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NACHSYNODALES
EINLEITUNG Die Wunder des göttlichen Planes in Asien 1. Die Kirche in Asien preist »Gott, der uns Rettung bringt« (Ps 68,21), denn er hat asiatischen Boden gewählt, um durch Männer und Frauen dieses Kontinents die Verwirklichung seines Heilsplans einzuleiten. In Asien nämlich nahm die Offenbarung und Erfüllung des göttlichen Erlösungsplanes ihren Anfang. Gott führte die Patriarchen (vgl. Gen 12) und berief Mose, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien (vgl. Ex 3,10). Durch zahlreiche Propheten, Richter, Könige und unerschrockene Frauen des Glaubens sprach er zu seinem auserwählten Volk. »Als aber die Zeit erfüllt war« (Gal 4,4), sandte er seinen eingeborenen Sohn, Jesus Christus, den Erlöser, der als Asiate zur Welt kam! Voll Freude über die Hochherzigkeit der Menschen des Kontinents, ihre Kulturen und religiöse Vitalität und gleichzeitig im Bewußtsein der Einzigartigkeit des für das Wohl aller empfangenen Geschenks des Glaubens, verkündet die Kirche in Asien ohne Unterlaß: »Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig« (Ps 118,1). Weil nun Jesus im Heiligen Land zur Welt kam, dort lebte, starb und auferstand, wurde dieser kleine Teil Westasiens Boden der Verheißung und Hoffnung für die gesamte Menschheit. Jesus kannte und liebte dieses Land, machte sich die Geschichte, die Nöte und Hoffnungen jenes Volkes zu eigen; er liebte die Menschen, übernahm die Traditionen und das jüdische Erbe. In frühester Zeit hat Gott bereits dieses Volk auserwählt und sich ihm zur Vorbereitung auf das Kommen des Erlösers offenbart. Als Verkünderin des Evangeliums und gestärkt durch die Macht des Heiligen Geistes zog die Kirche von diesem Land hinaus in alle Welt: »um alle Völker zu meinen Jüngern zu machen« (vgl. Mt 28,19). Zusammen mit der überall verbreiteten kirchlichen Gemeinschaft wird die Kirche in Asien die Schwelle des dritten christlichen Jahrtausends überschreiten und voll Staunen auf das schauen, was Gott von Anfang an bis heute geschaffen hat, gestärkt durch das Bewußtsein, daß, »wie im ersten Jahrtausend das Kreuz auf dem Boden Europas gepflanzt wurde und im zweiten Jahrtausend auf dem Amerikas und Afrikas, wir beten [können], daß im dritten Jahrtausend eine große Glaubensernte auf diesem ausgedehnten und so lebendigen Kontinent reifen möge«.(1) Die Vorbereitung der Sonderversammlung 2. Im Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente habe ich im Hinblick auf das dritte christliche Jahrtausend ein auf die Herausforderungen der Neuevangelisierung konzentriertes Programm für die Kirche umrissen. Ein wesentliches Element dieses Plans war die Einberufung von Kontinentalsynoden, die den Bischöfen Gelegenheit geben sollten, die Frage der Evangelisierung entsprechend den jeweiligen lokalen Situationen und den Anforderungen jedes Erdteils zu erörtern. Diese durch das gemeinsame Thema der Evangelisierung verbundene Reihe von Synoden erwies sich als wichtiger Beitrag zur Vorbereitung der Kirche auf das Große Jubiläum des Jahres 2000. Im Hinblick auf die Sonderversammlung der Bischofssynode für Asien betonte ich in dem gleichen Schreiben, daß in jenem Teil der Welt »die Frage der Begegnung des Christentums mit den ältesten Kulturen und Lokalreligionen am ausgeprägtesten ist. Das ist eine große Herausforderung für die Evangelisierung, daß religiöse Systeme wie der Buddhismus oder der Hinduismus mit einem klaren Erlösungscharakter auftreten« (2) Es ist wirklich merkwürdig, daß der in Asien geborene Erlöser der Welt bis heute den Menschen eben dieses Kontinents weitgehend unbekannt geblieben ist. Die Synode war eine willkommene Gelegenheit für die Kirche in Asien, um über dieses Rätsel nachzudenken und den Einsatz für ihre Sendung, Jesus Christus allen näherzubringen, erneut zu bekräftigen. Zwei Monate nach der Veröffentlichung von Tertio millennio adveniente erinnerte ich in meiner Ansprache an die sechste Vollversammlung der Föderation katholischer Bischofskonferenzen Asiens in Manila, auf den Philippinen, anläßlich des unvergeßlichen zehnten Weltjugendtags die Bischöfe daran: »Wenn die Kirche in Asien die ihr von der Vorsehung zugedachte Aufgabe er füllen soll, dann muß die Evangelisierung als freudige, geduldige und fortgesetzte Verkündigung des Erlösungswerks des Todes und der Auferstehung Jesu Christi eure absolute Priorität sein.« (3) Während der Vorbereitungsphase zeigte sich die positive Einstellung der Bischöfe und Teilkirchen zum Vorschlag der Einberufung einer Sonderversammlung der Bischofssynode für Asien. In jeder Phase brachten sie in aller Offenheit und eingehender Kenntnis ihres Kontinents Wünsche und Ansichten zum Ausdruck im vollen Bewußtsein jener Bande der Einheit, die sie mit der Weltkirche verbinden. Dem anfänglichen Konzept der Tertio millennio adveniente und den Vorschlägen des vorsynodalen Rates entsprechend, der die Meinungen der Bischöfe und Teilkirchen des asiatischen Kontinents erwogen hatte, habe ich folgendes Thema für die Synode gewählt: Jesus Christus, der Erlöser, und seine Sendung der Liebe und des Dienstes in Asien: »damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10). Es war meine Hoffnung, daß durch diese besondere Formulierung des Themas die Synode »die Wahrheit über Christus als einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen und einzigen Erlöser der Welt erläutern und vertiefen würde, indem sie ihn klar von den Stiftern anderer großer Religionen unterscheidet«. (4) Während wir uns dem Großen Jubiläum nähern, muß die Kirche in Asien fähig sein, mit neuem Eifer zu sagen: Ecce natus est nobis Salvator mundi – »Der Erlöser der Welt wurde für uns – in Asien – geboren.« Die Durchführung der Sonderversammlung 3. Mit Gottes Gnade tagte die Sonderversammlung der Bischofssynode für Asien vom 18.April bis zum 14. Mai 1998 im Vatikan, nach der Afrikasynode von 1994 und der Amerikasynode von 1997, aber vor der Sonderversammlung für Ozeanien, die Ende 1998 stattfand. Fast einen Monat lang waren die um den Nachfolger Petri versammelten und das Geschenk der hierarchischen Gemeinschaft teilenden Synodenväter und die anderen Synodenteilnehmer Stimme und Antlitz der Kirche in Asien. Wohl kaum kann bezweifelt werden, daß es eine Zeit der Gnade war! (5) Frühere Versammlungen der asiatischen Bischöfe hatten zur Vorbereitung der Synode beigetragen und ein Klima intensiver kirchlicher und brüderlicher Gemeinschaft geschaf fen. Diesem Zweck dienten vor allem frühere Vollversammlungen und die von der Föderation asiatischer katholischer Bischofskonferenzen und ihren Dienststellen geförderten Seminar veranstaltungen, die in regelmäßigen Abständen zahlreiche Bischöfe Asiens zur Festigung ihrer Bande und Beziehungen des Dienstes zusammenkommen ließen. Mit Freude habe ich an einigen dieser Treffen teilnehmen und gelegentlich auch bei den jeweiligen feierlichen Eröffnungs- und Abschlußmessen als Hauptzelebrant fungieren können. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich die Begegnungen im Dialog zwischen den Hirten der verschiedenen Teilkirchen, einschließlich der orientalischen, miterleben. Diese und andere regionale Versammlungen der asiatischen Bischöfe waren ein willkommener Beitrag für die zukünftige Vorbereitung der Synodenversammlung Der eigentliche Synodenprozeß bestätigte die Bedeutung des Dialogs als kennzeichnende Eigenschaft des kirchlichen Lebens in Asien. Ein aufrichtiges und ehrliches Teilen von Erfahrungen, Ideen und Vorschlägen erwies sich als ein Weg echter geistlicher Begegnung, als Weg zu jener Gemeinschaft des Geistes und des Herzens, die in der Liebe die Verschiedenheiten achtet und sie überwindet. Ganz besonders bewegend war die Begegnung zwischen den neuen und den alten Kirchen, deren Ursprung auf die Apostel zurückgeht. Mit unermeßlicher Freude sahen wir die Hirten der Teilkirchen in Myanmar, Vietnam, Laos, Kambodscha, in der Mongolei, in Sibirien und den neuen zentralasiatischen Republiken an der Seite ihrer Brüder, die seit langem die Begegnung und den Dialog mit ihnen suchten. Bedauerlich war jedoch die Tatsache, daß die Bischöfe der Volksrepublik China nicht anwesend sein konnten. Ihr Fehlen wurde zu einer ständigen Erinnerung an die heroischen Opfer und Leiden, welche die Kirche in vielen Teilen Asiens weiterhin auf sich nimmt. Die Begegnung im Dialog zwischen den Bischöfen und dem Nachfolger Petri, dem die Aufgabe anvertraut ist, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dient dazu, sie im Glauben und in der Sendung zu festigen. Tag für Tag waren die Synodenaula und die Versammlungsräume erfüllt vom Zeugnis tiefen Glaubens, aufopfernder Liebe, unerschütterlicher Hoffnung, lang erprobter Einsatzbereitschaft, beharrlichen Mutes, barmherziger Vergebung. In den verschiedenen Beiträgen kam die Wahrheit der Worte Jesu deutlich zum Ausdruck: »Ich bin bei euch alle Tage« (Mt 28,20). Die Synode war eine Zeit der Gnade, eine Begegnung mit dem Erlöser, der immer gegenwärtig ist in seiner Kirche durch die Kraft des Heiligen Geistes, die wir im brüderlichen Dialog des Lebens, der Gemeinschaft und der Sendung erfahren. Die Früchte der Sonderversammlung teilen 4. Durch dieses nachsynodale Schreiben möchte ich mit der in Asien und in der ganzen Welt gegenwärtigen Kirche die Früchte der Sonderversammlung teilen. Das Dokument will eine Darlegung der reichen Früchte der Synode sein, jenes großen geistlichen Ereignisses bischöflicher Gemeinschaft und Kollegialität zur Erinnerung an die Entstehung des Christentums in Asien. Die Synodenväter sprachen von der ersten christlichen Gemeinde, der Urkirche, der kleinen Herde Jesu auf diesem enormen Kontinent (vgl. Lk 12,32). Sie erinnerten an das, was die Kirche von Anfang an empfangen und gehört hatte (vgl. Offb 3,3) und priesen die nie versiegende »große Güte« Gottes (Ps 145,7). Die Synode war auch eine Gelegenheit zur Anerkennung alter religiöser Traditionen und Kulturen, der tiefgründigen Philosophien und Weisheiten, die das heutige Asien geformt haben. Vor allem wurde von den asiatischen Völkern selbst, dem wahren Reichtum des Kontinents und der Hoffnung für die Zukunft, gesprochen. Diejenigen unter uns, die an der Synode teilgenommen haben, waren Zeugen einer ausgesprochen fruchtbaren Begegnung zwischen alten und neuen Kulturen und Zivilisationen Asiens, wundervoll anzusehen in ihren Verschiedenheiten und Übereinstimmungen, insbesondere wenn Symbole, Gesang, Tanz und Farben in harmonischer Eintracht an der einen Mensa des Herrn bei der eucharistischen Eröffnungs- und Abschlußfeier zusammentrafen. Die Synode war keineswegs ein von Stolz über erzielte menschlichen Erfolge motivierter Anlaß, sondern vielmehr ein Ereignis im Bewußtsein dessen, was der Allmächtige für die Kirche in Asien getan hat (vgl. Lk 1,49). Die Erinnerung an die bescheidenen Umstände der katholischen Gemeinschaft und die Schwachheit ihrer Mitglieder ließ die Synode auch zu einem Ruf nach Erneuerung werden, damit die Kirche in Asien jener Gnaden stets würdiger werde, die Gott ihr immerfort schenkt. Die Synode war nicht nur feierliches Ereignis und Erinnerung, sondern auch tiefe Zustimmung zum Glauben an Jesus Christus, den Erlöser. Als Ausdruck ihrer Dankbarkeit für das Geschenk des Glaubens gaben die Synodenväter diesem ihre unverkürzte Zustimmung und dachten über den Kontext nach, in dem er im heutigen Asien verkündet und bezeugt werden muß. Häufig betonten sie, daß trotz großer Schwierigkeiten der Glaube vielfach schon heute voll Zuversicht und Mut auf dem asiatischen Kontinent verkündet wird. Im Namen vieler Millionen Menschen in Asien, die nur ihm, dem Herrn, vertrauen, bekannten die Synodenväter: »Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes« ( Joh 6,69). Angesichts zahlreicher schmerzlicher, mit Leiden, Gewalt, Diskriminierung und Armut verbundener Situationen, von denen die Bevölkerung Asiens weitgehend betroffen ist, haben sie gebetet: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24). Im Jahre 1995 forderte ich die in Manila versammelten asiatischen Bischöfe auf, »die Türen und Tore Asiens weit für Christus zu öffnen«.(6) Im Vertrauen auf das Geheimnis der Gemeinschaft mit unzähligen, oft unbekannten Märtyrern des Glaubens in Asien und durch die immerwährende Präsenz des Heiligen Geistes in der Hoffnung bestärkt, richteten die Synodenväter einen mutigen Aufruf an die Jünger Christi in Asien und forderten sie zu neuem missionarischen Einsatz auf. Während der Synodenversammlung legten die Bischöfe ebenso wie andere Teilnehmer Zeugnis ab von jener prägenden Kraft, jenem geistlichen Feuer und Eifer, die Asien im kommenden Jahr tausend sicher zu einem Kontinent der überreichen Ernte machen werden. KAPITEL I DER ASIATISCHE KONTEXT Asien, Geburtsort Christi und der Kirche 5. Die Menschwerdung des Gottessohnes, deren Gedächtnis die gesamte Kirche mit dem Großen Jubiläum des Jahres 2000 feiern wird, ereignete sich in einem bestimmten historischen und geographischen Kontext, der das Leben und die Sendung des menschgewordenen Erlösers wesentlich beeinflußt hat. »Gott hat in Jesus Christus die der menschlichen Natur eigenen Wesensmerkmale angenommen, die notwendige Zugehörigkeit des Menschen zu einem bestimmten Volk und einem bestimmten Land eingeschlossen. … Die physische Konkretheit des Landes und seine geographischen Koordinaten werden eins mit der Wahrheit des menschlichen Fleisches, das vom Wort angenommen wurde.« (7) Folglich ist die Kenntnis der Welt, in der der Erlöser »unter uns gewohnt hat« (vgl . Joh 1,14), ein wichtiger Schlüssel für ein genaueres Verständnis des vom ewigen Vater entworfenen Planes und seiner grenzenlosen Liebe zu jedem seiner Geschöpfe: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3,16). Auf gleiche Art und Weise lebt und erfüllt die Kirche ihre Sendung in konkreten zeitlichen und räumlichen Situationen. Wenn das Volk Gottes in Asien durch die Neuevangelisierung dem göttlichen Willen ihm gegenüber entsprechen will, muß es sich der komplexen Wirklichkeit dieses Kontinents zutiefst bewußt sein. Die Synodenväter haben hervorgehoben, daß die Sendung der Liebe und des Dienstes der Kirche in Asien von zwei Faktoren bestimmt wird: einerseits das Bewußtsein ihrer Rolle als eine um die Hirten versammelte Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi; andererseits die auf dem riesigen asiatischen Kontinent extrem unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen, religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Realitäten, (8) die im Verlauf der Synode eingehend von denen untersucht wurden, die täglich damit in Berührung kommen. Folgendes ist eine synthetische Darlegung der während der Synode herangereiften Ergebnisse. Religiöse und kulturelle Realitäten 6. Asien ist der größte Kontinent der Erde, auf dem etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, während sich auf China und Indien allein fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung konzentriert. Auffallend ist in Asien vor allem die Verschiedenartigkeit seiner Völker, »Erben alter Kulturen, Religionen und Traditionen«.