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BOTSCHAFT SEINER HEILIGKEIT 1. JANUAR 2008
DIE MENSCHHEITSFAMILIE, EINE GEMEINSCHAFT DES FRIEDENS 1. ZU BEGINN DES NEUEN JAHRES möchte ich
den Menschen in aller Welt meinen innigen Friedenswunsch und zugleich eine herzliche
Botschaft der Hoffnung übermitteln. Das tue ich, indem ich zum gemeinsamen
Nachdenken über das Thema anrege, das ich an den Anfang dieser Botschaft
gestellt habe und das mir besonders am Herzen liegt: Die Menschheitsfamilie,
eine Gemeinschaft des Friedens. Die erste Form der Gemeinsamkeit zwischen
Menschen ist die, welche aus der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau
hervorgeht, die entschlossen sind, sich auf immer zusammenzuschließen, um
miteinander eine neue Familie aufzubauen. Doch auch die Völker der Erde sind aufgerufen, untereinander Beziehungen der
Solidarität und der Zusammenarbeit zu schaffen, wie sie sich für Glieder der
einen Menschheitsfamilie geziemen. »Alle Völker sind eine einzige
Gemeinschaft«, hat das
Zweite Vatikanische Konzil gesagt, »sie haben denselben
Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen
ließ (vgl. Apg 17,26); auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte
Ziel«.(1)
Familie, Gesellschaft und Frieden 2. Die auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründete natürliche
Familie als innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe (2) ist der »erste
Ort der ,,Humanisierung“ der Person und der Gesellschaft«,(3) die »Wiege
des Lebens und der Liebe«(4). Zu Recht wird darum die Familie als
die erste natürliche Gesellschaft bezeichnet, als »eine göttliche
Einrichtung, die als Prototyp jeder sozialen Ordnung das Fundament des Lebens
der Personen bildet«(5). 3. Tatsächlich macht man in einem gesunden Familienleben die Erfahrung einiger
grundsätzlicher Komponenten des Friedens: Gerechtigkeit und Liebe unter den
Geschwistern, die Funktion der Autorität, die in den Eltern ihren Ausdruck
findet, der liebevolle Dienst an den schwächsten — weil kleinen oder kranken
oder alten — Gliedern, die gegenseitige Hilfe in den Bedürfnissen des Lebens,
die Bereitschaft, den anderen anzunehmen und ihm nötigenfalls zu verzeihen.
Deswegen ist die Familie die erste und unersetzliche Erzieherin zum Frieden. So ist es nicht verwunderlich, daß innerfamiliäre Gewalt als besonders untragbar
empfunden wird. Wenn also die Familie als »Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft« (6)
bezeichnet wird, ist damit etwas Wesentliches ausgedrückt. Die Familie ist das
Fundament der Gesellschaft auch deshalb, weil sie die Möglichkeit zu
entscheidenden Erfahrungen von Frieden bietet. Daraus folgt, daß die
menschliche Gemeinschaft auf den Dienst, den die Familie leistet, nicht
verzichten kann. Wo könnte der Mensch in der Phase seiner Prägung besser lernen,
die unverfälschte Atmosphäre des Friedens zu genießen, als im ursprünglichen
,,Nest’’, das die Natur ihm vorbereitet? Der familiäre Wortschatz ist ein
Wortschatz des Friedens; aus ihm muß man immer wieder schöpfen, um das
Vokabular des Friedens nicht zu verlernen. In der Inflation der Sprache darf die
Gesellschaft den Bezug zu jener ,,Grammatik’’ nicht verlieren, die jedes
Kleinkind aus den Gesten und Blicken von Mutter und Vater aufnimmt, noch bevor
