 |
APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND
JOHANNES PAULUS II.
ANGELUS
16. November 1980
Liebe Brüder und Schwestern!
Es ist eine große Freude für mich, euch gleich zu Anfang mit diesem schönen
Namen anreden zu dürfen: Brüder - Schwestern. Denn wir alle sind Kinder des
einen gemeinsamen Vaters, von Gott in Christus geliebt und erlöst. So sind wir
uns nicht fremd und unbekannt, auch wenn wir uns hier zum erstenmal begegnen.
Ich grüße euch alle von ganzem Herzen, die ihr in diesem Dom versammelt seid,
um mit mir zusammen das alte und vertraute Gebet des Engel-des-Herrn zu
sprechen.
Unsere Gebetsgemeinschaft umfaßt aber heute mittag nicht nur euch hier,
sondern viele andere Mitmenschen in ganz Deutschland, die die Last irgendeiner
Behinderung in ihrem Leben zu tragen haben und sich doch gläubig unserem
Mittagsgebet mit der Hilfe des Fernsehens und des Radios anschließen wollen.
Auch diese möchte ich meine Brüder und Schwestern nennen, euch, die ihr in
eurer Wohnung - allein oder mit euren Angehörigen und Freunden - oder auch in
der größeren Gemeinschaft eines Heimes durch die Medien mit uns hier in
Osnabrück verbunden seid. Mit euch allen zusammen werden wir gleich Gott loben
und ihm danken für das große Geschenk seiner Liebe.
Diese Liebe ist der Grund eurer Hoffnung und eures Lebensmutes. Gott hat uns
in Jesus Christus auf unüberbietbare Weise gezeigt, wie er jeden einzelnen
Menschen liebt und ihm dadurch unendliche Würde verleiht. Gerade jene, deren
Leib oder Seele von Behinderungen belastet sind, dürfen sich als Freunde Jesu,
als besonders von ihm geliebt wissen. Er selbst sagt: ”Kommt alle zu mir, die
ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe
verschaffen.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von
Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch
drückt nicht, und meine Last ist leicht“ (Mt 11, 28-30). Was den Menschen als Schwäche und
Gebrechen erscheint, ist für Gott ein Grund besonderer Liebe und Zuwendung. Und
dieses Urteil Gottes ist dann auch für die Kirche und jeden einzelnen Christen
Auftrag und Verpflichtung. Für uns Christen zählt weniger, ob jemand krank
oder gesund ist; was letztlich zählt, ist dies: Bist du bereit, deine dir von
Gott geschenkte Würde bewußt und gläubig in all deinen Lebenslagen und in
deinem Verhalten als wahrer Christ zu verwirklichen - oder willst du diese
Würde in einem oberflächlichen, verantwortungslosen Leben, in Sünde und
Schuld vor Gott verspielen? Auch als Behinderte könnt ihr heilig werden, könnt
ihr alle das eine hohe Ziel erreichen, das Gott jedem Menschen als seinem
geliebten Geschöpf zugedacht hat.
Jeder Mensch erhält von Gott seine ganz persönliche Berufung, seinen
besonderen Heilsauftrag.
Wie immer sich der Wille Gottes uns dartun mag, er ist letztlich für uns
immer eine frohe Boschaft, eine Botschaft zu unserem ewigen Heil. Das gilt auch,
wenn ihr als schwerbehinderte Menschen von Christus zu einer ganz besonderen Art
der Nachfolge, zu Kreuzesnachfolge, berufen seid. Christus lädt euch im
obengenannten Wort ein, eure Gebrechen als sein Joch, als einen Weg auf seinen
Spuren, anzunehmen. Nur so werden euch die leidvollen Lasten nicht erdrücken.
Die einzig richtige Antwort auf den Ruf Gottes zur Christusnachfolge, wie immer
er konkret aussehen mag, ist die Antwort der allerseligsten Jungfrau Maria: ”Mir
geschehe nach deinem Wort!“ (Lk 1, 38). Allein euer bereites ”Ja“ zum Willen Gottes,
der sich oft unserem natürlichen Verstehen entzieht, kann euch selig machen und
schenkt euch schon jetzt eine innere Freude, die durch keine Not von außen
zerstört werden kann.