(9) Aber auch die enorme zahlenmäßige Größe der Bevölkerung Asiens ist unweigerlich beeindruckend, ebenso das bunte Mosaik seiner vielen Kulturen, Sprachen, Überzeugungen und Traditionen – zweifellos ein wesentlicher Teil der Geschichte und des Erbgutes der menschlichen Familie. Asien ist auch die Wiege der großen Weltreligionen wie Judentum, Christentum, Islam und Hinduismus. Hier entstanden viele weitere spirituelle Traditionen, wie Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Parsismus, Jainismus, Sikh und Shintoismus. Außerdem sind Millionen von Menschen Anhänger traditioneller oder Stammesreligionen auf unterschiedlicher Stufe, was Riten, Strukturen und formelle religiöse Unterweisung angeht. Die Kirche begegnet diesen Traditionen mit größter Hochachtung und bemüht sich um einen aufrichtigen Dialog mit deren Anhängern. Die von ihnen gelehrten religiösen Werte erwarten ihre Erfüllung in Jesus Christus. Die Bevölkerung Asiens ist stolz auf ihre religiösen und charakteristischen kulturellen Werte, wie beispielsweise die Liebe zur Stille und Kontemplation, Einfachheit, Harmonie, Loslösung, Gewaltlosigkeit, der Sinn für harte Arbeit, Disziplin, Genügsamkeit, der Drang nach Wissen und philosophischer Erkenntnis.(10) Hochgeachtet sind Werte wie Achtung vor dem Leben, Mitgefühl für alle Lebewesen, Naturverbundenheit, respektvolle Haltung der Kinder gegenüber den Eltern, alten Menschen, den Vorfahren sowie ein ausgeprägter Gemeinschaftsgeist.(11) Insbesondere betrachtet man die Familie als unerläßliche Quelle der Kraft, als engverbundene, von starkem Solidaritätsgeist gekennzeichnete Gemeinschaft.(12) Die Völker Asiens sind bekannt für die religiöse Toleranz und den Geist friedlicher Koexistenz. Ohne Spannungen und harte Konflikte leugnen zu wollen, kann dennoch gesagt werden, daß Asien oft eine große Anpassungsfähigkeit und eine natürliche Offenheit für die gegenseitige Bereicherung der Völker in einer Vielfalt von Religionen und Kulturen bewiesen hat. Darüber hinaus zeigen die Religionen Asiens trotz der Beeinflussung durch Modernisierung und Verweltlichung eine große Vitalität und Erneuerungsfähigkeit, wie die Reformbewegungen innerhalb der verschiedenen Religionsgruppen beweisen. Viele, insbesondere unter den Jugendlichen, zeigen ein tiefes Verlangen nach spirituellen Werten, was das Aufkommen neuer religiöser Bewegungen deutlich macht. All das ist Ausdruck einer das asiatische Wesen kennzeichnenden natürlichen spirituellen Eingebung und moralischen Weisheit, jener Kern, um den sich das wachsende Bewußtsein bildet, »Asiaten» zu sein. Dieses Bewußtsein läßt sich weniger durch Gegensätzlichkeit oder Opposition finden und festigen als vielmehr durch Komplimentarität und Harmonie. In einem solchen Rahmen der Komplimentarität und Harmonie kann die Kirche das Evangelium auf eine Art und Weise verkünden, die sowohl der ihr eigenen Tradition als auch dem asiatischen Wesen entspricht. Wirtschaftliche und soziale Realitäten 7. Im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung sind die jeweiligen Bedingungen auf dem asiatischen Kontinent sehr unterschiedlich und entgehen jeder vereinfachenden Klassifizierung. Einige Länder sind hochentwickelt, andere fördern ihre Entwicklung durch angemessene wirtschaftspolitische Strategien, während wiederum andere noch immer in tiefster Armut leben und zweifellos zu den weltweit ärmsten Nationen gehören. Dieser Entwicklungsprozeß führt insbesondere in städtischen Gebieten zu Materialismus und Säkularisierung. Diese die traditionellen, gesellschaftlichen und religiösen Werte bedrohenden Ideologien können den asiatischen Kulturen unermeßlichen Schaden zufügen. Die Synodenväter haben von dem raschen Wandel der asiatischen Gesellschaften und seinen positiven und negativen Aspekten gesprochen, wie beispielsweise über das Phänomen der Landflucht und das Heranwachsen riesiger Städte, oft mit ausgedehnten rückständigen Gebieten, wo organisiertes Bandentum, Terrorismus, Prostitution und die Ausbeutung der schwächsten gesellschaftlichen Gruppierungen dominieren. Auffallend ist auch ein weiteres soziales Phänomen, die Emigration, welche Millionen von Menschen in wirtschaftliche, kulturelle und moralische Schwierigkeiten bringt. Verantwortlich für die interne oder auch externe Emigration sind unter anderem Armut, Krieg, ethnische Konflikte, Verweigerung von Menschenrechten und Grundfreiheiten. Das Entstehen riesiger Industriekomplexe ist eine weitere Ursache der Migration, sowohl der Binnen- als auch der Auslandsmigration, mit verheerenden Auswirkungen auf das Familienleben und dessen grundlegende Werte. Erwähnt wurde auch der Bau von Atomkraftwerken, die insbesondere unter dem Aspekt von Kosten und Leistungsfähigkeit gesehen werden, denen aber im Hinblick auf Sicherheit und Umweltschutz nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Tourismus ist ein weiterer Bereich, der ganz besondere Beachtung erfordert. Obwohl es sich um einen durchaus legitimen Gewerbezweig mit eigenen kulturellen und bildungsmäßigen Werten handelt, hat der Tourismus in manchen Fällen einen in moralischer und physischer Hinsicht verheerenden Einfluß auf die Physiognomie zahlreicher asiatischer Länder, wie die Entwürdigung von jungen Frauen und auch von Kindern durch Prostitution beweist.(13) Die Seelsorge für Emigranten und Touristen ist eine schwierige und komplexe Aufgabe vor allem in Asien, wo es an geeigneten Strukturen für diesen Zweck fehlt. Auf allen Ebenen muß die pastorale Arbeit diese Realitäten berücksichtigen. Keineswegs dürfen wir die Emigranten der orientalischen katholischen Kirchen vergessen, die eine ihren eigenen Traditionen entsprechende Seelsorge benötigen.(14) Verschiedene Länder Asiens haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die mit dem raschen Bevölkerungswachstum verbunden sind, was »nicht lediglich ein demographisches oder wirtschaftliches, sondern vielmehr ein moralisches Problem ist«.(15) Zweifellos steht die Bevölkerungsfrage in unmittelbarem Zusammenhang mit der menschlichen Entwicklung, aber viele irrige Lösungen bedrohen die Würde und Unantastbarkeit des Lebens und sind somit eine ganz besondere Herausforderung für die Kirche in Asien. Erwähnenswert ist an dieser Stelle vielleicht der Beitrag der Kirche zur Verteidigung und Förderung des Lebens durch den Einsatz im Bereich des Gesundheitswesens, auf dem Sektor der sozialen Entwicklung, der Erziehung und Bildung, und ihre besondere Hinwendung zu den Armen. Wie angemessen war doch die hohe Wertschätzung für Mutter Therese von Kalkutta, »deren Namen und selbstloser Einsatz für die Ärmsten der Armen in der ganzen Welt berühmt war«.(16) Sie war und ist ein Vorbild für den Dienst am Leben, den die Kirche dem asiatischen Kontinent anbietet, in mutigem Gegensatz zu den zahlreichen zwielichtigen in der Gesellschaft wirkenden Kräften. Verschiedene Synodenväter haben die von außen auf die asiatischen Kulturen einwirkenden Einflüsse hervorgehoben. Neue Verhaltensformen kommen auf, die auf den übertriebenen Gebrauch von Kommunikationsmitteln und ganz allgemein von Literatur, Musik und Film zurückzuführen sind, die sich überall auf dem Kontinent ausbreiten. Ohne die zweifellos positiven Aspekte der Massenkommunikationsmittel bestreiten zu wollen,(17) kann jedoch ihr oft negativer Einfluß nicht übersehen werden. Die positiven Auswirkungen werden zuweilen zunichte gemacht, wenn diese Mittel von denjenigen kontrolliert und eingesetzt werden, die zweifelhafte politische, wirtschaftliche und ideologische Interessen vertreten. In direkter Folge sind die negativen Aspekte der Medien- und Unterhaltungsindustrie eine Gefahr für die traditionellen Werte, insbesondere die Heiligkeit der Ehe und die Stabilität der Familie. Die Wirkung, die durch die Darstellung von Gewalt, Hedonismus, zügellosem Individualismus und Materialismus erzielt wird, »treffen das Herz der asiatischen Kulturen, den religiösen Charakter von Personen, Familien und ganzen Gesellschaften«.(18) Diese Situation ist eine große Herausforderung für die Kirche und die Verkündigung ihrer Botschaft. Die anhaltende Realität der Armut und der Ausbeutung der Menschen ist ein drängendes und besorgniserregendes Problem. In Asien leben Millionen von Menschen in einem Zustand ständiger Unterdrückung; seit Jahrhunderten führen sie in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht ein Dasein am Rande der Gesellschaft.(19) Im Hinblick auf die Stellung der Frau in den asiatischen Gesellschaften stellten die Synodenväter fest, daß, »obwohl das zunehmende Bewußtsein der Frauen bezüglich ihrer Würde und Rechte eines der bedeutendsten Zeichen unserer Zeit ist, ihre Armut und ihre Ausnutzung in ganz Asien ein ernstes Problem bleibt«.(20) Analphabetentum ist unter Frauen wesentlich weiter verbreitet als unter Männern; Mädchen werden weitaus häufiger abgetrieben oder sofort nach der Geburt getötet. Ferner leben Millionen von Indigenen und Stammesvölkern in vollkommener gesellschaftlicher, kultureller und politischer Isolation gegenüber der dominierenden Bevölkerung.(21) Trostspendend war die Versicherung der bei der Synode anwesenden Bischöfe, daß in verschiedenen Fällen diesen Problemen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene wachsende Aufmerksamkeit geschenkt wird und die Kirche aktiv versucht, dieser ernsten Situation entgegenzuwirken. Die Synodenväter betonten, daß die notwendigerweise knappe Reflexion über die Aspekte der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten Asiens ohne die Berücksichtigung des starken Wirtschaftswachstums zahlreicher asiatischer Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten nicht vollständig sein könne: Tag für Tag wächst eine neue Generation von Facharbeitern, Wissenschaftlern und Technikern heran, deren große Anzahl vielversprechend ist für die Entwicklung Asiens. Dennoch ist nicht alles sicher und beständig in diesem Prozeß, was die jüngsten, umfangreichen Finanzkrisen deutlich gezeigt haben, von denen viele Länder des Kontinents betroffen waren. Die Zukunft Asiens liegt in der Kooperation, sowohl inner halb des Kontinents wie auch mit außerasiatischen Nationen, die jedoch stets auf dem aufbauen muß, was die Völker Asiens selbst für ihre eigene Entwicklung leisten. Politische Realitäten 8. Stets braucht die Kirche eine genaue Vorstellung von der politischen Situation der verschiedenen Länder, in denen sie ihre Sendung versieht. Heute ist das politische Panorama in Asien von überaus komplexer Natur mit zahlreichen verschiedenen Ideologien, die Regierungsformen von der Demokratie bis zur Theokratie inspirieren. Bedauerlicherweise sind auch Militärdiktaturen und atheistische Ideologien vertreten. Einige Länder haben eine offizielle Staatsreligion, die Minderheiten und Anhängern anderer Religionen wenig oder überhaupt keine Religionsfreiheit einräumt. Andere, zwar nicht ausgesprochen theokratische Staaten, degradieren Minderheiten zu Bürgern zweiter Klasse in offener Mißachtung der Grundrechte des Menschen. Mancherorts werden Christen als Verräter des eigenen Landes angesehen,(22) werden verfolgt und haben keinen Anspruch auf ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft. Insbesondere erwähnten die Synodenväter das chinesische Volk und gaben dem innigen Wunsch Ausdruck, daß eines Tages alle Katholiken Chinas ihre Religion frei ausüben und offen ihre volle Gemeinschaft mit dem Hl. Stuhl bekennen können.(23) Den Fortschritt vieler Länder Asiens verschiedener Regierungsformen durchaus anerkennend, machten die Synodenväter dennoch auch auf das verbreitete Phänomen der Korruption aufmerksam, das auf unterschiedlichen Ebenen sowohl in Regierungskreisen als auch in der Gesellschaft existiert.(24) Allzu oft scheinen die Menschen nicht in der Lage zu sein, sich gegen korrupte Politiker, Gerichts- oder Verwaltungsbeamte sowie Bürokraten zu verteidigen. Doch ist das wachsende Bewußtsein der asiatischen Bevölkerung hinsichtlich ihrer Fähigkeit, ungerechte Strukturen zu ändern, nicht zu übersehen. Erneut fordert man größere soziale Gerechtigkeit, größere Beteiligung an der Regierung und am Wirtschaftsleben, gleiche Ausbildungschancen und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen des Landes. Die Bürger werden sich ihrer Würde und ihrer Rechte als Menschen in zunehmendem Maße bewußt und zeigen eine immer größere Entschlossenheit, sie zu verteidigen. Ethnische, soziale und kulturelle Minderheiten, die lange Zeit kein Lebenszeichen von sich gegeben hatten, suchen nun nach Wegen, um die eigene soziale Entwicklung zu fördern. Der Geist Gottes unterstützt und fördert die Bemühungen derer, die sich für die Erneuerung der Gesellschaft einsetzen, damit sich das Streben des Menschen nach dem Leben, dem Leben in Fülle, nach dem Willen Gottes verwirkliche (vgl. Joh 10,10). Die Kirche in Asien: Vergangenheit und Gegenwart 9. Die Geschichte der Kirche in Asien ist so alt wie die Kirche selbst, denn in Asien hauchte Jesus seinen Jüngern den Heiligen Geist ein und sandte sie in alle Welt, um die Frohbotschaft zu verkünden und christliche Glaubensgemeinschaften zu gründen. »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21, vgl. Mt 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 24,47; Apg 1,8). Dem Auftrag des Herrn folgend, verkündeten sie das Evangelium und gründeten Kirchen. Es ist sicherlich nützlich, einige Elemente dieser faszinierenden und komplexen Geschichte auf asiatischem Boden in Erinnerung zu rufen. Von Jerusalem aus verbreitete sich die Kirche in Antiochien, in Rom und darüber hinaus bis nach Äthiopien im Süden, nach Skytien im Norden und nach Indien im Osten, wo nach der Tradition der Apostel Thomas 52 n. Chr. im Süden des Landes Kirchen gründete. Ein außerordentlicher missionarischer Geist kennzeichnete im dritten und vierten Jahrhundert die ostsyrische Gemeinde mit ihrem Zentrum Edessa. Vom dritten Jahrhundert an waren die asketischen Gemeinden Syriens von grundlegender Bedeutung für die Evangelisierung Asiens und vermittelten besonders in Zeiten der Verfolgung die geistliche Kraft der Kirche. Armenien war zu Ende des dritten Jahrhunderts die erste Nation, die das Christentum annahm: Heute bereitet es sich auf den 1700. Jahrestag seiner Taufe vor. Gegen Ende des fünften Jahrhunderts war die christliche Botschaft bis zu den arabischen Reichen vorgedrungen, wo sie jedoch aus verschiedenen Gründen, einschließlich der Spaltungen unter den Christen, keine Wurzeln schlagen konnte. Im fünften Jahrhundert brachten persische Händler die Frohbotschaft nach China, wo Anfang des siebten Jahrhunderts die erste christliche Kirchengemeinde errichtet wurde. Während der T’ang-Dynastie (618–907) erlebte die Kirche eine zweihundertjährige Blüte. Der Niedergang der lebendigen Kirche in China gegen Ende des ersten Jahrtausends gehört zu den traurigsten Kapiteln der Geschichte des Gottesvolkes auf dem asiatischen Kontinent. Im dreizehnten Jahrhundert gab es Versuche, die Frohbotschaft den Mongolen, den Türken und auch wieder den Chinesen zu verkünden, aber aus vielerlei Gründen ging das Christentum fast völlig unter in diesen Gebieten: unter anderem durch das Aufkommen des Islam, die geographische Isolierung, das Fehlen einer entsprechenden Anpassung an die lokalen Kulturen und wohl vor allem aufgrund der mangelhaften Vorbereitung auf die Begegnung mit den großen Religionen Asiens. Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts kam es zu einem dramatischen Rückgang der kirchlichen Präsenz in Asien, von der lediglich die isolierte Gemeinschaft in Südindien ausgenommen war. Die Kirche in Asien mußte auf eine neue Ära missionarischer Tätigkeit warten. Das apostolische Bemühen des hl. Franz Xaver, die Gründung der Kongregation »Propaganda Fide« durch Papst Gregor XV. und die Weisungen an die Missionare, lokale Kulturen zu achten und zu schätzen, trugen im Lauf des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts dazu bei, positivere Resultate zu erzielen. Das neunzehnte Jahrhundert erlebte ein neues Erwachen der missionarischen Tätigkeit, und verschiedene Ordensgemeinschaften widmeten sich ausschließlich dieser Aufgabe. Die »Propaganda Fide« wurde neu organisiert; der Aufbau von Ortskirchen erhielt größere Bedeutung; erzieherische und karitative Initiativen kamen zusammen mit der Verkündigung des Evangeliums. Die Frohbotschaft erreichte somit eine stets größere Anzahl von Menschen, insbesondere unter den Armen und Benachteiligten, aber hier und da auch unter der gesellschaftlichen und intellektuellen Elite. Man unternahm neue Versuche zur Inkulturation der Frohbotschaft, die sich jedoch als vollkommen unzulänglich erwiesen. Trotz ihrer jahrhundertelangen Präsenz und ihres apostolischen Einsatzes war die Kirche in vielen Teilen Asiens noch immer fremd, und in der Mentalität des Volkes wurde sie tatsächlich oft mit den Kolonialmächten gleichgestellt. Das war die Situation zu Beginn des II. Vatikanischen Konzils. Doch durch seine Impulse reifte in der Kirche ein neues Verständnis ihrer Sendung heran; es kam wieder Hoffnung auf. Die Universalität des göttlichen Heilsplanes, die missionarische Natur der Kirche und – in ihrem Inneren – die Verantwortung jedes einzelnen gegenüber den Aufgaben, die das Konzilsdekret über die Missionstätigkeit Ad gentes nachdrücklich bekräftigt, sind maßgebliche Anhaltspunkte zur Erneuerung unseres Einsatzes. Während der Synodenversammlung haben die Väter von dem erneuten Anwachsen der Kirchengemeinden unter vielen verschiedenen Völkern in mehreren Teilen des Kontinents berichtet und gleichzeitig zu neuen missionarischen Initiativen für die kommenden Jahre aufgerufen, vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß sich in den Regionen Zentralasiens, wie beispielsweise in Sibirien oder in Ländern wie Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan, die erst vor kurzem unabhängig geworden sind, neue Wege der Verkündigung des Evangeliums auftun.(25) Ein Überblick über die katholischen Gemeinden Asiens zeigt eine wunderbare Vielfalt bei der Betrachtung der Entstehung, der geschichtlichen Entwicklung wie auch der verschiedenen spirituellen und liturgischen Traditionen der jeweiligen Riten. Jedoch alle gemeinsam verkünden sie die Frohbotschaft Jesu Christi durch das christliche Zeugnis und Werke der Barmherzigkeit und menschlicher Solidarität. Während einige Teilkirchen ihren Auftrag in einem Klima des Friedens und der Freiheit erfüllen können, sind andere mit Gewalttätigkeit und Konflikten konfrontiert oder fühlen sich aus religiösen oder anderen Gründen von verschiedenen Gruppen bedroht. In der so unterschiedlichen kulturellen Welt Asiens steht die Kirche vor speziellen philosophischen, theologischen und pastoralen Problemen, und ihre Aufgabe wird durch ihre Stellung als Minderheit zusätzlich erschwert; einzige Ausnahme sind die Philippinen, wo die Katholiken die Mehrheit bilden. Welche Umstände auch immer vorherrschen, ist die Kirche in Asien unter Menschen mit einem starken Verlangen nach Gott, und sie weiß, daß Jesus Christus, die Frohbotschaft Gottes für alle Nationen, diesem Verlangen voll und ganz entsprechen kann. Es ist ein ausdrückliches Anliegen der Synodenväter, daß das vorliegende Nachsynodale Apostolische Schreiben auf diesen Wunsch eingeht und die Kirche in Asien ermutigt möge, mit kraftvollen Worten und Taten Jesus Christus, den Erlöser, zu verkünden. Der Geist Gottes, stets wirksam in der Geschichte der Kirche in Asien, wird diese auch weiterhin führen. Und zahlreiche positive, in den Ortskirchen vorhandene Elemente, die die Synode oft hervorgehoben hat, stärken die Hoffnung auf einen »neuen Frühling christlichen Lebens«.(26) Grund zur Hoffnung gibt die wachsende Zahl gut ausgebildeter, begeisterter und vom Heiligen Geist erfüllter Laien, die sich ihrer besonderen Berufung innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft in zunehmendem Maße bewußt sind. Hier muß vor allem den Katechisten ein dankbares Lob ausgesprochen werden.(27) Auch die apostolischen und charismatischen Bewegungen sind eine Gabe des Heiligen Geistes, denn durch sie erhält die Bildung der Laien, der Familien und Jugendlichen neues Leben und Kraft.(28) Durch die kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen, die sich für die Förderung der Menschenwürde und der Gerechtigkeit einsetzen, wird der universale Charakter der Botschaft des Evangeliums von unserer Gotteskindschaft schließlich verständlich und faßbar (vgl. Röm 8,15–16). Gleichzeitig gibt es Kirchen, die unter schwierigsten Bedingungen leben und »deren Glaubenspraxis schweren Prüfungen unterliegt«. (29) Tiefbewegt waren die Synodenväter von den Berichten über das heroische Zeugnis, die unbeugsame Standhaftigkeit und das kontinuierliche Wachstum der katholischen Kirche in China, die Bemühungen der Kirche in Südkorea zur Unterstützung der nordkoreanischen Bevölkerung, die geduldige Beharrlichkeit der katholischen Gemeinde Vietnams, die Isolation der Christen in Laos und Myanmar, die problematische Koexistenz mit der Mehrheit in verschiedenen überwiegend islamischen Staaten.(30) Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete die Synode der Kirche im Heiligen Land und in der Heiligen Stadt Jerusalem, »dem Herzen des Christentums«,(31) dieser allen Kindern Abrahams teuren Stadt. Die Synodenväter äußerten die Meinung, der Friede in der Region und selbst in der ganzen Welt hänge weitgehend von der Wiederversöhnung und dem Frieden ab, die Jerusalem seit langem fehlen. (32) Dieser notwendigerweise unvollständige Überblick über die Situation der Kirche in Asien kann nicht abgeschlossen werden, ohne die Heiligen und Märtyrer Asiens zu erwähnen: die offiziell heiliggesprochenen und diejenigen, die allein Gott kennt. Ihr Beispiel ist eine Quelle »spirituellen Reichtums und ein wertvolles Instrument der Evangelisierung«.(33) Durch ihr Schweigen sprechen sie auf wirksame Art und Weise von der Heiligkeit des Lebens und von der Bereitschaft, das eigene Leben für das Evangelium hinzugeben. Sie sind die Lehrmeister und Beschützer, der Ruhm der Kirche Asiens und des Werkes ihrer Evangelisierung. Gemeinsam mit der ganzen Kirche bitte ich den Herrn, noch weiterhin Arbeiter für die schon große Ernte der Seelen auszusenden (vgl. Mt 9,37–38). In dieser Hinsicht möchte ich daran erinnern, was ich schon in meiner Enzyklika Redemptoris missio betonte: »Gott öffnet der Kirche die Horizonte einer Menschheit, die für den Samen des Wortes der Frohbotschaft leichter empfänglich ist.«(34) Neue und vielversprechende Horizonte öffnen sich in Asien, wo Jesus zur Welt kam und das Christentum seinen Anfang nahm.
KAPITEL II JESUS, DER ERLÖSER. EIN GESCHENK FÜR ASIEN Das Geschenk des Glaubens 10. Im Lauf der Synodendebatte über die komplexe asiatische Wirklichkeit wurde allen zunehmend einsichtiger, daß die Verkündigung Jesu Christi, wahrer Gott und wahrer Mensch, einziger und alleiniger Erlöser der Menschheit, der besondere Beitrag der Kirche für die Völker dieses Kontinents ist.(35) Durch den Glauben an Jesus Christus unterscheidet sich die Kirche von anderen Religionsgemeinschaften; und sie kann dieses kostbare Licht des Glaubens nicht für sich behalten und ein Gefäß darüber stellen (vgl. Mt 5,15), denn ihrem Auftrag gemäß muß sie den Glauben mit allen teilen. »Sie möchte allen Völkern Asiens, die auf der Suche nach der Fülle des Lebens sind, das neue Leben bieten, das sie in Jesus Christus gefunden hat, damit sie in der Kraft des Heiligen Geistes dieselbe Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus haben können.«(36) Dieser Glaube an Jesus Christus ist es, der die oft unter schwierigen, wenn nicht gar gefährlichen Bedingungen geleistete Evangelisierungsarbeit der Kirche in Asien inspiriert. Die Synodenväter betonten, daß die Verkündigung Jesu als einziger Erlöser in ihren Kulturen zu besonderen Schwierigkeiten führen könnte, denn viele Religionen Asiens lehren, göttliche Selbstoffenbarungen zu sein, die das Heil vermitteln. Die Herausforderungen, die sich ihrer Tätigkeit der Evangelisierung stellten, haben die Synodenväter nicht entmutigt. Vielmehr wurden sie dadurch bestärkt in der Vermittlung »des Glaubens, den die Kirche in Asien von den Aposteln übernommen hatte und den sie mit der allzeit und allerorts gegenwärtigen Kirche bewahrt«(37) in der Überzeugung, daß »das Herz der Kirche in Asien von Sorge erfüllt sein wird, solange ganz Asien nicht im Frieden Christi, des auferstandenen Herrn, Ruhe findet«.(38) Der Glaube an Jesus ist ein Geschenk, das der Kirche zuteil wurde, das sie aber auch mit anderen teilen muß; er ist ihr kostbarstes Geschenk für Asien. Die Wahrheit Jesu Christi mit anderen teilen ist die heilige Pflicht derer, die das Geschenk des Glaubens empfangen haben. In der Enzyklika Redemptoris missio betonte ich, daß »die Kirche, und in ihr jeder Christ, dieses neue Leben und dessen Reichtum weder verbergen noch für sich allein zurückhalten kann, da dies alles von der göttlichen Güte gegeben wurde, um allen Menschen mitgeteilt zu werden«(39) . Weiter schrieb ich: »Jene, die in die katholische Kirche eingegliedert sind, können sich als bevorzugt empfinden, sind deswegen aber gleichzeitig um so mehr verpflichtet, den Glauben und das christliche Leben zu bezeugen als Dienst an den Brüdern und schuldige Antwort an Gott.«(40) In diesem tiefen Bewußtsein bekräftigten die Synodenväter aber auch ihre persönliche Verantwortung, sich die ewige Wahrheit Jesu durch Studium, Gebet und Reflexion zu eigen zu machen, um durch deren Kraft und Lebendigkeit den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der Evangelisierung in Asien zu begegnen. Jesus Christus, Gott-Mensch der Erlösung 11. Die Heilige Schrift bezeugt, daß Jesus ein wirklich menschliches Leben führte. Jesus, den wir als einzigen Erlöser verkünden, kam in diese Welt als Gott-Mensch mit einer vollkommenen Menschennatur. Als Sohn einer jungfräulichen Mutter wurde er in einem bescheidenen Stall in der Umgebung Betlehems geboren. Er brauchte die gleiche Fürsorge wie andere Kinder, und er erfuhr das harte Schicksal der Flüchtlinge, um dem Zorn eines grausamen Herrschers zu entkommen (vgl. Mt 2,13–15). Seine menschlichen Eltern waren nicht immer in der Lage, sein Verhalten zu verstehen, er aber vertraute und gehorchte ihnen (vgl. Lk 2,41–52). Stets ins Gebet vertieft, stand er in enger Verbindung mit Gott, den er zum Erstaunen seiner Zuhörer »Abba«, »Vater«, nannte (vgl. Joh 8,34–59). Er stand den Armen, den Vergessenen und Demütigen nahe. Sie nannte er wahrhaft selig, denn Gott war mit ihnen. Er teilte sein Mahl mit den Sündern, versicherte ihnen, daß an der Tafel des Vaters auch für sie Platz sei, wenn sie von ihrer Sündhaftigkeit Abstand nehmen und zu ihm zurückkehren würden. Weil er die Unreinen berührte und sich von ihnen berühren ließ, erkannten sie die Nähe Gottes. Er trauerte um einen verstorbenen Freund, gab der verwitweten Mutter den toten Sohn lebendig zurück, nahm die Kinder mit Wohlwollen auf und wusch seinen Jüngern die Füße. Nie zuvor war die Barmherzigkeit Gottes in solch greifbarer Nähe. Kranke, Lahme, Blinde, Taube und Stumme, allen wurde durch seine Berührung Heilung und Vergebung zuteil. Als seine engsten Begleiter und Mitarbeiter wählte er eine ungewöhnliche Gruppe von Fischern und Steuereintreibern, Zeloten und des Gesetzes unkundigen Menschen; selbst einige Frauen waren darunter. Kraft der trostspendenden, außerordentlichen Liebe des Vaters bildete sich so eine neue Familie. Jesus predigte mit einfachen Worten, er wählte Beispiele aus dem täglichen Leben, um von der Liebe Gottes und seinem Reich zu sprechen; und die Massen erkannten die Macht seiner Worte. Dennoch wurde er der Gotteslästerung beschuldigt, man warf ihm vor, gegen das Gesetz zu verstoßen, ein Aufwiegler zu sein, der ausgeschaltet werden mußte. Nach einem auf falsche Aussagen gestützten Prozeß (vgl. Mk 14,56) wurde er wie ein Verbrecher zum Tod durch Kreuzigung verurteilt; verlassen und gedemütigt, schien er ein Besiegter. Eilig bestattete man ihn in einem noch ungenutzten Grab. Aber am dritten Tag nach seinem Tod wurde das ständig bewachte Grab leer aufgefunden! Von den Toten auferstanden, erschien Jesus seinen Jüngern, bevor er zum Vater zurückkehrte, von dem er gekommen war. Gemeinsam mit allen Christen glauben wir, daß dieses einzigartige Leben, einerseits so normal und einfach und andererseits so außerordentlich und geheimnisvoll, das Reich Gottes in die Geschichte der Menschheit gebracht und »mit seiner Macht jeden Aspekt des menschlichen Lebens und der von Sünde und Tod bedrängten Gesellschaft durchtränkt hat«(.41) Durch seine Worte und Taten und besonders durch sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung erfüllte Jesus den Willen des Vaters, die Menschheit mit sich zu versöhnen, nachdem die Erbsünde die Beziehung zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung zerbrochen hatte. Am Kreuz nahm er die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sünden der Welt auf sich. Der hl. Paulus erinnert daran, daß wir infolge unserer Sünden tot waren und durch das Kreuzesopfer Christi das Leben wiedererlangt haben: »Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen« (Kol 2,13–14). So wurde unsere Rettung ein für allemal besiegelt. Jesus ist unser Erlöser im wahrsten Sinn des Wortes, denn seine Worte und Werke, besonders seine Auferstehung von den Toten, offenbarten ihn als Sohn Gottes, als ewiges Wort vor aller Zeit, als der, der in alle Ewigkeit als Herr und Messias herrscht. Person und