es sie aus ihren Worten erlernt. 4. Da der Familie die Aufgabe der Erziehung ihrer Glieder zukommt, hat sie
spezifische Rechte. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die eine Errungenschaft
einer Rechtskultur von wirklich universellem Wert darstellt, bestätigt: »Die
Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf
Schutz durch Gesellschaft und Staat«.(7) Der Heilige Stuhl hat
seinerseits der Familie eine besondere rechtliche Würde zuerkannt, indem
er die
Charta der Familienrechte veröffentlichte. In der Präambel heißt es: »Die Rechte der Person haben, auch wenn sie als Rechte
des Individuums formuliert sind, eine grundlegende gesellschaftliche Dimension,
die in der Familie ihren ureigentlichen und vitalen Ausdruck findet«.(8)
Die in der Charta aufgestellten Rechte sind Ausdruck und deutliche
Darlegung des Naturrechtes, das ins Herz des Menschen eingeschrieben ist und ihm
durch die Vernunft offenbar wird. Die Leugnung oder auch Einschränkung der Rechte der Familien bedroht,
indem sie die Wahrheit über den Menschen verdunkelt, die Grundlagen des
Friedens selbst. 5. Wer die Einrichtung der Familie behindert — und sei es auch unbewußt —, macht
also den Frieden in der gesamten nationalen und internationalen Gemeinschaft
brüchig, denn er schwächt das, was tatsächlich die wichtigste ,,Agentur’’ des
Friedens ist. Dies ist ein Punkt, der einer besonderen Überlegung wert ist:
Alles, was dazu beiträgt, die auf die Ehe eines Mannes und einer Frau gegründete
Familie zu schwächen, was direkt oder indirekt die Bereitschaft der Familie zur
verantwortungsbewußten Annahme eines neuen Lebens lähmt, was ihr Recht, die
erste Verantwortliche für die Erziehung der Kinder zu sein, hintertreibt, stellt
ein objektives Hindernis auf dem Weg des Friedens dar. Die Familie braucht ein
Heim, sie braucht die Arbeit bzw. die gerechte Anerkennung der häuslichen
Tätigkeit der Eltern, eine Schule für die Kinder und eine medizinische
Grundversorgung für alle. Wenn Gesellschaft und Politik sich nicht dafür
einsetzen, der Familie auf diesen Gebieten zu helfen, bringen sie sich um eine
wesentliche Quelle im Dienst des Friedens. Besonders die Massenmedien haben
wegen der erzieherischen Möglichkeiten, über die sie verfügen, eine spezielle
Verantwortung, die Achtung der Familie zu fördern, ihre Erwartungen und Rechte
darzulegen und ihre Schönheit herauszustellen. Die Menschheit ist eine große Familie 6. Auch die soziale Gemeinschaft muß sich, um im Frieden zu leben, an den Werten
orientieren, auf die sich die familiäre Gemeinschaft stützt. Das gilt für die
örtlichen wie für die nationalen Gemeinschaften; es gilt sogar für die
Völkergemeinschaft, für die Menschheitsfamilie, die in jenem gemeinsamen Haus
wohnt, das die Erde ist. Unter diesem Gesichtspunkt darf man jedoch nicht
vergessen, daß die Familie aus dem verantwortungsvollen und definitiven Ja eines
Mannes und einer Frau hervorgeht und von dem bewußten Ja der Kinder lebt, die
nach und nach dazukommen. Um zu gedeihen, braucht die familiäre Gemeinschaft das
großherzige Einvernehmen aller ihrer Glieder. Es ist nötig, daß dieses
Bewußtsein auch zur gemeinsamen Überzeugung aller wird, die berufen sind, die
allgemeine Menschheitsfamilie zu bilden. Man muß fähig sein, persönlich Ja
zu dieser Berufung zu sagen, die Gott eigens in unsere Natur eingeschrieben hat.
