Den jüdischen religiösen Behörden, die die Apostel wegen der durch Petrus gewirkten Heilung am Gelähmten befragen, erwidert dieser: »Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat, steht dieser Mann gesund vor euch ... In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4, 10.12 ). Diese Aussage hat universale Bedeutung, weil für alle - Juden wie Heiden - das Heil nur von Jesus Christus kommen kann. Die von Christus gewirkte Universalität des Heiles wird im ganzen Neuen Testament bezeugt. Paulus anerkennt im auferstandenen Christus den Herrn: »Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt - und solche Götter und Herren gibt es viele -, so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn« (1 Kor 8, 5-6). Der einzige Gott und der alleinige Herr stehen im Gegensatz zur Vielheit von »Göttern« und »Herren«, die vom Volk angenommen waren. Paulus reagiert gegen den Polytheismus der religiösen Umwelt seiner Zeit und stellt das Charakteristische des christlichen Glaubens heraus: Glaube an einen einzigen Gott und an einen einzigen, von Gott gesandten Herrn. Im Johannesevangelium umfaßt diese Universalität des Heiles Christi die Aspekte seiner Sendung von Gnade und Wahrheit, von Heil und Offenbarung: Das Wort ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet (vgl. Joh 1, 9). Und weiter: »Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1, 18; vgl. Mt 11, 27). Die Offenbarung Gottes wird endgültig und ist vollendet durch das Wirken seines eingeborenen Sohnes: »Gott, der viele Male und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern gesprochen hat durch die Propheten, hat in dieser Endzeit zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat« (Hebr 1, 1-2; vgl. Joh 14, 6). In diesem endgültigen Wort seiner Offenbarung hat Gott sich in vollendetster Weise der Welt zu erkennen gegeben: er hat der Menschheit mitgeteilt, wer er ist. Und diese endgültige Selbstoffenbarung Gottes ist der tiefste Grund, weshalb die Kirche ihrer Natur nach missionarisch ist. Sie kann nicht davon absehen, das Evangelium, d.h. die Fülle der Wahrheit, die Gott uns über sich selbst zur Kenntnis gebracht hat, zu verkünden. Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. »Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde - ich sage die Wahrheit und lüge nicht - , als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit« (1 Tim 2, 5-7; vgl. Hebr 4, 14-16). Die Menschen können demnach mit Gott nicht in Verbindnung kommen, wenn es nicht durch Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes geschieht. Durch seine einzigartige und universale Mittlertätigkeit, weit entfernt davon, Hindernis auf dem Weg zu Gott zu sein, ist er der von Gott selbst bestimmte Weg. Er ist sich dessen voll bewußt. Andere Mittlertätigkeiten verschiedener Art und Ordnung, die an seiner Mittlerschaft teilhaben, werden nicht ausgeschlossen, aber sie haben doch nur Bedeutung und Wert allein in Verbindung mit der Mittlerschaft Christi und können nicht als gleichrangig und notwendiger Zusatz betrachtet werden. 6. Es widerspricht dem christlichen Glauben, wenn man eine, wie auch immer geartete, Trennung zwischen dem Wort und Jesus Christus einführt. Johannes sagt klar, daß das Wort, das am Anfang bei Gott war, dasselbe ist wie jenes, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 2.14). Jesus ist das fleischgewordene Wort, eine einzige und unteilbare Person. Man kann auch nicht Jesus von Christus trennen oder von einem »Jesus der Geschichte« sprechen, der vom »Christus des Glaubens« verschieden wäre. Die Kirche kennt und bekennt Jesus als »den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16, 16): Christus ist kein anderer als Jesus von Nazareth, und dieser ist das für das Heil aller menschgewordene Wort Gottes. In Christus »wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes« (Kol 2, 9) und »aus seiner Fülle haben wir alle empfangen« (Joh 1, 16). Der »einzige Sohn, der am Herzen des Vaters ruht« (Joh 1, 18), ist »der geliebte Sohn, durch den wir die Erlösung haben« (Kol 1, 13-14). Im Heilsplan Gottes ist das Wort nicht zu trennen von Christus: »Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (Kol 1, 19-20). Gerade diese Einzigartigkeit Christi ist es, die ihm eine absolute und universale Bedeutung verleiht, durch die er, obwohl selbst Teil der Geschichte, Mitte und Ziel der Geschichte selbst ist:7 »Ich bin das Alpha und das Omega, der erste und der letzte, der Anfang und das Ende« (Off 22, 13). Wenn es also möglich und nützlich ist, die verschiedenen Aspekte des Geheimnisses Christi ins Auge zu fassen, so darf man dennoch nie seine Einheit außer acht lassen. Während wir darangehen, die von Gott jedem Volk zugeteilten Gaben aller Art, insbesondere die geistigen, zu entdecken und zu bewerten, können wir solche Jesus Christus, der im Zentrum des göttlichen Heilsplanes steht, nicht absprechen. Wenn »der Sohn Gottes sich in seiner Menschwerdung mit jedem Menschen vereinigt«, so »müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein«.8 Es ist Gottes Absicht, »in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph 1, 10). |
|
Der Glaube an Christus ist ein Angebot an die Freiheit des Menschen 7. Die Dringlichkeit missionarischer Tätigkeit geht aus der von Christus gebrachten und von seinen Jüngern gelebten grundlegenden Erneuerung des Lebens hervor. Dieses neue Leben ist Gabe Gottes. Von seiten des Menschen ist erforderlich, sie einzulassen und ihr zum Wachstum zu verhelfen, wenn er sich selbst entsprechend seiner ganzheitlichen Berufung nach dem Bild Christi verwirklichen will. Das ganze Neue Testament ist ein Loblied auf das neue Leben des Menschen, der an Christus glaubt und in seiner Kirche lebt. Das von der Kirche bezeugte und verkündete Heil in Christus ist Selbstmitteilung Gottes: »Es ist die Liebe, die nicht nur das Gute hervorbringt, sondern am Leben Gottes selbst, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, teilhaben läßt. Wer liebt, den drängt es ja, sich selbst zum Geschenk zu machen.«9 Gott bietet dem Menschen dieses neue Leben an. »Kann man Christus und all das, was er in die Geschichte des Menschen einbrachte, verwerfen? Natürlich kann man. Der Mensch ist frei. Doch eine prinzipielle Frage: Darf man? Und: In wessen Namen darf man?«10 8. In der modernen Welt neigt der Mensch dazu, sich auf die horizontale Dimension einzuengen. Aber was wird aus dem Menschen ohne Öffnung auf das Absolute hin? Die Antwort liegt innerhalb des Erfahrungsbereiches jedes Menschen, sie ist aber auch eingeschrieben in die Geschichte der Menschheit mit dem im Namen von Ideologien und politischen Regimen vergossenen Blut, die »eine neue Menschheit« ohne Gott aufbauen wollten.11 Im übrigen gibt das Zweite Vatikanische Konzil jenen eine Antwort, denen die Erhaltung der Gewissensfreiheit ein Anliegen ist: »Die menschliche Person hat das Recht auf religiöse Freiheit. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang, sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat oder öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen innerhalb der gebührenden Grenzen nach seinem Gewissen zu handeln.«12 Verkündigung und Zeugnis für Christus verletzen die Freiheit nicht, wenn sie mit Achtung vor dem Gewissen erfolgen. Der Glaube verlangt die freie Zustimmung des Menschen. Aber er muß angeboten werden, weil »alle Menschen das Recht haben, den Reichtum des Geheimnisses Christi kennenzulernen, worin, nach unserem Glauben, die Menschheit in unerschöpflicher Fülle alles das finden kann, was sie suchend und tastend über Gott, über den Menschen und seine Bestimmung, über Leben und Tod und über die Wahrheit in Erfahrung zu bringen sucht. Darum ist die Kirche darauf bedacht, ihren missionarischen Elan lebendig zu erhalten, ja ihn im geschichtlichen Augenblick unserer heutigen Zeit noch zu verstärken.«13 Es ist aber auch, wiederum mit dem Konzil, zu sagen, daß die Menschen, »weil sie Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, alle - ihrer Würde gemäß - von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten werden, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen.«14 |
|
Die Kirche als Zeichen und Werkzeug des Heiles 9. Als erste kann die Kirche von der Wohltat des Heiles Nutzen ziehen. Christus hat sie sich mit seinem Blut erworben (vgl. Apg 20, 28) und sie als seine Mitarbeiterin im universalen Heilswerk eingesetzt. Wirklich, Christus lebt in ihr, ist ihr Bräutigam, wirkt ihr Wachstum und vollbringt durch sie seine Sendung. Das Konzil hat immer wieder ausführlich die Rolle der Kirche für das Heil der Menschheit betont. Während die Kirche anerkennt, daß Gott alle Menschen liebt und allen die Möglichkeit gibt, ihr Heil zu wirken (vgl. 1 Tim 2, 4),15 glaubt sie doch, daß Gott Christus als einzigen Mittler eingesetzt hat und daß sie selbst als Sakrament umfassenden Heiles bestellt ist:16 »Zu dieser katholischen Einheit des Gottesvolkes ... sind alle Menschen berufen. Auf verschiedene Weise gehören ihr zu oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heil berufen sind.«17 Man muß diese beiden Wahrheiten zusammen gegenwärtig haben, die tatsächlich gegebene Möglichkeit des Heiles in Christus für alle Menschen und die Notwendigkeit der Anwesenheit der Kirche für dieses Heil. Beide tragen bei zum Verständnis des einen Heilsgeheimnisses. So können wir der Barmherzigkeit Gottes und unserer Verantwortung gewahr werden. Das Heil, das immer Gabe des Geistes ist, erfordert die Mitarbeit des Menschen, sowohl zur Erlangung des eigenen Heiles wie des Heiles anderer. So hat Gott es gewollt, darum hat er die Kirche bestellt und sie in den Heilsplan eingesetzt. »Dieses messianische Volk - sagt das Konzil - ist von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet. Es wird von ihm auch als Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der Erde in alle Welt gesandt.«18 |
|
Das Heil ist ein Angebot an alle Menschen 10. Die Universalität des Heiles bedeutet nicht, daß es nur jenen gilt, die ausdrücklich an Christus glauben und in die Kirche eingetreten sind. Wenn das Heil für alle ist, muß es allen zur Verfügung stehen. Aber es ist klar, daß es heute, wie dies früher der Fall war, viele Menschen gibt, die keine Möglichkeit haben, die Offenbarung des Evangeliums kennenzulernen und sich der Kirche anzuschließen. Sie leben unter sozio-kulturellen Bedingungen, die solches nicht zulassen. Oft sind sie in anderen religiösen Traditionen aufgewachsen. Für sie ist das Heil in Christus zugänglich kraft der Gnade, die sie zwar nicht förmlich in die Kirche eingliedert - obschon sie geheimnisvoll mit ihr verbunden sind -, aber ihnen in angemessener Weise innerlich und äußerlich Licht bringt. Diese Gnade kommt von Christus, sie ist Frucht seines Opfers und wird vom Heiligen Geist geschenkt: sie macht es jedem Menschen möglich, bei eigener Mitwirkung in Freiheit das Heil zu erlangen. Darum erklärt das Konzil nach der zentralen Aussage über das österliche Geheimnis: »Das gilt nicht nur für die Christgläubigen, sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herz die Gnade unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein.«19 |
|