Sendung des Gottessohnes 12. Das Anstoß erregende Element im Christentum ist die Überzeugung, daß der heiligste, allmächtige und allwissende Gott unsere Menschennatur angenommen und zur Erlösung aller Menschen Leiden und Tod auf sich genommen hat (vgl. 1 Kor 1,23). Der Glaube, den wir empfangen haben, bekräftigt, daß Jesus Christus den Plan des Vaters zur Erlösung der Welt und der gesamten Menschheit im Sinne von »wer er ist« und von »was er vollbringt« offenbart und zur Erfüllung gebracht hat. »Wer er ist« und »was er vollbringt« erhalten ihre volle Bedeutung erst im Mysterium des dreifaltigen Gottes. Während meines Pontifikats habe ich die Gläubigen stets an die Lebensgemeinschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und an die Einheit der drei Personen im Schöpfungs- und Erlösungsplan erinnert. Die Enzykliken Redemptor hominis, Dives in misericordia und Dominum et vivificantem befassen sich jeweils mit dem Sohn, dem Vater und dem Heiligen Geist wie auch mit ihrer jeweiligen Rolle im göttlichen Heilsplan. Man kann jedoch nicht eine Person von den anderen trennen, denn jede einzelne offenbart sich nur innerhalb des gemeinsamen trinitarischen Lebens und Wirkens. Das Erlösungswerk Jesu gründet auf der Teilhabe an der göttlichen Natur, und allen, die an ihn glauben, ebnet er den Weg zu inniger Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit und zur Gemeinschaft untereinander in der Dreifaltigkeit. »Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen«, sagt Jesus (Joh 14,9). In Jesus Christus allein wohnt wirklich die ganze Fülle des Göttlichen (vgl. Kol 2,9), und das macht ihn zum einzigen und vollkommenen Heilswort Gottes (vgl. Hebr 1,1–4). Als endgültiges Wort des Vaters will Jesus Gott und seinen Heilsplan auf vollkommenste Art und Weise mitteilen. »Niemand kommt zum Vater außer durch mich«, sagt Jesus (Joh 14,6). Er ist »der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6), denn – wie er selbst erklärt –: »Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke« (Joh 14,10). Nur die Person Jesu verkörpert die Fülle der göttlichen Verheißung und leitet die Endzeit ein (vgl. Hebr 1,1–2). Schon in den Anfängen der Kirche konnte Petrus verkünden: »In keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4,12). Im Ostergeheimnis erreichte die Sendung des Erlösers ihren Höhepunkt. Am Kreuz, die Arme zum Ausdruck immerwährender Einheit zwischen Himmel und Erde erhoben (42) , richtete Jesus die letzten Worte an den Vater, damit er die Sünden der Menschheit vergebe: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lk 23,34). Er besiegte die Sünde durch die Macht seiner Liebe zum Vater und zur Menschheit. Er nahm die Wunden auf sich, die die Sünde den Menschen zugefügt hatte, und bot an, sie durch jene Umkehr davon zu befreien, deren erste Früchte in dem reuigen Verbrecher am Kreuz neben ihm erkennbar sind: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist« (Lk 23,46). Mit diesem größten Beweis der Liebe vertraute er sein ganzes Leben und seine Sendung dem Vater an, der ihn gesandt hatte. So gab er ihm die gesamte Schöpfung und die ganze Menschheit zurück, damit er sie mit barmherziger Liebe wieder aufnehme. Alles, was der Sohn ist und vollbracht hat, wird vom Vater angenommen, der es somit in dem Augenblick der Welt schenken kann, da er Jesus von den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten sitzen läßt, da Sünde und Tod keine Macht mehr haben. Das österliche Opfer Jesu ist das unwiderrufliche Geschenk des Vaters an die Welt. Dieses außerordentliche Geschenk der Versöhnung und der Fülle des Lebens konnte allein durch den geliebten Sohn verwirklicht werden, denn nur er war fähig, der Liebe des Vaters, der durch die Sünde zurückgewiesenen Liebe, voll zu entsprechen. Durch die Macht des Heiligen Geistes erkennen wir in Jesus Christus, daß Gott nicht fern ist, nicht über und außerhalb des Menschen, sondern vielmehr in dessen nächster Nähe, eins mit jeder Person und der ganzen Menschheit in allen Situationen des Lebens. Das ist die Botschaft, die das Christentum der Welt anbietet, eine Botschaft unvergleichlichen Trostes und tiefer Hoffnung für alle Gläubigen. Jesus Christus: die Wahrheit vom Menschen 13. Wie kann die Menschheit Jesu und das einzigartige Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes unser Menschsein erleuchten? Der menschgewordene Gottessohn offenbart nicht nur vollkommen den Vater und dessen Heilsplan, sondern macht auch »dem Menschen den Menschen selbst voll kund«.(43) Seine Worte und Werke, vor allem sein Tod und seine Auferstehung, sind ein tiefer Einblick in das, was Menschsein bedeutet. In Jesus erkennt der Mensch schließlich die Wahrheit über sich selbst. Das so vollkommen menschliche Leben Jesu, ganz der Liebe und dem Dienst am Vater und an der Menschheit gewidmet, offenbart die Berufung jedes Menschen, Liebe zu empfangen und zu geben. In Jesus erstaunt uns die unendliche Fähigkeit des menschlichen Herzens, Gott und die Menschen zu lieben, auch wenn das mit tiefstem Leid verbunden sein kann. Vor allem am Kreuz bricht Jesus die Macht der selbstzerstörerischen Ablehnung der Liebe, zu der die Sünde uns verleitet. Seinerseits antwortet der Vater, indem er Jesus zum Erstgeborenen derer erhebt, die er bestimmt hat, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzunehmen (vgl. Röm 8,29). Von jenem Augenblick an wurde Jesus ein für allemal zur Offenbarung und Erfüllung einer – nach dem Plan Gottes – wiederbelebten und erneuerten Menschheit. Daher erkennen wir in Jesus die Größe und Würde jeder Person vor Gott, der den Menschen nach seinem Abbild erschaffen hat (vgl. Gen 1,26), und den Ursprung der neuen Schöpfung, der wir kraft seiner Gnade teilhaftig geworden sind. Das II. Ökumenische Konzil lehrt, daß »er, der Sohn Gottes, sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt hat«.(44) In dieser tiefgreifenden Erkenntnis sahen die Synodenväter die höchste Quelle der Hoffnung und der Kraft für die von Mühsal und Ungewißheit bedrängte Bevölkerung Asiens. Wenn Männer und Frauen mit tiefem Glauben auf das Geschenk der Liebe Gottes antworten, dann bringt seine Gegenwart Liebe und Frieden in jedes Menschenherz und wandelt es von innen heraus. In Redemptor hominis schrieb ich: »Die Erlösung der Welt – dieses ehrfurchtgebietende Geheimnis der Liebe, in dem die Schöpfung erneuert wird – ist in ihrer tiefsten Wurzel die Fülle der Gerechtigkeit in einem menschlichen Herzen: im Herzen des Erstgeborenen Sohnes, damit sie Gerechtigkeit der Herzen vieler Menschen werden kann, die ja im Erstgeborenen Sohn von Ewigkeit vorherbestimmt sind, Kinder Gottes zu werden, berufen zur Gnade und zur Liebe.«(45) Die Sendung Jesu hat nicht nur die Gemeinschaft zwischen Gott und der Menschheit wiederhergestellt, sondern eine neue Gemeinschaft von den durch die Sünde einander entfremdeten Menschen gestiftet. Über alle Spaltungen hinaus ermöglicht Jesus jedem ein brüderliches Leben durch die Anerkennung des einen Vaters im Himmel (vgl. Mt 23,9). In ihm ist eine neue Harmonie begründet, in der »es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau gibt; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus« (vgl. Gal 3,28). »Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile [Juden und Heiden] und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (Eph 2,14). In allem, was Jesus gesagt und getan hat, war er die Stimme, die Hand und der Arm des Vaters, der alle Kinder Gottes in einer einzigen Gemeinschaft der Liebe versammelte; er betete, damit seine Jünger eins seien wie er und der Vater (vgl. Joh 17,11), und einige seiner letzten Worte waren: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! … Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,9,12). Vom Gott der Gemeinschaft ausgesandt, begründete Jesus in seiner Person die Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde, denn er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir glauben, daß »Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen wollte, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut« (vgl . Kol 1,19–20). In der Person des menschgewordenen Gottessohnes und in der allein ihm als Sohn anvertrauten Sendung des Dienstes und der Liebe für das Leben aller kann Rettung gefunden werden. Zusammen mit der Kirche in aller Welt verkündet die Kirche Asiens die Wahrheit des Glaubens: »Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle« (1 Tim 2,5–6). Einzigartigkeit und Universalität der Erlösung in Jesus 14. Die Synodenväter erinnerten daran, daß das vor aller Zeit existierende Wort, der eingeborene und ewige Sohn Gottes, »immer schon in der Schöpfung, in der Geschichte und in jedem nach Gutem strebenden Menschen gegenwärtig war«.(46) Durch das Wort, das bereits vor der Menschwerdung in der Welt zugegen war, ist alles geschaffen worden (vgl. Joh 1,1–4.10; Kol 1,15–20). Aber als menschgewordenes Wort, das gelebt hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, verkünden wir Jesus Christus nun als Vollendung der gesamten Schöpfung, der ganzen Geschichte und des menschlichen Verlangens nach der Fülle des Lebens.(47) Von den Toten auferstanden, »ist er auf neue und geheimnisvolle Art und Weise in allen und in der ganzen Schöpfung gegenwärtig«.(48) In ihm »erfüllen und verwirklichen sich die wahren Werte jeder religiösen und kulturellen Tradition, Werte wie Barmherzigkeit, demütiges Befolgen des göttlichen Willens, Anteilnahme und Rechtschaffenheit, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit, Hingabe und harmonische Eintracht mit der Schöpfung«.(49) Vom Anfang bis zum Ende aller Zeiten ist Jesus der einzige universale Mittler. Auch jenen, die nicht ausdrücklich an ihn als Retter glauben, wird die Erlösung durch die vom Heiligen Geist vermittelte Gnade zuteil. Wir glauben, daß Jesus Christus, wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch, der einzige Erlöser ist, denn er allein – der Sohn – brachte den universalen Heilsplan zur Vollendung. Als endgültiger Ausdruck der geheimnisvollen Liebe des Vaters zu allen Menschen ist Jesus wirklich einzigartig, und »gerade diese Einzigartigkeit Christi ist es, die ihm eine absolute und universale Bedeutung verleiht, durch die er, obwohl selbst Teil der Geschichte, Mitte und Ziel der Geschichte selbst ist«.(50) Kein Mensch, keine Nation, keine Kultur kann sich dem Aufruf Jesu Christi verschließen, der selbst den Menschen aus dem Herzen spricht. »Er…spricht zu den Menschen auch als Mensch: es ist seine Treue zur Wahrheit, seine Liebe, die alle umfaßt. Es spricht ferner sein Tod am Kreuz, das heißt die unergründliche Tiefe seines Leidens und der Verlassenheit.«(51) Seine menschliche Natur berücksichtigend, finden die Völker Asiens die Antworten auf ihre tiefgreifendsten Fragen und die Erfüllung ihrer Hoffnungen; die Festigung ihrer Würde und die Überwindung ihrer Verzweiflung. Jesus ist die Frohbotschaft, die zu jeder Zeit und überall an jene Menschen gerichtet ist, die nach der Bedeutung ihrer Existenz und der Wahrheit ihres Menschseins suchen. KAPITEL III DER HEILIGE GEIST: HERR UND SPENDER DES LEBENS Der Geist Gottes in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte 15. Wenn die Heilsbedeutung Jesu wirklich nur im Kontext seiner Offenbarung des trinitarischen Heilsplans verstanden werden kann, folgt daraus, daß der Heilige Geist zutiefst mit dem Mysterium Jesu und der durch ihn ermöglichten Erlösung verbunden ist. Oft erwähnten die Synodenväter die Rolle des Heiligen Geistes in der Heilsgeschichte und betonten, daß die irrige Trennung zwischen dem Erlöser und dem Heiligen Geist die Wahrheit über Christus als alleinigem Retter aller Menschen gefährden könnte. In der christlichen Tradition wurde der Heilige Geist stets mit dem Leben und dessen Vermittlung in Verbindung gebracht. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel bezeichnet den Heiligen Geist als den, der »Herr ist und lebendig macht«. Daher ist es durchaus nicht überraschend, daß viele Interpretationen der Schöpfungsgeschichte der Genesis den Heiligen Geist in jenem starken Wind erkennen, der über dem Wasser schwebte (vgl. Gen 1,2). Vom ersten Augenblick an ist er im Schöpfungsbericht gegenwärtig; seit dem ersten Zeichen der Liebe des dreieinigen Gottes.(52) Da die Schöpfung die Geschichte einleitet, ist der Geist gewissermaßen eine in ihr wirksame unsichtbare Kraft, die sie auf dem Weg der Wahrheit und des Guten führt. Die Offenbarung der Person des Heiligen Geistes, der gegenseitigen Liebe des Vaters und des Sohnes, ist ein bezeichnendes Element des Neuen Testaments. Aus christlicher Sicht ist Er Ursprung allen Lebens. Die Schöpfung ist die freie Mitteilung der Liebe Gottes, die aus dem Nichts alles zum Leben erweckt. Die gesamte Schöpfung ist erfüllt von jenem immerwährenden Austausch der Liebe, der das innere Leben der Dreifaltigkeit kennzeichnet, das heißt: erfüllt vom Heiligen Geist: » Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis« (Weish 1,7). Der in der Schöpfung gegenwärtige Geist bewirkt Ordnung, Harmonie und die gegenseitige Abhängigkeit alles Existierenden. Nach Gottes Ebenbild geschaffen, werden die Menschen auf neue Art und Weise Wohnung des Geistes, wenn sie die Würde der Gotteskindschaft erlangt haben (vgl. Gal 4,5). In der Taufe wiedergeboren, erfahren sie die Gegenwart und Kraft des Geistes, nicht nur weil sie lebendig macht, sondern auch weil sie reinigt und heilt, denn die Frucht des Geistes ist »Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Gal 5,22). Diese Früchte sind ein Zeichen dafür, daß »die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (vgl. Röm 5,5). Wenn sie in Freiheit angenommen wird, dann macht diese Liebe die Menschen zu sichtbaren Werkzeugen des unablässigen Wirkens des unsichtbaren Geistes in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte. Es ist vor allem diese neue Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen, die die innere Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes bezeugt. Durch die in Herz und Geist des einzelnen Menschen erwirkte Wandlung und Erneuerung berührt der Geist auch die menschlichen Gesellschaften und Kulturen . (53) »Der Geist steht ebenso am Ursprung edler Ideale und guter Initiativen der Mensch-heit auf deren Wege: ›In wunderbarer Vorsehung lenkt er den Weg der Zeiten und erneuert er das Gesicht der Erde.‹«(54) Dem Weg des II. Vatikanischen Konzils folgend, schenkten die Synodenväter ihre Aufmerksamkeit der vielfachen und unterschiedlichen Wirkung des Heiligen Geistes, der immerfort Samen der Wahrheit unter allen Völkern und in ihren Religionen, Kulturen und Philosophien aussät.