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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 20. Oktober 2004
Lesung: Psalm 49,2–3.6–8.13
2 Hört dies an, ihr Völker alle, vernehmt es, alle Bewohner
der Erde,
3 ihr Leute aus dem Volk und vom Adel, Reiche und Arme zusammen!
6 Warum soll ich mich in bösen Tagen fürchten, wenn mich der Frevel tückischer
Feinde umgibt?
7 Sie verlassen sich ganz auf ihren Besitz und rühmen sich ihres großen
Reichtums.
8 Loskaufen kann doch keiner den andern noch an Gott für ihn ein Sühnegeld
zahlen.
13 Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht; er gleicht dem Vieh, das
verstummt.
1. Unsere Betrachtung des Psalms 49 ist in zwei Abschnitte
geteilt, so wie es die Vesperliturgie tut, die ihn uns in zwei Teilen
anbietet. Wir kommentieren jetzt ausführlich den ersten Teil, in dem die
Reflexion wie in Psalm 73 von einer Situation des Unbehagens ausgeht. Der
Gerechte erlebt »böse Tage«, weil ihn »der Frevel tückischer Feinde umgibt«,
die sich »ihres großen Reichtums rühmen« (vgl. Ps 49,6–7).
Der Schluß, zu dem der Gerechte kommt, wird als eine Art
Weisheitsspruch formuliert, der auch am Ende des ganzen Psalms wiederkehrt. Er
faßt ganz klar die vorherrschende Botschaft der dichterischen Komposition
zusammen: »Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht; er gleicht dem Vieh, das
verstummt« (V. 13). Mit anderen Worten, »der große Reichtum« ist kein Vorteil,
nein! Besser ist es, arm und mit Gott verbunden zu sein.
2. In dem Weisheitsspruch scheint die ernste Stimme eines
alten biblischen Weisen widerzuhallen, des Ekklesiastes oder Kohelet,
der die für alle Lebewesen scheinbar gleiche Bestimmung beschreibt, den Tod,
der das hektische Sichfesthalten an den irdischen Dingen völlig vergeblich
macht. »Wie er aus dem Leib seiner Mutter herausgekommen ist – nackt, wie er
kam, muß er wieder gehen. Von seinem Besitz darf er überhaupt nichts
forttragen« (Koh 5,14). Menschen und Tiere »haben ein und dasselbe
Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene… Beide gehen an ein und denselben
Ort« (Koh 3,19.20).
3. Eine tiefe Verstocktheit hält den Menschen gefangen, wenn
er sich vortäuscht, dem Tod ausweichen zu können, indem er sich abmüht,
materielle Güter anzuhäufen. Nicht umsonst spricht der Psalmist von einem
beinahe tierischen »Unverständnis«.
Das Thema wurde von allen Kulturen und allen Geistesrichtungen
erforscht und in seinem Kern von Jesus endgültig geklärt, als er sagte: »Gebt
acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht
nicht darin, daß der Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluß lebt«
(Lk 12,15). Jesus erzählt dann das bekannte Gleichnis vom reichen
Toren, der übermäßig viele Güter anhäuft, ohne daran zu denken, daß der Tod im
Hinterhalt auf ihn lauert (vgl. Lk 12,16–21).
4. Der erste Teil des Psalms handelt gerade von dieser
Illusion, die das Herz des reichen Mannes erobert hat. Dieser ist überzeugt,
daß er auch den Tod »kaufen« kann, und versucht, ihn sozusagen zu bestechen,
so wie er gewohnt war, alles andere zu erreichen, das heißt den Erfolg, den
Triumph über die anderen im gesellschaftlichen und politischen Bereich, den
ungestraften Machtmißbrauch, die Sattheit, die Bequemlichkeit, die
Vergnügungen.
Aber der Psalmist zögert nicht, diesen Anspruch als töricht
abzustempeln. Er nimmt ein Wort zu Hilfe, das auch finanzielle Bedeutung hat,
den »Loskauf«: »Loskaufen kann doch keiner den anderen noch an Gott für ihn
ein Sühnegeld zahlen – für das Leben ist jeder Kaufpreis zu hoch; für immer
muß man davon abstehn – damit er auf ewig weiterlebt und niemals das Grab
schaut« (Ps 49, 8–10).
