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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 17. November 2004
Lesung: Psalm 67,2–4.7–8.
2 Gott sei uns gnädig und segne uns. Er lasse über uns sein Angesicht
leuchten, [Sela]
3 damit auf Erden sein Weg erkannt wird und unter allen Völkern sein Heil.
4 Die Völker sollen dir danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle.
7 Das Land gab seinen Ertrag. Es segne uns Gott, unser Gott.
8 Es segne uns Gott. Alle Welt fürchte und ehre ihn.
1. »Das Land gab seinen Ertrag«, heißt es in dem soeben verkündeten Psalm 67,
einem der Texte, die in die Liturgie der Vesper aufgenommen sind. Der
Satz läßt uns an ein Danklied denken, das an den Schöpfer für die Früchte der
Erde, die Zeichen des göttlichen Segens, gerichtet wird. Aber dieses natürliche
Element ist eng mit dem geschichtlichen verbunden: Die Früchte der Natur werden
als Gelegenheit genutzt, Gott wiederholt zu bitten, er möge sein Volk segnen
(vgl. V. 2.7.8), so daß alle Nationen der Erde sich an Israel wenden und
versuchen, mit seiner Hilfe zu Gott, dem Erlöser, zu gelangen.
In dem Text findet man also eine universale und missionarische Perspektive
angesichts der göttlichen Verheißung an Abraham: »Durch dich sollen alle
Geschlechter der Erde Segen erlangen« (Gen 12,3; vgl. 18,18; 28,14).
2. Der für Israel erbetene göttliche Segen wird konkret offenbar in der
Ergiebigkeit der Felder und in der Fruchtbarkeit, das heißt im Geschenk des
Lebens. Der Psalm beginnt deshalb mit einem Vers (vgl. Ps 67,2), der auf
den bekannten Priestersegen aus dem Buch Numeri verweist: »Der Herr segne
dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei
dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil« (Num
6,24–26).
Das Thema des Segens wird am Ende des Psalms, wo die Früchte der Erde erwähnt
werden (vgl. Ps 67,7–8), wieder aufgegriffen. Aber dort begegnen wir dem
universalistischen Thema, das der geistlichen Substanz des ganzen Hymnus eine
überraschende Horizonterweiterung verleiht. Es ist eine Offenheit, die die
Sensibilität Israels widerspiegelt, das nun bereit ist, sich mit allen Völkern
der Erde zu messen. Die Komposition des Psalms ist zeitlich vielleicht nach der
Erfahrung des babylonischen Exils anzusiedeln, als das Volk sein Leben in der
Diaspora unter fremden Nationen und in neuen Ländern begann.
3. Dank des von Israel erflehten Segens sollte die Menschheit »den Weg« und »das
Heil« des Herrn kennenlernen (vgl. V. 3), das heißt seinen Heilsplan. Allen
Kulturen und allen Gesellschaften wird geoffenbart, daß Gott die Völker und
Nationen in allen Teilen der Welt richtet und regiert, indem er jedes einzelne
zu Horizonten der Gerechtigkeit und des Friedens führt (vgl. V. 5).
Es ist das große Ideal, nach dem wir streben, es ist die ergreifendste
Botschaft, die aus Psalm 67 und aus vielen prophetischen Seiten hervorgeht (vgl.
Jes 2,1–5; 60,1–22; Jona 4,1–11; Zef 3,9–10; Mal 1,11).
Das soll auch die christliche Verkündigung sein, die der Apostel Paulus
schildert, wenn er daran erinnert, daß das Heil aller Völker den Kern des
»Geheimnisses« bildet, das heißt des göttlichen Heilsplans, und daß »die Heiden
Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus
Jesus teilhaben durch das Evangelium« (Eph 3,6).
4. Israel kann Gott nun bitten, daß alle Nationen in seinen Lobpreis
eingeschlossen werden; es wird ein universaler Chor sein: »Die Völker sollen dir
danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle«, wird im Psalm wiederholt
(vgl. Ps 67,4.6).
Dieser Wunsch des Psalms deutet auf das Ereignis hin, das im Brief an die
Epheser beschrieben wird, wo er vielleicht auf die Wand anspielt, die im
Tempel in Jerusalem die Juden von den Heiden trennte: »Jetzt aber seid ihr, die
ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in
die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile
(Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft
nieder … Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern
Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes« (Eph 2,13–14.19).
Daraus folgt eine Botschaft für uns: Wir müssen die Mauern der Trennung, der
Feindschaft und des Hasses niederreißen, damit die Familie der Kinder Gottes
sich im Einklang zu dem einen Mahl zusammenfindet, um den Schöpfer für die Gaben
zu preisen und zu loben, die er unterschiedslos an alle ausspendet (vgl. Mt
5,43–48).
5. Die christliche Tradition hat Psalm 67 nach christologischem und
mariologischem Schlüssel ausgelegt. Für die Kirchenväter ist die Jungfrau Maria,
die Christus, den Herrn, zur Welt bringt, »das Land, das seinen Ertrag gab«.
Gregor der Große kommentiert in seiner Exposition über das erste Buch der
Könige diesen Vers so, daß er ihn mit vielen anderen Schriftstellen
verknüpft: »Maria wird zu Recht ›der Berg, reich an Früchten‹, genannt, weil aus
ihr eine ausgezeichnete Frucht geboren ist, das heißt ein neuer Mensch. Als der
Prophet sieht, wie schön sie ist, geschmückt in der Herrlichkeit ihrer
Fruchtbarkeit, ruft er aus: ›Aus dem Baumstumpf Jesajas wächst ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht‹ (Jes 11,1). David
frohlockt über die Frucht dieses Berges und sagt zu Gott: ›Die Völker sollen dir
danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle. Das Land gab seinen Ertrag.‹
Ja, das Land gab seinen Ertrag, weil die Jungfrau ihn, den sie geboren hat,
nicht durch einen Mann empfangen hat, sondern der Heilige Geist ist auf sie
herabgekommen. Deshalb sagt der Herr zum König und Propheten David: ›Einen Sproß
aus deinem Geschlecht will ich setzen auf deinen Thron‹ (Ps 131,11).
Jesaja bekräftigt: ›Die Früchte des Landes sind ihr Stolz und Ruhm‹ (Jes
4,2). Denn er, den die Jungfrau geboren hat, war nicht nur ein heiliger Mensch,
sondern auch der »starke Gott« (Jes 9,5)« (Testi mariani del primo
millennio, III, Roma 1990, S. 625).
Dankbarkeit steht im Leben des Christen ganz oben. Sie muß vor
allem unsere Beziehung zu Gott prägen. Darum wissend, daß die Gaben der Erde
Zeichen des göttlichen Segens sind, betet der Psalmist: „Das Land gab seinen
Ertrag. Es segne uns Gott, unser Gott" (Ps 67, 7).
Alle Menschen sollen in den Dank einstimmen: „Die Völker sollen
Dir danken, o Gott" (Ps 67, 4). Das dankbare Bekenntnis zum Schöpfer, der
„seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen läßt" (Mt 5, 45) hat einende
Kraft: Es beseitigt Mauern der Feindseligkeit und des Hasses. Die Familie der
Gotteskinder ist aufgerufen, das Lob des Herrn mit geeinter Stimme zu singen.
***
Gerne heiße ich die Pilger und Besucher aus den
deutschsprachigen Ländern willkommen. Gott läßt sein Angesicht über uns
leuchten, „damit auf Erden sein Weg erkannt wird" (Ps 67, 3). Seid
dankbar für die Gaben, mit denen der Herr euch beschenkt. Preist gemeinsam
seinen Namen! Nur Mut!
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