Ihr bedürft dazu natürlich auch der tatkräftigen Hilfe vieler gesunder
Mitmenschen. Ich denke hierbei besonders an euch, die ihr als Helfer und
Begleiter hierhergekommen seid oder, wo auch immer, den Behinderten hilfsbereit
beisteht. Als Angehörige oder von Berufs wegen stellt ihr eure Fähigkeiten,
eure Zeit und Kraft in den Dienst des Nächsten. Im Namen Jesu Christi, der euch
im notleidenden Mitmenschen selber auf geheimnisvolle Weise begegnet, möchte
ich euch für diesen aufopferungsvollen Dienst danken und euch gleichzeitig
darin ermutigen. Solchen selbstlosen Dienern gelten die verheißungsvollen Worte
des Herrn: ”Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid...; ich war
krank, und ihr habt mich besucht - schwerbehindert, und ihr seid mir
beigestanden. Nehmt das Reich in Besitz, das am Anfang der Welt für euch
geschaffen worden ist“ (vgl. Mt 25, 31-46).
Ein ebenso herzliches Wort des Dankes und der Ermutigung richte ich auch an alle
Priester, die als Behindertenseelsorger einen wichtigen Auftrag der Kirche
erfüllen. Ihr seid in einer besonderen Weise Diener ihrer inneren, geistlichen
Freude. Werdet nicht müde trotz des bedrängenden Priestermangels, den euch
anvertrauten Behinderten mit priesterlichem Eifer und fachlichem Können die
Frohe Botschaft zu verkünden. Helft ihnen, ihr Los im Lichte des Glaubens zu
betrachten, der sie dieses als Berufung zur Teilnahme am Erlöserleiden Christi
verstehen lehrt. Seid stark in Christus, der euch sendet und durch euch sein
Heil unter den Menschen wirkt.
Schließlich sind alle Menschen und die ganze Gesellschaft aufgerufen, den
Behinderten hilfreich beizustehen. Sie haben ein Anrecht darauf. Zwischen den
Gesunden und ihnen darf es keine trennenden Barrieren und Mauern geben. Wer
heute als gesund gilt, kann schon jetzt eine verborgene Krankheit in sich
tragen; er kann morgen verunglücken und auf Dauer geschädigt werden. Wir alle
sind Pilger auf einer sehr begrenzten Wegstrecke, und einmal endet der Weg für
jeden von uns mit dem Tod. Schon in gesunden Tagen erfahren die meisten von uns
Zeichen von Begrenztheit und Schwäche, von Hinfälligkeit und Behinderung.
Laßt uns deshalb gemeinsam, die mehr oder weniger Gesunden und die mehr oder
weniger Behinderten, in brüderlicher Solidarität zueinanderstehen und uns
gegenseitig den geschuldeten Bruderdienst erweisen, durch den allein sich ein
menschenwürdiges Zusammenleben in Familie und Gesellschaft wirksam entfalten
kann.
Deshalb sind auch bei dieser Begegnung mit unseren behinderten Brüdern und
Schwestern alle Menschen, die uns hier oder draußen im Lande zuhören oder
zuschauen, aufrichtig eingeladen, sich unserem Mittagsgebet anzuschießen. Vor
Gott weichen alle irdischen Unterschiede zurück; entscheidend bleibt nur das
jeweilige Maß an gläubiger Hoffnung und selbstloser Liebe, die jeder einzelne
im Herzen trägt.
Beim Engel-des-Herrn-Gebet betrachten wir mit dem vertrauten dreimaligen ”Gegrüßet-seist-du-Maria“
das Kerngeheimnis unseres Glaubens, die Menschwerdung Gottes im Schoß der
Jungfrau Maria. Wie Maria ihr Jawort zu diesem Heilsplan Gottes gesagt hat, so
bekennen auch wir unser ”Fiat“, unser Ja, zu unserer Berufung. Sagen wir
zuversichtlich ja dazu: zur Berufung des Leidens wie zur Berufung des Helfens
und Dienens! Und wie aus Maria, der Jungfrau, Gottes Wort Fleisch wurde und
unser Bruder, so wird auch unser Weg mit Gottes Kraft fruchtbar werden. Im
Vertrauen angenommenes Leid, ein in Liebe übernommener Dienst: das ist heute
ein Weg, auf dem der Herr in die Welt kommen will.
So laßt uns also die Hände falten und beten:
Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen
Geist.
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus:
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.
Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.
Gegrüßet seist du, Maria...
Heilige Maria...
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Gerüßet seist du, Maria...
Heilige Maria...
Bitte für uns, heilige Gottesmutter, daß wir würdig werden der Verheißungen
Christi.
Lasset uns beten:
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft
des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Laß
uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Darum
bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.
|