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BOTSCHAFT VON PAPST
BENEDIKT XVI.
VOR DEM SEGEN "URBI ET ORBI"
OSTERN 2006
Liebe Brüder und Schwestern!
Christus resurrexit! –Christus ist auferstanden!
Die große Vigilfeier in dieser Nacht hat uns das entscheidende und stets
aktuelle Ereignis der Auferstehung, das zentrale Mysterium des christlichen
Glaubens, neu erleben lassen. Unzählige Osterkerzen sind in den Kirchen
entzündet worden, um das Licht Christi zu symbolisieren, das die Menschheit
erleuchtet hat und weiter erleuchtet, indem es die Finsternis der Sünde und des
Bösen für immer besiegt. Und heute ertönen machtvoll die Worte, welche die
Frauen in Erstaunen setzten, die am ersten Tag nach dem Sabbat zum Grab gekommen
waren, wo man den eilig vom Kreuz abgenommenen Leichnam Jesu beigesetzt hatte.
Betrübt und untröstlich über den Verlust ihres Meisters, hatten sie den großen
Stein schon vom Eingang weggewälzt vorgefunden, und beim Eintreten in das Grab
sahen sie, daß sein Leib nicht mehr da war. Während sie so verunsichert und
verloren dastanden, wurden sie von zwei Männern in leuchtenden Gewändern
überrascht, die sagten: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht
hier, sondern er ist auferstanden“ (Lk 24, 5-6). „Non est hic, sed
resurrexit“ (Lk 24, 6). Seit jenem Morgen hören diese Worte nicht
auf, im Universum nachzuklingen als Verkündigung der Freude – eine Verkündigung,
die unverändert die Jahrhunderte durchzieht und zugleich reich ist an
unendlichen und immer neuen Resonanzen.
„Er ist nicht hier … er ist auferstanden.“ Die himmlischen Boten teilen
zunächst mit, daß Jesus „nicht hier“ ist: Der Sohn Gottes ist nicht mehr im
Grab, denn er konnte unmöglich ein Gefangener des Todes bleiben (vgl. Apg
2, 24), und das Grab konnte den „Lebendigen“ (vgl. Offb 1, 18), der die
Quelle des Lebens selber ist, nicht festhalten. Wie Jona im Bauch des Fisches,
so blieb auch der gekreuzigte Christus im Verlauf eines Sabbats „verschlungen“
im Innern der Erde (vgl. Mt 12, 40). Es war wirklich „dieser Sabbat ein
großer Feiertag“, wie der Evangelist Johannes schreibt (19, 31): der
feierlichste der Geschichte, denn an ihm führte der „Herr über den Sabbat“ (Mt
12, 8) das Schöpfungswerk zur Vollendung (vgl. Gen 2, 1-4a), indem er den
Menschen und den gesamten Kosmos in die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder
Gottes erhob (vgl. Röm 8, 21). Nachdem dieses außerordentliche Werk
vollbracht war, ist der leblose Leib vom lebendigen Atem Gottes durchweht
worden, hat das Hindernis des Grabes gesprengt und ist glorreich auferstanden.
Darum erklären die Engel: „Er ist nicht hier“, er kann sich nicht mehr im Grab
befinden. Er ist auf der Erde der Menschen unterwegs gewesen und hat seinen Weg
im Grab beendet wie alle, doch er hat den Tod überwunden, und in absolut neuer
Weise, durch einen Akt reiner Liebe, hat er die Erde geöffnet, sie weit
aufgerissen zum Himmel hin.
Seine Auferstehung wird dank der Taufe, die uns in ihn „einfügt“, unsere
Auferstehung. Das hatte der Prophet Ezechiel vorhergesagt: „Ich öffne eure
Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraus. Ich bringe euch
zurück in das Land Israel“ (Ez 37, 12). Diese prophetischen Worte
bekommen am Ostertag eine einzigartige Gültigkeit, denn heute erfüllt sich die
Verheißung des Schöpfers; heute, auch in dieser unserer von Unruhe und
Unsicherheit gezeichneten Zeit, erleben wir erneut das Ereignis der
Auferstehung, die das Wesen unseres Lebens verwandelt, die Geschichte der
Menschheit verändert hat. Vom auferstandenen Christus erwarten – manchmal auch
unbewußt – all jene Hoffnung, die immer noch eingezwängt sind durch die Fesseln
des Leidens und des Todes.
Möge der Geist des Auferstandenen Erleichterung und Sicherheit bringen, in
Afrika besonders für die Bevölkerung von Darfur, die sich in einer nicht
mehr erträglichen dramatischen humanitären Situation befindet; für die Menschen
in der Region der Großen Seen, wo viele Wunden noch nicht verheilt sind,
und für die verschiedenen Völker Afrikas, die sich nach Versöhnung,
Gerechtigkeit und Entwicklung sehnen. Über die tragische Gewalt im Irak,
die weiterhin erbarmungslos Opfer dahinrafft, obsiege endlich der Friede.
Frieden wünsche ich von Herzen auch denen, die in den Konflikt im Heiligen
Land verwickelt sind, und ermutige alle zu einem geduldigen und beharrlichen
Dialog, der die alten und neuen Hindernisse aus dem Wege räumt, indem die
Versuchung zu Vergeltungsschlägen vermieden und die nachfolgenden Generationen
zum gegenseitigen Respekt erzogen werden. Die Internationale Gemeinschaft, die
das Recht Israels auf eine Existenz in Frieden erneut bekräftigt, möge dem
palästinensischen Volk helfen, die prekären Umstände, unter denen es lebt, zu
überwinden und seine Zukunft aufzubauen, indem es der Bildung eines wirklichen
Staates entgegengeht. Der Geist des Auferstandenen löse in den Bemühungen der
Länder Lateinamerikas eine erneute Dynamik aus, damit die
Lebensbedingungen von Millionen von Menschen verbessert, das verabscheuenswerte
Übel der Entführung von Personen ausgemerzt und die demokratischen Institutionen
gefestigt werden in einer Grundhaltung der Eintracht und der tätigen
Solidarität. Was die internationalen Krisen im Zusammenhang mit der Atomkraft
angeht, so möge durch ernsthafte und aufrichtige Verhandlungen eine für alle
ehrenvolle Schlichtung erreicht werden; bei den Verantwortlichen der Nationen
und der Internationalen Organisationen stärke sich der Wille, ein friedliches
Zusammenleben zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen zu verwirklichen, das
die drohende Gefahr des Terrorismus fernhält.
Der auferstandene Herr mache überall seine Kraft des Lebens, des Friedens und
der Freiheit spürbar. An alle sind heute die Worte gerichtet, mit denen der
Engel am Ostermorgen die verängstigten Herzen der Frauen beruhigte: „Fürchtet
euch nicht! … Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden“ (Mt 28, 5-6).
Jesus ist auferstanden und schenkt uns den Frieden; er selbst ist der Friede.
Darum wiederholt die Kirche mit Nachdruck: „Christus ist auferstanden –
Christós anésti.“ Die Menschheit des dritten Jahrtausends scheue sich nicht,
ihm das Herz zu öffnen. Sein Evangelium stillt in Fülle den Durst nach Frieden
und Glück, der in jedem menschlichen Herzen wohnt. Christus lebt im Jetzt und
geht mit uns. Welch unermeßliches Geheimnis der Liebe!
Christus resurrexit,
quia Deus caritas est! Alleluia!
© Copyright 2006 - Libreria
Editrice Vaticana
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