(55) Das bedeutet, daß diese den Menschen auf individueller wie auch auf kollektiver Ebene helfen können, gegen das Böse anzugehen und dem Leben und allem, was gut ist, zu dienen. Die Kräfte des Todes isolieren Völker, Gesellschaften und Religionsgemeinschaften gegenseitig, schüren Mißtrauen und Rivalitäten, die schließlich zu Konflikten führen. Der Heilige Geist hingegen unterstützt das Verständnis füreinander und die gegenseitige Annahme unter den Menschen. Mit Recht sieht die Synode daher den Geist Gottes als ersten Förderer des Dialogs zwischen der Kirche und allen Völkern, Kulturen und Religionen. Der Heilige Geist und die Inkarnation des Wortes 16. Dem ewigen Plan des Vaters entsprechend, entfaltet sich unter der Führung des Geistes die Heilsgeschichte im irdischen, ja selbst im kosmischen Geschehen. Dieser zu Beginn der Schöpfung vom Geist eingeleitete Plan wird im Alten Testament offenbart, durch die Gnade Jesu Christi zur Vollendung geführt und in der neuen Schöpfung von demselben Geist verwirklicht, bis der Herr am Ende der Zeiten in Herrlichkeit wiederkommt . (56) Die Menschwerdung des Gottessohnes ist das Hauptwerk des Heiligen Geistes: »Empfängnis und Geburt Jesu Christi sind das größte vom Heiligen Geist in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte vollbrachte Werk: die höchste Gnade – die ›Gnade der Einigung‹ als Quelle jeder anderen Gnade.«(57) Die Menschwerdung ist das Ereignis, in dem Gott zu einer neuen und endgültigen Einheit mit sich selbst nicht nur den Menschen, sondern die ganze Schöpfungs- und Heilsgeschichte führt.(58) Im Schoß der Jungfrau Maria durch die Kraft des Geistes empfangen (vgl. Lk 1,35; Mt 1,20), war Jesus von Nazaret, Messias und alleiniger Erlöser, er füllt vom Heiligen Geist, der bei der Taufe auf ihn herabkam (vgl. Mk 1,10) und ihn in die Wüste führte, um ihn für sein öffentliches Leben zu stärken (vgl. Mk 1,12; Lk 4,1; Mt 4,1). In der Synagoge von Nazaret leitet Jesus sein prophetisches Wirken ein, wobei er die Prophezeiung Jesajas von der Salbung des Geistes auf sich bezieht, um den Armen die gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen die Entlassung zu verkünden und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (vgl. Lk 4,18–19). Durch die Kraft des Geistes heilt Jesus die Kranken und treibt die Dämonen aus als Zeichen dafür, daß das Reich Gottes gekommen ist (vgl. Mt 12,28). Nach seiner Auferstehung von den Toten schenkte er seinen Jüngern den Heiligen Geist. Er hatte ihnen verheißen, nach seiner Rückkehr zum Vater den Geist über die Kirche auszugießen (vgl. Joh 20,22–23). All das zeigt, daß die Heilssendung Jesu das unverkennbare Zeichen der Gegenwart des Geistes trägt: Leben, neues Leben. Zwischen der Sendung des Sohnes durch den Vater und dem Senden des Geistes durch den Vater und den Sohn besteht ein enges und lebendiges Band.(59) Das Wirken des Geistes in der Schöpfung und der Geschichte des Menschen erhält eine vollkommen neue Bedeutung, wenn es sich um das Wirken im Leben und in der Sendung Jesu handelt. Die vom Geist ausgesäten »Samen des Wortes« bereiten die gesamte Schöpfung, die Geschichte und den Menschen auf die volle Wahrheit in Christus vor.(60) Besorgt zeigten sich die Synodenväter hinsichtlich der Tendenz, das Wirken des Heiligen Geistes von dem Jesu Christi zu trennen; ihre Besorgnis teilend, wiederhole ich das von mir bereits in Redemptoris missio Geschriebene: »Er [der Geist] ist nicht eine Alternative zu Christus, er füllt nicht eine Lücke aus zwischen Christus und dem Logos, wie manchmal angenommen wird. Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte der Völker, in den Kulturen und Religionen bewirkt, hat die Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel und geschieht in bezug auf Christus, das durch das Wirken des Geistes fleischgewordene Wort, ›um Ihn zu erwirken, den vollkommenen Menschen, das Heil aller und die Zusammenführung des Universums.‹«(61) Die universale Gegenwart des Geistes kann daher keine Entschuldigung dafür sein, Jesus Christus nicht mehr als den einzigen und alleinigen Erlöser zu verkünden. Im Gegenteil, die universale Gegenwart des Heiligen Geistes ist untrennbar von der universalen Erlösung in Jesus. Die Gegenwart des Geistes in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte führt zu Jesus Christus, in dem diese ihre Erlösung und Vollendung finden. Gegenwart und Handeln des Geistes sind sowohl bei der Menschwerdung als auf dem Höhepunkt des Pfingstereignisses stets auf Jesus und die durch ihn erlangte Erlösung ausgerichtet. Aus diesem Grund darf die universale Gegenwart des Geistes nie von seinem Wirken am Leib Christi, der die Kirche ist, getrennt werden.(62) Der Heilige Geist und der Leib Christi 17. Der Heilige Geist bewahrt die Bande der Einheit zwischen Jesus und seiner Kirche, in der er wohnt wie im Tempel Gottes (vgl. 1 Kor 3,16) und die er vor allem zur Fülle der Wahrheit über Jesus führt. Er ist es, der der Kirche die Fortsetzung der Sendung Christi ermöglicht, indem er vor allem Jesus selbst bezeugt und so das zur Vollendung bringt, was er vor seinem Tod und seiner Auferstehung verheißen hat, nämlich die Aussendung des Geistes an die Jünger, damit sie Zeugnis für ihn ablegen (vgl. Joh 15,26–27). In der Kirche ist es demnach Aufgabe des Geistes, zu bezeugen, daß die Gläubigen Adoptivkinder Gottes sind, die als seine Erben für das Heil bestimmt sind, die verheißene volle Einheit mit dem Vater (vgl. Röm 8,15–17). Indem er die Kirche mit verschiedenen Gnadengaben und Charismen schmückt, wächst sie in der Einheit der Glaubenden als ein einziger Leib, der aus vielen verschiedenen Gliedern besteht (vgl. 1 Kor 12,4; Eph 4,11–16). Der Geist versammelt alle Menschen mit ihren jeweiligen Bräuchen, Ressourcen und Begabungen zur Einheit und macht die Kirche zum Zeichen der ganzen menschlichen Gemeinschaft unter Christus, dem einen Haupt.(63) Der Geist verleiht der Kirche die Form einer Gemeinschaft von Zeugen, die durch seine Kraft den Erlöser bezeugt (vgl. Apg 1,8). In dieser Hinsicht ist er die Hauptgestalt der Evangelisierung. All das ließ die Synodenväter erkennen, daß sich die irdische Sendung Jesu in der Kraft des Heiligen Geistes vollzogen hatte, und somit haben »Vater und Sohn diesen Geist der Kirche zu Pfingsten gegeben, zur Vollendung der Sendung Christi in Asien«.(64) Der Plan des Vaters für die Erlösung der Menschheit ist mit dem Tod und der Auferstehung Christi nicht vollendet. Durch das Geschenk des Geistes Christi bietet die Kirche die Früchte der Heilssendung allen Völkern aller Epochen an, indem sie das Evangelium verkündet und dem Menschengeschlecht dient und es fördert. Wie das II. Vatikanische Konzil betont, »wird sie [die Kirche] nämlich vom Heiligen Geiste angetrieben, mitzuwirken, daß der Ratschluß Gottes, der Christus zum Ursprung des Heils für die ganze Welt bestellt hat, tatsächlich ausgeführt werde«.(65) Durch die vom Geist erhaltene Macht, die Erlösung Christi auf Erden zu vollenden, ist die Kirche der Samen des Gottesreiches, dessen endgültiges Kommen sie mit Ungeduld erwartet. Ihre Identität und Sendung sind untrennbar mit dem Reich Gottes verbunden, das Jesus durch alles, was er getan und gesagt hat, insbesondere durch seinen Tod und seine Auferstehung, verkündet und eingeleitet hat. Der Geist erinnert die Kirche daran, daß sie nicht um ihrer selbst willen besteht, sondern um Christus und dem Heil der Welt durch all das zu dienen, was sie ist und tut. In der gegenwärtigen Heilsökonomie ist das Wirken des Heiligen Geistes in der Schöpfung, in der Geschichte und in der Kirche Teil des für die ganze Schöpfung bestimmten ewigen Planes der Dreifaltigkeit. Der Heilige Geist und die Sendung der Kirche in Asien 18. Der Geist, der zur Zeit der Patriarchen und Propheten und in noch stärkerem Maße zur Zeit Jesu und der Urkirche über dem asiatischen Kontinent schwebte, ist auch heute über den Christen Asiens und festigt ihr Glaubenszeugnis unter den Völkern, Kulturen und Religionen des Erdteils. Wie der große Dialog der Liebe zwischen Gott und den Menschen vom Heiligen Geist eingeleitet und durch das Mysterium Christi auf asiatischem Boden vollendet wurde, so setzt sich der Dialog zwischen dem Erlöser und den Völkern des Kontinents heute in der Kraft desselben Geistes fort, der in der Kirche wirkt. In diesem Prozeß haben alle – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien, Männer und Frauen – eine wesentliche Aufgabe zu erfüllen eingedenk jener Worte Jesu, die zugleich Verheißung und Auftrag sind: »…ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,8). Die Kirche ist überzeugt, daß es tief im Herzen der Menschen, der Kulturen und Religionen Asiens Durst nach »lebendigem Wasser« (vgl. Joh 4,10–15) gibt, einen Durst, den der Heilige Geist selbst hervorruft und den allein Jesus, der Retter, vollends stillen kann. Sie bittet den Heiligen Geist, auch weiterhin die Völker Asiens auf den heilbringenden Dialog mit dem Erlöser aller Menschen vorzubereiten. In der Kraft des Geistes, der sie in ihrem Dienst- und Liebesauftrag lenkt, bietet die Kirche eine Begegnung zwischen Jesus Christus und den Völkern Asiens auf der Suche nach der Fülle des Lebens. Nur in einer solchen Begegnung kann das lebendige Wasser gefunden werden, das ewiges Leben schenkt, die Erkenntnis des einzigen wahren Gottes und seines Sohnes Jesus Christus, den er gesandt hat (vgl. Joh 17,3). Die Kirche weiß sehr wohl, daß sie ihren Auftrag nur dann erfüllen kann, wenn sie die Eingebungen des Heiligen Geistes aufgreift. Im Bestreben, wahrhaft Zeichen und Werkzeug der Einwirkung des Geistes in der vielschichtigen Wirklichkeit Asiens zu sein, muß sie, den verschiedenen Gegebenheiten des Kontinents entsprechend, die Aufforderung des Geistes zu einem neuen und wirksamen Zeugnis für Jesus, den Erlöser, zu erkennen wissen. Die volle Wahrheit Jesu und des von ihm für uns erlangten Heils ist stets ein Geschenk und nie das Resultat menschlicher Bemühungen. »So bezeugt der Geist selber unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi« (Röm 8,16–17). Daher ruft die Kirche immerfort: »Komm, Heiliger Geist! Erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entfache in ihnen das Feuer deiner Liebe!« Das ist das Feuer, das Jesus auf die Erde geworfen hat, und die Kirche in Asien teilt mit ihm den innigen Wunsch, daß dieses Feuer bald brennen möge (vgl. Lk 12,49). Von dieser Hoffnung erfüllt, versuchten die Synodenväter, die wesentlichen Bereiche der Sendung festzulegen, die zu den Aufgaben der Kirche in Asien gehören, da sie sich auf den Übergang in das dritte Jahrtausend vorbereitet. KAPITEL IV JESUS, DER RETTER:
Der Primat der Verkündigung 19. An der Schwelle des Dritten Jahrtausends ertönt die Stimme des auferstandenen Christus erneut im Herzen eines jeden Christen: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,18–20). Gleich nach Pfingsten machten sich die Apostel auf, nunmehr der unausbleiblichen Unterstützung Jesu und der mächtigen Gegenwart des Geistes sicher, um dieses Gebot zu er füllen: »Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ« (Mk 16,20). Was sie nun aber verkündeten, das kann mit den Worten des hl. Paulus zusammengefaßt werden: »Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen« (2 Kor 4,5). Die mit dem Glauben gesegnete Kirche geht auch nach zweitausend Jahren noch in alle Welt, um überall den Völkern zu begegnen und mit ihnen die Frohbotschaft Christi zu teilen. Dies tut sie mit großem missionarischen Eifer, damit die Menschen Jesus kennenlernen, ihn lieben und ihm nachfolgen. Es kann keine wahre Evangelisierung geben ohne eindeutige Verkündigung, daß Jesus der Herr ist. Das II. Vatikanische Konzil, und seither auch das kirchliche Lehramt, haben bei ihren Antworten auf gewisse Verwirrungen hinsichtlich der wahren Natur der kirchlichen Sendung wiederholt den Primat der Verkündigung Jesu Christi unterstrichen, wie auch immer die Evangelisierung geschehen mag. Diesbezüglich hat Papst Paul VI. ausdrücklich geschrieben: »Es gibt keine wirkliche Evangelisierung, wenn nicht der Name, die Lehre, das Leben, die Verheißungen, das Reich, das Geheimnis von Jesus von Nazaret, des Sohnes Gottes, verkündet wird.«(66) Das entspricht dem, was die Christen Jahrhunderte lang getan haben. Verständlicherweise erinnerten daher die Synodenväter mit Stolz daran, daß »zahlreiche christliche Gemeinschaften Asiens den Glauben trotz großer Anfechtungen durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt haben und ihrem geistigen Erbe mit heldenhafter Beharrlichkeit verbunden geblieben sind«.(67) Gleichzeitig haben die Teilnehmer an der Sonderversammlung mehrmals die Notwendigkeit eines erneuerten Eifers bei der Verkündigung Jesu Christi gerade auf jenem Kontinent bezeugt, der vor zweitausend Jahren den Anfang dieser Verkündigung gesehen hat. Die Worte des Apostels Paulus werden noch eindringlicher, wenn man bedenkt, daß viele Menschen auf diesem Kontinent der Person Jesu noch nie wirklich bewußt begegnet sind: »Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?« (Röm 10,13–14). Die große Frage, vor der nun die Kirche in Asien steht, ist, wie sie mit ihren asiatischen Brüdern und Schwestern das teilen soll, was wir als Geschenk hüten, welches jegliches Geschenk in sich birgt, nämlich die Frohbotschaft von Jesus Christus. Jesus Christus in Asien verkünden 20. Die Kirche in Asien ist durchaus bereit, ihre Pflicht zur Verkündigung auszuüben, denn sie weiß, »daß sowohl bei den einzelnen als auch bei den Völkern durch das Wirken des Geistes schon eine – wenn auch unbewußte – Erwartung da ist, die Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Weg zur Befreiung von Sünde und Tod zu erfahren«(68) . Dieses Beharren auf der Verkündigung rührt weder von einem sektiererischen Impuls noch von einem proselytistischen Geist noch von irgend einer Haltung der Überlegenheit her. Die Kirche verkündet das Evangelium allein aus Gehorsam dem Gebot Christi gegenüber im Bewußtsein, daß jeder das Recht hat, die Frohbotschaft Gottes zu hören, der sich in Jesus Christus offenbart und schenkt (69) . Den höchsten Dienst, den die Kirche den asiatischen Völkern leisten kann, ist, Zeugnis von Christus abzulegen, weil sie so auf deren Suche nach dem Absoluten eine Antwort gibt und die Wahrheit sowie jene Werte enthüllt, die ihnen eine ganzheitliche menschliche Entwicklung garantieren. Die Kirche ist sich der ganzen Bandbreite der verschiedenen Situationen in Asien zutiefst bewußt und will sich, »von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten« (Eph 4,15). In diesem Sinne verkündet sie die Frohbotschaft in Achtung und freundlicher Wertschätzung all denen gegenüber, die ihr zuhören. Es ist eine Verkündigung, die das Recht des Gewissens respektiert und die Freiheit nicht verletzt, da nämlich der Glaube stets eine freie Antwort des Individuums erfordert (70) . Doch hebt die Achtung nicht die Notwendigkeit einer expliziten Verkündigung des Evangeliums in seinem ganzen Umfang auf. Besonders im Zusammenhang mit dem Reichtum an Kultur und der Vielfalt der Religionen in Asien muß hervorgehoben werden, daß »weder die Achtung und Wertschätzung noch die Vielschichtigkeit der aufgeworfenen Fragen für die Kirche eine Aufforderung darstellen können, eher zu schweigen, als Jesus Christus vor den Nichtchristen zu verkünden«(71) . Während meiner Indienreise im Jahre 1986 habe ich auch klar zum Ausdruck gebracht: »Die Annäherung der Kirche an andere Religionen geschieht mit aufrichtiger Achtung […] Diese Achtung ist zweifach: Achtung vor dem Menschen auf seiner Suche nach Antworten auf die tiefsten Fragen seines Lebens und Achtung vor dem Wirken des Geistes im Menschen.