»Wir können nicht schweigen« (Apg 4, 20) 11. Was ist nun bezüglich der schon erwähnten Einwende gegen die Mission ad gentes zu sagen? Bei aller Achtung für andere Überzeugungen und andere Auffassungen müssen wir vor allem, ohne Überheblichkeit, unseren Glauben an Christus, den alleinigen Erlöser der Menschen, zum Ausdruck bringen; den Glauben, den wir ohne irgendein Verdienst unsererseits von oben empfangen haben. Wir sagen mit Paulus: »Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt« (Röm 1, 16). Die christlichen Glaubenszeugen aller Zeiten - auch unserer Zeit - gaben und geben ihr Leben, um diesen Glauben vor den Menschen zu bekennen, aus der Überzeugung heraus, daß jeder Mensch Jesus Christus braucht, der die Sünde und den Tod besiegt und die Menschen mit Gott versöhnt hat. Christus hat sich als Sohn Gottes bezeichnet, der in enger Verbindung mit dem Vater als solcher von den Jüngern anerkannt wurde und sein Wort durch Wunder und durch die Auferstehung von den Toten als wahr erwiesen hat. Die Kirche bietet den Menschen das Evangelium an, ein prophetisches Dokument, das Antworten gibt auf die Fragen und Anliegen des Menschenherzens und immer »gute Nachricht« ist. Die Kirche kann nicht davon Abstand nehmen zu verkünden, daß Jesus gekommen ist, um das Antlitz Gottes zu offenbaren und durch Kreuz und Auferstehung für alle Menschen das Heil zu verdienen. Auf die Frage warum Mission? antworten wir mit dem Glauben und der Erfahrung der Kirche: sich der Liebe Christi öffnen bedeutet wahre Befreiung. In ihm, und in ihm allein, werden wir befreit von jeder Entfremdung und Verirrung, von der Sklaverei, die uns der Macht der Sünde und des Todes unterwirft. Christus ist wahrhaft »unser Friede« (Eph 2, 14), und »die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14), die unserem Leben Sinn und Freude gibt. Die Mission ist eine Frage des Glaubens, sie ist ein unbestechlicher Gradmesser unseres Glaubens an Christus und seine Liebe zu uns. Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum auf eine rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten Lebens. In einer stark säkularisierten Welt ist »nach und nach eine Säkularisierung des Heiles« eingetreten, für die man gewiß zugunsten des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf die horizontale Dimension beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, daß Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den ganzen Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren Horizonte der göttlichen Kindschaft zu erschließen. Warum Mission? Weil uns, wie dem heiligen Paulus, »die Gnade geschenkt wurde, den Heiden den unergründlichen Reichtum Christi zu verkündigen« (Eph 3, 8). Das neue Leben in ihm ist die »gute Nachricht« für den Menschen aller Zeiten: alle Menschen sind dazu gerufen und dazu bestimmt. Alle suchen es in der Tat, wenn auch manchmal verschwommen, und haben das Recht, die Bedeutung eines solchen Geschenkes kennenzulernen und es zu erlangen. Die Kirche, und in ihr jeder Christ, kann dieses neue Leben und dessen Reichtum weder verbergen noch für sich allein zurückhalten, da dies alles von der göttlichen Güte gegeben wurde, um allen Menschen mitgeteilt zu werden. Über den äußeren Auftrag des Herrn hinaus steht zugunsten der Mission auch das tiefe Bedürfnis des Lebens Gottes in uns. Jene, die in die katholische Kirche eingegliedert sind, können sich als bevorzugt empfinden, sind deswegen aber gleichzeitig um so mehr verpflichtet, den Glauben und das christliche Leben zu bezeugen als Dienst an den Brüdern und schuldige Antwort an Gott, eingedenk dessen, »daß ihre ausgezeichnete Stellung nicht den eigenen Verdiensten, sondern der besonderen Gnade Christi zuzuschreiben ist; wenn sie ihr im Denken, Reden und Handeln nicht entsprechen, wird ihnen statt Heil strengeres Gericht zuteil.«20 |
KAPITEL II DAS REICH GOTTES 12. »Gott, der voll Erbarmen ist, wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennengelernt«.21 Dies schrieb ich zu Beginn der Enzyklika Dives in misericordia, um zu zeigen, wie Christus die Offenbarung und Verkörperung der Barmherzigkeit des Vaters ist. Das Heil besteht darin, an das Geheimnis des Vaters und seiner Liebe zu glauben und es anzunehmen. Diese Liebe zeigt sich und wird Gabe in Jesus durch den Geist. So vollendet sich das Reich Gottes, das schon im Alten Bund vorbereitet, durch Christus und in Christus verwirklicht und von der Kirche allen Nationen verkündet wurde. Diese wirkt und betet darum, daß es sich in vollkommener und endgültiger Weise verwirklichen möge. Das Alte Testament bezeugt, daß Gott sich ein Volk erwählt und geformt hat, um seinen Plan der Liebe zu offenbaren und zu verwirklichen. Aber zugleich ist Gott Schöpfer und Vater aller Völker, er trägt Sorge für alle, sein Segen gilt allen (vgl. Gen 12, 3), mit allen hat er einen Bund geschlossen (vgl. Gen 9, 1-17). Israel macht die Erfahrung der Existenz eines persönlichen Gottes und Erlösers (vgl. Dtn 4, 37; 7, 6-8; Jes 43, 1-7) und wird so Zeuge und Verkünder inmitten der Völker. Im Laufe seiner Geschichte wird sich Israel bewußt, daß seine Erwählung weltumfassende Bedeutung hat (vgl. z.B. Jes 2, 2-5; 25, 6-8; 60, 1-6; Jer 3, 17; 16, 19). |
|
Christus bewirkt die Anwesenheit des Reiches 13. Jesus von Nazareth bringt den Plan Gottes zur Vollendung. Nachdem er in der Taufe den Heiligen Geist empfangen hat, tut er seine messianische Berufung kund: er durchwandert Galiläa, »er verkündet das Evangelium Gottes und spricht: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe; kehrt um und glaubt an das Evangelium"« (Mk 1, 14-15; vgl.Mt 4, 17; Lk 4, 43). Die Verkündigung und Errichtung des Reiches Gottes sind Gegenstand seiner Sendung: »Dazu bin ich gesandt worden« (Lk 4, 43). Aber da ist noch mehr: Jesus ist selbst die »gute Nachricht«, wie er schon am Anfang der Sendung in der Synagoge seiner Heimat betont, indem er die Worte Jesajas über den Gesalbten, der vom Geist des Herrn gesandt ist, auf sich selbst bezieht (vgl. Lk 4, 14-21). Da Christus also die »gute Nachricht« ist, besteht kein Unterschied zwischen Botschaft und Verkünder, zwischen Wort, Handeln und Sein. Seine Kraft, das Geheimnis der Wirkung seines Handelns liegt in der völligen Identität mit der Botschaft, die er bringt: er sagt die »gute Nachricht« an, nicht nur in dem, was er spricht und tut, sondern in dem, was er ist. Jesu Tätigkeit wird beschrieben im Zusammenhang mit seinen Wanderungen durch sein Land. Der Horizont seiner Sendung vor Ostern ist mit Israel umschrieben. Mit Jesus ist jedenfalls etwas Neues von entscheidender Bedeutung gegeben. Die eschatologische Realität wird nicht auf ein fernes Ende der Welt verlegt, sie ist schon nahe und beginnt sich zu verwirklichen. Das Reich Gottes ist nahe (vgl. Mk 1, 15), man soll bitten, daß es komme (vgl. Mt 6, 10), der Glaube sieht es bereits am Werk in den Zeichen, wie sie vorhanden sind in den Wundern (vgl. Mt 11, 4-5), in den Dämonenaustreibungen (vgl. Mk 3, 13-19), in der Verkündigung der Frohbotschaft an die Armen (vgl. Lk 4, 18). In der Begegnung Jesu mit den Heiden wird klar, daß der Zugang zum Reich durch den Glauben und durch Bekehrung (vgl. Mk 1, 15) ermöglicht wird, und nicht einfach durch völkische Zugehörigkeit. Das Reich, das Jesus bringt, ist das Reich Gottes. Jesus selbst macht offenbar, wer dieser Gott ist, dem er zutraulich den Namen »Abba«, Vater, gibt (vgl. Mk 14, 36). Gott, wie er insbesondere in den Gleichnissen erscheint (vgl. Lk 15, 3-32; Mt 20, 1-6), ist den Nöten und Leiden jedes Menschen gegenüber offen: er ist ein liebender Vater, voll Mitleid, er verzeiht und gewährt ungeschuldet die erbetene Gnade. Der heilige Johannes sagt uns, daß Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 8.16). Jeder Mensch ist demnach eingeladen, »sich zu bekehren« und zu »glauben« an die barmherzige Liebe, die Gott für ihn hat: das Reich wird in dem Maße wachsen, in dem jeder Mensch lernt, sich in inniger Vertrautheit des Gebetes an Gott wie an einen Vater zu wenden (vgl. Lk 11, 2; Mt 23, 9) und indem er sich bemüht, seinen Willen zu erfüllen (vgl. Mt 7, 21). |
|
Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches 14. Jesus offenbart nach und nach die Besonderheiten und Erfordernisse des Reiches durch sein Wort, durch sein Handeln und überhaupt durch seine Person. Das Reich Gottes ist für alle Menschen bestimmt, da alle dazu berufen sind, darin eingegliedert zu werden. Um diesen Aspekt hervorzuheben hat Jesus sich insbesondere jenen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft existieren. Er gab ihnen bei seiner Verkündigung der frohen Botschaft den Vorzug. Am Anfang seiner Tätigkeit verkündete er, daß er gesandt sei, den Armen eine gute Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4, 18). Allen, die Opfer von Ablehnung und Verachtung geworden sind, erklärt er: »Selig die Armen« (Lk 6, 20); darüberhinaus ermöglicht er diesen Randexistenzen eine Erfahrung der Befreiung, indem er bei ihnen ist und mit ihnen Mahl hält (vgl. Lk 5, 30; 15, 2), sie als gleichwertig und als Freunde behandelt (vgl. Lk 7, 34), sie merken läßt, daß sie von Gott geliebt sind, und auf diese Weise offenbart er sein grenzenlos zartfühlendes Herz gegenüber den Bedürftigen und Sündern (vgl. Lk 15, 1-32). Befreiung und Heil im Reich Gottes betreffen die menschliche Person in ihrer physischen wie geistigen Dimension. Zwei Tätigkeiten Jesu sind für seine Sendung bezeichnend: heilen und vergeben. Die zahlreichen Heilungen zeigen sein großes Mitleid angesichts menschlichen Elendes; sie tun aber auch kund, daß es im Reich weder Krankheit noch Leid geben wird und daß seine Sendung von Anfang an darauf abzielt, die Menschen davon zu befreien. In der Sicht Jesu sind die Heilungen auch Zeichen für das geistliche Heil, die Befreiung von der Sünde. Wenn Jesus Krankenheilungen vollbringt, so ruft er zum Glauben, zur Bekehrung, zum Verlangen nach Verzeihung (vgl. Lk 5, 24). Ist der Glaube da, so will die Heilung mehr erreichen: sie führt zur Heilssituation (vgl. Lk 18, 42-43 ). Die Befreiung von Besessenheit und Dämonen, äußerstes Übel und sichtbarer Ausdruck der Sünde und der Auflehnung gegen Gott, ist Zeichen dafür, daß »das Reich Gottes zu euch gekommen ist« (Mt 12, 28). 15. Das Reich ist darauf angelegt, die Beziehungen unter den Menschen zu verändern und verwirklicht sich schrittweise insofern sie lernen einander zu lieben, einander zu vergeben und einander zu dienen. Jesus nimmt das ganze Gesetz auf und gibt ihm im Gebot der Liebe seine Mitte (vgl. Mt 22, 34-40; Lk 10, 25-28). Bevor er von den Seinen scheidet, gibt er ihnen ein »neues Gebot«: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 14; vgl. 15, 12). Die Liebe, mit der Jesus die Welt geliebt hat, findet ihren höchsten Ausdruck in der Hingabe seines Lebens für die Menschen (vgl. Joh 3, 16). Darum ist die Natur des Reiches die Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott. Das Reich bezieht alle ein: die einzelnen, die Gesellschaft, die ganze Welt. Für das Reich wirken bedeutet Anerkennung und Förderung der göttlichen Dynamik, die in der Geschichte der Menschheit anwesend ist und sie umformt. Das Reich aufbauen bedeutet arbeiten zur Befreiung vom Übel in allen seinen Formen. Das Reich Gottes ist letztlich die Offenbarung und Verwirklichung seiner Heilsabsicht in ganzer Fülle. |
|
