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APOSTOLISCHES SCHREIBEN MULIERIS DIGNITATEM VON
PAPST JOHANNES PAUL II. ÜBER DIE WÜRDE UND BERUFUNG DER
FRAU ANLÄSSLICH DES MARIANISCHEN JAHRES
Verehrte Mitbrüder, geliebte Söhne und Töchter, Gruß
und Apostolischen Segen!
I.
EINLEITUNG
Ein Zeichen der Zeit
1. DIE WÜRDE DER FRAU und ihre Berufung - ständiges Thema
menschlicher und christlicher Reflexion - haben in den letzten Jahren eine ganz
besondere Bedeutung gewonnen. Das beweisen unter anderem die Beiträge
des kirchlichen Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II.
Vatikanischen Konzils wiederfinden, das dann in seiner Schlußbotschaft
sagt: »Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung
der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen
Einfluß, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung
erlangt. In einer Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel
erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten
Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, daß sie nicht in
Verfall gerät«.(1) Die Worte dieser Botschaft fassen zusammen,
was bereits in der Lehre des Konzils, insbesondere in der Pastoralkonstitution
Gaudium et Spes(2) und im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam
Actuositatem,(3) Ausdruck gefunden hatte.
Ähnliche Stellungnahmen hatte es in der Zeit vor dem Konzil gegeben,
zum Beispiel in einer Reihe von Ansprachen Papst Pius' XII.(4) und in
der Enzyklika Pacem in Terris von Papst Johannes XXIII.(5) Nach dem II.
Vatikanischen Konzil hat mein Vorgänger Paul VI. die Bedeutung dieses »Zeichens
der Zeit« zum Ausdruck gebracht, als er die heilige Theresia von Avila und
die heilige Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen erhob(6) und außerdem
auf Ersuchen der Bischofssynode vom Jahre 1971 eine eigene Kommission einrichtete,
deren Zweck die Untersuchung der Probleme unserer Zeit im Zusammenhang mit der
»Förderung der Würde und der Verantwortung der Frauen«
war.(7) In einer seiner Ansprachen sagte Paul VI. unter anderem: »Im
Christentum besaß die Frau mehr als in jeder anderen Religion schon von
den Anfängen an eine besondere Würdestellung, wofür uns das Neue
Testament nicht wenige und nicht geringe Beweise bietet...; es erscheint ganz
offenkundig, daß die Frau dazu bestimmt ist, an der lebendigen, tätigen
Struktur des Christentums so stark teilzunehmen, daß vielleicht noch nicht
alle Kräfte und Möglichkeiten dafür freigelegt worden sind«.(8)
Die Synodenväter der letzten Vollversammlung der Bischofssynode
(Oktober 1987), die der »Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und
in der Welt zwanzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil« gewidmet war,
haben sich erneut mit der Würde und Berufung der Frau beschäftigt. Sie
haben unter anderem die Vertiefung der anthropologischen und theologischen
Grundlagen verlangt, die für die Lösung der Probleme in Bezug auf die
Bedeutung und Würde des Menschseins als Frau und als Mann notwendig sind.
Es geht darum, den Grund und die Folgen der Entscheidung des Schöpfers zu
verstehen, daß der Mensch immer nur als Frau oder als Mann existiert. Erst
von diesen Grundlagen her, die ein tiefes Erfassen von Würde und Berufung
der Frau erlauben, ist es überhaupt möglich, von ihrer aktiven
Stellung in Kirche und Gesellschaft zu sprechen.
Das alles möchte ich im vorliegenden Dokument behandeln. Das
nachsynodale Apostolische Schreiben, das danach veröffentlicht werden soll,
wird Vorschläge pastoralen Charakters zur Stellung der Frau in Kirche und
Gesellschaft vorlegen, zu denen die Synodenväter, auch unter Berücksichtigung
der von den Laien-Auditoren - Männern und Frauen - aus den
Teilkirchen aller Kontinente vorgetragenen Zeugnisse, wichtige Überlegungen
angestellt haben.
Das Marianische Jahr
2. Die letzte Synode wurde während des Marianischen Jahres abgehalten,
das einen besonderen Anstoß zur Auseinandersetzung mit diesem Thema
bietet, worauf auch die Enzyklika Redemptoris Mater hinweist.(9) Diese
Enzyklika entwickelt und aktualisiert die im VIII. Kapitel der Dogmatischen
Konstitution über die Kirche Lumen Gentium enthaltene Lehre des II.
Vatikanischen Konzils. Dieses Kapitel trägt einen bedeutsamen Titel: »Die
selige jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche«.
Maria - jene »Frau« der Bibel (vgl. Gen 3, 15; Joh
2, 4; 19, 26) - gehört eng zum Heilsmysterium Christi und ist daher in
besondererer Weise auch im Mysterium der Kirche gegenwärtig. Da »die
Kirche in Christus gleichsam das Sakrament (...) für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit«
ist,(10) denken wir bei dieser besonderen Gegenwart der Gottesmutter im
Geheimnis der Kirche an die einzigartige Beziehung zwischen dieser »Frau«
und der ganzen Menschheitsfamilie. Es handelt sich hier um jeden einzelnen
und jede einzelne, um alle Söhne und alle Töchter des
Menschengeschlechts, in denen sich im Laufe der Generationen jenes grundlegende
Erbe der ganzen Menschheit verwirklicht, das an das Geheimnis des biblischen
»Anfangs« gebunden ist: »Gott schuf den Menschen als sein Abbild;
als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,
27).(11)
Diese ewige Wahrheit über den Menschen als Mann und Frau - eine
Wahrheit, die auch in der Erfahrung aller fest verankert ist, - stellt
gleichzeitig das Geheimnis dar, das sich nur im fleischgewordenen Wort wahrhaft
aufklärt. »Christus macht dem Menschen den Menschen selbst voll
kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«, so lehrt das
Konzil.(12) Dürfen wir dann nicht in diesem »dem Menschen den Menschen
Kundmachen« einen besonderen Platz für jene »Frau«
entdecken, die die Mutter Christi wurde? Hat nicht vielleicht die im Evangelium
- dessen Hintergrund die ganze Schrift, Altes und Neues Testament, ist -
enthaltene »Botschaft« Christi der Kirche und der Menschheit
Wesentliches zu sagen über Würde und Berufung der Frau?
Genau dies soll denn auch das Thema des vorliegenden Dokumentes sein, das
sich in den weiten Rahmen des Marianischen Jahres einfügt, während wir
uns dem Ende des zweiten und dem Beginn des dritten Jahrtausends seit der Geburt
Christi nähern. Und es scheint mir das beste zu sein, diesem Text den Stil
und Charakter einer Meditation zu geben.
II.
FRAU - GOTTESMUTTER (THEOTÓKOS)
Verbundenheit mit Gott
3. »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn,
geboren von einer Frau«. Mit diesen Worten aus seinem Brief an die
Galater (4, 4) verbindet der Apostel Paulus die für die Erfüllung
des »von Gott im voraus bestimmten« Geheimnisses (vgl. Eph 1,
9) ausschlaggebenden Momente miteinander. Der Sohn, das Wort, gleichen Wesens
mit dem Vater, wird als Mensch von einer Frau geboren, als »die Zeit erfüllt
ist«. Dieses Geschehen führt zum Schlüsselereignis der als
Heilsgeschichte verstandenen Geschichte des Menschen auf Erden. Es ist
bezeichnend, daß der Apostel die Mutter Christi nicht mit ihrem Namen »Maria«
nennt, sondern von ihr als »Frau« spricht: Dies stellt eine Übereinstimmung
mit den Worten des Protoevangeliums im Buch Genesis her (vgl. 3, 15).
Eben jene »Frau« ist in dem zentralen Heilsereignis gegenwärtig,
das die »Fülle der Zeit« bestimmt: In ihr und durch sie wird
dieses Ereignis Wirklichkeit.
So beginnt das zentrale Ereignis, das Schlüsselereignis in der
Heilsgeschichte, das Pascha des Herrn. Doch ist es wohl auch der Mühe
wert, dieses Ereignis von der im weitesten Sinne verstandenen geistlich-religiösen
Geschichte des Menschen her, wie sie in den verschiedenen Religionen der Welt
zum Ausdruck kommt, zu erwägen. Wir berufen uns hier auf die Worte des II.
Vatikanums: »Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen
Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die
heute wie von jeher die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der
Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde?
Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück?
Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich:
Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem
wir kommen und wohin wir gehen?«.(13) »Von den ältesten Zeiten
bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse
Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen
des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch
die Anerkennung einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters«.(14)
Vor dem Hintergrund dieses weiten Panoramas, das die Bestrebungen des
menschlichen Geistes auf der Suche nach Gott - manchmal, »als ob sie ihn
ertasten und finden könnten« (vgl. Apg 17, 27) - hervorhebt,
macht die »Fülle der Zeit«, von der Paulus in seinem Brief
spricht, die Antwort Gottes selbst offenkundig, die Antwort dessen, »in
dem wir leben, uns bewegen und sind« (vgl. Apg 17, 28). Es ist der
Gott, der »viele Male und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern
gesprochen hat durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns
gesprochen durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1-2). Die
Entsendung dieses Sohnes, gleichen Wesens mit dem Vater und als Mensch »von
einer Frau geboren«, stellt den endgültigen Höhepunkt der
Selbstoffenbarung Gottes an die Menschheit dar. Diese Selbstoffenbarung
besitzt Heilscharakter, wie das II. Vatikanum an anderer Stelle lehrt: »Gott
hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und
das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1, 9): daß die
Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum
Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2,
18; 2 Petr 1, 4)«.(15)
Die Frau befindet sich am Herzen dieses Heilsereignisses. Die
Selbstoffenbarung Gottes, der unerforschlichen Einheit in Dreifaltigkeit, ist in
ihren wesentlichen Zügen in der Verkündigung von Nazaret
enthalten. »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären:
dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten
genannt werden«. - »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?« - »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die
Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind
heilig und Sohn Gottes genannt werden (...). Denn für Gott ist nichts unmöglich«(Lk
1, 31-37).(16)
Es ist naheliegend, wenn wir dieses Ereignis betrachten aus der Sicht der
Geschichte Israels, des auserwählten Volkes, dem Maria entstammte;
aber es fällt auch nicht schwer, im Hinblick auf all jene Wege daran zu
denken, auf welchen die Menschheit seit jeher Antwort sucht auf die
grundlegenden und zugleich entscheidenden Fragen, die sie bedrängen. Ist
nicht in der Verkündigung von Nazaret der Anfang jener endgültigen
Antwort gesetzt, mit der Gott selber der Unruhe des menschlichen Herzens
begegnet? (17) Hier handelt es sich nicht nur um Worte Gottes, die durch
Propheten offenbart wurden, sondern mit dieser Antwort wird tatsächlich »das
Wort Fleisch« (vgl. Joh 1, 14). Maria erlangt auf diese
Weise eine solche Verbundenheit mit Gott, daß sämtliche
Erwartungen des menschlichen Geistes übertroffen werden. Diese Antwort übertrifft
sogar die Erwartungen ganz Israels und insbesondere der Töchter dieses
auserwählten Volkes, die auf Grund der Verheißung hoffen konnten,
eine von ihnen würde eines Tages Mutter des Messias werden. Wer von ihnen
konnte jedoch ahnen, daß der verheißene Messias der »Sohn des Höchsten«
sein würde? Vom alttestamentlichen Monotheismus her gesehen, war das kaum
vorstellbar. Allein kraft des Heiligen Geistes, der »sie überschattete«,
vermochte Maria anzunehmen, was »für Menschen unmöglich, aber für
Gott möglich ist« (vgl. Mk 10, 27).
Theotókos
4. So macht »die Fülle der Zeit« die außerordentliche Würde
der »Frau« offenbar. Diese Würde besteht einerseits in der übernatürlichen
Erhebung zur Verbundenheit mit Gott in Jesus Christus, die das tiefste Ziel
der Existenz jedes Menschen sowohl auf Erden wie in der Ewigkeit ausmacht. In
diesem Sinne ist die »Frau« Vertreterin und Urbild der ganzen
Menschheit: Sie vertritt das Menschsein, das zu allen Menschenwesen, Männern
wie Frauen, gehört. Andererseits jedoch stellt das Ereignis von Nazaret
eine Form der Verbundenheit mit dem lebendigen Gott dar, die nur der »Frau«,
Maria, zukommen kann: die Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn. Die
Jungfrau aus Nazaret wird tatsächlich die Mutter Gottes.
Diese vom christlichen Glauben von Anfang an angenommene Wahrheit wurde auf
dem Konzil von Ephesus (431) feierlich als Dogma formuliert.(18) Im Gegensatz
zur Auffassung des Nestorius, der in Maria ausschließlich die Mutter des
Menschen Jesus sah, hob dieses Konzil die wesentliche Bedeutung der Mutterschaft
der Jungfrau Maria hervor. Als Maria im Augenblick der Verkündigung mit
ihrem »Fiat« antwortete, empfing sie einen Menschen, der Sohn Gottes
und gleichen Wesens mit dem Vater war. Sie ist daher wahrhaft die Mutter
Gottes; denn ihre Mutterschaft betrifft die ganze Person und nicht nur den
Leib und auch nicht nur die menschliche »Natur«. Auf diese Weise wurde
der Name Theotókos - »Gottesgebärerin«,
Gottesmutter - zum eigentlichen Namen für die der Jungfrau Maria gewährte
Verbundenheit mit Gott.
Die besondere Verbundenheit der »Theotókos« mit Gott,
welche die jedem Menschen geschenkte übernatürliche Bestimmung zur
Verbundenheit mit dem Vater (filii in Filio) in überragendster
Weise verwirklicht, ist reine Gnade und als solche ein Geschenk des Geistes.
Gleichzeitig jedoch bringt Maria durch ihre im Glauben gesprochene Antwort
ihren freien Willen zum Ausdruck und damit die volle Teilnahme ihres personalen,
fraulichen »Ich« am Ereignis der Menschwerdung. Mit ihrem Fiat
wird Maria zum wahren Subjekt jener Verbundenheit mit Gott, die sich im
Geheimnis der Menschwerdung des mit dem Vater wesengleichen Wortes verwirklicht
hat. Das gesamte Handeln Gottes in der Geschichte der Menschen achtet immer den
freien Willen des menschlichen »Ich«. Das war auch bei der Verkündigung
in Nazaret der Fall.
»Ihm zu dienen bedeutet herrschen«
5. Dieses Ereignis hat einen klaren interpersonalen Charakter: Es
ist ein Dialog. Wir begreifen das nicht ganz, wenn wir nicht das gesamte Gespräch
zwischen dem Engel und Maria von dem »Sei gegrüßt, du Begnadete«
her betrachten.(19) Der ganze Dialog enthüllt die wesentliche Dimension des
Geschehens: die übernatürliche Dimension (***). Aber die
Gnade schiebt niemals die Natur beiseite, noch hebt sie sie auf; sie trägt
vielmehr zu ihrer Vervollkommnung und Veredelung bei. Daher bedeutet jene
»Gnadenfülle«, die der Jungfrau aus Nazaret im Hinblick
darauf, daß sie Theotókos werden sollte, gewährt
worden ist, zugleich die Fülle der Vollkommenheit all dessen, »was
kennzeichnend für die Frau ist«, was »das typisch
Frauliche ist«. Wir befinden uns hier gewissermaßen am Höhepunkt
und beim Urbild der personalen Würde der Frau.
Als Maria auf die Worte des himmlischen Boten mit ihrem »Fiat«
antwortet, empfindet die »Begnadete« das Bedürfnis, ihre persönliche
Einstellung zu dem Geschenk, das ihr geoffenbart wurde, zu bekennen, und sagt:
»Ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1, 38). Dieser Satz darf
nicht dadurch seiner tiefen Bedeutung beraubt oder geschmälert werden, daß
man ihn aus dem Gesamtzusammenhang des Geschehens und aus dem Gesamtinhalt der über
Gott und über den Menschen offenbarten Wahrheit künstlich herauslöst.
Im Ausdruck »Magd des Herrn« wird deutlich, daß sich Maria voll
bewußt ist, vor Gott ein Geschöpf zu sein. Doch wird das Wort »Magd«
vom Ende des Verkündigungsdialogs dann in die Gesamtperspektive der
Geschichte der Mutter und des Sohnes einbezogen. In der Tat wird dieser Sohn,
der wahrer und wesensgleicher »Sohn des Höchsten« ist oft -
besonders auf dem Höhepunkt seiner Sendung - von sich sagen: »Denn der
Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen«
(Mk 10, 45).
Christus trägt immer in sich das Bewußtsein, der »Gottesknecht«
nach der Prophezeiung des Jesaja zu sein (vgl. Jes 42, 1; 49, 3. 6; 52,
13), wo der Inhalt seiner messianischen Sendung im wesentlichen schon enthalten
ist: das Bewußtsein, der Erlöser der Welt zu sein. Maria fügt
sich vom ersten Augenblick ihrer Gottesmutterschaft, ihrer Verbundenheit mit
dem Sohn, den »der Vater in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch ihn
gerettet wird« (vgl. Joh 3, 17), in den messianischen Dienst
Christi ein.(20) Dieser Dienst ist es, der das Fundament zu jenem Reich
legt, in dem »dienen (...) herrschen bedeutet«.(21) Christus, der »Knecht
des Herrn«, wird allen Menschen die königliche Würde des Dienens
offenbaren, mit der die Berufung jedes Menschen eng verknüpft ist.
So beginnen wir mit der Betrachtung der Wirklichkeit »Frau -
Gottesmutter« auf sehr passende Weise die vorliegende Meditation des
Marianischen Jahres. Diese Wirklichkeit bestimmt auch den wesentlichen
Horizont der Betrachtung über Würde und Berufung der Frau. Wenn
etwas zur Würde und Berufung der Frau gedacht, gesagt oder getan werden
soll, dürfen sich Geist, Herz und Handeln nicht von diesem Horizont
abwenden. Die Würde jedes Menschen und die ihr entsprechende Berufung
finden ihr entscheidendes Maß in der Verbundenheit mit Gott. Maria
- die Frau der Bibel - ist der vollkommenste Ausdruck dieser Würde und
dieser Berufung. Denn jeder Mensch, Mann oder Frau, kann sich, da nach dem Bild
und Gleichnis Gottes geschaffen, in der Tat nur in der Dimension dieser
Ebenbildlichkeit verwirklichen.
III.
ABBILD UND GLEICHNIS GOTTES
Buch der Genesis
6. Wir müssen uns in den Bereich jenes biblischen »Anfangs«
begeben, wo die über den Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes«
offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten
christlichen Anthropologie darstellt.(22) »Gott schuf also den Menschen
als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie«
(Gen 1, 27). Dieser knappe Text enthält die anthropologischen
Grundwahrheiten: Der Mensch ist die Spitze der gesamten Schöpfungsordnung
in der sichtbaren Welt - das Menschengeschlecht, das damit seinen Anfang nimmt,
daß Mann und Frau ins Dasein gerufen werden, ist die Krönung des
ganzen Schöpfungswerkes - beide, Mann und Frau in gleichem Grade, sind
Menschenwesen, beide nach dem Abbild Gottes geschaffen. Diese für den
Menschen wesentliche Gottebenbildlichkeit geben Mann und Frau als Eheleute und
Eltern an ihre Nachkommen weiter: »Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert
die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Der Schöpfer
vertraut die »Herrschaft« über die Erde dem Menschengeschlecht
an, allen Menschen, allen Männern und allen Frauen, die aus dem gemeinsamen
Anfang ihre Würde und Berufung schöpfen.
In der Genesis findet sich noch eine andere Darstellung der
Erschaffung des Menschen, von Mann und Frau (vgl. 2, 18-25), auf die wir später
noch eingehen werden. Sogleich gilt es jedoch festzuhalten, daß sich aus
der biblischen Darstellung der personale Charakter des Menschenwesens ergibt.
Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den
Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des
personhaften Gottes geschaffen. Was den Menschen Gott ähnlich macht, ist
die Tatsache, daß - zum Unterschied von der gesamten Welt der übrigen
Lebewesen, einschließlich der mit Sinnen ausgestatteten (animalia)
- der Mensch auch ein Vernunftwesen (animal rationale) ist.(23) Dank
dieser Eigenschaft können Mann und Frau über die anderen Lebewesen der
sichtbaren Welt »herrschen« (vgl. Gen 1,28).
Im zweiten Bericht von der Erschaffung des Menschen (vgl. Gen
2, 7. 18-25) ist die Sprache, in der die Wahrheit über die Erschaffung
des Mannes und besonders der Frau mitgeteilt wird, anders, in gewissem Sinne
weniger klar und - so könnte man sagen - eher beschreibend und bildhaft:
Sie erinnert an die Sprache der damals bekannten Mythen. Dennoch läßt
sich kein wesentlicher Widerspruch zwischen den beiden Texten feststellen. Der
Text von Gen 2, 18-25 ist eine Hilfe, um das in dem dichten Text von
Gen 1, 27-28 Ausgesagte gut zu verstehen, und verhilft zugleich, wenn
wir ihn zusammen mit diesem zweiten Text lesen, zu einem noch tieferen
Erfassen der darin enthaltenen grundlegenden Wahrheit über den
Menschen, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes als Mann und Frau
geschaffen ist.