«(72) Durchaus haben auch die Synodenväter das Wirken des Heiligen Geistes innerhalb der asiatischen Gesellschaft, der asiatischen Kulturen und Religionen erkannt, wodurch der Vater das Herz der Völker Asiens auf die Fülle des Lebens in Christus vorbereitet (73). Trotzdem haben auch vor den zuerst stattfindenden Konsultationen zur Synode viele Bischöfe auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die bei der Verkündigung Jesu als einzigem Retter entstehen. Während der Synode wurde die Situation wie folgt beschrieben: »Manche Anhänger der großen Religionen Asiens haben keine Schwierigkeiten damit, Jesus als eine Ausdrucksform des Göttlichen oder Absoluten oder als einen ›Erleuchteten‹ zu akzeptieren. Es ist für sie jedoch schwierig, ihn als die einzige Offenbarung des Göttlichen anzusehen.«(74) Und tatsächlich steckt ja auch der angestrengte Versuch, das Geschenk des Glaubens an Jesus als den einzigen Retter zu teilen, voller philosophischer, kultureller und theologischer Schwierigkeiten, und zwar ganz besonders im Lichte der Glaubenswahrheiten der großen asiatischen Religionen, die so eng mit den kulturellen Werten und spezifischen Weltanschauungen verknüpft sind. Die Konzilsväter sind der Meinung, daß die Schwierigkeiten noch dadurch erschwert werden, daß Jesus oft als ein Nichtasiate betrachtet wird. Es ist paradox, daß viele Menschen dieses Kontinents dazu neigen, Jesus, der auf asiatischem Boden geboren wurde, eher als einen Abendländer als einen Asiaten zu betrachten. Im Grunde war es unvermeidlich, daß die Botschaft des von den abendländischen Missionaren verkündeten Evangeliums auch durch die Kulturen der Herkunftsländer beeinflußt wurde. Und das haben die Synodenväter auch als eine Tatsache zur Kenntnis genommen, die man sich im Zusammenhang mit der Geschichte der Evangelisierung vergegenwärtigen muß. Gleichzeitig ergriffen sie diesbezüglich aber auch die Gelegenheit, um »in besonderer Weise der eigenen Dankbarkeit allen Missionaren und Missionarinnen gegenüber Ausdruck zu verleihen – ob Laien oder Kleriker, Ausländer oder Einheimische –, welche die Botschaft Jesu Christi und das Geschenk des Glaubens mitgebracht hatten. Ein besonderer Dank gilt auch allen Schwesterkirchen, die Missionare nach Asien entsandt haben und das auch weiterhin tun«(75). Für diejenigen, die das Evangelium verkünden, kann die Erfahrung des hl. Paulus eine Orientierungshilfe sein, der einen Dialog mit den philosophischen, kulturellen und religiösen Werten seiner Zuhörer aufnahm (vgl. Apg 14,13–17;17,22–31). Auch die ökumenischen Konzilien mußten bei der Formulierung der für die Kirche verpflichtenden Lehren auf den ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen, philosophischen und kulturellen Grundstock zurückgreifen, aber dieser Grundstock wurde dann ein Teil des Erbes der Universalkirche, da er sich als fähig erwies, die Christologie in geeigneter und allgemein verbindlicher Weise zum Ausdruck zu bringen. Es ist ein Teil des Glaubenserbes, das bei der Begegnung mit den verschiedenen Kulturen angepaßt und stets gemeinsam vertreten werden muß (76) . Daher stellt die Aufgabe, Jesus so zu verkündigen, daß die asiatischen Völker sich mit ihm identifizieren können, und gleichzeitig der theologischen Lehre der Kirche und den eigenen asiatischen Wurzeln treu zu bleiben, eine enorme Herausforderung dar. Die Darstellung Jesu Christi als dem einzigen Retter erfordert eine Pädagogik, welche die Menschen Schritt für Schritt zur vollen Aneignung des Mysteriums hinführt. Selbstverständlich wird man, je nach dem, ob es sich um die Erstevangelisierung von Nichtchristen oder um die Verkündigung an gläubige Menschen handelt, in der Art und Weise, wie man auf diese Menschen zugeht, unterscheiden müssen. Bei der Erstverkündigung zum Beispiel müßte »die Darstellung Jesu Christi so erfolgen, daß er als die Erfüllung jener Sehnsucht verkündigt wird, die in den Mythen und im Volksglauben der Ureinwohner Asiens zum Ausdruck kommt«(77) . Im allgemeinen ist die den asiatischen Kulturformen verwandte Erzählform als Methode vorzuziehen. In der Tat kann die Verkündigung Jesu Christi durch die Erzählung seiner Lebensgeschichte wirkungsvoll und aktuell gestaltet werden, wie dies ja auch das Evangelium tut. Die ontologischen Begriffe, die bei der Darstellung Jesu stets vorausgesetzt und zum Ausdruck gebracht werden müssen, können durch Einbeziehung historischer oder auch kosmischer Perspektiven eine Bereicherung erfahren, weil dadurch ein Bezug hergestellt wir d. Die Kirche, so haben es die Synodenväter hervorgehoben, muß für die neuen und überraschenden Wege offen sein, durch die das Antlitz Jesu heutzutage in Asien dargestellt werden kann (78). Die Synode hat empfohlen, daß die zukünftige Katechese »eine evokative Pädagogik anwendet, die sich der für die asiatische Lehrmethodik so charakteristischen Geschichten, Gleichnisse und Symbole bedient«(79) . Der Dienst Jesu selbst ist eindeutig durch den persönlichen Kontakt gekennzeichnet. Das wiederum verlangt von jemandem, der in der Evangelisierung tätig ist, sich in die Situation des Zuhörers zu versetzen und seine Verkündigung durch geeignete Formen und Redeweisen dessen Reifegrad anzupassen. Diesbezüglich haben die Synodenväter mehrmals die Notwendigkeit unterstrichen, das Evangelium so zu verkünden, daß dabei die Sensibilität der Völker Asiens berücksichtigt wird, was bedeutet, daß man ein der asiatischen Mentalität und den asiatischen Kulturen verständliches Bild von Jesus entwirft, welches aber auch gleichzeitig der Heiligen Schrift und der Tradition treu bleibt. Ein solches Bild ist zum Beispiel: »Jesus Christus, der Meister der Weisheit, der Heilende, der Befreier, der Seelenführer, der Erleuchtete, der mit den Armen Mitfühlende, der barmherzige Samariter, der gute Hirt, der Gehorsame.«(80) Jesus könnte als die menschgewordene Weisheit Gottes dargestellt werden, dessen Gnade die »Saat« der göttlichen Weisheit zur Reife bringt, die bereits im Leben und in den Religionen der Völker Asiens enthalten ist (81) . Bei all dem Leid, von dem die Völker Asiens heimgesucht sind, könnte Jesus am besten als der Retter verkündet werden, »der das Dasein all jener mit Sinn erfüllt, die unsäglichen Schmerz und Leid erdulden«(82). Der Glaube, den die Kirche ihren Söhnen und Töchtern in Asien als Geschenk überläßt, kann nicht in die Schranken des menschlichen Verstandes und der Ausdrucksweise irgendeiner menschlichen Kultur gezwängt werden, da er dieselbe übersteigt und in Wahrheit jede Kultur dazu herausfordert, sich zu neuen Höhen des Verstehens und des Ausdrucks aufzuschwingen. Gleichzeitig waren sich die Synodenväter jedoch auch der dringenden Notwendigkeit der Kirchen in Asien bewußt, das Mysterium Christi ihren Völkern gemäß deren kulturellen Kriterien und Denkweisen nahezubringen, wobei sie auch unterstrichen, daß eine solche Inkulturation des Glaubens auf diesem Kontinent eine Wiederentdeckung des asiatischen Antlitzes Jesu mit sich bringt, wobei man einen Modus finden muß, durch den die asiatischen Völker die universale Heilsbedeutung des Mysteriums Christi und seiner Kirche begreifen können (83) . Man sollte in unserer heutigen Zeit jenem hohen Verständnisgrad für die Völker und Kulturen nachstreben, für den Männer wie Giovanni da Montecorvino, Matteo Ricci und Roberto de Nobili ein Beispiel sind, um nur einige zu nennen. Die Herausforderung der Inkulturation 21. Die Kultur ist der Lebensbereich, in dem der Mensch unmittelbar mit dem Evangelium konfrontiert wird. Da Kultur das Resultat des Lebens und Wirkens einer Gruppe von Menschen ist, werden auch die Personen, die dieser Gruppe angehören, in hohem Maße von der Kultur geformt, in der sie leben. Und da sowohl die Menschen als auch die Gesellschaft sich verändern, verändert sich mit ihnen auch die Kultur. Indem sich die Kultur wandelt, wandelt sie auch die Menschen und die Gesellschaft. Angesichts dieser Tatsache wird deutlich, inwieweit auch Evangelisierung und Inkulturation in natürlicher und enger Beziehung zueinander stehen. Das Evangelium und die Evangelisierung lassen sich selbstverständlich nicht mit Kultur identifizieren; sie sind vielmehr von ihr unabhängig. Aber doch erreicht das Reich Gottes Menschen, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind; noch kann die Errichtung des Reiches Gottes darauf verzichten, Elemente aus der menschlichen Kultur zu entleihen. Daher hat Paul VI. die Kluft zwischen Evangelium und Kultur das Drama unserer heutigen Zeit genannt, das tiefe Auswirkungen sowohl auf die Evangelisierung als auch auf die Kulturen hat (84). Bei dem Prozeß der Begegnung mit den verschiedenen Kulturen der Welt vermittelt die Kirche, die Kulturen von innen her erneuernd, nicht nur ihre Wahrheit und ihre Werte, sondern sie schöpft auch aus deren schon existierenden positiven Elementen. Das ist der verpflichtende Weg für die, die in der Evangelisierung tätig sind, das heißt, die den christlichen Glauben weitergeben und ihn zu einem Teil des Kulturguts eines Volkes machen. Andererseits können auch die verschiedenen Kulturen, wenn sie einmal geläutert und im Lichte des Evangeliums erneuert sind, zum wahren Ausdruck des einen christlichen Glaubens werden. »Ihrerseits wird die Kirche durch die Inkulturation immer verständlicheres Zeichen von dem, was geeigneteres Mittel der Mission ist.«(85) Dieses Einbeziehen in die Kulturen gehörte stets zur Pilgerschaft der Kirche innerhalb der Geschichte, sie ist jedoch gerade heutzutage von besonderer Dringlichkeit angesichts der Vielfalt der Völker, Religionen und Kulturen in Asien, wo das Christentum allzuoft als eine fremde Religion betrachtet wird. In Anbetracht dieser Tatsache sollte man sich in Erinnerung rufen, was auch wiederholt auf der Synode zur Sprache kam, nämlich, daß der erste Handelnde bei der Inkulturation des Glaubens in Asien der Heilige Geist ist (86) . Derselbe Geist, der uns zur ganzen Wahrheit hinführt, macht auch einen fruchtbaren Dialog mit den kulturellen und religiösen Werten unterschiedlicher Völker möglich, unter denen er in gewisser Weise gegenwärtig ist, insofern er den Männern und Frauen aufrichtigen Herzens die Kraft verleiht, Übel und Nachstellung des Bösen zu überwinden, und jedem die Möglichkeit bietet, am Ostergeheimnis teilzuhaben in einer Weise, die nur Gott kennt (87) . Die Gegenwart des Heiligen Geistes bewirkt, daß sich dieser Dialog in Wahrheit, Aufrichtigkeit, Demut und Achtung vollzieht (88) . »Indem sie anderen die Frohbotschaft von der Erlösung anbietet, bemüht sich die Kirche, deren Kulturen zu verstehen. Sie bemüht sich, die Gedanken und Herzen ihrer Zuhörer, ihre Werte und Gebräuche, ihre Probleme und Schwierigkeiten, ihre Hoffnungen und Erwartungen zu erfahren. Hat sie die verschiedenen Aspekte der Kultur einmal kennengelernt und verstanden, dann kann sie den Heilsdialog beginnen; sie kann voll Achtung, aber klar und mit Überzeugung die Frohbotschaft von der Erlösung all jenen anbieten, die aus freien Stücken zuhören und Antwort geben wollen.«(89) Daher dürfen die Völker Asiens, die den christlichen Glauben zu ihrem machen wollen, nicht nur versichert sein, daß ihre Hoffnungen und Erwartungen, ihre Ängste und Leiden von Jesus angenommen sind, sondern auch, daß genau an diesem Punkt das Geschenk des Glaubens und die Kraft des Geistes in das tiefste Innere ihres Lebens eindringen. Es ist Aufgabe der Hirten, mit dem ihnen eigenen Charisma diesen Dialog mit Vernunft einzuleiten. Gleichzeitig spielen auch die Experten in religiösen oder weltlichen Disziplinen innerhalb des Inkulturationsprozesses eine wichtige Rolle. Aber es muß auch der Prozeß selbst das ganze Gottesvolk mit einbeziehen, da nämlich das Leben der Kirche als solches den verkündigten und angenommenen Glauben sichtbar werden lassen muß. Um sicher zu gehen, daß es in angemessener Weise geschieht, haben die Synodenväter einige Bereiche wie theologische Reflexion, Liturgie, Ausbildung der Priester und Ordensleute, Katechese und Spiritualität herausgearbeitet, welche besonderer Aufmerksamkeit bedürfen (90). Schlüsselbereiche der Inkulturation 22. Die Synode hat den Theologen Mut zugesprochen, die mit der anspruchsvollen Aufgabe betraut sind, eine inkulturierte Theologie speziell im Bereich der Christologie zu entwickeln (91). Sie hob hervor, daß »diese Art, Theologie zu treiben, zwar mutig angegangen werden muß, man aber der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche treu zu bleiben hat, indem man aufrichtig hinter dem Lehramt der Kirche steht und sich in der seelsorglichen Situation auskennt«(92). Auch ich möchte die Theologen dazu einladen, im Geist der Einheit mit den Hirten und den Gliedern des Gottesvolkes vorzugehen, das »über den ursprünglichen Glaubenssinn nachdenkt, was nie aus dem Blick verlorengehen soll«(93), also in Einheit und nie getrennt voneinander. Die theologische Arbeit muß stets von der Achtung vor der Sensibilität der Christen bestimmt sein, so daß die Menschen durch ein schrittweises Hineinwachsen in die durch die Inkulturation aufgenommenen Formen des Glaubensausdrucks weder verwirrt noch verstimmt werden. Auf alle Fälle muß die Inkulturation von der Kompatibilität mit dem Evangelium und der Gemeinschaft mit dem Glauben der Universalkirche bestimmt sein (94). Sie muß in voller Übereinstimmung mit der Tradition der Kirche ausgeführt werden, wobei man die Glaubensstärkung des Volkes im Blick haben muß. Der Beweis für eine wahre Inkulturation ist, wenn sich die Gläubigen deshalb mehr im christlichen Glauben engagieren, weil sie denselben deutlicher mit den Augen der eigenen Kultur wahrnehmen. Die Liturgie ist die Quelle und der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens und der christlichen Sendung (95). Sie ist ein grundlegendes Mittel der Evangelisierung besonders in Asien, wo die Angehörigen der verschiedenen Religionen so sehr vom Kult, von den religiösen Festen und der Volksfrömmigkeit angezogen sind (96). Die Liturgie der Orientalischen Kirchen wurde mit Erfolg im Lauf jahrhundertelanger wechselseitiger Beziehungen zu der sie umgebenden Kultur größtenteils inkulturiert, während sie für die jungen Kirchen noch zur einer stärkeren Nahrungsquelle für die Gläubigen werden muß, indem man den örtlichen Kulturen Elemente entlehnt und diese auf kluge und