Im Auferstandenen kommt das Reich zur Vollendung und wird durch ihn verkündet 16. Indem Gott Jesus von den Toten erweckte, hat er den Tod besiegt, und in ihm hat er sein Reich in endgültiger Weise eingesetzt. Während seines Erdenlebens ist Jesus Prophet des Reiches und nach seinem Leiden, seiner Auferstehung und Himmelfahrt hat er Anteil an der Macht Gottes und an seiner Herrschaft über die Welt (vgl. Mt 28, 28; Apg 2, 36; Eph 1, 18-21). Die Auferstehung gibt der Botschaft Christi, seinem Handeln und seiner ganzen Sendung universale Bedeutung. Die Jünger erkennen, daß das Reich in der Person Jesu schon anwesend ist und daß es im Menschen und in der Welt mittels einer geheimnisvollen Verbindung mit ihm nach und nach eingerichtet wird. Nach der Auferstehung predigen die Jünger vom Reich, indem sie verkünden, daß Jesus gestorben und auferstanden ist. Philippus verkündet in Samaria »das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi« (Apg 8, 12). Paulus verkündet in Rom »das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn, vor« (Apg 28, 31). Die ersten Christen verkünden »das Reich Christi und Gottes« (Eph 5, 5; vgl. Off 11, 15; 12, 10) oder einfach »das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus« (2 Petr 1, 11). In der Verkündigung über Jesus Christus, mit dem das Reich identisch ist, findet die Verkündigung der frühen Kirche ihre Mitte. Wie damals, so gilt es auch heute, die Verkündigung über das Reich Gottes (Inhalt des »Kerygmas« Jesu) und die Verkündigung des Ereignisses Jesus Christus (»Kerygma« der Apostel) zu verbinden. Beide ergänzen sich und beleuchten einander. |
|
Das Reich in seiner Beziehung zu Christus und zur Kirche 17. Heute spricht man viel vom Reich, aber nicht immer im Gleichklang mit kirchlichem Denken. Es gibt Auffassungen über Heil und Sendung, die man »anthroprozentrisch« in einem verkürzten Sinn dieses Begriffes nennen könnte, insofern sie auf die irdischen Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet sind. In solcher Sicht wird das Reich eher zu einer rein irdischen und säkularisierten Wirklichkeit, in der Programme und der Kampf für sozio-ökonomische, politische und kulturelle Befreiung den Ausschlag geben, aber der Horizont bleibt der Transzendenz gegenüber verschlossen. Ohne zu leugnen, daß auch auf dieser Ebene Werte zu fördern sind, bleibt diese Auffassung doch innerhalb der Grenzen eines Reiches, in dem der Mensch um seine echten und tiefen Dimensionen gebracht wird und allzu leicht einer der rein irdischen Fortschrittsideologien verhaftet bleibt. Das Reich Gottes aber ist nicht von dieser Welt, es ist nicht von hier (vgl. Joh 18, 36). Es gibt sodann jene Ansichten, die eindeutig den Akzent auf das Reich legen und sich als »reich-zentriert« bezeichnen. Sie wollen das Bild einer Kirche entwerfen, die nicht an sich selbst denkt, die vielmehr ganz damit befaßt ist, Zeugnis vom Reich zu geben und ihm zu dienen. Sie ist eine »Kirche für die anderen«, so sagt man, wie Christus der »Mensch für die anderen« ist. Man beschreibt die Aufgabe der Kirche so, als sollte sie in zwei Richtungen gehen; einerseits soll sie die sogenannten »Werte des Reiches«, wie Friede, Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit fördern; andererseits soll sie den Dialog unter den Völkern, Kulturen, Religionen begünstigen, damit sie sich gegenseitig bereichern und der Welt helfen, sich zu erneuern und immer mehr den Weg auf das Reich hin zu gehen. Neben positiven Aspekten bieten diese Auffassungen oft negative Seiten. Insbesondere übergehen sie die Person Christi mit Schweigen: das Reich, von dem sie sprechen, gründet sich auf eine »Theozentrik«, weil - wie sie sagen - Christus von jenen nicht verstanden werden kann, die nicht den christlichen Glauben haben, während verschiedene Völker, Kulturen und Religionen in einer einzigen göttlichen Wirklichkeit, wie immer diese genannt werden mag, sich wiederfinden können. Aus dem gleichen Grund geben sie dem Geheimnis der Schöpfung den Vorzug, das sich in der Verschiedenheit de Kulturen und religiösen Anschauungen widerspiegelt, sagen aber nichts über das Geheimnis der Erlösung. Darüberhinaus erliegt das Reich, wie sie es verstehen, der Gefahr, die Kirche an den Rand zu drängen oder sie unterzubewerten, als Reaktion auf eine vermeintliche »Ekklesiozentrik« in der Vergangenheit, und weil sie die Kirche als bloßes Zeichen betrachten, das im übrigen nicht frei ist von Zweideutigkeiten. 18. Dies ist aber nun nicht das Reich Gottes, wie wir es von der Offenbarung her kennen: es kann weder von Christus noch von der Kirche losgelöst werden. Wie schon gesagt, hat Christus das Reich nicht nur verkündet, in seiner Person ist es anwesend und kommt in ihr zur Vollendung. Dies nicht nur durch seine Worte und seine Taten: »Vor allem wird dieses Reich offenbar in der Person Christi selbst, des Sohnes Gottes und des Menschensohnes, der gekommen ist, "um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen" (Mk 10, 45)22 Das Reich Gottes ist nicht eine Anschauung, eine Doktrin, ein Programm, das man frei ausarbeiten kann, es ist vor allemeine Person, die das Antlitz und den Namen Jesu von Nazareth trägt, Abbild des unsichtbaren Gottes.23 Wenn man das Reich von der Person Jesu trennt, hat man nicht mehr das von ihm geoffenbarte Reich Gottes, man verkehrt schließlich entweder den Sinn des Reiches, das ein rein menschliches oder ideologisches Objekt zu werden droht, oder man verfälscht die Identität Christi, der nicht mehr als der Herr, dem alles unterzuordnen ist, erscheint (vgl. 1 Kor 15, 27). Ebenso kann man das Reich nicht von der Kirche loslösen. Gewiß, sie ist nicht selbst Ziel, da sie auf das Reich Gottes hingeordnet ist, dessen Wirklichkeit sie keimhaft und zeichenhaft darstellt und dessen Werkzeug sie ist. Aber bei aller klaren Unterscheidung zwischen Kirche einerseits und Christus und Reich andererseits, bleibt die Kirche doch untrennbar mit beiden verbunden. Christus hat die Kirche, seinen Leib, mit der Fülle der Heilsgüter und -mittel ausgestattet; der Heilige Geist wohnt in ihr, gibt ihr Leben mit seinen Gaben und Charismen, heiligt, leitet und erneuert sie ständig.24 Daraus resultiert eine besondere und einzigartige Beziehung, die der Kirche eine spezifische und notwendige Rolle zuweist, obschon sie das Werk Christi und des Geistes nicht auf ihre sichtbaren Grenzen einengt. Von hier aus ergibt sich auch das besondere Band zwischen Kirche und Reich Gottes und Christi, »das anzukündigen und in allen Völkern zu begründen sie die Sendung hat«.25 19. In dieser Gesamtschau kann die Wirklichkeit des Reiches verstanden werden. Es macht gewiß die Förderung der menschlichen Güter und Werte erforderlich, die man passend als »evangelisch« bezeichnen kann, weil sie aufs engste mit der frohen Botschaft verbunden sind. Aber diese Förderung, die auch der Kirche am Herzen liegt, soll nicht losgelöst werden von und nicht in Gegensatz gebracht werden zu ihren anderen grundlegenden Aufgaben, wie die Verkündigung Christi und seines Evangeliums, die Gründung und Entwicklung der Gemeinschaft, wodurch ein lebendiges Bild des Reiches unter den Menschen entsteht. Man soll nicht befürchten, auf diese Weise einer gewissen Form der »Ekklesiozentrik« zu verfallen. Paul Vl., der die Existenz »eines in die Tiefe reichenden Bandes zwischen Christus, Kirche und Evangelisierung«26 feststellt, hat ebenso gesagt, daß die Kirche »sich nicht selbst Ziel ist, daß sie sich aber eifrig bemüht, ganz Christus zu gehören, in ihm und für ihn zu sein, und ganz auf der Seite der Menschen zu stehen, unter ihnen und für sie dazusein«.27 |
|
Die Kirche im Dienst für das Reich 20. Die Kirche ist tatsächlich und konkret für den Dienst am Reich da. Sie ist es insbesondere mit der Verkündigung, die zur Bekehrung aufruft: dies ist der erste und grundlegende Dienst für das Kommen des Reiches in den einzelnen und in der menschlichen Gesellschaft. Das eschatologische Heil nimmt schon jetzt im neuen Leben in Christus seinen Anfang: »Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben« (Joh 1, 12). Die Kirche dient dem Reich sodann, indem sie auf der Welt die »evangelischen Werte« der Seligpreisungen bekanntmacht, die authentischer Ausdruck des Reiches sind und die den Menschen helfen, Gott mit seinem Vorhaben einzulassen. Es ist also wahr, daß die Wirklichkeit des Reiches in Ansätzen sich auch jenseits der Grenzen der Kirche in der gesamten Menschheit finden kann, insofern diese die »evangelischen Werte« lebt und sich der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er will (vgl. Joh 3, 9); es ist aber auch zu sagen, daß diese zeitliche Dimension des Reiches unvollständig bleibt, wenn sie nicht zusammen mit dem Reich Christi ausgesagt wird, das in der Kirche anwesend und auf die eschatologische Vollendung ausgerichtet ist.28 Die vielfältigen Aspekte des Reiches Gottes29 schwächen die Grundlagen und Ziele der missionarischen Tätigkeit nicht, sie bestärken und erweitern sie vielmehr. Die Kirche ist Sakrament des Heiles für die ganze Menschheit, und ihre Tätigkeit beschränkt sich nicht auf jene, die die Heilsbotschaft annehmen. Sie ist treibende Kraft auf dem Weg der Menschheit auf das eschatologische Reich hin, ist Zeichen und Förderin der evangelischen Werte unter den Menschen.30 Für das Einschlagen dieses Weges der Hinwendung zum Plan Gottes liefert die Kirche ihren Beitrag durch ihr Zeugnis und ihre Tätigkeit, durch Dialog, durch Förderung im menschlichen Bereich, durch Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für Erziehung und für Pflege der Kranken, durch Sorge für die Armen und Kleinen, wobei sie die transzendentale und geistliche Wirklichkeit im Auge behält, die auf das eschatologische Heil vorbereitet. Die Kirche dient schließlich dem Reich auch durch ihre Fürbitte, denn dieses ist seiner Natur nach Gabe und Werk Gottes, wie die Gleichnisse im Evangelium und das Gebet, das Jesus uns selbst gelehrt hat, in Erinnerung bringen. Wir müssen es erbitten, aufnehmen und in uns und in der Welt zum Wachsen bringen; wir müssen aber auch daran mitarbeiten, daß es von den Menschen angenommen wird und wächst, bis Christus »das Reich dem Vater übergibt und Gott über alles und in allem herrscht« (1 Kor 15, 24.28). |
KAPITEL III DER HEILIGE GEIST ALS VORKÄMPFER FÜR DIE MISSION 21. »Auf dem Höhepunkt der messianischen Sendung Jesu wird der Heilige Geist im österlichen Geheimnis ganz als göttliche Person gegenwärtig: als derjenige, der das Heilswerk, das im Kreuzesopfer gründet, fortführen soll. Zweifelsohne wird dieses Werk von Jesus Menschen anvertraut: den Aposteln, der Kirche. Doch bleibt der Heilige Geist in diesen Menschen und durch sie der transzendental Handelnde bei der Verwirklichung dieses Werkes im Geiste des Menschen und der Weltgeschichte«.31 Der Heilige Geist ist wahrlich die Hauptperson für die ganze kirchliche Sendung: sein Werk leuchtet großartig auf in der Mission ad gentes, wie es in der ersten Kirche bei der Bekehrung des Kornelius aufscheint (vgl. Apg 13 ), für die Entscheidungen bei aufkommenden Problemen (vgl. Apg 15), für die Auswahl von Ländern und Völkern (vgl. Apg 16, 6ff). Der Geist wirkt durch die Apostel, gleichzeitig aber auch in den Hörern: »Durch sein Wirken nimmt die Frohe Botschaft Gestalt im Gewissen und Herzen der Menschen an und breitet sich in der Geschichte aus. In all diesen Dimensionen macht der Heilige Geist lebendig«.32 |
|