Wir leben nicht zufällig nebeneinander; als Menschen sind wir alle auf
demselben Weg und darum gehen wir ihn als Brüder und Schwestern. Deshalb ist
es wesentlich, daß jeder sich bemüht, sein Leben in einer Haltung der
Verantwortlichkeit vor Gott zu leben, indem er in Ihm den Urquell der eigenen
Existenz wie auch jener der anderen erkennt. In der Rückbesinnung auf diesen
höchsten Ursprung können der unbedingte Wert eines jeden Menschen wahrgenommen
und so die Voraussetzungen für den Aufbau einer versöhnten Menschheit geschaffen
werden. Ohne dieses transzendente Fundament ist die Gesellschaft nur eine
Ansammlung von Nachbarn, nicht eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die
berufen sind, eine große Familie zu bilden. Familie, menschliche Gemeinschaft und Umwelt 7. Die Familie braucht ein Heim, eine ihr
angemessene Umgebung, in der sie
ihre Beziehungen knüpfen kann. Für die Menschheitsfamilie ist dieses Heim die Erde, die Umwelt, die Gott, der Schöpfer, uns gegeben hat, damit wir sie mit
Kreativität und Verantwortung bewohnen. Wir müssen für die Umwelt Sorge tragen: Sie ist dem Menschen anvertraut, damit
er sie in verantwortlicher Freiheit bewahrt und kultiviert, wobei sein
Orientierungsmaßstab immer das Wohl aller sein muß. Natürlich besitzt der Mensch
einen Wertvorrang gegenüber der gesamten Schöpfung. Die Umwelt zu schonen heißt
nicht, die Natur oder die Tierwelt wichtiger einzustufen als den Menschen. Es
bedeutet vielmehr, sie nicht in egoistischer Weise als völlig verfügbar für die
eigenen Interessen anzusehen, denn auch die kommenden Generationen haben das
Recht, aus der Schöpfung Nutzen zu ziehen, indem sie ihr gegenüber dieselbe
verantwortliche Freiheit zum Ausdruck bringen, die wir für uns beanspruchen.
Ebenso dürfen die Armen nicht vergessen werden, die in vielen Fällen von der
allgemeinen Bestimmung der Güter der Schöpfung ausgeschlossen sind. Heute bangt
die Menschheit um das künftige ökologische Gleichgewicht. Es ist gut,
diesbezügliche Einschätzungen mit Bedachtsamkeit, im Dialog zwischen Experten
und Gelehrten, ohne ideologische Beschleunigungen auf übereilte
Schlußfolgerungen hin vorzunehmen; vor allem sollte dabei ein annehmbares
Entwicklungsmodell gemeinsam vereinbart werden, das unter Beachtung des
ökologischen Gleichgewichts das Wohlergehen aller gewährleistet. Wenn der
Umweltschutz mit Kosten verbunden ist, müssen diese gerecht verteilt werden,
indem man die Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen Länder und die
Solidarität mit den kommenden Generationen berücksichtigt. Bedachtsamkeit bedeutet nicht, keine eigene Verantwortung zu übernehmen und
Entscheidungen aufzuschieben; es bedeutet vielmehr, es sich zur Pflicht zu
machen, nach verantwortungsbewußter Abwägung gemeinsam zu entscheiden, welcher
Weg einzuschlagen ist, mit dem Ziel, jenen Bund zwischen Mensch und Umwelt zu
stärken, der ein Spiegel der Schöpferliebe Gottes sein soll — des Gottes, in dem
wir unseren Ursprung haben und zu dem wir unterwegs sind. 8. Grundlegend ist in diesem Zusammenhang, die Erde als ,,unser gemeinsames
Haus’’ zu ,,empfinden’’ und für ihre Nutzung im Dienste aller eher den Weg des
Dialogs zu wählen als den der einseitigen Entscheidungen. Falls nötig, können
die institutionellen Stellen auf internationaler Ebene vermehrt werden, um
gemeinsam die Leitung dieses unseres ,,Hauses’’ in Angriff zu nehmen; noch mehr
kommt es jedoch darauf an, im allgemeinen Bewußtsein die Überzeugung reifen zu
lassen, daß eine verantwortliche Zusammenarbeit notwendig ist. Die Probleme, die
sich am Horizont abzeichnen, sind komplex, und die Zeit drängt. Um der Situation
wirksam entgegenzutreten, bedarf es der Übereinstimmung im Handeln. Ein Bereich,
in dem es besonders notwendig wäre, den Dialog zwischen den Nationen zu
intensivieren, ist jener der Verwaltung der Energiequellen des Planeten. Eine zweifache Dringlichkeit stellt sich diesbezüglich den technisch
fortgeschrittenen Ländern: Einerseits müssen die durch das aktuelle
Entwicklungsmodell bedingten hohen Konsum-Standards überdacht werden, und