In der Darstellung von Gen. 2, 18-25 wird die Frau von Gott »aus
der Rippe« des Mannes geschaffen und als ein anderes »Ich«, als
eine Partnerin, dem Mann an die Seite gestellt, der in der ihn umgebenden Welt
der Lebewesen allein ist und in keinem von ihnen eine ihm entsprechende »Hilfe«
findet. Die auf diese Weise ins Dasein gerufene Frau wird vom Mann sogleich als
»Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein« erkannt
(vgl. Gen 2, 23) und eben deshalb »Frau« genannt. In der
Sprache der Bibel weist dieser Name auf die wesentliche Identität gegenüber
dem Mann hin: i* - i**ah, was die modernen Sprachen im allgemeinen
leider nicht ausdrücken können (»Frau - i**ah -soll sie
heißen, denn vom Mann - i* - ist sie genommen«: Gen 2, 23).
Der biblische Text liefert ausreichende Grundlagen, um die wesentliche
Gleichheit von Mann und Frau im Menschsein zu erkennen.(24) Beide sind von
Anfang an Personen, zum Unterschied von den anderen Lebewesen der sie umgebenden
Welt.
Die Frau ist ein anderes »Ich« im gemeinsamen Menschsein.
Von Anfang an erscheinen sie als »Einheit von zweien«, und das
bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der
Mensch »keine Hilfe fand, die ihm entsprach« (Gen 2, 20).
Handelt es sich hier nur um die »Hilfe« bei der Arbeit, beim »Unterwerfen
der Erde« (vgl. Gen 1, 28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die
Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Ehefrau verbinden
kann, so daß er »ein Fleisch« mit ihr wird und deshalb »Vater
und Mutter verläßt« (vgl. Gen 2, 24). Die Darstellung
der Bibel spricht also im selben Zusammenhang der Erschaffung des Mannes und der
Frau von der Einsetzung der Ehe durch Gott als unerläßlicher
Voraussetzung für die Weitergabe des Lebens an die neuen (Generationen der
Menschen, zu der Ehe und eheliche Liebe ihrer Natur nach bestimmt sind: »Seid
fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch«
(Gen 1, 28).
Person - Gemeinschaft - Hingabe
7. Wenn wir die Darstellung von Gen 2, 18-25 als ganze bedenken und
im Licht der Wahrheit über die Gottebenbildlichkeit und Gottähnlichkeit
des Menschen (vgl. Gen 1, 26-27) auslegen, sind wir in der Lage, nochvollständiger
zu begreifen, worin das Personsein des Menschen besteht, durch das beide -
der Mann und die Frau - Gott ähnlich sind. Jeder einzelne Mensch ist nämlich
das Abbild Gottes, insofern er ein vernunftbegabtes und freies Geschöpf ist
und in der Lage, diesen zu erkennen und zu lieben. Wir lesen dort ferner, daß
der Mensch »allein« nicht existieren kann (vgl. Gen 2, 18); er
kann nur als »Einheit von zweien«, in Beziehung also zu einer
anderen menschlichen Person, existieren. Es handelt sich hier um eine
gegenseitige Beziehung: des Mannes zur Frau und der Frau zum Mann. Personsein
nach dem Abbild Gottes bedeutet also auch Existenz in Beziehung, in Beziehung
zum anderen »Ich«. Das läßt uns die endgültige
Selbstoffenbarung des dreieinigen Gottes vorausahnen: lebendige Einheit in der
Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Am Anfang der Bibel wird dies noch nicht direkt ausgesprochen. Das ganze
Alte Testament ist ja vor allem die Offenbarung der Wahrheit über die
Einzigkeit und Einheit Gottes. In diese grundlegende Wahrheit über Gott
wird das Neue Testament die Offenbarung des unerforschlichen Geheimnisses vom
inneren Leben Gottes einführen. Gott, der sich den Menschen durch
Christus zu erkennen gibt, ist Einheit in Dreifaltigkeit: Einheit in
Gemeinschaft. Damit fällt auch neues Licht auf jenes Abbild und Gleichnis
Gottes im Menschen, von dem das Buch Genesis spricht. Daß der als
Mann und Frau geschaffene Mensch Gottes Abbild ist, bedeutet nicht nur, daß
jeder von ihnen einzeln als vernunftbegabtes und freies Wesen Gott ähnlich
ist. Es bedeutet auch, daß Mann und Frau, als »Einheit von zweien«
im gemeinsamen Menschsein geschaffen, dazu berufen sind, eine Gemeinschaft der
Liebe zu leben und so in der Welt jene Liebesgemeinschaft widerzuspiegeln, die
in Gott besteht und durch die sich die drei göttlichen Personen im innigen
Geheimnis des einen göttlichen Lebens lieben. Der Vater, der Sohn und der
Heilige Geist, ein einziger Gott durch die Einheit des göttlichen Wesens,
existieren als Personen durch die unergründlichen göttlichen
Beziehungen. Nur auf diese Weise wird die Wahrheit begreifbar, daß Gott in
sich selbst Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 16).
Das Abbild und Gleichnis Gottes in dem als Mann und Frau
geschaffenen Menschen (in der Analogie, wie man sie zwischen Schöpfer und
Geschöpf annehmen darf) besagt also auch »Einheit der zwei« im
gemeinsamen Menschsein. Diese »Einheit der zwei«, ein Zeichen der
Gemeinschaft von Personen, weist darauf hin, daß zur Erschaffung des
Menschen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der göttlichen
Gemeinschaft (»communio«) gehört. Diese Ähnlichkeit
ist dort enthalten als Eigenschaft des personhaften Seins beider, des Mannes und
der Frau, und zugleich als Berufung und Aufgabe. Im Bild und Gleichnis Gottes,
welches das Menschengeschlecht seit dem »Anfang« in sich trägt,
ist das gesamte »Ethos« des Menschen begründet: Altes und Neues
Testament werden dieses »Ethos« entfalten, dessen Gipfel das Liebesgebot
darstellt.(25)
In der »Einheit der zwei« sind Mann und Frau von Anfang an
gerufen, nicht nur »nebeneinander« oder »miteinander« zu
existieren, sondern sie sind auch dazu berufen, gegenseitig »füreinander«
dazusein.
So erklärt sich auch die Bedeutung jener »Hilfe«, von der in
Gen 2, 18-25 die Rede ist: »Ich will ihm eine Hilfe machen, die
ihm entspricht«. Im biblischen Zusammenhang dürfen wir das auch in
dem Sinne verstehen, daß die Frau dem Mann und dieser ihr vor allem
deshalb »helfen« sollen, weil sie »menschliche Personen«
sind: Das läßt ihn und sie gewissermaßen immer wieder von neuem
den vollständigen Sinn des eigenen Menschseins entdecken und bestätigen.
Es ist leicht erkennbar, daß es sich - auf dieser fundamentalen Ebene - um
eine »Hilfe« beider Seiten und zugleich um eine gegenseitige »Hilfe«
handelt . Menschsein bedeutet Berufensein zur interpersonalen Gemeinschaft.
Der Text von Gen 2, 18-25 weist darauf hin, daß die Ehe die erste
und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings
nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich
im Rahmen dieser Berufung. Auf Grund des Prinzips, daß in der
interpersonalen »Gemeinschaft« einer »für« den anderen
da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was »männlich«
und was »weiblich« ist, in das von Gott gewollte Menschsein. Die
Texte der Bibel, angefangen bei der Genesis, lassen uns ständig den
Grund wiederentdecken, in dem die Wahrheit über den Menschen ihre Wurzeln
hat, den festen und unzerstörbaren Grund inmitten so vieler Veränderungen
der Existenz des Menschen.
Diese Wahrheit betrifft auch die Heilsgeschichte. Dazu eine
besonders deutliche Aussage des II. Vatikanischen Konzils. Im Kapitel über
die »menschliche Gemeinschaft« der Pastoralkonstitution Gaudium et
Spes lesen wir: »Wenn der Herr Jesus zum Vater betet, "daß
alle eins seien ... wie auch wir eins sind" (Joh 17, 20-22), und
damit Horizonte aufreißt, die der menschlichen Vernunft unerreichbar sind,
legt er eine gewisse Ähnlichkeit
nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der
Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar, daß
der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden kann«.(26)
Mit diesen Worten stellt der Konzilstext in zusammenfassender Form die
Wahrheit über Mann und Frau - eine Wahrheit, die sich schon in den ersten
Kapiteln der Genesis abzeichnet - insgesamt als die tragende Struktur
der biblischen und christlichen Anthropologie dar. Der Mensch - sowohl
der Mann wie die Frau - ist unter den Kreaturen der sichtbaren Welt
die einzige, die der Schöpfergott »um ihrer selbst willen gewollt
hat«; er ist also eine Person. Personsein bedeutet: nach der
Selbstverwirklichung (der Konzilstext spricht von »Selbstfindung«)
streben, die nur »durch eine aufrichtige Hingabe seiner selbst«
zustandekommen kann. Vorbild für eine solche Deutung der Person ist Gott
selbst als Dreifaltigkeit, als Gemeinschaft von Personen. Die Aussage, der
Mensch sei nach dem Bild und Gleichnis dieses Gottes geschaffen, bedeutet auch,
daß der Mensch dazu berufen ist, »für« andere dazusein, zu
einer »Gabe« zu werden.
Diese Berufung gilt für jeden Menschen, ob Mann oder Frau, die sie wohl
in ihrer je besonderen Eigenart verwirklichen. Im Rahmen der vorliegenden
Meditation über die Würde und Berufung der Frau stellt diese Wahrheit
vom Menschen den unerläßlichen Ausgangspunkt dar. Schon das
Buch Genesis läßt, gleichsam in einem ersten Entwurf, diesen
bräutlichen Charakter der Beziehung zwischen den Personen erkennen, eine
Grundlage, auf der sich dann ihrerseits die Wahrheit über die Mutterschaft
sowie über die Jungfräulichkeit als zwei einzelne Dimensionen der
Berufung der Frau im Licht der göttlichen Offenbarung entwickeln wird.
Diese zwei Dimensionen werden ihren erhabensten Ausdruck beim Kommen der »Fülle
der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in der Gestalt der »Frau« aus
Nazaret finden: Mutter und Jungfrau.
Anthropomorphe Sprache der Bibel
8. Die Vorstellung des Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes«
sofort zu Beginn der Heiligen Schrift hat noch eine andere Bedeutung.
Diese Tatsache ist der Schlüssel zum Verständnis der biblischen
Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Wenn Gott von sich spricht - sei es »durch
die Propheten«, sei es »durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1.
2), der Mensch geworden ist -, spricht er in menschlicher Sprache,
gebraucht er menschliche Begriffe und Bilder. Wenn diese Ausdruckweise von einem
gewissen Anthropomorphismus gekennzeichnet ist, hat das seinen Grund darin, daß
der Mensch Gott »ähnlich« ist: geschaffen nach seinem Bild und
Gleichnis. Dann ist auch Gott in gewissem Maße »dem Menschen ähnlich«
und kann eben auf Grund dieser Ähnlichkeit von den Menschen erkannt werden.
Zugleich aber ist die Sprache der Bibel klar genug, um die Grenzen dieser »Ähnlichkeit«,
die Grenzen der »Analogie« anzuzeigen. Tatsächlich sagt die
biblische Offenbarung, daß zwar die »Ähnlichkeit« des
Menschen mit Gott, aber noch wesentlicher die »Nicht-Ähnlichkeit«
zutrifft, welche die ganze Schöpfung vom Schöpfer trennt.(27) Für
den nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen hört ja Gott schließlich
nicht auf, derjenige zu sein, »der in unzugänglichem Licht wohnt«
(1 Tim 6, 16): Er ist der wesenhaft »Verschiedene«, der »ganz
Andere«.
Diese Feststellung über die Grenzen der Analogie - Grenzen der Gottähnlichkeit
des Menschen in der Sprache der Bibel - müssen wir auch vor Augen haben,
wenn wir in verschiedenen Abschnitten der Heiligen Schrift (besonders im Alten
Testament) Vergleiche finden, die Gott »männliche«
oder »weibliche« Eigenschaften zuschreiben. Wir finden in
solchenVergleichen die indirekte Bestätigung der Wahrheit, daß beide,
sowohl der Mann wie die Frau, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen
sind. Wenn es Ähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpfen gibt,
ist verständlich, daß die Bibel, was ihn betrifft, Formulierungen
gebraucht, die ihm sowohl »männliche« als auch »weibliche«
Eigenschaften zuschreiben.
Wir führen hier einige charakteristische Abschnitte aus dem Buch des
Propheten Jesaja an: »Doch Zion sagt: Der Herr hat mich vergessen.
Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn?
Und selbst wenn sie ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht«
(49, 14-15). Und an einer anderen Stelle: »Wie eine Mutter ihren
Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost«
(Jes 66, 13). Auch in den Psalmen wird Gott mit einer fürsorglichen
Mutter verglichen: »Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie
ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. Israel, harre auf
den Herrn« (Ps 131, 2-3). An verschiedenen Stellen wird Gottes
Liebe und Sorge für sein Volk mit denen einer Mutter verglichen: Wie
eine Mutter hat Gott die Menschheit und insbesondere sein auserwähltes
Volk in seinem Schoß »getragen«; er hat es unter Schmerzen
geboren; er hat es genährt und getröstet (vgl. Jes 42, 14; 46,
3-4; Jer 31, 20). Die Liebe Gottes wird an vielen Stellen als »männliche«
Liebe eines Gatten und Vaters (vgl. Hos 11, 1-4; Jer 3, 4-19),
zuweilen aber auch als »frauliche« Liebe einer Mutter dargestellt.
Dieses Merkmal der biblischen Sprache, ihre anthropomorphe Redeweise von
Gott, ist auch ein indirekter Hinweis auf das Geheimnis des ewigen »Zeugens«,
das zum inneren Leben Gottes gehört. Dieses »Zeugen« an sich
besitzt allerdings weder »männliche« noch »weibliche«
Eigenschaften. Es ist ganz und gar göttlicher Natur. Es ist in
vollkommenster Weise ein geistiges Zeugen - denn »Gott ist Geist« (Joh
4, 24) - und besitzt keine, weder »weibliche« noch »männliche«,
leibgebundene Eigenschaft. Darum ist auch die »Vaterschaft« in
Gott ganz göttlicher Art, frei von den »männlichen« Körpermerkmalen,
die für die menschliche Vaterschaft typisch sind. In diesem Sinne sprach
das Alte Testament von Gott als einem Vater und wandte sich an ihn als einen
Vater. Jesus Christus, der sich als Gottes eingeborener und wesensgleicher Sohn
mit dem Anruf: »Abba-Vater« (Mk 14, 36) an diesen wenden wird
und der diese Wahrheit als Norm christlichen Betens in den Mittelpunkt seiner
Frohen Botschaft gestellt hat, wies auf die Vaterschaft in diesem überleiblichen,
übermenschlichen, ganz und gar göttlichen Sinn hin. Er sprach als
Sohn, der durch das ewige Mysterium der göttlichen Zeugung mit dem Vater
verbunden ist, und er tat das, während er zugleich der wahrhaft menschliche
Sohn seiner jungfräulichen Mutter war.
Auch wenn der ewigen Zeugung des Wortes Gottes keine menschlichen
Eigenschaften zugeschrieben werden können und die göttliche
Vaterschaft keine »männlichen« Merkmale im leiblichen Sinne
aufweist, muß man doch in Gott das absolute Vorbild jeder »Zeugung«
in der Welt der Menschen suchen. In diesem Sinne, so scheint es, lesen wir
im Epheserbrief: »Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach
dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird« (3,
14-15). Jede »Zeugung« im kreatürlichen Bereich findet ihr erstes
Vorbild in jener vollkommen göttlichen, das heißt geistigen, Zeugung
in Gott. Diesem absoluten, nicht geschaffenen Vorbild wird jede »Zeugung«
in der geschaffenen Welt ähnlich. Daher trägt alles, was bei der
menschlichen Zeugung in typischer Weise zum Manne gehört, wie auch alles,
was typischer Anteil der Frau ist, das heißt die menschliche »Vaterschaft«
und »Mutterschaft«, in sich eine Ähnlichkeit oder Analogie
mit dem göttlichen »Zeugen« und mit der »Vaterschaft«,
die in Gott »ganz anders« ist: vollkommen geistig und ihrem Wesen nach
göttlich. In der menschlichen Ordnung dagegen gehört das Zeugen zur »Einheit
der zwei«. Beide, der Mann wie die Frau, sind Eltern (»Erzeuger«).
IV.
EVA - MARIA
Der »Anfang« und die Sünde
9. »Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch
unter dem Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch
Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu
erreichen, seine Freiheit mißbraucht«.(28) Mit diesen Worten erinnert
das letzte Konzil an die über die Sünde und im besonderen über
jene erste Sünde, die »Ursünde«, offenbarte Lehre. Der
biblische »Anfang« - die Erschaffung der Welt und des Menschen in der
Welt - enthält auch die Wahrheit über diese Sünde, die
auch die Sünde vom »Anfang« des Menschen auf Erden genannt werden
kann. Auch wenn das, was im Buch Genesis geschrieben steht, die Form
einer symbolhaften Erzählung hat, wie die Darstellung der Erschaffung des
Menschen als Mann und Frau (vgl. Gen 2, 18-25), so enthüllt es
darin doch, was man »das Geheimnis der Sünde« und noch vollständiger
»das Geheimnis des Bösen« in der von Gott geschaffenen Welt
nennen muß.
Ohne Bezugnahme auf die ganze Wahrheit von der »Gottebenbildlichkeit«
des Menschen, die der biblischen Anthropologie zugrunde liegt, kann man »das
Geheimnis der Sünde« unmöglich verstehen. Diese Wahrheit zeigt
die Erschaffung des Menschen als ein besonderes Geschenk des Schöpfers, in
dem nicht nur Grund und Quelle der wesenhaften Würde des Menschen - von
Mann und Frau - in der geschaffenen Welt, sondern auch der Anfang der
Berufung beider, am inneren Leben Gottes selbst teilzuhaben, enthalten sind.
Im Lichte der Offenbarung bedeutet Schöpfung zugleich Anfang der
Heilsgeschichte. Gerade in diesen Anfang drängt sich die Sünde ein
und tritt dort als Gegensatz und Verneinung auf.
Man kann also paradoxerweise sagen: Die in Gen 3 dargestellte Sünde
ist die Bestätigung der Wahrheit über das Abbild und Gleichnis Gottes
im Menschen, wenn diese Wahrheit die Freiheit, das heißt den freien Willen
bedeutet, von dem der Mensch Gebrauch machen kann, indem er sich für das
Gute entscheidet, den er aber auch mißbrauchen kann, indem er sich gegen
den Willen Gottes für das Böse entscheidet. In ihrer eigentlichen
Bedeutung ist Sünde jedoch die Verneinung dessen, was Gott - als Schöpfer
- in Beziehung zum Menschen ist und was Gott von Anfang an und für alle
Zeiten für den Menschen will. Durch die Erschaffung von Mann und Frau nach
seinem eigenen Bild und Gleichnis will Gott für sie die Fülle des
Guten, das heißt die übernatürliche Glückseligkeit, die aus
der Teilhabe an seinem Leben erwächst. Dadurch daß der Mensch sündigt,
weist er dieses Geschenk zurück und will zugleich werden »wie Gott
und Gut und Böse erkennen« (Gen 3, 5), das heißt, er
will unabhängig von Gott, seinem Schöpfer, über Gut und Böse
entscheiden. Die Sünde des Anfanges hat also ihr menschliches »Maß«,
ihre innere Weise im freien Willen des Menschen, und zugleich hat sie etwas »Diabolisches«
an sich,(29) wie in Gen 3, 1-5 deutlich hervorgehoben wird. Die Sünde
bewirkt das Zerbrechen der ursprünglichen Einheit, deren sich der Mensch im
Stand der anfänglichen Gerechtigkeit erfreute: die Verbundenheit mit Gott
als Quelle der Einheit innerhalb des eigenen »Ichs«, in der
gegenseitigen Beziehung zwischen Mann und Frau (»communio personarum«)
und schließlich gegenüber der Außenwelt, der Natur.
Die biblische Darstellung des Sündenfalls in Gen 3 nimmt
gewissermaßen eine Verteilung der »Rollen« vor, die der Mann und
die Frau dabei hatten. Darauf wird später noch die eine oder andere
Bibelstelle Bezug nehmen, wie zum Beispiel der Brief des Paulus an Timotheus:
»Zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt,
sondern die Frau ließ sich verführen« (1 Tim 13-14). Es
besteht jedoch kein Zweifel, daß unabhängig von dieser »Rollenverteilung«
im biblischen Bericht jene erste Sünde die Sünde des Menschen ist,
der von Gott als Mann und Frau erschaffen wurde. Sie ist auch die Sünde
der »Voreltern«, womit ihr Erbcharakter verbunden ist. In diesem
Sinne nennen wir sie »Erbsünde«.