Die Sendung im Geist »bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1, 8) 22. Wenn die Evangelisten von Begegnungen des Auferstandenen mit den Aposteln berichten, schließen sie alle mit dem messianischen Auftrag: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern ... Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28, 18-20; vgl. Mk 16, 15-18; Lk 24, 46-49; Joh 20, 21-23). Diese Sendung ist Sendung im Geist, wie aus dem Text bei Johannes klar hervorgeht: Christus sendet die Seinen in die Welt, wie der Vater ihn gesandt hat, und darum gibt er ihnen den Geist. Lukas seinerseits verbindet das Zeugnis, das die Apostel für Christus geben sollen, eng mit dem Wirken des Geistes, das sie befähigen wird, den empfangenen Auftrag zu verwirklichen. 23. Die verschiedenen Formen des Missionsauftrages enthalten Gemeinsamkeiten und charakteristische Akzente, zwei gemeinsame Elemente finden sich aber in allen Fassungen. Vor allem die universale Dimension der den Aposteln übertragenen Aufgabe: »Alle Völker« (Mt 28, 19); »die ganze Welt, allen Geschöpfen« (Mk 16, 15); »alle Völker« (Lk 24, 47); »bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1, 8). An zweiter Stelle ist zu nennen die vom Herrn gegebene Zusicherung, daß sie bei dieser Aufgabe nicht allein sein werden, sondern daß sie die Kraft und Ausrüstung erhalten werden, um ihre Sendung auszuführen. Das ist die Gegenwart und die Macht des Geistes und die Gegenwart Jesu: »Sie zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei« (Mk 16, 20). Was die unterschiedlichen Akzente für den Missionsauftrag betrifft, so stellt Markus die Sendung als Ausrufung oder Kerygma dar: »Verkündet das Evangelium« (Mk 16, 15). Ziel des Evangelisten ist es, den Leser dazu zu bringen, das Bekenntnis des Petrus zu wiederholen: »Du bist der Messias« (Mk 8, 29) und wie der römische Hauptmann in Gegenwart des am Kreuz gestorbenen Jesus zu sagen: »Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn« (Mk 15, 39). Bei Matthäus liegt der missionarische Akzent auf der Gründung der Kirche und der Unterweisung (vgl. Mt 28, 19-20; 16, 18): bei ihm also macht der Auftrag deutlich, daß die Verkündigung des Evangeliums durch eine spezifisch kirchliche und sakramentale Unterweisung ergänzt werden muß. Bei Lukas wird die Sendung als Zeugnis dargestellt (vgl. Lk 24, 48; Apg 1, 8), das besonders die Auferstehung betrifft (vgl. Apg 1, 22). Der mit der Sendung Beauftragte ist aufgerufen, an die verwandelnde Kraft des Evangeliums zu glauben und das zu verkünden, was Lukas gut zur Darstellung bringt, nämlich die Hinwendung zur Liebe und Barmherzigkeit Gottes, zur Erfahrung einer umfassenden Befreiung, die bis auf den Grund allen Übels reicht, die Sünde. Johannes ist der einzige, der ausdrücklich vom »Auftrag« spricht, einem Wort, das mit »Mission« gleichbedeutend ist und die Sendung, die Jesus den Seinen aufträgt, unmittelbar mit jener verbindet, die er selbst vom Vater empfangen hat: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20, 21). Jesus spricht zum Vater: »Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt« (Joh 17, 18). Die ganze Bedeutung der Sendung im Johannesevangelium kommt im Hohenpriesterlichen Gebet zum Ausdruck: »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17, 3). Letzter Sinn der Sendung ist es, Anteil zu geben an der Gemeinschaft, die zwischen Vater und Sohn besteht. Die Jünger sollen die Einheit untereinander leben, sie sollen im Vater und im Sohn »bleiben«, damit die Welt erkennt und glaubt (vgl. Joh 17, 21-23). Dies ist ein bezeichnender missionarischer Text. Er läßt begreifen, daß man Missionar zuallererst ist durch das, was man ist, als Kirche, die zutiefst die Einheit der Liebe lebt, bevor man es ist durch das, was man sagt oder tut. Die vier Evangelien weisen also bei der grundsätzlichen Einheitlichkeit der Darstellung der Mission Unterschiede auf, die verschiedene Erfahrungen und Situationen in den ersten christlichen Gemeinden widerspiegeln. Sie ist auch Frucht des dynamischen Antriebs durch denselben Geist; sie weist auch darauf hin, auf die verschiedenen missionarischen Charismen und die unterschiedlichen menschlichen Verhältnisse zu achten. Aber alle Evangelisten betonen, daß die Sendung der Jünger ein Mitwirken mit der Sendung Christi ist: »Seid gewiß, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28, 20). Die Sendung gründet sich demnach nicht auf menschliche Fähigkeit, sondern auf die Macht des auferstandenen Herrn. |
|
Der Geist hat die führende Rolle bei der Sendung 24. Die Sendung der Kirche ist, wie die Jesu, Werk Gottes oder, wie Lukas oft schreibt, Werk des Geistes. Nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu machen die Apostel eine intensive Erfahrung, die sie umwandelt: Pfingsten. Die Ankunft des Heiligen Geistes macht aus ihnen Zeugen und Propheten (vgl. Apg 1, 8; 2, 17-18). Sie sind beseelt von einer unaufdringlichen Kühnheit, die sie anleitet, anderen ihre Erfahrungen mit Jesus und die Hoffnung, die sie erfüllt, mitzuteilen. Der Geist macht sie fähig, für Jesus »freimütig« Zeugnis abzulegen.33 Als die Verkünder der Botschaft aus Jerusalem hinausziehen, übernimmt der Geist noch mehr die Führerrolle, sei es in der Auswahl der Personen oder der zu beschreitenden Wege in der Mission. Sein Wirken zeigt sich insbesondere im Anstoß zur Mission, die nach den Worten Christi von Jerusalem aus sich über ganz Judäa und Samaria bis an die äußersten Enden der Erde ausbreitet. Die Apostelgeschichte bietet sechs zusammenfassende Berichte von »Missionsreden«, die in den Anfängen der Kirche an die Juden gerichtet sind (vgl. Apg 2, 22-39; 3, 12-26; 4, 9-12; 5, 29-32; 10, 34-43; 13, 16-41). Diese Reden können als Modelle gelten, die von Petrus und Paulus gehalten wurden. Sie verkünden Jesus, rufen zur »Bekehrung«, d.h. Jesus soll im Glauben aufgenommen werden und vom Geist soll man sich in ihn umwandeln lassen. Paulus und Barnabas werden vom Geist zu den Heiden gedrängt (vgl. Apg 13, 46-48), was nicht ohne Spannungen und Probleme vor sich geht. Wie sollen die bekehrten Heiden ihren Glauben an Jesus leben? Sind sie an die jüdische Tradition gebunden und an das Gesetz der Beschneidung? Beim ersten Konzil, das um die Apostel Mitglieder verschiedener Kirchen versammelt, wird eine Entscheidung gefällt, die als vom Geist stammende anerkannt wird: es ist nicht nötig, daß ein Heide sich dem jüdischen Gesetz unterwirft, um Christ zu werden (vgl. Apg 15, 5-11). Von da an öffnet die Kirche ihre Tore und wird das Haus, in das alle eintreten und sich zu Hause fühlen können, indem sie die eigene Kultur und die eigene Tradition beibehalten, sofern diese nicht im Gegensatz zum Evangelium stehen. 25. Die Missionare sind dieser Linie gefolgt und halten sich stets die Erwartungen und Hoffnungen, die Sorgen und Leiden, die Kultur der Menschen gegenwärtig, um ihnen das Heil in Christus zu verkünden. Die Reden in Lystra und Athen (vgl. Apg 14, 11-17; 17, 22-31) werden als Muster der Evangelisierung bei den Heiden angesehen: Paulus kommt mit den Kulturen und religiösen Werten verschiedener Völker ins Gespräch. Den Bewohnern von Lykaonien, die eine kosmische Religion praktizierten, bringt er religiöse Erfahrungen in Erinnerung, die sich auf den Kosmos beziehen; mit den Griechen spricht er über Philosophie und zitiert ihre Dichter (vgl. Apg 17, 18. 26-28). Der Gott, den er ihnen offenbaren will, ist in ihrem Leben schon anwesend: er hat sie nämlich geschaffen und leitet geheimnisvoll die Völker und die Geschichte (vgl. Apg 14, 16-17); dennoch sollen sie, um den wahren Gott zu erkennen, ihre falschen, von ihnen selbst verfertigten Götter verlassen und sich für jenen öffnen, den Gott gesandt hat, um ihrer Unwissenheit abzuhelfen und die Erwartung ihres Herzens zu erfüllen (vgl. Apg 17, 20. 30). Dies sind Reden, die als Beispiele für die Inkulturation des Evangeliums gelten können. Unter dem Drängen des Geistes öffnet sich der christliche Glaube mit Entschiedenheit gegenüber den »Völkern«, und das Zeugnis von Christus gelangt zu den wichtigsten Zentren des östlichen Mittelmeeres, um dann nach Rom und den äußersten Westen zu kommen. Der Geist drängt dazu, immer weiter zu gehen, nicht nur im geographischen Sinne, sondern auch dazu, ethnische und religiöse Barrieren zugunsten einer wahrhaft universalen Mission zu überwinden. |
|
Der Geist erweist die Kirche insgesamt als Missionskirche 26. Der Geist drängt die Gruppe der Glaubenden dazu, »Gemeinde zu bilden«, Kirche zu sein. Nach der ersten Verkündigung von Petrus am Pfingsttag und den Bekehrungen, die darauf folgten, bildet sich die erste Gemeinde (vgl. Apg 2,42-47; 4,32-35). Es ist in der Tat eines der wichtigsten Ziele der Mission, das Volk zum Hören der Frohbotschaft, zur brüderlichen Gemeinschaft, zum Gebet und zur Eucharistie zu versammeln. »Brüderliche Gemeinschaft« (koinonia) leben bedeutet, »ein Herz und eine Seele« haben (Apg 4, 32), eine Gemeinschaft unter allen humanen, spirituellen und materiellen Gesichtspunkten aufbauen. Wahrhaft christliche Gemeinde ist auch um die Teilung der irdischen Güter bemüht, damit es keine Notleidenden gebe und alle »je nach Bedarf« Zugang zu diesen Gütern haben (Apg 2,45; 4,35, 11,27-30). Die ersten Gemeinden, in denen »die Freude und die Einfachheit des Herzens« vorherrschten (Apg 2, 46), besaßen eine dynamische und missionarische Offenheit: »Sie waren beim ganzen Volk geschätzt« (Apg 2, 47). Mission bedeutet noch vor aller Aktivität Zeugnis und Ausstrahlung.34 27. In der Apostelgeschichte gibt es Hinweise darauf, daß die Mission, die sich zunächst an Israel und dann an die anderen Völker wandte, sich auf mehreren Ebenen entfaltet. Da sind zuallererst die Zwölf, die vereint unter der Leitung des Petrus die Frohe Botschaft verkünden. Da ist weiters die Gemeinde der Gläubigen, die mit ihrer Art zu leben und zu handeln den Herrn bezeugt und die Heiden bekehrt (vgl. Apg 2, 46-47). Weiters gibt es Sonderbeauftragte, die für die Verkündigung des Evangeliums bestimmt werden. So sendet die christliche Gemeinde von Antiochien ihre Mitglieder in die Mission: nach Fasten, Gebet und Eucharistiefeier stellt sie fest, daß der Geist Paulus und Barnabas für die Sendung ausgewählt hat (vgl. Apg 13, 1-4). Die Mission ist also in ihren Anfängen als Aufgabe der Gemeinde, als Verantwortung der Ortskirche angesehen worden. Die Gemeinde braucht »Missionare«, um sich auszubreiten. Neben diesen Ausgesandten gab es auch solche, die spontan die ihr Leben verändernde Neuheit bezeugten und die die im Entstehen begriffenen Gemeinden mit der Apostolischen Kirche in Verbindung brachten. Die Apostelgeschichte gibt uns zu verstehen, daß es in der Mission ad gentes am Anfang der Kirche zwar Missionare »auf Lebenszeit« gibt, die sich ihr aufgrund einer speziellen Berufung widmen, daß die Mission aber gleichzeitig als eine ganz selbstverständliche Frucht des christlichen Lebens, als Auftrag an jeden Gläubigen angesehen wurde, durch seine Lebensführung und wenn möglich durch ausdrückliche Verkündigung ein persönliches Glaubenszeugnis zu geben. |
|