wirksame Weise in das liturgische Brauchtum übernimmt. Aber dennoch verlangt die Inkulturation der Liturgie wesentlich mehr als eine Konzentration auf traditionelle Kulturwerte, Symbole und Riten. Man muß sich dabei auch die Veränderungen im Bewußtsein und Verhalten vergegenwärtigen, die vom Aufkommen einer säkularisierten Konsumkultur herrühren, die den asiatischen Kult- und Gebetssinn beeinflußt. Auch darf man zu Gunsten einer genuinen liturgischen Inkulturation in Asien die spezifischen Bedürfnisse der Armen, der Migranten, der Flüchtlinge, der Jugendlichen und der Frauen nicht vergessen. Die nationalen und regionalen Bischofskonferenzen müssen enger mit der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung zusammenarbeiten, um nach wirksamen Wegen zur Förderung geeigneter Gottesdienstformen im Kontext Asiens zu suchen (97). Eine solche Zusammenarbeit ist von wesentlicher Bedeutung, weil die Liturgie durch ihre Feier den einzigen, von allen bekannten Glauben zum Ausdruck bringt, und da sie Erbe der ganzen Kirche ist, kann sie nicht durch von der Gesamtkirche isolierte Ortskirchen bestimmt werden. Die Synodenväter bestanden vor allem auf der Bedeutung des Wortes der Bibel für die Weitergabe der Heilsbotschaft an die Völker jenes Kontinentes, wo das mitgeteilte Wort so wichtig ist für die Erhaltung und Weitergabe religiöser Erfahrung (98). Daraus folgt aber, daß ein wirksames Bibelapostolat der Entfaltung bedarf, um sicherzustellen, daß die heiligen Worte weiter verbreitet und in einem Gebetsgeist der Glieder der Kirche in Asien intensiver genutzt werden. Die Synodenväter hoben auch die Dringlichkeit hervor, daß die Bibel die Grundlage jeglicher missionarischer Verkündigung, jeglicher Katechese und Predigttätigkeit sowie jeder Art von Spiritualität sei (99) . Auch sollen die Anstrengungen, die Bibel in die einzelnen Volkssprachen zu übersetzen, ermutigt und unterstützt werden, während die biblische Unterweisung als ein wichtiges Mittel zur Glaubenserziehung der Menschen betrachtet werden sollte, wodurch diese zur Aufgabe der Verkündigung befähigt werden. Man wird dabei an der Seelsorge orientierte Bibelkurse miteinbeziehen müssen, wobei der Akzent auf der Anwendung der biblischen Lehre innerhalb der komplexen Realität Asiens im Blick auf die Bildungsprogramme für den Klerus, die Ordensleute und den Laienstand liegen muß (100) . Die Heilige Schrift sollte auch unter den Anhängern anderer Religionen bekannt gemacht werden, da dem Wort Gottes eine Kraft innewohnt, das Herz der Menschen anzurühren, denn dadurch offenbart der Geist Gottes den göttlichen Heilsplan für die Welt. Außerdem haben die Erzählstile, die in vielen biblischen Büchern auffallend sind, eine Affinität zu den für Asien typischen religiösen Texten (101). Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Inkulturation ist die Ausbildung derer, die das Evangelium verkünden. Von ihnen hängt zum großen Teil auch deren Zukunft ab. In der Vergangenheit hat man bei der Ausbildung häufig die im Abendland entstandenen Stile, Methoden und Programme befolgt. Zwar kommt dem Dienst, der durch diese Art der Ausbildung geleistet wurde, Anerkennung zu, aber die Synodenväter haben auch die Mühen jüngster Zeit hinsichtlich einer Anpassung der Ausbildung für die Evangelisierung an den kulturellen Kontext Asiens als positive Entwicklung anerkannt. Außer einer soliden biblischen und patristischen Ausbildung müssen die Seminaristen eine artikulierte und sichere Kenntnis des theologischen und philosophischen Erbes der Kirche erwerben, wie es die Enzyklika Fides et ratio hervorhebt (102). Von der Grundlage dieser Vorbereitung werden sie dann profitieren können, wenn sie daran gehen, sich mit den philosophischen und religiösen Traditionen Asiens zu beschäftigen (103). Außerdem haben die Synodenväter auch die Professoren und Mitarbeiter in den Seminaren ermutigt, doch zu versuchen, die dem asiatischen Geist nahestehenden Elemente der Spiritualität und des Gebetes zu verstehen und sich bei der Suche der asiatischen Völkern nach einem Leben in Fülle immer tiefer einbinden zu lassen (104) . Zu diesem Zweck betonte man besonders die Notwendigkeit, dem Lehrkörper in den Seminaren eine angemessene Ausbildung zuzusichern (105). Auch gab die Synode ihrer Sorge für die Ausbildung der Männer und Frauen für das geweihte Leben Ausdruck, wobei man besonders deutlich hervorhob, daß ihre Spiritualität und ihr Lebensstil eine Sensibilität für das religiöse und kulturelle Erbe der Menschen aufweisen muß, unter denen sie leben und denen sie dienen unter der Voraussetzung der notwendigen Unterscheidung zwischen dem, was mit dem Evangelium im Einklang steht und was ihm entgegensteht (106). Außerdem ist aufgrund der Tatsache, daß die Inkulturation das ganze Gottesvolk mit einbezieht, die Rolle des Laienstandes von wesentlicher Bedeutung, denn die Laien sind vor allen anderen zur Umwandlung der Gesellschaft berufen, und zwar indem sie in Zusammenarbeit mit den Bischöfen, dem Klerus und den Ordensleuten der Mentalität, den Sitten, Gesetzen und Strukturen der nichtchristlichen Welt, in der sie leben, den »Gedanken Christi« eingießen (107). Eine größer angelegte Inkulturation des Evangeliums in allen Gesellschaftsschichten Asiens wird in bemerkenswerter Weise von einer geeigneten Ausbildung abhängen, welche die Ortskirche dem Laienstand zu vermitteln weiß. Christliches Leben als Verkündigung 23. Je mehr die christliche Gemeinschaft auf der Gotteserfahrung aus gelebtem Glauben gründet, desto mehr wird sie im Stande sein, anderen in glaubwürdiger Weise die Erfüllung des Reiches Gottes in Jesus Christus zu verkünden. Das hängt auch von der treuen Annahme des Wortes Gottes sowie von Gebet und Betrachtung ab, von der Feier des Mysteriums Jesu in den Sakramenten – allen voran im Sakrament der Eucharistie – und vom Vorbild wahrer Lebensgemeinschaft und Unversehrtheit der Liebe. Der Mittelpunkt in den Teilkirchen muß die Betrachtung Jesu Christi sein, der Gott ist und Mensch wurde: Die Kirche muß ständig auf eine noch tiefere Einheit mit Ihm bedacht sein, dessen Sendung sie weiterführt. Mission ist kontemplative Aktivität und aktive Kontemplation. Daher wird ein Missionar, der Gott nicht zutiefst im Gebet und in der Betrachtung erfahren hat, wenig spirituellen Einfluß oder Erfolg in seinem Dienst haben. Es handelt sich hierbei um einen Gedanken, den ich aus meiner persönlichen Erfahrung als Priester und – wie ich auch anderswo geschrieben habe – aus den Kontakten mit Vertretern nichtchristlicher geistlicher Traditionen, besonders jener asiatischen, geschöpft habe. Dadurch wurde ich in meiner Überzeugung bestätigt, daß die Zukunft der Mission in erheblichem Maße von der kontemplativen Betrachtung abhängt (108). Ein wirklich religiöser Mensch wird in Asien ohne weiteres geachtet, und mit Leichtigkeit folgen ihm die Menschen nach. Gebet, Fasten und verschiedene Formen der Askese stehen in hohem Ansehen. Entsagung, Zurückgezogenheit, Demut, Einfalt und Schweigen werden dort von den Mitgliedern aller Religionen als große Werte betrachtet. Und damit das Gebet nicht von der humanen Entfaltung der Menschen losgelöst wird, hoben die Synodenväter hervor, daß »die Werke der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe und des Mitleids eng an ein wirkliches Leben in Gebet und Kontemplation gebunden sind« und weiter, daß »eben diese Spiritualität die Quelle sein wird für unser Werk der Evangelisierung«(109). In voller Überzeugung von der Bedeutung eines echten Zeugnisses bei der Evangelisierung Asiens haben die Synodenväter gesagt: »Die Frohbotschaft von Jesus Christus kann nur von solchen Menschen verkündet werden, die auch von der in der Person Jesu Christi offenbar gewordenen Liebe des Vaters zu seinen Kindern ergriffen und inspiriert sind. Eine solche Verkündigung ist eine Mission, die heiligmäßige Männer und Frauen braucht, die durch ihr eigenes Leben die Menschen dazu bringen, Jesus Christus kennen und lieben zu lernen. Ein Feuer kann durch nichts angezündet werden, das nicht selbst entbrannt ist. Und so kann auch die Verkündigung der Frohbotschaft in Asien nur dann Fuß fassen, wenn Bischöfe und Priester, Ordensleute und Laien selbst von der Liebe zu Christus entbrannt sind und mit brennendem Eifer daran gehen, ihn bestmöglich bekannt zu machen, damit die Menschen ihn noch inniger lieben und ihm noch konsequenter nachfolgen.«(110) Die Christen, die von Christus sprechen, müssen auch die Botschaft, die sie verkünden, in ihrem Leben lebendig werden lassen. Hier gilt es aber doch noch einen besonderen Umstand zu beachten, besonders im Hinblick auf Asien. Die Kirche weiß, daß das schweigende Lebenszeugnis auch heute noch in vielen Gegenden Asiens die einzige Art und Weise ist, das Reich Gottes zu verkünden, weil dort die offene Verkündigung verboten und die Religionsfreiheit nicht gegeben ist bzw. systematisch eingeschränkt wird. Die Kirche lebt diese Art von Zeugnis ganz bewußt und betrachtet dies als das, was »täglich sein Kreuz auf sich nehmen« (vgl. Lk 9,23) heißt. Dabei richtet sie dennoch unermüdlich und immer wieder den dringenden Aufruf an die Regierungen, die Religionsfreiheit als ein fundamentales Menschenrecht anzuerkennen. Und so lassen sich in Anbetracht dieses Umstandes bezeichnenderweise die Worte des II. Vatikanischen Konzils wiederholen, »daß die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln«(111). In einigen asiatischen Ländern muß dieses Prinzip erst noch anerkannt und in die Tat umgesetzt werden. Natürlich stellt die Verkündigung Jesu Christi viele komplexe Aspekte dar sowohl, was den Inhalt als auch was die Methode betrifft. Und die Synodenväter waren sich der legitimen Vielfalt des Zugangs zur Verkündigung Jesu sehr wohl bewußt. Dabei galt jedoch immer die Bedingung, daß der Glaube in seiner Reinheit im Prozeß des Aneignens und im gemeinsamen Glaubensleben respektiert wird. Die Synode hat hervorgehoben, daß »heute die Evangelisierung unter verschiedenen Aspekten wie Zeugnis, Dialog, Verkündigung, Katechese, Konversion, Taufe, Eingliederung in die kirchliche Gemeinschaft, Festigung der Kirche, Inkulturation und ganzheitliche Entwicklung des Menschen eine reiche und dynamische Realität darstellt. Einige dieser Elemente gehen gemeinsam vonstatten, während andere Stationen bzw. aufeinanderfolgende Phasen des gesamten Prozesses der Evangelisierung darstellen«(112). Bei all diesen Werken der Evangelisierung muß jedoch immer die ganze Wahrheit von Jesus Christus verkündet werden. Es ist zwar legitim, einige Aspekte des unergründlichen Geheimnisses Jesu hervorzuheben, besonders dann, wenn man jemanden schrittweise zu Christus hinführen will, es darf aber kein Kompromiß zugelassen werden, wenn es um die Integrität des Glaubens geht. Und schließlich muß auch die Annahme des Glaubens seitens einzelner auf dem sicheren Verständnis der Person Jesu Christi gründen, denn er ist der Herr aller, und er ist »derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8), so, wie es die Kirche immer und überall gelehrt hat. KAPITEL V GEMEINSCHAFT UND DIALOG FÜR DIE MISSION Gemeinschaft und Mission gehen Hand in Hand 24. Dem ewigen Plan des Vaters gehorsam, wurde die Kirche, die von Anbeginn der Welt gewollt war, durch das Alte Testament vorbereitet und von Jesus Christus eingesetzt wurde, am Pfingsttag durch den Heiligen Geist in der Welt vergegenwärtigt. »So wandert die Kirche auf ihrer Pilgerreise […] zwischen Verfolgungen der Welt und Tröstungen Gottes dahin«(113), während sie sich zur Vollkommenheit in der himmlischen Glorie hin bewegt. Und da Gott will, daß »das ganze Menschengeschlecht ein Volk Gottes bilde, in den einen Leib Christi zusammenwachse und zu dem einen Tempel des Heiligen Geistes aufgebaut werde«(114), daher ist die Kirche in der Welt »das sichtbare Zeichen der Liebe Gottes zur Menschheit« […], »das Sakrament des Heils«(115). Daher kann man sie nicht einfach als eine Sozialorganisation oder als ein Wohltätigkeitsverein betrachten. Auch wenn sich unter ihren Gliedern sündhafte Menschen befinden, muß sie als der privilegierte Ort der Begegnung zwischen Gott und dem Menschen gesehen werden, an dem Gott das Geheimnis seines innersten Lebens offenbaren und seinen Heilsplan für die Welt verwirklichen wollte. Das Geheimnis der göttlichen Liebe wird sichtbar und aktiv in der Gemeinschaft der Menschen, die mit Christus durch die Taufe auf den Tod hin begraben wurden, und wie auch Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so können auch sie als neue Menschen leben (vgl. Röm 6,4). Im Mittelpunkt des Mysteriums der Kirche ist das Band der Gemeinschaft, das Christus, den Bräutigam, mit allen Getauften vereint. Durch diese lebendige und lebenspendende Gemeinschaft, »aufgrund derer die Christen nicht sich selbst gehören, sondern […] Christi Eigentum sind«(116) , vereint mit dem Sohn durch das Liebesband des Geistes, sind sie auch mit dem Vater vereint, und aus dieser Gemeinschaft geht auch die Gemeinschaft hervor, welche sie untereinander durch Christus im Heiligen Geist verbindet (117) . Erstrangiges Ziel der Kirche ist es daher, das Sakrament der innigen Vereinigung des Menschen mit Gott zu sein und, da die Gemeinschaft der Menschen untereinander in dieser Vereinigung mit Gott wurzelt, ist die Kirche auch das Sakrament der Einheit des Menschengeschlechts (118), die in ihr bereits begonnen hat. Gleichzeitig ist sie auch »Zeichen und Werkzeug« der vollen Verwirklichung dieser noch zu vollbringenden Einheit (119). Dies ist eine wesentliche Voraussetzung des Lebens in Christus, daß der, der in die Gemeinschaft mit dem Herrn eintritt, Frucht bringen soll: »Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht« (Joh 15,5). Das ist so wahr, daß derjenige, der keine Frucht bringt, auch nicht in der Gemeinschaft verbleibt: »Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er [der Vater] ab« (Joh 15,2). Die Gemeinschaft mit Jesus, die der Beginn der Gemeinschaft der Christen untereinander ist, ist die unerläßliche Bedingung, um Frucht zu bringen, und die Gemeinschaft mit den anderen, ein Geschenk Christi und seines Geistes, ist die schönste Frucht, welche die Reben bringen können. In diesem Sinne sind Gemeinschaft und Mission unzertrennlich miteinander verbunden und durchdringen einander, sie bedingen sich gegenseitig, so daß »die ›communio‹ zugleich Quelle und Frucht der Sendung ist: die ›communio‹ ist missionarisch, und die Sendung gilt der ›communio.