5. Der reiche Mann, der sich an seine großen Reichtümer
klammert, ist überzeugt, daß er auch den Tod beherrschen kann, so wie er sich
gegenüber allem und allen durch das Geld als Herr aufgespielt hat. Aber wie
hoch die Summe auch sein mag, die er sofort anbieten kann, seine letzte
Bestimmung ist unabwendbar. Wie alle Männer und Frauen, ob reich oder arm,
weise oder töricht, wird er zu Grab getragen werden, wie es auch mit den
Mächtigen geschehen ist, und er wird das vielgeliebte Gold, die so sehr
vergötterten materiellen Güter auf der Erde zurücklassen müssen (vgl. V.
11–12).
Jesus stellt seinen Zuhörern die beunruhigende Frage: »Um
welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?« (Mt 16,26).
Kein Tausch ist möglich, weil das Leben ein Geschenk Gottes ist, in dessen
Hand »die Seele allen Lebens und jeden Menschenleibes Geist« ruht (Ijob
12,10).
6. Unter den Kirchenvätern, die Psalm 49 kommentierten,
verdient der hl. Ambrosius besondere Aufmerksamkeit, denn er vermehrt dessen
Sinn gemäß einer weitreichenderen Vision, ausgehend von der anfänglichen
Einladung des Psalmisten: »Hört dies an, ihr Völker alle, vernehmt es, alle
Bewohner der Erde.«
Der einstmalige Bischof von Mailand schreibt: »Wir erkennen
hier am Anfang die Stimme des Herrn und Erlösers, der die Völker zur Kirche
ruft, damit sie die Sünde meiden, Anhänger der Wahrheit werden und den Vorteil
des Glaubens erkennen. « Im übrigen »waren alle Herzen der einzelnen
Generationen der Menschen vom Gift der Schlange verunreinigt, und das
menschliche Gewissen, Sklave der Sünde, war nicht imstande, sich von ihr
loszulösen«. Deshalb verheißt der Herr »aus freier Initiative in seinem großen
Erbarmen die Vergebung, damit der Sünder keine Angst hat, sondern sich voll
bewußt ist und sich freut, jetzt seine Dienste als Knecht dem guten Herrn
anbieten zu dürfen, der es verstanden hat, die Sünden zu vergeben und die
Tugenden zu belohnen « (Expositio super psalmos XII, Kommentar zu zwölf
Psalmen, Nr. 1: SAEMO, VIII, Milano-Roma 1980, S. 253).
7. In diesen Psalmworten hört man das Echo der Einladung aus
dem Evangelium: »Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu
tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch« (Mt
11,28). Ambrosius fährt fort: »Wie jemand, der die Kranken besucht, wie
ein Arzt, der unsere schmerzhaften Wunden behandeln will, so führt er uns die
Behandlung vor Augen, damit ihn die Menschen gut hören und alle voll
Zuversicht und Eifer laufen, um das Heilmittel der Genesung zu empfangen. […]
Rufe alle Völker zur Quelle der Weisheit und der Erkenntnis, verheiße allen
die Erlösung, damit niemand in Angst und niemand in der Verzweiflung lebt«
(Nr. 2: ebd., Ss. 253.255).
„Der Mensch bleibt nicht in seiner Pracht, er gleicht dem
Vieh, das verstummt" (Ps 49, 13). Dieses harte Psalmwort warnt vor
einer materialistischen Weltsicht: Die irdischen Güter vermögen unser Sehnen
nach Glück nicht zu erfüllen. Blindheit schlägt den Menschen, der meint, sich
das Leben erkaufen zu können.
„Für das Leben ist jeder Kaufpreis zu hoch" (V. 9). Gott
indessen will seinen Kindern das Leben schenken. Er ruft die Menschen auf,
Christus nachzufolgen, der den Weg der Wahrheit weist. In ihm allein finden wir
das Heil, die Fülle des Lebens.
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Einen glaubensfrohen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher
deutscher Sprache. Besonders heiße ich die Pilger aus dem Bistum Fulda
willkommen, die aus Anlaß des Bonifatius-Jubiläums nach Rom gepilgert sind.
Strebt nach den unvergänglichen Gütern! Sucht zuerst das Reich Gottes! Dazu gebe
euch der Herr seine Gnade.
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