Der Geist ist zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig und am Werk 28. Der Geist zeigt sich in besonderer Weise in der Kirche und in ihren Mitgliedern; jedoch ist seine Gegenwart und sein Handeln allumfassend, ohne Begrenzung durch Raum und Zeit.35 Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert an das Wirken des Geistes im Herzen jedes Menschen, durch »die Samen des Wortes«, auch durch religiöse Anregungen, durch Anstrengungen allen menschlichen Handelns, sofern es auf die Wahrheit, auf das Gute, auf Gott ausgerichtet ist.36 Der Geist gibt dem Menschen »Licht und Kraft, um auf seine höchste Berufung zu antworten«; durch den Geist »kann der Mensch im Glauben zum Betrachten und Verkosten des Geheimnisses des Göttlichen Heilsplanes gelangen«; überdies »müssen wir annehmen, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit bietet, mit dem Ostergeheimnis in Berührung zu kommen in einer Weise, die nur Gott kennt«;37 in jedem Fall weiß die Kirche, »daß der Mensch, vom Geist Gottes angespornt, vom Problem der Religion nicht völlig unberührt bleiben« und »daß er immer den Wunsch haben wird, wenigstens in Umrissen zu erkennen, was der Sinn seines Lebens, seines Tuns, seines Todes sei«.38 Der Geist steht also am Ursprung der Existenz und Glaubensfrage jedes Menschen, die sich ihm nicht nur in bestimmten Situationen, sondern aus der Struktur seines Daseins selbst stellt.39 Die Gegenwart und das Handeln des Geistes berühren nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Gesellschaft und die Geschichte, die Völker, die Kulturen, die Religionen. Der Geist steht ebenso am Ursprung edler Ideale und guter Initiativen der Menschheit auf deren Wege: »In wunderbarer Vorsehung lenkt er den Weg der Zeiten und erneuert er das Gesicht der Erde«.40 Der auferstandene Christus »wirkt im Herzen der Menschen in der Kraft seines Geistes, indem er nicht nur den Wunsch nach einer zukünftigen Welt weckt, sondern dadurch auch jene großmütigen Gedanken inspiriert, reinigt und festigt, durch die die Menschheitsfamilie das eigene Leben menschlicher zu gestalten und die ganze Welt diesem Ziele unterzuordnen versucht«.41 Und nochmals: es ist der Geist, der »die Samen des Wortes« aussät, die in den Riten und Kulturen da sind und der sie für ihr Heranreifen in Christus bereit macht.42 29. So leitet uns der Geist, der »weht, wo er will« (Joh 3, 8), der »in der Welt wirkte, noch bevor Christus verherrlicht wurde«,43 der »das Universum, alles umfassend, erfüllt und jede Stimme kennt« (Weish 1, 7), dazu an, unseren Blick zu erweitern, um so sein zu jeder Zeit und an jedem Ort vorhandenes Wirken in Betracht zu ziehen. Es ist ein Aufruf, den ich selbst wiederholt gemacht habe44 und der mich bei den Begegnungen mit den verschiedensten Völkern geleitet hat. Das Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen ist bestimmt von einem doppelten Respekt: »dem Respekt vor dem Menschen bei seiner Suche nach Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens und vom Respekt vor dem Handeln des Geistes im Menschen«.45 Die Begegnung zwischen den Religionen in Assisi wollte unmißverständlich meine Überzeugung bekräftigen, daß »jedes authentische Gebet vom Heiligen Geist geweckt ist, der auf geheimnisvolle Weise im Herzen jedes Menschen gegenwärtig ist«.46 Es ist derselbe Geist, der bei der Menschwerdung, im Leben, im Tode und bei der Auferstehung Jesu mitgewirkt hat und der in der Kirche wirkt. Er ist nicht eine Alternative zu Christus, er füllt nicht eine Lücke aus zwischen Christus und dem Logos, wie manchmal angenommen wird. Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte der Völker, in den Kulturen und Religionen bewirkt, hat die Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel47 und geschieht in bezug auf Christus, das durch das Wirken des Geistes fleischgewordene Wort, »um Ihn zu erwirken, den vollkommenen Menschen, das Heil aller und die Zusammenführung des Universums«.48 Das universale Wirken des Geistes darf andererseits nicht getrennt werden von der Eigenart des Wirkens am Leib Christi, der die Kirche ist. Denn es ist immer der Geist, der wirkt, sei es daß er die Kirche belebt und sie zur Verkündigung Christi drängt, sei es daß er seine Gaben auf alle Menschen und Völker ausbreitet und sie entfaltet, indem er die Kirche durch den Dialog anleitet, diese Gaben zu entdecken, zu fördern und anzunehmen. Jede Gegenwart des Geistes muß mit Achtung und Dankbarkeit aufgenommen werden. Seine Unterscheidung ist aber eine Aufgabe der Kirche, der Christus seinen Geist gegeben hat, um sie zur vollen Wahrheit zu führen (vgl. Joh 16, 13). |
|
Die Missionstätigkeit steht erst in den Anfängen 30. In unserer Zeit, mit einer Menschheit in Bewegung und auf der Suche, braucht es einen neuen Anstoß zur Missionstätigkeit der Kirche. Die Horizonte und die Möglichkeiten der Mission weiten sich aus, und wir Christen sind aufgerufen zu apostolischem Mut, der auf das Vertrauen in den Geist gegründet ist. Er ist die Hauptfigur der Mission! Zahlreich sind in der Geschichte der Menschheit die Zeitenwenden, die zu einer missionarischen Dynamik anregen. Die Kirche hat, geführt vom Geist, darauf immer mit Großmut und Weitblick geantwortet. Es gab dabei gute Ergebnisse. Vor kurzem wurde die Tausendjahrfeier der Evangelisierung Rußlands und der Slawischen Völker begangen. Derzeit bereiten wir die Feier des fünfhundertsten Jahrestages der Evangelisierung Amerikas vor. In der letzten Zeit gab es auch festliche Jahrhundertfeiern im Gedenken an die ersten Missionen in verschiedenen Ländern Asiens, Afrikas und Ozeaniens. Heute sieht die Kirche sich mit anderen Herausforderungen konfrontiert; sie muß zu neuen Ufern aufbrechen, sei es in ihrer Erstmission ad gentes, sei es in der Neuevangelisierung von Völkern, die die Botschaft von Christus schon erhalten haben. Heute wird von allen Christen, von den Ortskirchen und von der Weltkirche derselbe Mut verlangt, der die Missionare der Vergangenheit bewegt hat und dieselbe Verfügbarkeit, um die Stimme des Geistes zu hören. |
KAPITEL IV DAS UNBEGRENZTE AUSMAß DER MISSION AD GENTES 31. Jesus der Herr sendet seine Apostel zu allen Menschen, zu allen Völkern und in alle Gegenden der Welt. Mit den Aposteln erhielt die Kirche eine weltweite Sendung, die keine Grenzen kennt und die das Heil in seiner ganzen Fülle betrifft, entsprechend jener Fülle des Lebens, die die Ankunft Christi gebracht hat (vgl. Joh 10, 10): die Kirche wurde »ausgesandt, um die Liebe Gottes allen Menschen und allen Völkern der Erde zu offenbaren und weiterzugeben«.49 Es ist ein und dieselbe Mission mit demselben Ursprung und demselben Ziel; aber innerhalb von ihr gibt es verschiedene Aufgaben und Tätigkeiten. Vor allem ist es die Missionstätigkeit, die wir unter Berufung auf das Konzilsdekret als Missio ad gentes bezeichnen. Es handelt sich dabei um eine wesentliche und nie abgeschlossene Haupttätigkeit der Kirche. Denn die Kirche »kann sich der dauerhaften Sendung, allen das Evangelium zu bringen, die Christus, den Erlöser der Menschen, noch nicht kennen - es sind Millionen und Abermillionen von Männern und Frauen - nicht entziehen. Das ist die ganz spezifische Missionsaufgabe, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat und täglich anvertraut«.50 |
|
Ein komplexes und in Bewegung geratenes religiöse Bild 32. Wir befinden uns heute vor einer stark veränderten und schillernden religiösen Situation: die Völker sind in Bewegung; soziale und religiöse Wirklichkeiten, die früher klar definiert waren, entwickeln sich zu komplexen Situationen. Man denke dabei nur an einige Phänomene wie die Verstädterung, die Massenwanderungen, die Flüchtlingsbewegung, die Entchristlichung von Ländern mit alter christlicher Tradition, an den deutlich erkennbaren Einfluß des Evangeliums und seiner Werte in Ländern mit größtenteils nichtchristlicher Mehrheit, an das Umsichgreifen von Messianismen und religiösen Sekten. Es geht eine Umwälzung von sozialen und religiösen Situationen vor sich, die es schwer macht, gewisse kirchliche Unterscheidungen und Kategorien, an die man gewöhnt war, konkret anzuwenden. Schon vor dem Konzil sagte man von einigen Hauptstädten oder christlichen Ländern, sie seien »Missionsländer« geworden. Die Situation hat sich in den darauffolgenden Jahren sicher nicht verbessert. Andererseits hat die Missionstätigkeit in allen Teilen der Welt reiche Früchte gebracht; deshalb gibt es tief verwurzelte, zum Teil so gefestigte und gereifte Kirchen, daß sie sowohl für die Bedürfnisse der eigenen Gemeinden als auch für die Aussendung von Personal zur Evangelisierung in anderen Kirchen und Gebieten gut gerüstet sind. Dies im Kontrast zu Gebieten der alten Christenheit, deren Neuevangelisierung notwendig geworden ist. Inzwischen fragen sich nicht wenige, ob man noch von spezifischer Missionstätigkeit oder von abgrenzbaren Bereichen sprechen könne, oder ob man nicht zugeben müsse, daß es nur eine einheitliche Missionssituation und folglich auch nur eine einheitliche, überall gleiche Sendung gebe. Die Schwierigkeit, diese komlexe und veränderliche Realität in bezug auf den Auftrag zur Evangelisierung zu deuten, zeigt sich bereits im »Missionsvokabular«: es gibt zum Beispiel eine gewisses Zögern im Gebrauch der Ausdrücke »Missionen« und »Missionare«; sie werden als überholt und von negativen historischen Resonanzen belastet angesehen. Man zieht es vor, zur Kennzeichnung des Wirkens der Kirche generell das Hauptwort »Mission« in der Einzahl und das Eigenschaftswort »missionarisch« zu verwenden. Diese Not weist auf eine tatsächliche Veränderung hin, die auch positive Aspekte hat. Die sogenannte Rückkehr oder »Wiederbeheimatung« der Missionen in die Sendung der Kirche, das Einfließen der Missiologie in die Ekklesiologie und die Einbindung beider in den trinitarischen Heilsplan haben die Missionstätigkeit selbst neu aufatmen lassen; sie wird nicht als eine Aufgabe am Rande der Kirche begriffen, sondern eingebunden in das Herz ihres Lebens; sie wird als wesentliche Verpflichtung des gesamten Volkes Gottes verstanden. Man muß sich jedoch vor der Gefahr hüten, die sehr verschiedenen Situationen auf die gleiche Stufe zu stellen und die Mission sowie die Missionare ad gentes zu reduzieren, wenn nicht gar verschwinden zu lassen. Die Feststellung, daß die ganze Kirche eine Missionskirche ist, schließt nicht aus, daß es eine spezifische Mission ad gentes gibt; so wie die Feststellung, daß alle Katholiken Missionare sein sollen, nicht ausschließt, sondern im Gegenteil erfordert, daß es aufgrund einer spezifischen Berufung »Missionare ad gentes und auf Lebenszeit« geben soll. |
|