Diese Sünde kann, wie schon gesagt, ohne Bezug auf das
Geheimnis der Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach dem
Ebenbild Gottes nicht richtig verstanden werden. Dieser Bezug macht auch das
Geheimnis jener »Nicht-Ähnlichkeit« mit Gott begreiflich, die in
der Sünde gegeben ist und sich in dem in der Geschichte der Welt
vorhandenen Bösen äußert: jene »Nicht-Ähnlichkeit«
mit Gott, der »allein 'der Gute' ist« (vgl. Mt 19, 17) und die
Fülle des Guten. Wenn diese »Nicht-Ähnlichkeit« der Sünde
mit Gott, der die Heiligkeit selber ist, die »Ähnlichkeit« auf
dem Gebiet der Freiheit, des freien Willens, voraussetzt, dann kann man sagen,
daß gerade aus diesem Grund die in der Sünde enthaltene »Nicht-Ähnlichkeit«
um so dramatischer und schmerzlicher ist. Man muß auch zugeben, daß
hierbei Gott als Schöpfer und Vater getroffen und »beleidigt«
wird, ja ganz offensichtlich beleidigt im innersten Grunde jener schenkenden
Hingabe, die zum ewigen Plan Gottes für den Menschen gehört.
Gleichzeitig wird jedoch auch der Mensch - Mann und Frau - vom Übel
der Sünde, deren Urheber er ist, getroffen. Der biblische Text von Gen
3 zeigt das mit den Worten, die die neue Lage des Menschen in der geschaffenen
Welt klar beschreiben. Er zeigt vorausschauend die »Mühsal«, mit
der sich der Mensch um seinen Lebensunterhalt kümmern wird (vgl. Gen
3, 17-19), und er spricht von den großen »Schmerzen«, unter
denen die Frau ihre Kinder gebären wird (vgl. Gen 3, 16). Das alles
ist schließlich gezeichnet von der Notwendigkeit des Todes, der das Ende
des menschlichen Lebens auf Erden darstellt. So wird der Mensch als Staub »zurückkehren
zum Ackerboden, von dem er ja genommen ist«: »Denn Staub bist du, zum
Staub mußt du zurück« (vgl. Gen 3, 19).
Diese Worte bestätigen sich von Generation zu Generation. Sie bedeuten
nicht, daß das Bild und Gleichnis Gottes im Menschen, im Mann wie
in der Frau, von der Sünde zerstört worden ist; sie bedeuten jedoch,
daß es »getrübt«(30) und in gewissem Sinne »gemindert«
ist. In der Tat »mindert« die Sünde den Menschen, wie auch das
II. Vatikanische Konzil sagt.(31) Wenn der Mensch schon durch seine Natur als
Person das Ebenbild Gottes ist, dann verwirklichen sich seine Größe
und Würde eben im Bund mit Gott, in der Verbundenheit mit ihm, im Streben
nach jener fundamentalen Einheit, die zur inneren »Logik« des
Geheimnisses der Schöpfung gehört. Diese Einheit entspricht der tiefen
Wahrheit aller mit Verstand ausgestatteten Geschöpfe und insbesondere des
Menschen, der von Anfang an durch die ewige Erwählung von seiten Gottes in
Christus über alle Geschöpfe der sichtbaren Welt erhoben
wurde: »In Christus hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt
(...); er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden
durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen«
(vgl. Eph 1, 4-6). Auf Grund der biblischen Lehre insgesamt dürfen
wir sagen, daß diese Vorherbestimmung alle menschlichen Personen, Männer
und Frauen, ausnahmslos jeden einzelnen und jede einzelne, betrifft.
»Er wird über dich herrschen«
10. Die biblische Darstellung im Buch Genesis umreißt die
Wahrheit über die Folgen der Sünde des Menschen, so wie sie außerdem
auf die Störung jener ursprünglichen Beziehung zwischen
Mann und Frau hinweist, die der Würde jedes von ihnen als Person
entspricht. Der Mensch, sowohl der Mann wie die Frau, ist eine Person und daher
»die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur auf Erden«;
und zugleich kann eben diese einzige und unwiederholbare Kreatur »sich
selbst nur durch die aufrichtige Hingabe ihrer selbst vollkommen finden«.(32)
Hier nimmt die Gemeinschaftsbeziehung ihren Anfang, in der die »Einheit von
zweien« und die Würde des Mannes wie der Frau als Person Ausdruck
finden. Wenn wir daher in der biblischen Darstellung die an die Frau gerichteten
Worte lesen: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über
dich herrschen« (Gen 3, 16), entdecken wir darin einen Bruch und eine
ständige Bedrohung eben dieser »Einheit der zwei«, die der Würde
des Ebenbildes Gottes in beiden entspricht. Diese Bedrohung erweist sich jedoch
als schwerwiegender für die Frau. Denn an die Stelle einer aufrichtigen
Hingabe und daher eines Lebens »für« den anderen tritt das
Beherrschen: »Er wird über dich herrschen«. Dieses »Herrschen«
zeigt die Störung und Schwächung jener grundlegenden
Gleichheit an, die Mann und Frau in der »Einheit der zwei«
besitzen: Und das gereicht vor allem der Frau zum Nachteil, während nur die
Gleichheit, die sich aus der Würde der beiden als Personen ergibt, den
gegenseitigen Beziehungen den Charakter einer echten »communio
personarum« (Personengemeinschaft) zu geben vermag. Wenn die Verletzung
dieser Gleichheit, die ein vom Schöpfergott selber stammendes Geschenk und
Recht ist, sich zum Nachteil der Frau auswirkt, mindert sie gleichzeitig aber
auch die wahre Würde des Mannes. Wir rühren hier an einen äußerst
empfindlichen Punkt im Bereich jenes »Ethos«, das der Schöpfer
schon von Anfang an mit der Tatsache verbunden hatte, daß er beide nach
seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat.
Die in Gen 3, 16 gemachte Aussage ist von großer Bedeutung und
Tragweite. Sie schließt einen Hinweis auf die gegenseitige Beziehung
zwischen Mann und Frau in der Ehe ein. Es handelt sich hier um das im
Bereich bräutlicher Liebe entstandene Verlangen, die bewirkt, daß »die
aufrichtige Hingabe« von seiten der Frau in einer ähnlichen »Hingabe«
von seiten des Gatten Antwort und Vervollständigung findet. Nur auf Grund
dieses Prinzips können alle beide und besonders die Frau sich als wahre »Einheit
von zweien«, der Würde der Person entsprechend, »selbst finden«.
Die eheliche Vereinigung verlangt die Achtung und die Vervollkommnung des echten
personalen Subjektseins beider. Die Frau darf nicht zum »Objekt« männlicher
»Herrschaft« und »Besitzes« werden. Die Worte des
Bibeltextes betreffen aber direkt die Erbsünde und ihre im Mann und in der
Frau fortdauernden Auswirkungen. Sie sind von der erblichen Sündhaftigkeit
belastet und tragen den ständigen »Sündenkeim« in
sich, das heißt die Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung, die
der Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person entspricht.
Diese Neigung kommt in der dreifachen Begierde zum Ausdruck, die der
apostolische Text als Begierde der Augen, Begierde des Fleisches und Prahlen mit
dem Besitz angibt (vgl. 1 Joh 2, 16). Die vorhin angeführten Worte
der Genesis (3, 16) machen deutlich, auf welche Weise diese dreifache
Begierde als »Sündenkeim« das gegenseitige Verhältnis von
Mann und Frau belasten wird.
Die Worte der Genesis beziehen sich direkt auf die Ehe; indirekt
aber berühren sie die verschiedenen Bereiche des sozialen
Zusammenlebens: Situationen, wo die Frau deshalb benachteiligt oder
diskriminiert wird, weil sie Frau ist. Die offenbarte Wahrheit über die
Erschaffung des Menschen als Mann und Frau stellt das Hauptargument gegen alle
Zustände dar, die schon rein objektiv schädlich, das heißt
ungerecht sind und dabei das Erbe der Sünde enthalten und zum Ausdruck
bringen, das alle Menschen in sich tragen. Die Bücher der Heiligen Schrift
bestätigen an verschiedenen Stellen das tatsächliche Vorhandensein
solcher Zustände und verkünden zugleich die Notwendigkeit
umzukehren, das heißt, sich vom Bösen zu reinigen und von der Sünde
zu befreien: von dem, was den anderen beleidigt, was den Menschen »mindert«
und herabsetzt, und nicht nur den, dem die Beleidigung zugefügt wird,
sondern auch den, der sie zufügt. Das ist die unveränderliche
Botschaft des von Gott geoffenbarten Wortes. Darin kommt das biblische »Ethos«
mit ganzer Radikalität zum Ausdruck.(33)
In unserer Zeit hat die Frage der »Rechte der Frau« im weiten
Rahmen der Rechte der menschlichen Person eine neue Bedeutung erlangt. Indemdie
Botschaft der Bibel und des Evangeliums dieses Programm, das ständig
durch Erklärungen verschiedenster Art in Erinnerung gehalten wird, erhellt,
bewahrt sie die Wahrheit über die »Einheit der zwei«, das
heißt über jene Würde und Berufung, die sich aus der
spezifischen Verschiedenheit und personalen Eigenart von Mann und Frau ergeben.
Daher darf auch der berechtigte Widerstand der Frau gegen die Aussage der
biblischen Worte: »Er wird über dich herrschen« (Gen 3,
16), unter keinen Umständen zur »Vermännlichung« der Frauen
führen. Die Frau darf nicht - in Namen der Befreiung von der »Herrschaft«
des Mannes - danach trachten, sich entgegen ihrer fraulichen »Eigenart«
die typisch männlichen Merkmale anzueignen. Es besteht die begründete
Furcht, daß sich auf einem solchen Weg die Frau nicht »verwirklichen«
wird, sondern vielmehr das entstellen und einbüßen könnte,
was ihren wesentlichen Reichtum ausmacht. Es handelt sich um einen außerordentlichen
Reichtum. Im biblischen Schöpfungsbericht ist der Ausruf des ersten
Menschen beim Anblick der soeben geschaffenen Frau ein Ausruf der Bewunderung
und Verzauberung, wie er die ganze Geschichte des Menschen auf Erden durchzieht.
Die persönlichen Möglichkeiten des Frauseins sind gewiß
nicht geringer als die Möglichkeiten des Mannseins; sie sind nur anders.
Die Frau muß also - wie übrigens auch der Mann - ihre »Verwirklichung«
als Person, ihre Würde und Berufung auf der Grundlage dieser Möglichkeiten
anstreben, entsprechend dem Reichtum des Frauseins, das sie am Tag der
Erschaffung empfangen und als den ihr eigenen Ausdruck des »Bildes Gottes«
ererbt hat. Nur auf diese Weise kann auch jene Erbschaft der Sünde überwunden
werden, die von den Worten der Bibel angedeutet wird: »Dennoch verlangt
dich nach dem Mann, doch er wird über dich herrschen«. Die Überwindung
dieses schlimmen Erbes ist von Generation zu Generation Aufgabe jedes Menschen,
sowohl der Frau wie des Mannes. In der Tat handelt der Mann in allen Fällen,
in denen er für die Verletzung der persönlichen Würde und
Berufung der Frau verantwortlich ist, auch gegen die eigene persönliche Würde
und Berufung.
Protoevangelium
11. Das Buch Genesis gibt Zeugnis von der Sünde, die das Böse
des menschlichen Anfangs ist, und von ihren Folgen, die seither die ganze
Menschheit belasten, und enthält zugleich die erste Verkündigung
des Sieges über das Böse, über die Sünde. Das
beweisen die Worte von Gen 3, 15, die gewöhnlich als »Protoevangelium«
bezeichnet werden: »Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau,
zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du
triffst ihn an der Ferse«. Von Bedeutung ist, daß die in diesen
Worten enthaltene Ankündigung des Erlösers, des Retters der Welt, die »Frau«
betrifft. Sie wird im Protoevangelium an erster Stelle als Stammutter dessen
genannt, der der Erlöser des Menschen sein wird.(34) Und wenn sich die Erlösung
durch den Kampf gegen das Böse, durch die »Feindschaft« zwischen
der Nachkommenschaft der Frau und der Nachkommenschaft dessen vollziehen soll,
der als »Vater der Lüge« (Joh 8, 44) der erste Urheber
der Sünde in der Menschheitsgeschichte ist, wird diese auch die
Feindschaft zwischen ihm und der Frau sein.
In diesen Worten eröffnet sich der Ausblick auf die gesamte
Offenbarung, zunächst als Vorbereitung auf das Evangelium und sodann als
Evangelium selbst. In diesem Ausblick verbinden sich unter dem Namen der
Frau die beiden weiblichen Gestalten: Eva und Maria.
Im Licht des Neuen Testaments gelesen, bringen die Worte des
Protoevangeliums in angemessener Weise die Sendung der Frau in dem
heilbringenden Kampf des Erlösers gegen den Urheber des Bösen in der
Geschichte des Menschen zum Ausdruck.
Die Gegenüberstellung Eva - Maria kehrt in der Betrachtung über
das in der göttlichen Offenbarung empfangene Glaubensgut immer wieder und
ist eines der Themen, die von den Vätern, den kirchlichen Schriftstellern
und den Theologen häufig aufgegriffen wurden.(35) Für gewöhnlich
meinen wir auf den ersten Blick in diesem Vergleich einen Unterschied oder gar
Gegensatz zu erkennen. Eva ist als »Mutter aller Lebendigen«
(Gen 3, 20) Zeugin des biblischen »Anfangs«, in dem
die Wahrheit über die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis
Gottes und die Wahrheit über die Erbsünde enthalten sind. Maria
ist Zeugin des neuen »Anfangs« und der »neuen Schöpfung«
(vgl. 2 Kor 5, 17). Ja, sie selbst ist, als die Ersterlöste in der
Heilsgeschichte, »eine neue Kreatur«: Sie ist die »Begnadete«.
Es ist kaum zu verstehen, warum die Worte des Protoevangeliums die »Frau«
so nachdrücklich hervorheben, wenn man nicht zugibt, daß in ihr der
neue und endgültige Bund Gottes mit der Menschheit, der Bund im
erlösenden Blut Christi, seinen Anfang hat. Er beginnt mit einer
Frau, der »Frau«, bei der Verkündigung in Nazaret. Das ist das
absolut Neue des Evangeliums: Verschiedene Male hatte sich Gott im Alten
Testament an Frauen gewandt, wie zum Beispiel an die Mutter des Samuel und des
Samson, um in die Geschichte seines Volkes einzugreifen; um aber seinen Bund mit
der Menschheit zu schließen, hatte er sich nur an Männer gewandt:
Noach, Abraham... Am Anfang des Neuen Bundes, der ewig und unwiderruflich sein
soll, steht die Frau: die Jungfrau aus Nazaret. Es handelt sich um ein
deutliches Zeichen dafür, daß es »in Jesus Christus«
»nicht mehr Mann und Frau gibt« (Gal 3, 28). In ihm wird der
wechselseitige Gegensatz zwischen Mann und Frau - als Erbe der Ursünde - im
wesentlichen überwunden. »Denn ihr alle seid einer in Christus
Jesus«, wird der Apostel schreiben (Gal 3, 28).
Diese Worte handeln von jener ursprünglichen »Einheit der zwei«,
die zusammenhängt mit der Erschaffung des Menschen, als Mann und Frau, nach
dem Bild und Gleichnis Gottes, nach dem Vorbild jener vollkommenen
Personengemeinschaft, die Gott selber ist. Die Worte des Paulus stellen fest, daß
das Geheimnis von der Erlösung des Menschen in Jesus Christus, dem Sohn
Marias, das wieder aufgreift und erneuert, was im Schöpfungsgeheimnis dem
ewigen Plan des Schöpfers entsprach. Es heißt ja gerade deshalb am
Tag der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau: »Gott sah, daß
alles, was er gemacht hatte, sehr gut war« (Gen 1, 31). Die Erlösung
stellt nun gewissermaßen das Gute, das durch die Sünde
und ihr Erbe in der Geschichte des Menschen wesentlich »gemindert«
worden ist, an seiner Wurzel selbst wieder her.
Die »Frau« des Protoevangeliums ist einbezogen in die Perspektive
der Erlösung. Die Gegenüberstellung Eva - Maria läßt sich
auch in dem Sinne verstehen, daß Maria das Geheimnis der »Frau«,
dessen Anfang Eva, »die Mutter aller Lebendigen« (Gen 3, 20),ist,
in sich aufnimmt und umfängt: Sie nimmt es vor allem auf und umfängt
es im Geheimnis Christi - »des neuen und letzten Adam« (vgl. 1 Kor
15, 45) -, der in seiner Person die Natur des ersten Adam aufgenommen hat.
Das Wesen des Neuen Bundes besteht darin, daß der Sohn Gottes der
wesensgleich ist mit dem ewigen Vater, Mensch wird: Er nimmt die Menschennatur
in die Einheit der göttlichen Person des Wortes auf. Der die Erlösung
vollbringt, ist zugleich wahrer Mensch. Das Geheimnis von der Erlösung der
Welt setzt voraus, daß Gott-Sohn das Menschsein als das Erbe Adams
angenommen hat, indem er ihm und jedem Menschen in allem gleich geworden ist
»außer der Sünde« (vgl. Hebr 4, 15). So »macht
er ... dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine
höchste Berufung«, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt.(36) Er
hilft gewissermaßen, neu zu entdecken, »was der Mensch ist«
(vgl. Ps 8, 5).
In allen Generationen geht in der Überlieferung des Glaubens und der
christlichen Glaubensreflexion der Vergleich Adam - Christus häufigHand
in Hand mit jenem Eva - Maria. Wenn Maria auch als »neue Eva«
beschrieben wird, welche Sinngehalte kann dann eine solche Analogie haben? Sie
sind sicher vielfältig. Man muß insbesondere jene Bedeutung im Auge
behalten, die in Maria die volle Offenbarung all dessen sieht, was das biblische
Wort »Frau« umfaßt: eine Offenbarung, die an Tiefe dem Geheimnis
der Erlösung entspricht. Maria bedeutet in gewissem Sinne das Überschreiten
jener Grenze, von der das Buch Genesis
(3, 16) spricht, und das Zurückgehen zu jenem «Anfang«, an
dem wir die »Frau« so vorfinden, wie sie im Schöpfungswerk, also
im ewigen Plan Gottes, im Schoß der Heiligsten Dreifaltigkeit, gewollt
war. Maria ist »der neue Anfang« der Würde und Berufung der
Frau, aller Frauen und jeder einzelnen.(37)
Ein Schlüssel zum Verständnis dieses Geheimnisses können in
besonderer Weise die Worte sein, die der Evangelist Maria nach der Verkündigung,
während ihres Besuches bei Elisabet, in den Mund legt: »Der Mächtige
hat Großes an mir getan« (Lk 1, 49). Sie beziehen sich gewiß
auf die Empfängnis des Sohnes, der der »Sohn des Höchsten« (Lk
1, 32) und der »Heilige« Gottes ist; zugleich aber können sie
auch die Entdeckung des eigenen Menschseins als Frau bedeuten. »Der
Mächtige hat Großes an mir getan«: Das ist die Entdeckung
des ganzen Reichtums, der ganzen personalen Möglichkeiten des
Frauseins, der ganzen von Ewigkeit her gegebenen Eigenart der »Frau«,
so wie Gott sie gewollt hat, als eigenständige Person, die zugleich »durch
eine aufrichtige Hingabe« sich selbst findet.
Diese Entdeckung verbindet sich mit dem klaren Bewußtsein von der
Gabe, dem Gnadengeschenk Gottes. Die Sünde hatte gleich am »Anfang«
dieses Bewußtsein getrübt, es gewissermaßen unterdrückt,
wie die Worte der ersten Versuchung durch den »Vater der Lüge«
(vgl. Gen 3, 1-5) anzeigen. Als sich mit dem Herannahen der »Fülle
der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in der Menschheitsgeschichte das
Geheimnis der Erlösung zu vollziehen beginnt, fließt dieses Bewußtsein
mit seiner ganzen Kraft in die Worte der »Frau« aus Nazaret ein. In
Maria entdeckt Eva wieder, was die wahre Würde der Frau, des fraulichen
Menschseins ist. Diese Entdeckung muß ständig das Herz jeder Frau
erreichen und ihrer Berufung und ihrem Leben Gestalt geben.
V.
JESUS CHRISTUS
»Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach«
12. Die Worte des Protoevangeliums im Buch Genesis erlauben uns den Übergang
in den Bereich des Evangeliums. Die dort angekündigte Erlösung des
Menschen wird hier Wirklichkeit in der Person und Sendung Jesu Christi, an denen
wir auch erkennen, was die Wirklichkeit der Erlösung für die Würde
und Berufung der Frau bedeutet. Diese Bedeutung wird uns noch stärker
erhellt durch die Worte Christi und durch sein ganzes Verhalten zu den Frauen,
das äußerst schlicht und gerade darum außergewöhnlich ist,
wenn man es vor dem Hintergrund seiner Zeit sieht: ein Verhalten, das von großer
Klarheit und Tiefe gekennzeichnet ist. Auf dem Weg der Sendung des Jesus von
Nazaret treten verschiedene Frauen auf, und die Begegnung mit jeder von ihnen
ist eine Bestätigung des »neuen Lebens« aus dem Geist des
Evangeliums, von dem bereits die Rede war.