andererseits ist für geeignete Investitionen zur Differenzierung der
Energiequellen und für die Verbesserung der Energienutzung zu sorgen. Die
Schwellenländer haben Energiebedarf, doch manchmal wird dieser Bedarf zum
Schaden der armen Länder gedeckt, die wegen ihrer auch technisch ungenügenden
Infrastrukturen gezwungen sind, die in ihrem Besitz befindlichen
Energie-Ressourcen unter Preis zu verschleudern. Manchmal wird sogar ihre politische Freiheit in Frage gestellt durch Formen von
Protektorat oder zumindest von Abhängigkeiten, die sich eindeutig als demütigend
erweisen. Familie, menschliche Gemeinschaft und Wirtschaft 9. Eine wesentliche Voraussetzung für den Frieden in den einzelnen Familien ist,
daß sie sich auf ein solides Fundament gemeinsam anerkannter geistiger und
ethischer Werte stützen. Dazu ist aber ergänzend zu bemerken, daß die Familie
eine echte Erfahrung von Frieden macht, wenn keinem das Nötige fehlt und das
familiäre Vermögen — die Frucht der Arbeit einiger, des Sparens anderer und der
aktiven Zusammenarbeit aller — gut verwaltet wird in Solidarität, ohne
Unmäßigkeiten und ohne Verschwendungen. Für den familiären Frieden ist also
einerseits die Öffnung auf ein transzendentes Erbe an Werten notwendig,
andererseits aber ist es zugleich nicht bedeutungslos, sowohl die materiellen
Güter klug zu verwalten als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen mit
Umsicht zu pflegen. Eine Vernachlässigung dieses Aspektes hat zur Folge, daß
aufgrund der unsicheren Aussichten, welche die Zukunft der Familie bedrohen, das
gegenseitige Vertrauen Schaden nimmt. 10. Ähnliches ist über jene andere große Familie zu sagen, welche die Menschheit
im ganzen ist. Auch die Menschheitsfamilie, die heute durch das Phänomen der
Globalisierung noch enger vereint ist, braucht außer einem Fundament an
gemeinsam anerkannten Werten eine Wirtschaft, die wirklich den Erfordernissen
eines Allgemeinwohls in weltweiten Dimensionen gerecht wird. Die Bezugnahme auf
die natürliche Familie erweist sich auch unter diesem Gesichtspunkt als
besonders aufschlußreich. Zwischen den einzelnen Menschen und unter den Völkern
müssen korrekte und ehrliche Beziehungen gefördert werden, die allen die
Möglichkeit geben, auf einer Basis der Parität und der Gerechtigkeit
zusammenzuarbeiten. Zugleich muß man sich um eine kluge Nutzung der
Ressourcen und um eine gerechte Verteilung der Güter bemühen. Im
besonderen müssen die den armen Ländern gewährten Hilfen den Kriterien einer
gesunden wirtschaftlichen Logik entsprechen, indem Verschwendungen vermieden
werden, die letztlich vor allem der Erhaltung kostspieliger bürokratischer
Apparate dienen. Ebenfalls gebührend zu berücksichtigen ist der moralische
Anspruch, dafür zu sorgen, daß die wirtschaftliche Organisation nicht nur den
strengen Gesetzen des schnellen Profits entspricht, die sich als unmenschlich
erweisen können. Familie, menschliche Gemeinschaft und Sittengesetz 11. Eine Familie lebt im Frieden, wenn alle ihre Glieder sich einer
gemeinsamen Richtlinie unterwerfen: Diese muß dem egoistischen
Individualismus wehren und die einzelnen zusammenhalten, indem sie ihre
harmonische Koexistenz und ihren zielgerichteten Fleiß fördert. Das in sich schlüssige Prinzip gilt auch für die größeren Gemeinschaften,
von den lokalen über die nationalen bis hin zur internationalen Gemeinschaft. Um
Frieden zu haben, bedarf es eines gemeinsamen Gesetzes, das der Freiheit hilft,
wirklich sie selbst zu sein und nicht blinde Willkür, und das den Schwachen vor
Übergriffen des Stärkeren schützt. In der Völkerfamilie ist viel willkürliches
Verhalten zu verzeichnen, sowohl innerhalb der einzelnen Staaten als auch in den
Beziehungen der Staaten untereinander. Dazu gibt es zahlreiche Situationen, in
denen der Schwache sich nicht etwa den Erfordernissen der Gerechtigkeit beugen
muß, sondern der unverhohlenen Kraft dessen, der über mehr Mittel verfügt als
er. Es ist nötig, dies noch einmal zu bekräftigen: Die Macht muß immer durch das
Gesetz gezügelt werden, und das hat auch in den Beziehungen zwischen souveränen