Die Mission ad gentes behält ihren Wert 33. Die Unterschiede in der Tätigkeit im Rahmen der einen Mission der Kirche ergeben sich nicht aus Gründen, die in der Sache selbst, also in der Sendung liegen, sondern aus den unterschiedlichen Umständen, in denen die Mission sich entfaltet.51 Wenn man die heutige Welt unter dem Gesichtspunkt der Evangelisierung betrachtet, kann man drei Situationen unterscheiden. Zunächst jene Situation, an die sich die Missionstätigkeit der Kirche wendet: an Völker, Menschengruppen, soziokulturelle Zusammenhänge, in denen Christus und sein Evangelium nicht bekannt sind oder in denen es an genügend reifen christlichen Gemeinden fehlt, um den Glauben in ihrer eigenen Umgebung Fuß fassen zu lassen und anderen Menschengruppen verkündigen zu können. Das ist die eigentliche Mission ad gentes.52 Sodann gibt es christliche Gemeinden, die angemessene und solide kirchliche Strukturen besitzen, die eifrig sind im Glauben und im Leben, die mit ihrem Zeugnis vom Evangelium in ihre Umgebung ausstrahlen und die Verantwortung für die Weltmission spüren. In ihnen entfaltet sich die Seelsorgstätigkeit der Kirche. Schließlich gibt es eine Situation dazwischen, vor allem in Ländern mit alter christlicher Tradition, aber manchmal auch in jüngeren Kirchen, wo ganze Gruppen von Getauften den lebendigen Sinn des Glaubens verloren haben oder sich gar nicht mehr als Mitglieder der Kirche erkennen, da sie sich in ihrem Leben von Christus und vom Evangelium entfernt haben. In diesem Fall braucht es eine »neue Evangelisierung« oder eine »Wieder-Evangelisierung«. 34. Die spezifische Missionstätigkeit oder die Mission ad gentes wendet sich an »die Völker und die Gruppen, die noch nicht an Christus glauben«, an »jene, die fern von Christus sind«, bei denen die Kirche »noch nicht Wurzeln geschlagen hat«53 und deren Kultur noch nicht vom Evangelium beeinflußt ist.54 Sie unterscheidet sich von den anderen kirchlichen Tätigkeiten, weil sie sich an Gruppen und Umfelder wendet, die aufgrund des Fehlens oder des Ungenügens der evangelischen Verkündigung und der kirchlichen Präsenz nicht christlich sind. Sie hat den Charakter eines Werkes der Verkündigung Christi und seines Evangeliums, des Aufbaus der Ortskirche, der Verbreitung der Werte des Reiches Gottes. Die Besonderheit dieser Mission ad gentes ergibt sich aus der Tatsache, daß sie sich an »Nicht Christen« wendet. Es ist deshalb zu vermeiden, daß diese »ausgesprochen missionarische Aufgabe, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat und täglich neu anvertraut«,55 innerhalb der umfassenden Sendung des ganzen Volkes Gottes zu einer abgewerteten Wirklichkeit und folglich vernachlässigt oder vergessen wird. Andererseits sind die Grenzen zwischen der Seelsorge der Gläubigen, der Neu-Evangelisierung und der ausgesprochen missionarischen Tätigkeit nicht eindeutig bestimmbar und es ist undenkbar, zwischen ihnen Barrieren oder scharfe Trennungen zu machen. Doch darf die Kraft nicht verlorengehen für die Verkündigung und Gründung von neuen Kirchen unter Völkern oder Menschengruppen, wo es sie noch nicht gibt. Denn die erste Aufgabe der Kirche ist ihre Sendung zu allen Völkern und bis an die Grenzen der Erde. Ohne die Mission ad gentes wäre die missionarische Dimension der Kirche selbst ihres ursprünglichen Sinnes und ihrer gezielten Umsetzung beraubt. Ebenfalls zu beachten ist eine reale und wachsende gegenseitige Abhängigkeit zwischen den verschiedenen Sendungsaufträgen der Kirche: jede von ihnen hat Einfluß auf die andere, regt sie an und hilft ihr. Die missionarische Dynamik schafft einen Austausch zwischen den Kirchen und ist auf die Außenwelt ausgerichtet, mit positiven Einflüssen in jeder Hinsicht. Die Kirchen mit alter christlicher Tradition zum Beispiel, die sich mit der spannenden Aufgabe der Neuevangelisierung befassen, begreifen besser, daß sie gegenüber den Nicht-Christen in anderen Ländern und Kontinenten nicht missionarisch wirken können, wenn sie sich nicht ernsthaft um die Nicht-Christen im eigenen Haus kümmern: die Missionsbereitschaft nach innen ist ein glaubwürdiges Zeichen und Anreiz für jene nach außen und umgekehrt. |
|
Trotz Schwierigkeiten allen Völkern 35. Die Mission ad gentes steht vor einer ungeheuren Aufgabe, die keineswegs im Schwinden ist. Im Gegenteil, sie scheint ein noch viel weiteres Blickfeld vor sich zu haben, sowohl unter der zahlenmäßigen Rücksicht der demographischen Zunahme als auch unter der sozio-kulturellen Rücksicht des Entstehens neuer Beziehungen, neuer Kontakte und sich verändernder Situationen. Der Auftrag zur Verkündigung Jesu Christi bei allen Völkern ist sehr umfangreich und im Vergleich zu den menschlichen Kräften der Kirche unverhältnismäßig groß. Die Schwierigkeiten scheinen unüberwindbar und könnten entmutigen, wenn es sich um ein rein menschliches Unterfangen handelte. In einigen Ländern ist den Missionaren die Einreise verboten; in anderen ist nicht nur die Evangelisierung verboten, sondern auch die Konversion und sogar der christliche Kult. Noch anderswo bestehen Hindernisse kultureller Art: die Vermittlung der evangelischen Botschaft erscheint irrelevant oder unverständlich; Bekehrung wird als Verleugnung des eigenen Volkes und der eigenen Kultur angesehen. 36. Es gibt im Volk Gottes auch interne Schwierigkeiten, die noch viel schmerzlicher sind. Schon mein Vorgänger Papst Paul VI. hat an erster Stelle hingewiesen auf »das Fehlen des Eifers, was umso schlimmer ist, weil es von innen kommt; dies zeige sich in der Müdigkeit, in der Enttäuschung, in der Bequemlichkeit, in mangelndem Interesse und vor allem im Fehlen der Freude und der Hoffnung«.56 Große Hindernisse für die Missionsbereitschaft der Kirche bilden auch die früheren und gegenwärtigen Spaltungen unter den Christen,57 die Entchristlichung in christlichen Ländern, das Zurückgehen der Berufe zum Apostolat, die abstoßenden Zeugnisse von Gläubigen und christlichen Gemeinden, die in ihrem Leben nicht dem Modell Christi folgen. Eine der schwerwiegendsten Ursachen des geringen Interesses für den Missionseinsatz ist jedoch eine Denkweise der Gleichgültigkeit, die leider auch unter Christen weit verbreitet ist und die ihre Wurzeln in theologisch nicht richtigen Vorstellungen hat. Diese Denkweise ist durchdrungen von einem religiösen Relativismus, der zur Annahme führt, daß »eine Religion gleich viel gilt wie die andere«. Wir können hinzufügen - wie derselbe Papst sagte -, daß es auch »Alibis gibt, die von der Evangelisierung ablenken. Am gefährlichsten sind sicher jene, von denen man sich einbildet, sie fänden in dieser oder jener Lehre des Konzils einen Anhaltspunkt«.58 Ich lege diesbezüglich den Theologen und den Fachleuten der christlichen Presse lebhaft nahe, den eigenen Dienst für die Mission zu verstärken und den tiefen Sinn ihres wichtigen Dienstes auf dem rechten Wege des »sentire cum Ecclesia« zu entdecken. Die inneren und äußeren Schwierigkeiten dürfen uns nicht untätig oder zu Pessimisten machen. Was hier - wie in jedem Bereich des christlichen Lebens - zählt, ist das Vertrauen, das aus dem Glauben kommt, aus der Überzeugung also, daß nicht wir die Hauptpersonen der Mission sind, sondern Jesus Christus und sein Geist. Wir sind nur Mitarbeiter; und wenn wir alles getan haben, was uns möglich ist, müssen wir sagen: »Wir sind unnütze Diener. Wir haben getan, was zu tun uns aufgetragen war« (Lk 17, 10). |
|
Bereiche der Mission ad gentes 37. Die Mission ad gentes kennt kraft des weltumspannenden Auftrages Christi keine Grenzen. Man kann jedoch verschiedene Bereiche umreißen, in denen sie sich entfaltet, sodaß man ein reales Bild der Situation erhält. a) Gebietsbezogene Bereiche: Die Missionstätigkeit ist normalerweise in bezug auf genau umrissene Gebiete definiert worden. Das 2. Vatikanische Konzil hat die gebietsbezogene Dimension der Mission ad gentes anerkannt;59 sie ist auch heute noch wichtig und hat den Zweck, die Verantwortung, die Zuständigkeit und die geographischen Handlungsräume abzugrenzen. Es ist zwar wahr, daß einer Weltmission eine Weltperspektive entsprechen muß: die Kirche kann in der Tat keine Grenzen und politischen Hindernisse akzeptieren, die ihre Missionspräsenz eingrenzen. Aber es ist auch wahr, daß die Missionstätigkeit ad gentes, die von der Seelsorge der Gläubigen und der Neu-Evangelisierung der Nicht Praktizierenden verschieden ist, in klar abgegrenzten Gebieten und bei bestimmten Menschengruppen ausgeübt wird. Man darf sich nicht täuschen lassen von der starken Zunahme der jungen Kirchen in letzter Zeit. In den diesen Kirchen anvertrauten Gebieten, besonders in Asien, aber auch in Afrika, in Lateinamerika und in Ozeanien gibt es ausgedehnte, nicht evangelisierte Zonen. In einer Reihe von Nationen sind ganze Völker und Kulturen von großer Bedeutung noch nicht von der Glaubensverkündigung und von der Ortskirche erfaßt.60 Auch in traditionell christlichen Ländern gibt es Gegenden, Menschengruppen und nicht evangelisierte Bereiche, die der speziellen Leitung der Mission ad gentes anvertraut sind. Es ist also auch in diesen Ländern nicht nur eine Neu-Evangelisierung, sondern in einigen Fällen eine erstmalige Evangelisierung geboten.61 Die einzelnen Situationen sind jedoch nicht gleichgeartet. Auch wenn man dazu steht, daß die Aussagen bezüglich der missionarischen Verantwortung der Kirche nicht glaubwürdig sind, wenn sie nicht vom ernsthaften Einsatz einer Neu-Evangelisierung in den Ländern mit christlicher Tradition begleitet sind, wird man die Situation eines Volkes, das Christus nie kennengelernt hat, nicht gleichsetzen können mit jener eines anderen Volkes, das ihn kennengelernt, angenommen und dann abgelehnt hat und das dennoch in einer Kultur mit zum großen Teil evangelischen Prinzipien und Werten weiterlebt. Es sind dies in bezug auf den Glauben zwei grundverschiedene Ausgangsbedingungen. Deshalb gilt das geographische Kriterium weiterhin als eine Richtlinie zur Absteckung der Grenzen, nach der sich - auch wenn nicht sehr genau und immer vorläufig - die Missionstätigkeit richten muß. Es gibt Länder und geographische sowie kulturelle Räume, in denen einheimische christliche Gemeinden fehlen; anderswo sind diese Gemeinden so klein, daß sie kein eindeutiges Zeichen der Präsenz des Christentums sein können; oder es fehlt ihnen an Dynamik, in ihrer Umgebung das Evangelium zu künden, oder sie gehören Volksminderheiten an, die nicht in die vorherrschende nationale Kultur eingebettet sind. Vor allem auf dem asiatischen Kontinent, auf den sich das Hauptaugenmerk der Mission ad gentes richten sollte, bilden die Christen nur eine kleine Minderheit, auch wenn man dort manchmal nennenswerte Konversions-Bewegungen und beispielhafte Formen christlicher Präsenz feststellen kann. b) Neue Soziale Welten und Phänomene: Die raschen und tiefgreifenden Umwälzungen, die heute die Welt, besonders die südliche Hälfte, charakterisieren, haben einen starken Einfluß auf das Bild der Mission: wo zuerst menschlich und sozial stabile Verhältnisse herrschten, ist heute alles in Bewegung geraten. Man denke zum Beispiel an die Verstädterung und an das massive Anwachsen der Städte, vor allem dort, wo der Bevölkerungsdruck am stärksten ist. Derzeit lebt in vielen Staaten schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einigen wenigen Großstädten, in denen sich die Probleme des Menschen oft verschlimmern, gerade wegen der Anonymität, in die die Massen sich eingetaucht fühlen. In der Neuzeit erfolgte die Missionstätigkeit überwiegend in verlassenen Gebieten, fernab von zivilisierten Zentren und in Gebieten, die aufgrund der Kommunikationsschwierigkeiten, der Sprache und des Klimas unzugänglich waren. Heutzutage verändert sich das Bild der Mission ad gentes zusehends: zu den bevorzugten Orten müßten die Großstädte werden, in denen neue Gewohnheiten und Lebensstile, neue Formen der Kultur und der Kommunikation entstehen, die ihrerseits wieder die Bevölkerung beeinflussen. Es stimmt, daß »die Wahl für die Geringsten« dazu führen muß, diejenigen Menschengruppen am wenigsten zu vernachlässigen, die am meisten am Rande stehen und isoliert sind. Es stimmt aber auch, daß man Einzelnen und kleinen Gruppen nicht das Evangelium verkünden kann, wann man diejenigen Zentren vernachläßigt, in denen sozusagen eine neue Menschheit mit neuen Entwicklungsmodellen heranwächst. Die Zukunft der jungen Nationen nimmt ihren Ausgang in den Städten. Wenn man von der Zukunft spricht, darf man die Jugend nicht vergessen, die in zahlreichen Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Wie erreicht die Botschaft Christi die nichtchristliche Jugend, die die Zukunft ganzer Kontinente bildet? Die herkömmlichen Mittel der Pastoral reichen offensichtlich nicht mehr aus. Es braucht Vereine und Institutionen, Gruppen und Jugendhäuser, kulturelle und soziale Initiativen für die Jugend. Das ist das Betätigungsfeld, auf dem sich die modernen kirchlichen Bewegungen in breitem Ausmaße entfalten