‹« (120) Indem sich das II. Vatikanische Konzil der Theologie der Gemeinschaft bediente, konnte es die Kirche als das Volk Gottes auf der Pilgerschaft beschreiben, mit dem gewisserweise alle Völker verbunden sind (121) . Auf dieser Grundlage haben die Synodenväter den Akzent auf die geheimnisvolle Verbindung zwischen der Kirche und den Anhängern anderer asiatischer Religionen gelegt, wobei sie bemerkten, daß diese »in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Grad mit der Kirche im Verhältnis stehen«(122) . Bei so unterschiedlichen Völkern, Kulturen und Religionen »ist das Leben der Kirche als Gemeinschaft von allergrößter Bedeutung«(123) . In der Tat hat der Dienst der Einheit der Kirche eine spezifische Relevanz in Asien, wo es so viele Spannungen, Trennungen und Konflikte gibt, deren Ursprung in ethnischen, sozialen, kulturellen, sprachlichen, wirtschaftlichen und religiösen Unterschieden liegt. In eben diesem Kontext müssen die Ortskirchen in Asien, die in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri stehen, untereinander eine tiefere Zusammengehörigkeit des Geistes und des Herzens fördern, indem sie enger miteinander zusammenarbeiten. Außerdem sind die Beziehungen zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie zu Zugehörigen anderer Religionen für die Sendung zur Evangelisierung von vitaler Bedeutung (124) . Daher hat die Synode die Erfüllung der Aufgabe erneuert, sowohl die ökumenischen Beziehungen als auch den inter religiösen Dialog zu fördern, denn sie hat zur Kenntnis genommen, daß es für den kirchlichen Auftrag der Evangelisierung auf diesem Kontinent wesentlich ist, Einheit zu schaffen, sich für die Versöhnung einzusetzen, Bande der Solidarität zu knüpfen, den Dialog der Religionen und Kulturen zu fördern, Vorurteile auszuräumen und Vertrauen unter den Völkern zu schaffen. All das verlangt von der katholischen Gemeinschaft eine aufrichtige Erforschung des Gewissens, den Mut zur Versöhnung und ein erneuertes Engagement für den Dialog. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend wird klar, daß die Fähigkeit der Kirche zur Evangelisierung erfordert, sich inständig darum zu bemühen, dem Anliegen der Einheit in allen Dimensionen zu dienen, da nämlich Gemeinschaft und Mission Hand in Hand gehen. Gemeinschaft innerhalb der Kirche 25. Vereint um den Nachfolger Petri, beten die Bischöfe der Sonderversammlung für Asien gemeinsam und arbeiten zusammen. So geben sie ein konkretes Bild von dem ab, was die kirchliche Gemeinschaft in ihrer so reichen Verschiedenheit ist, die aus den Teilkirchen kommt, denen sie in Liebe vorstehen. Meine Anwesenheit bei den Generalkongregationen der Synode war einerseits eine großartige Gelegenheit, um Schwierigkeiten, Freude und Hoffnungen der Bischöfe zu teilen, andererseits war es eine intensive und zutiefst empfundene Ausübung meines Amtes. Denn gerade in dieser Perspektive der kirchlichen Gemeinschaft kommt die universale Autorität des Nachfolgers Petri am deutlichsten zum Vorschein, und zwar nicht in erster Linie als jurisdiktionelle Vollmacht über die Ortskirchen, sondern vor allem als Pastoralprimat im Dienste der Einheit des Glaubens und Lebens des gesamten Gottesvolkes. Die Synodenväter waren sich zutiefst bewußt, »daß das Petrusamt die spezifische Funktion hat, die Einheit der Kirche zu garantieren und zu fördern«(125), und in diesem Sinne haben sie auch den Dienst anerkannt und geschätzt, den die Dikasterien der Römischen Kurie und der diplomatische Dienst des Hl. Stuhls den Ortskirchen gegenüber im Geiste der Gemeinschaft und Kollegialität leisten (126). Eine wesentliche Dimension dieses Dienstes ist die Achtung und Sensibilität, den diese engen Mitarbeiter des Nachfolgers Petri der legitimen Unterschiedlichkeit der Ortskirchen und der kulturellen Vielfalt der Völker, mit denen sie in Kontakt kommen, entgegenbringen. Jede Teilkirche muß auf dem Zeugnis der kirchlichen Gemeinschaft gegründet sein, welches das Seinsprinzip der Kirche selbst darstellt. Die Synodenväter haben für die Beschreibung der Diözese die Definition einer Gemeinschaft der von den Hirten versammelten Gemeinden gewählt, wo der Klerus, die Ordensleute und die Laien sich um einen »Dialog des Lebens und des Herzens« (127) bemühen, bei dem sie von der Gnade des Heiligen Geistes unterstützt werden. In erster Linie kann sich nämlich in der Diözese die Vision der Gemeinschaft einer Gemeinde inmitten jener komplexen sozialen, politischen, religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Realität Asiens bewahrheiten. Kirchliche Gemeinschaft beinhaltet, daß jede Ortskirche zu dem werden muß, was die Synodenväter eine »teilnehmende Kirche« genannt haben, das heißt eine Kirche, in der jeder seine eigene Berufung lebt und sie in seine Rolle einfügt, damit die »Gemeinschaft für die Mission« und die »Mission der Gemeinschaft« errichtet werden kann. Das Charisma des einzelnen Mitglieds muß anerkannt, entfaltet und in wirksamer Weise eingesetzt werden (128). Genauer gesagt, heißt das, es besteht eine Notwendigkeit, eine größere Einbeziehung der Laien und Ordensleute in das Seelsorgeprogramm und in den Entscheidungsprozeß zu fördern, und zwar mit Hilfe von Strukturen, die diese Teilnahme ermöglichen, wie zum Beispiel Seelsorgeräte oder Pfarrgemeindeversammlungen (129). In jeder Diözese ist die Pfarrei der normale Ort, an dem die Gläubigen sich versammeln, um im Glauben zu wachsen, um das Geheimnis der kirchlichen Gemeinschaft zu erleben und um an der Mission der Kirche teilzunehmen. Daher haben die Synodenväter die Pfarrer eindringlich dazu eingeladen, neue und wirksame Arten für die seelsorgliche Leitung der Gläubigen bereitzustellen, so daß alle, besonders aber die Armen, sich wirklich als zur Pfarrei und zum ganzen Gottesvolk zugehörig fühlen. Es sollte eine normale Praxis jeder Pfarrgemeinde sein, die Seelsorge zusammen mit den Laien zu gestalten (130). Außerdem hat die Synode besonders die Jugendlichen als diejenigen bestimmt, für welche »die Pfarrei größere Möglichkeiten zur Freundschaft und Gemeinschaft durch Aktivitäten im Bereich eines organisierten Jugendapostolates oder durch Jugendverbände anbieten müßte«(131). Keiner dürfte von vornherein davon ausgeschlossen sein, voll und ganz am Leben und an der Sendung der Pfarrei im Rahmen der sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und pädagogischen Gegebenheiten teilzunehmen, und da jeder, der Christus nachfolgt, der Gemeinschaft eine Gabe zu bieten hat, sollte sich auch die Gemeinschaft bereit zeigen, die Gabe eines jeden anzunehmen und aus ihr Nutzen zu ziehen. In einem solchen Kontext und im Hinblick auf die eigene Seelsorgeerfahrung haben die Synodenväter den Wert der kirchlichen Basisgemeinden als eine wirksame Art der Gemeinschaftsförderung und Teilnahme an der Pfarrei und der Diözese hervorgehoben und sie als eine genuine Kraft der Evangelisierung qualifiziert (132). Diese kleine Gruppen helfen den Gemeinden, zu leben, zu beten und sich gegenseitig zu lieben wie die Urchristen (vgl. Apg 2,44–47;4,32–35). Denn sie neigen dazu, den eigenen Mitgliedern zu helfen, das Evangelium in einem Geist der brüderlichen Liebe und des Dienstes zu leben, und sind daher ein solider Ausgangspunkt, um eine neue Gesellschaft zu gründen, die ein Ausdruck der Zivilisation der Liebe ist. Zusammen mit der Synode ermutige ich die Kirche in Asien, diese Basisgemeinden dort, wo es möglich ist, als ein brauchbares Werkzeug für das kirchliche Werk der Evangelisierung zu betrachten. Gleichzeitig werden sie auch Nutzen bringen, wenn sie, so schrieb Paul VI., in Einheit mit der Ortskirche und der Gesamtkirche leben, in aufrichtiger Gemeinschaft mit den Hirten und dem Lehramt stehen und sich in der Mission engagieren, ohne irgendwelchen Isolationsstrukturen oder ideologischen Ausnutzungsschemen Raum zu gewähren (133). Die Anwesenheit dieser kleinen Gemeinschaften steht den Institutionen und fest gefügten Strukturen nicht entgegen, welche für die Kirche notwendig bleiben, um die eigene Mission zu erfüllen. Auch hat die Synode die Rolle der Erneuerungsbewegungen für die Errichtung der Gemeinschaft anerkannt, vor allem dann, wenn sie die Möglichkeit bieten, durch den Glauben und die Sakramente sowie durch die Förderung einer Umkehr im Lebenswandel eine noch tiefere Gotteserfahrung zu erleben (134). Es obliegt der Verantwortung der Hirten, solche Gruppen zu leiten, zu begleiten und zu ermutigen, damit sie sich gut in das Leben und die Mission der Pfarrei und der Diözese integrieren können. Alle, die irgendwelchen Verbänden oder Bewegungen angehören, sollten der Ortskirche Unterstützung leisten und sich nicht selbst als eine Alternative zu den diözesanen Strukturen und dem Leben in der Pfarrei präsentieren. Die Gemeinschaft wird dann gestärkt, wenn die jeweiligen Verantwortlichen dieser Bewegungen mit den Hirten im Geist der Nächstenliebe zum Wohle aller zusammenarbeiten (vgl. 1 Kor 1,13). Solidarität unter den Kirchen 26. Diese Gemeinschaft »ad intra« trägt auch zur Solidarität unter den verschiedenen Ortskirchen bei. Es ist legitim und unerläßlich, den Bedürfnissen der Ortskirchen nachzukommen, doch verlangt Gemeinschaft, daß diese Ortskirchen offen zueinander stehen und zusammenarbeiten, so daß sie durch ihre Verschiedenheit klar und deutlich das Band der Gemeinschaft mit der Universalkirche bewahren und zum Ausdruck bringen. Gemeinschaft verlangt auch gegenseitiges Verständnis und eine koordinierte Annäherung an die Mission, und zwar ohne Vorurteile gegenüber der Autonomie und den Rechten jener Kirchen gemäß ihrer jeweiligen theologischen, liturgischen und spirituellen Traditionen. Beweist doch die Geschichte, wie oft Trennungen die Gemeinschaft der Kirchen in Asien verletzt haben. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Beziehungen zwischen den Teilkirchen unterschiedlicher kirchlicher Jurisdiktionen oder verschiedener liturgischer Traditionen und missionarischer Methoden als voller Spannungen und Schwierigkeiten herausgestellt. Die auf der Synode anwesenden Bischöfe räumten ein, daß leider auch heutzutage sowohl zwischen den Teilkirchen in Asien als auch innerhalb derselben mitunter immer noch Trennungen vorkommen, die oft im Zusammenhang stehen mit der rituellen, liturgischen, ethnischen, ideologischen Verschiedenheit sowie den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kasten. Einige Wunden sind zwar zum Teil verheilt, jedoch immer noch nicht völlig ausgeheilt. Die Synodenväter waren sich bewußt, daß dort, wo die Gemeinschaft geschwächt ist, das Zeugnis der Kirche und ihr missionarisches Werk darunter zu leiden hat. Deshalb haben sie konkrete Initiativen zur Stärkung der gegenseitigen Beziehung der asiatischen Teilkirchen vorgeschlagen. Außer den notwendigen spirituellen Ausdrucksformen zur Unterstützung und Ermutigung wurde eine gleichmäßigere Verteilung der Priester, eine wirksamere wirtschaftliche Solidarität, kultureller und theologischer Austausch sowie ein größeres Angebot von Partnerschaften mit anderen Diözesen vorgeschlagen (135). Regionale und kontinentale Verbände der Bischöfe, insbesondere der Rat der katholischen Patriarchen des Mittleren Ostens und die Föderation der asiatischen Bischofskonferenzen, haben dazu beigetragen, die Einheit unter den Ortskirchen zu fördern. Man hat einen Begegnungsort der Zusammenarbeit zur Lösung von pastoralen Problemen geschaffen. Ebenso gibt es in Asien etliche theologische, spirituelle und pastorale Zentren, welche die Gemeinschaft und praktische Zusammenarbeit fördern (136). Es muß das Anliegen aller sein, dafür zu sorgen, daß diese vielversprechenden Initiativen zum Wohle der Kirche und der Gesellschaft in Asien weiterentwickelt werden. Die katholischen Ostkirchen 27. Die Situation der katholischen Ostkirchen, vornehmlich jener des Mittleren Ostens und Indiens, verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie waren seit der apostolischen Zeit die Hüter eines wertvollen spirituellen, liturgischen und theologischen Erbes. Ihre Riten und Traditionen, die aus einer tiefgreifenden Inkulturation des Glaubens in vielen asiatischen Ländern hervorgehen, haben ein Anrecht auf allerhöchsten Respekt. Zusammen mit den Synodenvätern möchte ich, daß alle legitimen Bräuche und die Freiheit dieser Kirchen in disziplinären und liturgischen Angelegenheiten anerkannt werden, so wie sie das Orientalische Kirchenr echt festgesetzt hat (137). Im Lichte der Lehre des II. Vatikanischen Konzils besteht eine dringende Notwendigkeit, die Ängste und die Verständnislosigkeit zu überwinden, die mitunter zwischen den Katholischen Ostkirchen und der lateinischen Kirche aufzukommen scheinen und offenbar auch innerhalb jener Kirchen selbst, besonders im Hinblick auf die Seelsorge, auch außerhalb des eigenen Territoriums existieren (138). Als Kinder der einen Kirche und in neuem Leben in Christus wiedergeboren, sind die Gläubigen dazu berufen, alles in einem Geist der Gemeinschaft, in guter Absicht, mit Vertrauen und in unerschütterlicher Liebe anzugehen. Man darf nicht zulassen, daß die Konflikte Ursache von Trennung sind, sondern sie müssen im Geist der Wahrheit und Achtung angegangen werden, denn nur aus der Liebe heraus kann Gutes entstehen (139). Diese ehrwürdigen Kirchen sind direkt in den ökumenischen Dialog mit den orthodoxen Schwesterkirchen einbezogen, und die Synodenväter haben sie ermutigt, auf diesem Wege weiterzugehen (140). Auch haben sie sehr wertvolle Erfahrungen im Rahmen des interreligiösen Dialogs gemacht – und dies ganz besonders mit dem Islam, was auch für andere Kirchen in Asien und anderswo hilfreich sein kann. Selbstverständlich sind die katholischen Ostkirchen sehr reich an Traditionen und Erfahrungen, die sie in großartiger Weise zum Wohl der ganzen Kirche einsetzen können. Geteilte Hoffnung, geteiltes Leid 28. Auch waren sich die Synodenväter bewußt, daß es einer wirkungsvollen Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den auf asiatischem Boden ansässigen Ortskirchen der ehemaligen Sowjetunion bedarf, welche unter schwierigen, aus einer geschichtlichen Zeit des Leids herrührenden Umständen im Wiederaufbau begriffen sind. Die Kirche begleitet sie im Gebet und teilt mit ihnen das Leid und die wiedergefundenen Hoffnungen. Daher ermutige ich die ganze Kirche, diese Ortskirchen moralisch, spirituell und materiell zu unterstützen, vielleicht auch, indem man ihnen Geistliche und Laien zur Verfügung stellt, denn diese sind wirklich notwendig, damit diesen Gemeinschaften dabei geholfen werden kann, Gottes Liebe, die in Christus geoffenbart wurde, mit den Völkern dieser Länder zu teilen (141). In vielen Teilen Asiens leben unsere Brüder und Schwestern ihren Glauben weiterhin unter einschränkenden Bedingungen oder gar in totaler Aberkennung der Freiheit. Diesen leidenden Gliedern der Kirche gegenüber haben die Synodenväter ihre ganz besondere Besorgnis zum Ausdruck gebracht. Zusammen mit den Bischöfen Asiens appelliere ich an die Brüder und Schwestern jener Kirchen, die unter solch leidgeprüften Bedingungen zu leben haben, ihr Leid mit den Leiden des gekreuzigten Herrn zu vereinen, denn wir wissen ebensogut, wie sie, daß nur das Kreuz, wenn man es in Glauben und Liebe auf sich nimmt, der Weg zur Auferstehung und zum neuen Leben der Menschheit i |