Es wird allgemein zugegeben - sogar von solchen Menschen, die der
christlichen Botschaft kritisch gegenüberstehen -, daß Christus
seinen Zeitgenossen gegenüber zum Förderer der wahren Würde
der Frau
und der dieser Würde entsprechenden Berufung geworden ist. Das löste
bisweilen Befremden und Verwunderung aus und ging oft bis an die Grenze eines
Skandals: »Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach« (Joh
4, 27); denn dieses Verhalten unterschied sich von dem seiner Zeitgenossen. Ja,
»es wunderten sich« sogar die Jünger Christi. Der Pharisäer,
in dessen Haus die Sünderin ging, um Jesus die Füße mit
wohlriechendem Öl zu salben, dachte: »Wenn er wirklich ein Prophet wäre,
müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er
sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin
ist« (Lk 7, 39). Noch größere Bestürzung oder
geradezu »heilige Empörung« mußten bei den
selbstzufriedenen Zuhörern die Worte Christi auslösen: »Zöllner
und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr« (Mt 21, 31).
Der so sprach und handelte, gab damit zu verstehen, daß er »die
Geheimnisse des Reiches« zutiefst kannte. Ebenso »wußte er, was
im Menschen ist« (Joh 2, 25), in seinem Innersten, in seinem »Herzen«.
Er war Zeuge des ewigen Planes Gottes für den von ihm nach seinem Ebenbild
als Mann und Frau geschaffenen Menschen. Er wußte auch zutiefst um die
Folgen der Sünde, jenes »Geheimnis der Bosheit«, das als die
bittere Frucht der Trübung der Gottebenbildlichkeit in den Menschenherzen
wirksam ist. Wie bedeutungsvoll ist es doch, daß Jesus in dem
grundlegenden Gespräch über die Ehe und ihre Unauflöslichkeit
gegenüber seinen Gesprächspartnern, den »Schriftgelehrten«,
die von Amts wegen Kenner des Gesetzes waren, auf den »Anfang«
Bezug nimmt! Es geht um die Frage, ob »dem Mann« das Recht
zustehe, »seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe zu entlassen«
(Mt 19, 3); und damit geht es auch um das Recht der Frau, um ihre
gerechte Stellung in der Ehe, um ihre Würde. Die Gesprächspartner Jesu
sind der Meinung, das in Israel geltende mosaische Gesetz auf ihrer Seite zu
haben: »Wozu hat dann Mose vorge schrieben, daß man (der Frau) eine
Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will?« (Mt
19, 7). Darauf antwortet Jesus: »Nur weil ihr so hartherzig seid, hat
Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht
so« (Mt 19, 8). Jesus beruft sich auf den »Anfang«, auf
die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und auf jene Ordnung Gottes, die
sich darauf gründet, daß alle beide »nach seinem Bild und
Gleichnis« erschaffen sind . Wenn also der Mann »Vater und Mutter
verläßt« und sich an seine Frau bindet, so daß die zwei »ein
Fleisch werden«, bleibt daher das von Gott selbst stammende Gesetz in
Kraft: »Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen«
(Mt 19, 6).
Der Grundsatz dieses »Ethos«, der von Anfang an der Wirklichkeit
der Schöpfung eingeschrieben ist, wird nun von Christus gegen jene
Tradition, welche die Diskriminierung der Frau mit sich brachte, bestätigt.
In dieser Tradition »herrschte « der Mann, ohne genügend auf die
Frau und jene Würde Rücksicht zu nehmen, die das »Ethos«
der Schöpfung den gegenseitigen Beziehungen zweier in der Ehe
verbundener Personen zugrunde gelegt hat. Dieses »Ethos« wird von
den Worten Christi in Erinnerung gerufen und bekräftigt: Es ist das »Ethos«
des Evangeliums und der Erlösung.
Die Frauen des Evangeliums
13. Wenn wir die Seiten des Evangeliums durchgehen, ziehen eine Vielzahl
von Frauen verschiedenen Alters und Standes an uns vorüber. Wir
begegnen Frauen, die von Krankheit oder körperlichen Gebrechen befallen
sind, wie jene, die »von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken
war verkrümmt, und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen« (vgl. Lk
13, 11), oder die Schwiegermutter des Simon, die »mit Fieber im Bett
lag« (Mk 1, 30), oder die Frau, die, »weil sie schon zwölf
Jahre an Blutungen litt«, niemanden berühren konnte, weil man meinte,
ihre Berührung würde den Menschen »unrein« machen (vgl. Mk
5, 25-34). Jede dieser Frauen wurde geheilt, und die letzte (die an
Blutungen litt), die »in dem Gedränge« das Gewand Jesu berührte
(Mk 5, 27), wurde ihres großen Glaubens wegen von Jesus gelobt: »Dein
Glaube hat dir geholfen« (Mk 5, 34). Da ist sodann die Tochter
des Jaïrus, die Jesus ins Leben zurückruft, indem er sie liebevoll
auffordert: »Mädchen, ich sage dir, steh auf!« (Mk 5,
41). Und da ist die Witwe in Naïn, deren einzigen Sohn Jesus ins
Leben zurückruft und dabei sein Tun mit dem Ausdruck herzlichen Mitleids
begleitet: »Er hatte Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht!« (Lk
7, 13). Und schließlich die Frau aus Kanaa, eine Frau, die
wegen ihres Glaubens, ihrer Demut und jener geistigen Größe, zu der
nur das Herz einer Mutter fähig ist, von Christus Worte besonderer
Anerkennung verdient: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst,
soll geschehen« (Mt 15, 28). Die kanaanäische Frau hatte um
die Heilung ihrer Tochter gebeten.
Die Frauen, denen Jesus begegnete und die von ihm so große Gnaden
empfingen, begleiteten ihn bisweilen, wenn er mit den Jüngern durch Stadt
und Land zog und das Evangelium vom Reich Gottes verkündete; und »sie
unterstützten ihn mit dem, was sie besaßen«. Das Evangelium
nennt unter diesen Frauen Johanna, die Frau eines Beamten des Herodes, Susanna
und »viele andere« (vgl. Lk 8, 1-3).
Manchmal kommen Frauen in den Gleichnissen vor, mit denen Jesus von
Nazaret seinen Zuhörern die Wahrheit über das Reich Gottes erläuterte.
So in den Gleichnissen von der verlorenen Drachme (vgl. Lk 15, 8-10),
vom Sauerteig (vgl. Mt 13, 32), von den klugen und törichten
Jungfrauen (vgl. Mt 25, 1-13). Besonders eindrucksvoll ist die Erzählung
vom Scherflein der armen Witwe. Während »die Reichen ihre Gaben in den
Opferkasten legten (...), warf eine arme Witwe zwei kleine Münzen hinein«.
Da sagte Jesus: »Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle
anderen (...); denn sie, die kaum das Nötigste zum Leben hat, hat ihren
ganzen Lebensunterhalt hergegeben« (Lk 21, 1. 4). Auf diese Weise
stellt Jesus sie als Vorbild für alle hin und tritt zugleich für sie
ein; denn im damaligen Gesellschafts- und Rechtssystem waren die Witwen völlig
schutzlos (vgl. auch Lk 18, 1-7).
In der gesamten Lehre Jesu wie auch in seinem Verhalten stoßen wir auf
nichts, was die zu seiner Zeit übliche Diskriminierung der Frau
widerspiegeln würde. Im Gegenteil, seine Worte und Taten bringen stets
die der Frau gebührende Achtung und Ehrfurcht zum Ausdruck. Die verkrümmte
Frau wird sogar »Tochter Abrahams« genannt (Lk 13, 16), während
dieser Titel (in der Form »Sohn Abrahams«) in der ganzen Bibel immer
nur Männern beigelegt wird. Auf seinem Leidensweg nach Golgota wird Jesus
zu den Frauen sagen: »Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich!«
(Lk 23, 28). Diese Art und Weise, von den Frauen und mit den Frauen zu
sprechen, sowie die Art des Umgangs mit ihnen stellt angesichts der damals
herrschenden Gepflogenheiten etwas völlig »Neues« dar.
Das wird noch deutlicher gegenüber jenen Frauen, die die öffentliche
Meinung mit Verachtung als Sünderinnen, Dirnen und Ehebrecherinnen
bezeichnete. Da ist die Samariterin, zu der Jesus selbst sagt: »Fünf Männer
hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann«. Und als
sie sieht, daß er um die Geheimnisse ihres Lebens weiß, erkennt sie
in ihm den Messias und beeilt sich, es ihren Landsleuten zu verkünden. Das
dieser Erkenntnis vorausgehende Gespräch gehört wohl zu den schönsten
im Evangelium (vgl. Joh 4, 7-27).
Und dann ist da die bekannte Sünderin, die trotz der allgemeinen
Verurteilung das Haus des Pharisäers betritt, um Jesus die Füße
mit wohlriechendem Öl zu salben. Zu dem Gastgeber, der sich darüber
entrüstete, sagte Jesus über diese Frau: "Ihr sind ihre vielen Sünden
vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat" (vgl. Lk 7,
37-47).
Und schließlich die vielleicht deutlichste Szene all dieser
Begegnungen: Eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist, wird zu
Jesus gebracht. Auf die herausfordernde Frage: »Mose hat uns im Gesetz
vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?«, antwortet
Jesus: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf
sie«. Die in dieser Antwort enthaltene Wahrheit ist so mächtig, daß
»einer nach dem andern fortging, zuerst die Ältesten«. Jesus und
die Frau bleiben allein zurück. »Wo sind sie geblieben? Hat dich
keiner verurteilt?« - »Keiner, Herr« -. »Auch ich verurteile
dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (vgl. Joh
8, 3-11).
Diese Episoden geben ein sehr klares Gesamtbild ab. Christus ist derjenige,
der »wußte, was im Menschen ist« (vgl. Joh 2, 25), im
Mann und in der Frau. Er kennt die Würde des Menschen, seinen Wert
in den Augen Gottes. Er selbst, der Erlöser, ist die endgültige
Bestätigung dieses Wertes. Alles, was er sagt und tut, findet im
Ostermysterium der Erlösung seine endgültige Erfüllung. Das
Verhalten Jesu zu den Frauen, denen er auf den Wegen seines messianischen
Dienstes begegnet, spiegelt den ewigen Plan Gottes wider, der eine jede von
ihnen erschafft und sie in Christus erwählt und liebt (vgl. Eph 1,
1-5). Daher ist jede von ihnen jene »einzige von Gott um ihrer selbst
willen gewollte Kreatur«. Eine jede erbt auch vom »Anfang«
her die Würde einer Person als Frau. Jesus von Nazaret bestätigt
diese Würde, ruft sie in Erinnerung, erneuert sie und macht sie zum Inhalt
des Evangeliums und der Erlösung, um deretwegen er in die Welt gesandt
wurde. Man muß also jedes der von Christus im Umgang mit einer Frau
gebrauchten Worte und jede solche Geste in das Licht des Ostergeheimnisses
stellen. Auf diese Weise finden alle ihre vollständige Deutung.
Die beim Ehebruch ertappte Frau
14. Jesus begibt sich in die konkrete, geschichtliche Situation der
Frau, eine Situation, die vom Erbe der Sünde belastet ist.
Dieses Erbe kommt unter anderem in den Gewohnheiten zum Ausdruck, die die Frau
zugunsten des Mannes diskriminieren, und ist auch in ihr selbst verwurzelt.
Unter diesem Gesichtspunkt scheint die Episode von der Frau, »die beim
Ehebruch ertappt wird« (vgl. 8, 3-11), besonders ergiebig zu sein. Zuletzt
sagt Jesus zu ihr: »Sündige von jetzt an nicht mehr«;
vorher aber weckt er das Schuldbewußtsein in den Männern, die
sie anklagen, um sie zu steinigen, und offenbart so seine tiefe Fähigkeit,
das Gewissen und die Werke der Menschen der Wahrheit gemäß zu sehen.
Jesus scheint den Anklägern sagen zu wollen: Ist diese Frau mit ihrer
ganzen Sünde nicht vielleicht auch und vor allem eine Bestätigung
eurer Übertretungen, eurer »männlichen« Ungerechtigkeit,
eurer Mißbräuche?
Diese Wahrheit ist für das ganze Menschengeschlecht gültig.
Die im Johannesevangelium berichtete Begebenheit kann man in unzähligen
ähnlichen Situationen in jeder Geschichtsepoche vorfinden. Eine Frau wird
allein gelassen und mit »ihrer Sünde« der öffentlichen
Meinung ausgesetzt, während sich hinter »ihrer« Sünde ein
Mann als Sünder verbirgt, der »an der Sünde anderer« schuld,
ja mitverantwortlich für sie ist. Seine Schuld entzieht sich jedoch der
Aufmerksamkeit und wird stillschweigend übergangen: Für »fremde
Schuld« erscheint er nicht verantwortlich! Manchmal macht er sich auch noch
zum Ankläger, wie in dem geschilderten Fall, und vergißt dabei die
eigene Schuld. Wie oft büßt in ähnlicher Weise die
Frau für ihre Sünde (es kann durchaus sein, daß sie in
gewissen Fällen schuld ist an der Sünde des Mannes); doch nur sie büßt
und zahlt allein. Wie oft bleibt sie mit ihrer Mutterschaft verlassen
zurück, wenn der Mann, der Vater des Kindes, die Verantwortung dafür
nicht übernehmen will? Und neben den so zahlreichen «unverheirateten Müttern»
in unserer Gesellschaft müssen wir auch an all jene Frauen denken, die sich
sehr oft unter mancherlei Druck, auch von seiten des schuldigen Mannes, von
ihrem Kind noch vor dessen Geburt »befreien«. Sie »befreien sich«:
aber um welchen Preis? Die heutige öffentliche Meinung versucht auf
verschiedene Weise das Übel dieser Sünde »wegzureden«;
normalerweise jedoch vermag das Gewissen der Frau nicht zu vergessen, daß
sie dem eigenen Kind das Leben genommen hat; denn sie ist nicht imstande, die
ihrem Ethos am »Anfang« eingeschriebene Bereitschaft zur Annahme des
Lebens auszulöschen.
Das Verhalten Jesu bei der im Johannesevangelium (8, 3-11) beschriebenen
Begebenheit ist bezeichnend. Wohl nur an wenigen Stellen wird seine Macht - die
Macht der Wahrheit - gegenüber dem menschlichen Gewissen so wie hier
offenbar. Jesus ist ruhig, gefaßt, nachdenklich. Besteht hier wie auch im
Gespräch mit den Pharisäern (vgl. Mt 19, 3-9) nicht vielleicht
eine Verbindung zwischen seinem Bewußtsein und dem Geheimnis des »Anfangs«
? Als der Mensch als Mann und Frau erschaffen wurde und die Frau mit ihrer
fraulichen Eigenart, auch mit ihrer Fähigkeit zur Mutterschaft, dem Mann
anvertraut wurde? Auch der Mann wurde vom Schöpfer der Frau anvertraut. Sie
wurden einander als Personen anvertraut, die nach dem Bild und Gleichnis
Gottes selbst erschaffen waren. In diesem Anvertrauen liegt das Maß der
Liebe, einer bräutlichen Liebe: Um zu einer »aufrichtigen Hingabe«
füreinander zu kommen, muß sich jeder der beiden für diese
Hingabe verantwortlich fühlen. Dieses Maß ist allen beiden - Mann und
Frau - vom »Anfang« an bestimmt. Nach der Ursünde sind im Mann
und in der Frau Gegenkräfte am Werk, auf Grund der dreifachen Begierde, dem
»Sündenkeim«. Sie wirken aus der Tiefe des Menschen. Darum wird
Jesus in der Bergpredigt sagen: »Wer eine Frau auch nur lüstern
ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5,
28). Diese direkt an den Mann gerichteten Worte beweisen die grundlegende
Wahrheit von seiner Verantwortung gegenüber der Frau: für ihre Würde,
für ihre Mutterschaft, für ihre Berufung. Indirekt gehen diese Worte
auch die Frau an. Christus hat sein Möglichstes getan, damit die Frauen -
im Rahmen der Gewohnheiten und sozialen Verhältnisse jener Zeit - in seiner
Lehre und seinem Handeln ihre eigene Selbständigkeit und Würde
wiederfinden. Auf Grund der gottgewollten »Einheit der zwei« hängt
diese Würde direkt von der Frau selbst als für sich
verantwortliches Subjekt ab und wird gleichzeitig dem Mann zur Aufgabe
gestellt. Dementsprechend appelliert Christus an die Verantwortung des
Mannes. In der vorliegenden Meditation über Würde und Berufung der
Frau heute müssen wir uns so unbedingt auf den Ansatz beziehen, dem wir im
Evangelium begegnen. Die Würde der Frau und ihre Berufung - wie auch jene
des Mannes - haben ihre ewige Quelle im Herzen Gottes und hängen unter den
zeitlichen Bedingungen des menschlichen Daseins eng mit der »Einheit der
zwei« zusammen. Daher muß sich jeder Mann darauf besinnen, ob
diejenige, die ihm als Schwester im selben Menschsein, als Braut und Ehefrau
anvertraut ist, nicht in seinem Herzen Objekt eines Ehebruchs, ob diejenige, die
in unterschiedlicher Weise Mitträgerin seines Daseins in der Welt ist,
nicht für ihn zum »Objekt« geworden ist: Objekt des Genusses, der
Ausbeutung.
Hüterinnen der evangelischen Botschaft
15. Die Handlungsweise Christi, das Evangelium seiner Taten und
Worte, ist ein durchgehender Protest gegen die Verletzung der Würde
der Frau. Deshalb entdecken die Frauen der Umgebung Christi in den Wahrheiten,
die er »lehrt«und »tut«, sich selbst, auch wenn es sich bei
dieser Wahrheit um ihre eigene »Sündhaftigkeit« handelt. Sie fühlen
sich durch diese Wahrheit »befreit«, sich selbst zurückgegeben:
Sie fühlen sich geliebt mit »ewiger Liebe«, einer Liebe, die in
Christus selbst ihren direkten Ausdruck findet. Im Wirkungskreis Christi verändert
sich ihre soziale Stellung. Sie nehmen wahr, daß Jesus mit ihnen über
Fragen spricht, die man in der damaligen Zeit nicht mit einer Frau erörterte.
Das in diesem Zusammenhang bezeichnendste Beispiel ist wohl das Gespräch
mit der Samariterin am Jakobsbrunnen bei Sychar. Jesus - der weiß,
daß sie eine Sünderin ist, und ihr gegenüber das auch erwähnt
- erörtert mit ihr die tiefsten Geheimnisse Gottes. Er spricht mit
ihr von dem unermeßlichen Geschenk der Liebe Gottes, das wie eine »sprudelnde
Quelle ist, deren Wasser ewiges Leben schenkt« (Joh 4, 14). Er
spricht zu ihr von Gott, der Geist ist, und von der wahren Anbetung im Geist und
in der Wahrheit, auf die Gott Vater ein Recht habe (vgl. Joh 4, 24).
Schließlich enthüllt er ihr, daß er der an Israel verheißene
Messias ist (ebd. 4, 26).
Das ist ein Ereignis, das ohne Beispiel dasteht: Jene Frau, und dazu
noch eine »Sünderin«, wird »Jüngerin« Christi; ja,
nachdem sie unterwiesen worden ist, verkündet sie den Bewohnern von
Samarien Christus, so daß auch diese ihn gläubig annehmen (vgl. Joh
4, 39-42). Ein beispielloses Geschehen, wenn man bedenkt, wie die Frauen
gerade von den Lehrern in Israel allgemein behandelt wurden, während in der
Handlungsweise Jesu von Nazaret ein solches Geschehen normal ist. In diesem
Zusammenhang verdienen auch die beiden Schwestern des Lazarus eine besondere Erwähnung:
»Jesus liebte Marta, ihre Schwester (Maria) und Lazarus« (Joh 11, 5).
Maria »hörte den Worten« Jesu zu: Als er die Schwestern in ihrem
Haus aufsuchte, bezeichnete er selbst das Verhalten Marias als »das bessere«
im Vergleich zu Martas Sorge um die häuslichen Angelegenheiten (vgl.Lk
10, 38-42). Bei einer anderen Begegnung - nach dem Tod des Lazarus - wird
auch Marta zur Gesprächspartnerin Christi: In jenem Gespräch geht es
um die tiefsten Wahrheiten der Offenbarung und des Glaubens. »Herr, wärst
du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben« - »Dein
Bruder wird auferstehen» - «Ich weiß, daß er auferstehen
wird bei der Auferstehung am Letzten Tag«. Jesus erwiderte ihr: »Ich
bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er
stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.
Glaubst du das?« - »Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias
bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll« (Joh 11,
21-27). Nach diesem Glaubensbekenntnis erweckt Jesus den Lazarus. Auch das
Gespräch mit Marta ist eines der wichtigsten des Evangeliums.
Christus spricht mit den Frauen über Gott, und sie verstehen ihn: ein
echter Widerhall des Geistes und Herzens, eine Antwort des Glaubens. Und Jesus
zollt dieser unverkennbar »fraulichen« Antwort Anerkennung und
Bewunderung, wie im Fall der kanaanäischen Frau (vgl. Mt 15, 28).
Bisweilen stellt er diesen lebendigen, von Liebe durchdrungenen Glauben als
Beispiel hin: Er nimmt also diese Antwort, die aus dem Geist und Herzen
einer Frau stammt, zum Ausgangspunkt für seine Unterweisung. So
geschieht es im Fall jener »Sünderin« im Hause des Pharisäers,
deren Handeln von Jesus als Ausgangspunkt für die Erläuterung der
Wahrheit über die Sündenvergebung genommen wird: »Ihr sind ihre
vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber
nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe» (Lk 7,
47). Bei Gelegenheit einer anderen Salbung verteidigt Jesus gegenüber den Jüngern,
besonders gegenüber dem Judas, die Frau und ihr Tun: »Warum laßt
ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan (...)