können. Zu den großen Veränderungen der Gegenwart gehören die Aus- und Einwanderer, durch die ein neues Phänomen entsteht: zahlreiche Nichtchristen kommen in Länder mit alter christlicher Tradition; es ergibt sich die Gelegenheit zu neuen Kontakten und kulturellem Austausch; die Kirche sieht sich zu ihrer Aufnahme, zu Dialog, zu Hilfe, mit einem Wort, zu Brüderlichkeit herausgefordert. Unter den Einwanderern nehmen die Flüchtlinge einen ganz eigenen Platz ein und verdienen volle Aufmerksamkeit. Es sind inzwischen viele Millionen auf der ganzen Welt und es werden immer mehr. Sie sind geflüchtet vor politischer Unterdrückung und unmenschlichem Elend, vor Hungersnot und Trockenheit in katastrophalen Ausmaßen. Die Kirche muß sie im Umfeld ihrer apostolischen Sorge aufnehmen. Schließlich muß an die oft unerträglichen Situationen der Armut erinnert werden, die es in vielen Ländern gibt und die oft am Ursprung des Massenauszugs stehen. Die Gemeinschaft der Gläubigen in Christus weiß sich von diesen unmenschlichen Situationen herausgefordert. Die Verkündigung Christi und des Reiches Gottes muß für diese Völker zu einem menschlichen Instrument der Erlösung werden. c) Kulturbereiche oder moderne Areopage: Nachdem Paulus an zahlreichen Orten gepredigt hat, kam er nach Athen und begab sich auf den Areopag; dort verkündet er das Evangelium in einer Sprache, die für diese Umgebung geeignet und verständlich war (vgl. Apg 17, 22-31). Der Areopag stellte damals das Kulturzentrum des gebildeten Volkes von Athen dar; er kann heute als Symbol für neue Bereiche aufgefaßt werden, denen das Evangelium zu verkünden ist. Ein solcher erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint und - wie man zu sagen pflegt - zu einem »Weltdorf« macht. Die Mittel der sozialen Kommunikation spielen eine derartig wichtige Rolle, daß sie für viele zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung und Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten geworden sind. Vor allem die neuen Generationen wachsen in einer davon geprägten Welt auf. Vielleicht ist dieser Areopag etwas vernachlässigt worden. Man bevorzugt im allgemeinen andere Hilfsmittel für die Verkündigung des Evangeliums und für die Bildung, während die Massenmedien der Initiative einzelner oder kleiner Gruppen überlassen werden und in der pastoralen Planung erst an untergeordneter Stelle Eingang finden. Die Einbeziehung der Massenmedien hat jedenfalls nicht nur den Zweck, die Botschaft des Evangeliums vielen zugänglich zu machen. Es handelt sich um eine weitaus tiefere Angelegenheit, da die Evangelisierung der modernen Kultur selbst zum großen Teil von ihrem Einfluß abhängt. Es genügt also nicht, sie nur zur Verbreitung der christlichen Botschaft und der Lehre der Kirche zu benutzen; sondern die Botschaft selbst muß in diese, von der modernen Kommunikation geschaffene »neue Kultur« integriert werden. Es ist ein komplexes Problem, da diese Kultur noch vor ihren Inhalten aus der Tatsache selbst entsteht, daß es neue Arten der Mitteilung in Verbindung mit einer neuen Sprache, mit neuen Techniken und mit neuen psychologischen Haltungen gibt. Mein Vorgänger Papst Paul VI. sagte, daß »der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ohne Zweifel das Drama unserer Zeit ist«.62 Das weite Feld der heutigen Kommunikation bestätigt dieses Urteil voll und ganz. Es gibt noch viele andere Areopage der modernen Welt, an denen sich die Missionstätigkeit der Kirche orientieren muß. Da ist zum Beispiel der Einsatz für den Frieden, die Entwicklung und Befreiung der Völker; da sind die Menschen und Völkerrechte, vor allem jene der Minderheiten; da sind die Förderung der Frau und des Kindes. Der Schutz der Schöpfung ist ebenfalls ein Bereich, der im Lichte des Evangeliums zu erhellen ist. Es sei weiters an den überaus weitläufigen Areopag der Kultur, der wissenschaftlichen Forschung und an die internationalen Beziehungen erinnert, die alle einen Dialog begünstigen und zu neuen Projekten zugunsten des Lebens führen. Man muß sich aufmerksam und engagiert in diesen modernen Instanzen einbringen. Die Menschen fühlen sich wie Seeleute auf der stürmischen See des Lebens, aufgerufen zu immer größerer Einheit und Solidarität. Lösungen für die existenziellen Probleme können nur unter Mitwirkung aller studiert, diskutiert und experimentiert werden. Dazu erweisen sich internationale Organismen und Zusammenkünfte in vielen Sektoren des menschlichen Lebens, von der Kultur bis zur Politik, von der Wirtschaft bis zur Forschung als immer wichtiger. Die Christen, die in dieser internationalen Dimension leben und arbeiten, sollen sich ihre Pflicht, das Evangelium zu bezeugen, vor Augen halten. 38. Unsere Zeit hat zugleich etwas Dramatisches und Faszinierendes an sich. Während die Menschen einerseits dem materiellen Erfolg nachzulaufen und sich immer mehr im konsumistischen Materialismus einzutauchen scheinen, zeigt sich auf der anderen Seite die ängstliche Suche nach Sinn, das Bedürfnis nach Innerlichkeit, die Sehnsucht nach dem Erlernen neuer Formen der Konzentration und des Gebetes. Nicht nur in den religiös geprägten Kulturen, sondern auch in den säkularisierten Gesellschaften wird die geistliche Dimension des Lebens als Heilmittel gegen Entmenschlichung gesucht. Dieses sogenannte Phänomen der »Rückkehr zur Religion« ist nicht ohne Zweideutigkeit, enthält aber auch eine Einladung. Die Kirche besitzt ein unschätzbares geistliches Gut, das sie der Menschheit anbieten kann: es ist Christus, der sich als »der Weg, die Wahrheit und das Leben« bezeichnet (Joh 14,16). Es ist der christliche Weg der Begegnung mit Gott, mit dem Gebet, mit der Askese, mit der Entdeckung des Lebenssinnes. Auch das ist auf dem Areopag zu verkündigen. |
|
Treue zu Christus und Förderung der Freiheit des Menschen 39. Alle Formen der Missionstätigkeit sind gekennzeichnet vom Bewußtsein, die Freiheit des Menschen zu fördern, indem ihm Jesus Christus verkündigt wird. Die Kirche muß Christus treu sein, dessen Leib sie ist und dessen Sendung sie fortsetzt. Sie »folge demselben Weg, der von Christus gegangen wurde, dem Weg der Armut, des Gehorsams, des Dienstes und seines Opfers bis zum Tod, aus dem er dann auferstand und als Sieger hervorging«.63 Die Kirche hat also die Pflicht, alles daranzusetzen, um ihre Sendung in der Welt zu entfalten und alle Völker zu erreichen; und sie hat auch das Recht, das ihr zur Verwirklichung seines Planes von Gott gegeben wurde. Die religiöse Freiheit, manchmal noch begrenzt oder vergewaltigt, ist Voraussetzung und Garantie für alle Freiheiten, die das Gemeinwohl der Menschen und der Völker sichern. Es bleibt zu hoffen, daß die wahre religiöse Freiheit allen und überall gewährt wird. Die Kirche setzt sich für dieses Ziel in verschiedenen Ländern ein, vor allem in Ländern mit katholischer Mehrheit, wo sie einen größeren Einfluß hat. Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein Problem der Mehrheits- oder Minderheitsreligion, sondern vielmehr um ein unverrückbares Recht jedes Menschen. Andererseits wendet sich die Kirche an den Menschen im vollen Respekt vor seiner Freiheit.64 Die Mission bezwingt die Freiheit nicht, sondern begünstigt sie. Die Kirche schlägt vor, sie drängt nichts auf: Sie respektiert die Menschen und Kulturen, sie macht Halt vor dem Heiligtum des Gewissens. Vor denen, die sich unter den verschiedensten Vorwänden der Missionstätigkeit widersetzen, wiederholt die Kirche: Öffnet Christus die Türen! Ich wende mich an alle Teilkirchen, an die jungen und an die alten. Die Welt findet immer mehr zusammen, der Geist des Evangeliums muß zur Überwindung von kulturellen und nationalistischen Barrieren führen und jedes Sich-Verschließen zu vermeiden suchen. Schon Papst Benedikt XV. ermahnte die Missionare seiner Zeit, sie würden »ihre eigene Würde verlieren, wenn sie mehr an ihre irdische Heimat als an jene des Himmels dächten«.65 Dieselbe Aufforderung gilt heute für alle Ortskirchen: Öffnet den Missionaren die Türen, denn »jede Ortskirche, die sich bewußt von der Weltkirche trennen wollte, würde ihre Rückbindung an den Plan Gottes verlieren und in ihrer kirchlichen Dimension verarmen«.66 |
|
Die Aufmerksamkeit dem Süden und dem Orient zuwenden 40. Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte Herausforderung für die Kirche dar. Während wir uns dem Ende des zweiten Jahrtausends des Erlösungswerkes nähern, wird es immer deutlicher, daß jene Völker, zu denen noch keine erste Verkündigung von Christus gedrungen ist, die Mehrheit der Menschheit bilden. Die Bilanz der Missionstätigkeit in der Neuzeit ist sicher positiv: die Kirche ist in allen Kontinenten verwurzelt, ja die Mehrheit der Gläubigen und der Ortskirchen lebt heute nicht mehr im alten Europa, sondern in jenen Kontinenten, die von den Missionaren für den Glauben geöffnet wurden. Es bleibt aber die Tatsache, daß die »äußersten Enden der Erde«, denen das Evangelium zu bringen ist, sich immer mehr entfernen. Die Feststellung Tertullians, wonach »das Evangelium auf der ganzen Welt und bei allen Völkern verkündet worden ist«,67 ist recht weit von ihrer konkreten Verwirklichung entfernt. Die Mission ad gentes steht noch in ihren Anfängen. Neue Völker treten in Erscheinung; auch sie haben das Recht auf die Verkündigung des Heiles. Der Bevölkerungszuwachs im Süden und im Orient, in nichtchristlichen Ländern, läßt ständig die Zahl jener Menschen anwachsen, die die Erlösung in Christus nicht kennen. Die missionarische Aufmerksamkeit muß also auf jene geographischen Gebiete und auf jene kulturellen Umfelder gelenkt werden, die außerhalb des Einflusses des Evangeliums geblieben sind. Alle, die an Christus glauben, sollen die apostolische Verantwortung als einen integrierenden Teil ihres Glaubens spüren, anderen die Freude und das Licht zu vermitteln. Diese Verantwortung muß gewissermaßen zum Hunger und Durst werden, den Herrn bekanntzumachen, sobald sich der Blickwinkel auf die weiten Teile der nichtchristlichen Welt ausweitet. |
KAPITEL V WEGE DER MISSION 41. »Missionstätigkeit ist nichts anderes und nichts weniger als Kundgabe oder Epiphanie und Erfüllung des Planes Gottes in der Welt und ihrer Geschichte, in der Gott durch die Mission die Heilsgeschichte sichtbar vollzieht«.68 Welchen Wegen folgt nun die Kirche, um zu diesem Ergebnis zu kommen? Mission ist eine einzige, aber komplexe Wirklichkeit, die sich in verschiedenen Formen entfaltet, unter denen einige in der gegenwärtigen Situation der Kirche und der Welt von besonderer Wichtigkeit sind. |
|