Staaten zu geschehen. 12. Über die Natur und die Funktion des Gesetzes hat die Kirche sich viele Male
geäußert: Die Rechtsnorm, welche die Beziehungen der Menschen
untereinander regelt, indem sie das äußere Verhalten diszipliniert und auch
Strafen für die Übertreter vorsieht, hat als Kriterium das auf der Natur der
Dinge beruhende Sittengesetz. Dieses kann im übrigen — zumindest in
seinen Grundforderungen — von der menschlichen Vernunft eingesehen werden, die
so auf die schöpferische Vernunft Gottes zurückgeht, die am Anfang aller Dinge
steht. Dieses Sittengesetz muß die Gewissensentscheidungen regeln und das
gesamte Verhalten der Menschen leiten. Gibt es Rechtsnormen für die Beziehungen
zwischen den Nationen, welche die Menschheitsfamilie bilden? Und wenn es sie
gibt, sind sie wirksam? Die Antwort lautet: Ja, die Gesetze existieren, doch um
zu erreichen, daß sie tatsächlich wirksam werden, muß man auf das natürliche
Sittengesetz als Basis der Rechtsnorm zurückgehen, andernfalls ist diese
anfälligen und provisorischen Übereinkommen überlassen. 13. Die Erkenntnis des natürlichen Sittengesetzes ist dem Menschen nicht
verwehrt, wenn er in sich geht und angesichts seiner Bestimmung sich nach der
inneren Logik der tiefsten in seinem Wesen vorhandenen Neigungen fragt. Er kann,
wenn auch unter Unschlüssigkeiten und Unsicherheiten, dahin gelangen, dieses
allgemeine Sittengesetz zumindest in seinen wesentlichen Zügen zu entdecken
— ein Gesetz, das jenseits der kulturellen Unterschiede den Menschen ermöglicht,
sich untereinander über die wichtigsten Aspekte von gut und böse, von gerecht
und ungerecht zu verständigen. Es ist unverzichtbar, auf dieses fundamentale
Gesetz zurückzugehen und für diese Suche unsere besten intellektuellen Energien
einzusetzen, ohne uns durch mangelnde Eindeutigkeit und Mißverständnisse
entmutigen zu lassen. Tatsächlich finden sich, wenn auch bruchstückhaft und
nicht immer kohärent, im Naturgesetz verwurzelte Werte in den internationalen
Abkommen, in den weltweit anerkannten Formen von Autorität und in den
Grundsätzen des humanitären Rechts, das in die Gesetzgebungen der einzelnen
Staaten oder in die Statuten der internationalen Organismen aufgenommen ist.
Die Menschheit ist nicht ,,gesetzlos’’. Trotzdem ist es dringlich, den
Dialog über diese Themen fortzusetzen und dabei Bestrebungen zu unterstützen,
auch die Gesetzgebungen der einzelnen Staaten für eine Anerkennung der
fundamentalen Menschenrechte zu öffnen. Die Entwicklung der Rechtskultur in der
Welt hängt unter anderem von dem Einsatz ab, die internationalen Normen immer
mit einem zutiefst menschlichen Gehalt zu erfüllen, um so zu vermeiden, daß sie
sich auf Prozeduren beschränken, die egoistischen oder ideologischen Motiven
zuliebe leicht zu umgehen sind. Überwindung der Konflikte und Abrüstung 14. Die Menschheit erlebt heute leider tiefe Spaltungen und starke Konflikte,
die düstere Schatten auf ihre Zukunft werfen. Weite Zonen des Planeten
sind in wachsende Spannungen verwickelt, während die Gefahr, daß immer mehr
Länder in den Besitz von Nuklearwaffen gelangen, in jedem verantwortungsbewußten
Menschen begründete Besorgnis aufkommen läßt. Auf dem afrikanischen Kontinent
toben noch viele Bürgerkriege, obwohl dort nicht wenige Länder in der Freiheit
und in der Demokratie Fortschritte gemacht haben. Der Mittlere Osten ist nach
wie vor Schauplatz von Konflikten und Attentaten, die auch angrenzende Nationen
und Regionen beeinflussen und Gefahr laufen, sie in die Spirale der Gewalt
hineinzuziehen. Auf einer allgemeineren Ebene ist mit Betrübnis festzustellen, daß die Anzahl
der in den Rüstungswettlauf verwickelten Länder zunimmt: Sogar
Entwicklungsländer widmen einen bedeutenden Teil ihres mageren
Bruttoinlandsprodukts dem Kauf von Waffen. Die Verantwortlichkeiten für diesen verhängnisvollen Handel sind vielfältig: Da
sind die Länder der industrialisierten Welt, die aus dem Waffenverkauf reichen
Gewinn ziehen, und da sind die herrschenden Oligarchien in vielen armen Ländern,
die durch den Kauf immer höher entwickelter Waffen ihre Situation stärken wollen.