Als sie das Öl über mich goß, hat sie meinen Leib für das
Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo
dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen,
was sie getan hat« (Mt 26, 6-13).
In der Tat beschreiben die Evangelien nicht nur, was jene Frau von Betanien
im Hause Simons, des Aussätzigen, getan hat, sondern heben auch hervor, daß
bei der endgültigen und für die ganze messianische Sendung Jesu von
Nazaret entscheidenden Prüfung, unter dem Kreuz, sich vor allen anderen
die Frauen eingefunden haben. Von den Aposteln ist nur Johannes treu
geblieben. Die Frauen hingegen sind zahlreich. Da waren nicht nur die Mutter
Christi und die »Schwester seiner Mutter, die Frau des Klopas, und Maria
von Magdala« (Joh 19, 25), sondern auch »viele Frauen waren
dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa
nachgefolgt und hatten ihm gedient » (Mt 27, 55). In dieser härtesten
Bewährungsprobe des Glaubens und der Treue haben sich, wie man sieht, die
Frauen als stärker erwiesen als die Jünger; in diesen Augenblicken der
Gefahr gelingt es denen, die »sehr lieben«, auch, die Furcht zu
besiegen. Schon zuvor auf dem Kreuzweg waren es die Frauen gewesen,
»die um ihn klagten und weinten« (Lk 23, 27). Vorher
schon hatte die Frau des Pilatus ihren Mann gewarnt: »Laß die Hände
von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen
schrecklichen Traum« (Mt 27, 19).
Erste Zeugen der Auferstehung
16. Vom Beginn der Sendung Christi an zeigt die Frau ihm und seinem
Geheimnis gegenüber eine besondere Empfänglichkeit, die einem
Wesensmerkmal ihrer Fraulichkeit entspricht. Ferner muß gesagt werden,
daß sich das besonders beim Ostergeheimnis bestätigt, nicht nur unter
dem Kreuz, sondern auch am Morgen der Auferstehung. Die Frauen sind als
erste am Grab. Sie sind die ersten, die es leer finden. Sie sind die ersten,
die vernehmen: »Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er
gesagt hat« (Mt 28, 6). Sie sind die ersten, die »seine Füße
umfassen« (vgl. Mt 28, 9). Ihnen wird als ersten aufgetragen, den Jüngern
diese Wahrheit zu verkünden (vgl. Mt 28, 1-10; Lk 24,
8-11). Das Johannes evangelium (vgl. auch Mk 16, 9) hebt die
besondere Rolle der Maria aus Magdala hervor. Sie ist die erste, die dem
auferstandenen Christus begegnet. Zunächst hält sie ihn für den Gärtner:
Sie erkennt ihn erst, als er sie bei ihrem Namen nennt. »Jesus sagte zu
ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm:
Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest;
denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern
und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem
Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete
ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte«
(Joh 20, 16-18).
Sie wurde darum auch »Apostel der Apostel« genannt.(38) Maria aus
Magdala war früher als die Apostel Augenzeugin des auferstandenen Christus
und hat deshalb auch als erste den Aposteln gegenüber von ihm Zeugnis
gegeben. Dieses Geschehen stellt gewissermaßen die Krönung all
dessen dar, was wir zuvor darüber gesagt haben, daß den Frauen -
ebenso wie den Männern- die göttlichen Wahrheiten von Christus
anvertraut worden sind. Man kann sagen, daß sich auf diese Weise die Worte
des Propheten erfüllt haben: »Danach aber werde ich meinen Geist
ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter
werden Propheten sein« (Joël 3, 1). Am fünfzigsten Tag nach
der Auferstehung Christi finden diese Worte im Abendmahlssaal von Jerusalem, bei
der Herabkunft des Heiligen Geistes, des »Beistandes«, noch einmal
ihre Bestätigung (vgl. Apg 2, 17).
Alles bisher zum Verhalten Christi gegenüber den Frauen Gesagte bestätigt
und klärt im Heiligen Geist die Wahrheit über die »Gleichheit«
der beiden - Mann und Frau. Man muß von einer wesenhaften »Gleichberechtigung«
sprechen: Da beide - die Frau wie der Mann - nach dem Abbild und Gleichnis
Gottes erschaffen wurden, sind beide in gleichem Maße empfänglich für
das Geschenk der göttlichen Wahrheit und der Liebe im Heiligen Geist. Beide
empfangen seine heilbringenden und heiligmachenden »Heimsuchungen«.
Die Tatsache, Mann oder Frau zu sein, führt hier zu keinerlei Einschränkung,
ebensowenig wie, nach den bekannten Worten des Apostels, jenes Heilswirken des
Geistes im Menschen dadurch eingeschränkt wird, daß einer »Jude
oder Grieche, Sklave oder Freier« ist: »Denn ihr alle seid einer
in Christus Jesus« (Gal 3, 28). Diese Einheit hebt die
Verschiedenheit nicht auf. Der Heilige Geist, der in der übernatürlichen
Ordnung der heiligmachenden Gnade eine solche Einheit bewirkt, trägt in
gleichem Maße dazu bei, daß »eure Söhne Propheten werden«,
wie dazu, daß auch »eure Töchter« es werden. »Prophetsein«
heißt, unter Wahrung der Wahrheit und Eigenart der je eigenen Person, sei
es Mann oder Frau, mit Wort und Leben »die großen Taten Gottes
verkünden« (vgl. Apg 2, 11). Die »Gleichheit«
nach dem Evangelium, die »Gleichberechtigung« von Frau und Mann vor
den »großen Taten Gottes«, wie sie im Wirken und Reden Jesu von
Nazaret mit solcher Klarheit offenkundig geworden ist, bildet die deutlichste
Grundlage für Würde und Berufung der Frau in Kirche und Welt. Jede
Berufung hat ihren tief persönlichen und prophetischen Sinn. In der
so verstandenen Berufung erreicht das Frauliche in einer Person ein neues Maß:
Es ist das Maß der »großen Taten Gottes«, zu deren
lebendigem Träger und unersetzlicher Zeugin die Frau wird.
VI.
MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT
Zwei Dimensionen der Berufung der Frau
17. Wir müssen unsere Meditation jetzt der Jungfräulichkeit und
der Mutterschaft zuwenden als zwei besonderen Dimensionen bei der Verwirklichung
der Persönlichkeit einer Frau. Im Licht des Evangeliums erlangen sie in
Maria, die als Jungfrau Mutter des Gottessohnes geworden ist, die Fülle
ihrer Bedeutung und ihres Wertes. Diese zwei Dimensionen der Berufung der
Frau sind sich in ihr begegnet und haben sich einzigartig verbunden, so daß
die eine die andere nicht ausschloß, sondern sie auf wunderbare Weise
vervollständigte. Die Darstellung der Verkündigung im Lukasevangelium
zeigt deutlich, daß dies der Jungfrau aus Nazaret unmöglich erschien.
Als sie die Worte vernimmt: »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst
du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben«, fragt sie sogleich: »Wie
soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 31. 34). In
der allgemeinen Ordnung der Dinge ist die Mutterschaft Ergebnis des
gegenseitigen »Erkennens« von Mann und Frau in der ehelichen
Vereinigung. Unter entschiedener Betonung ihrer Jungfräulichkeit stellt
Maria dem göttlichen Boten die Frage und erhält die Erklärung:»Der
Heilige Geist wird über dich kommen«; deine Mutterschaft wird
nicht Folge eines ehelichen »Erkennens«, sondern Werk des Heiligen
Geistes sein, und die »Kraft des Höchsten« wird ihren »Schatten«
über das Geheimnis der Empfängnis und der Geburt des Sohnes breiten.
Als Sohn des Höchsten wird er dir in der von Ihm gewußten Weise
ausschließlich von Gott geschenkt. Maria hat also an ihrem jungfräulichen
»Ich erkenne keinen Mann« (vgl. Lk 1, 34) festgehalten und ist
zugleich Mutter geworden. Jungfräulichkeit und Mutterschaft bestehen in
ihr zugleich: Sie schließen sich nicht gegenseitig aus und behindern
sich nicht. Ja, die Person der Gottesmutter hilft allen - besonders allen Frauen
- wahrzunehmen, wie diese beiden Dimensionen und diese beiden Wege der Berufung
der Frau als Person sich gegenseitig erklären und ergänzen.
Mutterschaft
18. Um an diesem »Wahrnehmen« teilzuhaben, müssen wir noch
einmal die Wahrheit über die menschliche Person vertiefen, die uns
das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat. Der Mensch - sowohl
der Mann wie die Frau - ist auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst
willen gewollte Kreatur: Er ist eine Person, ein Subjekt, das über sich
entscheidet. Zugleich kann der Mensch »sich selbst nur durch die
aufrichtige Selbsthingabe vollkommen finden«.(39) Es wurde schon gesagt, daß
diese Beschreibung, in gewissem Sinne eine Definition der Person, der biblischen
Grundwahrheit über die Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach
dem Bild und Gleichnis Gottes entspricht. Das ist keine rein theoretische
Deutung oder abstrakte Definition; denn sie gibt im wesentlichen den Sinn
des menschlichen Daseins an, indem sie den Wert der Selbsthingabe der
Person betont. In dieser Sicht der Person ist auch das Wesen jenes »Ethos«
enthalten, das in Verbindung mit der Wahrheit der Schöpfung von den Büchern
der Offenbarung und besonders von den Evangelien voll entfaltet werden wird.
Diese Wahrheit über die Person eröffnet darüber hinaus den
Weg zu einem vollen Verständnis der Mutterschaft der Frau. Die
Mutterschaft ist das Ergebnis der ehelichen Vereinigung zwischen einem Mann und
einer Frau, jenes biblischen »Erkennens«, von dem es in der Genesis
heißt: »Die zwei werden ein Fleisch« (vgl. Gen 2,
24); sie verwirklicht auf diese Weise - von seiten der Frau - eine besondere »Selbsthingabe«
als Ausdruck jener bräutlichen Liebe, in der sich die Eheleute so eng
miteinander vereinigen, daß sie »ein Fleisch« werden. Das
biblische »Erkennen« wird nur dann gemäß der Wahrheit der
Person Wirklichkeit, wenn die gegenseitige Selbsthingabe weder dadurch entstellt
wird, daß sich der Mann zum »Beherrscher« seiner Frau machen
will (»Er wird über dich herrschen«), noch dadurch, daß
sich die Frau auf ihre triebhafte Veranlagung zurückzieht (»Nach dem
Mann wird dich verlangen«: Gen 3, 16).
Die gegenseitige Hingabe der Personen in der Ehe öffnet sich
bereits für das Geschenk eines neuen Lebens, eines neuen Menschen,
der auch eine Person nach dem Abbild seiner Eltern ist. Die Mutterschaft aber
schließt von Anfang an eine besondere Aufnahmebereitschaft für diese
neue Person ein: und eben das ist der Anteil der Frau. In dieser Bereitschaft,
im Empfangen und Gebären eines Kindes, »findet die Frau durch ihre
aufrichtige Selbsthingabe sich selbst«. Die Gabe der inneren Bereitschaft
zum Empfangen und Gebären eines Kindes ist mit der ehelichen Vereinigung
verbunden, die - wie schon gesagt - einen besonderen Augenblick der
gegenseitigen Hingabe von seiten der Frau und des Mannes darstellen sollte. Empfängnis
und Geburt des neuen Menschen werden nach der Bibel von den folgenden Worten der
»Frau« und Mutter begleitet: »Ich habe einen Mann vom Herrn
erworben« (Gen 4, 1). Dieser Ausruf Evas, der »Mutter aller
Lebendigen«, wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer Mensch zur Welt
kommt; er ist Ausdruck der Freude und des Bewußtseins der Frau,
teilzuhaben an dem tiefen Geheimnis des ewigen Zeugens. Die Ehegatten haben teil
an Gottes Schöpferkraft!
Die Mutterschaft der Frau im Zeitraum zwischen der Empfängnis und der
Geburt des Kindes ist ein biophysiologischer und psychischer Prozeß, über
den wir heutzutage besser Bescheid wissen als in der Vergangenheit und der
Gegenstand zahlreicher tiefreichender Untersuchungen ist. Die wissenschaftliche
Analyse bestätigt voll und ganz, daß bereits die physische
Konstitution und der Organismus der Frau die natürliche Veranlagung zur
Mutterschaft, zur Empfängnis, zur Schwangerschaft und zur Geburt des
Kindes, als Folge der ehelichen Vereinigung mit dem Mann enthalten. Gleichzeitig
entspricht das alles auch der psycho-physischen Struktur der Frau. Alles, was
die verschiedenen Wissenschaftszweige zu diesem Thema sagen, ist wichtig und nützlich,
insofern sie sich nicht auf eine rein biophysiologische Interpretation der Frau
und ihrer Mutterschaft beschränken. Ein solches »verkürztes«
Bild entspräche nämlich völlig der materialistischen
Menschen- und Weltsicht. In diesem Falle ginge bedauerlicherweise das wirklich
Wesentliche verloren: Die Mutterschaft als menschliches Faktum und Phänomen
läßt sich nur auf der Grundlage der Wahrheit über die Person
voll erklären. Die Mutterschaft steht im Zusammenhang mit der
personalen Struktur des Frauseins und mit der personalen Dimension der Hingabe:
»Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Der
Schöpfer schenkt den Eltern ein Kind. Von seiten der Frau ist dies in
besonderer Weise mit »einer aufrichtigen Hingabe ihrer selbst«
verbunden. Die Worte Marias auf die Verkündigung hin: »Mir geschehe,
wie du es gesagt hast«, bedeuten die Bereitschaft der Frau zur Hingabe und
zur Annahme des neuen Lebens.
In der Mutterschaft der Frau, die an die Vaterschaft des Mannes gebunden
ist, spiegelt sich das in Gott selber, dem dreieinigen Gott, gelegene ewige
Geheimnis der Zeugung wider (vgl. Eph 3, 14-15). Das menschliche Zeugen
ist Mann und Frau gemeinsam. Und wenn die Frau in Liebe zu ihrem Mann spricht: »Ich
habe dir ein Kind geschenkt«, so bedeuten ihre Worte zugleich: »Das
ist unser Kind«. Doch obwohl beide gemeinsam Eltern ihres Kindes
sind, stellt die Mutterschaft der Frau einen besonderen Anteil dieser
gemeinsamen Elternschaft, ja deren anspruchsvolleren Teil dar. Die
Elternschaft gehört zwar zu beiden; sie verwirklicht sich jedoch viel mehr
in der Frau, besonders in der vorgeburtlichen Phase. Die Frau muß
unmittelbar für dieses gemeinsame Hervorbringen neuen Lebens »bezahlen«,
das buchstäblich ihre leiblichen und seelischen Kräfte aufzehrt. Der
Mann muß sich daher voll bewußt sein, daß ihm aus
dieser gemeinsamen Elternschaft eine besondere Schuldverpflichtung gegenüber
der Frau erwächst. Kein Programm für die »Gleichberechtigung«
von Frauen und Männern ist gültig, wenn man diesem Umstand nicht ganz
entscheidend Rechnung trägt.
Die Mutterschaft enthält eine besondere Gemeinschaft mit dem Geheimnis
des Lebens, das im Schoß der Frau heranreift: Die Mutter steht staunend
vor diesem Geheimnis, und mit einzigartiger Intuition »erfaßt«
sie, was in ihr vor sich geht. Im Licht des »Anfangs« nimmt die Mutter
das Kind, das sie im Schoß trägt, als Person an und liebt es. Diese
einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen Menschen, der sich formt, schafft
seinerseits eine derartige Einstellung zum Menschen - nicht nur zum eigenen
Kind, sondern zum Menschen als solchem -, daß dadurch die ganze Persönlichkeit
der Frau tief geprägt wird. Man ist allgemein überzeugt, daß die
Frau mehr als der Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu
achten und daß die Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur
Entfaltung bringt. Der Mann befindet sich - trotz all seiner Teilhabe an der
Elternschaft - immer »außerhalb« des Prozesses der
Schwangerschaft und der Geburt des Kindes und muß in vielem von der
Mutter seine eigene »Vaterschaft« lernen. Das gehört, so kann
man sagen, zum normalen menschlichen Ablauf der Elternschaft, auch in ihrer
weiteren Entwicklung nach der Geburt des Kindes, vor allem in der ersten Zeit.
Die Erziehung des Kindes sollte, umfassend verstanden, den doppelten Beitrag der
Eltern enthalten: den mütterlichen und den väterlichen Beitrag. Doch
jener der Mutter ist entscheidend für die Grundlagen einer neuen
menschlichen Persönlichkeit.
Die Mutterschaft in Beziehung zum Bund
19. Das vom Protoevangelium übernommene biblische Urbild der »Frau«
kehrt nun in unsere Überlegungen zurück. Die »Frau« besitzt
als Mutter, als erste Erzieherin des Menschen (die Erziehung ist die geistige
Dimension der Elternschaft) einen besonderen Vorrang vor dem Mann. Wenn auch
ihre Mutterschaft, vor allem im biophysischen Sinn, vom Mann abhängt, drückt
sie doch dem ganzen Prozeß der Personwerdung der neuen Söhne und Töchter
des Menschengeschlechts ein entscheidendes »Zeichen« auf. Die
Mutterschaft der Frau im biophysischen Sinn zeigt eine scheinbare
Passivität: der Prozeß der Ausformung eines neuen Lebens »geschieht«
in ihrem Organismus, wobei er diesen allerdings tief einbezieht. Gleichzeitig drückt
die Mutterschaft im personalen und ethischen Sinn eine sehr bedeutende
Kreativität der Frau aus, von der das Menschsein des neuen Menschen hauptsächlich
abhängt. Auch in diesem Sinne wird die Mutterschaft der Frau als ein
besonderer Ruf und eine besondere Herausforderung für den Mann und seine
Vaterschaft offenbar.
Seinen Höhepunkt findet das biblische Urbild der »Frau« in
der Mutterschaft der Gottesmutter. Die Worte des Protoevangeliums: »Feindschaft
stifte ich zwischen dir und der Frau«, finden hier eine neue Bestätigung.
Ja, in ihr, in ihrem mütterlichen »Fiat« (»Mir geschehe, wie
du gesagt hast«), stiftet Gott einen Neuen Bund mit der Menschheit.
Es ist der ewige und endgültige Bund in Christus, in seinem Leib und
Blut, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Eben weil dieser Bund »in
Fleisch und Blut« vollzogen werden soll, hat er seinen Anfang in der
Mutter. Der »Sohn des Höchsten« kann allein durch sie, durch ihr
jungfräuliches und mütterliches »Fiat«, zum Vater sagen: »Einen
Leib hast du mir geschaffen. Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun«
(vgl. Hebr 10,5. 7).
In die Ordnung des Bundes, den Gott mit dem Menschen in Jesus Christus
geschlossen hat, ist die Mutterschaft der Frau eingefügt. Und jedesmal,
wenn sich in der Geschichte des Menschen auf Erden die Mutterschaft der Frau
wiederholt, steht sie nun immer in Beziehung zu dem Bund, den Gott
durch die Mutterschaft der Gottesmutter mit dem Menschengeschlecht geschlossen
hat.
Wird diese Wirklichkeit nicht vielleicht von der Antwort Jesu an jene Frau
bewiesen, die ihm aus der Menge zurief und ihn für die Mutterschaft seiner
Mutter seligpries: »Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren
Brust dich genährt hat!«? Jesus erwidert: »Selig sind vielmehr
die, die das Wort Gottes hören und es befolgen« (Lk 11,
27-28). Jesus bestätigt die Bedeutung von Mutterschaft im leiblichen Sinn;
zugleich verweist er jedoch auf ihre noch tiefere Bedeutung, die mit der Ordnung
des Geistes in Zusammenhang steht: Sie ist Zeichen des Bundes mit Gott, der »Geist«
ist (vgl. Joh 4, 24). Das gilt vor allem für die Mutterschaft der
Gottesmutter. Aber auch die Mutterschaft jeder anderen Frau ist, im
Licht des Evangeliums verstanden, nicht nur »aus Fleisch und Blut«: In
ihr kommt das innere »Hören des Wortes des lebendigen Gottes«
und die Bereitschaft zur »Bewahrung« dieses Wortes, das »Wort
des ewigen Lebens« ist (vgl. Joh 6, 68), zum Ausdruck. Es sind ja
in der Tat die von den irdischen Müttern geborenen Kinder, die Söhne
und Töchter des Menschengeschlechts, die vom Sohn Gottes die Macht
erhalten, »Kinder Gottes zu werden« (Joh 1, 12). Die Dimension
des Neuen Bundes im Blute Christi durchdringt das menschliche Zeugen und macht
es zur Wirklichkeit und zum Auftrag »einer neuen Schöpfung« (vgl.
2 Kor 5, 17). Die Mutterschaft der Frau ist aus der Sicht der Geschichte
jedes Menschen gleichsam die erste Schwelle, deren Überwindung auch
Vorbedingung für »das Offenbarwerden der Söhne Gottes« ist
(vgl. Röm 8, 19).
»Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil
ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr
an ihre Not über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«
(Joh 16, 21). Die Worte Christi nehmen in ihrem ersten Teil Bezug auf
jene »Geburtswehen«, die zum Vermächtnis der Erbsünde gehören;
gleichzeitig weisen sie jedoch auf den Zusammenhang hin, der zwischen
der Mutterschaft der Frau und dem Ostergeheimnis besteht. Denn in diesem
Geheimnis ist auch der Schmerz der Mutter unter dem Kreuz enthalten - der
Mutter, die im Glauben am erschütternden Geheimnis der »Entäußerung«
ihres Sohnes teilnimmt. »Dies ist vielleicht die tiefste "kenosis"
(Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen«.(40)
Beim Anblick dieser Mutter, der »ein Schwert durch die Seele drang«
(vgl. Lk 2, 35), gehen die Gedanken zu allen Frauen in der Welt, die
leiden, leiden im physischen wie im moralischen Sinn. Bei diesem Leiden
spielt auch die der Frau eigene Sensibilität eine Rolle, auch wenn sie dem
Leiden oft besser zu widerstehen vermag als der Mann. Es ist kaum möglich,
alle diese Leiden aufzuzählen, sie alle beim Namen zu nennen: Man kann an
die mütterlichen Sorgen um die Kinder denken, besonders wenn sie krank sind
oder auf Abwege geraten; an den Tod geliebter Menschen; an die Einsamkeit der
von ihren erwachsenen Kindern vergessenen Mütter oder an die Einsamkeit der
Witwen; an die Leiden der Frauen, die im Lebenskampf alleinstehen, und der
Frauen, die Unrecht und Kränkung erlitten haben oder ausgebeutet werden.
Schließlich gibt es die Leiden des Gewissens wegen der Sünde, die die
menschliche oder mütterliche Würde der Frau verletzt hat, Wunden des
Gewissens, die nur schwer verheilen. Auch mit diesen Leiden muß man sich
unter das Kreuz Christi stellen.
Aber die Worte des Evangeliums über die Frau, die bekümmert ist,
wenn ihre Stunde da ist, daß sie gebären soll, drücken gleich
darauf Freude aus. Es ist »die Freude, daß ein Mensch zur
Welt gekommen ist«. Und auch diese Freude steht in Beziehung zum
Ostergeheimnis, das heißt zu jener Freude, die den Aposteln am Tag der
Auferstehung Christi zuteil wird: »So seid auch ihr jetzt bekümmert«
(diese Worte hatte Jesus am Tag vor seinem Leiden und Sterben gesprochen); »aber
ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt
euch eure Freude« (Joh 16, 22).
Die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen
20. In der Lehre Christi wird die Mutterschaft mit der Jungfräulichkeit
verbunden, aber auch von ihr unterschieden. Der hierfür
grundlegende Satz bleibt jener, den Jesus im Gespräch über die Unauflöslichkeit
der Ehe gesprochen hat. Nachdem die Jünger seine Antwort an die Pharisäer
gehört hatten, sagten sie zu Christus: »Wenn das die Stellung des
Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19,
10). Unabhängig vom Sinn, den die Worte »es ist nicht gut« im
damaligen Verständnis der Jünger hatten, nimmt Christus ihre falsche
Auffassung zum Anlaß, um sie über den Wert der Ehelosigkeit
zu belehren: Er unterscheidet die Ehelosigkeit infolge natürlicher Mängel,
auch wenn diese vom Menschen verursacht sind, von der »Ehelosigkeit um
des Himmelreiches willen«. Er sagt: »Und manche haben sich selbst
zur Ehe unfähig gemacht - um des Himmelreiches willen« (Mt 19,
12). Es handelt sich also um eine freiwillige Ehelosigkeit, die um des
Himmelreiches willen, im Hinblick auf die eschatologische Berufung des Menschen
zur Gemeinschaft mit Gott, gewählt wird. Und er fügt hinzu: »Wer
das erfassen kann, der erfasse es«, wobei diese Worte wieder aufnehmen, was
er zu Beginn seines Gesprächs über die Ehelosigkeit gesagt hatte (vgl.
Mt 19, 11). Deswegen ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches
willen nicht nur Frucht einer freien Entscheidung von seiten des
Menschen, sondern auch einer besonderen Gnade von seiten Gottes, der
eine bestimmte Person zu einem Leben in Ehelosigkeit beruft. Wenn diese ein
besonderes Zeichen des Reiches Gottes ist, das kommen soll, so dient sie
zugleich dazu, auch schon während des Erdenlebens alle Kräfte der
Seele und des Leibes aussschließlich für das endgültige Reich
Gottes einzusetzen.
Die Worte Jesu sind die Antwort auf eine Frage der Jünger. Sie sind
direkt an die Fragesteller gerichtet: in diesem Fall an Männer.
Nichtsdestoweniger gilt die Antwort Christi an sich für Männer wie
für Frauen. In diesem Zusammenhang weist sie auf das evangelische Ideal
der Jungfräulichkeit hin, ein Ideal, das im Vergleich zur
alttestamentlichen Tradition etwas völlig »Neues« darstellt.
Diese Tradition hing gewiß auch irgendwie mit der Erwartung Israels und
besonders der israelitischen Frau zusammen, daß der Messias komme und daß
er als »Sohn der Frau« kommen solle. Das Ideal der Ehelosigkeit und
der Jungfräulichkeit um einer größeren Gottnähe willen war
zwar gewissen jüdischen Kreisen nicht völlig fremd, vor allem in der
Zeit unmittelbar vor dem Kommen Jesu. Doch ist die Ehelosigkeit um des
Himmelreiches willen, also die Jungfräulichkeit, eine
unbestreitbare Neuheit, die unmittelbar mit der Menschwerdung Gottes zusammenhängt.
Vom Augenblick des Kommens Christi an soll sich die Erwartung des
Gottesvolkes auf das ewige Reich richten, das kommt und in das er selbst »das
neue Israel« einführen soll. Für eine derartige Wende und einen
solchen Wertewandel ist tatsächlich ein neues Glaubensbewußtsein
unerläßlich. Christus unterstreicht das zweimal: »Wer das
erfassen kann, der erfasse es« - »Das können nur die erfassen,
denen es gegeben ist« (Mt 19, 11. 12). Maria ist die erste
Person, in der sich dieses neue Bewußtsein offenbart hat; denn sie
fragt den Engel: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?«
(Lk 1, 34). Obwohl sie »mit einem Mann namens Josef verlobt ist«
(vgl. Lk 1, 27), hält sie entschlossen an ihrer Jungfräulichkeit
fest, und die Mutterschaft, die sich in ihr erfüllt, kommt ausschließlich
aus der »Kraft des Höchsten« und ist Frucht der Herabkunft des
Heiligen Geistes auf sie (vgl. Lk 1, 35). Diese göttliche
Mutterschaft ist also die völlig unerwartete Antwort auf die menschliche
Erwartung der Frau in Israel: Sie widerfährt Maria als Gnadengabe Gottes
selbst. Diese Gabe ist zum Anfang und Urbild einer neuen Erwartung aller
Menschen im Rahmen des ewigen Bundes, im Rahmen der neuen und endgültigen
Verheißung Gottes geworden: Sie ist Zeichen eschatologischer Hoffnung.
Auf der Grundlage des Evangeliums kam es zu einer Entwicklung und zugleich
Vertiefung des Sinngehaltes der Jungfräulichkeit als Berufung auch für
die Frau, in der ihre Würde nach dem Vorbild der Jungfrau aus Nazaret ihre
Bestätigung findet. Das Evangelium legt das Ideal von der Weihe der
Person vor, worunter ihre ausschließliche Hingabe an Gott kraft der
evangelischen Räte, vor allem der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams,
zu verstehen ist. Ihre vollkommenste Verkörperung ist Jesus Christus
selber. Wer ihm auf radikale Weise nachfolgen will, entscheidet sich für
ein Leben nach diesen Räten. Sie unterscheiden sich von den Geboten und
weisen dem Christen den Weg evangelischer Radikalität. Seit den Anfängen
des Christentums schlagen Männer und Frauen diesen Weg ein, da sich nun das
evangelische Ideal an den Menschen, ohne Unterschied des Geschlechts, wendet.
In diesem weiteren Zusammenhang muß die Jungfräulichkeit als
ein Weg auch für die Frau gesehen werden, ein Weg, auf dem sie anders
als in der Ehe ihre Persönlichkeit als Frau verwirklicht. Um diesen Weg zu
verstehen, müssen wir noch einmal auf die Grundidee der christlichen
Anthropologie zurückkommen. In der freiwillig gewählten Jungfräulichkeit
bestätigt sich die Frau als Person, das heißt als jenes vom Schöpfer
von Anfang an um seiner selbst willen gewollte Wesen,(41) und gleichzeitig
realisiert sie den personalen Wert ihres Frauseins, indem sie zur »aufrichtigen
Hingabe« an Gott wird, der sich in Christus offenbart hat, zu einer Hingabe
an Christus, den Erlöser des Menschen und Bräutigam der Seelen: zu
einer »bräutlichen« Hingabe also. Ohne Bezug auf die bräutliche
Liebe läßt sich die Jungfräulichkeit, die Weihe der Frau in
der Jungfräulichkeit, nicht richtig begreifen: Denn in einer
solchen Liebe wird die Person zur Hingabe an den anderen.(42) Im übrigen
ist auch die Weihe des Mannes im priesterlichen Zölibat oder im Ordensstand
ähnlich zu verstehen.
Die natürliche bräutliche Veranlagung der fraulichen Persönlichkeit
findet in der so verstandenen Jungfräulichkeit eine Antwort. Die Frau, vom »Anfang«
an dazu berufen, geliebt zu werden und zu lieben, findet in der Berufung
zur Jungfräulichkeit vor allem Christus als den, der als Erlöser
durch seine Hingabe »den Menschen seine Liebe bis zur Vollendung erwies«
(vgl. Joh 13, 1), und sie erwidert dieses Geschenk mit einer »aufrichtigen
Hingabe« ihres ganzen Lebens. Sie schenkt sich also dem göttlichen
Bräutigam, und diese ihre persönliche Hingabe strebt nach Vereinigung,
die einen wesentlich geistlichen Charakter hat: Durch das Wirken des Heiligen
Geistes wird sie »ein Geist« mit Christus, dem Bräutigam
(vgl. 1 Kor 6, 17).
In diesem evangelischen Ideal der Jungfräulichkeit verwirklichen sich
auf besondere Weise die Würde und die Berufung der Frau. In der so
verstandenen Ehelosigkeit zeigt sich der sogenannte Radikalismus des
Evangeliums: Verlaßt alles und folgt Christus nach (vgl. Mt 19,
27). Das alles läßt sich nicht mit dem einfachen Ledigsein oder
Unverheiratetbleiben vergleichen; denn die Jungfräulichkeit um des
Himmelreiches willen beschränkt sich nicht auf das bloße »Nein«,
sondern enthält ein tiefes »Ja« im bräutlichen Sinne: die
vollkommene und ungeteilte Hingabe aus Liebe.
Geistige Mutterschaft
21. Die Jungfräulichkeit im Sinne des Evangeliums schließt den
Verzicht auf die Ehe und damit auf die leibliche Mutterschaft ein. Doch der
Verzicht auf diese Art der Mutterschaft, die sogar ein großes Opfer für
das Herz der Frau mit sich bringen kann, macht bereit für die Erfahrung
einer Mutterschaft anderer Art: der Mutterschaft »nach dem Geist«
(vgl. Röm 8, 4). Die Jungfräulichkeit nimmt der Frau in
der Tat nicht ihre besonderen Eigenschaften. Geistige Mutterschaft kennt vielfältige
Formen. Im Leben der gottgeweihten Frauen, die zum Beispiel nach dem Charisma
und den Regeln der verschiedenen Gemeinschaften apostolischen Charakters leben,
wird sie sich als Sorge für die Menschen, besonders für die am meisten
Bedürftigen äußern: Kranke, Behinderte, Ausgesetzte, Waisen,
alte Menschen, Kinder, Jugendliche, Gefangene und, allgemein, Existenzen am Rand
der Gesellschaft. Eine Ordensfrau findet auf diese Weise in allen und in
jedem einzelnen den Bräutigam, den einen mit immer anderem
Angesicht, wie er selbst gesagt hat: »Was ihr für einen meiner
geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,
40). Die bräutliche Liebe enthält eine besondere Bereitschaft, sich
all jener anzunehmen, die in ihrem Umkreis leben. In der Ehe besteht diese
Bereitschaft, obwohl offen für alle, insbesondere in der Liebe der Eltern
zu ihren Kindern. In der Jungfräulichkeit ist diese Bereitschaft offen für
alle Menschen, die von der Liebe des Bräutigams Christus umfangen sind.
Im Blick auf Christus, den Erlöser aller und jedes einzelnen, ist die
bräutliche Liebe, deren mütterliche Veranlagung sich im Herzen der
Frau - der jungfräulichen Braut - verbirgt, ebenfalls bereit, sich für
alle und jeden einzelnen zu öffnen. Das findet in den Ordensgemeinschaften
apostolischen Lebens seine Bestätigung und ebenso, wenn auch anders, in den
Gemeinschaften beschaulichen Lebens oder den Klausurorden. Es gibt zudem noch
weitere Formen der Berufung zur Jungfräulichkeit um des Himmelreiches
willen, wie zum Beispiel die Säkularinstitute oder die Gemeinschaften von
gottgeweihten Menschen, die innerhalb von Bewegungen, Gruppen und Vereinigungen
entstehen und in denen dieselbe Wahrheit über die geistige Mutterschaft
der in Jungfräulichkeit lebenden Personen eine vielgestaltige Bestätigung
findet. Es handelt sich aber nicht nur um gemeinschaftliche, sondern auch um
private Formen. Schließlich ist die Jungfräulichkeit als Berufung der
Frau immer die Berufung einer Person, einer konkreten und unwiederholbaren
Person. Zutiefst persönlich ist darum auch die geistige Mutterschaft, die
in dieser Berufung spürbar wird.
Auf dieser Grundlage kommt es denn auch zu einer besonderen Annäherung
zwischen der Jungfräulichkeit der unverheirateten Frau und der
Mutterschaft der verheirateten Frau. Eine solche Annäherung geht
nicht nur von der Mutterschaft zur Jungfräulichkeit, wie soeben
herausgestellt wurde; sie verläuft auch von der Jungfräulichkeit zur
Ehe, verstanden als Form der Berufung der Frau, in welcher diese Mutter der aus
ihrem Schoß geborenen Kinder wird. Ausgangspunkt für diese zweite
Analogie ist die Bedeutung der Vermählung. In der Tat ist die Frau »vermählt«
entweder durch das Ehesakrament oder geistlich durch die Vermählung mit
Christus. Im einen wie im anderen Fall zeigt die Vermählung die »aufrichtige
Hingabe« der Person der Braut gegenüber dem Bräutigam an. Auf
diese Weise, so kann man sagen, ist das Profil der Ehe geistig in der Jungfräulichkeit
wiederzufinden. Und wenn es sich um die leibliche Mutterschaft handelt, muß
dann nicht vielleicht auch sie zugleich eine geistige Mutterschaft sein, um der
Gesamtwahrheit über den Menschen, der eine Einheit aus Leib und Geist
darstellt, zu entsprechen? Es gibt also viele Gründe, um in diesen beiden
verschiedenen Wegen - zwei verschiedenen Lebensberufungen der Frau - eine tiefe
Komplementarität und geradezu eine tiefe Einheit im innersten Wesen der
Person zu entdecken.
»Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide«
22. Das Evangelium offenbart eben diese Möglichkeit der
menschlichen Person und macht sie begreiflich. Das Evangelium hilft jeder
Frau und jedem Mann, sie zu leben und sich so zu verwirklichen. Hinsichtlich der
Gaben des Heiligen Geistes und »der großen Taten Gottes« (vgl.
Apg 2, 11) besteht in der Tat vollständige Gleichheit. Nicht nur
das. Gerade im Hinblick auf »Gottes große Taten« empfindet der
Apostel - als Mann - das Bedürfnis, das, was wesenhaft zum fraulichen Sein
gehört, zur Hilfe zu nehmen, um die Wahrheit über seinen apostolischen
Dienst auszudrücken. Genau das tut Paulus von Tarsus, als er sich an dieGalater
mit den Worten wendet: »Meine Kinder, für die ich von neuem
Geburtswehen erleide« (Gal 4, 19). Im ersten Korintherbrief
(vgl. 7, 38) verkündet der Apostel den Vorrang der Jungfräulichkeit
gegenüber der Ehe, eine ständige Lehre der Kirche im Geist der im
Matthäusevangelium (19, 10-12) wiedergegebenen Worte Christi, ohne jedoch
die Bedeutung der leiblichen und geistigen Mutterschaft zu verdunkeln. Um die
grundlegende Sendung der Kirche zu veranschaulichen, findet er sogar keinen
treffenderen Vergleich als den Bezug auf die Mutterschaft.
Einen Anklang an dieselbe Analogie - und dieselbe Wahrheit - finden wir in
der Dogmatischen Konstitution über die Kirche. Maria ist dort das »Bild«
der Kirche.(43) »Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht
Mutter und Jungfrau genannt wird, ist (...) Maria vorangegangen, da sie in
hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der
Mutter darstellt (...) Sie gebar (aber) einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum
Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8, 29), den Gläubigen
nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe
mitwirkt«.(44) »Nun aber wird die Kirche, indem sie Marias
geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet, ihre Liebe nachahmt und den Willen des
Vaters treu erfüllt, durch die gläubige Annahme des Wortes Gottes auch
selbst Mutter: Durch Predigt und Taufe nämlich gebiert sie die vom
Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zu neuem und
unsterblichem Leben«.(45) Es handelt sich hier, was die Söhne und Töchter
des Menschengeschlechts betrifft, um eine geistige Mutterschaft. Eine solche
Mutterschaft wird - wie schon gesagt - der Frau auch in der Jungfräulichkeit
zuteil. Auch die Kirche »ist Jungfrau, da sie das Treuewort, das
sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt.(46) In Maria
findet dies seine vollkommenste Erfüllung. Die Kirche »bewahrt (also)
in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes jungfräulich
einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.(47)
Das Konzil hat bekräftigt, daß sich das Geheimnis der Kirche,
ihre Wirklichkeit, ihre wesentliche Lebenskraft, ohne den Bezug auf die
Gottesmutter unmöglich begreifen läßt. Indirekt finden
wir hier den Bezug zum biblischen Urbild der »Frau«, wie es
sich bereits in der Beschreibung des »Anfangs« (vgl. Gen 3,
15) und dann im ganzen Verlauf von der Schöpfung über die Sünde
bis zur Erlösung klar abzeichnet. Auf diese Weise wird die tiefe
Verbundenheit zwischen dem, was menschlich ist, und dem, was den göttlichen
Heilsplan in der Geschichte des Menschen darstellt, bestätigt. Die Bibel überzeugt
uns davon, daß es ohne eine entsprechende Berufung auf das »frauliche«
Element keine zutreffende Hermeneutik des Menschen und seines Menschseins geben
kann. Ähnliches gilt auch für Gottes Heilsplan: Wenn wir ihn für
die ganze Geschichte des Menschen voll begreifen wollen, dürfen wir das
Geheimnis der »Frau« - Jungfrau, Mutter, Braut - nicht aus dem
Blickfeld unseres Glaubens ausschließen.
VII.
DIE KIRCHE - BRAUT CHRISTI
Das »tiefe Geheimnis«
23. Von grundlegender Bedeutung sind hierbei die Worte aus demEpheserbrief:
»Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt
und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein
und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen,
ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.
Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren
eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen
eigenen Leib gehaßt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch
Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann
Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden
ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus
und die Kirche« (5, 25, 32).
In diesem Brief spricht der Verfasser die Wahrheit über die Kirche als
Braut Christi aus und weist außerdem darauf hin, daß diese Wahrheit
in der biblischen Wirklichkeit von der Erschaffung des Menschen als Mann und
Frau ihre Wurzel hat. Nach dem Bild und Gleichnis Gottes als »Einheit
von zweien« erschaffen, sind beide zu einer bräutlichen Liebe berufen.
Man kann, wenn man dem Schöpfungsbericht in Gen 2, 18-25 folgt,
auch sagen, daß diese grundlegende Berufung zugleich mit der Erschaffung
der Frau offenbar und vom Schöpfer der Institution der Ehe eingeschrieben
wird, die nach Gen 2, 24 von Anfang an den Charakter einer
Personengemeinschaft (communio personarum) besitzt. Wenn auch nicht
direkt, weist die Darstellung des »Anfangs« (vgl. Gen 1, 27
und 2, 24) darauf hin, daß das ganze »Ethos« der gegenseitigen
Beziehungen zwischen Mann und Frau der personalen Wahrheit ihres Seins
entsprechen muß.