Die erste Form der Evangelisierung ist das persönliche Zeugnis 42. Der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern,69 mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien. Das Zeugnis des christlichen Lebens ist die erste und unersetzbare Form der Mission. Christus, dessen Sendung wir fortsetzen, ist der »Zeuge« schlechthin (Off 1, 5; 3, 14) und das Modell christlichen Zeugnisses. Der Heilige Geist begleitet den Weg der Kirche und läßt sie teilnehmen am Zeugnis, das er von Christus gibt (vgl. Joh 15, 26-27). Die erste Form des Zeugnisses ist das Leben des Missionars, der christlichen Familie und der kirchlichen Gemeinschaft; diese Form läßt eine neue Verhaltensweise erkennen. Der Missionar, der trotz aller Grenzen und menschlichen Schwächen in Einfachheit nach dem Modell Christi lebt, ist ein Zeichen Gottes und der transzendenten Wirklichkeit. Dieses Zeugnis können und müssen jedoch alle in der Kirche geben, indem sie sich bemühen, den göttlichen Meister nachzuahmen;70 ein Zeugnis, das in vielen Fällen die einzig mögliche Form ist, Missionar zu sein. Das evangelische Zeugnis, das die Welt am ehesten wahrnimmt, ist jenes der Aufmerksamkeit für die Menschen und der Liebe zu den Armen und den Kleinen, zu den Leidenden. Der Geschenkcharakter dieses Verhaltens und dieser Aktivitäten, die sich abgrundtief von dem in jedem Menschen vorhandenen Egoismus unterscheiden, führt zu gezielten Fragen nach Gott und dem Evangelium. Auch der Einsatz für den Frieden, die Gerechtigkeit, die Menschenrechte und die menschliche Entfaltung ist ein evangelisches Zeugnis, wenn er Zeichen der Aufmerksamkeit für die Menschen ist, ausgerichtet auf die Gesamtentfaltung des Menschen.71 43. Der Christ und die christliche Gemeinde sind tief verwurzelt im Leben der jeweiligen Völker; sie sind Zeugen des Evangeliums auch in der Treue zu ihrer Heimat, zu ihrem Volk, zu ihrer Landeskultur, immer jedoch in der Freiheit, die Christus gebracht hat. Das Christentum ist offen für eine weltweite Brüderlichkeit, weil alle Menschen Söhne und Töchter desselben Vaters und Geschwister in Christus sind. Die Kirche ist aufgerufen, ihr Zeugnis von Christus zu geben, indem sie mutig und prophetisch Position ergreift gegen die Korruption der politischen und wirtschaftlichen Macht; indem sie selbst weder Ruhm noch materielle Güter sucht; indem sie ihre Güter für den Dienst an den Ärmsten verwendet und zur Einfachheit des Lebens in Christus einlädt. Die Kirche und die Missionare müssen auch ein Zeugnis der Demut geben, bezogen vor allem auf sich selbst. Diese Demut drückt sich auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene aus in der Fähigkeit zur Gewissenserforschung, um in den eigenen Verhaltensweisen das auszubessern, was unevangelisch ist und das Angesicht Christi entstellt. |
|
Die Erst-Verkündigung Christi, des Erlösers 44. Die Verkündigung hat in der Mission jederzeit Vorrang. Die Kirche darf sich dem ausdrücklichen Auftrag Christi nicht entziehen; sie darf den Menschen die »gute Nachricht«, daß sie von Gott geliebt und gerettet sind, nicht vorenthalten. »Die Evangelisierung wird - als Basis, Zentrum und zugleich Höhepunkt ihrer Dynamik - immer auch eine klare Aussage enthalten, daß in Jesus Christus ... jedem Menschen das Heil angeboten ist, als Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes selbst«.72 Alle Formen der Missionstätigkeit haben diese Verkündigung zum Ziel; sie führt in das in der Zeit verborgene und in Christus enthüllte Geheimnis ein und enthüllt es (vgl. Eph 3, 3-9; Kol 1, 25-29). Christus ist das Herzstück der Mission und des Lebens der Kirche, der Angelpunkt der gesamten Evangelisierung. In der komplexen Wirklichkeit der Mission spielt die erstmalige Verkündigung eine zentrale und unersetzbare Rolle, weil sie eine Einführung ist »in das Geheimnis der Liebe Gottes, die zu einer engen persönlichen Beziehung in Christus ruft«73 und den Weg zur Bekehrung öffnet. Der Glaube erwächst aus der Verkündigung. Jede kirchliche Gemeinschaft beginnt mit und lebt aus der persönlichen Antwort jedes einzelnen Glaubenden auf diese Verkündigung.74 So wie die ganze Heilsökonomie auf Christus ausgerichtet ist, so ist die Verkündigung seines Geheimnisses das Ziel jeder Missionstätigkeit. Die Verkündigung hat Christus, den Gekreuzigten, Gestorbenen und Auferstandenen zum Gegenstand: durch ihn ereignet sich die volle und echte Befreiung vom Bösen, von der Sünde und vom Tod; in ihm schenkt Gott das »neue Leben«, ein göttliches und ewiges Leben. Das ist die »gute Nachricht«, die den Menschen und die Geschichte der Menschheit verändert und auf deren Kenntnis alle Völker ein Recht haben. Diese Verkündigung hat im Kontext des Lebens der Menschen und der Völker, die sie erhalten, zu geschehen. Sie muß weiters aus der Haltung der Liebe und der Wertschätzung des Hörenden heraus erfolgen, in einer konkreten und den Umständen angepaßten Sprache. In ihr ist der Geist am Werk und stellt eine Gemeinschaft zwischen dem Missionar und den Hörenden her, die dadurch möglich ist, daß sowohl der eine als auch die anderen durch Christus mit dem Vater verbunden sind.75 45. Verkündigung als Geschehen in Einheit mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft ist niemals eine rein persönliche Angelegenheit. Der Missionar ist da und wirkt kraft eines erhaltenen Auftrages; auch wenn er allein ist, ist er durch ein unsichtbares, aber enges Band mit der Missionstätigkeit der ganzen Kirche verbunden.76 Die Hörer erkennen früher oder später hinter ihm die Gemeinde, die ihn gesandt hat und die ihn unterstützt. Die Verkündigung ist vom Glauben beseelt, der beim Missionar Enthusiasmus und Eifer hervorruft. Wie schon gesagt wurde, bezeichnet die Apostelgeschichte diese Haltung mit dem Wort Parresía, das heißt: mit Offenheit und Freimut sprechen. Dieser Begriff wird auch bei Paulus verwendet: »Im Vertrauen auf unseren Gott haben wir den Mut gehabt, euch trotz harter Kämpfe das Evangelium von Gott zu künden« (1 Thess 2, 2). »Betet ... auch für mich, daß Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, als dessen Gesandter ich im Gefängnis bin. Bittet, daß ich in seiner Kraft freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist« (Eph 6, 18-20). Der Missionar geht bei der Verkündigung Christi unter Nicht-Christen von der Überzeugung aus, daß sowohl bei den einzelnen als auch bei den Völkern durch das Wirken des Geistes schon eine - wenn auch unbewußte - Erwartung da ist, die Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Weg zur Befreiung von Sünde und Tod zu erfahren. Die Begeisterung bei der Verkündigung Christi kommt von der Überzeugung, auf diese Erwartung antworten zu können, sodaß der Missionar sich weder entmutigen läßt noch von seinem Zeugnis abgeht, auch wenn er seinen Glauben in einer feindseligen oder gleichgültigen Umgebung zu bekennen hat. Er weiß, daß der Geist des Vaters in ihm spricht (vgl. Mt 10, 17-20; Lk 12, 11-12) und kann mit den Aposteln wiederholen: »Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist« (Apg 5, 32). Er weiß, daß er nicht eine Menschenweisheit verkündet, sondern das »Wort Gottes«, das eine ihr eigene innere und geheimnisvolle Kraft besitzt (vgl.Röm 1, 16). Den besten Beweis dafür bildet das Geschenk des Lebens, bis zur Annahme des Todes als Zeugnis des Glaubens an Jesus Christus. Seit jeher kennt die Geschichte des Christentums zahlreiche und unverzichtbare »Märtyrer« d.h. Zeugen auf dem Weg des Evangeliums. Auch in unserer Zeit gibt es sie in großer Zahl: Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen, Laien und oft unbekannte heldenhafte Menschen, die ihr Leben als Zeugen des Glaubens hingeben. Sie sind an erste Stelle Verkünder und Zeugen. |
|
Bekehrung und Taufe 46. Die Verkündigung des Wortes Gottes hat die christliche Bekehrung zum Ziel, das heißt die volle und ehrliche Zugehörigkeit zu Christus und seinem Evangelium durch den Glauben. Die Bekehrung ist ein Geschenk Gottes, ein Werk der Dreifaltigkeit: es ist der Geist, der die Herzen öffnet, damit die Menschen an den Herrn glauben und »ihn bekennen« können (vgl. 1 Kor 12, 3). Jesus sagt zu dem, der sich ihm im Glauben nähert: »Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt« (Joh 6, 44). Die Bekehrung ist von Anfang an ein voller und radikaler Glaubensausdruck, der weder Grenzen noch Einhalt kennt und das Geschenk Gottes voll und ganz annimmt. Zugleich jedoch setzt sie mit Bestimmtheit einen dynamischen und dauerhaften Prozeß in Gang, der das ganze Leben lang dauert und der einen ständigen Übergang vom »Leben nach dem Fleisch« zu einem »Leben nach dem Geist« erfordert (vgl. Röm 8, 3-13). Sie bedeutet, die Heilswirklichkeit Christi durch persönliche Entscheidung annehmen und sein Jünger werden. Die Kirche ruft alle zu dieser Bekehrung auf, nach dem Beispiel Johannes des Täufers, der den Weg für Christus bereitete, »indem er Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden predigte« (Mk 1, 4), und nach dem Beispiel Christi selbst, »der, nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, wieder nach Galiläa ging und dort das Evangelium Gottes verkündete mit den Worten: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium« (Mk 1, 14-15). Heute steht der Aufruf zur Bekehrung, den die Missionare an Nicht-Christen richten, zur Diskussion oder wird verschwiegen. Man sieht darin einen Akt des »Proselitismus«; man sagt, es genüge, den Menschen zu helfen, mehr Mensch zu werden oder der eigenen Religion treuer zu sein; man sagt, es genüge, Gemeinschaften ins Leben zu rufen, die fähig seien, für Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und Solidarität einzutreten. Aber man vergißt dabei, daß jeder Mensch das Recht hat, von der »guten Nachricht« Gottes zu hören, der sich in Christus offenbart und schenkt; so erst kann der Mensch seine eigene Berufung voll verwirklichen. Die Größe dieses Geschehens klingt in den Worten Jesu an die Samaritanerin an: »Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht« und in dem unbewußten, aber brennenden Verlangen der Frau: »Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr Durst habe« (Joh 4, 10.15). 47. Die Apostel luden, bewegt vom Heiligen Geist, alle zur Änderung des Lebens, zur Bekehrung und zum Empfang der Taufe ein. Sofort nach dem Pfingstereignis spricht Petrus in überzeugender Weise zu der Menge: »Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden. Dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen« (Apg 2, 37-38). Und er taufte an jenem Tag ungefähr dreitausend Menschen. Ein anderes Mal spricht Petrus nach der Heilung eines Gelähmten zu der Menge und wiederholt: »Kehrt also um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden!« (Apg 3, 19). Die Bekehrung zu Christus ist eng mit der Taufe verbunden: diese Verbindung besteht nicht nur wegen der Praxis der Kirche, sondern aufgrund des Willens Christi und seines Aussendungsauftrags, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen und sie zu taufen (vgl. Mt 28, 19); sie besteht auch aus einem inneren Zusammenhang heraus, um die Fülle des neuen Lebens in ihm zu erhalten: »Amen, Amen, ich sage dir - spricht Jesus zu Nikodemus -: wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen« (Joh 3, 5). Die Taufe schafft uns in der Tat neu zum Leben als Kinder Gottes. Sie verbindet uns mit Jesus Christus und salbt uns im Heiligen Geist. Die Taufe ist nicht einfach die Besiegelung der Bekehrung, gleichsam ein äußerliches Zeichen der Bestätigung; sie ist vielmehr das Sakrament, das diese Neugeburt im Geist bezeichnet und bewirkt, das reale und unlösbare Bande mit der Trinität knüpft und die Getauften zu Gliedern Christi und seiner Kirche macht. An all das muß erinnert werden, da nicht wenige gerade dort, wo sich die Mission ad gentes entfaltet, dazu neigen, die Bekehrung zu Christus von der Taufe zu trennen, letztere als nicht notwendig zu bezeichnen. Es ist wahr, daß in bestimmten Gegenden soziologische Aspekte bezüglich der Taufe zu beobachten sind, die den wahren Sinn des Glaubens eher verdunkeln. Das rührt von verschiedenen historischen und kulturellen Faktoren her, die - wo sie noch vorhanden sind - zu beseitigen sind, damit das Sakrament der geistlichen Neugeburt in seiner vollen Bedeutung erscheine. Dieser Aufgabe müssen sich die lokalen kirchlichen Gemeinschaften widmen. Es i |