In solch schwierigen Zeiten ist wirklich die Mobilisierung aller Menschen guten
Willens notwendig, um zu konkreten Vereinbarungen im Hinblick auf eine
wirkungsvolle Entmilitarisierung vor allem im Bereich der Nuklearwaffen zu
kommen. In dieser Phase, da der Prozeß der nuklearen Nonproliferation nicht von
der Stelle kommt, fühle ich mich verpflichtet, die Autoritäten dazu aufzurufen,
die Verhandlungen für eine fortschreitende und vereinbarte Abrüstung der
vorhandenen Nuklearwaffen mit festerer Entschlossenheit wieder aufzunehmen. Indem ich diesen Appell erneuere, weiß ich, daß ich damit den gemeinsamen Wunsch
all derer zum Ausdruck bringe, denen die Zukunft der Menschheit am Herzen liegt. 15. Sechzig Jahre sind vergangen, seit die Organisation der Vereinten Nationen
feierlich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte veröffentlichte
(1948-2008). Mit diesem Dokument reagierte die Menschheitsfamilie auf die Schrecken des
Zweiten Weltkriegs, indem sie ihre auf der gleichen Würde aller Menschen
beruhende Einheit anerkannte und ins Zentrum des menschlichen Zusammenlebens die
Achtung der Grundrechte der einzelnen und der Völker stellte: Das war ein
entscheidender Schritt auf dem schwierigen und anspruchsvollen Weg zu Eintracht
und Frieden. Eine besondere Erwähnung verdient auch der 25. Jahrestag der Annahme der
Charta der Familienrechte durch den Heiligen Stuhl
(1983-2008) sowie das 40jährige Jubiläum der Feier des
ersten
Weltfriedenstags (1968- 2008). Diesen Tag zu begehen, war die Frucht einer glücklichen Intuition Papst Pauls
VI., die mein lieber, verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. mit großer
Überzeugung aufgegriffen hat. Die Feier bot im Laufe der Jahre die Möglichkeit,
durch die für den Anlaß veröffentlichten Botschaften eine erhellende Lehre der
Kirche zugunsten dieses grundlegenden menschlichen Gutes zu entwickeln. Gerade
im Licht dieser bedeutenden Jahrestage lade ich jeden einzelnen Menschen ein,
sich der gemeinsamen Zugehörigkeit zu der einen Menschheitsfamilie noch klarer
bewußt zu werden und sich dafür einzusetzen, daß das Zusammenleben auf der Erde
immer mehr diese Überzeugung widerspiegelt, von der die Errichtung eines wahren
und dauerhaften Friedens abhängt. Zudem lade ich die Gläubigen ein, unermüdlich
von Gott das große Geschenk des Friedens zu erflehen. Die Christen ihrerseits
wissen, daß sie sich der Fürsprache Marias anvertrauen können. Sie, die Mutter
des Sohnes Gottes, der für das Heil der gesamten Menschheit Fleisch angenommen
hat, ist Mutter aller. Allen wünsche ich ein frohes Neues Jahr! Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 2007 BENEDICTUS PP. XVI (1) Erkl.
Nostra aetate,
1.
(2) Vgl.
Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst.
Gaudium et spes, 48. (3) Johannes
Paul II., Apostolisches Schreiben
Christifideles laici,
40: AAS 81 (1989) 469. (5) Päpstlicher
Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche,
Nr.211.
(6) Zweites
Vatikanisches Konzil, Dekret
Apostolicam actuositatem, 11. (7) Art. 16/3. (8) Päpstlicher
Rat für die Familie, Charta der Familienrechte, 24. November 1983,
Präambel, A.
© Copyright 2007 - Libreria
Editrice Vaticana
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