Dies alles wurde bereits früher behandelt. Der Text des Briefes an
die Epheser bekräftigt noch einmal die oben dargelegte Wahrheit und
vergleicht dabei den bräutlichen Charakter der Liebe zwischen Mann und Frau
mit dem Geheimnis Christi und der Kirche. Christus ist der Bräutigam
der Kirche, die Kirche ist die Braut Christi. Diese Analogie ist nicht ohne
Vorläufer: Sie überträgt, was bereits im Alten Testament,
besonders bei den Propheten Hosea, Jeremia, Ezechiel und Jesaja(48)
enthalten war, auf das Neue Testament. Die entsprechenden Abschnitte verdienten
eine eigene Darlegung. Wenigstens einen Text wollen wir hier anführen. So
spricht Gott durch den Propheten zu seinem auserwählten Volk: »Fürchte
dich nicht, du wirst nicht beschämt; verzage nicht, du wirst nicht enttäuscht.
Daß man deine jugendliche Schönheit verachtet hat, wirst du
vergessen, an die Schande deiner Witwenschaft wirst du nicht mehr denken. Denn
dein Schöpfer ist dein Gemahl. "Herr der Heere" wird er
genannt. Der heilige Gott Israels ist dein Befreier. "Gott der ganzen Erde"
wird er genannt (...) Kann man denn die Frau verstoßen, die man in der
Jugend geliebt hat?, spricht dein Herr. Nur eine kleine Weile habe ich dich
verlassen, doch voller Erbarmen hole ich dich zurück. Einen Augenblick nur
verbarg ich vor dir mein Gesicht in grollendem Zorn; aber in meiner ewigen Gnade
habe ich Erbarmen mit dir, spricht der Herr, dein Befreier (...) Auch wenn die
Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen - meine
Gnade wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken,
spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir« (Jes 54, 4-8. 10).
Wenn der Mensch - Mann und Frau - als Abbild und Gleichnis Gottes erschaffen
wurde, kann Gott durch den Mund des Propheten von sich selbst sprechen, indem er
sich der ihrem Wesen nach menschlichen Sprache bedient: In dem zitierten Text
des Jesaja ist die Art, wie die Liebe Gottes ausgedrückt wird, »menschlich«;
aber die Liebe selbst ist göttlich. Als Liebe Gottes
hat sie einen in göttlicher Weise bräutlichen Charakter, auch wenn sie
mit der Analogie der Liebe des Mannes zur Frau ausgedrückt wird. Diese Frau
und Braut ist Israel als das von Gott erwählte Volk, und diese Erwählung
hat ihre Quelle ausschließlich in der spontanen Liebe Gottes. Eben durch
diese Liebe läßt sich der oft als Ehe dargestellte Bund erklären,
den Gott immer wieder neu mit seinem auserwählten Volk schließt.
Dieser Bund ist von Gottes Seite her eine bleibende »Verpflichtung«:
Gott bleibt seiner bräutlichen Liebe treu, auch wenn sich seine Braut
wiederholt als untreu erwiesen hat.
Dieses Bild von der bräutlichen Liebe zusammen mit der Gestalt
des göttlichen Bräutigams - ein sehr klares Bild in den prophetischen
Texten - findet im Epheserbrief (5, 23-32) seine Bestätigung und Krönung.Christus
wurde von Johannes dem Täufer als Bräutigam begrüßt
(vgl. Joh 3, 27-29); ja, Christus selbst wendet diesen aus den Propheten
genommenen Vergleich auf sich an (vgl. Mk 2, 19-20). Der Apostel Paulus,
der das Erbe des Alten Testaments in sich trägt, schreibt an die Korinther:
»Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem
einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen«
(2 Kor 11, 2). Die vollständigste Formulierung der Wahrheit über
die Liebe Christi, des Erlösers, nach der Analogie einer bräutlichen
Liebe findet sich jedoch im Epheserbrief: »Christus hat die Welt
geliebt und sich für sie hingegeben« (5, 25); damit wird voll bestätigt,
daß die Kirche die Braut Christi ist: »Der heilige Gott Israels ist
dein Befreier« (Jes 54, 5). Im Text des Paulus zielt die Analogie
der bräutlichen Beziehung gleichzeitig in zwei Richtungen, die zusammen das
»tiefe Geheimnis« (sacramentum magnum) bilden. Der Bund der
Eheleute »erklärt« den bräutlichen Charakter der
Verbundenheit Christi mit der Kirche; und diese Verbundenheit als »tiefes
Geheimnis« und »Sakrament« entscheidet ihrerseits über die
Sakramentalität der Ehe als eines heiligen Bundes der beiden Brautleute,
des Mannes und der Frau. Beim Lesen dieses reichen und vielschichtigen Textes,
der als Ganzes eine große Analogie ist, müssen wir unterscheiden
zwischen dem, was darin die menschliche Wirklichkeit der interpersonalen
Beziehungen, und dem, was in symbolischer Sprache das tiefe göttliche »Geheimnis«
ausdrückt.
Die evangelische »Neuheit«
24. Der Text wendet sich an die Eheleute als konkrete Frauen und Männer
und erinnert sie an das »Ethos« der bräutlichen Liebe, das auf
die Einsetzung der Ehe durch Gott »im Anfang« zurückgeht. Der
Wahrheit dieser Einsetzung entspricht die Aufforderung: »Ihr Männer,
liebt eure Frauen«; liebt sie auf Grund jenes besonderen und einzigen
Bandes, durch welches der Mann und die Frau in der Ehe »ein Fleisch«
werden (Gen 2, 24; Eph 5, 31). In dieser Liebe haben wir eine
grundlegende Bejahung der Frau als Person, eine Bejahung, dank derer
sich die frauliche Persönlichkeit voll entfalten und vertiefen kann.
Genauso handelt Christus als Bräutigam der Kirche, wenn er sie »herrlich,
ohne Flecken oder Falten« sehen will (Eph 5, 27). Man kann sagen,
hier ist alles voll aufgenommen, was den »Stil« Christi im Umgang mit
der Frau ausmacht. Der Gatte müßte sich die Elemente dieses Stils
gegenüber seiner Ehefrau zu eigen machen; und ähnlich sollte es der
Mann in jeder Lage der Frau gegenüber tun. So leben alle zwei, Mann und
Frau, die »aufrichtige Selbsthingabe«.
Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen
einer so formulierten Aufforderung und der Feststellung, daß »sich
die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn
der Mann ist das Haupt der Frau« (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß,
daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition
der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß:
als ein »gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht
vor Christus« (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann »Haupt«
der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er
eben, um »sich für sie« hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und
sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während
die Unterordnung in der Beziehung Christus - Kirche nur die Kirche betrifft, ist
diese »Unterordnung« in der Beziehung Gatte - Gattin nicht einseitig,
sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum »Alten« ganz
offensichtlich ein »Neues« dar: Es ist das »Neue« des
Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften
dieses »Neue« zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das »Alte«,
das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des
Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von
Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.(49)
Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu
leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das »Neue«, das
Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der
evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß
sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige »Unterordnung
der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« gibt und nicht nur
die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und
Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals
nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es
ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen.
Der Apostel schreibt nicht nur: »In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann
und Frau (...)«, sondern auch: »Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie«
(Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich
ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der
Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter
Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus
dem Weltgeschehen verschwunden sind?
Die Herausforderung des »Ethos« der Erlösung hingegen
ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die »Unterordnung«
der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer »gegenseitigen
Unterordnung« beider »in der Ehrfurcht vor Christus« gedeutet
werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle
in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.
Die symbolische Dimension des »tiefen Geheimnisses«
25. Im Text des Epheserbriefes begegnen wir einer zweiten
Dimension jener Analogie, die als ganze der Offenbarung des »tiefen
Geheimnisses« dienen soll. Es handelt sich um ihre symbolische
Dimension. Wenn die Liebe Gottes zum Menschen und zum auserwählten Volk
Israel von den Propheten als die Liebe des Gemahls zu seiner Frau dargestellt
wird, bringt eine solche Analogie die »bräutliche« Qualität
und den göttlichen und nicht menschlichen Charakter von Gottes Liebe zum
Ausdruck: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl (...). Gott der ganzen Erde
wird er genannt« (Jes 54, 5). Dasselbe gilt auch von der bräutlichen
Liebe Christi, des Erlösers: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt,
daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Es handelt
sich also um die Liebe Gottes, die durch die von Christus vollbrachte Erlösung
zum Ausdruck kommt. Nach dem Paulusbrief ist diese Liebe der bräutlichen
Liebe menschlicher Eheleute »ähnlich«, aber natürlich nicht »gleich«.
Denn die Analogie weist auf eine Ähnlichkeit hin, läßt aber
zugleich der Nicht-Ähnlichkeit angemessenen Raum.
Sie ist leicht festzustellen, wenn wir die Gestalt der »Braut«
betrachten. Nach dem Epheserbrief ist jene Braut die Kirche, so
wie für die Propheten die Braut Israel war: Sie ist also ein
kollektives Subjekt, nicht eine Einzelperson. Dieses kollektive Subjekt ist
das Volk Gottes, das heißt eine aus vielen Personen, Frauen wie Männern,
zusammengesetzte Gemeinschaft. »Christus hat die Kirche geliebt«
gerade als Gemeinschaft, als Volk Gottes; und zugleich hat er in dieser Kirche,
die im selben Abschnitt auch sein »Leib« genannt wird (vgl. Eph 5,
23), jede einzelne Person geliebt. Denn Christus hat alle ohne Ausnahme,
jeden Mann und jede Frau, erlöst. In der Erlösung drückt sich
gerade diese Liebe Gottes aus und gelangt ihr bräutlicher Charakter in der
Geschichte des Menschen und der Welt zur Vollendung.
Christus ist in diese Geschichte eingetreten und bleibt in ihr als der Bräutigam,
der »sich (für sie) hingegeben hat«. »Hingeben« heißt
hier, auf vollkommenste und radikalste Weise »zu einer aufrichtigen Hingabe
werden«: »Es gibt keine größere Liebe als diese« (Joh
15, 13). In dieser Auffassung sind durch die Kirche alle Menschen - Frauen
wie Männer - berufen, »Braut« Christi, des Erlösers der
Welt, zu sein. So wird das »Braut-Sein« und damit das »Frauliche«
zum Symbol alles »Menschlichen«, wie Paulus sagt: »Es gibt nicht
mehr Mann und Frau; denn ihr alle seid "einer" in Christus
Jesus« (Gal 3, 28).
Vom sprachlichen Standpunkt her kann man sagen, daß die Analogie der
bräutlichen Liebe nach dem Epheserbrief das, was »männlich«
ist, auf das zurückführt, was »fraulich« ist, da als Glieder
der Kirche auch die Männer in den Begriff der »Braut« einbezogen
werden. Und das darf uns nicht wundern; spricht doch der Apostel, um seine
Sendung für Christus und an der Kirche zu formulieren, von den »Kindern,
für die er von neuem Geburtswehen erleidet« (vgl. Gal 4, 19).
Im Bereich des »Menschlichen«, dessen, was den Menschen als Person
ausmacht, unterscheiden sich das »Mannsein« und das »Frausein«,
und zugleich ergänzen und erklären sie sich gegenseitig. Das
ist auch in der großen Analogie von der »Braut« im Epheserbrief
gegenwärtig. In der Kirche ist jeder einzelne Mensch - Mann und Frau -
die »Braut«, weil sie die Liebe Christi, des Erlösers, als
Hingabe erfährt und ihr durch die Hingabe der eigenen Person zu antworten
sucht.
Christus ist der Bräutigam. Darin drückt sich die Wahrheit
über die Liebe Gottes aus, der »zuerst« geliebt hat (vgl. 1
Joh 4, 19) und mit der von dieser bräutlichen Liebe zum Menschen
bewirkten Hingabe alle menschlichen Erwartungen übertroffen hat: »Er
erwies ihnen seine Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13, 1). Der Bräutigam
- der mit Gott Vater wesensgleiche Sohn - ist der Sohn Marias geworden, »Menschensohn«
und wahrer Mensch, ein Mann. Das Symbol des Bräutigams ist männlichen
Geschlechts. In diesem männlichen Symbol ist der menschliche Charakter
jener Liebe dargestellt, in der Gott seiner göttlichen Liebe zu Israel, zur
Kirche, zu allen Menschen Ausdruck gegeben hat. Aus unserer Betrachtung dessen,
was die Evangelien über das Verhalten Christi gegenüber den Frauen
berichten, können wir schließen, daß er als Mann, als
Sohn Israels, die Würde der »Töchter Abrahams« (vgl.
Lk 13, 16), die Würde, welche die Frau am »Anfang«
ebenso besessen hat wie der Mann, offenbar gemacht hat. Und
zugleich hat Christus die ganze Eigenart, die die Frau vom Mann unterscheidet,
den ganzen Reichtum, der ihr im Schöpfungsgeheimnis geschenkt wurde,
hervorgehoben. Im Verhalten Christi gegenüber der Frau findet sich in
vorbildlicher Weise verwirklicht, was der Epheserbrief mit dem Begriff »Bräutigam«
ausdrückt. Gerade weil die göttliche Liebe Christi die Liebe eines Bräutigams
ist, wird sie zum Vorbild und Beispiel jeder menschlichen Liebe, insbesondere
aber der Liebe der Männer.
Die Eucharistie
26. Vor dem weiten Hintergrund des »tiefen Geheimnisses«, das in
der bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche zum Ausdruck
kommt, ist es möglich, in entsprechender Weise auch die Berufung der »Zwölf«
zu begreifen. Wenn Christus nur Männer zu seinen Aposteln berief, tat
er das völlig frei und unabhängig. Er tat es mit derselben
Freiheit, mit der er in seinem Gesamtverhalten die Würde und Berufung der
Frau betonte, ohne sich nach den herrschenden Sitten und nach der auch von der
Gesetzgebung der Zeit gebilligten Tradition zu richten. Daher entspricht die
Hypothese, er habe Männer zu Aposteln berufen, indem er der damals
verbreiteten Mentalität folgte, ganz und gar nicht der Handlungsweise
Christi. »Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und
wirklich den Weg Gottes lehrst (...), denn du siehst nicht auf die Person«
(Mt 22, 16). Diese Worte beschreiben vollständig das Verhalten Jesu
von Nazaret. Darin liegt auch eine Erklärung für die Berufung der »Zwölf«.
Sie sind während des Letzten Abendmahles bei Christus; sie allein empfangen
im Zusammenhang mit der Einsetzung der Eucharistie den sakramentalen Auftrag: »Tut
dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24).
Sie empfangen am Abend des Auferstehungstages den Heiligen Geist, um die Sünden
zu vergeben: »Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem
ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 23).
Wir befinden uns hier mitten im Ostergeheimnis, das Gottes bräutliche
Liebe zutiefst offenbart. Christus ist der Bräutigam, weil er »sich
hingegeben hat«: Sein Leib wurde »hingegeben«, sein Blut wurde »vergossen«
(vgl. Lk 24, 19. 20). So hat er »seine Liebe bis zur Vollendung
erwiesen« (Joh 13, 1). Die »aufrichtige Hingabe«, die im
Kreuzesopfer enthalten ist, hebt endgültig den bräutlichen Sinn der
Liebe Gottes hervor. Christus ist als Erlöser der Welt der Bräutigam
der Kirche. Die Eucharistie ist das Sakrament unserer Erlösung. Sie
ist das Sakrament des Bräutigams und der Braut. Die Eucharistie
vergegenwärtigt und verwirklicht auf sakramentale Weise aufs neue den Erlösungsakt
Christi, der die Kirche als seinen Leib »erschafft«. Mit diesem »Leib«
ist Christus verbunden wie der Bräutigam mit der Braut. Alle diese Aussagen
sind im Brief an die Epheser enthalten. In dieses »tiefe Geheimnis«
Christi und der Kirche wird die seit dem »Anfang« von Mann und Frau
gebildete bleibende »Einheit der zwei« eingefügt.
Wenn Christus nun die Eucharistie bei ihrer Einsetzung so ausdrücklich
mit dem priesterlichen Dienst der Apostel verbunden hat, darf man annehmen, daß
er auf diese Weise die gottgewollte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen
dem »Fraulichen« und dem »Männlichen«, sowohl im Schöpfungsgeheimnis
wie im Geheimnis der Erlösung ausdrücken wollte. Vor allem in der
Eucharistie wird ja in sakramentaler Weise der Erlösungsakt
Christi, des Bräutigams, gegenüber der Kirche, seiner Braut, ausgedrückt.
Das wird dann durchsichtig und ganz deutlich, wenn der sakramentale Dienst der
Eucharistie, wo der Priester »in persona Christi« handelt, vom
Mann vollzogen wird. Diese Deutung bestätigt die Lehre der im Auftrag Pauls
VI. veröffentlichten Erklärung Inter Insigniores, die Antwort
geben sollte auf die Frage nach der Zulassung der Frauen zum Priesteramt.(50)
Die Hingabe der Braut
27. Das II. Vatikanische Konzil hat in der Kirche das Bewußtsein des
allgemeinen Priestertums erneuert. Im Neuen Bund gibt es nur ein Opfer und nur
einen Priester: Christus. An diesem einen Priestertum Christi haben alle
Getauften, Männer wie Frauen, teil, denn sie »sollen sich
als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen« (vgl.Röm
12, 1), überall von Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern,
Rechenschaft ablegen von ihrer Hoffnung auf das ewige Leben (vgl. 1
Petr 3, 15)«.(51) Die allgemeine Teilhabe am Opfer Christi, in dem
der Erlöser dem Vater die ganze Welt und insbesondere die Menschheit
dargebracht hat, bewirkt, daß alle in der Kirche »Könige und
Priester« sind (Offb 5, 10; vgl. 1 Petr 2, 9), das heißt,
nicht nur an der priesterlichen, sondern auch an der prophetischen und königlichen
Sendung Christi, des Messias, teilhaben. Diese Teilhabe bestimmt ferner die
organische Verbundenheit der Kirche als Volk Gottes mit Christus. In ihr kommt
zugleich das »tiefe Geheimnis« des Epheserbriefes zum
Ausdruck: die mit ihrem Bräutigam vereinte Braut; vereint, weil sie
sein Leben lebt; vereint, weil sie an seiner dreifachen Sendung (tria munera
Christi) teilhat; vereint in einer Weise, daß sie mit ihrer »aufrichtigen
Hingabe« das unermeßliche Geschenk der Liebe des Bräutigams,
des Erlösers der Welt, erwidert. Das betrifft alle in der
Kirche, Frauen ebenso wie Männer, und es betrifft natürlich auch jene,
die am Amtspriestertum teilhaben, das Dienstcharakter besitzt.(52) Vor dem »tiefen
Geheimnis« Christi und der Kirche sind alle aufgerufen, wie eine Braut mit
der Gabe ihres Lebens auf die unermeßliche Hingabe der Liebe Christi zu
antworten, der als Erlöser der Welt allein der Bräutigam der Kirche
ist. Im »königlichen Priestertum«, das allgemein ist, drückt
sich zugleich die Hingabe der Braut aus.
Das ist von grundlegender Bedeutung, um die Kirche in ihrem eigentlichen
Wesen zu begreifen und dabei die Übertragung von Verständnis- und
Bewertungskriterien, die nichts mit ihr zu tun haben, auf diese Kirche - auch
als eine aus Menschen bestehende und in die Geschichte eingegliederte »Institution«
- zu vermeiden. Sie besitzt zwar eine »hierarchische« Struktur;(53)
doch diese ist ganz für die Heiligkeit der Glieder Christi
bestimmt. Diese Heiligkeit wird aber an dem »tiefen Geheimnis«
gemessen, in dem die Braut mit der Hingabe der Liebe die Hingabe des Bräutigams
erwidert, und das tut sie »im Heiligen Geist«; »denn die Liebe
Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist« (Röm 5, 5). Das II. Vatikanische Konzil hat,
indem es die Lehre der gesamten Überlieferung bestätigte, daran
erinnert, daß in der Hierarchie der Heiligkeit gerade die »Frau«,
Maria aus Nazaret, das »Bild« der Kirche ist. Sie geht allen auf
dem Weg zur Heiligkeit voran; in ihrer Person hat die Kirche bereits ihre
Vollkommenheit erreicht, dank derer sie »herrlich, ohne Flecken, Falten
oder andere Fehler erscheint (vgl. Eph 5, 27)«.(54) In diesem
Sinne, so kann man sagen, ist die Kirche zugleich »marianisch«
und »apostolisch-petrinisch«.(55)
In der Geschichte der Kirche gab es seit den frühesten Zeiten - neben
den Männern - zahlreiche Frauen, in denen die Antwort der Braut auf
die erlösende Liebe des Bräutigams ihre volle Ausdruckskraft erlangte.
Als erste sehen wir jene Frauen, die Christus persönlich begegnet und ihm
gefolgt waren und nach seinem Abschied zusammen mit den Aposteln im
Abendmahlssaal von Jerusalem »einmütig im Gebet verharrten« bis
zum Pfingsttag. An jenem Tag redete der Heilige Geist durch »Söhne und
Töchter« des Gottesvolkes und erfüllte so, was der Prophet Joël
vorausgesagt hatte (vgl. Apg 2, 17). Jene Frauen und später noch andere
hatten durch ihre Gnadengaben und ihren vielfältigen Dienst einen
aktiven und wichtigen Anteil am Leben der Urkirche, an der Grundlegung der
ersten und der nachfolgenden christlichen Gemeinden. Die apostolischen Schriften
nennen ihre Namen, wie z.B. »Phöbe, die Dienerin der Gemeinde von
Kenchreä« (vgl. Röm 16, 1), Priska mit ihrem Gatten
Aquila (vgl. 2 Tim 4, 19), Evodia und Syntyche (vgl. Phil 4, 2),
Maria, Tryphäna, Persis, Tryphosa (vgl. Röm 16, 6. 12). Der
Apostel spricht von ihren »Mühen« um Christi willen: Diese weisen
auf die verschiedenen Bereiche des apostolischen Dienstes der Kirche hin,
angefangen bei der »Hauskirche«. In ihr nämlich geht der »aufrichtige
Glaube« von der Mutter auf die Kinder und Enkel über, genauso wie es
im Haus des Timotheus der Fall war (vgl. 2 Tim 1, 5).
Dasselbe wiederholt sich im Laufe der Jahrhunderte von Generation zu
Generation, wie die Kirchengeschichte bezeugt. In der Tat hat die
Kirche, indem sie für die Würde der Frau und ihre Berufung eintrat,
Verehrung und Dankbarkeit für jene zum Ausdruck gebracht, die - in Treue
zum Evangelium - zu allen Zeiten an der apostolischen Sendung des ganzen
Gottesvolkes teilgenommen haben. Es handelt sich um heilige Märtyrerinnen,
Jungfrauen, Mütter, die mutig ihren Glauben bezeugt und dadurch, daß
sie ihre Kinder im Geist des Evangeliums erzogen, den Glauben und die Überlieferung
der Kirche weitergegeben haben.
In jedem Zeitalter und in jedem Land finden wir zahlreiche »tüchtige«
Frauen (vgl. Spr 31, 10), die trotz Verfolgungen, Schwierigkeiten und
Diskriminierungen an der Sendung der Kirche teilgenommen haben. Es seien hier
nur erwähnt: Monika, die Mutter des Augustinus, Makrina, Olga von Kiew,
Mathilde von Toscana, Hedwig von Schlesien und Hedwig von Krakau, Elisabeth von
Thüringen, Brigitta von Schweden, Jeanne d'Arc, Rosa von Lima, Elisabeth
Seton und Mary Ward.
Das Zeugnis und die Taten christlicher Frauen haben sich prägend auf
das Leben von Kirche und Gesellschaft ausgewirkt. Selbst unter schweren
gesellschaftlichen Diskriminierungen haben die heiligen Frauen, durch ihre
Verbundenheit mit Christus gestärkt, »frei« gehandelt. Aus einer ähnlichen
Verbundenheit und in Gott verwurzelten Freiheit erklären sich zum Beispiel
das große Wirken der hl. Katharina von Siena im öffentlichen Leben
der Kirche und der hl. Theresia von Avila im kontemplativen Ordensleben.
Auch in unseren Tagen wird die Kirche noch immer durch das Zeugnis
zahlreicher Frauen bereichert, die ihre Berufung zur Heiligkeit verwirklichen.
Heiligmäßige Frauen sind eine Verkörperung des weiblichen
Ideals; sie sind aber auch ein Vorbild für alle Christen, ein Vorbild der »Nachfolge
Christi«, ein Beispiel dafür, wie die Braut die Liebe des Bräutigams
in Liebe erwidern soll.
VIII.
AM GRÖSSTEN IST DIE LIEBE
Angesichts von Veränderungen
28. »Die Kirche aber glaubt: Christus, der für alle starb und
auferstand, schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er
seiner höchsten Berufung nachkommen kann«.(56) Diese Worte aus der
Konzilskonstitution Gaudium et Spes können wir auf das Thema der
vorliegenden Überlegungen beziehen. Der besondere Hinweis auf die Würde
der Frau und ihre Berufung in unserer heutigen Zeit kann und muß in dem »Licht«
und mit der »Kraft« aufgenommen werden, die der Geist Christi dem
Menschen schenkt: auch dem Menschen unserer, an vielfältigen Wandlungen so
reichen Zeit. Die Kirche »glaubt (...), daß in ihrem Herrn und
Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel« des Menschen, ja »der
ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist«, und sie »bekennt überdies,
daß allen Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt, was seinen
letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in
Ewigkeit«.(57)
Mit diesen Worten weist uns die Konstitution über die Kirche in der
Welt von heute den Weg, der einzuschlagen ist, wenn wir uns den Aufgaben bezüglich
der Würde der Frau und ihrer Berufung vor dem Hintergrund der für
unsere Zeit bedeutsamen Veränderungen stellen. Wir können uns mit
diesen Wandlungen nur dann auf korrekte und angemessene Weise auseinandersetzen,
wenn wir auf den Grund zurückgehen, der in Christus gegeben ist, zu
jenen Wahrheiten und »unwandelbaren« Werten, deren »treuer
Zeuge« (vgl. Offg 1, 5) und Meister er selbst ist. Eine andere
Vorgangsweise würde zu zweifelhaften, wenn nicht sogar zu falschen und trügerischen
Ergebnissen führen.
Die Würde der Frau und die Ordnung der Liebe
29. Der bereits angeführte Abschnitt aus dem Epheserbrief (5, 21-23),
wo die Beziehung zwischen Christus und der Kirche als Band zwischen dem Bräutigam
und der Braut dargestellt wird, nimmt auch Bezug auf die Einsetzung der Ehe nach
den Worten der Genesis (vgl. 2, 24). Er verbindet die Wahrheit über
die Ehe als Sakrament des »Anfangs« mit der Erschaffung von Mann und
Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 27; 5, 1). Durch
diesen bedeutsamen Vergleich des Epheserbriefes gewinnt seine volle Klarheit,
was für die Würde der Frau sowohl in den Augen Gottes - des
Schöpfers und Erlösers - als auch in den Augen des Menschen -
des Mannes und der Frau - entscheidend ist. Auf der Grundlage des ewigen
Planes Gottes ist die Frau diejenige, in der die Ordnung der Liebe in der
geschaffenen Welt der Personen das Erdreich für ihr erstes Wurzelfassen
findet. Die Ordnung der Liebe gehört zum inneren Leben Gottes selbst, zum
Leben des dreifaltigen Gottes. Im inneren Leben Gottes ist der Heilige Geist die
personhafte Verkörperung der Liebe. Durch den Geist, die ungeschaffene
Gabe, wird die Liebe zu einer Gabe für alle geschaffenen Personen. Die
Liebe, die von Gott ist, teilt sich den Geschöpfen mit: »Die Liebe
Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist« (Röm 5, 5).
Die Berufung der Frau zur Existenz neben dem Manne (»eine Hilfe, die
ihm entspricht«: Gen 2, 18) in der »Einheit der zwei«
bietet in der sichtbaren Welt der Geschöpfe besondere Voraussetzungen,
damit »die Liebe Gottes ausgegossen wird in die Herzen« der nach
seinem Bild geschaffenen Wesen. Wenn der Verfasser des Epheserbriefes Christus
einen Bräutigam und die Kirche eine Braut nennt, bestätigt er mit
dieser Analogie indirekt die Wahrheit über die Frau als Braut. Der
Bräutigam ist der Liebende. Die Braut wird geliebt: Sie empfängt
die Liebe, um ihrerseits zu lieben.
Der Abschnitt der Genesis - neu gelesen im Licht der bräutlichen
Symbolik des Epheserbriefes - läßt uns eine Wahrheit schauen,
die für die Frage der Würde der Frau und so auch für ihre
Berufung entscheidend zu sein scheint: Die Würde der Frau wird von der
Ordnung der Liebe bestimmt, die im wesentlichen eine Ordnung von
Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist.(58)
Nur die Person kann lieben, und nur die Person kann geliebt werden. Das ist
zunächst eine ontologische Feststellung, aus der sich dann eine
Feststellung ethischen Charakters ergibt. Die Liebe ist ein ontologisches und
ethisches Bedürfnis der Person. Die Person muß geliebt werden; denn
allein die Liebe entspricht dem, was eine Person ist. So erklärt sich das
Liebesgebot, das bereits im Alten Testament bekannt ist (vgl. Dtn
6, 5; Lev 19, 18) und von Christus in den Mittelpunkt des
evangelischen Ethos gestellt wird (vgl. Mt 22, 36-40; Mk 12,
28-34). So erklärt sich auch jener Vorrang der Liebe, der von
Paulus im ersten Korintherbrief ausgesprochen wird: »Am größten
ist die Liebe« (vgl 13, 13).
Ohne Anwendung dieser Ordnung und dieses Vorranges ist eine vollständige
und zutreffende Antwort auf die Frage nach der Würde und Berufung der Frau
gar nicht möglich. Wenn wir sagen, die Frau empfängt Liebe, um
ihrerseits zu lieben, meinen wir nicht nur oder vor allem die der Ehe eigene bräutliche
Beziehung. Wir meinen damit etwas Universaleres, das sich auf die Tatsache
selbst des Frauseins in den interpersonalen Beziehungen gründet, die dem
Zusammenleben und -wirken der Personen, von Männern und Frauen, die
verschiedenste Gestalt verleihen. In diesem weiten und differenzierten
Zusammenhang stellt die Frau einen Eigenwert dar als menschliche Person und
gleichzeitig als jene konkrete Person in ihrem Frausein. Das trifft auf
alle Frauen und auf jede einzelne von ihnen zu, unabhängig von dem
kulturellen Rahmen, in dem jede sich befindet, und unabhängig von ihren
geistigen, psychischen und körperlichen Merkmalen, wie zum Beispiel Alter,
Bildung, Gesundheit, Arbeit, verheiratet oder ledig.
Der Abschnitt des Epheserbriefes läßt uns an eine Art von
besonderem »Prophetentum« der Frau in ihrer Fraulichkeit denken. Die
Analogie des Bräutigams und der Braut spricht von der Liebe, mit der jeder
Mensch, jeder Mann und jede Frau, von Gott in Christus geliebt wird. Doch im
Rahmen der biblischen Analogie und auf Grund der inneren Logik des Textes ist es
gerade die Frau, die diese Wahrheit allen offenbar macht: die Braut. Dieses »prophetische«
Merkmal der Frau in ihrer Fraulichkeit findet seinen erhabensten Ausdruck in
der Jungfrau und Gottesmutter. Bei ihr wird auf vollkommenste und unmittelbarste
Weise die innige Vereinigung der Ordnung der Liebe - die durch eine Frau in die
Welt der menschlichen Personen einzieht - mit dem Heiligen Geist deutlich. Maria
vernimmt bei der Verkündigung: »Der Heilige Geist wird über dich
kommen« (Lk 1, 35).
Das Bewußtsein von einer Sendung
30. Die Würde der Frau ist eng verbunden mit der Liebe, die sie gerade
in ihrer Fraulichkeit empfängt, und ebenso mit der Liebe, die sie
ihrerseits schenkt. So wird die Wahrheit über die Person und über
die Liebe bestätigt. Was die Wahrheit über die Person betrifft, müssen
wir noch einmal auf das II. Vatikanische Konzil zurückkommen: »Der
Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden«.(59) Das gilt für jeden Menschen als nach Gottes
Bild geschaffene Person, für den Mann ebenso wie für die Frau. Die
hier enthaltene ontologische Aussage weist auch auf die ethische Dimension der
Berufung der Person hin. Die Frau kann sich nicht selbst finden, wenn sie
nicht den anderen ihre Liebe schenkt.
Am »Anfang« ist die Frau - wie der Mann - von Gott geschaffen und
in diese Ordnung der Liebe »hineingestellt« worden. Die Ursünde
hat diese Ordnung nicht zerstört und nicht rettungslos aufgehoben. Das
beweisen die Bibelworte des Protoevangeliums (vgl. Gen 3, 15).Wir haben
in den vorliegenden Betrachtungen gesehen, welchen einmaligen Platz die »Frau«
in diesem entscheidenden Text der Offenbarung einnimmt. Es sei außerdem
betont, daß dieselbe »Frau«, die zum biblischen »Urbild«
wird, auch in der von der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck
gebrachten eschatologischen Perspektive der Welt und des Menschen ihren Platz
hat.(60) Sie ist dort »eine Frau, mit der Sonne bekleidet«, den
Mond unter ihren Füßen und einen Kranz von zwölf Sternen auf
ihrem Haupt (vgl. Offb. 12, 1). Man kann sagen: eine Frau in kosmischer
Dimension, auf das gesamte Schöpfungswerk bezogen. Zugleich aber »ist
sie schwanger und schreit unter ihren Geburtswehen« (Offb 12, 2)
wie Eva, die »Mutter aller Lebendigen« (vgl. Gen 3, 20). Sie
leidet auch, weil »vor der Frau, die gebären soll, der Drache steht«
(vgl. Offb 12, 4), »der große Drache, die alte Schlange«
(vgl. Offb 12, 9), die wir schon aus dem Protoevangelium kennen: der Böse
als der »Vater der Lüge« und der Sünde (vgl. Joh 8,
44). Die »alte Schlange« will »ihr Kind (das Kind der Frau)
verschlingen« (vgl. Offb 12, 4). Wenn wir in diesem Text einen
Widerschein des Kindheitsevangeliums (vgl. Mt 2, 13. 16) sehen, können
wir meinen, daß zum biblischen »Urbild« der »Frau« vom
Beginn der Geschichte bis zu ihrem Ende der Kampf gegen das Böse und den Bösen
in Person gehört. Es ist dies auch der Kampf um den Menschen, um sein
wahres Wohl, um sein Heil. Will uns die Bibel damit nicht sagen, daß
die Geschichte gerade in der »Frau«, in Eva und Maria, einen
dramatischen Kampf um jeden Menschen verzeichnet? Den Kampf um sein
grundlegendes »Ja« oder »Nein« zu Gott und zu seinem ewigen
Plan für den Menschen?
Wenn die Würde der Frau von der Liebe zeugt, die sie empfängt, um
ihrerseits zu lieben, scheint das biblische Urbild der »Frau« auch
die rechte Ordnung der Liebe zu enthüllen, welche die
eigentliche Berufung der Frau darstellt. Es handelt sich hier um die
Berufung in ihrer fundamentalen und geradezu universalen Bedeutung, die dann
konkrete Gestalt annimmt und in den vielfältigen »Berufungen« der
Frau in Kirche und Welt zum Ausdruck kommt.
Die moralische Kraft der Frau und ihre geistige Kraft verbinden sich mit dem
Bewußtsein, daß Gott ihr in einer besonderen Weise den Menschen
anvertraut. Natürlich vertraut Gott jeden Menschen allen und jedem
einzelnen an. Doch dieses Anvertrauen betrifft in besonderer Weise die Frau -
eben wegen ihrer Fraulichkeit -, und es entscheidet in besonderer Weise über
ihre Berufung.
Die aus diesem Bewußtsein und diesem Anvertrauen geschöpfte
moralische Kraft der Frau findet in zahlreichen Frauengestalten aus dem Alten
Testament, aus der Zeit Christi und aus den folgenden Epochen bis herauf in
unsere Tage ihren Ausdruck. Die Frau ist stark im Bewußtsein der ihr
anvertrauten Aufgabe, stark, weil Gott »ihr den Menschen anvertraut«,
immer und überall, selbst unter den Bedingungen gesellschaftlicher
Diskriminierung, unter der sie vielleicht leben muß. Dieses Bewußtsein
und diese grundlegende Berufung erinnern die Frau an die Würde, die sie von
Gott selber empfängt, und das macht sie »stark« und festigt ihre
Berufung. So wird die »tüchtige Frau« (vgl. Spr 31, 10)
zu einer unersetzlichen Stütze und einer Quelle geistiger Kraft für
die anderen, die der großen Kräfte ihres Geistes gewahr werden.
Diesen »tüchtigen Frauen« haben ihre Familien und oft ganze
Nationen viel zu verdanken.
In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik
einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der einige begünstigt,
andere aber an den Rand abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt
auch zu einem schrittweisen Verlust der Sensibilität für den
Menschen, für das eigentlich Menschliche, führen. In diesem Sinne
erwartet vor allem unsere Zeit, daß jener »Genius« der Frau
zutage trete, der die Sensibilität für den Menschen, eben weil er
Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt: »Die
Liebe ist am größten« (vgl. 1 Kor 13, 13).
Ein aufmerksames Bedenken des biblischen Urbildes der »Frau« - vom
Buch der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes - bestätigt
also, worin Würde und Berufung der Frau bestehen und was an ihnen
unwandelbar und immer aktuell ist, weil es seinen »letzten Grund in
Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(61) Wenn
der Mensch von Gott in besonderer Weise der Frau anvertraut ist, bedeutet das
etwa nicht, daß Christus von ihr die Verwirklichung jenes »königlichen
Priestertums« (1 Petr 2, 9) erwartet, jenes Reichtums, den er den
Menschen zum Geschenk gemacht hat? Christus, der oberste und einzige Priester
des Neuen und Ewigen Bundes und Bräutigam der Kirche, hört nicht auf,
dem Vater dieses Erbe im Heiligen Geist darzubringen, damit Gott »alles in
allen« (1 Kor 15, 28) sei.(62)
Dann wird sich die Wahrheit, daß »am größten die Liebe
ist« (vgl. 1 Kor 13, 13), endgültig erfüllen.
IX.
SCHLUSS
»Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht«
31. »Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht« (Joh
4, 10), sagt Jesus zu der Samariterin in einem jener wunderbaren Gespräche,
die beweisen, wieviel Achtung er der Würde jeder Frau und ihrer Berufung,
die ihr die Teilnahme an seiner messianischen Sendung erlaubt, entgegenbringt.
Die vorliegende Betrachtung, die nun zum Schluß kommt, ist darauf
ausgerichtet, innerhalb des »Geschenkes Gottes« zu erkennen, was er
als Schöpfer und Erlöser der Frau, jeder Frau, anvertraut. Im Heiligen
Geist kann diese tatsächlich die gesamte Bedeutung ihres Frauseins
entdecken, sich auf diese Weise für ihre eigene »aufrichtige Hingabe«
an die anderen bereit machen und so auch sich selbst finden.
Im Marianischen Jahr möchte die Kirche der Heiligsten
Dreifaltigkeit für das »Geheimnis der Frau« und für jede
Frau Dank sagen - für das, was das ewige Maß ihrer
weiblichen Würde ausmacht, für »Gottes große Taten«,
die im Verlauf der Generationen von Menschen in ihr und durch sie geschehen
sind. Hat sich schließlich nicht in ihr und durch sie ereignet, was zum
Großartigsten in der Geschichte des Menschen auf Erden gehört - die
Menschwerdung Gottes selbst?
Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede
einzelne: für die Mütter, die Schwestern, die Ehefrauen; für
die Frauen, die sich in der Jungfräulichkeit Gott geweiht haben; für
die Frauen, die sich den unzähligen Menschen widmen, die die selbstlose
Liebe eines anderen Menschen erwarten; für die Frauen, die in ihrer
Familie, dem grundlegenden Zeichen menschlicher Gemeinschaft, über das
menschliche Dasein wachen; für die Frauen, die berufstätig sind und
oft schwere soziale Verantwortung zu tragen haben; für die »tüchtigen«
und für die »schwachen« Frauen - für alle: so wie sie
aus dem Herzen Gottes in der ganzen Schönheit und im vollen Reichtum ihres
Frauseins hervorgegangen sind; wie sie von seiner ewigen Liebe umfangen wurden;
wie sie, zusammen mit dem Mann, Pilgerinnen auf dieser Erde sind, die die
irdische »Heimat« der Menschen ist und sich bisweilen in ein »Tal
der Tränen« wandelt; wie sie, zusammen mit dem Mann, eine gemeinsame
Verantwortung übernehmen für das Geschick der Menschheit, was die
täglichen Bedürfnisse betrifft, wie auch hinsichtlich jener endgültigen
Bestimmung, welche die Menschheitsfamilie in Gott selber, im Schoß der
unergründlichen Dreifaltigkeit, besitzt.
Die Kirche sagt Dank für alle Äußerungen des weiblichen »Geistes«,
die sich im Laufe der Geschichte bei allen Völkern und Nationen gezeigt
haben; sie sagt Dank für alle Gnadengaben, mit denen der Heilige Geist die
Frauen in der Geschichte des Gottesvolkes beschenkt, für alle Siege, die
sie dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe von Frauen verdankt: Sie sagt Dank für
alle Früchte fraulicher Heiligkeit.
Gleichzeitig bittet die Kirche darum, daß diese unschätzbaren »Offenbarungen
des Geistes«, (vgl. 1 Kor 12, 4 ff.), mit denen die »Töchter«
des ewigen Jerusalem in großer Freigiebigkeit beschenkt wurden, sorgfältig
anerkannt und gewertet werden, damit sie gerade in unserer Zeit der Kirche und
der ganzen Menschheit »zum gemeinsamen Nutzen« gereichen. Während
sie das biblische Geheimnis der »Frau« betrachtet, betet die Kirche
darum, daß alle Frauen in diesem Geheimnis sich selbst und ihre »höchste
Berufung« finden.
Maria, die der ganzen Kirche »auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und
der vollkommenen Einheit mit Christus« vorangeht,(63) möge in dem
Jahr, das wir ihr geweiht haben, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend seit
dem Kommen Christi, uns allen auch diese »Frucht« erwirken.
Mit diesen Wünschen erteile ich allen Gläubigen und in besonderer
Weise den Frauen als Schwestern in Christus den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 15. August, dem Hochfest der Aufnahme
Marias in den Himmel des Jahres 1988, im 10. Jahr meines Pontifikates.
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